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Hat Sprache die Welt verändert? Das Individuum und ein kodierter Sprachwortschatz

Essay 2017 5 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Hat Sprache die Welt verändert?

„Die Angeklagte Frau M. ist der fahrlässigen Tötung mit unerlaubtem Entfernens vom Unfallort schuldig.“ - „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil. Frau M. wird verurteilt zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 4 Jahren und 2 Monaten.“ - „Die Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens.“

Wir sprechen stets in einem expliziten Kontext. Aus den oben stehenden Zeilen erkennt der Leser, dass er sich im juristischen Umfeld aufhält. Wenn man diesem Gerichtsurteil einen Arztbesuch entgegensetzt, stellt man fest, dass beide Ereignisse einem Ritual folgen. Anne Löhnert bestimmt in ihrem Aufsatz einen definierten Raum, einen Fachmann und idealerweise ein Ornat, bei welchen Kommunikation auf einer bestimmten, kontextuellen Ebene möglich ist.1 Auch die Kirche offeriert ein Repertoire an besonderen Ausdrucksweisen, die in Messen und Gottesdiensten anzutreffen sind; so ist jeder Kirchgänger im Bilde, dass ein Gebet mit dem Wort „Amen“ beendet wird.

Dieser Essay versucht zu beweisen, dass ein kodierter Sprachwortschatz dem Individuum hilft, sich in einer bestimmten Situation orientieren und verbal interagieren zu können. Des Weiteren soll aufgezeigt werden, dass Sprache die Welt verändert hat, indem spezifische Begriffe und Begriffspaare uns ein Erkennungsmuster für Gegebenheiten bieten, mit denen wir im Alltag konfrontiert werden.

Bereits im Alten Orient unterschied man zwischen der gemeinen Sprache2 und der religiösen oder auch Sakralsprache. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Emesal-Dialekt, über dessen Funktion verschiedene Meinungen herrschen. Gordon Whittaker erwähnt in seiner Abhandlung Linguistic Anthropology and the Study of Emesal as (a) Women ’ s Language einige Ansätze für die Deutung dieses Dialekts, die von Forschern vertreten werden. Es könne sich hierbei um eine Sprache handeln, die ausschliesslich von Frauen gebraucht wurde3, um ein regionales Phänomen oder um eine Stufe in der Entwicklung des Sumerischen.4

Die Bedeutung des Wortes Emesal ist ebenfalls umstritten. Im Sumerischen bedeutet das Nomen eme „Zunge“ oder im weiteren Sinn „Rede“, auch „Sprache“. Der Modifikator sal ist von trügerischer Natur. Eine fehlerhafte Annahme, dass sal mit „Frau“ übersetzt werden kann, regte die männlichen Wissenschaftler an, den Dialekt als „Sprache der Weiber“ zu deklarieren.5

Joachim Krecher behauptet, dass sich das Emesal vom Hauptdialekt durch „abweichende Lautformen und eigentümliche Verwendungsweisen bestimmter Wörter und durch einige wenige Fälle von Heteronymie“ unterscheidet.6 Es handelt sich hierbei um eine phonologische Sprachabwandlung und restringiert sich auf einzelne Wörter innerhalb des Normalsumerischen.7

Ab dem ausgehenden 3. Jt. v. Chr. ist diese Sprachvarietät auch textlich greifbar. Emesal gehörte nicht mehr zur Alltagssprache, sondern lässt sich einzig und allein in schriftlichen Quellen nachweisen. Reden von Göttinnen weisen Spuren dieses Dialekts auf, doch wurde es bis ins 1. Jh. v. Chr. nur noch in kultischen Kontexten rezitiert und bloss eine Priesterart (gala/kalû) war dieser Ausdrucksfähigkeit mächtig.8

Die von F. Thureau-Dangin publizierten Texte lassen sich der Kultlyrik zuordnen.9

Verwendet wurde das Emesal lediglich in literarischen Texten mit religiösem Charakter, zu denen auch Hymnen und Mythen zählen.10

Nebst dem sakralen „Frauendialekt“ Emesal sollen in diesem Essay weitere Beispiele angefügt werden, die zeigen, dass Kontext den Grossteil des Wortschatzes einer Sprache beeinflussen kann und nur aus diesem heraus erst verständlich wird.

Aborigines der Gemeinde Hopevale sprechen Guugu Yimithirr. Sie ersetzen relative räumliche Beschreibungen wie „neben“, „rechts“ oder „links“ durch Himmelsrichtungen. In ihrer Sprache sagt man nicht: „Links neben deinem Arm sitzt ein Käfer“, sondern „südlich von deinem Arm sitzt ein Käfer“. Ein Objekt liegt „auf der westlichen Ecke des nördlichen Tisches im Haus“. Ein Buch wird süd-, ost-, nord oder westwärts gelesen. Damit eine Person Guugu Yimithirr sprechen kann, muss sie sich kontinuierlich orientieren können. Hinzu kommen dutzende geografische Informationen, um über ein Ereignis erzählen zu können. 11

Es ist durchaus möglich, die gesamte Sprache auf einen Kontext zu reduzieren. Im Falle der Aborigines handelt es sich um Himmelsrichtungen, die es den Ureinwohnern ermöglichen, sich auszudrücken und Erlebtes wiederzugeben.

Mit der Zeit entwickelten sich aus bestimmten Kontexten Fachsprachen heraus, wozu auch die Sportsprache zählt. Als drittes Beispiel soll ein Blick auf die Fussballsprache im Deutschen geworfen werden.

Die Sprache im Sport lässt sich in einen Fachjargon, in eine Sportfachsprache und in die Sprache der Sportberichterstattung unterteilen. Diese sogenannte „Sondersprache“ übt drei Funktionen aus: sie beschreibt einen Sachverhalt, gibt Ratschläge und Anleitungen oder fordert zum Handeln auf. Sie ist ein Ergebnis des Sprachpotentials und dessen Umsetzung in den Sprachakt.12

Der Wortschatz der Sportsprache wird durch Neologismen, deutschen Wortbildungen und Anglizismen geprägt. Da Fussball die am weitesten verbreitete Sportart ist, spielt sie für den Wortschatz eine gewichtige Rolle. Viele Neuschöpfungen und Begriffe, die uns wohl bekannt sind, haben einen internationalen Status erreicht.13

Im Folgenden sollen einige ausgewählte Beispiele der Fussballsprache vorgestellt und näher erläutert werden.

Aus dem Englischen entlehnte die „Sondersprache“ Ausdrücke wie Corner „Ecke, Eckball“, Coach, ein anderes Wort für „Trainer“ oder Foul „regelwidriges Einschreiten“. Da es für das Wort Foul keine passende deutsche Übersetzung gibt, bedient man sich lieber des Anglizismus.14

Des Weiteren sind elliptisch gewordene Begriffe gängig geworden. So kürzt man den Elfmeter auf Elfer ab, den Schiedsrichter auf Schiri und das Handspiel auf Hand.15

Es gibt auch metaphorische Umschreibungen in der deutschen Fussballsprache bei denen es vor allem um die Bildhaftigkeit und nicht um den Eintrag in ein Lexikon geht. Um den Bogen zur religiösen Sprache zu spannen, sollen hier zwei Beispiele angebracht werden, wie sakrale Begriffe ihren Einzug hielten. Das Tor wird oft als „Heiligtum“ beschrieben, ein geheiligter Gegenstand. Das Fussballstadion wird nicht selten mit einem „Tempel“ verglichen und als „Sakramenthaus“ bezeichnet.16

Allgemein ist es das Ziel von Metaphern, Assoziationen zu wecken. In verschiedenen Experimenten wurde bewiesen, wie diese Stilfiguren die Wahrnehmung eines Menschen beeinflussen können. Bei einem Versuch wurde ein Kriminalitätsproblem in der fiktiven Stadt Addison beschrieben. Einmal wurde das Übel als „wildes Tier“, einmal als „Virus“ bezeichnet. Die Ergebnisse waren verblüffend.

[...]


1 Löhnert, Anne, Was reden die da? Sumerisch und Emesal zwischen Alltag und Sakralität in Die Welt des Orients, Band 44, 2014, S. 191.

2 Bekannt sind eme-si-sa „Normalsprache“, eme-gal „grosse Sprache“, eme-sukud-(da) „hohe Sprache“, emesuḫ(-a) „erlesene Sprache“ und eme-te-na „schiefe Sprache“. Vgl. hierzu Falkenstein, Adam, Das Sumerische, 1959, E. J. Brill: Leiden, Köln, S. 18.

3 Vgl. hierzu Löhnert, Anne, 2014, S. 192.

4 Whittaker, Gordon, Linguistic Anthropology and the Study of Emesal as (a) Women’s Language in Parpola, S. und R. M. Whiting, Rencontre Assyriologique Internationale, Sex and Gender in the Ancient Near East, 2002, Helsinki University Press: Helsinki, S. 633. Siehe ebd. für eine ausführliche Liste der Deutungsansätze für den Emesal-Dialekt.

5 Ebd., S. 634.

6 Krecher, Joachim, Zum Emesal-Dialekt des Sumerischen, HSAO, 1967, O. Harrassowitz: Wiesbaden, S. 87-88.

7 Löhnert, Anne, 2014, S. 210.

8 Ebd., S. 192-193.

9 Krecher, Joachim, 1967,. S. 88.

10 Löhnert, Anne, 2014, S. 210.

11 Kara, Stefanie und Claudia Wüstenhagen, Sprachpsychologie: Die Macht der Worte in ZEIT Wissen, Nr. 6/2012, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung (zuletzt aufgerufen am 18.07.2017).

12 Marônek, Pavol, Die Sportsprache im Deutschen - Fussballsprache, 2008, Masaryk Universität Brünn, S. 10-11.

13 Ebd., S. 12.

14 Ebd., S. 13-15.

15 Ebd., S. 19-20.

16 Ebd., S. 22-23.

Details

Seiten
5
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668775664
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437288
Institution / Hochschule
Universität Bern – Archäologisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
archäologie linguistik sprache altorientalisch semitisch emesal veränderung

Autor

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