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Luther und Karlstadt. Aus Freunden werden Feinde?

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1 (Theologische) Vorprägung und Bildungsweg
1.1 Vorprägung und Bildungsweg Luthers
1.2 Vorprägung und Bildungsweg Karlstadts

2 Beziehung bis 1521

3 Luther auf der Wartburg – Ein Wendepunkt?

4 Vertreibung Karlstadts

5 Exil und Rückkehr – Eine Versöhnung?

6 Zusammenfassung und Fazit

7 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

„Doctor Andreas Carlstadt ist von uns abgefallen, dazu unser ergester Feynd worden.“[1] So schreibt Luther in seiner Schrift „Wider die himmlischen Propheten 1525. Davor ist viel passiert. Die Beziehung Martin Luthers und Andreas Rudolff Bodensteins von Karlstadt, im Folgenden Karlstadt oder Bodenstein genannt, ging durch viele Phasen. In dieser Proseminararbeit werde ich die Entwicklung der Beziehung möglichst objektiv darstellen und nach Gründen für ihren scheinbar ausweglosen Streit suchen. Dazu werde notwendige Ereignisse ihrer gemeinsamen Biografie darstellen. Große Teile ihres weiteren reformatorischen Wirkens werden dabei natürlich unerwähnt bleiben müssen. Unbestritten ist, dass beide die Reformation maßgeblich geprägt haben und großen Einfluss hatten.

Eine neutrale Darstellung der Beziehung gestaltet sich schwer dadurch, dass über Karlstadt lange Zeit sehr lutherzentrisch berichtet wurde. Die wenigen Karlstadtforscher schlagen oftmals in genau die gegenteilige Richtung über und werden zu Apologeten des Karlstadt.[2] Die Arbeit an der kritischen Gesamtausgabe seiner Werke, die gerade im Gange ist, wird dies hoffentlich bald ändern. In meiner Arbeit werde ich vor allem auf Karlstadtliteratur zurückgreifen, da dieser in der Forschung weniger Beachtung findet und seine Rolle ungeklärter ist. Da dies eine geschichtliche Darstellung der Beziehung ist, werde ich ganz bewusst davon absehen theologische Ergebnisse der beiden zu beurteilen, obwohl manche Erkenntnisse Karlstadts in meinem adventistischen Hintergrund stärker betont werden.

Zuerst werde ich die Vorprägung der beiden bis 1516 betrachten und danach chronologisch ihre Beziehungsentwicklung aufzeigen. In meiner Zusammenfassung werde ich die Ergebnisse vorstellen und die Gründe für die Entwicklung in einem Fazit zusammenfassen.

1 (Theologische) Vorprägung und Bildungsweg

In folgendem Abschnitt betrachte ich die Vorprägung der beiden Charaktere. Die theologische Bildung hier vorrangig, jedoch werde ich auch Aspekte ihrer persönlichen Biografie benennen, die für ihre spätere Zusammenarbeit und Konflikte von Bedeutung sind.

1.1 Vorprägung und Bildungsweg Luthers

Martin Luther wurde wahrscheinlich am 10. November 1483 in Eisleben geboren.[3] Sein Vater, Hans Luther, war Hüttenmeister und pachtete das Herrenfeuer vom Grafen.[4] Dies brachte ihm trotz des Risikos viel Gewinn ein, sodass man ihn durchaus als Wohlhaben bezeichnen kann.[5] Sein Vater erarbeitete Luther eine schulische und universitäre Bildung.[6] Das Verhältnis zu seinen Eltern wurde angespannt, als er, gegen ihren Wunsch, ins Kloster eintrat. Dieser Konflikt klärte sich erst Jahre später.[7]

Nach seiner Schulausbildung begann Luther 1501 in Erfurt sein Studium der freien Künste[8] und schloss dieses 1505 ab. Die dort vertretene „via moderna“ überzeugte den Studenten sodass er sich als Schüler Wilhelm von Ockhams verstand.[9] Auch der Humanismus begann wohl den jungen Luther zu beeinflussen. In welchem Maße ist umstritten.[10] Vielleicht war es auch diese Prägung die ihn später anspornte die Scholastik deutlicher zu hinterfragen. Wohl durch seinen Vater gedrängt begann er ein Jurastudium.[11] Aus einer sich anbahnenden Lebenskrise Luthers und dem berühmten Gewitter brach Luther sein Studium ab und schloss sich 1505 den Augustinereremiten an. Warum genau den Augustinern ist nicht bekannt.[12] Dort wurde er durch intensives Bibelstudium zum ersten Mal mit den theologischen Problemen in Bezug auf Kirche und Bibel konfrontiert.[13] Allgemein diskutiert er dort die Rolle der Bibel und sieht sie für die Kirche als viel zu gering geschätzt an.[14] Auch Frage „wie krieg ich einen gnädigen Gott?“ begann ihn immer mehr umzutreiben. Sie sollte eine der Hauptfragen seines Lebens werden und erst später Klärung finden.[15] Nach seiner Priesterweihe 1506 oder 1507 begann er ein Studium der Theologie in Erfurt.[16] 1508 wurde Luther in die von Friedrich dem Weisen 1502 neu gegründete Universität in Wittenberg versetzt.[17] Er wechselte wieder zurück nach Erfurt und trat nach seiner Romreise 1512 nun endgültig der Universität Wittenberg bei. Johannes von Staupitz, welcher der Ordensobere von Luther war und ihn sehr prägte und förderte, wurde Dekan der theologischen Fakultät Wittenbergs.[18] Luther unternahm eine Pilgerreise nach Rom. Er war religiös fasziniert von Rom, jedoch auch gleichwohl irritiert von der Korruption, Hektik und Spott.[19] Wahrscheinlich ließ ihn seine Prägung „via moderna“ verstärkt hinter den Schein und Prunk auf die praktischen Inhalte blicken. Dieser Blick prägte seine spätere Papst- und Romkritik, war jedoch nicht unmittelbar so erschütternd, wie er es später darstellte. Obwohl nicht viel über seine Lektüre bekannt ist, gibt es Indizien, dass Luther vorübergehend stark an der Mystik interessiert war.[20] In Wittenberg erhielt Luther, unter dem Doktorvater Karlstadt, 1512 seinen Doktortitel.[21]

Luther wurde stark von der „via moderna“ und Staupitz geprägt. Auch die Mystik beeinflusste ihn, wenn auch nur einen gewissen Teil seines Lebens. Welchen Einfluss der Humanismus auf ihn hatte, ist weitgehend ungeklärt. Der Streit zwischen ihm und seinem Vater belastete ihn, jedoch ist seine Herkunft für sein späteres Wirken nicht mehr so ausschlaggebend.

1.2 Vorprägung und Bildungsweg Karlstadts

Andreas Rudolff Bodenstein wurde wahrscheinlich 1486 in Karlstadt geboren. Sein Geburtsort wird später seinem Namen angefügt.[22] Durch seinen Vater, Peter Rudolff, gehörte seine Familie wohl der führenden Bürgerschicht an. Dieser ist 1481 als einer der beiden Bürgermeister Karlstadts belegt.[23] Auch ist er 1485 als einer der zwei Bruderschaftsmeister von St. Nikolaus und St. Urban aufgeführt.[24] Somit kann man das religiöse und politische Engagement Karlstadts wohl auf das Vorbild seines Vater zurückführen. Seine strenge katholische Erziehung ist auch aus einem von ihm 1522 geschriebenen Zitat zu erkennen. „Aber (got klag ichs) mein hertz ist von Jugend auff yn eher erbiethung vnd wolachtung der bildnis ertzogen vnd auffgewachßen.“[25] Eine enge Bindung zu seiner Sippschaft und besonders seiner Mutter lässt uns vor allem aus einer Missive an die Mutter von 1520 ableiten.[26] Von seinen Kritikern wurde er oft als unbeständig und flatterhaft betitelt.[27]

Die anfängliche Prägung der „via moderna“ in der Universität Erfurt, wirkte nicht stark auf ihn ein. Sein Wechsel auf die Universität Köln und der dort vertretene „via antiqua“ nahm viel größeren Einfluss auf ihn. Köln kann zu dieser Zeit als „Hochburg der deutschen Scholastik“[28] bezeichnet werden. Dies führte dazu, dass Karlstadt sich dort zu einem engagierten Thomisten entwickelte.[29] Er ging 1505 in die neu gegründete Universität Wittenberg und schloss dort seinen Magister der „Freien Künste“ ab. Damit wechselte er in die theologische Fakultät. Schon in seiner 1507 ersten gedruckten Schrift äußert einen der reformatorischen Grundgedanken. Hier stellt er das eigenständige Denken über die Lehrautorität. Während seiner gesamten Laufbahn engagierte er sich sehr für sein Studium. So bekam er 1510 die Priesterweihe und wurde zum Doktor promoviert. Vom Kurfürsten wurde er zum Archidiakon ernannt. 1512 wurde Karlstadt Doktorvater Martin Luthers.[30] Aus Spekulation auf das Amt des Propsts absolvierte er auf seiner Romreise einen zweiten Doktortitel in Recht. Dafür überschritt er ganz bewusst seine erlaubte Urlaubszeit, was ihm einen Konflikt mit den Probst einbrachte. Der Kurfürst schütze ihn und nachdem er seine Rechtsfähigkeiten später auch für Kollegialstift einsetze, war dies wieder vergessen.[31]

Wir sehen also, dass Karlstadt ein Freidenker war, der sehr ambitioniert seine akademischen und beruflichen Ziele verfolgte. Die „via antiqua“ in Form des Thomismus prägte ihn sehr. Er hatte eine sehr starke Bindung zur Familie und gerade zu der Mutter und war Luthers Doktorvater.

2 Beziehung bis 1521

Über die Beziehung zwischen Luther und Karlstadt bis zum September 1516 ist wenig bekannt. Ob die Romreise Karlstadts ihm schon den Neid Luthers erbrachte, wie Bubenheimer aus der Später entstanden Schrift „Von etlichen Schwärmern“ schließt, ist fraglich.[32] Zwar verurteilt Luther Karlstadt hier sehr stark und greift ihn an.[33] Wenn man jedoch beachtet, dass diese Aussage Luthers erst Jahre später, also von ihrem Konflikt gefärbt, getätigt wurde und noch zusätzlich eine Gegenüberstellung Karlstadts Prunks bei der Wiederkehr und seines späteren einfachen Lebens als Bauer darstellt, wird fraglich, ob sie eine wahre Aussage über Luthers unmittelbare Bewertung der Situation und seiner Beziehung zu Karlstadt in jener Zeit bietet. In Verbindung mit dem Tumult, den seine Romreise auslöste und der Faszination, die die Stadt auf Luther ausübte, könnte diese weit überzogene Aussage doch für ein Indiz ihrer Beziehung im Juni 1516 stehen. Es ist gut vorstellbar, dass die zwei aufstrebenden jungen Männer, die so unmittelbar nebeneinander ähnliche Ziele verfolgten, miteinander in kleinen Konkurrenzkämpfen standen. Bubenheimer baut dies durch die Verwendung des psychohistorischen Ansatzes sehr weit aus.[34] Spekuliert dabei doch sehr viel. Zwischen Luther und Karlstadt sind wohl bis zum September 1516 kleinere Konflikte und Konkurrenzgefühle vorhanden gewesen, jedoch ist wohl nicht so ein ausgeprägter Neid zu vermuten, wie es Luthers Aussage in „von etlichen Schwärmern“ vermuten ließe.

Am 25. September 1516 disputierte Luther bei der Promotion des Bartholomäus Bernhardi aus Feldkirch.[35] Dort greift er zum einen die Philosophie der Scholastik an[36] und deklarierte zurecht die Schrift „Über wahre und falsche Buße“ als pseudepigrafisch und nicht Augustinus zugehörig.[37] Persönlich herausgefordert wollte Karlstadt den Augustinern nun selbst mit Augustin widerlegen. Im Frühjahr 1517 besorgte er sich die Schriften Augustins. Er kam jedoch zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass er selbst es war, der falsch lag. Woraufhin er sich scheinbar schlagartig zu dem stärksten Unterstützer Luthers Thesen entwickelte. Er wandelte seine thomistische Theologie zu einer Augustinischen. Dies wird in seinen 152 Thesen „Über Natur und Gesetz der Gnade“ sehr deutlich.[38] Auf seine scholastische Vergangenheit blickt er sehr negativ zurück.[39]

[...]


[1] Luther 1525 in WA 18

[2] Vgl. Looß S.9f.

[3] Vgl. Brecht 1994 S.13; Wie Brecht hier anführt sind auch die Jahre 1482 oder 1484 genannt und grundsätzlich möglich, da sich später sogar Luthers Mutter nicht sicher über sein genaues Geburtsjahr war.

[4] Vgl. Ebd. S.15ff.

[5] Vgl. Leppin 2006 S.16

[6] Vgl. Brecht 1994 S.18

[7] Vgl. Ebd. S.19f.

[8] Vgl. Ebd. S.39

[9] Vgl. Leppin 2006 S.25

[10] Vgl. Junghans 1985 S.93 und Leppin 2006 S. 25f. und Brecht 1994 S.52f.

[11] Vgl. Brecht 1994 S.53

[12] Vgl. Leppin 2006 S.34

[13] Vgl. Brecht 1994 S.89

[14] Vgl. Ebd. S.90f.

[15] Vgl. Leppin 2006 S.44f.

[16] Vgl. Ebd. S.52

[17] Vgl. Brecht 1994 S.98

[18] Vgl. Leppin 2006 S.64f.

[19] Vgl. Ebd. S.58f.

[20] Vgl. Brecht 1994 S.101

[21] Vgl. Leppin 2006 S.67

[22] Vgl. Vinzent/Volp (Hg.) 2000 S. 399 oder Joestel 2005 S.29; Früher ging die Forschung davon aus, dass er um das Jahr 1480 geboren sei (Siehe Barge 1905 S.2 oder Bubenheimer 1980 S.10)

[23] Vgl. Bubenheimer 1980. S.5

[24] Vgl. Bubenheimer 1981 S.253

[25] Karlstadt 1522

[26] Vgl. Barge 1905 S.3; Siehe auch Bubenheimer 1981 S.255ff.; Bubenheimer vertieft das Thema noch, wobei er mit seinem psychohistorischen Ansatz vielleicht etwas über das Ziel hinausschießt.

[27] Joestel 2005 S.32

[28] Ebd. S.30

[29] Vgl. Barge 1905 S.5f.

[30] Vgl. Joestel 2005 S.31

[31] Vgl. Bubenheimer 1980 S.13ff.

[32] Vgl. Ebd. S.15

[33] Vgl. Luther in WA TR 6, Nr. 6874 S.245

[34] Vgl. Bubenheimer 1981 S. 264f.

[35] Vgl. Leppin 2006 S.97f.

[36] Vgl. Joestel 2005 S.31f.

[37] Vgl. Bubenheimer 1980 S.15

[38] Vgl. Ebd. S.15

[39] Vgl. Barge 1905 S.75f.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668769762
ISBN (Buch)
9783668769779
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436514
Institution / Hochschule
Theologische Hochschule Friedensau
Note
1,7
Schlagworte
Reformation Martin Luther Andreas Bodenstein Karlstadt Reformationsgeschichte

Autor

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