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Aufklärung und Romantik in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. E.T.A. Hoffmann und seine Bedeutung für die Romantik

3. Das Werk `Der Sandmann´ als Nachtstück

4. Romantik und Aufklärung im `Sandmann´
I Nathanael und die Ideen der Romantik
II Clara und die Ideen der Aufklärung

5. Das Augenmotiv

6. Fazit: Kritik an einer einseitigen Weltanschauung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Grundlage dieser Hausarbeit ist der Text `Der Sandmann´ von E.T.A. Hoffmann.

Inhaltlich soll es um die Facetten der Aufklärung und der Romantik gehen, wie sie in der Erzählung zum Vorschein kommen. Ich bin der Meinung, dass die beiden unterschiedlichen Zugänge zur Welt durch Clara und Nathanael zum Ausdruck gebracht werden. Den Konflikt zwischen den beiden Protagonisten sehe ich in einem Konflikt zwischen diesen beiden Denkrichtungen begründet. Das Auge und das Perspektiv spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle, sie beeinflussen die Wahrnehmung und damit die Bewertung des Gesehenen. In einem ersten Schritt soll die Abhängigkeit und Eingebundenheit von Nathanael und Clara in die Denkstrukturen der Romantik bzw. der Aufklärung aufgezeigt werden. Die Protagonisten werden durch die Betrachtung der zugehörigen Denkrichtung besser verstanden, sowie auch die theoretische Betrachtung der Denkrichtung durch die Handlungen und Motive der Protagonisten deutlicher wird. Im nächsten Schritt stehen dann Auge und Perspektiv im Mittelpunkt. Sie scheinen eine Brücke von einer in die andere Welt darzustellen und verdienen damit Aufmerksamkeit. Ziel der Arbeit ist es, sowohl Romantik als auch Aufklärung kritisch zu beleuchten und das Problem einer einseitigen Weltanschauung vor Augen zu führen.

2. E.T.A. Hoffmann und seine Bedeutung für die Romantik

Als einer der „bedeutendsten Dichter der späteren deutschen Romantik“[1] wird er von Wolfgang Nehring bezeichnet, als „der geniale Außenseiter unter den Großen der deutschen Romantik“ in einem Vorwort von Hugo Steiner-Prag[2].

Ernst Theodor Wilhelm Amadeus Hoffmann lebte von 1776-1822 und beschäftigte sich nicht nur mit Literatur, sondern besaß auch eine juristische Ausbildung, zeichnerisches Geschick, sowie einen Hang zu Musik und Kunst. Als seine ersten Werke gelten die `Phantasiestücke nach Callots Manier´, die zwischen 1814 und 1815 entstanden sind[3], zu den letzten zählen die sogenannten Nachtstücke. In ihnen ist auch Hoffmanns Neigung zu Phantastischem, Schauerlichem und Übersinnlichem zu erkennen.[4] Diese erklärt Andrea Fuchs mit der Idee Hoffmanns, dass sich Geschehnisse nicht nur durch ihr Äußeres erklären lassen. Um die Realität erkennen zu können, sei zusätzlich ein Blick auf die innere Struktur, die Seele notwendig. Durch das Phantastische in Hoffmanns Erzählungen wagt er diesen Blick. Dabei nutzt er die Phantastik als „Instrument der Aufklärung über die Aufklärung“[5] bzw. als „Medium der Sichtbarmachung des Unsichtbaren“[6]. Die Aufklärung begnüge sich mit einem oberflächlichen Blick, dem die Wahrheit verborgen bliebe. `Der Sandmann´ ist in diesem Sinne für Fuchs ein Versuch Hoffmanns, das Aufeinanderstoßen dieser beiden Wirklichkeitsebenen zu beschreiben.[7]

Auch im Leben Hoffmanns treten diese beiden Ebenen in Konflikt. Durch sein Amt beim Kammergericht führt er auf der einen Seite ein geregeltes, bürgerliches Leben, das auf der anderen Seite durch sein künstlerisches Schaffen ergänzt wird. Oft geht es in seinen Stücken um Figuren, die wie er im Konflikt zwischen diesen beiden Polen stehen und diesen Lösen müssen oder daran zugrunde gehen. Regelmäßig übt Hoffmann Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aus, die künstlerische Ambitionen unterdrückt. Hoffmann gilt als Exzentriker, der seine Werke gerne der Welt des Übersinnlichen und Schauerlichen widmet.[8] Nehring stellt zudem fest, dass er eine Vorliebe für optische Geräte hatte, mit der Begründung, dass diese die Sichtweise und damit den betrachteten Gegenstand veränderten.[9] Es wundert also nicht, dass sowohl Auge als auch Perspektiv zentrale Motive im `Sandmann´ sind.

Die Werke Hoffmanns waren zu seiner Zeit in der Bevölkerung bereits populär, wurden jedoch von anderen Romantikern nicht sehr hoch gelobt. Vermisst wurde unter anderem eine christliche Grundüberzeugung (vor allem von Eichendorff). Hoffmann befasste sich erst sehr spät mit theoretischen Schriften der Romantik, wie beispielsweise denen Schlegels oder Tiecks, weshalb er nicht der romantischen Schule zugeordnet wurde. Auch durch seine besondere Erzählweise, in der er Reales und Phantastisches verband, hob er sich von seinen Zeitgenossen ab. Diese standen ihm und seinen Werken insgesamt kritisch gegenüber. Die Ausnahmen lobten seinen Humor, seinen Scharfblick und seine phantastischen Darstellungen. Harnischfeger schreibt Hoffmann insgesamt keinen Einfluss auf die deutsche, jedoch auf die französische und russische Literatur zu. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde den Werken Hoffmanns wieder vermehrt Beachtung geschenkt. Man trat ihnen positiver gegenüber, begann die Einebnung des Wunderbaren in die Realität zu schätzen und freute sich an Hoffmanns detaillierten Beschreibungen.[10]

Das betrachtete Werk `Der Sandmann´ wird stellvertretend für viele andere Werke Hoffmanns hier untersucht. Wie die Meinungen zu Hoffmann auseinander gingen, so gibt es auch in Bezug auf die Erzählung keine eindeutige Interpretation oder Bewertung. Gerade das macht die Beschäftigung mit dem Autor und die Untersuchung des Werkes spannend und interessant, aber auch kompliziert.

3. Das Werk `Der Sandmann´ als Nachtstück

Der Begriff Nachtstück stammt aus Kunst und Musik. Dort bezeichnet er Bilder und Lieder, die im Dunklen spielen. In der deutschen Literatur wird er ab Mitte des 18. Jahrhunderts für nächtliche und gruselige Geschichten verwendet. Hoffmann ist fasziniert von Nachtstücken der Kunst und lässt sich von ihnen immer wieder inspirieren. 1817 versammelt er unter diesem Namen verschiedene Erzählungen.[11]

Die Erzählung `Der Sandmann´ wurde von Hoffmann 1815 fertiggestellt und ist 1816 das erste mal erschienen.[12] Sie ist die erste von 13 Geschichten, die sich hinter den Nachtstücke verbergen. Gemeinsam ist den Nachtstücken die Gegenüberstellung von Verstand und Unterbewusstsein, die als zwei Pole im Menschen vereinigt nicht unabhängig voneinander bestehen können. Zum Konflikt kommt es durch die Unterdrückung des einen zugunsten des anderen Pols. Der Kampf wird bei Hoffmann jedoch nicht in der Gesellschaft oder zwischen Individuen ausgetragen, sondern im Individuum selbst. In der Hauptsache stehen sich nicht verschiedene Menschen gegenüber, die entweder dem Verstand oder dem Unterbewussten zugetan sind, sondern beide Kräfte in einer Person, die sich dann mit ihrer Außenwelt auseinandersetzen muss. Nachtstücke sind oft auch durch den Glauben an ein „böses Prinzip“ geprägt. Der emotionale Mensch scheint durch eine übersinnliche Macht bedroht, die sein Leben kontrolliert und beeinflusst. Angst und Faszination gegenüber dieser Macht sind dabei konkurrierende Gefühle im Individuum. Für Hoffmann scheint es keinen befriedigenden Ausweg aus dieser Situation zu geben. Das Individuum kann dem Wahnsinn verfallen, den Tod suchen oder sich dem gesellschaftlichen Gefüge unterordnen.[13]

[...]


[1] Nehring (1997), S.9

[2] vgl. Hoffmann (1971), Umschlag

[3] vgl. Nehring (1997), S.9

[4] vgl. Schlosser (1983), S.185, 187

[5] Fuchs (2001), Umschlag

[6] ebd., S.17

[7] vgl. Fuchs (2001), S.13-18

[8] vgl. Nehring (1997), S.9-12

[9] vgl. ebd., S.23

[10] vgl. Harnischfeger (1988), S.122-128

[11] vgl. Fuchs (2001), S.223, 224

[12] vgl. Kremer (1993), S.146

[13] vgl. Janssen (1986), S.262-269

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638414333
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43689
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
Aufklärung Romantik Hoffmanns Erzählung Sandmann

Autor

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Titel: Aufklärung und Romantik in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann"