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Erich Fromm und der Begriff der "Vereitelung des Lebens". Relevanz, Definition und Implikationen

Essay 2015 9 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Hergang der Arbeit

1. Ursprung und Relevanz des Lebensdiskurses

2. Die Hinwendung zu Erich Fromm

3. Erich Fromms Begriff der Vereitelung des Lebens

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Sekundärliteratur

Internetquellen

Der Hergang der Arbeit

Die folgende Hausarbeit wird sich mit dem Begriff der Vereitelung des Lebens auseinandersetzen, welcher von Erich Fromm geprägt wurde. Zu diesem Zweck wird zunächst der Lebensdiskurs im Allgemeinen aufgegriffen und zum einen in Bezug auf seine Anfänge sowie zum anderen auf seine gegenwärtige Relevanz nachgezeichnet: Denn über die Darstellung einer heutigen Gewichtung kann die Beschäftigung mit einem Thema hinreichend legitimiert werden. Anschließend wird eine Hinwendung zu Erich Fromm erfolgen, in der die Bezugnahme auf ihn selbst sowie auf sein Wirken, insbesondere in Form des Textes Die Furcht vor der Freiheit, erläutert werden. Anhand dieses Textes kann sodann Fromms Auffassung der Vereitelung des Lebens erklärt und in Bezug auf die von Fromm beschriebene sowie auf die gegenwärtige Gesellschaft gesetzt werden, sodass sich hieraus Implikationen für das eigene Leben als auch das gemeinschaftliche Zusammenleben ergeben. Die in der Arbeit gewonnenen Darstellungen werden zuletzt noch einmal konzise zusammengefasst.

1. Ursprung und Relevanz des Lebensdiskurses

Beim Lebensdiskurs handelt es sich um ein Thema, das vor allem in der praktischen Auseinandersetzung mit Philosophie sowie auch in den Wissenschaften der Soziologie oder Psychologie „eine entscheidende Rolle [spielt und] eine Grundfrage des Menschseins überhaupt“[1] darstellt. Seit ihren Anfängen werden diese Wissenschaften von dem hier erfassten Diskurs bestimmt.[2] Ein Diskurs, der zwar unterschiedliche Ausrichtungen aufweist, etwa seitens der Wissenschaften selbst, aber auch seitens ihrer Analysen, der sich jedoch in erster Linie beständig die Frage nach dem Gelingen des Lebens stellt und dabei stets in Berührung mit dem Aspekt des Glücks kommt – denn „das persönliche Glück bildet ja den Inbegriff dessen, was jemand zu seinem eigenen Vorteil verfolgen kann“[3], wie sich in Rekurs auf die Anfänge westlicher Philosophie festhalten lässt. Obgleich diese Darstellung Schwächen aufweist, die im historischen Überblick eine vielfältige Diskussion erfuhren,[4] soll im Folgenden nicht auf diese Einwände zurückgekommen werden. Stattdessen soll dieser knappe Exkurs verdeutlichen, dass es über die Jahrhunderte eine rege Diskussion um die Bedeutung des Gegenstandes eines gelingenden Lebens auf der einen sowie der Verbindung desselben mit dem Glück auf der anderen Seite gab, die noch nicht mit einer adäquaten Antwort abgeschlossen wurde. Folglich sollte, sofern eine Antwort und mit ihr eine Ethik als neues Grundverständnis gefunden geglaubt wird, sich diese einer beständigen kritischen Beleuchtung unterzogen werden.[5] Ein Beispiel für eine Antwort auf diesen Diskurs, die daraus folgenden Implikationen und auch deren kritische Betrachtung soll dabei an Erich Fromms Die Furcht vor der Freiheit gegeben werden. Im Vorfeld dieser Analyse erscheint es jedoch notwendig, die Auswahl dieses Aufsatzes zu erklären.

2. Die Hinwendung zu Erich Fromm

Es herrscht eine unüberschaubare Vielzahl an Personen und Werken, die zur Thematik des gelingenden Lebens einen Beitrag zu leisten versuchen. Gemeinsam ist diesen Versuchen insgesamt, dass es sich bei den von ihnen gegebenen Antworten stets um Ansinnen handelt, die zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten zeitlichen Umfeld entworfen wurden, allerdings mit Bezug zu unserer Gegenwart geprüft werden müssen. So erscheint es nur folgerichtig, die Auswahl zunächst insofern einzugrenzen, als dass – mit Verweis auf die sich ergebende Problematik der Betrachtung vergangener Verhältnisse – Ansichten herausgegriffen werden, die eine „Bezugnahme auf die zeitgenössische Lebenswelt“[6], d.h. die Welt des beginnenden 21. aber auch des vergangenen 20. Jahrhunderts, aufweisen. Denn die mit der Gegenwart des 21. Jahrhunderts verbundene Welt und der Höhepunkt dieser ist in ihren Anfängen auf das Geschehen sowie das Ende des zweiten Weltkriegs zurückzudatieren. Die moderne Welt wurde bedingt durch die Verfassungsgebung der National- und Revolutionsstaaten[7], wobei sich noch verstärkend festhalten lässt, dass es bezüglich eben jener Epoche schwerfallen dürfte, „das Ausmaß dieses Strukturwandels und die von ihm implizierten Konsequenzen zu überschätzen.“[8] Erich Fromm, im Leben von 1900 bis 1980, fällt nun in die hier intendierte Zeit. Daneben fällt auch die von Fromm 1941 veröffentliche Schrift Die Furcht vor der Freiheit in diesen Rahmen, welche noch aufgrund eines anderen Aspekts hervorzuheben ist: Denn diese Schrift „ist die erste und im Hinblick auf die sozialwissenschaftliche Rezeption wichtigste Monografie“[9] Fromms, welche als „umfassende Zeitdiagnose und Gesellschaftskritik mit sozialistischem Impetus angelegt ist.“[10] Neben dieser wissenschaftlichen, historischen und in Rekurs auf die Erwähnungen auch gegenwärtig noch bedeutsamen Schrift zeigt sich außerdem, dass sie für das Verständnis von Erich Fromm als Person selbst eine große Relevanz aufweist, da in ihr die Quintessenz der Frankfurter Schule als auch deren entscheidende Weiterentwicklungen dargestellt werden.[11]

3. Erich Fromms Begriff der Vereitelung des Lebens

Ausgangspunkt der sozialpsychologischen Analyse von Fromm „bildet die politische Situation in der Weimarer Republik.“[12] Dies ist nicht ohne Relevanz, da von diesem Punkt aus die Widerstandskraft der Menschen gegenüber dem Faschismus betrachtet wird und Fromm anhand von Interviews zeigt, dass der Widerstand gegen den Faschismus eher gering ausgeprägt ist.[13]

Fromm selbst erklärt diesen geringen Widerstand damit, dass die Menschen zwar ein Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit haben, dieses Streben jedoch in einer Einsamkeit sowie einer daraus resultierenden Angst und Machtlosigkeit endet.[14] Je stärker sich die Individualität ausprägt, umso stärker werden auch die drei angeführten negativen Faktoren – und in der Folge gibt es für die Menschen zwei Möglichkeiten, mit diesen negativen Faktoren umzugehen: Sich erstens abermals zu unterwerfen oder zweitens ein Heil in produktiver Arbeit zu finden.[15] Da diese Formen in ihrer Gänze jedoch unerreichbare Utopien darstellen, flüchten sich die entsprechenden Individuen gleichermaßen in Teilformen von Unterwerfung als auch von Arbeit und entwickeln einen Wunsch der Zerstörung gegen sich selbst oder aber andere Menschen als dieses Dilemma vermeintlich sowie tatsächlich auslösende Objekte.[16] Fromm sagt hierzu direkt, dass ein Mensch seiner eigenen, als unerträglich empfundenen Machtlosigkeit entfliehen kann, indem er die Welt um sich herum und damit alle Vergleichsobjekte zu zerstören beginnt.[17]

Über diese Problematik, die in den angeführten Zusammenfassungen von Wurst näher erläutert wird, kommt Fromm sodann auf den Begriff der Vereitelung des Lebens zu sprechen.[18] Die Vereitelung des Lebens ist die Grundbedingung für Isolation, Machtlosigkeit – und in der Folge den gegen sich selbst oder andere gerichteten Zerstörungsdrang.[19] Die Problematik dieser Lebensvereitelung geht dabei auf politische und religiöse sowie seit der Reformation ausgeprägte Denkweisen zurück, die ein Leben verbieten, welches sich allein dem Glück oder Vergnügen widmet.[20] Obgleich ein Individuum nun seine Potenziale erkennt und über Wünsche verfügt, kann es diese aufgrund der internalisierten Denkweisen nicht ausleben, negiert in der Folge sein Leben und entwickelt den angeführten Zerstörungsdrang.[21]

Auf der Gegenseite, so schließt Fromm, ist es die Spontaneität und das Streben nach Glück, die die Blockaden einzureißen vermag.[22] Aus einem solchen von äußeren Zwängen befreiten Leben und der Hingabe auf die individuellen Bedürfnisse resultiert ein gelebtes Leben – und je mehr ein Leben durch ein Individuum auf diese Weise gelebt wird, desto geringer fällt die Kraft der Zerstörung aus.[23]

Fromm wiederholt diese Argumente mit einem deutlichen Bezug auf den Nationalsozialismus seiner Zeit in einem Aufsatz, etwa, wenn er anführt, dass Konformität zwar eine Sicherheit gibt und Zweifel über die eigene Machtlosigkeit beseitigt, aber durch die fehlende Spontanität das Leben vereitelt.[24] Die Kernaussage von Fromms Aufsatz ist an dieser Stelle jedoch bereits mehr als klar hervorgetreten: Je mehr ein Mensch sich äußeren Zwängen fügt, desto mehr sterben seine Emotionen und sein Geist ab – sein Leben mag im biologischen Sinne zwar weitergehen, aber sein Leben „rinnt durch seine Hände wie Sand.“[25] Diejenigen Merkmale einer Individualisierung, einer Freiheit, wie etwa personalisierte technische Geräte, sind nach Fromm nur die letzten Reste einer vorherigen Individualität und gleichsam der unterdrückte Wunsch der modernen Menschen nach einer Freiheit, das eigene Leben nach eigenen Bedürfnissen auszurichten und entsprechend zu leben.[26]

Erst dann, wenn ein Individuum diesen Sachverhalt begreift und eine Beziehung zur Welt aufbaut, die auf dem eigenen Glück, auf spontanen Aktivitäten und nicht auf Zwang oder Mechanismen, bedingt durch die verschiedensten Formen religiöser, politischer oder gesellschaftlicher Pflichten, beruht, wird es seinen rechtmäßigen Platz in dieser Welt einnehmen.[27] Erst dann werden seine Zweifel an der Bedeutung des Lebens schwinden und die Vereitelung des Lebens aufhören, da der Mensch dann zu erkennen in der Lage ist, dass die Bedeutung des Lebens nicht etwa in der Arbeit oder in der Verbindung mit einem Gegenstand liegt, sondern im „Akt des Lebens selbst.“[28] Alle aus dieser Freiheit folgenden Bindungen sind somit von den vormals angeführten negativen Begriffen der Angst oder Zerstörung befreit.

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit hat den Lebensdiskurs zum Gegenstand einer Betrachtung genommen und dabei zunächst erstens auf die historische sowie zweitens die gegenwärtige Relevanz dieses Begriffs verwiesen. So wurde dargelegt, dass die Frage nach dem gelingenden Leben bereits seit den Anfängen der Philosophie eine Rolle spielt und nach wie vor nicht hinreichend beantwortet ist – weiterhin wurde angeführt, dass, sofern eine Antwort gefunden wird, diese auch geprüft werden muss. Als Beispiel einer Antwort wurde sodann auf Erichs Fromms Ansichten zu einem solch gelingenden Leben eingegangen, die in seinem Aufsatz Die Furcht vor der Freiheit beschrieben und die für den sozialwissenschaftlichen sowie philosophischen Diskurs von großer Bedeutung sind.

[...]


[1] Grätzel, Seite 12.

[2] Ebd.

[3] Horn, Seite 61.

[4] Ebd.

[5] Körtner, Seite 107.

[6] Becker; Kiesel, Seite 9.

[7] Eisenstadt, Seite 44.

[8] Berger, Seite 213.

[9] Wurst, Seite 132.

[10] Ebd.

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Fromm, Seite 4.

[15] Ebd., Seite 4 und Seiten 26-28.

[16] Hierbei ist der Unterschied zum Sadismus zu sehen, der zwar mit einer Zerstörungskraft einhergeht, jedoch ein Zielobjekt zu dominieren und nicht zu vernichten sucht. Vgl. ebd., Seite 136.

[17] Ebd., Seite 152.

[18] Ebd., Seite 154.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd., Seiten 154-155.

[22] Ebd., Seite 156.

[23] Fromm, Seite 156.

[24] Ebd., Seiten 214-215.

[25] Ebd., Seite 215.

[26] Ebd.

[27] Ebd., Seite 221.

[28] Ebd.

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668786813
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v437010
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Erich Fromm Die Angst vor der Freiheit Kulturphilosophie

Autor

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Titel: Erich Fromm und der Begriff der "Vereitelung des Lebens". Relevanz, Definition und Implikationen