Lade Inhalt...

Abhängigkeit und Leidensbereitschaft der Frau in der Partnerschaft - Ein Beitrag zu Theorien geschlechtsspezifischer Sozialisation

Magisterarbeit 1993 106 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

I. Exkurs: 'Das lineare Leid' oder Frauen in Familie und Gesellschaft von der industriellen Revolution bis zur Moderne
1. Die soziale Situation der Frau im 19. Jahrhundert - eine Skizze
2. Grundzüge der bürgerlichen Familie
2.1. Emotionalisierung und Intimität
2.2. Geschlechtertrennung und Entsexualisierung
3. Die soziale Situation der Frau im 20. Jahrhundert - eine Skizze
4. Merkmale der Entwicklung von Familie und Ehe im Verlauf des 20. Jahrhunderts

II. Auf dem Weg zur Weiblichkeit oder 'Ich bin ein Geschöpf, dazu geschaffen, Freude zu spenden' - Theorie und Praxis geschlechtsspezifischer Sozialisation
1. Belohnung, Imitation und Identifikation - Der Erwerb geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen aus lerntheoretischer Sicht
2. Das kognitive Realitätsurteil - Aufbau der Geschlechtsidentität aus kognitionspsycho- logischer Sicht
3. Verschiedene Welten - Das Aneignungskonzept geschlechtsspezifischer Soziali- sation unter Einbeziehung gesellschaftlicher Realität
4. Ein folgenreiches Puppenspiel - Von den ersten Lebenswochen bis zum Vorschulalter
4.1. Die ersten zwei bis drei Lebenswochen
4.2. Das Säuglingsalter
4.3. Das Kleinkindalter
4.4. Kindergarten- und Vorschulkinder ab drei Jahre

III. 'Ein Sturm von Leidenschaften' - Psychoanalytische Theorien des Geschlechtserwerbs
1. Von der psychischen Bisexualität des Säuglings zu Mann und Frau - S. Freuds Auffassung zur Geschlechterdifferenz
1.1. Steine des Anstoßes
1.1.1. Unbewußte Seelentätigkeit
1.1.2. Kindliche Sexualität
1.1.3. Der übermächtige Vater
1.1.4. 'Anatomie ist Schicksal'
1.2. Phasen psychosexueller Entwicklung
1.3. Erwerb von Geschlechtsidentität
1.3.1. Bisexualität des Säuglings
1.3.2. Präödipale Sexualität
1.3.3. Ödipaler Konflikt
1.3.3.1. Verlauf beim Jungen
1.3.3.2. Verlauf beim Mädchen
2. Von der Symbiose zur Individuation - M. Mahlers Konzept der Subphasen frühkindlicher Entwicklung
2.1. Autistische und symbiotische Phase
2.2. Erste Subphase: Differenzierung und Entwicklung des Körperschemas
2.3. Zweite Subphase: Das Üben
2.4. Dritte Subphase: Wiederannäherung
2.5. Vierte Subphase: Konsolidierung der Individualität und Anfänge emotionaler Objektkonstanz

IV. Grenzenlose Liebe oder 'J'adore ce qui me brûle'? Verschiedene Aspekte weiblichen Leidens und Abhängig- keit in der Liebesbeziehung
1. Vom menschlichen Leiden zur weiblichen Leidensbereitschaft - Eine kleine Etymologie
2. Das bürgerliche Erbe - Die moderne Frau und ihr Schuldkomplex
3. Förderung abhängiger Verhaltensweisen in der Kindheit und ihre Auswirkungen
3.1. Grenzlinien
3.2. Weibliche Abhängigkeit - Versuch einer Definition
3.3. Ein Kindermärchen
3.4. Formationen von Abhängigkeit
3.4.1. Körperlichkeit und Sexualität
3.4.2. Sprache und nonverbale Kommunikation
3.5. Das 'Projekt Liebesbeziehung'
4. Psychoanalytische Aspekte von Abhängigkeit und Leiden
4.1. Partnerwahl
4.2. Die narzißtische Wunde
4.3. Hypermaskulinität und Unterwerfung
4.4. Verschmelzungssehnsucht und Angst vor Nähe - Die weiblich - männliche Doublette
4.5. Das Eine ohne das Andere?

V. Die Un-Dinge der Liebe oder 'Illusionen von Autonomie'
1. Und noch mehr Aufklärung! Oder die Mär von der Über- windung der weiblichen Geschlechtsrolle
2. Von Hexen, Sirenen und Xanthippen - Die falsch verstandene 'Neue Weiblichkeit'
3. 'Ein fragiles Sein zur Welt' - Gebrochene Identität und die Öffnung zum anderen
3.1. Die List des Odysseus
3.2. Der Blick des Anderen

VI. Zwischenlösungen oder 'Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben'
1. Zwischen Sehnsucht und Verweigerung
2. Zwischen ursprünglicher Erfahrungskraft und herrschendem Prinzip
3. Die Sage von Narziß und Echo

Nachwort

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

VORWORT

Die Frage war jedesmal anders formuliert, aber es war immer die gleiche Frage. Sag mir, sag mir wie kann ich Ohne Schmerz leben? Ich weiß es nicht." ( French, M. (1980), S. 18 )

Die Frage nach dem Leid birgt wohl eine der schwierigsten exi­stentiellen Problematiken. In der Theorie beschäftigt man sich häufig mit seiner Über­windung. In der Praxis jedoch scheint dies unmöglich.

Niemand möchte leiden, Aber wer ist seit Beginn der Mensch­heits­geschichte prädestinierter dafür als die Frau? Und wo werden dem Leid Tür und Tor ge­öffnet, wenn nicht in der Lie­beserfahrung? Und schließlich: Schiebt nicht die Abhängig­keit des sogenannten schwachen Geschlechts jedem Entrinnen einen Riegel vor? Wie kann man in einer Liebesbeziehung als Frau unabhängig und glücklich werden? Ich weiß es nicht. Aber ich will mich auf den Weg machen, dies herauszufinden.

Ein solches 'Unterfangen' streift doch das pädagogische Dis­kurs­feld ledig­lich am Rande, möchte man vorschnell urteilen. Und gehört nicht die Frage nach menschlichem Leid in den Be­reich der Philosophie? Hiermit wäre zunächst das Thema einer Abgrenzung einzelner Wissenschaften angesprochen. In einer Zeit je­doch, in der endlich auch die Physik ihre Verbindung zur Phi­losophie gefunden hat, scheint es mir wesentlich, fachüber­greifend zu arbeiten, ohne daß der Stolz, Herr über sein eige­nes Diskursfeld zu sein, verletzt würde.

Diese Arbeit hat eindeutig ihren Mittelpunkt in der Pädagogik. So wird zum ersten die Frage nach einer aufgeklärten Bildungs­kon­zeption angesprochen, die Vernunft und Selbstbestimmung zu we­sentlichen Zielen gemacht hat. Diese Diskussion erfolgt je­doch vor dem Hintergrund zwischenmenschlicher Beziehungen, genauer der Beziehung zwischen Mann und Frau. Zum zweiten geht es um ge­schlechts­spezifische Erziehung, sicherlich ein nicht unwesentli­ches Anliegen der Pädagogik. Dabei werden verschie­dene Konzeptionen vorgestellt und am Erzieher­verhalten prak­tisch ausgewiesen, Und schließlich fragt diese Arbeit am Bei­spiel weiblicher Leidens- und Abhängigkeitsbereitschaft impli­zit immer wieder nach einer zukünftigen Pädagogik, die auch das 'Andere' der Wirklichkeit zu zeigen in der Lage wäre. Unverzichtbar scheinen mir unter diesen Fragestellungen Anlei­hen bei der Soziologie und Psychologie sowie vor allem auch bei der Philosophie.

EINLEITUNG

Einen ersten Einstieg in die Thematik weiblicher Leidens- und Abhängigkeits­bereitschaft bildet der Blick zurück in die Zeit der industriellen Revolution, denn gerade in diesem Prozeß sind Werte und Wertigkeiten entstanden, die auf das heutige Geschlechterverhältnis entscheidenden Einfluß haben. Unter­sucht werden sollen jedoch hier nicht nur die Bedingungen von Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch die soziale Situation der Frau scheint mir untrenn­bar mit ihrer seelischen Disposi­tion verbunden. Ich möchte jedoch weder in den Schreckensge­sang vom Mann als Knecht und Unterdrücker einstimmen noch der Frau ihre Eigenverantwortlichkeit für ein bestimmtes weibli­ches Sein vorführen. Es geht jedoch durchaus um ihre 'Mittä­terschaft', was sich in dem bewußt gewählten Wort des Titels 'Leidensbereitschaft' bereits andeutet. Ein krankhafter Maso­chismus, eine Lust am Leiden ist hiermit dennoch nicht ge­meint. I. Dröge-Modelmog unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Macht und Herrschaft.und kommt zu der Ansicht. daß die Frau an der Reproduktion des industriellen Patriarchats aufgrund ihrer Macht nicht unbeteiligt ist: " Frauen sind, obgleich sie nicht oder keineswegs signifikant an Herrschaft partizipiert haben, gegenüber psychisch schwachen, an dem vor­urteilsbeladenen Bild der 'bösen Mutter' orientierten oder an der zum Ideal stilisierten, un­ersetzbaren 'guten Mutter' be­harrenden Männern durchaus mächtig gewesen." ( Dröge-Modelmog, I./ Mergner, G. (Hrsg.) (1987) S. 9 ) Die Herrschaft des Man­nes bestand in konkret ausweisbaren 'Rechten', so z.B. dem Züchtigungs­recht. Physische Gewalt und damit auch physisches Leid scheint mir jedoch kein Ausdruck der Moderne zu sein. Damit soll weder das Ausmaß dieser Art Schmerz noch dessen Tragik geleugnet werden. Immerhin vermutet das Bundes­ministe­rium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit eine Zahl von vier Millionen mißhandelten Frauen in der Ehe und eheähnlichen Beziehungen. 'Moderne' Gewalt, 'modernes' Leiden zeigt sich jedoch m.E. eher in einem subtil psychologisierten Gewand. Ein geschichtliches Erbe in Zusammenhang von Leiden und Abhängigkeit ergibt sich demnach kaum aus dem ehemaligen Züchtigungsrecht des Mannes. (I.)

Einen zweiten zentralen Ansatzpunkt zur Untersuchung weiblicher Leidens- und Abhängigkeitsbereitschaft bieten geschlechtsspezifische Entwicklungs-theorien. Die Frage ist welche Eigenschaften Weib­lichkeit bzw. Männlichkeit ausmachen. Warum scheint Weiblich­keit eher mit Emotionalität, Passivität und Abhängig­keit ver­bunden, während Männern Rationalität, Aktivität und Unabhängigkeit zugesprochen wird? Ist hier ein biologischer Determinismus im Spiel oder werden Mädchen erst qua Erziehung zu Mädchen gemacht? Neben dem lerntheoretischen und kognitionspsychologischen Konzept möchte ich vor allem die unterschiedlichen Lebenswelten von Jungen und Mädchen, denen sie von Geburt an ausgesetzt sind, betonen. Durch die Betrachtung der verschiedenen Welten in Zusammenhang mit dem in der Kognitionspsychologie entwickelten Aneignungskonzept entsteht ein relativ umfassender Ansatz zur Entwicklung von Geschlechtsidentität, dessen Praxis, beginnend mit den ersten Lebenswochen bis zum Vorschulalter, darge­stellt wird. (II.)

Während das Aneignungskonzept die Selbstkategorisierung, d.h. die aktive Aneignung von Sozialisationsbedingungen, hervorhebt, ist nach der Auffassung der Psychoanalyse Geschlechtserwerb von einer Triebdynamik geprägt. Diesen Begriff möchte ich hier eindeutig von der biologischen Determination abgrenzen. Die Psychoanalyse erweist sich m.E. vor allem als bedeutsam, wenn es um einen hinlänglichen Begründungszusammenhang von Leiden und Abhängigkeit der Frau in der Liebesbeziehung geht. So findet man hier Erläuterungen zu Begehren und Haß, Hingabe und Abwehr, zweifellos Begrifflichkeiten ohne die eine Arbeit nicht zuletzt auch über die Liebe kaum auskommt: " Die Psycho­analyse als eine Wissenschaft der Affekte und der Leidenschaften in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird uns aus ihrer Sicht einiges vermitteln können. Sie wird dazu umso eher in der Lage sein, je mehr sie sich als eine Lehre der Gefühle, der Leidenschaften, das heißt, wissenschaftlich ausge­drückt: als eine Gefühlstheorie, eine Psychologie der Leidenschaften begreift ( ... ). " ( Kutter, P. (1978) S. 94 ) (III.)

Während es in den ersten drei Kapiteln um eine Aufschlüsselung der möglichen Ursachen für weibliche Abhängigkeits- und Leidensbereitschaft geht, beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der 'Liebesrealität' Von Mann und Frau entlang einer Linie der von Kapitel I. bis III. angesprochenen Aspekte. Es geht vor allem um Auswirkungen und Folgen anhand von drei übergeordneten Fragestellungen: Auf welche Weise schleicht sich das bürgerliche Erbe der Frau in den micro­soziologischen Raum der Liebesbeziehung ein? Wie wirkt sich geschlechtsspezifische Erziehung auf das Verhalten der Frau in der Liebesbeziehung aus? Und schließ­lich: Welche Folgen hat die unterschiedliche Bewältigung des Ödipuskomplexes? Indem auf diese Weise verschiedene Orte von Leiden und Abhängigkeit ausge­macht werden, scheint sich mir ein relativ umfassendes Bild der Thematik zu ergeben. Das Ergebnis ist jedoch weniger einem Puzzle gleich, das Stück für Stück ein fertiges und unveränderbar zusammengesetztes Bild ergibt, sondern ähnelt eher einem Kaleidoskop, bei dem sich die Glasstückchen beim Bewegen zu immer neuen, von einem Winkelspiel verfielfachten Mustern zusammensetzen. (IV.)

Die Ausrichtung dieser Arbeit, die endlich auch nach Lösungen im Sinne von neuen Sichtweisen sucht, wird zum erstenmal in Kapitel IV. 4.5 explizit deutlich. Es geht hier um die Frage ob das Eine, sprich Glück, Autonomie und Individuation, wirklich ohne das Andere, Leiden, Heteronomie und Hingabe, möglich ist und ob es darüberhinaus wünschenswert sein kann eine Seite des Lebens zugunsten einer anderen zu eliminieren. Insbesondere in einer Welt in der das 'ozeanische Gefühl der Grenzenlosigkeit' fast nur noch über entfremdete Mittel möglich ist, scheint mir diese Überlegung angebracht.

Von diesem Gedanken ausgehend, möchte ich im fünften Kapitel eine andere Sichtweise der Problematik vorstellen, die vor allem versucht Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten ohne sich für nur einen Blickwinkel unter Ausschluß des anderen entscheiden zu müssen. Dabei ist es mir ein wesentliches Anliegen die vom Feminismus propagierte Geschlechtergleichmachung sowie die strikte Forderung nach Autonomie- und Identitätsstärkung als Un-Dinge der Liebe zwischen Mann und Frau zu entlarven. Obwohl Autonomie und Chancengleichheit von Mann und Frau im öffentlichen Leben sicherlich ein anzustrebendes Ziel darstellen, sind m.E. in der Liebe Abgrenzung, Unabhängigkeit und Leidenschaftlosigkeit unmöglich zu verwirklichen. Diesem Gedanken trägt die feministische Richtung der 'Neuen Weiblichkeit' Rechnung.

Während der radikale Feminismus den Aspekten Vernunft und Grenzbildung größten Wert beimißt, betont die 'Neue Weiblichkeit' das 'Andere der Vernunft'. Ich möchte versuchen diesem alternativen Denken zu entgehen, indem ich die 'gebrochene Identität' als Chance für eine Öffnung zum anderen auffasse. Wenn das Ich sich im Blick des Andren näherkäme, ohne sich jemals einfangen zu können, bestünde die Möglichkeit Entgrenzung und Heteronomie zuzulassen und dabei gerade nicht in pathologische Selbstauflösung zu verfallen. (V.)

Insbesondere die Liebe zwischen Mann und Frau erweist sich meiner Betrachtung nach als ein Ort, an dem diese existentielle Problematik am dringlichsten nach Lösungen verlangt. Dies werden jedoch keine eindeutigen Lösungen sein, die zwar scheinbar wissenschaftlich makellos wären, jedoch an der 'Praxis der Liebe', und was könnte Pädagogik anderes sein, vorbeizielten. Insofern wird es im letzten Kapitel um 'Zwischenlösungen' gehen. (VI.)

I. Exkurs: 'Das lineare Leid' oder Frauen in Familie und Gesellschaft von der industriellen Revolution bis zur Moderne

"Die alte Methode hatte darin bestanden, die Frau in das Geschöpf des Mannes zu verwandeln: ein Wille, ein Geist, ein Leib: seiner. Doch es gab keine neue Methode,oder? Aber selbst in alten Zeiten war es unmöglich gewesen, ausgenommen dann, wenn nur die Frauen litten. Unmöglich. Frau und Mann. (...) Liebe ist ein Wort, das wir benutzen. Die Feige ist üppig und sanft und nahrhaft, aber in ihrem Herzen, unnachgiebig und unverdaulich, war der harte Kern, aus dem - und aus dem allein - neue Feigen kommen."

(aus French, M. 'Das blutende Herz', S.427)

Die bürgerliche Familie und damit auch das z. T. heute noch gültige Ehe- und Familienideal, ist erst knapp dreihundert Jahre alt. Sie entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung, insbesondere durch die Abspaltung der Arbeit aus dem sonstigen Leben. Insofern ist es begrifflich ungenau, wenn heute oft von der traditionellen Familie und von der mit ganz bestimmten Normen überfrachteten traditionellen Rolle der Frau gesprochen wird. Im Anschluß an Simmel bezweifle ich, daß die Stellung der Frau auf diese Weise aufzufassen ist, sondern ich halte sie eher für konstitutiv für die Erhaltung der neuen bürgerlichen Gesellschaft. (1)

In der vorindustriellen Epoche lebte man im Verband des sogenannten 'ganzen Hauses', d. h. die Großfamilie wohnte mit ihren Bediensteten unter einem Dach. Die Frau hatte in dieser Gemeinschaft eine relativ starke Position, obwohl sie natürlich dem Mann untergeordnet war: So besaß sie beispielsweise eigenes Land und führte die Mitregentschaft über das Gesinde. (2) Die persönlichen Beziehungen waren dem wirtschaftlichen Zweck der Familie untergeordnet. Dies galt auch für die Beziehung zwischen den Eheleuten. Im Vergleich zum Industriezeitalter unterscheidet sich die Arbeit der Frau in der vorindustriellen Zeit vor allem durch zwei Merkmale: Zum ersten gab es eine gewisse Einheit zwischen Produzent und Konsument und zum zweiten fielen Arbeit und Wohnen zusammen. Die Folge war, daß Männer und Frauen unter gleichen Bedingungen arbeiteten, selbst wenn sie unterschiedliche Arbeiten zu verrichten hatten. Entscheidend besonders im Unterschied zur späteren bürgerlichen Familie ist, daß die hauptsächliche Arbeit der Frau nicht die Säuglingspflege und Kindererziehung war, sondern die Mithilfe in der Familienwirtschaft. Die Ursachen liegen zum einen darin, daß man damals beidem keine große Bedeutung zumaß. So stellte beispielsweise die Säuglingspflege selten eine Tätigkeit dar, die die Frau von anderen Arbeiten abhalten konnte. Zum anderen waren an der Erziehung der Kinder alle in einem Haus lebenden Mitglieder beteiligt.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich allmählich die Industriegesellschaft. Es begann eine Wanderung vom Land in die Stadt, neue Produktionsformen machten die Erwerbsarbeit in Fabriken notwendig. Die Familie verlor so ihre Bedeutung als Arbeitsgemeinschaft. Dies hatte einerseits Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Familie und Gesellschaft, andererseits auch auf die Beziehung der Familienmitglieder untereinander.

1. Die soziale Situation der Frau im 19. Jahrhundert - eine Skizze

Neben der Tätigkeit in der Landwirtschaft, die trotz Industrialisierung noch das gesamte 19. Jahrhundert hindurch Bedeutung hatte, arbeiteten Frauen oft in Heimarbeit. Dies hatte den Vorteil, daß der Familienzusammenhang bewahrt blieb. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren als katastrophal zu beschreiben. So betrug beispielsweise die Arbeitszeit nicht selten siebzehn Stunden pro Tag. Die Werkstätten waren unhygienisch und die Arbeiterinnen kamen fast nie in den Genuß eines Sonnenstrahls, denn sie begannen und beendeten ihre Arbeit in der Nacht. (3) Erst im Jahre 1874 wurde gesetzlich eingegriffen. Die neue Gesetzgebung verbot Nachtarbeit für Minderjährige und ihre Arbeitszeit sollte sich auf zwölf Stunden pro Tag beschränken. Den erwachsenen Frauen wurde lediglich die Arbeit unter Tage und in den Steinbrüchen untersagt.

Die Entlohnung entsprach der Hälfte des Gehalts männlicher Arbeitnehmer. Da die Frau oft 'nur' dazuverdiente und nicht für die Bedürfnisse der gesamten Familie aufkommen mußte, wurde sie dazu verleitet, diesen Umstand als normal zu empfinden: "Wird die Frauenarbeit als Zusatzverdienst verstanden legitimiert sich bei beiden, beim Unternehmer wie bei den Frauen selbst und auch bei den Männern, eine mindere Bezahlung." (4)

Eine weitere große Gruppe der erwerbstätigen Frauen stellten Dienst- mädchen. Sie wurden im Zuge der Industrialisierung vermehrt in städtischen Haushalten beschäftigt. Schenk mißt dem Beruf des Dienstmädchens eine wesentliche Vermittlerrolle bei der Verbreitung bürgerlicher Normen bei, die sie in Fleiß, Sparsamkeit und Häuslichkeit sieht. (5) Nicht zuletzt weise der Beruf des Dienstmädchens bereits relativ moderne Attribute auf: Nicht die Herkunftsfamilie sorgt für die Berufstätigkeit des Mädchens, sondern sie selbst, indem sie allein vom Land in die Stadt zieht. Auf diese Weise löst sie sich auch von ihrem Milieu und kann so unabhängig von der Familie eine Partnerwahl treffen. Ein Nachteil des Dienstbotenberufes ebenso der Fabrikarbeit war jedoch, daß beide Tätigkeiten nur in der 'Übergangszeit' bis zu Eingehen einer Ehe ausgeführt werden konnten.

Die Frau der bürgerlichen Mittelschicht war nicht außerhäuslich berufstätig. Aufgrund dessen, daß im Haushalt nicht mehr produziert wurde, wie es vor der industriellen Revolution der Fall war, stellte dies ein ganz neues Phänomen dar. Die Töchter des Bürgertums konnten lediglich als Gouvernante oder Gesellschafterin arbeiten. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts kamen Berufe wie Krankenschwester und Lehrerin hinzu.

2. Grundzüge der bürgerlichen Familie

2.1. Emotionalisierung und Intimität

Mit der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und der Industrialisierung bildete sich ein neues Ehe- und Familienideal heraus, dessen ideologische Wurzeln auf protestantisch-pietistische Strömungen zurückgehen. Seine Entfaltung wurde wesentlich durch die Trennung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz bestimmt. Die Familie beschreibt nun keinen wirtschaftlichen Verbund mehr, sondern betont eher die gefühlsmäßigen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Gesinde und entferntere Verwandte werden aus der Familie ausgegliedert. Dieser Wandel erfaßte zunächst nur das Bürgertum und die Industriearbeiterschaft, setzte sich aber nach und nach auch in den anderen Schichten durch.

Die Rolle der bürgerlichen Mittelschichtfrau war zu Beginn der neuen Entwicklung ambivalent. Einerseits orientierte sich das Bürgertum an den Privilegien des Adels. Hier bestimmte ein gewisser Müßiggang das Leben der Frau, die Pflege geselliger Kontakte, Reisen und Kulturgenuß spielten eine wesentliche Rolle. Andererseits war das Bürgertum jedoch auch vom Geist einer protestantischen Ethik geprägt " (...) die rastloses Bemühen und ständige Anstrengung für immer neu gesetzte Ziele vorschreibt und der Genuß und Muße ganz wesensfremd sind." (6) Diese ambivalente Rollenerwartung führte dazu, daß sich die bürgerliche Frau das Wohlergehen der Familie und die Kindererziehung zur Aufgabe machte. Die Familie wurde insbesondere für den Mann nach einem harten Arbeitsalltag zum Refugium. Hier konnte er sich von den Unbilden der harten Welt in einer auf das angenehmste gestalteten Atmosphäre erholen. "Die spezifische Anforderung an Frauen, im Binnenraum der Familie das emotionale Klima zu garantieren, ist hervorstechendes Merkmal der bürgerlichen Familie und auch für das 19. Jahrhundert noch eine relativ neue Vorstellung," (7) so Simmel. Die Gesamtentwicklung wird von nahezu allen Autoren als Emotionalisierung und Intimisierung beschrieben. (8) Schenk bezeichnet die Familie auch als 'Insel der Intimität', womit sie auf den Gegensatz zur Arbeitswelt, der in der vorindustriellen Epoche noch nicht vorhanden war, anspielt. (9) Die Begriffe beziehen sich zum einen auf die Beziehung zwischen den Eheleuten. Neben sozialer Herkunft und Vermögen sind nun Zuneigung und Liebe wichtige Kriterien für die Verehelichung. Zum anderen entwickelte sich auch eine intensive Mutter-Kind Beziehung. Parallel dazu wird die Kindheit nun zum erstenmal als eigene Lebensphase aufgefaßt.

2.2. Geschlechtertrennung und Entsexualisierung

Sowohl Gambaroff als auch Simmel gehen davon aus, daß die bürgerliche Gesellschaft zum großen Teil nur durch die strikte Trennung der Geschlechter und eine ebenso strikte Aufgabenteilung entstehen konnte. Die pädagogische Theoriebildung leistete nach Simmel keinen unwesentlichen Beitrag zu diesen Denkweisen. Von Fénelon bis Fröbel werde die Frau weder als gleichberechtigt noch als denkendes und handelndes Subjekt in die theoretischen Überlegungen einbezogen. (10) So findet man beispielsweise in Rousseaus Erziehungsroman 'Emile oder über die Erziehung' Äußerungen wie diese "So muß sich die ganze Erziehung der Frauen im Hinblick auf die Männer vollziehen. Ihnen gefallen, ihnen nützlich sein, sich von ihnen lieben und achten lassen, sie großziehen, solange sie jung sind, als Männer für sie sorgen, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und süßes Dasein bereiten: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten, das ist es, was man sie von Kindheit an lehren muß." (11) Pestalozzis Frauenbild unterscheidet sich von Rousseaus Sophie, indem er nicht die Ehefrau an sich für an- betungswürdig hält, sondern die in ihr zum Ausdruck kommende Gött- lichkeit. Die Auswirkungen solcher Theoriebildung im Hinblick auf die Praxis scheinen sich mir wenig zu unterscheiden.

Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft fällt in das Zeitalter der Aufklärung. Das Subjekt sollte qua Vernunft und mit dem Mittel der Bildung seinen Platz in der Gesellschaft selbst suchen können und nicht mehr durch Ort und Umstand seiner Geburt in ein bestimmtes Schicksal gezwungen werden. Durch eine vernünftige Planung des Lebens glaubte man, über die Natur herrschen zu können. "Im Rahmen dieses Verständnisses von der Beeinflußbarkeit des Menschen durch geeignete pädagogische Methoden wird dagegen die weibliche Natur nur bis zu einem bestimmten Grad als beeinflußbar angesehen." (12) Natur und vernünftige Zweckmäßigkeit scheinen sich jedoch hier ideal zu verbinden, denn auf diese Weise könne die Unter- und Einordnung der Frau in die gesellschaftliche Organisation von Familie und Staat begründet werden. Die 'Natur des Weibes' gerate zum ideologischen Instrument der Herrschaftssicherung, so Simmel. (13) Aufrechterhalten wurde der Glaube an eine natürliche Bestimmung der Frau in nicht zu unterschätzender Weise durch die Mädchenbildung der bürgerlichen Gesellschaft. Hier lernten Mädchen nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern wurden gleichermaßen für die Aufgaben innerhalb der Familie vorbereitet.

Schleiermacher, der in seine Proklamationen darauf bestand, daß die Frau auch ein Mensch sei und deshalb auch 'Gleiches' beanspruchen dürfte, lobte in seiner Rede zum Tode Königin Luises, daß diese trotz ihres Mutes niemals die Linie überschritten habe, die die Männer von den Frauen trenne. Diese Tennungslinie, von der Schleiermacher hier spricht, bezieht sich nicht nur auf die Aufgabenverteilung in dem Sinne, daß die Frau für die Kindererziehung und das häusliche Klima zuständig sein sollte, während der Mann 'draußen' für den industriellen Aufbau kämpft, sondern es sind auch die scheinbar naturgegebenen Unterschiede in den Eigenschaften gemeint. Vielfach Thema in der bürgerlichen Literatur seit dem 17. Jahrhundert sind die edle und nachgiebige Frau und auf der anderen Seite der tüchtige und kämpferisch rücksichtslose Mann.

"Der ganze Mensch als Bürger scheint aufgespalten zu sein in zwei kon- kurrierende Ideale, das Ideal der männlichen Stärke und Rücksichtslosigkeit und das Ideal der weiblichen Schwäche und Nachgiebigkeit." (14) Die Trennung der Geschlechter ermöglichte es dem Mann, seine Männlichkeit voll zu entfalten. (15) Während der Befreiungskriege entstanden Männer- bünde wie z. B. der Turnerbund und die Burschenschaften. Der Bürger " (...) hatte seine Männlichkeit soweit veredelt, daß sie im Dienste des Vaterlandes stand, sei es an der Front als tapferer Soldat, sei es in der Familie als würdiges Oberhaupt, sei es in der Wirtschaft als akkumulierender Unternehmer," so Gambaroff. (16) Alle sozusagen als unedel verachteten Eigenschaften und Verhaltensweisen wurden auf andere übertragen: auf Juden und Homo-sexuelle, aber auch auf Frauen.

Als ausgesprochen unedel galten die animalischen Triebe, die durch die Ratio gebändigt werden sollten. Dem kontinuierlichen Entsinnlichungsprozeß folgte ein ebenso geregeltes wie reglementiertes Familienleben. Tugendhaftigkeit und Vernunft entsprachen den hervorstechendsten Idealen des Bürgertums. Die bürgerliche Gesellschaft versuchte Sexualität zu zügeln, indem sie vom rein Physischen auf das Ideal entsinnlichter männlicher und weiblicher Schönheit umlenke. Die abgewehrte Sexualität wurde jedoch nun von seiten der Männer in übertriebener Weise auf die Frau projiziert. So interpretiert Gambaroff die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Otto Weininger veröffentlichte Studie "Geschlecht und Charakter" als Ausdruck tiefgehender Angst vor dem weiblichen Geschlecht. Es geht in dieser Studie um die Emanzipation der Frau jedoch zum Männlichen hin. Wo Frau war sollte Mann werden und dies, so die Autorin, weniger zum Wohle der Frau als zur Rettung des Mannes, der sich durch die Geschlechtlichkeit der Frau in einen 'Sumpf niederer Begierden' gezogen fühlte. (17) Eine andere Möglichkeit zur Abwehr weiblicher Sexualität lag darin, die Frau in zwei Wesenheiten aufzuspalten: Zum einen die Mutter und reine Ehefrau mit den Attributen Keuschheit, Reinheit, Mütterlichkeit und zum anderen die 'rote' Frau. (18) Sie wird als gefährlich und unersättlich beschrieben und taucht als literarische Frauengestalt z. B. in Mérimées 'Carmen' und in Flauberts 'Königin von Saba' auf.

3. Die soziale Situation der Frau im 20. Jahrhundert - eine Skizze

Während des ersten Weltkrieges stieg die Zahl der arbeitenden Frauen sprunghaft an. Diese Entwicklung ergab sich einerseits aus der Einberufung der Männer, so daß viele Arbeitsplätze frei wurden, andererseits waren die Unterstützungszahlungen an die Soldatenfrauen oft zu niedrig als daß sie davon hätten leben können. Zunächst umfaßte die Arbeit lediglich Wohl- fahrtsaufgaben. Nach 1916 wurde die Frauenarbeit jedoch organisierter, so daß Frauen nun in der Rüstungsindustrie und in der öffentlichen Verwaltung Arbeit fanden. Die Ende des 19. Jahrhunderts vereinbarten Schutzbe- stimmungen, wie z. B. der Mutterschutz oder das Verbot von Nachtarbeit, entfielen wieder. Auch bei der Entlohnung der Frauen zeigte sich eine ähnliche Misere wie im 19. Jahrhundert: Die Löhne der Frauen lagen bei gleicher Arbeitsleistung um ein Viertel bis ein Drittel unter denen der Männer. Nach Kriegsende wurden die meisten Frauen entlassen, um die Arbeitsplätze wieder für die Männer freizumachen. Nichtsdestotrotz blieb der prozentuale Anteil erwerbstätiger Frauen höher als vor Kriegsbeginn.

In der Weimarer Verfassung von 1919 sprach man Frauen grundsätzlich die gleichen Rechte zu wie Männern. Theoretisch sollten sie nun auch Zugang zu allen Berufen haben. Eine nur grundsätzliche Gleichstellung, so Schenk, erlaubte jedoch Ausnahmen und Sonderregelungen, wovon häufig Gebrauch gemacht wurde. (19) Besonders von diskriminierenden Maßnahmen be- troffen waren verheiratete Frauen. So wurden sie häufig von einer Arbeits- losenunterstützung ausgeschlossen, da man sie nicht für bedürftig hielt und hatten sie eine Arbeitsstelle, litten sie unter der Doppelbelastung.

In der Spätphase der Weimarer Republik zeigte sich ein zunehmendes Inter- esse an Familienpolitik, was sich im Nationalsozialismus noch verstärkte. Die Ursache war eine seit der Jahrhundertwende zurückgehende Geburtenrate, die als Bedrohung für den Staat betrachtet wurde. Man thematisierte jedoch in diesem Zusammenhang nicht die Doppelbelastung verheirateter Frauen, sondern sah die Familie durch 'Intellektualismus, Materialismus und Individualismus' gefährdet. (20) Das Ziel einer steigenden Geburtenrate sollte im Nationalsozialismus durch mannigfaltige Maßnahmen erreicht werden wie z. B. durch Ehestandsdarlehn, Kinderbeihilfen auf der einen Seite sowie Strafsteuersätze auf der anderen, wenn die Ehe nach fünf Jahren noch keine Nachkommen aufzuweisen hatte und schließlich die Belohnung mit soge- nannten Mutterkreuzen in Bronze, Silber oder Gold, je nach Kinderzahl. Die Anzahl der geschlossenen Ehen und die Geburtenrate stieg tatsächlich an, was Schenk jedoch eher auf die Tatsache zurückführt, daß im Dritten Reich besonders geburtenstarke Jahrgänge ins heiratsfähige Alter kamen und weniger auf familienpolitische Maßnahmen. Auch die absolute Zahl berufstätiger Frauen sank nicht. Allerdings hatten die Kampagnen zur Verdrängung der Frau aus dem Berufsleben bei hochqualifizierten Frauen Erfolg. So waren höhere Positionen für Frauen grundsätzlich gesperrt. Direktorinnen wurden ihrer Posten enthoben und die Zahl der Lehrerinnen reduziert. Daran, so Schenk, könne man deutlich erkennen, daß genau dort die Frauenarbeit bekämpft wurde, wo sie in Konkurrenz mit den Männern treten konnte.

Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Frauenarbeit fest in das Wirtschafts- system integriert. Während früher jedoch die meisten erwerbstätigen Frauen ledig waren, geht die moderne Entwicklung dahin, daß immer mehr ver- heiratete Frauen einen Beruf ausüben. Im Jahr 1975 waren bereits 61% aller arbeitenden Frauen verheiratet. (21) Dies bedeutet auch, daß sich immer mehr Frauen mit dem Problem der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie konfrontiert sehen. Diese Doppelrolle sei es auch, so Schenk, die Frauen im Arbeitsleben immer noch diskriminiere in der Weise, daß sie z. B. bei gleicher Qualifikation nicht die gleichen Aufstiegschancen haben wie Männer und stärker von einer Arbeitslosigkeit betroffen sind. Interessant ist, daß obwohl das Schulbildungsniveau der Mädchen sich dem der Jungen angepaßt hat, Frauen trotzdem nur in wenigen eng begrenzten Berufsgruppen tätig sind und dies meistens auf den unteren Funktionsebenen des entsprechenden Berufes. (22) Es ist wahrscheinlich, daß Frauen sich selbst zu wenig Kompetenz zutrauen, um einen traditionellen Männerberuf zu ergreifen bzw. auf höhere Funktionsebenen aufzusteigen, daß ihnen andererseits aber auch zu wenig Kompetenz zugesprochen wird. Die Auswirkungen werden im Verdienst sichtbar: So befanden sich 1987 die meisten weiblichen Ange- stellten in den Leistungsgruppen 4 (46%) und 3 (38,9%), während männliche Angestellte überwiegend in den Leistungsgruppen 3 (45,8%) und 2 (39,8%) vertreten waren. Eine noch deutlichere Sprache spricht folgende Zahl: Im Jahre 1987 hatten 65,9% der erwerbstätigen Männer ein Monatseinkommen von 1.800.- DM und mehr. Dieses Verdienstniveau konnte jedoch nur von 22,9% der Frauen erreicht werden (Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit: Frauen in der Bundesrepublik Deutschland, 1989). Die Ursachen mögen oberflächlich betrachtet struktureller Natur sein, wie z. B. kürzere Wochenarbeitszeit, eine geringere Anzahl an Berufsjahren und zunehmende Teilzeitarbeit. Im Anschluß an Bilden glaube ich jedoch, daß sich bereits beim Berufseinstieg Unterschiede zwischen den Geschlechtern abzeichnen, die sich dann schließlich in beschriebener Weise auswirken: Für Jungen ist der Einstieg in den Beruf Teil einer eindeutigen kontinuierlichen Perspektive, ein biographisches Bestimmungsmoment. Für Mädchen dagegen wird damit keineswegs ein so eindeutiges und lebensbestimmendes Terrain beschritten, sondern nimmt eher vorläufigen und unbestimmten Charakter an, je nach zukünftigen familiären Gegebenheiten. In letzter Konsequenz bedeute dies auch in der heutigen Zeit: "Persönliche Beziehungen zu Männern scheinen für Frauen meist einen höheren, weite Lebensbereiche strukturierenden Stellenwert zu haben als umgekehrt. Die persönliche, soziale Identität bleibt, wie die Berufs- und sonstigen Lebenspläne, offen für die Anpassung an Mann und Familie, sie wird weniger klar definiert als bei Männern." (23)

4. Merkmale der Entwicklung von Familie und Ehe im Verlauf des 20. Jahrhunderts

Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich eine neue Vorstellung von der Ehe als Institution herauszubilden. Im Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten von 1794 (ALR) wurde die Ehe noch als privatrechtlicher Vertrag angesehen. Die Ursachen für diese Veränderung lagen zum einen in gesellschaftspolitischen Umwälzungen. Das zunächst liberale und aufgeklärte Bürgertum etablierte sich und wurde konservativ. Die fortschreitende Industrialisierung verlangte ein höheres Arbeitstempo, immer mehr ging es um rücksichtslosen Individualismus zum Zwecke des Profits. Die Familie hatte in dieser Zeit die Aufgabe, die Härte der Arbeitswelt zu kompensieren. Sie wurde zu einer Idylle, auf ihren ausgleichenden Charakter sollte der Mann sich verlassen können. Zum anderen begann sich besonders zum Ende des 19. Jahrhunderts zunehmende Kritik an der bürgerlichen Ehe von seiten des Sozialismus und Feminismus zu entwickeln. So wurde die Institutionalisierung der Ehe im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 fest verankert. Die wichtigste Folge war eine Verschärfung der Schei- dungsgesetzgebung, denn " (...) ihre lebenslängliche Gültigkeit mußte gewährleistet sein, die Ehe als Institution ist der individuellen Willkür entzogen." (24)

Von diesem Zeitpunkt an wurde der 'Ehebund'. von den stabilisierenden Momenten des ersten und zweiten Weltkrieges einmal abgesehen, zuneh- mend fragiler. (25) Die Geburtenziffern sanken: Während um das 19. Jahr- hundert herum jede Familie noch vier Kinder hatte, sank die Kinderzahl 1970 auf unter zwei Kinder. Gleichzeitig stieg die Anzahl kinderloser Ehen und Einkindfamilien. Zwischen 1956 und 1972 verdoppelten sich die Ehe- scheidungen. Schenk führt dies auf den bereits mehrfach angesprochenen Prozeß der Individualisierung zurück. Während ökonomische Gründe für das Eingehen einer Ehe kaum noch relevant waren, verstärkten sich emotionale Erwartungen an die Partnerschaft.

Trotz des Gleichberechtigungsgrundsatzes nach Art. 3 Absatz 2 des Grundgesetzes von 1949 dauerte die patriarchalische Struktur der Ehe an. So konnte die Frau noch bis zum Jahre 1953 nur mit Erlaubnis ihres Gatten erwerbstätig sein und bis 1957 oblag ihr die Pflicht zur Haushaltsführung. Erst durch § 1356 des BGB von 1977 wurden Erwerbstätigkeit, Haushalts- führung und Kindererziehung zur Aufgabe beider Partner erhoben. Somit war zumindest gesetzlich eine individuelle Rollenverteilung anheimgestellt.

Wesentlich beteiligt an Veränderungen in Ehe und Partnerschaft war die 68-er Generation. Sie empfand die Ehe ihrer Eltern als innerlich leer und suchte nach neuen Formen des Zusammenlebens. Die Kritik an der bürgerlichen Ehe brachte die Sexualunterdrückung mit dem Kapitalismus in Zusammenhang. Man kam zu der Ansicht, daß die Unterdrückung die kapitalistische Gesellschaftsordnung stützte, da sie angepaßte, autoritätsgläubige Menschen hervorbringe. Dieser von W. Reich übernommene Ansatz führte bei der Studentenschaft zu einer Entromantisierung der Liebe. Es ging um das freie Ausleben von Sexualität, ohne daß man sich an einen Partner binden wollte. Daraus entstanden schließlich auch neue Wohn- und Lebensformen, so z. B. die Ehe auf Probe, die Wohngemeinschaft oder die sogenannte offene Ehe, ein Schlagwort der siebziger Jahre.

Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre begann sich wieder ein romantisches Liebesideal herauszubilden, das m. E. bis heute wenig von seiner Gültigkeit verloren hat. N. Branden beschreibt die Liebe zwischen Mann und Frau beispielhaft als " (...) leidenschaftliche, umfassend geistig- gefühlsmäßige- sexuelle Zuneigung zwischen Mann und Frau, die auf hoher Wertschätzung der Person des Partners beruht." (26) Was dies insbesondere für die Rolle der Frau im ausgehenden 20. Jahrhundert bedeutet, wird in Kapitel IV. 2 erläutert.

Vom geschichtlichen und sozialen Aspekt als Bedingungszusammenhang von Abhängigkeit und Leidensbereitschaft der Frau in der Beziehung zum Mann möchte ich in den beiden folgenden Kapiteln durch die Darstellung verschiedener geschlechtsspezifischer Entwicklungstheorien sowie der erzieherischen Praxis einen weiteren Ursachenkomplex aufgreifen.

II. Auf dem Weg zur Weiblichkeit oder 'Ich bin ein Geschöpf, dazu geschaffen, Freude zu spenden' - Theorie und Praxis geschlechtsspezifischer Entwicklung

"Vergiß nie, daß ein Mann ein selbstsüchtiges Wesen ist. Behalte diese Tatsache ständig im Auge; und wenn du ihm gefallen willst, trage dem Rechnung. Weine nicht, klage nicht, und sei auf keinen Fall launisch. Sei vor allem sanft, aber deine Sanftheit muß echt sein. (...) Du mußt lernen deine Gefühle zu verbergen. Du darfst niemals zulassen, daß ein Mann die sein Wohlbefinden opfert. Behalte dies immer im Sinn: 'Ich bin ein Geschöpf, dazu geschaffen, Freude zu spenden'."

(aus French, M. 'Das blutende Herz', 65)

Aus einer Vielzahl der verschiedenen Sozialisationstheorien sind die für den Zusammenhang der geschlechtsspezifischen Entwicklung wesentlichen vier Haupterklärungsansätze ausgewählt worden. Es handelt sich um das lerntheoretische und kognitionspsychologische Modell, das Aneignungs- konzept unter Einbeziehung gesellschaftlicher Aspekte sowie um die psychoanalytische Auffassung der Geschlechterdifferenz. Je nach Erklär- ungsgehalt für die Thematik erfolgt die Darstellung in unterschiedlicher Differenziertheit. Betonen möchte ich in diesem Kapitel vor allem das in die Kategorien der kognitiven Theorie eingebundene Aneignungskonzept. An die Entfaltung und Diskussion der Theorien schließt sich eine Darstellung der für den Gesamtzusammenhang relevanten Ergebnisse an.

Die psychoanalytische Sichtweise der Geschlechterdifferenz soll in einem weiteren Kapitel gesondert behandelt werden. Dies erscheint mir aus mindestens zwei Gründen erforderlich: Zum einen unterscheidet sich die Psychoanalyse in wesentlichen Punkten von allen anderen Theorien, was auch immer wieder vor allem in der feministischen Theoriebildung zu eindeutiger Ablehnung geführt hat. Zum anderen stellt die Psychoanalyse, nach Ausräumung einiger Vorurteile und der Entlarvung ungenügender Rezeption, m. E. eine ausgesprochen wichtige Erklärungsbasis für den Zusammenhang von Liebe und Leiden bzw. Abhängigkeit dar. Dies ergibt sich daraus, daß es sich hier neben einer Entwicklungstheorie auch um eine Theorie der Gefühle, Affekte und Leidenschaften handelt.

Dem biologischen Ansatz, der Männlichkeit und Weiblichkeit als biologisch determiniert ausweist, soll in diesem Zusammenhang keine Rechnung getragen werden. Man geht hier von einer " (...) Anbindung der Psyche an die Physis des Menschen (...)" aus. (1) Nach Schenk müssen drei Variablen erfüllt sein, soll es sich um nur biologische Dipositionen handeln: Universalität, phylogenetische Kontinuität und physiologische Basis. (2) Bereits bei intellektuellen Fähigkeiten läßt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht nachweisen. Verhaltensunterschiede, wie sie Abhängigkeit und Leidensbereitschaft darstellen, lassen sich mit Hilfe dieses Ansatzes noch weniger erklären. Einzig beim Aggressionsverhalten hat man einen Zusammenhang zwischen dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron und der Neigung zu Aggressivität nachweisen können. (3) Doch auch hier bleibt die Frage, inwiefern nicht auch Kultur und Erziehung Aggression als männliches Verhalten hochstilisieren. Im Anschluß an Bilden glaube ich, daß hormonell bedingte Unterschiede zwischen Männern und Frauen, so es sie gibt, sicherlich eine wesentlich geringere Bedeutung haben als die " (...) soziale Überformung des 'menschlichen Organismus' (...)". (4)

1. Belohnung, Imitation und Identifikation - Der Erwerb geschlechts- spezifischen Verhaltens aus lerntheoretischer Sicht

Die Grundannahmen der Lerntheorie gehen auf den von Watson begründeten Behaviorismus zurück. Es handelt sich hier um eine positivistische Ver- haltenswissenschaft, d. h. die Untersuchungen bleiben auf beobachtbares und meßbares Verhalten beschränkt, wobei innerpsychischen Vorgängen keine Bedeutung zukommt. Untersuchungsgegenstand des Behaviorismus sind die Gesetzmäßigkeiten des Lernens. Dabei wird nach lerntheoretischem Verständnis davon ausge- gangen, daß der Erwerb geschlechtsspezifischen Verhaltens mit den gleichen Lerngesetzen beschrieben werden kann, wie andere Verhaltensweisen. (5) Maßgeblich sind vor allem zwei Lernmechanismen: Das instrumentelle Lernen (differentielle Sozialisation) und das Lernen am Modell.

Unter differentieller Sozialisation in bezug auf die Geschlechtsrolle versteht man die Andersbehandlung von Mädchen und Jungen durch die Umwelt, d. h. je nach Geschlecht wird unterschiedliches Verhalten entweder belohnt oder mißbilligt. Hierzu gibt es eine große Anzahl an Untersuchungen, die sich jedoch immer auf einzelne Verhaltensweisen beziehen, so daß sich die Übernahme komplexer geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster durch diesen Ansatz allein schwerlich erklären läßt. Zudem gibt es eine Uneinheitlichkeit der Untersuchungsergebnisse, oft sogar innerhalb derselben Studie, zu verzeichnen, so daß sich auch aufgrund dieser Tatsache nur eine relativierte Übernahme dieses Konzepts empfiehlt. Beim Lernen am Modell steht das Erfassen geschlechtsspezifische Verhaltens durch Identifikation und Imitation im Vordergrund. Modelle stellen dabei in erster Linie die Eltern und andere Personen, mit denen das Kind häufig in Kontakt kommt, dar. Aber auch symbolische Modelle, wie z. B. Figuren aus Fernsehfilmen, sind von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Zunächst erscheint es einsichtig, daß das Kind versucht, die Eltern nach- zuahmen, schließlich sind sie die ersten Personen, mit denen es intensiven Kontakt hat. Warum aber der Junge den Vater imitiert, während das Mädchen sich mit der Mutter identifiziert, bleibt ohne die Hinzunahme weiterer Hypothesen wenig einsichtig. Eine dieser Hypothesen geht auf psychoanalytische Erkenntnisse zurück, indem das Konzept der anaklitischen Identifikation, der Identifikation des Kindes mit der Mutter vor der phallischen Phase, übernommen wird. Auf das Modellernen bezogen bedeutet dies, daß ein Kind bestrebt ist, das liebevolle Verhalten der Mutter nachzuahmen. Im extremen Gegensatz dazu steht die sogenannte 'Machthypothese': Hiernach werden Personen nachgeahmt, die das Kind als machtvoll erlebt, wobei es nicht darauf ankommt, ob die Macht in einer Belohnung oder Bestrafung liegt. Nach Schenk gibt es zwar für die einzelnen Hypothesen Belege, was z. B. die allgemeine Nachahmung von liebevollem Verhalten anbetrifft, eine Erklärung jedoch zum Erwerb von Geschlechtsidentität könne auf diese Weise nicht geleistet werden. So müßten nach der ersten Hypothese alle Kinder, Mädchen wie Jungen, häufiger die Mutter als den Vater nachahmen, während die zweite Hypothese, zumindest in unserem Kulturkreis, die Nachahmung des Vaters nahelegt. (6) Eine weitere Annahme in diesem Zusammenhang bildet die von Mischel ent- wickelte Ähnlichkeitshypothese. Hier geht man davon aus, daß ein Kind durch geschlechtsspezifische Bestrafung und Belohnung einen Eindruck davon bekommt, welches Modell ihm ähnlicher ist, was letztlich die Imitation ausschließlich dieses Modells zur Folge hat. Dieses Verhalten setzt jedoch die Entwicklung bestimmter kognitiver Strukturen voraus, die es dem Kind ermöglichen, sich einem Geschlecht zuzuordnen. Dies folgert auch Schenk, indem sie sagt: " (...) wenn gezeigt werden kann, daß generell Personen gleichen Geschlechts eher nachgeahmt werden als Personen anderen Geschlechts, weil sie als ähnlicher empfunden werden, dann müßte das Kind vorher ein Bewußtsein seiner eigenen Geschlechtidentität entwickelt haben." (7)

Die Kritik an den lerntheoretischen Grundannahmen vom Erwerb der Geschlechtsidentität bezieht sich zusammenfassend auf drei Punkte. Zum ersten entwirft man hier ein passives Menschenbild: Bestimmte Verhaltens- weisen scheinen fast ausnahmslos durch äußere Bedingungen zu entstehen. (8) Das Kind imitiert angebotene Modelle oder sein Verhalten wird verstärkt. eigene Aktivität bei der Entwicklung dagegen wird dem Individuum abge- sprochen. Ein zweiter Mangel ergibt sich aus der Schwierigkeit, eine im frühen Kindesalter beobachtete Ungleichbehandlung der Geschlechter mit späteren geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern in Beziehung zu bringen. Unterstützt wird dieser Mangel dadurch, daß meistens nur sehr kurze Lernsequenzen untersucht werden und dies auch nur zu einem Verhaltensmerkmal wie z. B. Aggressivität. Somit gerät die komplexe Entwicklung geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen aus dem Blickfeld. Schließlich ist dem lerntheoretischen Konzept vorzuwerfen, daß es nicht nach gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen fragt, was gerade im Hinblick auf die geschlechtsspezifische Sozialisation wesentlich ist: "Die vorfindlichen Geschlechterrollen werden als gegeben hingenommen, gefragt wird lediglich nach den Mechanismen ihrer Weitervermittlung". (9)

2. Das kognitive Realitätsurteil - Aufbau der Geschlechtidentität aus kognitionspsychologischer Sicht

L. Kohlberg entwickelte auf der Grundlage der Entwicklungstheorie Piagets das kognitionspsychologische Konzept des Erwerbs von Gechlechtsidentität. Die Hauptannahme, insbesondere in Abgrenzung vom lerntheoretischen Verständnis, beruht auf dem Gedanken, daß ein Kind, um etwas zu lernen, bereits über entsprechende Dispositionen verfügen muß. Es muß ein Konzept der eigenen Geschlechtsidentität entwickelt haben. Erst auf dieser Basis könne die Imitation einzelner Verhaltensweisen stattfinden bzw. differentielle Sozialisation wirksam werden. (10) Die kindliche Motivation, ein solches Konzept auszubilden, speise ich aus der Tatsache, daß Geschlechtsrollen neben der Trennung zwischen Kind und Erwachsenem ein erstes Muster zur Organisation der Außenwelt darstellen. H. Bilden betont in diesem Zusammenhang die sozietäre Dimension, wenn sie das Geschlecht als ein" (...) tiefreichendes Gliederungsmerkmal, ein fundamentales beziehungsrelevantes Prinzip aller bisherigen Gesellschaften", beschreibt. (11) Es sei darum eine 'lebenswichtige Anpassungsleistung' eine notwendige Aneignung gesellschaftlicher Realität für das Kind, sich in diese Dichotomien einordnen zu können. Kohlberg faßt die Entstehung der Geschlechtsidentität als Teil des allgemeinen Prozesses der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten auf. Einen wesentlichen Lernprozeß beschreibt dabei die Fähigkeit, Konstanz bzw. Unveränderbarkeit von Objekten zu erkennen. Anders formuliert: Solange das Kind noch keinen Begriff von der Konstanz bestimmter Objekte hat, könne auch der eigene Körper und das Geschlecht noch keine Konstanz haben. Die Sicherheit über die Geschlechtszugehörigkeit wird jedoch erst zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr erlangt. Bis zum zweiten Lebensjahr, in der Phase der sensomorischen Operation, ist sich das Kind nach Kohlberg noch nicht über sein Geschlecht bewußt. Erst im zweiten Lebensjahr, im Verlauf der präoperationalen Phase, beginnen Kinder sich und andere als Junge oder Mädchen wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung sei jedoch noch unsystematisch und in hohem Maße von äußeren Faktoren, wie z. B. Kleidung und Frisur, abhängig. Durch die schlichte Veränderung solcher äußerlichen Merkmale glauben Kinder bis zum Alter von ca. fünf Jahren, auch ihre Geschlechtszugehörigkeit verändern zu können.

Zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr tritt das Kind in die Phase der konkreten Operation ein. In dieser Zeit werde das Konzept der Geschlechtsidentität stabilisiert (kognitives Realitätsurteil). Ausschlaggebend dafür sind nach Kohlberg die universalen Konnotationen, die mit Männlichkeit bzw. Weiblichkeit verbunden werden. So verbinde das Kind bereits früh mit der Wahrnehmung der körperlichen Größe und Stärke des Manne Dominanz, Überlegenheit und Kraft. (12) Erst wenn beispielsweise ein Junge in der Lage ist, sein eigenes Geschlecht zu erkennen, sei die Voraussetzung für eine Identifikation mit dem Vater oder anderen männlichen Personen gegeben: "Weil er 'männlich sein' als positiv wertbesetzt und identitätssichernd ansieht, macht es für ihn nun einen Sinn, sich seinen Vater als Vorbild zu wählen, um ihm in Verhalten und Eigenschaften gleichzukommen." (13) Was aber geschieht mit dem Mädchen, das ja nach Kohlberg ebenfalls die männliche Überlegenheit und Dominanz entdeckt? Vor allem seine Behauptung, daß Mädchen ihr Geschlecht ebenso positiv bewerten und entsprechend rigide vertreten wie Jungen, scheint mir vor diesem Hintergrund uneinsichtig. Kohlberg beantwortet diese Frage, indem er die Positivbewertung der Jungen als deutlich 'schärfer' einschätzt. Dies sei so zu erklären, daß sich beim Jungen zwei Tendenzen wechselseitig verstärken, während die Einsicht in männlicher Stärke beim Mädchen den Wunsch hervorrufe 'sich durch weibliche Attribute Wert beizumessen'. Weibliche Attribute in diesem Zusammenhang scheinen sich fast ausschließlich auf Erotik und Körperlichkeit zu beziehen. (14) Letztendlich sei dies die Ursache für ein vermindertes weibliches Selbstbewußtsein. Zu einer solchen Auffassung kann Kohlberg jedoch nur gelangen, indem er bestehende Geschlechterhierarchien unhinterfragt als universell und kulturübergreifend übernimmt.

Ein erster wesentlicher Kritikpunkt bezieht sich auf die Beobachtung, daß Kinder bereits vor dem fünften Lebensjahr geschlechtsspezifisches Verhalten zeigen; zu einem Zeitpunkt also, zu dem sich die Geschlechtidentität aus kognitiver Sicht noch nicht entwickelt hat. (15) Obwohl jedoch, so Bilden, das Kleinkind noch nicht in der Lage ist, Vorstellungen über Geschlechtsrollen kognitiv zu erfassen, erfahren seine Handlungen vom Zeitpunkt der Geburt eine emotionale Bewertung. Was das Mädchen anbetrifft, faßt Bilden diesen Sachverhalt folgendermaßen zusammen: "Noch bevor ich weiß, daß ich ein Mädchen bin, beginnt die Entwicklung meines Selbstverständnisses, das von den Weiblichkeitskonzepten meiner Bezugs- personen (auch der Geschwister!), ihrer Wahrnehmung, ihren Beziehungsformen, Aktivitäts- und Entwicklungsanreizen und -behinderungen gegenüber mir als Mädchen inhaltlich bestimmt ist. (...) Ich muß es nur noch merken, ich muß mich dann nur noch als weiblich kategorisieren, meine Erfahrungen entsprechend organisieren und systematisieren." (16) An diesen Ausführungen wird sehr schön deutlich, daß die Bezugspersonen mehr als nur Modelle darstellen, die vom Kind beobachtet und nachgeahmt werden.

Wie Schenk berichtet, wird dem kognitiven Ansatz in allen Übersichtsarbeiten zum Erwerb der Geschlechtsidentität große Bedeutung beigemessen. (17) Dieses Modell ist, im Unterschied zur Lerntheorie, die nur am Erwerb einzelner Verhaltensweisen interessiert ist, in der Lage, die komplexe Übernahme von Geschlechtsrollenstereotypen zu erklären. Keines der beiden Modelle sollte jedoch nach meiner Einschätzung als Alternative zum anderen betrachtet werden: Geschlechtsidentität wird sicherlich auch durch Imitation und die Andersbehandlung von Jungen und Mädchen erworben. Dem kognitionspsychologischen Ansatz dagegen kommt eine wichtige Rolle bei der Organisation dieser Lernprozesse zu.

Während der lerntheoretische Ansatz gesellschaftliche und kulturelle Implikationen gar nicht erst mit einbezieht, setzt Kohlberg die Kategorien 'männlich' und 'weiblich' als universell voraus und beendet somit eine ange- messene gesellschaftliche Analyse im Vorfeld. Ich möchte mich in diesem Zusammenhang an Schenk anschließen, wenn sie sagt: "Die kognitive Differenzierung zwischen 'männlich' und 'weiblich' ist wahrscheinlich universal, dagegen sind die Inhalte dieser Kategorien weitgehend variabel; wahrscheinlich ist nicht einmal die soziale Relevanz einer Unterscheidung zwischen 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' interkulturell konstant." (18)

3. Verschiedene Welten - Das Aneignungskonzept geschlechtsspezifischer Sozialisation unter Einbeziehung gesellschaftlicher Realität

Der lerntheoretische Ansatz und das kognitive Entwicklungsmodell unter- scheiden sich vor allem darin, daß sie dem Menschen unterschiedliche Einflußmöglichkeiten auf seine Sozialisation zugestehen. Während das Kind im erstgenannten Ansatz passiv seinen Sozialisationbedingungen ausgesetzt ist, muß es nach kognitionspsychologischen Gesichtspunkten zunächst einmal bestimmte kognitive Fähigkeiten aufbauen, um geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zu erkennen. Beide Konzepte verleugnen jedoch die unterschiedlichen 'Welten', denen Jungen und Mädchen von Geburt an ausgesetzt sind. Es existiert also meiner Ansicht nach keine objektive Umwelt, deren Aneignung Junge wie Mädchen gleichermaßen gewährt wäre. Ein konstitutives Moment dieser unterschied- lichen Welten stellt die Arbeitsteilung nach Geschlecht, wie sie sich im Laufe der Industrialisierung entwickelt hat, dar: Während also Männer in der Produktion, sprich in einer gesellschaftlich anerkannten Berufsarbeit tätig sind, ist Frauen die Reproduktionsarbeit zugeteilt. Diese besteht in Hausar- beit, Kindererziehung, aber auch in, modern formuliert, Beziehungsarbeit. Mit dieser Arbeitsteilung zusammen hängen auch normative Rollen und Charaktervorstellungen, gesellschaftliche Macht von Mann und Frau sowie deren Bewertung. Diesen Zusammenhängen trägt insbesondere H. Bilden in ihrem Konzept geschlechtsspezifischer Sozialisation Rechnung. Sie bezieht sich dabei auf folgende Theorieansätze: Zum ersten beschreibt sie die Ontogenese durch Aneignung der historisch gewordenen Welt; ein Ansatz, der vor allem von Holzkamp in der kritischen Psychologie entwickelt worden ist. Hier bezieht sie jedoch auch die von ihm vernachlässigten sozialen und emotionalen Momente mit ein. (19) Zum zweiten geht Bilden von der historischen Form geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und ihren Folgen aus. Schließlich vernachlässigt sie auch die biographische Perspektive nicht, d. h. Entwicklung und Sozialisation sind also nach ihrem Verständnis nicht nur die ersten fünf bis sechs Lebensjahre bestimmend. Die Differenzen in männlichen und weiblichen Umgangs- und Verhaltensformen skizziert Bilden als zwei Prinzipien: Das männliche Prinzip wird hier als 'agency' bezeichnet. Seine Charakteristika lassen sich mit Begriffen wie Aktivität, Beherrschung, Manipulation, Trennung, Abgrenzung sowie Leistung umschreiben. Das weibliche Prinzip fasse unter dem Begriff 'communion' Eigenschaften wie Interesse und persönliche Anteilnahme, Sensibilität, Expressivität und Nähe zur Natur zusammen. Beide Prinzipien haben nach Ansicht der Autorin noch nichts von ihrer Gültigkeit verloren. (20) Auch Schenk unterscheidet im Zusammenhang ihrer Ausführungen über Geschlechtsrollenstereotypen zwei Prinzipien: Neben einer Dimension Aktivität - Passivität stellt sie die Faktoren Kompetenz und Wärme/emotionale Ausdruckskraft in den Vordergrund. Kompetenz wird dabei als ein zentrales Moment des männlichen Geschlechtsrollenstereotyps aufgefaßt. Die Liste, der unter diesem Stichwort zusammengefaßten Eigenschaften, liest sich so: " (...) Aktivität, Wettbewerbsorientiertheit, Ehrgeiz, Entscheidungsfähigkeit, Abenteuerlust, Führungsqualitäten, Selbstbewußtsein, Unabhängigkeit, Geschäftstauglichkeit, Objektivität und logisches Denken". (21) Die Frau dagegen sei zunächst insbesondere durch die relative Abwesenheit dieser Attribute charakterisiert. Das Stereotyp kennzeichne sie als passiver, abhängiger, subjektiver, spreche ihr jedoch Eigenschaften wie Sanftheit, Einfühlsamkeit, Takt sowie die Fähigkeit zärtliche Gefühle auszudrücken zu.

Diese Differenzen blieben nicht unbewertet. Viel mehr werden nach Schenk u. a. die Verhaltensweisen, die das männliche Stereotyp beschreibt, positiver bewertet als die des weiblichen. Und mehr noch: "Der Trend zur Höher- bewertung des männlichen Stereotyps bezieht sich nicht nur auf den Faktor 'Kompetenz' und auf spezifische kompetenzabhängige Bereiche (wie etwa: männliche Eigenschaften sind wichtiger für erfolgreiches Studium, akade- mischen Beruf), sondern er ist unspezifisch und durchgängig, und er findet sich bei beiden Geschlechtern. Dieses Ergebnis wird in der langen Reihe der Untersuchungen zu Geschlechtsrollenstereotypen impliziert oder expliziert immer wieder belegt. (22) Auf welche Weise aber filtert das Kind nun je nach physischen oder psychischen Entwicklungsstand diese geschlechts- spezifischen 'Funktionsprinzipien' heraus und welche Rolle spielen die Eltern, Institutionen und Medien dabei? Diese Frage möchte ich im folgenden anhand einer Darstellung der verschiedenen Entwicklungsstadien des Kindes, angefangen bei den ersten Lebenswochen bis zum Vorschulalter, darstellen. Ich orientiere mich dabei weitgehend an dem Aneignungskonzept Bildens, beziehe jedoch auch die Ausführungen von E. G. Belotti, C. Hagemann-White, H. Schenk und U. Scheu mit ein.

4. Ein folgenreiches Puppenspiel - Von den ersten Lebenswochen bis zum Vorschulalter

4.1. Die ersten zwei bis drei Lebenswochen

In den ersten Lebenswochen ist noch keine deutliche Abgrenzung zwischen Schlaf- und Wachrythmus feststellbar. Das Neugeborene ist absolut abhängig von der Mutter bzw. seiner Bezugsperson. Es faßt diese jedoch noch nicht als eine von ihm getrennte Person auf, sondern ich und 'Welt' scheinen in diesem Entwicklungsstadium noch eins zu sein. Damit das Kind jedoch allmählich beginnt, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden, bedarf es besonders der Stimulation seiner Bewegungsempfindungen. Bilden zeigt auch hormonell bedingte Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bei Neugeborenen auf: So berichtet sie, daß Jungen ein höheres Aktivitätsniveau aufweisen: Sie schlafen weniger und setzen sich stärker bestimmten Umwelt- reizen aus als Mädchen. Ein weiterer Unterschied besteht in der Reaktion auf äußere Reize: Während Jungen eher auf visuelle und akustische Reize reagieren, fühlen sich Mädchen vermehrt durch Berührung angesprochen.

Von den ersten Lebenswochen an werden Jungen und Mädchen jedoch auch von seiten der Eltern unterschiedlich behandelt. Exemplarisch dafür möchte ich das Stillverhalten der Mütter herausgreifen: Sowohl aus den Ausführ- ungen von Belotti als auch von Scheu geht hervor, daß zwar nahezu alle Mütter ihre Söhne stillen wollten, jedoch nur zwei Drittel zum Stillen der Töchter bereit waren. (23) Wenn die Mädchen gestillt werden, müssen sie sich früher entwöhnen und selbständig essen, möglichst ohne dabei bestimmte Eßvorschriften zu mißachten. Jungen dagegen wird häufiger und länger beim Essen geholfen. (24)

[...]

Details

Seiten
106
Jahr
1993
ISBN (eBook)
9783638415057
Dateigröße
872 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43779
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
gut
Schlagworte
Abhängigkeit Leidensbereitschaft Frau Partnerschaft Beitrag Theorien Sozialisation

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Abhängigkeit und Leidensbereitschaft der Frau in der Partnerschaft - Ein Beitrag zu Theorien geschlechtsspezifischer Sozialisation