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Das Rachelgrab. Eine jüdische Frauengrabtradition

Seminararbeit 2015 20 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Rachel und ihr Grab in der biblischen Tradition
1.1 Das Rachelgrab – Situierung
1.2 Wer war Rachel?
1.3 Die Rachelklage in Jer 31,15-
1.4 Die Rachelerzählung in der Septuaginta
1.5 Die Rachelerzählung in den Targumim
1.6 Die Rachelerzählung in der Peschitta
1.7 Die Rachelerzählung in der Vulgata

Teil 2: Das Rachelgrab in der nachbiblischen Tradition und der Antike

Teil 3: Die Bedeutung des Rachelgrabs heute
3.1 Historische und geographische Fakten zum heutigen Rachelgrab
3.2 DerRachelkult der Neuzeit
3.3 Der Ablauf eines Besuchs am Rachelgrab
3.4 Die Rituale am Rachelgrab

Teil 4: Fazit

Literaturverzeichnis

Das Rachelgrab – eine jüdische Frauengrabtradition im Laufe der Zeit

Einleitung:

Diese Seminararbeit setzt sich mit einer jüdischen Frauengrabtradition auseinander. Es handelt sich um die Rituale und Traditionen, die sich rund um das Rachelgrab entwickelt haben. Es soll untersucht werden, welche Bedeutung dem Rachelgrab in der Antike zu kam, welche Traditionen entstanden und ob sich die Bedeutung dieses Frauengrabes in der Neuzeit verschoben hat und welche Traditionen ganz oder ansatzweise aus der Antike übernommen wurden.[1]

Es folgt eine kurze Einführung in das Thema Frauen im Alten Testament, anschliessend wird über die verschiedenen Gräber und Grabtraditionen berichtet. Danach werden die biblische Rachel und ihre Wirkungsgeschichte näher betrachtet. Desweiteren folgt ein Abschnitt über die nachbiblische Tradition des Rachelgrabes, die Bedeutung des Rachelgrabes in der Antike und seine Bedeutung in der Gegenwart. Am Schluss erfolgt ein Fazit, das die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Antike und Gegenwart nochmals zusammenfasst.

Hinter dem Alten Testament steht eine grundsätzlich patriarchale Gesellschaftsordnung, in welcher ein freier, israelitischer Mann in allen Bereichen, sei es Familie, öffentliches Leben oder Kult anderen Familien- und Gesellschaftsmitgliedern übergeordnet war und Macht ausüben konnte. Trotzdem spiegeln die biblischen Texte häufig auch Widerstand gegen und Durchbrechung der patriarchalen Ordnungen.

Die patriarchale Ordnung hatte ebenfalls auf den Bereich Tod und Begräbnis ihre Auswirkungen. Im Alten Testament werden viele Angaben über Gräber und Bestattungen gemacht, sie müssen jedoch durch die Archäologie ergänzt werden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Bei den Grabanlagenkann man zwischen Fossae (Gruben), Felsengräbern, oberirdischen Monumentensowie Sarkophagen, Ossuaren und Feuerbestattungen unterscheiden. AusJuda sind mehrere hundert Gräber bekannt, die ein relativ homogenes Bild der Bestattungssitten aufweisen. Grabstätten wurden über lange Zeit hin genutzt, immer wieder geöffnet und verschlossen. Der Grossteil der Bevölkerung wurde aber wahrscheinlich in Erdgräbern bestattet. Die Erdgräber konnten durch einen aufgerichteten Stein markiert werden, wie es beim Rachelgrabder Fall war.

Die Gräber lagen in unmittelbarer Nähe der Siedlung, somit war die Nekropole kein Tabubereich. Offenbar fühlte man sich von den Toten nicht bedroht, sie gehörten im weitesten Sinn noch zu Ortsgemeinschaft.Ziel war es, im Familiengrab zu ruhen. Die Bestattungspflicht oblag den Söhnen oder dem Ehemann. Nirgends wird berichtet, dass eine Frau ihren Mann oder eine Tochter ihre Eltern begraben hätte, jedoch erfahren wir aus der Rizpa-Geschichte (2 Sam 21,8-14), dass Frauen sich sehr wohl um die rechte Bestattung ihrer Verwandten kümmerten. Ebenfalls gibt es Hinweise auf Frauengrabtraditionen, mit der sich diese Seminararbeit auseinandersetzen wird. Kaum ein Grab hätte nämlich eine so grosse Bedeutung wie das Rachelgrab (Jer 31,15ff.). Nach den beiden Erwähnungen inGen 35,19-20 und Gen 48,7, taucht es als geheimnisvoller Treffpunkt in 1 Sam 10,2 auf. Noch heute ist das Rachelgrab ein wichtiger Pilgerort für Jüdinnen, die Rachel um Hilfe bei Ehe und Mutterschaftsproblemen bitten.

Auch von Debora, der Amme der Rebekka, wird in Gen 35,8 überliefert, dass sie unter einer Eiche unterhalb von Betel begraben wurde. Eine Bestattung unter einem grossen Baum kommt auch in 1Chr 10,12 vor, wo Saul und seine Söhne in Jabes unter einer Terebinthe beerdigt wurden: „da machten sich alle tapferen Männer auf und nahmen den Leichnam Sauls und die Leichname seiner Söhne weg, und sie brachten sie nach Jabes und begruben ihre Gebeine unter der Terebinthe von Jabes, und sie fasteten sieben Tage lang.“ (1 Chr 10,12, Schlachter 2000).

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ob sich unter der besagten Eiche in der Deboraerzählung ein Friedhof befand oder ob es sich bei der Eiche um einen heiligen Baum gehandelt habe. Dort konnte man möglicherweise Rituale vollziehen, wie Weinen und Gedenken an die Verstorbenen, andererseits aber auch, im Falle der Amme Debora, Rituale, die Fruchtbarkeit hervorrufen sollten.[2]

Mirjam, Aaron und Mose werden in den Exodusüberlieferungen an ihren jeweiligen Sterbeorten begraben, doch nur Mirjams Grab ist eindeutig überliefert in Num 20,1:

„Und die ganze Gemeinde der Kinder Israels kam in die Wüste Zin, im ersten Monat, und das Volk blieb in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben“ (Num 20,1, Schlachter 2000).

Ebenfalls wird in Gen 49,31 Rebekkas Grab in der Höhle Machpela erwähnt.

Teil I:Rachel und ihr Grab in der biblischen Tradition

Das erste Kapitel beschäftigt sich zunächst mit derLokalisierungdes Rachelgrabs und gibt an, wie es, anhand von Bibelstellen, zu verschiedenen Lokalisierungsversuchen gekommen ist. Hierzu dient der Aufsatz von Benjamin D. Cox und Susan Ackermann „Rachel’sTomb“, sowie Christine Ritters Buch „Rachels Klage im antiken Judentum und frühen Christentum“, das auch im folgenden Abschnitt über die Biografie Rachels, wie sie aus dem Alten Testament hervorgeht, als Unterstützung dient. Nebst Ritter stellt auch der Aufsatz von Susan Starr Sered „Rachel, Mary, and Fatima“ eine wichtige Hilfe dar.

Die Rachelüberlieferung findet sich nicht nur in der Hebräischen Bibel, wie in Gen 29ff; 46,19.22; 48,7, Rut 4,11, Jer 31,14ff. und 1Sam 10,2, sondern auch in der Septuaginta, den Targumim, der Peschitta und der Vulgata. Es soll auf alle Erwähnungen eingegangen werden undes sollenProbleme aufgezeigt werden, die aus den jeweiligen Überlieferungen hervorgegangen sind. Für diese Untersuchung lagen ebenfalls Ritter, Susan Starr Sereds Aufsätze, Othmar Keels Werk „Orte und Landschaften der Bibel“, Günter Stembergers Einführung in den Talmud und ein Aufsatz von Stefanie Schäfer-Bossert zum Thema Namensgebung von Rachels zweitem Sohn Benoni beziehungsweise Benjamin als Hilfsmittel vor.

1.1 Das Rachelgrab – Situierung

Viele Wissenschaftler haben sich mit der Frage auseinandergesetzt, wo das Rachelgrab aus Gen 39,20 auf dem Weg von Bethel nach Efrat zu situieren sei. Efrat istgemäss Gen 35,19 (und auch 48,7) ein anderer Name für Bethlehem, somit haben jüdische, christliche und islamische Quellen seit dem 4. Jh. behauptet, dass Bethlehem der Ort sei, an dem Rachel begraben wurde.[3] Bis heute besteht ein kleines Heiligtum nördlich von Bethlehem, das diese Stelle markiert. Im Gegenzug ortet 1 Sam 10,2 das Rachelgrab in der Stammesparzelle von Benjamin, ähnlich lokalisiert auch Jer 31,15, der den toten, Klagelied singenden Körper von Rachel beschreibt, ihre Begräbnisstätte im benjaminitischen Ramah (das heutige el-Ram), ungefähr 5 Meilen nördlich von Jerusalem. Wissenschaftler neigen dieser letzteren Annahme zuzustimmen, da es sinnvoll ist, das Rachelgrab mit dem Stammesterritorium Benjamins zu assoziieren.Es stellt sich auch die Frage, wieso die biblische Tradition nicht davon ausgeht, dass Rachels Körper 20 Meilen Richtung Süden getragen wurde zur Höhle in Machpela, in der Nähe von Mamre, wo doch in Genesis dieser Ort als eigentliche Begräbnisstätte für Mitglieder der Abraham-Familie verstanden wird.[4] Tatsächlich nehmen die biblischen Verfasser das Begräbnis in Machpela als Norm für alle anderen Mitglieder innerhalb der ersten drei Generationen der Abraham-Familie (Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka, Jakob und seine erste Frau Leah) an.[5]

Es tauchen nach Ritter zwei Unklarheiten bei der Lokalisierung des Grabes auf. 1. ץ‎ר‎אהתר‎בכ (Gen 35,16):Man geht davon aus, dass es sich um ein Wegmass handelt, möglicherweise aus dem Akkadischen bīr/bērqaqqari abgeleitet. Somit würde die Entfernung zwischen Grabstätte und Efrat ca. eine Landmeile betragen. 2.Die Gleichstellung von Efrat und Bethel (Gen 35,19): Sie wird oft als Glosse angesehen, die das Rachelgrab bei Bethlehem bezeugt, ursprünglich wurde jedoch an das benjaminischeEfrat gedacht. Wenn man Jer 31,15 betrachtet, merkt man schnell, dass, die südliche Lokalisierung nicht die einzige Darstellungsweise ist.[6] Es gibt eine ältere Nordtradition, die das Rachelgrab zwischen Rama und Gibea situierte, doch wurde sie durch den Zusatz „das ist Bethlehem“ in Gen 35,19 und 47,7 zu einer Südtradition. Das Rachelgrab der Südtradition nimmt heute eine wichtige Rolle für Jüdinnen ein, die bei Problemen mit Ehe und Unfruchtbarkeit Rachel um Hilfe bitten.

1.2 Wer war Rachel?

Rachel wird an sechs Stellen in der Bibel erwähnt (Gen 29ff., Gen 46,19.22, Gen 48,7, Rut 4,11, Jer 31,14ff. und 1 Sam 10,2). Über ihre Biografie wird vor allem in Gen 29ff. berichtet. Jakobs Eltern hatten ihn nach Haran gesandt, so dass er aus dem Kreise seiner Familie mütterlicherseits eine Frauerwählensolle. Er verliebte sich in Labans Tochter Rachel und diente Laban für sieben Jahre, um sie zur Frau nehmen zu können. Bei der Hochzeit trickste Laban Jakob aus, indem er ihr seine ältere Tochter Lea, anstelle von Rachel zuwies. Als Jakob herausfand, dass er die falsche Frau geheiratet hatte, erlaubte ihm Laban ebenfalls seine Tochter Rachel zur Frau zu nehmen und verlangte im Gegenzug, dass Jakob sieben weitere Jahre für ihn arbeite. Die Geschichte in Genesis stellt die Fruchtbarkeit Leas dem Bemühen um eine Schwangerschaft Rachels gegenüber. Nach Jahren der Unfruchtbarkeit gebiert Rachel einen Sohn namens Joseph. Sie bringt einen weiteren Sohn, Benjamin, auf die Welt, verstirbt jedoch während der Geburt:

„Und Rachel starb und wurde begraben am Weg nach Efrat, das ist Bethlehem“ (Gen 35, 19; Schlachter 2000).

Gen 35,16-20 zeigt die Tragik in Rachels Leben: Die Kinderlose wird Mutter, scheidet jedoch bei der Geburt ihres zweiten Sohnes dahin. Die Geburt findet auf der Familienreise von Bethel nach Hebron statt. In ihrem letzten Atemzug benennt sie ihren Sohn Ben-Oni „Sohn meines Unglücks“, Jakob ändert ihn jedoch auf Ben-Jamin, was so viel bedeutet wie „Sohn der Rechten“, „Glückskind“. Die Tatsache, dass Benjamin im Land Israel geboren wurde, verleiht ihm eine besondere Stellung. Er geht als Ahnherr Sauls in die Geschichte ein. Der Tod am Wegesrand und nicht wie die übrigen Familienmitglieder in der Höhle Machpela, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Man ist mit dem Ende der Geschichte unzufrieden.[7]

In der Genesisgeschichte gibt es einen Hinweis, der auf einen Rachelkult deuten könnte. Rachel stirbt in der Geburt und Jakob stellt einen Gedenkstein über ihrem Grab auf, „das ist Rachels Grabmal geblieben bis zu diesem Tag“ (Gen 35,20).

Der Verfasser dieses Abschnitts dürfte von einer sichtbaren Markierung der Begräbnisstätte gewusst haben oder nimmt eine solche an. Vielleicht kannteerbereits einen Kult am Grab der Rachel. Auch der Jeremia-Abschnitt ist möglicherweise ein Hinweis, dass es kultische Aktivitäten an ihrem Grab gab.Die meisten Exegeten sind sich einig, dass es sich bei diesen Texten um nach-exilische Abschnitte handelt. Da jedoch, nach Sered, erst seit dem Mittelalter eine kultische Aktivität am Rachelgrab bekannt ist, geht sie davon aus, dass der Jeremia-Abschnitt metaphorisch zu verstehen ist und die Geschichte aus Genesis vergleichsweise unwichtig sei in Bezug auf die kultische Aktivität, die Möglichkeit eines frühen Rachelgrab-Kultes möchte sie dennoch nicht ausschliessen.[8]

Auch in 1 Sam 10,2 wird das Rachelgrab in der Erzählung von der Salbung Sauls zum König (1 Sam 9,1-10,16) erwähnt.

„Wenn du heute von mir weggehst, wirst du zwei Männer finden beim Grab Rachels, im Gebiet von Benjamin, bei Zelzach; die werden zu dir sagen: Die Eselinnen sind gefunden, die du suchen gegangen bist; und siehe, dein Vater hat die Suche nach den Eselinnen aufgegeben und macht sich Sorgen um euch und spricht: Was soll ich wegen meines Sohnes tun?“ (1 Sam 10,2, Schlachter 2000)

Samuel nennt ihm drei Zeichen, auf die er auf seiner Rückreise stossen wird. Eines davon ist das Rachelgrab, wo ihm zwei Männer begegnen werden, die ihm von der Auffindung er Eselinnen berichten werden, bei den beiden anderen Zeichen handelt es sich um die Taboreichen und das Gibea Gottes.[9]

In Rut 4,11 gibt es eine Kette von Segenssprüchen, die auf die Gestalten der Geschichte Israels verweisen, nebst Perez werden Rachel, Lea und Tamar erwähnt. Lea und Rachel werden als Stammmütter dargestellt, von ihnen sagt man, dass sie das Haus Israel bauten. Sie übernehmen die Verantwortung für die Kontinuität der Familie. Auch Rut soll zu einer Stammmutter werden, was für eine „Ausländerin“ (sie ist Moabiterin) ein Zeichen höchster Würde ist. Rachel wird in der Erwähnung an erster Stelle genannt, Ritter vermutet hier eine Hochschätzung Rachels.[10]

„Da sprach das ganze Volk, das im Stadttor stand, und die Ältesten: Wir sind Zeugen! Der Herr mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rachel und Lea, die beide das Haus Israel gebaut haben! Werde mächtig in Ephrata und mache dir einen Namen in Bethlehem!“ (Rut 4,11, Schlachter 2000).

1.3 Die Rachelklage in Jer 31,15-17:

„15 So spricht JHWH: Eine Stimme wird in Rama gehört, bitterliches Klagen und Weinen: Rachel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen wegen ihrer Kinder, weil sie nicht mehr sind! 16 So spricht der Herr: Halte deine Stimme zurück vom Weinen und deine Augen von Tränen! Denn es gibt noch einen Lohn für deine Mühe, spricht der Herr; denn sie sollen aus dem Land des Feindes zurückkehren. 17 Ja, es gibt Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Herr, und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren!“ (Jer 31,15-17, Schlachter 2000).

In Jer 31,15-16 wird Rachel als über ihre Kinder weinende Frau dargestellt, die ins babylonische Exil gesandt werden. Gott tröstet sie und verspricht ihr, dass die im Exil Lebenden aus der Gefangenschaft zurückkehren werden. Der Midrasch (PesiktaRabbati, 3) sieht Rachel, wie sie um zu weinen,in der Tat aus ihrem Grab aufersteht und interpretiert Gottes Versprechen als Rachels Belohnung für ihre Grosszügigkeit gegenüber Lea. Ihre Tränen werden als ausgesprochen kraftvoll, vor allem um Gottes Hilfe in Bezug auf ihre Kinder in Anspruch zu nehmen.[11]

Dassman sich eine klagende Rachel vorstellte, könnte auf einen volkstümlichen Glauben zurückgeführt werden, bei dem man sich eine Weiterexistenz der Toten bei ihrem Grab vorstellte.[12] Kern der Klage ist die Beziehung zwischen Rachel und ihren Kindern. Rachel wird nach Beendung des Gedichts zur selbstlosen Mutter, die das Schicksal ihrer Kinder beweint. Sie verharrt in ihrer Trauer, bis JHWH sie erhört. Er gibt ihr die Zusage für die Rückkehr ihrer Nachkommen.[13]

Rachel wird häufig als „Mutter“ bezeichnet, ihream weitesten verbreitete Anrufung im Jiddischen ist Mutter Ruchel undaufHebräisch wird sie Rachel Imeinu („unsere Mutter Rachel“) genannt. In der volkstümlichen Vorstellung wird Rachel am meisten weinend aus ihrem Grab emporsteigend dargestellt. Rachel wird als biologische Mutter ihrer Anhänger angesehen. Die meisten heutigen Juden sind Nachkommen des Stammes von Juda und Benjamin, Rachels Sohn. Rachel wird durchweg als liebend und gütig dargestellt. In vielen Midraschim wird Rachel, im Namen der Juden, als Gott anflehend gesehen. Rachel ist ein realistisches Modell, denn sie litt während ihrem Leben, starb jung und weint in Ewigkeit, ebenfalls litt sie ein Leben lang unverhältnismässig an weiblichen Beschwerden.[14]

Im Schicksal der Rachel begegnen gewöhnliche menschliche Situationen: Tod der Eltern und Kinder, eheliche Liebe und Uneinigkeit, Schwierigkeiten schwanger zu werden und Kinder zu gebären sowie Konflikte mit Geschwistern und Eltern.[15]

1.4 Die Rachelerzählung in der Septuaginta:

Der Septuaginta kommt eine doppelte Bedeutung in der Auslegungsgeschichte zu: Sie ist das Bindeglied zwischen dem hebräischen Text und der jüdisch-hellenistischen Gedankenwelt, aber auch die Brücke zur altkirchlichen Auslegung, besonders aufgrund der christlichen Rezeption.

Veränderungen im Vergleich zum hebräischen Text gibt es vor allem bei der Rachelgrab-Tradition. Die Übersetzung der Septuaginta geht möglicherweise auf eine verlorengegangene Tradition der Lokalisierung des Rachelgrabes zurück, wie man z.B. bei Gen 48,7 sehen kann. Dort wird die Ortsbestimmung „κατατονιπποδρμον“ genannt. An verschiedenen Orten Palästinas sind Hippodrome bezeugt (vgl. Flavius Josephus Jüdische Altertümer 17,255), doch stammen sie aus herodianischer Zeit, bei Bethlehem wurden keine Belege gefunden.[16]

In der Septuaginta wurden die Glossen „das ist Bethlehem“ übernommen und somit auch die Südtradition. Jedoch wurde die Distanzbezeichnung kibrat-ha-ares (Gen 35,16; 48,7) als Ortsname missverstanden und bekam den merkwürdigen Zusatz „Pferderennbahn“ oder „Pferdewagenstrecke“, welche zu dieser Zeit häufig gebraucht wurden. Bei Sextus Julius Africanus (ein Jerusalemer christlicher Gelehrter, zw. 192-240 n.Chr.) wurde Rachel „im Hippodrom“ bestattet. Auch Eusebius benutzt in seinem Werk Onom (82,14 f.) den Ausdruck „im sogenannten Hippodrom“, denn er wusste sehr wahrscheinlich, dass es keine Rennbahn in Bethlehem gab. Den Ort von Rachels Geburt nennt er Chabrata, genau wie es das Jubiläenbuch bereits 400 Jahre vor ihm getan hatte. Das Jubiläenbuch lässt Jakob in Kabratan wohnen.

Hieronymus stellt den LXX-Text als unverständlich dar. Seit seiner Übersetzung kommt die Bezeichnung „Hippodrom“ nicht mehr vor. Jedoch ergänzt er zum Onom 45,1 f. des Eusebius beim Ort des Rachelgrabes ein „Grabmal des Archelaus“. Es ist davon auszugehen, dass der Kirchenvater eine alte Tradition von einer qeburatarchelaus kannte. Vielleicht entstand daraus aufgrund eines sprachlichen Abschleifungsprozesses qeburatrachel „Grabmal der Rachel“.[17]

1.5 Die Rachelerzählung in den Targumim:

Targumim sind aramäische Übersetzungen, der offizielle Targumin, TargumOklos (TO= lehnt sich relativ eng an den hebräischen Text an, viele gehen jedoch freier mit dem Material um und enthalten unter anderem haggadisches Material.[18] Vom Verb lehaggid (hebr. „erzählen, sagen, vortragen“) stammt das Wort Haggada ab. Es bezeichnet somit eine Art der Wiedergabe, sagt jedoch nichts über den Inhalt des Stoffes aus. Bereits im Mittelalter setzte sich eine negative Definition durch. Samuel ha-Nagid schrieb: „Haggada ist jedwede Anwendung im Talmud zu jedwedem Thema, das nicht Gebot ist“. Zusammengefasst könnte man sagen: In der rabbinischen Tradition ist Haggada alles, was nicht Halakha ist. Zum Umfang der Haggada gehören die nichtgesetzliche Bibelauslegung und Bibelkommentare, das profane Wissen, das in rabbinischen Quellen aufgezeichnet ist, sowohl historische als auch biografische Erzählungen, Sprichwörter, Anekdoten, Gleichnisse, Sagen, Märchen, Fabeln, philosophisch-ethische Maximen, aber auch kurze Poesie und Totenklagen.[19]

Von Bedeutung sind die Targumim deshalb, weil sie aus einer Kombination aus Übersetzung und Interpretation bestehen, somit versucht man dem Original treu zu bleiben, andererseits gibt es Versuche, den Text zu aktualisieren und ihm dem Leser der damaligen Zeit verständlich zu machen.

Im TargumOnklos gibt es einige Unterschiede gegenüber dem hebräischen Text, Rachel bekennt beispielsweise die Erhörung des Gebets in Gen 30,8. Ausserdem werden Rachels „Gotteskämpfe“ mit Lea abgeschwächt.

Im palästinischen Targum wird eine Erklärung für das am Wegrand gelegene Rachelgrab gegeben: Es war Jakob unmöglich seine verstorbene Frau zur Höhle Machpela zu bringen:[20] Rachel died by me suddenly in the land of Kenaan, while there was yet much ground to come to Ephrath; nor could I carry her to bury her in the Double Cave, but I buried her there, in the way of Ephrat hwhich is Bethlechem. (TPsJGen 48,7).

1.6 Die Rachelerzählung in der Peschitta:

In der Peschitta gibt es inhaltliche Abweichungen zum hebräischen Text, zum Beispiel wird durch die Rachelklage in Rama die Rückkehr ihrer Kinder nicht bewirkt. Vielleicht vermutet man bei Rachel eine Tätigkeit als Klagefrau, denn nur in der Peschitta wird der verheissene Lohn direkt auf Rachels Tränen bezogen.[21]

1.7 Die Rachelerzählung in der Vulgata:

Die Vulgata wurde zwischen 390 und 395 n. Chr von Hieronymus in lateinischer Sprache verfasst und gilt als Textbasis für die Auslegung der lateinischen Kirchenväter.

Bei der Erzählung von Rachels Tod und Benjamins Geburt wurde eingegriffen. Durch hinzugefügte Ausdrücke, wie in Gen 35,17 periclitaricoepit und in Vers 18 praedolore wirkt die Darstellung dramatischer. Die beiden Namen Benoni und Beniamin werden durch eine Übersetzung von filiusdoloris und filiusdextrae wiedergegeben, ebenso wird eine Zeit festgelegt, verno tempore, die Frühlingszeit.

Es gibt durchaus Unterschiede zwischen der Septuaginta, den Targumim, der Peschitta und der Vulgata, doch lassen sich auch Gemeinsamkeiten erkennen, wie z.B. die Tatsache, dass es dieselben Wörter sind, die den Übersetzern Schwierigkeiten bereiten, wie etwa die Distanz zwischen dem Rachelgrabund Efrat (Gen 35,16 bzw. 48,7), eine andere Gemeinsamkeit ist die Erklärung des Namens Benoni.[22]

[...]


[1] Als Unterstützung dienen nebst den Aufsätzen von Susan Starr Sered „Rachel’sTombandthe Milk Grottoofthe Virgin Mary: TwoWomen’sShrines in Bethlehem“ und „A taleofthree Rachels, ortheculturalHerstoryof a symbol“ sowie „Rachel, Mary and Fatima“, als auch „Women Pilgrims andWomansaints: Gendered Icons andtheIconizationof Gender at Israeli Shrines“ die Arbeit von Benjamin D. Cox und Susan Ackerman „Rachel’sTomb“ und Christine Ritters Buch „Rachels Klage im antiken Judentum und frühen Christentum“ sowie Beiträge von Küchler „Orte und Landschaften der Bibel“ und der Aufsatz von Stefanie Schäfer-Bossert zum Thema „Den Männern die Macht und der Frau die Trauer? Ein kritischer Blick auf die Deutung von ‏ןוא - oder: Wie nennt Rachel ihren Sohn?“.

[2] Kellenberger, Edgar. Klageeiche. URL: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/klageeiche/ch/9a93c9312a179097901a71b35172e23b(zuletzt aufgerufen 5.11.15).

[3] „Der Vers stellt eine von Jakob in der 1. Person Singular formulierte und in weiten Teilen wörtliche Übernahme einzelner Elemente aus Gen 35,16.19 dar, einschliesslich der Gleichsetzung Efrats mit Bethlehem durch den Glossator.“ Ritter, Christine. Rachels Klage im antiken Judentum und frühen Christentum. Eine auslegungsgeschichtliche Studie, Leiden, Boston 2003, 29.

[4] Cox, Benjamin D./Ackerman, Susan: Rachel’s Tomb. In: Journal of Biblical Literature Vol. 128, No. 1, (2009) 135-136.

[5] vgl. Gen 49,29-32; 50,13.

[6] Ritter, Christine. Rachels Klage im antiken Judentum und frühen Christentum. Eine auslegungsgeschichtliche Studie, Leiden, Boston 2003, 28-29.

[7] Dies., a.a.O 27-29.

[8] Sered, Susan Starr. Our Mother Rachel. In: Annual Review of Women in World Religions 4 (1991) 16-17.

[9] Ritter, Rachels Klage, 30.

[10] Dies., a.a.O 35-38.

[11] Sered, Susan Starr. Rachel, Mary, and Fatima. In: Cultural Anthropolgy 6, No. 2 (1991) 132.

[12] Ritter, Rachels Klage,45.

[13] Dies., a.a.O 47.

[14] Sered, Rachel, Mary, and Fatima, 137-138.

[15] Dies., a.a.O137-139.

[16] Ritter, Rachels Klage,57-59.

[17] Keel, Othmar/Küchler, Max. Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land, Band 2, Einsiedeln 1982, 609.

[18] Ritter, Rachels Klage, 62.

[19] Stemberger, Günter. Der Talmud. Einführung-Texte-Erläuterungen, München, 1982, 158.

[20] Ritter, Rachels Klage, 62-65.

[21] Ritter, Rachels Klage, 68-70.

[22] Dies., a.a.O 70-73.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668782365
ISBN (Buch)
9783668782372
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437289
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für jüdische Wissenschaften
Note
Sehr gut
Schlagworte
Rachel Altes Testament Bibel Grabtradition Judentum Antikes Judentum

Autor

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