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Zu: Daniel Bell, Wissen in der nachindustriellen Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A Die Aufgaben der Zukunft
1. Die gesellschaftliche Struktur
2. Wissenschaft in der nachindustriellen Gesellschaft
3. Die nachindustrielle Gesellschaft als Meritokratie
4. Knappheit in der nachindustriellen Gesellschaft

B Vergleich mit den Ansätzen von Alain Touraine und Jean- François Lyotard
1. Die nachindustrielle Gesellschaft bei Alain Touraine
2. Der Begriff des postmodernen Wissens bei Jean-François Lyotard

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Buch „Die nachindustrielle Gesellschaft“ von Bell ist 1973 erschienen. In dieser Hausarbeit soll es um das letzte Kapitel dieses Buches „Die Aufgaben der Zukunft“ gehen. Der Schwerpunkt wird dabei vor allem auf die sich wandelnde Bedeutung von Wissen und dem Verlust der Stellung von Wirtschaft gelegt. Im ersten Teil sollen dazu die Thesen Bells dargestellt werden. Im Bezug auf Wissen rückt dazu auch die Wissenschaft, als Wissen produzierende Kraft, und die Universität, als Wissen verbreitende Kraft, ins Blickfeld. In Bezug auf den Rückgang von wirtschaftlicher Entscheidungsmacht soll die neue Rolle von Politik und politischen Entscheidungen und die Konsequenzen für die Gesellschaft Beachtung finden. Im zweiten Teil sollen zum Vergleich jeweils eine Arbeit des französischen Soziologen Alain Touraine und des französischen Philosophen Jean-François Lyotard herangezogen werden, die sich ebenfalls mit der Prognose um eine zukünftige Gesellschaft beschäftigt haben. Beide beziehen wie Bell in ihren Werken die Macht von Wissen mit ein, Touraine beschäftigt sich zudem, wie auch Bell, mit wirtschaftliche Veränderungen in einer nachindustriellen Gesellschaft. Da die sich die Grundideen der verschiedenen Ansätze sehr ähneln, soll es vor allem um die Ausdifferenzierung der Ideen gehen, wie sie die Autoren in einer nachindustriellen Gesellschaft verwirklicht sehen.

A Die Aufgaben der Zukunft

1. Die gesellschaftliche Struktur

Bell glaubt nicht an ein Ende des Kapitalismus, wie er vor allem von Marx prophezeit wurde. Die Veränderungen in der Wirtschaft und der immer weiter ansteigende technische Fortschritt führen für ihn stattdessen zu einer Machtverschiebung innerhalb der Gesellschaft. Wo bisher die Wirtschaft (und mit ihr die Kapitalisten) das Sagen hatte, wird die Politik eine stärkere Stellung als bisher einnehmen. Damit einher geht weiterhin, dass auch der Rang, den der einzelne in der Gesellschaft einnimmt, nicht wie bisher durch wirtschaftliche Stärke, bzw. Eigentum, bestimmt und weitervererbt werden kann. Das axiale Prinzip der Sozialstruktur in der nachindustriellen Gesellschaft verändert sich von Wirtschaftlichkeit zu theoretischem Wissen. Daraus lässt sich ableiten, dass die zukünftig im Mittelpunkt stehende Klasse für Bell sich durch Besitz theoretischen Wissens auszeichnet. Er spricht von einer „akademisch-wissenschaftlich geschulten Klasse“[1], zu der er Wissenschaftler, Technologen, Verwaltungsexperten und Kulturschaffende zählt. Die Mitglieder dieser Klasse üben eine wissenschaftlich fundierte Tätigkeit aus. Wegen ihres Wissens tragen sie nach Bell soziale Verantwortung. Hieraus ergibt sich später für ihn auch die Frage, inwieweit Wissenschaftler verantwortlich für die Folgen ihrer Erfindungen und die Verwendung ihres Wissens sind oder ob nicht Politiker diese Verantwortung tragen. Bell schreibt dieser Klasse weder politische noch wirtschaftliche Macht zu. Sie ist zwar durch eine gemeinsame wissenschaftliche Idee verbunden, vertritt aber, aufgrund der sehr unterschiedlichen Orte der beruflichen Betätigung, sehr unterschiedliche Interessen.[2] Die akademische Klasse wird sich nach Bell nicht vereinigen und keine Interessengemeinschaft bilden, die nach politischer Macht strebt. Die Politik der nachindustriellen Gesellschaft wird bestimmt sein durch Gruppen, die sich über einen gemeinsamen Beschäftigungsort und den daraus abzuleitenden Interessen definieren. Zudem werden sich auch bisherige Randgruppen mehr ins politische Geschehen einmischen, was insgesamt zu einer Veränderung der „politischen Bühne“[3] führt.[4]

Die nachindustrielle Gesellschaft ist also nicht mehr von der Wirtschaft, sondern von der Politik bestimmt, die gesellschaftlich dominierende Klasse nicht mehr aus führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft bestehend, sondern aus Wissenschaftlern.

2. Wissenschaft in der nachindustriellen Gesellschaft

Die Gemeinschaft der Wissenschaft ist eine Institution, die sich durch gemeinsame Verhaltensregeln auszeichnet.[5] Zu ihr gehört, wer sich durch persönliche Leistung bewährt und damit Anerkennung verdient hat.[6] Legitimiert wird der Wissenschaftler, bzw. das erforschte Wissen, durch rationale Überprüfbarkeit. Trotz vorhandener Hierarchien in dieser Gemeinschaft, erhält nach diesem Prinzip das erforschte Wissen nicht nach Stellung des jeweiligen Wissenschaftlers, sondern nach seiner allgemeinen Bedeutung und Reichweite Anerkennung und steigert zudem das Ansehen des Entdeckers. Den zentralen Dreh- und Angelpunkt bildet demnach die freie Forschung, durch die man sich die Welt weiter erschließt. Diese ist durch verschiedene Leitideen geprägt: In der wissenschaftlichen Klasse geschieht der Aufstieg eines einzelnen aufgrund seiner Fähigkeiten. Eine wissenschaftliche Theorie oder Entdeckung kann zwar einem Wissenschaftler gutgeschrieben werden, gilt jedoch als Gut der Gesellschaft und jedes Ergebnis ist nur solange gültig, wie es einer objektiven Überprüfung standhält. Wegen eben dieser Ideale redet Bell auch von einer „charismatischen Gemeinschaft“[7]. Diese läuft jedoch Gefahr, aufgrund der immer stärker werdenden wirtschaftlichen Motivation zu zerfallen und zu einer „Berufsgesellschaft“[8] zu werden. Diese wäre geprägt von Bürokratie, Hierarchie, entfremdeten Regeln und Normen und finanzieller Abhängigkeit. Wo Wissen bisher als Wert an sich galt, muss man sich nun fragen, welchen Zweck es für die Politik erfüllt. Bell sieht in der Beziehung zwischen „charismatischer Wissenschaft“ und „wissenschaftlicher Berufsgesellschaft“ ein wichtiges Problem der nachindustriellen Gesellschaft. Gerade weil er davon überzeugt ist, dass der „Ethos der Wissenschaft allmählich zum Ethos der nachindustriellen Gesellschaft“[9] wird, ist die Entwicklung dieser Beziehung von Bedeutung.[10]

Durch die immer weitere Ausbreitung der wissenschaftlichen Bereiche, kann man nicht mehr von einer einheitlichen Führung sprechen. Aufgrund nötiger bürokratischer Organisation ist es nötig, Repräsentanten ausfindig zu machen. Als mögliche Alternativen sieht Bell einzelne unabhängige Persönlichkeiten (Mitglieder der charismatischen Gemeinschaft), die Mitglieder wissenschaftlicher Bewegungen oder institutionelle Vereinigungen. Die Bürokratisierung sieht Bell jedoch auch als Gefahr für verschiedene Grundgedanken der Wissenschaft. So könnte sie beispielsweise dazu führen, dass Einzelleistungen nicht mehr dem Entdecker, sondern der Institution zugeschrieben werden. Auch die Unabhängigkeit und freie Forschung könnte durch Werte wie Zweckmäßigkeit ersetzt werden. Hier stehen also verschiedene Vorstellung über Bedeutung und Wert wissenschaftlicher Forschung gegenüber, die Spannungen zwischen dem Pol der charismatischen Gemeinschaft und dem Pol der Berufsgesellschaft provozieren.[11]

Da die Vermittlung von Grundlagenwissen an Universitäten stattfindet, ändert sich auch deren Funktion und Bedeutung. Eine akademische Ausbildung ist die Basis, auf der der einzelne in der nachindustriellen Gesellschaft zu einem hohen Status kommen kann. Bell geht soweit, die Universität als „entscheidende Instanz, die über die Klassenstellung die künftige Schichtung der Gesellschaft bestimmt“[12] zu bezeichnen.[13]

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Wissenschaft eng mit der Politik verbunden und hat ihr in Form von Waffen und Ähnlichem Mittel zur Verfügung gestellt, denen auch wirtschaftlich Bedeutung zu kam. Da nun die wissenschaftliche Forschung ganz offensichtlich die Möglichkeiten der Politik erweitert hat, wird sie zu einem mitbestimmenden Faktor, der durch drei Gruppen präsentiert wird, die Bell im wissenschaftlichen Establishment, in der Berufsgesellschaft und in der charismatischen Gemeinschaft erkennt. Zum wissenschaftlichen Establishment gehören bekannte Professoren, aber auch anerkannte Mitglieder großer Laboratorien, Herausgeber wissenschaftlicher Zeitungen und Leiter wissenschaftlicher Vereinigungen. Ihnen kommt eine vermittelnde Rolle zwischen Wissenschaft und Politik zu. Die Berufsgesellschaft besteht aus den Akademikerverbänden, die sich mit der Publikation von Forschungsergebnissen, pädagogischen Fragen und der Verteilung von Staatszuschüssen befasst. Die charismatische Gemeinschaft ist letztlich so etwas wie die wissenschaftliche Elite. Zu ihr gehören namhafte Wissenschaftler, aber auch weniger bekannte, die Auszeichnungen für ihre Arbeit erhalten haben. Wissenschaft und Politik üben in verschiedener Hinsicht Einfluss aufeinander aus. Die Politik kann die Forschung finanziell fördern (oder eben auch nicht), sie dadurch lenken und überwachen und die Wissenschaft stellt der Politik die Ergebnisse zur Verfügung und äußert ihre Meinung zu deren Bedeutung für gesellschaftliche Probleme. An dieser Stelle muss gefragt werden, welche Grenzen Wissenschaftlern in Bezug auf Mitbestimmung bei politischen Fragen gesetzt werden. Nach Bell sollten sowohl politische, als auch wissenschaftliche Betrachtungsweisen bei der Bewertung von Problemen und deren Lösung eine Rolle spielen. Auch ein öffentlicher Diskurs ist nach ihm Pflichtteil einer Entscheidungsfindung. Bell beschreibt drei Punkte, in denen sich die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik in den letzten zehn Jahren verändert hat. Als ersten Punkt nennt er, dass es in der Wissenschaft, nicht zuletzt wegen der immer weiterführenden Ausdifferenzierung, keine einheitliche Elite mehr gibt. Als nächstes nennt er die fortschreitende Unabhängigkeit des Militärs von wissenschaftlichen Neuentwicklungen, da diese zusehends immer stärker selbst forschen. Und zuletzt beschreibt er die durch stärkere finanzielle Unterstützung des Staates bedingte Ausbreitung der Wissenschaft, was deren Bürokratisierung zu Folge haben muss.[14]

Aus dem Widerspruch zwischen den Idealen der Wissenschaft und deren scheinbar unumgänglichen Bürokratisierung, sowie denen damit verbundenen Gefahren, muss sich in der nachindustriellen Gesellschaft ein Weg finden, allen Anforderungen gerecht zu werden.[15]

[...]


[1] Siehe Bell, S.265

[2] vgl. Bell, S.263-267

[3] Siehe Bell, S.268

[4] vgl. Bell, S.267-269

[5] vgl. Bell, S.270

[6] vgl. Bell, S.265

[7] Siehe Bell, S.274

[8] Siehe Bell, S.275

[9] Siehe Bell, S.277

[10] vgl. Bell, S.270-277

[11] vgl. Bell, S.286-287

[12] Siehe Bell, S.292

[13] vgl. Bell, S.292

[14] vgl. Bell, S.279-286

[15] vgl. Bell, S.290

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638414326
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43688
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Schlagworte
Daniel Bell Wissen Gesellschaft Dienstleistungsgesellschaft

Autor

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