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Industrie 4.0. Auswirkungen auf die Beschäftigung

Welche potentiellen Chancen und Risiken ergeben sich durch die Industrie 4.0 und welche Beschäftigungseffekte können daraus resultieren?

Bachelorarbeit 2018 40 Seiten

Informatik - Industrie 4.0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Industrie 4.0: Entwicklung und Definitionen
2.1 Hintergründe und Entwicklungen
2.2 Begrifflichkeiten in Bezug auf Industrie 4.0

3 Technische Revolutionen im 21. Jahrhundert
3.1 Computerisierung im nicht-routinemäßigen kognitiven Sektor
3.2 Computerisierung von nicht-routinemäßigen manuellen Aufgaben

4 Chancen und Risiken durch Industrie 4.0
4.1 Mögliche Chancen durch die vierte Industrielle Revolution
4.2 Potentielle Risiken aufgrund von Industrie 4.0
4.3 Maßnahmen für bessere Berufschancen

5 Beschäftigungseffekte durch die Industrie 4.0
5.1 Allgemeine Vorhersagen
5.2 Die Beschäftigung in Österreich
5.2.1 Bisherige Entwicklungen
5.2.2 Prognosen für die österreichische Beschäftigung
5.2.3 Szenarioentwicklung: Methode und Prozess
5.2.4 Szenario 1 : ״Industrie 4.0 Frontrunner“
5.2.5 Szenario 2: ״Langsame Transformation“
5.2.6 Szenario 3: ״Effizienzsteigerung“
5.2.7 Szenario 4: ״Digitales Scheitern“
5.2.8 Bewertung der Szenarien

6 Zusammenfassung

Geschlechtsneutrale Bezeichnung

In der vorliegenden Arbeit wird zur Erleichterung der Lesbarkeit die männliche Anredeform verwendet. Es versteht sich im Sinne der Gleichberechtigung von selbst, dass dabei auch die weibliche Ansprache inbegriffen ist.

Abstract

״Industrie 4.0“ - dieser Begriff ist den meisten schon mal untergekommen, aber was kann man darunter genau verstehen? Wie ist es überhaupt zu der Entwicklung der vierten Industriellen Revolution gekommen? Wird es Auswirkungen auf die Beschäftigung durch die Industrie 4.0 geben? Und wie schätzen die Experten die zukünftigen Entwicklungen im internationalen als auch im österreichischen Kontext ein? Die Antworten auf diese Fragen werden versucht bestmöglich in dieser Arbeit zu geben.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Phasen der Industriellen Revolution

Abbildung 2: Industrie 4.0 - Kernelemente und deren Vernetzung

Abbildung 3: Geschätzter weltweiter operierender Bestand an Industrierobotern von 2008-2020 .

Abbildung 4: Zusammenhänge zwischen Beschäftigung, Produkt- und Prozessinnovation

Abbildung 5: Beschäftigungsentwicklung nach Wirtschaftssektoren seit 1995

Abbildung 6: Wesentliche Charakteristika des Szenarios ״Industrie 4.0 Frontrunner“.

Abbildung 7: Wesentliche Charakteristika des Szenarios ״Langsame Transformation‘^

Abbildung 8: Charakteristika des Szenarios ״Effizienzsteigerung“

Abbildung 9: Wesentliche Charakteristika des Szenarios ״Digitales Scheitern“

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Übersicht der Studien zur potenziellen Wirkung der Digitalisierung auf Beschäftigung

Tabelle 2: Bewertung der Szenarien nach Wünschbarkeit und Wahrscheinlichkeit

1 Einleitung

Die zunehmende Digitalisierung hat nicht nur Auswirkungen auf unser privates und soziales Umfeld. Alleine durch die wachsende Bedeutung der Smartphones in unserem Alltag kommt es schon zu Veränderungen in unserem persönlichen Verhalten. Zudem sind aber nicht nur die Menschen von dieser Entwicklung betroffen, sondern auch die Unternehmen kommen aufgrund der steigenden Automatisierung damit zwangsläufig in Berührung. Daher müssen die Firmen auch ihre altbewährten Routinen und Abläufe überdenken und an die Zeit anpassen.

Dieses überarbeiten der bewährten Systeme wird unweigerlich auch zu Veränderungen in allen Wertschöpfungsprozessen in einem Unternehmen führen. Beginnend bei der Planung, über die Fertigung, bis hin zur Logistik und der Nachbetrachtung eines Produktes wird es zu Umgestaltungen kommen. Durch diesen Wandel kann man darauf schließen, dass dies auch Auswirkungen auf die Arbeitswelt haben wird. Damit einhergehend werden sich einerseits die Anforderungen an die Qualifizierung der Arbeitskräfte verändern. Aber zusätzlich werden so manche Berufsfelder vom Aussterben bedroht sein, aber es können sich durch solche Veränderungen auch neue Möglichkeiten eröffnen. Durch einen möglichen Wandel in der Arbeitswelt werden sich auch Veränderungen in Bezug auf die Beschäftigung ergeben.

In dieser Bachelorarbeit wird auf die Punkte eingegangen, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Zu Beginn der Arbeit soll mit einem kurzen historischen Einblick auf die Industriellen Entwicklungen und einer Begriffserklärung ein Hintergrundwissen geschaffen werden. Darauf aufbauend werden beispielhaft die technischen Revolutionen im 21. Jahrhundert (Jhdt.) beschrieben. Im Anschluss, in Kapitel 4, sollen die sich ergebenden Chancen der Industrie 4.0 für die Arbeitswelt etwas genauer erläutert werden, sowie mögliche negative Konsequenzen und Risiken nicht aus den Augen verloren werden. Zugleich werden in diesem Kapitel aber auch mögliche Maßnahmen erwähnt, um die möglichen negativen Folgen der digitalen Welt einzudämmen. Im letzten Kapitel soll das gesammelte Wissen aus dieser Arbeit genützt werden, um die Prognosen der möglichen Beschäftigungseffekte nachvollziehen zu können. In diesen Prognosen wird eine internationale und eine rein österreichische Betrachtung im Mittelpunkt stehen. Abschließend gibt es noch eine Zusammenfassung, in welcher die wesentlichen Aussagen nochmal kompakt dargestellt werden und eine persönliche Einschätzung aus Sicht des Autors gegeben wird.

2 Industrie 4.0: Entwicklung und Definitionen

Durch die Medienberichte gibt es über die Zeit hinweg immer wieder unterschiedliche Bezeichnungen für das Zeitalter der ״Industrie 4.0“, manche sprechen in diesem Zusammenhang auch vom ״Internet der Dinge“ oder dem ״Internet der Dienste“. Um in diesem Durcheinander von Begriffen Klarheit zu schaffen, soll anfangs über die Historie der Industriellen Revolution, sowie der Entstehung der Industrie 4.0 berichtet werden. Danach wird eine genauere Begriffsabgrenzung erfolgen, damit im Laufe dieser Arbeit vom selben Wissensstand ausgegangen werden kann.

2.1 Hintergründe und Entwicklungen

ln diesem Unterkapitel soll eine kurze Einführung über den Beginn der ersten Industriellen Revolution Ende des 18. Jhdt. bis hin zur heutigen (möglichen) Revolution unter dem Namen ״Industrie 4.0“ gegeben werden. Für die folgenden Schilderungen wurden vorwiegend die Werke von Botthof (2015), Roben (2017) und Windelband (2014) herangezogen.

Bis zum heutigen Zeitpunkt hat die Menschheit bereits 3 unterschiedliche Phasen der Industriellen Revolution durchgemacht, wie man anhand von Abbildung 1 sehen kann. Durch diese teils sehr verschiedenen Phasen hat sich gezwungenermaßen auch die Arbeitswelt maßgeblich mit verändert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Phasen der Industriellen Revolution

Quelle: Botthof (2015), S.4

Im bisherigen Verlauf der Industriellen Revolutionen zeigte sich, dass man zumeist darauf bedacht war, dass die manuelle Arbeit, die körperliche Anstrengung erfordert, mechanisiert bzw. optimiert wird. Der technologische Fortschritt durch die Industrie 4.0 im 21. Jahrhundert führt nun zunehmend auch zur Vereinfachung von kognitiven Aufgaben, die bis heute weitgehend nur in menschlicher Hand waren.

In Anlehnung an Roben (2017, s.25-30) fand die erste Phase der Industriellen Revolution gegen Ende des 18. Jhdts. in der Textilindustrie statt, wo neue mechanische Produktionsanlagen erfunden und eingesetzt wurden, wie Z.B. der Webstuhl. Laut Peyrl (2014, S.2) war hier auch die Dampfmaschine eine der bahnbrechendsten Erfindungen, wodurch später dann Spinnmaschinen oder die Eisenbahnen produziert werden konnten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. begann die Zeit der ״Industrie 2.0“, die laut Roben (2017, s.30-36) besonders durch die elektrotechnische Industrie und die Fließbandfertigung geprägt war. Sehr oft spricht man in diesem Kontext von der arbeitsteiligen Massenproduktion, die von elektrischen Hilfsmitteln unterstützt wird. Besonders bekannt ist hier Henry Ford wegen seiner Fließbandproduktion von Autos.

Nachfolgend auf die zweite Industrielle Revolution brach dann das Zeitalter der speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS) an. Die dritte Entwicklungsphase war nach Roben (2017, S36-44) besonders durch die IT-gestützte Automatisierung und der Halbleitertechnik in der Industrie dominiert. Als Beispiele werden in diesem Zusammenhang oft die Entwicklung des Transistors oder die Funktechnik erwähnt. Es kam zudem zu einer besseren Vernetzung von Mensch und Maschine.

Seit dem Jahr 2011, im Zuge der Industriemesse in Hannover, wurde erstmals der Begriff der ״Industrie 4.0“ in die Öffentlichkeit getragen. Wie Hinterseer (2016, S.158) zeigt, herrscht hier aber durchaus noch viel Verwirrung rund um diesen Begriff. Dieses neue industrielle Zeitalter wurde, u.a. auch durch die Digitalisierung getragen, wodurch dem Internet immer eine größere Bedeutung zukam. Am Beginn stand noch die Datenverarbeitung und Informationsbeschaffung im Vordergrund, später kam dann der Begriff ״Internet der Dinge“ hinzu.

2.2 Begrifflichkeiten in Bezug auf Industrie 4.0

Roben (2017, s.44-45) gibt an, dass sich der Begriff Industrie 4.0 vorwiegend nur im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat, so spricht man in den anderen Ländern Z.B. vom ״Internet der Dinge“. Er geht zudem davon aus, dass es sich noch nicht um eine Industrielle Revolution handelt, sondern sich bestenfalls erst eine ergeben könnte und eine Revolution erst dann rückblickend festgestellt werden kann.

Nach Mattem et al. (2010, S.1) versteht man unter ״Internet der Dinge“ eine Vision, die besagt, dass immer mehr Geräte mit dem Internet verbunden sind. In diesem Kontext nimmt der Begriff der ״smarten Objekte“ eine wichtige Rolle ein: es ist den Geräten durch die Ausstattung mit Informations- und Kommunikationstechnik und Internetzugang möglich, dass sie ihre Umwelt bis zu einem gewissen Grad selber wahrnehmen und auch aus der Ferne bedient werden können. Durch diese digitale Aufwertung der Geräte wird die physische Funktion verbessert und der Gebrauchsgegenstand generiert einen Mehrwert für den Bediener. Des Weiteren können durch die Anbindung an das Internet auch Realwerte in kürzester Zeit ermittelt werden, dies eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten in bestimmten Situationen bzw. es können Prozesse optimiert werden.

Bertschek (2015, S.3) führt an, dass diese physischen Objekte durch eine IP-Adresse eindeutig gekennzeichnet sind und eben durch das Internet miteinander in Kontakt treten können. Des Weiteren ist es den Geräten möglich die erfassten Daten, beispielsweise auf einer Cloud abzulegen um diese dann später weiterzuverarbeiten, siehe dazu auch Kap. 3 ״Big Data“.

Für den Begriff ״Internet der Dienste“ existiert noch keine umfassende Definition, aber laut Windelband (2014, s.140) spricht man im Allgemeinen von einem weltweiten System von Dienstanbietern, -maklern und -konsumenten, die die unterschiedlichsten Dienstleistungen entwickeln, anbieten und nutzen.

Wie Bertschek (2015, s.3) und Peyrl (2014, s.3) zeigen, benötigt man sowohl die Begrifflichkeiten ״Internet der Dinge“ als auch ״Internet der Dienste“, damit man den Begriff ״Industrie 4.0“ genauer verstehen kann. Peyrl (2014, s.3) versteht unter der vierten Industriellen Revolution sog. ״Smart Factories“, denen es möglich ¡stauch bereits geringe Stückzahlen mit einem hohen Grad an Individualisierung zu fertigen. Damit dies möglich ist, benötigt man eine vollständige Digitalisierung aller involvierten Gerätschaften - dadurch entstehen selbstständige Produktions- und Logistiksysteme, die auf Echtzeitdaten zurückgreifen.

Kagermann etai. (2013, s.18) haben in ihrer Arbeit versucht den Begriff von Industrie 4.0 genauer zu definieren:

״Industrie 4.0 ist technische Integration von CPS[111] in die Produktion und die Logistik sowie die Anwendung des Internets der Dinge und Dienste in industriellen Prozessen - einschließlich der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation.“ (Kagermann et al. 2013, s. 18).

Spotti et al. (2017, S.8-9) schließen sich der Definition weitgehend an. Sie sprechen von einem umfassenden Vernetzungsgedanken, wo alle Etappen des Wertschöpfungsprozesses miteinander verknüpft werden. Diese Vernetzung sollte daher das gesamte Unternehmen umfassen. Der Mensch soll als Lenker und Denker fungieren, der jedoch situationsabhängig reagieren soll. Spotti et al. (2017, S.8) haben versucht diese Überlegung in Abbildung 2 darzustellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Industrie 4.0 - Kernelemente und deren Vernetzung

Quelle: Spotti et al. (2017), s.8 und eigene Abänderungen

Bertschek (2015, S.4) weist aber auch darauf hin, dass die sog. Dienstleistung 4.0 ein wesentlicher Bestandteil dieser Industriellen Revolution sein muss. So ist der Grad der Digitalisierung im Dienstleistungsbereich höher als im Industriesektor. So werden sehr viele Dienstleistungen bereits über das World Wide Web angeboten und bieten in manchen Branchen auch hier bereits individualisierte Services an.

3 Technische Revolutionen im 21. Jahrhundert

Jedem sind die vielfältigen Einsatzgebiete von computerisierten Systemen bekannt. Aber innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hat diese Entwicklung ordentlich Fahrt aufgenommen. Mit diesem Kapitel soll nochmals veranschaulicht werden, welche Entwicklung die Anwendungen von Computersystemen, in unserem Alltag genommen hat. Als Literatur diente dafür vorwiegend das Werk von Frey et al. (2013).

Der Vorteil der Verwendung von computerunterstützten Systemen, beispielsweise in der Produktion, liegt auf der Hand. Diese Systeme sind in der Lage vorgegebene Prozesse in einer kürzeren Zeit bei gleichzeitig niedriger Fehlerquote abzuarbeiten, dadurch weisen sie eine höhere Produktivität auf. Dieser Vorteil ist aber in sehr vielen Fällen nur bei gleichbleibenden und ״einfacheren“ Aufgaben ausnutzbar. Es ist aber für die nähere Zukunft anzunehmen, dass die Anwendungsmöglichkeiten sehr stark zunehmen werden, da sich einerseits durch die fortschreitende Technologie und andererseits durch das Managen von Big Data[[2]] neue Chancen eröffnen.

Für den weiteren Verlauf dieses Kapitels werden die Tätigkeiten nach Autor et al. (2003, S.1286) in eine 2x2 Matrix eingeteilt, auf der einen Achse stehen sich Routine und Nicht-Routine- Aufgaben gegenüber und auf der anderen manuelle versus kognitive Aufgaben. Unter Routineaufgaben versteht man Tätigkeiten, die nach expliziten Regeln abgearbeitet und somit von Computern erledigt werden können, wo hingegen nicht­routinemäßige Aufgaben nicht in einem Computercode spezifiziert werden können. Jede dieser Aufgaben kann entweder von kognitiver oder manueller Natur sein. Wenn man sich die bisherige Entwicklung der Computerisierung ansieht, dann ist ein Trend hin zur Übernahme nicht-routinemäßiger Aufgaben zu erkennen. Durch das folgende Zitat soll die Abgrenzung zwischen Routine und Nicht-Routine genauer definiert werden:

"Ein Auto durch den Stadtverkehr zu steuern oder die gekritzelte Handschrift auf einem persönlichen Scheck zu entziffern - kleine Unternehmungen für die meisten Erwachsenen - sind für uns per Definition keine Routineaufgaben.“ (Autor et al. 2003, s. 1283, frei übersetzt)

Das Lenken des Autos im Stadtverkehr ist laut Autor et al. (2003, S.1283) eine nicht­routinemäßige Aufgabe, da man dafür visuelle und motorische Fähigkeiten benötigt um diese spezifischen Situationen zu verarbeiten. Diese Begabungen sind nur sehr schwer programmierbar. Dieses Zitat wurde vor ziemlich genau 5 Jahren verfasst und wenn man sich den aktuellen Stand der Technik ansieht, dann ist das autonome Fahren oder die Erkennung von Handschriften schon tatsächlich Realität. Dies sind nur zwei Hervorbringungen der Computerisierungen im nicht-routinemäßigen Bereich.

3.1 Computerisierung im nicht-routinemäßigen kognitiven Sektor

Vor allem der kognitive Aufgabenbereich eröffnet der Computerisierung neue Einsatzmöglichkeiten. Durch die Nutzung von Big Data können die Systeme ständig dazulernen und immer wieder neue Aufgaben lösen. Einer der wichtigsten komparativen Vorteile von Computern im Vergleich zu menschlicher Arbeit ist die Skalierbarkeit. Beispielsweise können diese Maschinen Rechenaufgaben in größerem Umfang in viel kürzerer Zeit lösen oder sie erkennen in sehr großen Datensätzen bestimmte Muster schneller als wir Menschen.

Ein weiterer Vorteil der Computerisierung von Kognitivitätsaufgaben ist das Fehlen von menschlicher Beeinflussung bzw. Befangenheit. Das System kann sich zu 100% auf das Erledigen des Algorithmus konzentrieren, sofern er korrekt spezifiziert wurde. Laut Kahnemann et al. (1982, S.1124-1125) muss sich ein Mensch hingegen mit anderen Dingen ebenso auseinandersetzen, die in keinem Zusammenhang mit seiner Aufgabe stehen, ein Beispiel dafür wäre Schlafen, ohne ausreichendem Schlaf wird die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Es gibt individuell noch andere Einschränkungen, wie Vorurteile gegenüber Mitmenschen, mit denen wir im Gegensatz zu den Computern konfrontiert sind.

Im Gesundheitsbereich werden die Erkrankungen in einigen Fällen von Computern diagnostiziert. In Anlehnung an Cohn (2013) wird zum Beispiel in einem US- amerikanischen Krebszentrum die Diagnose von chronischen Erkrankungen und die (optimale) Krebsbehandlung durch den Watson-Computer von IBM erstellt. Hierbei werden die vorhandenen Patientenakten, Fachzeitschriften und Berichte nach einem passenden Musterbild elektronisch durchgeforstet. Dadurch ist es dem Computer möglich die individuellen Symptome und Vorgeschichten, sowie die Genetik eines Patienten zu prüfen. Mit diesen Informationen kann dann ein perfekt abgestimmter Behandlungsplan mit der höchsten Erfolgswahrscheinlichkeit generiert werden.

Ein weiterer sehr wichtiger Anwendungsbereich von der Computerisierung ist die Sensorentechnologie. Diese Sensorendaten sind eine der wichtigsten Quellen für Big Data. Ein Auszug der vielen Möglichkeiten kann gefunden werden in der Überprüfung von Apparaturen auf Defekte oder Mängel. Ein weitere Anwendungen wäre die Zustandsüberwachung, beispielsweise die ständige Kontrolle des Befindens eines Patienten auf der Intensivstation in einem Krankenhaus. Hier ist die Tatsache, dass Computer keine menschlichen Vorurteile haben, von großem Wert. Die Algorithmen sind frei von irrationalen Verzerrungen und sind durchgehend verfügbar, da sie keine Ruhepausen benötigen oder keine Konzentrationsstörungen aufweisen.

In Anlehnung an Frey et al. (2013, S.18) gibt es noch weitere Einsatzgebiete, wo sich die Computerisierung immer weiter durchsetzt, wie beispielsweise im Bereich von Rechtsangelegenheiten. Dort werden Computer genutzt um Daten aus vergangenen Fällen zu sichten um relevante Informationen für deren Voruntersuchung zu finden.

Da diese Entwicklungen bei Weitem noch nicht das Ende erreicht haben, gibt es nichtsdestotrotz Schätzungen von Manyika et al. (2013, S.40), dass die eingesetzten Algorithmen weltweit rund 140 Millionen wissenschaftliche Vollzeitarbeiter ersetzen könnten. Durch das steigende Potential der Industrie 4.0 sind einige Berufe in ihrer Existenz gefährdet, aber dies gibt uns Menschen die Möglichkeit, dass man sich hin zu anderen Bereichen verändert. Es wird immer Berufe geben, die niemals vollständig computerisierbar sein werden, siehe dazu Kap. 4.

3. 2 Computerisierung von nicht-routinemäßigen manuellen Aufgaben

Auch hier wird weiterhin mehrheitlich auf das Werk von Frey et al. (2013, s.20-22) Bezug genommen. In den letzten Jahrzehnten haben vor allem die industriellen Roboter den Hauptteil der routinemäßigen Tätigkeiten im manuellen Bereich eingenommen. Seit geraumer Zeit gibt es nun schon weiterentwickelte Roboter, die über Sensoren und Manipulatoren[131] auch nicht-gleichbleibende Tätigkeiten erledigen können. Und es ist absehbar, dass in näherer Zukunft auch noch weitere Roboterfähigkeiten aufgrund von neuen Typen an Sensoren realisierbar sein werden. Ein Beispiel hierfür wäre das selbstfahrende Auto, an dem u.a. Google zurzeit arbeitet. Durch den erweiterten Algorithmus ist es dem System möglich, dass es gleichzeitig seine 360°-Umgebung wahrnimmt und verarbeitet. Dies stellt einen großen Vorteil im Vergleich zu uns Menschen dar, weil wir uns nur auf einen bestimmten Bereich unserer Umgebung auf einmal konzentrieren können.

Big Data, die von diesen verbesserten Sensoren geliefert werden, bieten Lösungen für viele technische Probleme, die in der Vergangenheit die Entwicklung von Robotern bzw. selbstfahrenden Fahrzeugen behindert hatten. Zum Beispiel speichern die selbstfahrenden Fahrzeuge während ihrer Fahrt die gesammelten Daten über ihre Umgebung. Dadurch können solche Systeme auf Veränderungen in ihrem Umfeld, wie u. a. Baustellen, reagieren. Durch diese Nutzung von Big Data und den dahinter liegenden Algorithmen kann diese kommende Technologie eine Vielzahl von Logistikjobs betreffen, aber dazu mehr in Kap. 4.2.

Fortschrittliche Sensoren ermöglichen es Robotern zudem Abläufe abzuarbeiten. Manyika et al. (2013, S.72) führen als Beispiel den Roboter mit dem Namen Baxter an. Baxter ist ein Allzweckroboter mit einem Kaufpreis von rund 22.000$. Dieser ״Maschinenmensch“ verfügt über einen LCD-Bildschirm, der ein Augenpaar anzeigt, das je nach Situation verschiedene Ausdrücke annimmt. Wenn der Roboter zum ersten Mal installiert wird oder einen neuen Arbeitsablauf lernen muss, ist keine Programmierung erforderlich. Ein menschlicher Arbeiter führt die Roboterarme einfach durch die Bewegungen, die für die Aufgabe benötigt werden. Baxter merkt sich diese Muster und kann über den Bildschirm mitteilen, dass er seine neuen Anweisungen verstanden hat.

Durch diese fortschreitende Entwicklung und Anwendbarkeit von Robotern ergeben sich auch sinkende Produktionskosten, da sich die Absatzmenge erhöhen wird. Manyika et al. (2013, S.71) zeigen, dass die Preise für Roboter im letzten Jahrzehnt um ca. 10 Prozent gesunken sind und dieser Preisrückgang wird sich in näherer Zukunft weiter fortsetzen. Durch die niedrigeren Roboterpreise werden unweigerlich immer mehr ״Maschinenmenschen“ als reale physische Menschen im Produktionsprozess eingesetzt werden. Nach dem Bericht von der International Federation of Robotics (IFR, 2017, s. 15) ist die Anzahl der verkauften Industrieroboter im Vergleich zu 2015 um 16% gestiegen. Und der weltweit operierende Bestand an Industrierobotern nimmt bis 2020 weiter zu, wie in Abbildung 3 ersichtlich ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Geschätzter weltweiter operierender Bestand an Industrierobotern von 2008 - 2020

Quelle: IFR (2017), S.24

Dieser Trend in Abbildung 3 lässt darauf schließen, dass die Roboter immer mehr manuelle Aufgaben, vor allem in den Bereichen Herstellung, Verpackung und Landwirtschaft übernehmen werden. Laut Manyika et al. (2013, S.71) erfüllen Roboter bereits viele einfache Serviceaufgaben, die im Haushalt anfallen - der Markt für solche Tätigkeiten wächst jährlich um rund 20 Prozent.

Autor et al. (2003, S.1295) sind der Meinung, dass Roboter durch niedrigere Anschaffungskosten auch Tätigkeiten im Sektor der Niedriglohnberufe erledigen werden. Dies bedeutet, dass viele manuelle Tätigkeiten mit niedrigen Löhnen, die zuvor vor der Computerisierung geschützt waren, im Laufe der Zeit abnehmen könnten.

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Details

Seiten
40
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668790322
ISBN (Buch)
9783668790339
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437149
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Volkswirtschaftslehre
Note
1,0
Schlagworte
Industrie 4.0 Beschäftigung Digitalisierung

Autor

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Titel: Industrie 4.0. Auswirkungen auf die Beschäftigung