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Leben in Stieffamilien: Die Situation der Kinder

Seminararbeit 2005 28 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Rückblick: Entwicklung der bürgerlichen Kernfamilie

3. Zur Geschichte der Stieffamilie

4. Stieffamilien heute
4.1 Definition, Erscheinungsformen und begriffliche Vorbemerkungen
4.2 Entwicklung des Scheidungsrisikos
4.3 Häufigkeit von Stieffamilien

5. Charakteristika der Stieffamilie
5.1 Beziehungsstrukturen im Vergleich zur Kernfamilie
5.2 Besondere Herausforderungen

6. Kinder in der Stieffamilie
6.1 Vorgeschichte der Stiefkinder
6.2 Verhältnis zum außerhalb lebenden leiblichen Elternteil
6.3 Verhältnis zum Stiefelternteil
6.4 Geschwisterbeziehungen

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Stieftochter erzählt über ihre Familie:

„Ich finde das ganz gut, daß wir so unnormal sind, nicht so alltäglich. Also, daß meine Eltern so geschieden sind und daß ich dann noch einmal drei Brüder habe von einem anderen Vater. Ja, und daß mein Vater dann wiedergeheiratet hat und daß ich eigentlich noch eine Stiefschwester habe. Bei uns ist immer etwas los und es passiert oft etwas Außergewöhnliches.“

(zit. n. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.238)

In den letzten Jahren häufen sich Berichte über steigende Scheidungszahlen und eine abnehmende Heiratsneigung. Heftige Diskussionen um das möglicherweise herannahende „Ende der Familie“ sind entbrannt. Doch solche Kontroversen vernachlässigen einerseits, dass das Vorhandensein der Kernfamilie als quasi einzige Familienform der 50er und 60er Jahre eine nahezu einmalige Situation war, und dass andererseits die heute nebeneinander existierenden alternativen Familienformen durchaus auch positiv gesehen werden können.

Die Stieffamilie ist eine dieser Alternativen zur Kernfamilie, die zwar keine gänzlich neue Erscheinung ist, dennoch im Rahmen der gestiegenen Scheidungshäufigkeit zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Umso mehr verwundert es, dass die Menge an Literatur zu diesem Thema bislang nicht gerade üppig ist. Es mangelt besonders an quantitativen Studien zur Vorkommenshäufigkeit von Stieffamilien; qualitative Studien aus dem therapeutischen Bereich finden sich dagegen eher häufiger. Diese haben jedoch das Problem, dass sie sich vor allem mit Stieffamilien beschäftigen, die therapeutische Hilfe benötigen, weil sie mit ihrer Situation nicht so ohne weiteres zu Recht kommen. Dadurch könnte der Eindruck entstehen, es handele sich bei Stieffamilien grundsätzlich um „Problemfamilien“, was selbst-verständlich nicht zutrifft.

Es ist ein zentrales Anliegen dieser Arbeit, die strukturellen Besonderheiten und Herausforderungen von Stieffamilien unter die Lupe zu nehmen, ohne dabei das Bild einer problembelasteten Familienform zu zeichnen. Es sollen daher auch die besonderen Chancen dieser Familien betont werden.

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Kindern in Stieffamilien und der Frage, mit welchen besonderen Herausforderungen sie es auf den einzelnen Beziehungsebenen zu tun haben. Wichtig ist auch an dieser Stelle, dass Stiefkinder keine „Problemkinder“ sind. Natürlich gibt es unter ihnen einige, die Schwierigkeiten mit ihrer Familiensituation haben oder sogar heftige Aversionen gegen ihren Stiefelternteil entwickeln (vgl. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.256). Das obige Zitat einer 13-jährigen Stieftochter zeigt jedoch sehr eindrücklich, dass es sehr wohl auch Kinder gibt, die gut mit ihrer Situation in der Stieffamilie zu Recht kommen und sich in ihrer Familie wohl fühlen.

Zu Beginn dieser Arbeit soll in einem historischen Teil zunächst kurz auf die Geschichte der Kernfamilie eingegangen werden, da die Kenntnis ihrer Entwicklung grundlegend ist für das Verständnis der heutigen Diskussion um die Zukunft der Familie. Danach wird kurz die Geschichte der Stieffamilie beleuchtet, um aufzuzeigen, dass sie keineswegs ein neuartiges Phänomen darstellt, wie es verbreitet die Ansicht ist.

Im folgenden Teil werden die Hintergründe heutiger Stieffamilien näher betrachtet, wobei auf ihre vielfältigen Erscheinungsformen, ihre Entstehung durch Ehe-scheidung und ihre tatsächliche Häufigkeit eingegangen werden soll.

Anschließend soll die strukturelle Komplexität von Stieffamilien genauer beschrieben werden, wobei sich ein Vergleich mit der Kernfamilie an dieser Stelle anbietet, ohne dass damit eine defizit-orientierte Perspektive eingenommen werden soll. Daher wird hier nicht von den Problembereichen von Stieffamilien gesprochen, sondern in einem neutralen Sinne von den besonderen Herausforderungen, mit denen es diese Familienform zu tun hat.

Im abschließenden Teil der Arbeit wird der Blick dann auf die Situation der Kinder in Stieffamilien gerichtet. Dabei soll die Bemühung in die Richtung gehen, die verschiedenen Beziehungsebenen aus der Sicht der Kinder zu betrachten. Wie erleben sie beispielsweise die Trennung ihrer Eltern und das Hinzutreten eines „neuen“ Elternteils? Wie kann das Verhältnis zwischen Stiefgeschwistern aussehen?

Diese Arbeit bezieht sich im Wesentlichen auf Stieffamilien, die nach einer Ehescheidung entstanden sind, wobei die meisten grundsätzlichen Aspekte auch auf Stieffamilien nach Verwitwung übertragbar sind. Eine genauere Differenzierung nach den verschiedenen Entstehungshintergründen oder den unterschiedlichen Stieffamilientypen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit überschreiten.

2. Historischer Rückblick: Entwicklung der bürgerlichen Kernfamilie

Heutzutage beschäftigen sich viele Autoren mit den Veränderungen und Umbrüchen, denen sich die moderne Kleinfamilie, die noch in den 50er und 60er Jahren als normative Selbstverständlichkeit gelebt wurde, ausgesetzt sieht. Während die einen das Ende der traditionellen Familie proklamieren, sprechen andere bevorzugt von Pluralisierungstendenzen der Familienformen (vgl. Beck-Gernsheim 1994, S.115f.) Doch für eine differenzierte Betrachtung der aktuellen familiären Wandlungs-prozesse muss man sich vor Augen halten, dass die gegenwärtigen Entwicklungen vor allem deshalb als so krisenhaft erscheinen, weil sie an der bezüglich der Familienform besonders homogenen Situation der 50er und 60er Jahre gemessen werden (vgl. Peuckert 1996, S.20). In dieser Zeit galt die Kleinfamilie – bestehend aus den beiden leiblichen verheirateten Eltern mit ihren minderjährigen Kindern – als Selbstverständlichkeit; sie war die dominante Familienform, die „Normalfamilie“ (Peuckert 1996, S.25).

Historisch gesehen war dies jedoch eine nahezu einmalige Situation, deren Anfänge in der Industrialisierung liegen.

In der vorindustriellen Zeit des 18. Jahrhunderts existierten in Deutschland viele verschiedene Familienformen nebeneinander; auch die Stieffamilie war damals recht verbreitet (vgl. Kap.3). Struktur und Funktion der Familienformen wurden maß-geblich von der sozialen Schicht, dem Beruf und damit der Produktionsweise beeinflusst. Am weitesten verbreitet war die Familienform des „ganzen Hauses“, die vor allem für bäuerliche und handwerkliche Berufsgruppen typisch war (vgl. Peuckert 1996, S.21). In ihr lebten nicht nur die Eltern mit ihren Kindern, sondern auch Knechte, Mägde und Angestellte wurden zum Haushalt dazugezählt. Sie alle bildeten eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft, deren gemeinsames Ziel die Produktion und damit der Erhalt des Hofes bzw. des Betriebes war. Demzufolge war nicht die Liebe das zentrale Heiratsmotiv, sondern ökonomische Gründe waren ausschlag-gebend für die Partnerwahl. Auch die Kinder wurden als Arbeitskräfte betrachtet und behandelt, sodass zu ihnen relativ gefühlsarme Beziehungen bestanden.

In einer solchen Gemeinschaft zählten die individuellen Neigungen und Emotionen der Einzelpersonen nicht, da sie alle den materiellen Interessen untergeordnet werden mussten (vgl. Beck-Gernsheim 1994, S.120). Der Vorteil dieser Familienform lag darin, dass sie die Versorgung im Krankheitsfall und im Alter sicherstellte.

Es handelte sich jedoch nicht um eine Großfamilie im Sinne eines Mehrgenerationen-haushaltes mit Großeltern, Eltern und Kindern. Diese verbreitete Vorstellung kann anhand der sehr niedrigen Lebenserwartung, dem hohen Heiratsalter und der hohen Kindersterblichkeit widerlegt werden (vgl. Peuckert 1996, S.21).

Der wesentliche historische Einschnitt geschah im Verlauf der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, als sich eine neue Form der Produktionsweise herausbildete, die insbesondere durch die Trennung von Arbeits- und Wohnstätte geprägt war (vgl. ebd.). Damit ging die bisherige Funktion der Familie als Arbeits- und Wirtschafts-gemeinschaft verloren, an deren Stelle sich nun ein ganz neuartiges Verhältnis zwischen Arbeitsmarkt und Familie zu entwickeln begann.

Zunächst waren es hauptsächlich die Männer, die für die außerhäusliche Erwerbsarbeit zuständig waren, in der nun nicht mehr die Gemeinschaft, sondern die Einzelperson zählte (vgl. Beck-Gernsheim 1994, S.121). Die Frauen dagegen waren für den innerhäuslichen Bereich, also für Haushalt und Erziehung der Kinder verantwortlich. Beck-Gernsheim bezeichnet dies als eine „neue Form der wechselseitigen Abhängigkeit“ (ebd.), da die Frau vom Verdienst des Mannes abhängig wurde; er jedoch auf ihre alltägliche Hausarbeit und Versorgung angewiesen war. Mit dieser „Neudefinition der Geschlechtsrollen im familialen Bereich“ (Peuckert 1996, S.24) gingen die Anerkennung der Kindheit als selbst-ständige Lebensphase, die Herausbildung von Liebe als zentralem heiratsstiftenden Motiv und die Hervorhebung des Leitbildes der Ehe als Intimgemeinschaft einher (vgl. ebd., S.22).

Peuckert betont jedoch, dass sich dieser neue Familientyp zunächst nur im gebildeten und wohlhabenden Bürgertum entwickelte, wohingegen sich die Arbeiterfamilien aufgrund ihrer eingeschränkteren ökonomischen Lage ein solches Familienleben kaum leisten konnten. Dennoch verbreitete sich das bürgerliche Familienideal auch in ihren Kreisen zunehmend.

Da es in der krisenbelasteten Zeit bis 1950 jedoch nicht gelang, den Lebensstandard der Mehrheit der Bevölkerung deutlich zu verbessern (vgl. ebd., S.23), wirkten sich erst die tief greifenden Veränderungen der Nachkriegszeit im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswunder positiv auf die verbreitete Umsetzung des neuen Familien-leitbildes aus. Vor diesem Hintergrund betrachtet, kann man die späten 50er und frühen 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als „Höhepunkt der modernen Familienentwicklung“ (Peuckert 1996, S.24) bezeichnen. In diesem Zeitraum erfolgte die Institutionalisierung der Kleinfamilie als selbstverständliche soziale Norm, an der wir uns heute offensichtlich noch immer orientieren.

Die von Beck-Gernsheim (1994, S.115f.) erläuterte Diskussionslage um die Zukunft der Familie ist vor dem Hintergrund dieser Selbstverständlichkeit zu sehen.

3. Zur Geschichte der Stieffamilie

Historisch betrachtet sind Stieffamilien kein neuartiges Phänomen, obwohl in der Öffentlichkeit die Meinung verbreitet ist, dass es sich hierbei um eine „Erscheinung der modernen Gesellschaft“ (Friedl / Maier-Aichen 1991, S.18) handelt, insbesondere da Stieffamilien im Zusammenhang mit steigenden Scheidungszahlen gesehen werden. Tatsächlich aber waren Stieffamilien in der Vergangenheit sogar sehr weit verbreitet als, was größtenteils auf die geringere Lebenserwartung und ökonomische Notwendigkeiten zurückzuführen ist (vgl. ebd.).

Verschiedene Autoren geben unterschiedliche Zahlen zur Häufigkeit von Wieder-verheiratungen und Stieffamilien im 17. und 18. Jahrhundert an, die aber alle deutlich über den heutigen Zahlen liegen. So wird für das England des 17. Jahrhunderts berichtet, dass etwa ¼ aller Eheschließungen keine Erstehen waren; für Frankreich wird ein Anteil von 30% der Wiederverheiratungen an allen Eheschließungen genannt (vgl. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.20). Auch über Deutschland wird berichtet, dass Eheauflösungen durch Verwitwung an der Tagesordnung waren, wohingegen Trennung und Scheidung im Gegensatz zu heute eher selten vorkamen. Damalige und heutige Stieffamilien unterscheiden sich demnach vor allem durch ihren Entstehungshintergrund und ihre Vorgeschichte (vgl. Nave-Herz 1994, S.12).

Im Gegensatz zu heute waren Stiefmutterfamilien aufgrund der geringeren Lebens-erwartung der Frauen durch häufige Geburtskomplikationen und eine hohe Wochenbettsterblichkeit damals sehr viel weiter verbreitet als Stiefvaterfamilien (vgl. ebd., S.108). Die Wiederheirat nach dem Tod der Gattin erfolgte bei Männern häufig sehr schnell, da der Verlust einer Arbeitskraft nicht selten eine materielle Gefahr darstellte und sie die Versorgung der Kinder sichern mussten (vgl. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.21f.). Ökonomische Zwänge waren jedoch nicht der einzige Grund, möglichst bald eine neue Ehe einzugehen, da Unverheiratete in der Gesellschaft häufig sozialen Diskriminierungen ausgesetzt waren (vgl. ebd.). Bei Frauen dagegen dauerte es wesentlich länger, bis sie – wenn überhaupt – erneut heirateten. Die Hauptursache dafür war, dass ältere verwitwete Frauen häufig keine Kinder mehr bekommen konnten und dadurch als Ehefrauen uninteressant wurden, da die Zeugung von Nachkommen als eigentlicher Zweck der Ehe galt. Außerdem missbilligte die Kirche die Wiederheirat von Witwen (vgl. ebd.).

Der zweite wichtige Aspekt, der an dieser Stelle betrachtet werden soll, bezieht sich auf die Schwierigkeiten, die sich in der Folge einer Wiederheirat und Gründung einer Stieffamilie stellten. Hier ist zum einen die Kinderzahl zu nennen, die in einer Stieffamilie meistens sehr groß war, was häufig erbrechtliche Konflikte auslöste, aber auch im Alltag zu Streitigkeiten führte (vgl. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.24ff.).

Zum anderen ergaben sich oft sehr große Altersunterschiede sowohl zwischen den Ehepartnern, als auch unter den Geschwistern. Nicht selten heiratete ein älterer Mann ein sehr junges Mädchen, das zur Stiefmutter von Kindern wurde, die kaum jünger waren als sie selbst. Für das neu verheiratete Paar konnte der Alters-unterschied jedoch auch Vorteile mit sich bringen, da der ältere Partner bereits über Besitz und Erfahrungen, der jüngere über eine frische Arbeitskraft verfügte (vgl. ebd.).

Durch die Wandlungsprozesse der Industrialisierung und die steigende Lebens-erwartung sanken die Wiederheiratsquote und damit auch die Zahl der Stieffamilien schließlich deutlich ab (vgl. Friedl / Maier-Aichen 1991, S.20). Im Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen verlor insbesondere die Stiefmutterfamilie zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Bedeutung, als es aufgrund der Tatsache, dass viele Männer im Krieg umgekommen waren, in der Nachkriegszeit zu einem kurzzeitigen Anstieg an Stiefvaterfamilien kam (vgl. Bien / Hartl / Teubner 2002, S.34).

Erst nach den 50er und 60er Jahren, in denen die traditionelle Kernfamilie den Höhepunkt ihres Daseins erlebte, begann die Zahl der Ehescheidungen langsam zu steigen, wodurch auch die Stieffamilien wieder mehr und mehr an Bedeutung gewannen.

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Details

Seiten
28
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638414760
ISBN (Buch)
9783656520023
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43745
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Pädagogik
Note
1.0
Schlagworte
Leben Stieffamilien Berücksichtigung Situation Kinder Seminar Kindheit

Autor

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