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Die nationalsozialistische Propaganda in Bezug auf den Soldatentod

Bachelorarbeit 2015 56 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis III

1 Einleitung

2 Nationalsozialismus als Religion
2.1 Gefallene deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg
2.2 Die Bedeutung des Todes als Problem für das nationalsozialistische Kollektiv

3 Propaganda im Dritten Reich
3.1 Begrifflichkeiten
3.1.1 Held
3.1.2 Opfer
3.2 Rituelle Veranstaltungen zur Ehrung der Toten
3.2.1 9. November 1923: Die Verehrung der „Blutzeugen“
3.2.2 Entstehung des Volkstrauertags in der Weimarer Republik
3.2.3 Entwicklung des Heldengedenktags im Dritten Reich
3.3 Die Entwicklung der Erinnerungskultur
3.3.1 Denkmäler
3.3.2 Todesanzeigen

4 Die Niederlage der Deutschen Wehrmacht bei Stalingrad: Der Verfall der nationalsozialistischen Propaganda

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kranzniederlegung

Abbildung 2: Kriegerdenkmal Hamburg

Abbildung 3: Königsplatz München 1935

Abbildung 4: Todesanzeigen Oktober 1944 aus „Das schwarze Korps“

1 Einleitung

„ Grainau macht kurzen Prozess mit Denkmal “ 1, so lautet die Überschrift eines im Juni 2015 erschienenen Artikels im Starnberger Merkur. Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands erweist sich auch noch 70 Jahre nach Kriegsende als schwierig. Der Bürgermeister der ober- bayerischen Gemeinde Grainau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ent- schied spontan, das Denkmal verschwinden zu lassen. Den Anstoß dazu gab ihm ein linksorientierter Historiker-Zirkel, der auf Grund des G7-Gipfels vor dem besagten Findling protestierte. Das Denkmal stand für das „Polizei- Gebirgsjäger-Regiment 18“, das laut Historiker Ralph Klein an der Deportation von Juden 1944 beteiligt gewesen sei. Nach Entfernung des Denkmals wurde die dazu angebrachte Gedenktafel den Veteranen übergeben, der Stein selbst soll nun verbaut werden.

Dieser Findling lässt unvermeidlich die Frage aufkommen, wie es zu einem totalitären System kommen konnte, das unser Bewusstsein noch heute derart beeinflusst. Untersuchungen der Neuesten Geschichte, die sich mit der The- matik befassen, wie es dem NS-Regime gelungen ist, dass trotz aller mensch- lichen Verluste und Niederlagen bis Mai 1945 die totalitäre Macht aufrecht erhalten wurde, sind bis heute brisante Elemente wissenschaftlicher Diskus- sionen.

Ein wichtiger Teilaspekt dieser Fragestellung bildet die nationalsozialistische Propaganda. Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, sah in ihr die Aufgabe, die Macht „ geistig zu unterbauen, und nicht nur den Staatsapparat, sondern das Volk insgesamt zu erobern. “ 2 Im Allgemeinen stellt die Propa- ganda als Machtpfeiler im Dritten Reich ein komplexes Thema dar, da die to- talitäre Kriegsführung die gesamte deutsche Bevölkerung auf allen Ebenen vollständig einzunehmen vermochte. Ohne Adolf Hitler als personifizierte Staatsgewalt hätte die nationalsozialistische Propaganda nie eine suggestive Kraft dieses Ausmaßes erreichen können. Diese Arbeit soll sich explizit der Frage widmen, in welcher Form sich die nationalsozialistische Propaganda mit dem Soldatentod auseinander gesetzt und diesen für ihre Ziele genutzt hat. Insbesondere soll an Hand von religiösen, begrifflichen, sowie rituellen Aspekten aufgezeigt werden, welche Grundlagen das Gefallenengedenken nach dem Ersten Weltkrieg und dessen Auswirkungen in der Weimarer Republik für die Propaganda im Dritten Reich geschaffen hat.

Die Arbeit gliedert sich in drei unterschiedliche Abschnitte. Das nachfolgende Kapitel 2 konzentriert sich auf den Nationalsozialismus als politische „Religion“ mit Adolf Hitler als Erlöserfigur. Diese Betrachtung soll die Einstellungen der Nationalsozialisten und der Bevölkerung zum Tod darlegen, so wie die Not- wendigkeit für die Propaganda, sich mit dem Thema Soldatentod zu befassen. Die während des Zweiten Weltkriegs ansteigenden Gefallenenzahlen, stellten die nationalsozialistische Propaganda hinsichtlich der Interpretation des Todes zunehmend vor Probleme. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll auf Kapitel 3 und 4 liegen. Im ersten Schritt werden die Begrifflichkeiten und Methoden vor- gestellt, die das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda anwandte, um das Volk zu mobilisieren. Es folgt eine Untersuchung von rituellen Veran- staltungen: Der 9. November 1923 und seine Gedenktage spielten sowohl für Adolf Hitler, als auch für seine Partei, eine wichtige Rolle. Anschließend wird die Entstehung und Entwicklung des Volkstrauertags in der Zwischenkriegs- zeit betrachtet. Ein weiterer Fokus wird auf der Entwicklung dieses Trauertags während der Zeit des Nationalsozialismus liegen. Anschließend wird das Ge- denken der gefallenen Soldaten in Form von Denkmälern und Todesanzeigen behandelt. Auch hier wird in Bezug auf die monumentalen Bauten retrospektiv die Nachkriegszeit des Ersten Weltkrieges und dessen Gefallenenkultur dar- gestellt. Das 4. Kapitel behandelt die Niederlage der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad, um den Niedergang des Hitler-Mythos und dem Verlust der suggestiven Kraft der Propaganda zu beleuchten.

2 Nationalsozialismus als Religion

Einen der wichtigsten Machtpfeiler des nationalsozialistischen Regimes stellte die Propaganda dar. Ihre suggestive Kraft entfaltete diese vor allem durch die propagierte Heilsgeschichte des Nationalsozialismus.

Inwieweit er als Religion3 anzusehen ist und welche Rolle die Todessymbolik in der Ideologie4 spielte, soll in diesem Kapitel erläutert werden. Eine erste Annäherung an die nationalsozialistische Propaganda in Bezug auf den Soldatentod wird durch den Einstieg der Betrachtung der religiösen Elemente erleichtert, da bei dieser Thematik ebenso Gefühle und Symbole, wie historische Fakten einbezogen werden können. Diese Erläuterungen liefern einen Zugang zur Einstellung der Menschen. So kann im weiteren Verlauf die Wirkungsweise der Propaganda genauer analysiert werden.

Obwohl Adolf Hitler kein Religionsanhänger war, findet man im Nationalsozia- lismus zahlreiche religionsähnliche Elemente. So glaubten beispielsweise die Anhänger dieser NS-Ideologie, dass sie (die Arier im Sinne der Rassenlehre) das von Gott auserwählte Volk sind.5 Es ist davon auszugehen, dass Adolf Hitler selbst in dieser Anschauung keinerlei religiösen Bezug sah, er benutzte diesen Kult lediglich, um seine antisemitische Ideologie zu verbreiten.

Des Weiteren wurde Hitler von den Anhängern des Nationalsozialismus als eine Art „Messias“ angesehen. Seine Aufgabe war es, die Deutschen in eine glorreiche Zukunft zu führen und diese zu erlösen.6

Dies soll an folgendem Zitat von Hermann Göring aus dem Jahre 1938 veranschaulicht werden:

„ In allen diesen Jahren hat der Allmächtige ihn und das Volk wieder und immer wieder gesegnet. Er hat uns im Führer den Retter gesandt. Un- beirrbar ging der Führer seinen Weg. Unbeirrbar folgen wir ihm. [...] Deutsches Volk, trage die stahlerne Gewissheit in dir: Solange das Volk und Führer eins sind, wird Deutschland unüberwindlich sein. Der Herr sandte uns den Führer, nicht damit wir untergehen, sondern damit Deutschland auferstehe. “ 7

Trotz aller Ablehnung gegenüber jeglicher Mystifizierung kamen Hitler die „ kultische[n] Zelebrationen “ 8 sehr gelegen.

Ein weiteres wichtiges religionsähnliches Element stellt der Glaube an ein neues Reich und somit die Erlösung dar. Das Christentum predigt, dass der Sohn Gottes eines Tages auf die Erde zurückkehren wird, um diese in eine paradiesische Zeit zu führen. Auch der Nationalsozialismus propagierte ein neues Zeitalter, namentlich das „Dritte Reich“. Dem deutschen Volk wurde nach der Niederschlagung des Bösen (im Sinne der Rassenlehre) dieses in Aussicht gestellt.9 Wie die Erlösung allerdings eintreten sollte, unterscheidet die beiden Glaubensansätze erheblich voneinander: Im christlichen Glauben findet die Erlösung durch himmlische Heerscharen statt und nicht durch den Menschen selbst.10

Ziel der NS-Ideologie war es, den ganzen Menschen einzunehmen und zu mobilisieren. Er sollte bereit sein für seinen Glauben Opfer zu bringen, bis hin zum eigenen Tode.11 Für die Christen markiert der Tod das ewige Leben der Seele im Paradies. Für die Anhänger des Nationalsozialismus bedeutete der Tod ein Opfer für das Deutsche Reich, das so wieder auferstehen wird.12 Auch der religiöse Opfergedanke gefiel Adolf Hitler. Um diesen zu glorifizie- ren, bezeichnete er die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs als „Helden“13, um dadurch die nachfolgenden Generationen für einen Krieg und den Glauben an das deutsche Volk und das Vaterland zu begeistern.

Diese religionsähnlichen Elemente haben dazu geführt, dass der Nationalso- zialismus transzendental14 verstanden wurde. Adolf Hitler wusste diese religiösen Elemente für seine säkularen Ziele zu instrumentalisieren und so ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.15

Eric Voegelin (3.1.1901 - 19.1.1985), ein deutsch-amerikanischer Politologe, charakterisierte die NS Ideologie in seinem Werk „Die politischen Religionen“ im Jahre 1938 als innerweltliche Religion. Dies begründete er dadurch, dass die innerweltliche Gemeinschaft nicht mehr im „ Auftrag Gottes “ 16 handelt, sondern auf „ Befehl des Blutes “ 17. In einer Rede kurz vor der Machtübernah- me sprach Hitler wie folgt über die sakrale Substanz des Blutes: „ Stände ver- gehen, Klassenändern sich, Menschenschicksale wandeln sich, etwas bleibt uns und mußuns bleiben: Das Volk an sich als Substanz von Fleisch und Blut. “ 18 Die deutsche Rasse wird somit zum Ideal erhoben.

Das wichtigste Instrument, um den Glauben an die NS-Ideologie in der Bevöl- kerung zu verbreiten, waren die Gedenkfeiern. Im Rahmen derer wurden die Glaubensinhalte verkündet und durch pompöse Inszenierungen Begeisterung geweckt.19 Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Gefallenenehrungsfeiern. Diese hatten zum Ziel, Trost zu spenden und gleichzeitig das Treuebekennt- nis der Überlebenden zu stärken.20 Wie diese stattfanden, wird in den nach- folgenden Kapiteln, insbesondere am Beispiel des Volkstrauertags erläutert.

Zusammenfassend ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass die nationalsoziali- stische Geisteshaltung in Bezug auf die Heilsgeschichte und des Monotheis- mus zwar Ähnlichkeiten zum christlichen Glauben aufweist, jedoch transzen- dentale Aspekte nur zu Propagandazwecken und zur Begründung ihres Anti- semitismus benutzt wurden. Somit handelt es sich nicht um eine nationalso- zialistische Religion, sondern vielmehr um einen Religionsersatz.

2.1 Gefallene deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Um sich ein besseres Bild machen zu können, wie die Propaganda auf den Soldatentod reagierte, muss zunächst noch ein Blick auf die Verlustzahlen gerichtet werden. Exakte Angaben sind nicht verfügbar, da diese in den ver- schiedensten Publikationen, aus unterschiedlichen Gründen stark voneinan- der abweichen. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf die Stichproben von Jürgen Overmans.21 Insgesamt wurden 18,2 Millionen Soldaten, eingeschlos- sen der Waffen-SS, für die deutsche Wehrmacht eingezogen, davon kamen 5,3 Millionen ums Leben.22 Overmans untergliedert seine Untersuchung der Gefallenenzahlen in vier Zeiträume: Die erste Phase beginnt im September 1939 und endet im Juni 1941. Diese Zeitspanne umfasst den Angriff auf Po- len, die Invasion Norwegens und Dänemarks, sowie den Frankreich-Feldzug. Bei diesen Operationen sind insgesamt 163.033 deutsche Soldaten gefallen. Der Angriff auf die Sowjetunion stellt den Beginn der zweiten Phase, von Juni 1941 bis Juni 1943 dar und endet mit der Niederlage bei Stalingrad. In dieser Zeit starben 1.259.577 deutsche Soldaten.

Von Juli 1943 bis Mai 1944 sind 873.442 Gefallene zu beklagen. Eine noch dramatischere Entwicklung ist am Ende des Krieges zu beobachten. Inner- halb eines Jahres, von Juni 1944 bis Mai 1945, verlieren 2.752.576 Soldaten ihr Leben.23

2.2 Die Bedeutung des Todes als Problem für das nationalsozialistische Kollektiv

Die nationalsozialistische Propaganda wollte vor allem der Kirche nicht die Deutung über den Tod überlassen, da die ursprünglich christliche Interpretati- on des Sterbens, nicht mit jener der nationalsozialistischen Propaganda ver- einbar war. Das höchste Ziel der nationalsozialistischen Ideologie war es, ein Kollektiv zu schaffen. Durch den Tod wird ein Mensch unabdingbar aus der Gemeinschaft und den wechselseitigen Beziehungen herausgelöst.24 Somit stellt der Tod für die Nationalsozialisten ein Problem ihres Integrationsbestre- bens dar.

Wie bereits dargestellt, wurde durch die Führung des NS-Staates ein ewiges, zumindest 1000-jähriges, Reich propagiert. Dies wurde durch das massenhaf- te Sterben, insbesondere während des Krieges, fortwährend in Frage gestellt. Durch den allgegenwärtigen Tod konnte keine Kontinuität erreicht werden. Ebenso mussten den Gefallenen und zivilen Opfern Bedeutung zugeschrie- ben werden, um der Gesellschaft die Sinnfrage zu beantworten und die Mobi- lisierung der Massen zu gewährleisten. Religionen haben im allgemeinen die Aufgabe, dem Tod einen Sinn zu verleihen, das Unverstehbare verständlich zu machen und den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost zu spenden. Diese Aufgabe lässt sich auch auf den Nationalsozialismus übertragen.25 Inwieweit die Propaganda dem Tod Plausibilität und Dignität verleihen konnte, soll im Verlauf der Arbeit geklärt werden.

3 Propaganda im Dritten Reich

Adolf Hitler widmete in seinem Werk „Mein Kampf“ ein ganzes Kapitel der Kriegspropaganda.26 Hier wird die Maxime einer effektiven Propaganda erläu- tert:

„ Die Aufgabe der Propaganda ist zum Beispiel nicht ein Abwägen der verschiedenen Rechte, sondern das ausschließliche Betonen des einen eben durch sie zu vertretenden. Sie hat nicht objektiv auch die Wahr heit, soweit sie den anderen günstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinärer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbro chen der eigenen zu dienen. “ 27

Weiter schreibt er:

„ Die Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau ein- zustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter de- nen, an die sie sich zu richten gedenkt. Damit wird ihre rein geistige Höhe umso tiefer zu stellen sein, je gr öß er die zu erfassenden Masse der Menschen sein soll.[...] je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, um so durchschlagender der Erfolg. “ 28

Daraus folgerten Hitler und der Reichspropagandaleiter Goebbels, dass es die beste Strategie für die Propaganda sei, sich nur auf wenige Punkte zu beschränken und diese schlagwortartig zu wiederholen, bis sie die komplette Bevölkerungsschicht bis auf den Letzten erreicht haben und sich an Emotionen bedient, ohne dass diese es bemerkt.29

3.1 Begrifflichkeiten

Für die propagandistische Durchdringung der Bevölkerung eigneten sich ins- besondere bestimmte ideologische Begriffe, die keine Erfindung der National- sozialisten darstellen. Diese waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg weitläufig bekannt. Die Propaganda verstand es lediglich, diese politisch und symbolisch aufzuladen.

3.1.1 Held

Der Begriff des Helden stellt einen der wichtigsten Bestandteile totalitärer Mythen dar.30 Der nationalsozialistische Held, repräsentierte nicht unbedingt einen neuen Menschentypus. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts ent- wickelte sich ein heroisches Tätigkeitsprofil: Der Held kämpfte nicht mehr für sein eigenes Wohl, sondern für das Vaterland beziehungsweise für die Nati- on.31 Der Erste Weltkrieg bot vor allem der jungen Bevölkerung die Gelegen- heit, ihr aktives Heldentum unter Beweis zu stellen. Insgesamt starben wäh- rend des Ersten Weltkriegs 1,8 Millionen deutsche Soldaten.32 Anstelle von Trauer entwickelte sich in der Nachkriegszeit, insbesondere in der völkischen Rechten, ein Sinn für Revanchismus, der das Heldentum auch nach dem Krieg stark förderte.33 Auf dieser Grundlage konnte die nationalsozialistische Propaganda aufbauen. Der Heldenbegriff änderte sich im Vergleich zur Vor- kriegszeit des Ersten Weltkrieges nur marginal: Der Kampf für das Vaterland galt nun als das Wesentliche und stellte somit eine sinnvolle Lebensaufgabe dar. Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden von der nationalsozialisti- schen Propaganda als Helden gefeiert, um so die Tilgung des Kriegstraumas zu kompensieren.34 Der Mythos des Helden erwies sich zudem gesellschafts- politisch als erfolgreich. Dieser trug nach René Schilling zur Integration des nationalsozialistischen Regimes bei, er stabilisierte nicht nur dessen Legitimi- tät, sondern auch den Führermythos. Für die nationalsozialistische Propa- ganda lieferte der Begriff des Helden ein Mittel für die Steigerung der geisti- gen Mobilmachung.35

Der Held wurde im Dritten Reich mit der Eisen- und Stahlsymbolik in Verbin- dung gebracht. Der stahlharte Körper, der insbesondere durch die sportliche Erziehung der Jugend erreicht werden sollte, stellte für Adolf Hitler ein Ideal- bild dar.36 Falls der Held seine Taten überlebt, wird dieser im Nationalsozia- lismus gefeiert, der Tod wurde innerhalb der Heldenpropaganda durch eine noch größere Verehrung belohnt. Diese wurde durch Riten, Feierlichkeiten, Symbole und Denkmäler öffentlich dokumentiert.37 Eine erste offizielle Hand- lung der nationalsozialistischen Propaganda hinsichtlich des Heldenmythos und des Soldatentods, stellt die Umbenennung des „Volkstrauertags“ in den „Heldengedenktag“ dar. Wie der neue Name schon vermuten lässt, sollte nicht mehr die Trauer um die Gefallenen im Zentrum stehen, sondern das Gedenken an die Helden. So wurde erfolgreich eine Verbindung zu den Toten des Ersten Weltkrieges hergestellt und deren Tod gerechtfertigt. Welche kon- kreten zeremoniellen Formen und Entwicklungen dieser Gedenktag mit sich brachte, wird im Laufe dieser Arbeit noch untersucht werden.

In der nationalsozialistischen Propaganda wurden die Helden stets als „Söh- ne“ bezeichnet, welche die Anweisungen und Wünsche der „Väter“ erfüllen sollten. Als Vater schlechthin ist dabei Hitler selbst anzusehen.38 Niemals kommt der Held ohne einen Gegenpart, den Anti-Helden aus. Der absolute Feind wurde mit Hilfe der Rassenideologie über das „fremde Blut“ definiert: Dabei wurde der Jude als Anti-Held und Anti-Christ angesehen, den es zu bekämpfen galt. Das gemeinsame Feindbild sollte die Gemeinschaft noch stärker zusammenschweißen. Eine weitere wichtige Rolle innerhalb des Deutungsmusters des Helden, spielte das weibliche Geschlecht: Die Ehe- frauen, Geliebten und Mütter hatten es nicht nur zu akzeptieren, dass ihre Männer und Söhne in den Krieg zogen, sie hatten dies vielmehr zu bejahen. Ihre Aufgabe war es zudem, die Familie in Abwesenheit des Mannes zu ver- sorgen und im Falle eines Krieges die Pflege der männlichen Verwundeten zu garantieren.39 Diesem Bild der „Pflegerin“ stand das der „unberechenbaren, emotionalen Frau“ gegenüber. Deren erotische Ausstrahlung konnte dem emotionslosen Helden zum Verhängnis werden. Eine Hingabe zu diesem Frauentyp bedeutete nicht zwangsläufig den Verlust der Kontrolle, sondern konnte sich durchaus auch motivierend auf den Mann wirken.40 Auch in Be- zug auf das Frauenbild, hat sich im Vergleich zur Zeit des Ersten Weltkrieges jedoch nur wenig verändert. Beide oben genannten Stereotypen findet man bereits im 19. Jahrhundert. Die nationalsozialistische Ideologie hat demnach nur eine radikalere Abgrenzung der Geschlechterrollen vorgenommen.41 Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Held des Nationalsozialismus ein Idealbild eines kühlen, harten und kalkulierenden Soldaten darstellt, der ohne jegliches Mitleidsempfinden gegen seinen Feind vorgehen sollte.42 Hier- bei wurde die Identifikation der gesamten Bevölkerung -egal welchen Ge- schlechts- mit diesem Bild und deren Nachahmung von der nationalsozialisti- schen Propaganda angestrebt.

3.1.2 Opfer

Der Begriff „Opfer“ ist in der deutschen Sprache nicht eindeutig definiert. Es wird nicht unterschieden (wie beispielsweise im Englischen) zwischen den zwei möglichen Bedeutungen von „sacrificium“ und „offertum“. Im deutschen Wort „Opfer“ findet man sowohl die Bedeutung des aktiven (kultischen), als auch die des passiven (unkultischen) Opfers.43 In der nationalsozialistischen Propaganda, sind innerhalb dieser Begrifflichkeit beide Bedeutungen zu fin- den: Die Helden des Ersten Weltkrieges wurden auf dem „Altar des Vaterlan- des“ geopfert.44 Dieses Opferbild sollte insbesondere für die junge Generation als Ansporn dienen, ihre Tugenden im Krieg unter Beweis zu stellen. Doch auch hier sei darauf hinzuweisen, dass die Opfervorstellung keine Erfindung des NS-Regimes war. Die Gefallenen der Befreiungskriege (Deutsch- Französischer Krieg 1870/71) und natürlich auch diejenigen des Ersten Welt- krieges wurden bereits für deren Opferbereitschaft glorifiziert. Das selbstlose Opfern des Individuums für die Gemeinschaft, die Nation oder das Vaterland, wurde zu der Tugend schlechthin.45

Die nationalsozialistische Propaganda sprach den gefallenen, deutschen Op- fern des Ersten Weltkrieges noch mehr Bedeutung zu. Die Niederlage 1918 wurde durch Aussagen wie „Im Felde unbesiegt“ geleugnet46,und auch nach einer Bilanz von ca. 2 Millionen Gefallenen herrschte ein positiv konnotiertes Helden- und Opferbild. Die nationalsozialistischen Mythen konnten nahtlos an die des Kaiserreichs, beziehungsweise die der Weimarer Republik anschlie- ßen. Die Propaganda appellierte stets an die Opferbereitschaft der Soldaten. Durch den Mut den eigenen Tod in Kauf zu nehmen und den Feind zu töten wurde das Leben und Ansehen des nationalsozialistischen Mannes stark auf- gewertet.47 Der Logik des Mythos folgend, war es die Aufgabe der Überle- benden, dem Tod der Opfer einen Sinn zu verleihen. Dies konnte nur gelin- gen, wenn diese den Kampf für eine bessere Zukunft für das Reich weiter- führten.48

3.2 Rituelle Veranstaltungen zur Ehrung der Toten

Die zuvor behandelten Begriffe (Held und Opfer) stellen auch im Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Feierlichkeiten einen zentralen Aspekt dar. Ziel der Veranstaltung war es, nicht nur das Opfer zu würdigen, sondern auch die Opferbereitschaft der Lebenden zu steigern und den Glauben an den „Führer“ zu stärken. Die folgenden Abschnitte sollen sich dem 9. November, dem Tag der „Märtyrer“, widmen, sowie die Entwicklung des Volkstrauertags hin zum Heldengedenktag aufzeigen. Im Mittelpunkt steht auch hier die Sinnstiftung und politische Interpretation des Sterbens.

3.2.1 9. November 1923: Die Verehrung der „Blutzeugen“

Im nationalsozialistischen Festtagskalender stellt der 9. November einen der höchsten Feiertage dar. Man könnte vermuten, dass die Machtübernahme vom 30. Januar 1933 als Gründungsereignis gefeiert wurde, jedoch erhielt ein Ereignis, welches sich zehn Jahre zuvor ereignete, weit mehr Bedeutung. Hierbei handelt es sich um den gescheiterten Hitler Putsch im Jahre 1923, in München, bei dem sechzehn Parteianhänger der NSDAP ums Leben ka- men.49 Um die Veranstaltungsriten des Feiertages nachvollziehen zu können, soll dieser im Folgenden anhand der Feierlichkeiten in München, der „Haupt- stadt der Bewegung“, behandelt werden. In den Jahren zwischen 1933 und 1945 wurde versucht die „Leidensgeschichte“ der „Märtyrer“ der NSDAP nachzuzeichnen. Das Jahr 1935 stellt einen besonderen Zeitpunkt in Hinblick auf den zeremoniellen Ablauf dar. Zunächst versammelten sich die Teilneh- mer des Gedenkmarsches am 9. November 1935 in festgelegter Reihenfolge und historischer Uniform, um den Marsch schweigend durch die Straßen in München anzutreten. Unter ihnen befanden sich auch hohe Offiziere, die im Jahre 1923 noch als NSDAP-Gegner angesehen worden waren.

[...]


1 Starnberger Merkur (12.06.2015): http://www.merkur.de/lokales/garmisch- partenkirchen/garmisch-partenkirchen/grainau-macht-kurzen-prozess-denkmal-5094774.html, zuletzt geprüft am 13.10.2015.

2 Goebbels, Joseph: Die Tagebücher, Teil 1 Bd.2 (1.1.1931-31.12.1936), München 1987, S. 113.

3 Defintion nach dem Duden: „Meist von einer größeren Gemeinschaft angenommener be- stimmter, durch Lehre und Satzungen festgelegter Glaube und sein Bekenntnis“. Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Religion, zuletzt geprüft am 13.10.2015.

4 Definition nach dem Duden: „An eine soziale Gruppe, eine Kultur o.Ä. gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“. Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Ideologie, zuletzt geprüft am 27.09.2015.

5 Vgl. Schipperges, Karl-Josef: Zur Instrumentalisierung der Religion in modernen Herrschafts- systemen. In: Maier, Hans (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Band III: Deutungsgeschichte und Theorie, Paderborn 2003, S. 228f.

6 Vgl. Ebd., S. 229f.

7 Gritzbach, Erich (Hrsg.): Hermann, Göring: Reden und Aufsätze, München 1938, S. 286.

8 Vondung, Klaus: „Gläubigkeit“ im Nationalsozialismus. In: Maier, Hans / Michael Schäfer (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des Diktaturvergleichs. Band II, Paderborn 1997, S. 28.

9 Vgl. Bédarida, Francois: Nationalsozialistische Verkündigung und säkulare Religion. In: Ley, Michael / Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Bodenheim 1997, S. 153 - 167, hier: 157ff.

10 Vgl. Bärsch, Claus- Eckkehard: Erlösung und Vernichtung. Dr. phil. Joseph Goebbels. Zur Psyche und Ideologie eines jungen Nationalsozialisten 1923- 1927, München, 1987, S. 286.

11 Vgl. Vondung: „Gläubigkeit“ im Nationalsozialismus, S. 20f.

12 Vgl. Heyer, Karl: Wesen und Wollen des Nationalsozialismus und das Schicksal des deutschen Volkes, Basel 1991, S. 141ff.

13 Vgl. Hitler, Adolf: Mein Kampf. München 1927, S. 581ff.

14 Definition nach dem Duden: „(Philosophie) die Grenzen der Erfahrung und der sinnlich erkennbaren Welt überschreitend; übersinnlich, übernatürlich.“ Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/transzendent#b2-Bedeutung-1, zuletzt geprüft am 13.10.2015.

15 Vgl. Heyer: Wesen und Wollen des Nationalsozialismus, S. 137.

16 Voegelin, Eric: Die politischen Religionen, München 1996, S. 49.

17 Ebd.

18 Vondung: „Gläubigkeit“ im Nationalsozialismus. S. 17.

19 Vgl. Ebd.

20 Vgl. Ebd., S. 21.

21 Vgl. Overmans, Rüdiger: Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, Reihe: Beiträge zur Militärgeschichte Bd. 46, München 1999.

22 Vgl. Ebd., S. 224.

23 Vgl. Ebd., S. 238, Abb. 3.

24 Vgl. Hahn, Alois: Einstellungen zum Tod und ihre soziale Bedingtheit. Eine soziologische Untersuchung, Reihe: Soziologische Gegenwartsfragen Neue Folgen Bd. 26, Stuttgart 1968, S. 95.

25 Vgl. Nassehi, Armin / Weber, Georg: Tod, Modernität und Gesellschaft. Entwurf einer Theorie der Todesverdrängung, Opladen 1989, S.271.

26 Vgl. Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus, Reihe: Die kleinen de Gruyter Bände Bd. 6, Berlin 1964, „Propaganda“ S. 475 - 480, hier: 477.

27 Ebd., S. 478.

28 Ebd.

29 Vgl. Ebd., S. 479.

30 Vgl. Günther, Hans: Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos, in: Vetter, Matthias (Hrsg.): Terroristische Diktaturen im 20. Jahrhundert. Strukturelemente der nationalsozialistischen und der stalinistischen Herrschaft, Wiesbaden 1996, S. 42 - 63, hier: 45.

31 Vgl. Frevert, Ute: Herren und Helden. Vom Aufstieg und Niedergang des Heroismus im 19. und 20. Jahrhundert, in: Dülmen, Richard van (Hrsg.): Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500 - 2000, Wien 1998, S. 323 - 344, hier: S. 338.

32 Vgl. Ebd., S. 339.

33 Vgl. Ebd., S. 340.

34 Vgl. Frevert: Herren und Helden, S. 341.

35 Vgl. Schilling: Die „Helden der Wehrmacht“ - Konstruktion und Rezeption, in: Müller, RolfDieter / Volkmann, Hans-Erich (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität, München 1999, S. 550 - 572, hier: 566.

36 Vgl. Günther: Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos, S. 50f.

37 Vgl. Behrenbeck, Sabine: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole 1923 bis 1945, Reihe: Kölner Beiträge zur Nationsforschung Bd. 2, Greifswald 1996, S. 67 f.

38 Vgl. Günther: Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos, S. 52.

39 Vgl. Schilling: Die „Helden der Wehrmacht“, S. 562.

40 Vgl. Ebd., S. 564.

41 Vgl. Ebd., S. 566.

42 Vgl. Endlich, Stefanie: Heldenkult, in: Benz, Wolfgang Graml, Hermann / Weiß, Hermann (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Reihe: Digitale Bibliothek Bd. 25, Berlin 1999, S. 1573 f.

43 Vgl. Behrenbeck, Sabine: Heldenkult und Opfermythos. Mechanismen der Kriegsbegeisterung 1918 - 1945, in: Van der Linden, Marcel / Mergner Gottfried (Hrsg.): Kriegsbegeisterung und mentale Kriegsvorbereitung. Interdisziplinäre Studien, Reihe: Beiträge zur politischen Wissenschaft Bd. 61, Berlin 1991, S. 143 - 160, hier: 146.

44 Vgl. Ebd., S. 147.

45 Vgl. Latzel, Klaus: Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnisse - Kriegserfahrung 1939 - 1945, Reihe: Krieg in der Geschichte Bd. 1, Paderborn, München 1998, S. 276.

46 Vgl. Behrenbeck: Heldenkult und Opfermythos, S. 148.

47 Vgl. Ebd., S. 152.

48 Vgl. Ebd., S. 154.

49 Vgl. Behrenbeck, Sabine: Durch Opfer zur Erlösung. Feierpraxis im nationalsozialistischen Deutschland, in: dies. / Nützenadel, Alexander (Hrsg.): Inszenierung des Nationalstaates. Politische Feiern in Italien und Deutschland seit 1860/70, Reihe: Kölner Beiträge zur Nationsfor- schung Bd. 7, Köln 2000, S. 149 - 170, hier: 151.

Details

Seiten
56
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668774209
ISBN (Buch)
9783668774216
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437080
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Geschichte
Note
1,8
Schlagworte
Weltkrieg Propaganda Soldaten Kultuwissenschaften

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Titel: Die nationalsozialistische Propaganda in Bezug auf den Soldatentod