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Entstehung der Interzonengrenze im Eichsfeld

Bachelorarbeit 2018 23 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. SCHUBERTS INTERVIEWREIHE - QUELLENKRITIK UND THEORIE

3. GRENZNARRATIVE AUS DEM EICHSFELD
3.1 DIE VERSORGUNGSSITUATION IN DER NACHKRIEGSZEIT
3.1.1 FLUCHTLINGE NACH 1945
3.1.2 LEBENSMITTELVERSORGUNG
3.1.3 HAMSTERFAHRTEN UND TAUSCHHANDEL
3.2.1 ALLTAG MIT DER INTERZONENGRENZE
3.2.2 ALLTAG MIT DEN GRENZPOLIZISTEN DER DDR

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Von Stettin an der Ostsee bis hinunter nach Triest an der Adria ist ein "Eisemer Vorhang" uber den Kontinent gezogen. Hinter jener Linie liegen alle Haupt- stadte der alten Staaten Zentral- und Osteuropas: Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Alle jene beruhmten Stadte liegen in der Sowjetsphare und alle sind sie in dieser oder jener Form nicht nur dem sow- jetrussischen Einflub ausgesetzt, sondern auch in standig zunehmendem Mabe der Moskauer Kontrolle unterworfen.“[1]

Dieser Auszug von Winston Churchills Rede „The Sinews of Peace“ im ameri- kanischen Fulton wird vom britischen David Reynolds „als Fanfarenstob fur den Kalten Krieg“[2] bezeichnet. Auch wenn seine Fachkollegen den Entstehungspro- zess des Kalten Krieges deutlich langer definieren und deutliche Risse bereits durch die sowjetische Besetzung Ostmitteleuropas hervortreten[3], wird in Churchills offentlichem Ausspruch vom „Eisernen Vorhang“ zum ersten Mal einem breiten Publikum die tiefe Spaltung zwischen Ost- und West-Alliierten vor Augen gefuhrt. Dem besetzten Deutschland kommt in diesem Konflikt eine Sonderrolle zu, bildet es doch die direkte Grenze zwischen den beiden Systemen und Einflusszonen.

Unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 machte Ernst Schu­bert mit Studenten der Universitat Gottingen jene Grenze zu seinem Forschungs- gebiet, als er im Rahmen der Interviewreihe „Von der Interzonengrenze zur Zo- nengrenze“ Bewohner des Eichsfelds nach ihren Erinnerungen und Erfahrungen zu den Jahren 1945 bis 1961 befragen lieb. Schubert und seine Studenten kom- men zu dem Ergebnis, dass die Grenze im Eichsfeld bis 1952 nicht sonderlich durchlassig war, sondern bereits fruhzeitig durch Kontrollen und speziell die Angst vor Willkur der sowjetischen Schutzmachte bei Strafmabnahmen zu einer Spaltung zwischen SBZ und den Zonen der West-Alliierten fuhrten.[4] Die kriti- sche Auseinandersetzung mit den Interviews hat allerdings die Frage aufgewor- fen, ob die Erlebnisse und Schilderungen der Zeitzeugen nicht eher im Rahmen von Nachkriegserfahrungen und -strategien zu verstehen sind. Ziel dieser Arbeit ist es, die Narrative der Interviewten herauszuarbeiten und mit Darstellungen aus den anderen Besatzungszonen zu vergleichen, um somit festzustellen, ob retro- spektiv - unter dem Wissen der spateren Blockbildung wahrend des Kalten Krie- ges - eine ideologische Deutung der fruhen Nachkriegsjahre im Eichsfeld statt- findet. Kapitel 2 befasst sich hierfur zunachst mit dem methodischen Aufbau der Interviews und allgemeinen kritischen Aspekten von „Oral History“ und diesem Quellenbestand im Speziellen. Darauf aufbauend werden in Kapitel 3 die Be- richte der Bewohner des Eichsfelds eingeordnet und mit Schilderungen aus an­deren Regionen verglichen. Hierbei wird differenziert zwischen der Versor- gungssituation der Bewohner des Eichsfelds und dem Alltag mit den Grenztrup- pen. Besonders hervorzuheben ist hier die starker hervortretende Zasur durch den Wechsel von sowjetischen Grenztruppen hin zu Grenzsoldaten und Volks- polizisten der sich herausbildenden DDR - also den Moment, als aus einer De- markationslinie zwischen Besatzungszonen eine Staatsgrenze zwischen zwei verfeindeten Blocken wurde. Abschliefiend wird in Kapitel 4 ein Fazit und mog- licher Forschungsausblick gegeben.

2. Schuberts Interviewreihe - Quellenkritik und Theorie

Als Oral History bezeichnet man im Allgemeinen einen Teil der Geschichtswis- senschaft, welcher sich mit dem systematischen „Fuhren und Auswerten von Er- innerungsinterviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Rahmen historiogra- phischer, sozialwissenschaftlicher oder journalistischer Projekte“[5] befasst. Ihren Ursprung hat die Oral History in den Vereinigten Staaten von Amerika und er- lebte dort in den 1960iger Jahren ihren ersten Hohepunkt. Ziel war es, Gruppen, die bisher wenig Moglichkeit hatten, geschichtliche Zeugnisse abzulegen, ein Medium zu geben. Von Anfang an war dieser Teil der Forschung gepragt von einem Gedanken des Kollektivismus und der Demokratisierung der Geschichts- schreibung. Durch die Einbindung von Zeitzeugen erhofft man sich sowohl neue Antworten - teilweise auch widerspruchlicher Natur - zum Forschungsgegen- stand zu erhalten, als auch neue Fragen aufzuwerfen, die bisher unberucksichtigt geblieben sind.[6] Ein Aspekt der Oral History erfordert von der Forschung beson- dere Beachtung. Sie ist stark subjektiv und oftmals abhangig von verschiedenen Einflussen, wie beispielsweise der Interviewumgebung, Vorabinformationen uber Forschungsgegenstand und Fragen, Alter, Herkunft, Geschlecht des Inter­viewers etc. Diese Subjektivitat und Flexibilitat der Erzahlung muss bei der Aus- wertung berucksichtigt werden.[7]

Gangige Praxis fur das Fuhren solcher Interviews ist es, das Gesprach in drei Phasen zu unterteilen. In der ersten Phase leitet der Interviewer lediglich in das Thema ein und lasst dann den Interviewten frei erzahlen. Maximal nonverbal werden Aufmerksamkeit und Interesse gezeigt. Im zweiten Schritt stellt der In­terviewer Nachfragen zum Gesagten, ehe in Phase drei weiterfuhrende Fragen gestellt werden konnen.[8]

Die in der Einleitung erwahnte Interviewreihe von Professor Dr. Ernst Schubert setzt sich als Forschungsgegenstand die entstehende Teilung zwischen West-Al- liierter und sowjetischer Besatzungszone (SBZ) zwischen 1945 und 1949. Das Eichsfeld wurde hierfur als Betrachtungsraum gewahlt, da es uber einen langen Zeitraum gemeinschaftlich gewachsen und wirtschaftlich eng verbunden war. Fur das Interview wurden drei Prinzipien festgelegt. Fragen, die zu personlich gedeutet werden konnten, sollten unterlassen werden. Nachfragen zu Themen, die die Interviewten meiden wollten, wurden nicht gestellt und schlussendlich wurden die Gesprachsteilnehmer nicht in ihren Erzahlungen unterbrochen, auch wenn diese vom Thema abschweiften.[9] Hierzu sind mehrere Punkte anzumer- ken. Zum einen wurden thematische Exkurse, beispielsweise uber den Zeitraum von 1961 hinausgehend zwar aufgezeichnet, in der vorliegenden Transkription allerdings mit eckigen Klammern ausgelassen. Zum anderen gehen die Intervie­wer teilweise wenig auf die Aussagen der Teilnehmer ein. Frau Schneemann berichtet in ihrem Interview von einem Todesfall an der Grenze, den sie selber beobachtet hat und anstatt Mitleid zu bekunden, fragt der Leiter des Gesprachs direkt nach den Waren, welche transportiert worden sind.[10] Generell lasst sich zu den Interviewern festhalten, dass Schubert hierfur Teilnehmer eines Seminars der Universitat Gottingen auswahlte, die sich vorher mit Hilfe von Zeitungsarti- keln und Archivakten in die Materie eingearbeitet hatten. Dies schmalert den wissenschaftlichen Charakter der Arbeiten, da Forschungserfahrung fehlte und Wissenslucken in den Transkriptionen deutlich werden. So erzahlt etwa Herr Jagemann in seinem Interview von den Leuna-Werken, welche in der DDR zu den grofiten Chemiewerken zahlten. In der Transkription steht allerdings „Leu- ner-Werke [?]“.[11]

Gemafi Schubert gab es fur die Interviews keine detaillierten Fragebogen. Dies erschwert die Vergleichbarkeit der jeweiligen Befragungen, da zudem die auf- gestellten Prinzipien ausufernde Gesprache ermoglichten. Auffallig ist aber, dass in der Transkription von der Befragung von Herrn Merten mehrmals Ver- merke zu finden sind, dass dieser den Fragenkatalog durchsieht.[12] Wie bereits von Obertreis erwahnt, sind dies alles Aspekte, die den Charakter der Oral His­tory beeinflussen und bei der Interpretation berucksichtigt werden mussen.

3. Grenznarrative aus dem Eichsfeld

Bei der Analyse der Interviews legt Schubert Kriterien zugrunde, die fur ihn re­levant fur politische Grenzen zwischen zwei Gebieten sind. Dadurch entsteht eine Fokussierung auf Themen wie Kriminalitat im Grenzraum, Schmuggel und staatliche Prasenz.[13] Im Folgenden wird der Schwerpunkt allerdings auf die Ein- zelschicksale und essentiellen Sorgen und Note der Interviewten gelegt, da es sich bei dem Quellenbestand um Zeitzeugenberichte mit ganz subjektiven Ein- schatzungen handelt und somit eine Untersuchung auf staatstheoretische Krite- rien ungenugend ware. Ein vorherrschendes Narrativ der Nachkriegszeit bei den Bewohnern des Eichsfelds ist die Versorgungssituation und der Hunger. Da diese Situation durch die Fluchtlingsstrome der Nachkriegsjahre stark beein- flusst wird, werden diese Erzahlungen vorgelagert behandelt. Daran anschlie- fiend wird die Lebensmittelversorgung thematisiert und in einem dritten Schritt die Entwicklung von Strategien sowie die besondere Bedeutung des Tauschhan- delns.

Der zweite grofie Erzahlstrang in den Interviews befasst sich mit der Interzonen- grenze und wie diese im Alltag von den Bewohnern wahrgenommen wurde. Hierbei wird vor allem darauf eingegangen, wie die Eichsfelder die Grenze uber- quert haben und wie unterschiedlich die von sowjetischen, westalliierten und DDR-Soldaten durchgefuhrten Grenzkontrollen jeweils wahrgenommen wur- den. In einem zweiten Schritt werden dann die Veranderungen durch die Uber- nahme der Grenzsicherungsaufgaben durch Grenzpolizisten der DDR betrachtet.

3.1 Die Versorgungssituation in der Nachkriegszeit

3.1.1 Fluchtlinge nach 1945

Schatzungen zufolge geht man davon aus, dass alleine im August 1945 taglich etwa 30.000 Heimatvertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten in die besetzten Zonen Deutschlands stromten. Zusatzlich zu den Heimatvertriebenen mussen noch fast 10 Millionen Zwangsverschleppte hinzugerechnet werden, welche als Arbeiter im Deutschen Reich eingesetzt worden waren. Auch wenn genaue Zah- len kaum vorhanden sind, geht man davon aus, dass die einsetzende Massen- wanderung die grofite jemals war und sich phasenweise 20 bis 30 Millionen Menschen in den Fluchtlingstracks befanden.[14] Besonders grenznahe Gebiete westlich der Demarkationslinie zwischen sowjetisch besetztem Teil Deutsch­lands und den Besatzungszonen der Westalliierten wurden zum Auffangraum. Sowohl auf Ost-, wie auch auf Westeichsfelder Seite findet man hierzu in den Interviews ahnliche Aussagen.

„Ja, die haben hier geschlafen und sind weitergewandert. Ich habe auch mehrmals wel­che gehabt. [...] Hier in der Gastwirtschaft war auch ein Saal. Der war immer dicke voll in der Zeit.“[15]

Dieser Bericht von Herrn Otto aus Brochthausen verweist zwar auf die kurzfris- tige Aufnahme und Versorgung von Fluchtlingen durch die Einheimischen, aber das Eichsfeld war ebenso betroffen von der Integration durch Bombengescha- digte und Vertriebene.

„Das war ein Problem [...] und dann wollten sie die Leute alle nicht nehmen. [...] Aber nachher haben sie zusammengelebt, [.] nachher hatte jeder Mitleid.“[16]

In einigen Orten wie beispielsweise Nesselroden fuhrte diese Integration sogar zu einer Steigerung der Bevolkerungszahlen um bis zu 65 Prozent.[17] Man kann also festhalten, dass die Fluchtlingssituation in den Interviews zwar thematisiert wird - diese wird jedoch weder feindselig, noch als extreme Belastung wahrge- nommen. Dieser Umstand lasst sich wahrscheinlich auf die wirtschaftliche Struktur des Eichsfelds zuruckfuhren.

3.1.2 Lebensmittelversorgung

„Hier im Eichsfeld hat man eigentlich wahrend des Krieges und in der Nachkriegszeit nie gehungert. Das gab es hier einfach nicht.“[18]

Diese Aussage eines Bewohners aus Duderstadt mag zwar auf den ersten Blick pauschal erscheinen, ist allerdings in dem Kleinbauerntum des Eichsfelds be- grundet.[19] Fast alle Interviewten berichten davon, dass der landliche Charakter und die kleinen Garten bzw. Bauernbetriebe eine gewisse Selbstversorgung er- moglichten und den grobsten Hunger abwenden konnten. Hier spiegelte sich auch die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten wieder, die ihre Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 1929 gezogen hatten. Anders als die Weimarer Repub- lik versuchte man weniger von auslandischen Warenimporten und somit auch von globalwirtschaftlichen Lagen abhangig zu sein. Daher starkte man vor allem den primaren Sektor innerhalb Deutschlands wieder. Wie problematisch die Versorgung in Nachkriegsdeutschland war, wird allerdings deutlich, wenn man die Ernteertrage in den Westzonen im Jahr 1945 mit denen von 1938 vergleicht. Die Getreideernte ging um 46 Prozent zuruck und die Kartoffelernte ebenfalls um 27 Prozent.[20] Nicht nur deutsche Politiker wie Kurt Schumacher forderten somit schnellstmoglich politische Losungsansatze fur die Frage der Versorgung

[...]


[1] Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdruckung Osteuropas 1944 - 1956, Munchen 2013, S. 13.

[2] David Reynolds: From World War to Cold War. Churchill, Roosevelt, and the international history of the 1940s, Oxford, New York 2006, S. 260.

[3] Vgl. Bernd Stover: Der Kalte Krieg, Munchen 2006, S. 17.

[4] Vgl. Ernst Schubert: Von der Interzonengrenze zur Zonengrenze. Die Erfah- rung der entstehenden Teilung Deutschlands im Raum Duderstadt 1945-1949, in: Grenzland. Beitrage zur Geschichte der deutsch-deutschen Grenze, hg. von Bernd Weisbrod, Hannover 1993 (Veroffentlichungen des Arbeitskreises Ge- schichte des Landes Niedersachsen (nach 1945)), 70-87, hier S. 82.

[5] Julia Obertreis: Oral History. Geschichte und Konzeptionen, in: Oral history, hg. von Julia Obertreis, Stuttgart 2012 (Basistexte Geschichte), 7-28, hier S. 7.

[6] Vgl. Obertreis, Oral History, S. 8ff.

[7] Vgl. ebd., S. 28.

[8] Vgl. ebd., S. 21.

[9] Vgl. Schubert, Von der Interzonengrenze zur Zonengrenze, S. 70ff.

[10] Vgl. Schneemann: Interview mit Schneemann, S. 2.

[11] Vgl. Jagemann: Interview mit Jagemann / Kreifil, S. 9.

[12] Vgl. Merten: Interview mit Merten, S. 1ff.

[13] Vgl. Schubert, Von der Interzonengrenze zur Zonengrenze, S. 71.

[14] Vgl. Dieter Franck: Jahre unseres Lebens. 1945 - 1949, Munchen, Zurich 1980, S. 46ff.

[15] Otto: Interview mit Otto, S. 12.

[16] Schneemann: Interview mit Schneemann, S. 10.

[17] Vgl. Jagemann: Interview mit Jagemann / Kreifil, S. 7.

[18] Merten: Interview mit Merten, S. 3.

[19] Vgl. Schubert, Von der Interzonengrenze zur Zonengrenze, S. 73.

[20] Vgl. Alexander Hausser; Gordian Maugg: Hungerwinter. Deutschlands hu- manitare Katastrophe 1946/47, Berlin 2011, S. 41f.

Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668769212
ISBN (Buch)
9783668769229
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436632
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,1
Schlagworte
Eichsfeld Innerdeutsche Grenze Teilung Mauer DDR BRD

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