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Gesellschaftstheoretische Annahmen des Strukturfunktionalismus nach Parsons

Kontroversen im Funktionalismus

Studienarbeit 2016 8 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

1. Bitte erläutern Sie wesentliche gesellschaftstheoretische Annahmen des Strukturfunktionalismus nach Parsons

Talcott Parsons entwickelte eine eigene Handlungstheorie, die über die gültigen Denkmuster des Utilitarismus hinausreicht. Das Handeln wurde nicht nur als individueller Wille gesehen, auch nahmen in Parsons Theorie normative Einflüsse ebenfalls Einfluss auf die Entscheidungen des Akteurs. Die „pattern variables“ gaben erstmals die gesellschaftsweit etablierten Orientierungen wieder, die einen Akteur in seinem Handeln einschränken. Bei seiner Handlungstheorie ging es Parsons darum, allgemeine Rahmenbedingungen sozialen Handelns zu beschreiben und zu systematisieren. Mit seiner Systemtheorie gelang es Parsons die in einem sozialen System vorherrschenden Orientierungstendenzen zu erfassen. Parsons Systemtheorie basiert auf der Annahme, dass es einen Konsens aller Beteiligten über gemeinsame Werte und Normen gibt. Die Verinnerlichung von Normen und Werten garantiert die Stabilität von sozialen Systemen. Der Grundgedanke des AGIL-Schemas ist die Anpassung. Im Vordergrund steht immer die Aufrechterhaltung des sozialen Gleichgewichts.

Die strukturfunktionalistische Theorie von Parsons versucht zu erklären, inwiefern das soziale Handeln auf die Stabilität der Gesellschaft wirkt. Im Mittelpunkt seiner Betrachtung steht hierbei die Motivation des Individuums (des Akteurs). Um zu verstehen warum Parsons Theorie als Strukturfunktionalismus bezeichnet wird ist es notwendig die drei zentralen Begriffe in Parsons Systemtheorie zu verstehen: Das System, die Struktur und die Funktion. Ein soziales System ist nach Talcott Parsons als ein System von Interaktionsprozessen zwischen Akteuren zu verstehen. „Ein soziales System ist somit die Funktion einer gemeinsamen Kultur, die nicht nur die Basis der Interkommunikation seiner Mitglieder bildet, sondern auch den relativen Status seiner Mitglieder definiert und deshalb in gewissem Sinn bestimmt.“ (Parson 1964, S.31) Soziales Handeln von Menschen tritt nicht vereinzelt auf, sondern in Konstellationen, die Parsons Systeme nennt. Der Begriff Struktur soll etwas Konstantes und Feststehendes implizieren. Parsons definiert den Begriff der Struktur als „ ...eine Reihe von verhältnismäßig stabilen Beziehungsmustern zwischen Einheiten. Da die Einheit des sozialen Systems der Handelnde ist, ist die soziale Struktur ein System von sozialen Beziehungsmustern zwischen Handelnden. Allerdings zeichnet sich die Struktur von sozialen Handlungssystemen dadurch aus, dass in den meisten Beziehungen der Handelnde nicht als individuelle Ganzheit beteiligt ist, sondern lediglich mit einem bestimmten, differenzierten "Ausschnitt" seines gesamten Handelns" (Parson 1964, S. 54-55).

Das System des sozialen Handelns besteht aus vier Subsystemen. Diese Subsysteme stehen nicht einzeln nebeneinander und für sich selbst, sondern befinden sich in ständiger Wechselbeziehung und Abhängigkeit zueinander. Alle zusammen ergeben das System, beziehungsweise das soziale Handeln. Das organische System bezieht sich auf den menschlichen Organismus und wird angetrieben von einer Reihe von elementaren Trieben. Neben Hunger, Durst, Schlaf beinhalten diese Triebe auch ein Bedürfnis nach sozialen Kontakten, Beziehungen, Liebe und Zuneigung. Die Motivation des Handelns in diesem Subsystem sind diese Triebe. Triebgesteuertes Handeln ist also die Basis dieses Subsystems. Schließlich bezeichnet Parsons dieses Subsystem als den „…Ort der primären menschlichen Fähigkeiten, die den anderen Systemen zugrunde liegen.“ (Parsons 1996, S.13). Das personale System beinhaltet die Werteorientierung und Handlungsmotivationen der einzelnen Person. „Das Persönlichkeitssystem ist die Haupttriebkraft von Handlungsprozessen und somit auch der Erfüllung kultureller Prinzipien und Anforderungen.“ (Parsons 1996. S13). Basis für die Bedürfnisse in diesem Subsystem bilden nicht die Triebe, sondern von außen herangetragene Werte, Normen und Erwartungen. Im sozialen System betrachtet Parsons das Individuum als Rollenträger. Dieses Subsystem beinhaltet daher das wechselseitige und voneinander abhängige Handeln aus den Rollen der Handelnden heraus. Die Beziehungen der einzelnen Handelnden zueinander und deren Identifikation mit ihren Rollen beeinflussen das soziale Handeln in diesem Subsystem. Das kulturelle System kann auch als „Wertesystem“ bezeichnet werden. Es umfasst alle Werte und Normen die sich aus dem Begriff Kultur ableiten lassen, wie zum Beispiel Weltanschauung. Hierbei nimmt die Religion sicherlich einen gewichtigen Part ein, aber auch politische oder moralische Anschauungen sind natürlich von Bedeutung (vgl. Parsons 1996, S.12).

„Pattern variables“ sind gesellschaftsweit etablierte Orientierungen, die den Akteur einschränken und lassen sich laut Parsons durch fünf strukturierte Alternativmuster beschreiben. „Pattern variables“ klassifizieren ein mögliches Rollenverhalten, das der Akteur im Rahmen seiner Handlungen annehmen kann. (vgl. Parsons 1951, S. 77). Vor einer konkreten Handlung entscheidet jeder Akteur innerhalb der „pattern variables“ welche Verhaltensmuster er wählt. Auf der Ebene des Persönlichkeitssystems bestimmen sie die Rolle, die ein Akteur einnimmt. Diese Rolle kann in unterschiedlichen Situationen verschieden ausfallen auch lässt sich mit den „pattern variables“ das soziale System beschreiben. Von der Gemeinschaft werden von bestimmten Akteuren festgelegte Verhaltensmuster erwartet. Zuletzt lassen sich kulturelle Eigenheiten mit den „pattern variables“ wiedergeben. So finden sich in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Wertmaßstäbe, die Verhaltensmuster beeinflussen (vgl. Parsons 1951, S. 80).

Affektivität – Affektive Neutralität bilden das erste dichotome Paar der Wahlmöglichkeiten zwischen emotionalen und nicht-emotionalen Handlungsweisen. Entweder ist ein unmittelbares Streben nach Bedürfnisbefriedigung möglich, oder dieses Bestreben muss hinausgeschoben werden. Selbstorientierung – Kollektivorientierung: Selbstbezogenes und nach den Interessen der Allgemeinheit orientiertes Handeln bilden das zweite Paar der „pattern variables“. Sie bilden das Spannungsfeld zwischen privaten Interessen und kollektiven Forderungen. (vgl. Kiss und Gabor 1975, S. 158). Universalismus – Partikularismus als drittes Paar der „pattern variables“ richtet sich auf die Unterscheidung zwischen allgemeinen und besonderen Normen. Es besteht die Möglichkeit, sich während einer Handlung für eine generelle Normorientierung zu entscheiden, oder aber einer partikularen Systemrelation den Vorzug zu geben. Zuweisung – Leistungsorientierung gibt als Paar wieder, ob eine zugeschriebene Eigenschaft oder die besondere Leistung der Funktionserfüllung maßgeblich ist. Beispielsweise erfolgt Handeln nach Anweisungen in der Bürokratie durch Zuweisung (ascription), wogegen unternehmerisches Handeln auf Eigeninitiative geschieht, und leistungsorientiert ist (achievement) (vgl. Kiss und Gabor 1975, S.159). Zwischen Spezifischem Verhalten – Diffusem Verhalten gibt es die Möglichkeiten, dass der Handelnde mit seiner ganzen Person, oder nur mit einer spezifischen Funktion agiert. Eine Handlungssituation, in der nur bestimmte Funktionen eine Rolle spielen, könnte zum Beispiel das Verhältnis zwischen einem Arzt und einem Patienten sein. Eine diffusere Situation wären die Beziehungen zwischen Bewohnern innerhalb eines Dorfes. Die Rollen der einzelnen Personen sind unklar, sie können sich von Situation zu Situation sogar verändern (vgl. Kiss und Gabor 1975, S. 160).

Als umweltoffene Systeme müssen Handlungssysteme ihr Verhältnis zur Umwelt als auch ihr Verhältnis zu sich selbst so anpassen, dass das eigene Bestehen gewährleistet werden kann. Zudem müssen sie als zielorientierte Systeme sowohl zukunftsbezogen Mittel zur Zielverfolgung beschaffen als auch gegenwartsbezogen Ziele erreichen. Aus dem AGIL- Schema nach Parson ergeben sich vier grundlegende Erfordernisse:“ adaption, goal attainment, integration, latent pattern maintainance“. Die Anpassung eines Handlungssystems an seine Umwelt, um die Mittel zur zukünftigen Zielverfolgung zu erhalten, wird von Parsons als „adaption“ und die unmittelbare Zielverfolgung eines Systems in seiner Umwelt wird als „goal attainment“ beschrieben. Im Inneren eines Handlungssystems muss dieses seine Strukturen und Prozesse untereinander abstimmen. Parsons nennt dieses Erfordernis „integration“. Zur dauerhaften Gewährleistung seiner inneren Ordnung muss ein Handlungssystem schließlich generalisierte und unhinterfragte Ordnungsmuster bilden und aufrechterhalten. Der vierte Punkt seines Schemas wurde von Parsons „latent pattern maintainance“ genannt.

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Details

Seiten
8
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668773745
ISBN (Buch)
9783668773752
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436917
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
1,2
Schlagworte
Gesellschaft Parson Handlung Utilitarismus Handlen Wille Entscheidung Strukturfunktionalismus

Autor

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Titel: Gesellschaftstheoretische Annahmen des Strukturfunktionalismus nach Parsons