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Die Feminisierung von Berufsbezeichnungen in Frankreich. Das generische Maskulinum im Spannungsfeld zwischen Sprache und Gleichberechtigung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 31 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Morphologische und ideologische Widerstände

3. Ungleichheit von Genus und Sexus à (Genus/ Sexus Konflikt)
3.1 Begriffliche und terminologische Unterscheidungen
3.1.1 Das aktuelle Konzept
3.1.2 Das Konzept der früheren Forschung
3.2 Das französische Genuszuweisungssystem: ein Überblick
3.2.1 Genus und Sexus in der Kategorie animé
3.2.2 Genus und Sexus in der Kategorie inanimé
3.3 Das Generische Maskulinum
3.3.1 Entstehung
3.3.2 Definition und Gebrauch

4. Ein Experiment- Das Generische Maskulinum als Problemkategorie
4.1 Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der épicènes
4.2 Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der génériques
4.3 Fazit: génériques versus épicènes

5. Die Kontroverse um das Generische Maskulinum
5.1 Gegner des Generischen Maskulinums
5.2 Befürworter des Generischen Maskulinums

6. Schlussbemerkungen

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das aktuelle Konzept

Abbildung 2: Das Konzept der früheren Forschung

Abbildung 3: Genussysteme im Vergleich

Abbildung 4: Das französische Genuszuweisungssystem

Abbildung 5: Reduktion der Genera (Verlust des Neutrums)

Abbildung 6: Das Generische Maskulinum

Abbildung 7: Begriffsunterscheidung: épicène vs. générique

Abbildung 8: Épicènes im Schnittpunkt paradigmatischer und syntagmatischer Relationen

Abbildung 9: Génériques im Schnittpunkt paradigmatischer und syntagmatischer Relationen

Abbildung 10: Die Dominanz des maskulinen Genus

Abbildung 11: La féminisation terminologique

Abbildung 12: Die Haltung der Académie fr.

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit untersucht das Generische Maskulinum. Folgende Beispiele sollen die Dominanz beziehungsweise die weit verbreitete Verwendung von maskulinen Formen exemplarisch illustrieren:

(1) Le meilleur professeur, cest vous !
(2) Tous les hommes sont égaux devant la loi.

Der Gebrauch maskuliner Personenbezeichnungen in Sachverhalten, in denen sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sind, wie in Bsp. (1) und (2) wird in der linguistischen Fachsprache als Generisches (neutralisierendes oder verallgemeinerndes) Maskulinum bezeichnet und löste seit der Frauenbewegung in den 80er Jahren hitzige Debatten über seinen Status als neutrale Sprachform aus (vgl. Baudino 2013, 238).

Das Generische Maskulinum gehört zu den am häufigsten thematisierten, aber auch umstrittensten Kategorien innerhalb der Linguistik. Es ist immer wieder unter ganz verschiedenen Perspektiven betrachtet worden und hat in vielerlei Hinsicht Anlass zu kontroversen Diskussionen gegeben (vgl. Schafroth 2015, 334). Im Zentrum zahlreicher neuerer Forschungsarbeiten zu diesem Thema stehen Fragen der Wirkungsweise sowie der Verwendungsweise des Generischen Maskulinums (vgl. Schafroth 1998).

Motivation für die vorliegende Arbeit sind die auffälligen geschlechtsbezogenen Diskrepanzen/Asymmetrien, denen wir im Alltag begegnen.

Diese Hausarbeit präsentiert zunächst einmal eine umfangreiche Zusammenschau der kontroversen und fächerübergreifenden Problematiken im Rahmen der Feminisierung von Berufsbezeichnungen. Sie trägt dazu bei, eine Basis für eine anregende und fundierte Debatte im Bereich der Genderlinguistik zu liefern.

In Kapitel 3 sollen dann unterschiedliche Zugänge zur Untersuchung des Zusammenhangs von Sprache und Geschlecht präsentiert werden. Dabei wurden Konzepte der früheren Forschung kritisch rezipiert, reflektiert und mit neuen Zugängen konfrontiert.

Ausgehend von der Reflexion theoretischer Hintergründe sollen geschlechtsbezogene Asymmetrien, die fest im französischen Sprachsystem verankert sind, aufgezeigt werden. Hauptuntersuchungsgebiet stellt in diesem Zusammenhang das Generische Maskulinum dar. Bevor wir uns mit der Kritik am Generischen Maskulinum auseinandersetzten, soll an dieser Stelle noch einmal explizit deutlich gemacht werden, was unter Generischem Maskulinum genau zu verstehen ist. Mittels eines Experimentes, bei dem Überlegungen zur syntagmatischen, paradigmatischen und semantischen Leistungsfähigkeit dieser sogenannten génériques wegleitend waren, soll das Generische Maskulinum als eindeutige Problemkategorie definiert werden.

Es folgt in Kapitel 5 eine kritische Darstellung der eher theoretischen Debatte um das Generische Maskulinum. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung bildet eine unterschiedliche Einschätzung des Generischen Maskulinums in der französischen Sprache.

So wurden Aspekte des Zusammenspiels von Sprachsystem und Sprachgebrauch diskutiert und in den Schlussbemerkungen die Frage nach aktuellen Tendenzen einer geschlechtergerechten Sprache aufgeworfen.

2. Morphologische und ideologische Widerstände

Die erste bedeutende Initiative zu einer amtlich verbindlichen Feminisierung der Berufsbezeichnungen ging von der Ministerin für Frauenrechte, Yvette Roudy, in den ersten Jahren der Staatspräsidentschaft François Mitterands Anfang der 1980er Jahre aus (vgl. Baudino 2001, 28).

Sie ließ im Juli 1983 ein Gesetz zur beruflichen Gleichstellung von Frauen und Männern verabschieden, das auf diskriminierungsfreie Behandlung am Arbeitsplatz sowie Chancengleichheit bei Berufsfindung, -ausübung und Karriere zielte (vgl. Baudino 2013, 238). Dazu zählte auch die Formulierung von Stellenanzeigen in einer Frauen ansprechenden Form. Ziel der Ministerin war es Frauen den Zugang zu allen Berufen zu eröffnen (vgl. Baudino 2013, 239) und sie in der Gesellschaft sichtbar zu machen. In diesem Kontext gewann das Problem der Benennung von Frauen in vormals typisch männlichen Berufen an Bedeutung und Aktualität (vgl. Baudino 2001, 33).[1] Das Bestreben um gleichberechtigte Präsenz in der Sprache stand damit in engem Zusammenhang mit der ebenbürtigen Anerkennung von Frauen und Männern in Politik, Gesellschaft und Beruf (vgl. Baudino 2001, 12). Neben dem gesellschaftlichen Problem lag jedoch auch ein linguistisches vor.

Im Laufe der Jahrhunderte waren, bedingt durch den Ausschluss von Frauen aus zahlreichen Berufen, sehr viele weibliche Tätigkeitsbezeichnungen verloren gegangen oder veraltet (vgl. Stehli 1994, 110; vgl. Becquer 1999, 30).

Die existierenden hingegen wurden oft in einer matrimonialen Form verwendet. War beispielsweise von

(3) la pharmacienne (Becquer 1999, 33)

die Rede, so war die Frau des Apothekers gemeint und nicht eine ausgebildete Apothekerin.

(4) L'ambassadrice (Becquer 1999, 31)

bezeichnete z.B. die Frau eines Botschafters und keine amtierende Botschafterin.

Frauen, die diese Funktionen ausübten, bestanden vor diesem Hintergrund auf der männlichen Bezeichnung für ihre Tätigkeit. Bei der Bildung weiblicher Berufsbezeichnungen konnte also nicht immer eine Ableitung von der männlichen Bezeichnung gebildet oder auf ehemals vorhandene weibliche Formen zurückgegriffen werden.

Eine Ärztin bzw. professionelle Heilerin galt im Mittelalter, als dieser Beruf auch von Frauen ausgeübt wurde, als

(5) une miresse

Heute kann der Begriff ,Ärztin’ nicht umstandslos von der männlichen Form le médecin abgeleitet werden, da la médecine bereits existiert und eine andere Bedeutung (,Medikamente’) hat.

Es ist offensichtlich, dass die Femininbildung auf größte Schwierigkeiten stößt, wenn die weibliche Form durch einen anderen Bedeutungsinhalt blockiert ist. In diesem Zusammenhang sei noch auf eine weitere Gruppe, die der polysemantischen Feminina, hingewiesen.

In manchen Fällen bezeichnet das Femininum nämlich sowohl die berufstätige Frau, wie auch die entsprechende Maschine. So dient z.B.

(6) la brocheuse (Becquer 1999, 31)

einerseits zur Bezeichnung der ,Buchbinderin’, andererseits zur Bezeichnung der ,Heftmaschine’. Eine analoge Doppelbildung ist den Feminina

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

usw. eigen.

Eine weitere Art der Blockierung liegt vor, wenn die Femininform im Sprachgebrauch, in einer ganz bestimmten, meist pejorativen Bedeutung verankert ist. Dies trifft etwa bei

(10) chauffeuse (Becquer 1999, 34)

oder

(11) entraîneuse (Schafroth 2015, 345)

zu. Entraîneuse ist zur Bezeichnung einer ,Sportlehrerin’ zwar möglich, üblicherweise wird dieser Ausdruck aber zur Bezeichnung einer ,Animierdame’ gebraucht.

In anderen Fällen liegen ebenfalls ähnliche morphologische Probleme oder ästhetische Diskrepanzen auf phonetischer Ebene (Sprachproduktion) vor (vgl. Becquer 1999, 32). Zur Klärung solcher problematischen Fragen setzte die Ministerin im Februar 1984 eine Terminologiekommission[2], „ une Commission de terminologie relative au vocabulaire concernant les activités des femmes “, unter der Leitung der Schriftstellerin Benoîte Groult ein (vgl. Baudino 2001, 35).

Die in diesem Rahmen von ihr eingesetzte Kommission erarbeitete im Jahr 1984 einen Entwurf zur Feminisierung von Berufsbezeichnungen, Dienstgraden und Beamtentiteln, der sich trotz eines einschlägigen Erlasses im Amtsblatt (März 1986) durch den damaligen Premierminister Laurent Fabius im Sprachgebrauch nicht durchsetzen konnte (vgl. Baudino 2001, 10, 12, 16; vgl. Houdebine-Gravaud 1998, 24).

In einem zweiten Anlauf unterstützten 1997 Staatspräsident Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin auf Drängen von sechs dem Kabinett angehörigen Ministerinnen die Feminisierung von Anreden wie „ Madame la ministre “, und Jospin erklärte mit seiner Verfügung „Circulaire du 6 mars 1998 relatif à la féminisation des noms de métier, fonction, grade ou titre“, veröffentlicht im Journal officiel (Jahrgang 130, Nr. 57, 8. März 1998), die Feminisierung der Berufsbezeichnungen für verbindlich (vgl. Baudino 2001, 9f.; vgl. Baudino 2013, 240; vgl. Houdebine-Gravaud 1998, 14).

Die Académie française, vor allem ihr Sekretär Maurice Druon, sprach sich gegen die generelle Anwendung des Erlasses aus und kritisierte diesen vehement (vgl. Baudino 2001, 11). Auch die vom Centre national de la recherche scientifique (CNRS) unter Leitung des Linguisten Bernard Cerquiglini 1999 herausgegebene und von Lionel Jospin mit einem Vorwort versehene Dokumentation „Femme, j’écris ton nom […]“, in der ein umfassender Überblick über die Feminisierung von mehr als 2000 Berufsbezeichnungen gegeben wird, fand wenig Zustimmung bei der Académie française (vgl. Schafroth 2013, 104f.)[3].

3. Ungleichheit von Genus und Sexus à (Genus/ Sexus Konflikt)

„Die linguistische Problematik der Feminisierung von Berufsbezeichnungen betrifft [aber] nicht nur die onomasiologische Ebene, sie ist ebenso ein Reflex des Spannungsverhältnisses zwischen Genus und Sexus“ (Schafroth 1998, 16; vgl. Baudino 2013, 238).

3.1 Begriffliche und terminologische Unterscheidungen

Schafroth sieht es als maßgebend an, zwischen „grammatischem Geschlecht (Genus) und natürlichem oder biologischem Geschlecht (Sexus) sowohl begrifflich als auch terminologisch zu unterscheiden“ (1998, 16).

Um eine Verwechslung zu vermeiden, ist es notwendig einheitliche Bezeichnungen zu verwenden. „In der vorliegenden Arbeit wird daher feminin und maskulin ausschließlich auf das Genus bezogen, weiblich und männlich ausschließlich auf den Sexus “ (Schafroth 1998, 17).

Die Frage, warum es eine grammatische Kategorie „Geschlecht“ gibt und welcher Zusammenhang zwischen Genus und Sexus besteht hat in der Sprachwissenschaft eine lange Tradition (vgl. Schafroth 2015, 334).[4]

Zwei hauptsächliche Erklärungsversuche wurden hierzu unternommen:

3.1.1 Das aktuelle Konzept

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besteht in der Linguistik weitgehend Einvernehmen darüber, dass Genus und Sexus prinzipiell begrifflich zu trennen sind (vgl. Schafroth 2015, 334).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[5]

Abbildung 1: Das aktuelle Konzept

Während der Sexus eine von sprachlichen Gegebenheiten unabhängige biologische Eigenschaft von Menschen und Tieren darstellt, ist das Genus eine „nicht-semantische, inhärente Eigenschaft der nominalen Wortklasse“ (Hellinger 1990, 60). [aus: Schafroth 1998, 20]

Das Genus kann in gegebenen Situationen dem natürlichen Sexus entsprechen, beide sind aber grundsätzlich verschieden (vgl. Schafroth 2015, 334).

Das Genus ist ein sprachliches Phänomen für Lebewesen sowie Unbelebtes (vgl. Schlafroth 2015, 334). Es ist eine Klassifikation der Bezeichnungen, nicht eine Klassifikation der Wesen nach dem Geschlecht (vgl. Schlafroth 2015, 351). Eine Reduktion auf die Geschlechtsopposition (männlich/ weiblich), also auf ein semantisches Merkmal, ist daher nicht berechtigt (vgl. Schafroth 2015, 334).

„En allemand, on exprime les deux concepts, rendu par le même lexème, Geschlecht, par des adjectifs épithètes : natürliches (ou biologisches) Geschlecht (sexe) et grammatisches Geschlecht (genre) “ (Schafroth 2015, 334). Schafroth zufolge kann der Terminus Geschlecht, „sofern er nicht durch die Adjektive grammatisch oder natürlich/ biologisch näher bestimmt ist, als Hyperonym zu Genus und Sexus aufgefasst werden“ (1998, 17).

3.1.2 Das Konzept der früheren Forschung

In der früheren Forschung herrschte die allgemeine Auffassung, dass das Genus identisch mit dem Sexus sei und damit der Sexusunterscheidung diene (vgl. Schafroth 2015, 350f.).

„Leiss (1994, 289) souligne que le mot Geschlecht signifiait à l’origine, comme le latin genus, entre autres, ,espèce’, ,sorte’, acception qu’ il a perdue au cours du temps“ [aus: Schafroth 2015, 334].

Sie weist darauf hin, dass das Genus ein Erbe der lateinischen Grammatik ist und der lateinische Begriff genus ursprünglich einen weiten Bedeutungsumfang hatte, der wörtlich übersetzt ,Gattung’ oder ,Art’ bedeutete. Mit seiner ursprünglichen Bedeutung ,Gattung’ und ,Art’ ist er auch zunächst in der Sprachwissenschaft eingeführt und verwendet worden. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

Abbildung 2: Das Konzept der früheren Forschung

Das natürliche Geschlecht wurde dem grammatischen Geschlecht gleichgesetzt (vgl. Schafroth 2015, 335), eine Auffassung, die heute aus linguistischer Sicht abgelehnt wird, da sie einer Vermischung zweier unterschiedlicher Kategorien gleichkommt.

3.2 Das französische Genuszuweisungssystem: ein Überblick

Die Beziehung zwischen Genus und Bedeutung (Semantik) wurde immer wieder mit Blick auf den Sexus untersucht.

Im Französischen gibt es zwei Genera: m askulin und feminin. Unter dem Genus wird die Zugehörigkeit eines Substantivs zu einer dieser beiden Gruppen verstanden. Es ist ein fester Bestandteil des Substantivs und kommt bei den bestimmten Artikeln le/ la und bei den unbestimmten Artikeln un/ une zum Ausdruck.

Bei einer Sprachenanalyse von insgesamt 257 untersuchten Sprachen weisen 85, darunter auch die französische Sprache keine durchgehende Parallele von Genusklasse und Wortbedeutung auf (vgl. Schafroth 2015, 347). Das Französische verfügt über ein Genus, welches sich nicht ausschließlich, aber hauptsächlich auf das biologische Geschlecht stützt. Das Genus kann von Sprache zu Sprache semantisch sehr unterschiedlich motiviert sein.

Schafroth unterscheidet in diesem Zusammenhang zwei Genuszuweisungssysteme:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[7]

Abbildung 3: Genussysteme im Vergleich

les langues dont le genre est attribué exclusivement selon le signifié des substantifs (systèmes strictement sémantiques) […], et les langues dont l’attribution est basée surtout, mais pas exclusivement, sur le critère sémantique […] (systèmes principalement sémantiques) […] (2015, 347).

Das französische Genuszuweisungssystem[8] gilt als principalement sémantique und kann nicht als strictement sémantique bezeichnet werden, da die Genusmarkierung nicht in allen Fällen mit dem Geschlecht der bezeichneten Person korrespondiert. Die Klassifizierung als principalement sémantique lässt hingegen annehmen, dass eine biologische Kongruenz dennoch deutlich dominieren muss.

Genussysteme unterliegen wie andere Kategorisierungen einer historischen bzw. regionalen Variabilität und sind von Sprache zu Sprache verschieden (vgl. Schafroth 2015, 347).

Es gibt daher kein allumfassendes System von Regeln, nach dem man das Genus der Substantive in jedem einzelnen Fall mit absoluter Sicherheit vorhersagen kann, doch bestehen einige Regelmäßigkeiten, aufgrund derer sich das Genus in den meisten Fällen absehen lässt (vgl. Schafroth 2015, 347).

Die Regeln für die Verteilung der Genera im Französischen auf die Substantive wurden auf der Grundlage von Informationen entwickelt, die das Substantiv implizierte, also auf der Basis ihrer wahrgenommenen Gestalt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9]

Abbildung 4: Das französische Genuszuweisungssystem

So wurden Substantive in eine Gruppe der ,belebten’ animé und in eine Gruppe der ,unbelebten’ inanimé eingeteilt (vgl. Becquer 1999, 35).

Zu der Kategorie animé zählen beispielsweise Personen- und Tierbezeichnungen, Lebewesen die handlungsfähig sind (vgl. Becquer 1999, 35), etwa:

(12) le coq vs. la poule,

(13) le taureau vs. la vache,

(14) le frère vs. la sœur

Der Kategorie inanimé gehören Sachbezeichnungen an, die nicht handlungsfähig sind. Beispiele für diesen Typ sind Ausdrücke wie:

(15) le cuivre,

(16) le fer,

(17) le nickel

3.2.1 Genus und Sexus in der Kategorie animé

Für belebte Bezeichnungen, gilt in der Regel, dass das Genus dem Sexus entspricht, die Genusdifferenzierung also mit außersprachlichen Erscheinungen korrespondiert (vgl. Becquer 1999, 35f.). Becquer schreibt in diesem Zusammenhang:

Chez les humains, le genre est très généralement conforme au sexe […] : le genre, pour les animés humains, suit globalement le sexe (1999, 36). […] Pour les animés (animaux, humains) s’ajoute en général une valeur sémantique, qui donne une information relative au sexe (1999, 35).

Wie dem Zitat Becquers zu entnehmen ist, besteht eine gewisse Verbindung zwischen männlichen bzw. weiblichen Lebewesen und den maskulinen bzw. femininen Bildungen, die auf sie referieren. Das Genus ist in der Kategorie animé generell semantisch motiviert und kann eine Spezifikation vom Geschlecht des Referenten ermöglichen.

Becquer (1999, 35f.) weist darauf hin, dass in diesem Bereich das Genus zwar zur Unterscheidung des Sexus herangezogen werden kann, dieses als „indication supplémentaire“ fungieren kann, es jedoch auch Personenbezeichnungen gibt, bei denen das grammatische Geschlecht nicht mit dem natürlichen kongruiert. Eine Genus/Sexus-Inkongruenz liegt dann vor, wenn:

Ein maskulines Substantiv sich, wie in Bsp. (18), sowohl auf eine männliche Person, als auch auf eine weibliche Person beziehen kann,

(18) un mannequin >,das Modell’à (w./m.) (Schafroth 2015, 344)

ein feminines Substantiv, wie in Bsp. (19), zur Bezeichnung eines Mannes verwendet wird,

(19) une ordonnance >,ein Offiziersbursche’à (m.) (Becquer 1999, 36)

oder ein maskulines Substantiv, wie in Bsp. (20), zur Bezeichnung einer Frau gebraucht wird.

(20) un laideron >,das hässliche Mädchen’à (w.) (Schafroth 2015, 343)

Die angeführten Beispiele beinhalten alle einen logischen Genus-Sexus-Konflikt und beweisen, dass das biologische Geschlecht sich selbst in dieser Kategorie nicht immer durch das entsprechende Genus ausweisen lässt (vgl. Becquer 1999, 36).

3.2.2 Genus und Sexus in der Kategorie inanimé

In der Kategorie unbelebte Gegenstände, dient das Genus der Klassifikation der Bezeichnungen und nicht der Inhalte. Das Genus ist eine formalgrammatische Kategorie, da es die Substantivparadigmen in die Einheiten maskulin und feminin gliedert[10]. Es ist rein strukturell bedingt und leistet einen Beitrag zur Formdifferenzierung und Formabstimmung (vgl. Becquer 1999, 35).

Becquer beschreibt die Funktion des Genus wie folgt:

„Le genre, pour les inanimés, est […]

- une question de morphologie (forme du mot […]) et

- d’accord (choix des pré- et postdéterminants […]);“ (Becquer 1999, 35).

Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle jeweils ein Beispiel angeführt:

(21) le vest on, la vest e (Becquer 1999, 35)

(22) la table est mis e, le bureau est grand (Becquer 1999, 35)

Die Hauptfunktion des Genus als grammatische Formkategorie ist es, vor allem die syntaktischen Beziehungen zwischen nominalen Satzgliedern zu identifizieren (vgl. Schafroth 1998, 21).[11] Artikel, Adjektive und Pronomen[12] stehen in Abhängigkeit vom Genus des Substantivs das heißt sie befinden sich, was bereits in Beispiel (22) gezeigt worden ist, in sogenannter Kongruenzrelation zum Substantiv und stimmen mit ihm überein (vgl. Becquer 1999, 35; vgl. Schafroth 2015, 335). Hierbei handelt es sich um ein morphosyntaktisches Phänomen.

Die Genusspezifizierung von unbelebten Bezeichnungen ermöglicht unter anderem auch Homonyme[13] voneinander zu unterscheiden (vgl. Becquer 1999, 35), so beispielsweise:

(23) le tour > ,der Rundgang’ ßà la tour > ,der Turm’ (Becquer 1999, 35)

(24) le livre > ,das Buch’ ßà la livre > ,das Pfund’ (Becquer 1999, 35)

(25) le mode >,die Art und Weise’ ßà la mode > ,die Mode’

(26) le mousse > ,der Schiffsjunge’ ßà la mousse >,der Schaum’

„Das Genus zur Bezeichnung unbelebter Referenten ist arbiträr, historisch-kontingent und damit konventionell“ (vgl. Becquer 1999, 35; Schafroth 1998, 19). Als Beleg hierfür mögen folgende Bsp. dienen:

(27) la table, le bureau (Becquer 1999, 35)

(28) la mer, l ’océan (Becquer 1999, 35)

(29) le jour, la nuit (Becquer 1999, 35)

Für das heutige Sprachbewusstsein bedeutet dies, dass das Genus zusammen mit dem Substantiv erlernt werden muss.

Viele indogermanische Sprachen unterscheiden Wortklassen nach Genus. Diese Klassifizierung erfolgt in den verschiedenen Sprachen auf unterschiedlicher Art und Weise. Während es im Französischen die zwei Genera maskulin und feminin gibt, so findet man in anderen Sprachen, drei oder mehr als drei Genera. Es gibt aber auch Sprachen, wie z.B. das Baskische, das Finnische oder Ungarische in denen die Kategorie Genus überhaupt nicht existiert (vgl. Schafroth 2015, 335).

In den verschiedenen indogermanischen Sprachen ergeben sich des Weiteren Unterschiede bezüglich der Genusklasse für denselben Bedeutungsgehalt (vgl. Becquer 1999, 35). So ist, wie in Bsp. (30) zu sehen ist, der Begriff Sonne in der französischen Sprache maskulin im Deutschen feminin (vgl. Becquer 1999, 35):

(30) deutschà die Sonne/ der Mond französichà le soleil/ la lune (Becquer 1999, 35)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass aus synchronischer Sicht in der Kategorie unbelebt keine Beziehung zwischen dem Genus und dem Begriff bzw. der außersprachlichen Realität besteht, das Genus ist hier eine rein linguistische Kategorie (vgl. Schafroth 1998, 18).

Eine reale Beziehung zwischen Genus und Sexus zeichnet sich aus synchronischer Sicht nur noch in der Kategorie belebt ab (vgl. Schafroth 1998, 17). Im Idealfall verkörpert die Kategorie Genus das sprachliche Korrelat der außersprachlichen Kategorie ,Sexus’ (vgl. Schafroth 1998, 17).

„Sie ist also prinzipiell ein sprachliches Faktum, eine grammatische Eigenschaft und kann auf belebte wie unbelebte Objekte referieren, während Sexus die Zugehörigkeit zum biologischen, ,natürlichen’ Geschlecht bestimmter Lebewesen zum Ausdruck bringt“ (Schafroth 1998, 17).

Das französische Genuszuweisungssystem verdeutlicht, dass das Genus nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben muss. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Kategorien, eine formalgrammatische und eine außergrammatische Kategorie, die keine Beziehung zueinander haben. Der Zusammenhang zwischen Form und Inhalt des Wortes ist arbiträr. Es wurde lediglich zwischen unbelebtem und belebtem Geschlecht unterschieden (vgl. Schafroth 1998, 17).

3.3 Das Generische Maskulinum

Schafroth teilt Substantive, die die Möglichkeit besitzen Geschlecht im Französischen auszudrücken in grob 4 Gruppen ein. Dabei unterscheidet er zwischen (vgl. Schafroth 2015, 337, 336, 345):

1) Lexikalischen Oppositionen (lexeminhärenten Geschlechtsspezifikationen)[14], solchen wie

(31) (a) fille/ garçon,

(b) mère/ père (Schafroth 2015, 337)

2) Morphologischen Differenzierungen durch Derivation, so z. B

(32) berger/ bergère (Schafroth 2015, 337)

3) Ambigenen Nomina (épicènes) wie (vgl. Schafroth 2015, 336)

(33) (a) un/ une locataire

(c) un/ une élève

4) und Generischen Ausdrücken, die auf ein Genus beschränkt sind, ohne Pendant für das andere biologische Geschlecht, so beispielsweise (vgl. Schafroth 2015, 345)

(34) homme

Im Französischen kann auf eine Person sowohl geschlechtsspezifizierend wie in Bsp. (31), (32), (33) als auch geschlechtsabstrahierend wie in Bsp. (34) referiert werden.

Trotz der grundsätzlich vorhandenen und auch zu erwartenden Genus-Sexus-Kongruenz bei Menschen enthalten nach Schafroth „Sprachsystem und Sprachgebrauch historischer Einzelsprachen, Asymmetrien verschiedenen Charakters“ (1998, 16). Diese sind auf die vierte Gruppierung „Generische Ausdrücke“ zurückzuführen. Auf geschlechtsbezogene Asymmetrien, die im französischen Sprachsystem fest verankert sind, soll im Folgenden eingegangen werden.

3.3.1 Entstehung

Um das Phänomen der lexikalischen Asymmetrie aufzeigen zu können, muss in das Vulgärlateinische zurückgegangen werden, als sich das „Französische“ mitten in einem Umstrukturierungsprozess befand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[15]

Abbildung 5: Reduktion der Genera (Verlust des Neutrums)

Im Lateinischen gibt es die drei Genera Maskulinum, Femininum und Neutrum, die im Wesentlichen erhalten geblieben sind. In den romanischen Sprachen ist das Neutrum der genannten „Polarisierung zweier Genera (Maskulinum und Femininum) gewichen, die sich semantisch-referentiell auf die beiden Kategorien, belebt und unbelebt, verteilen“ (vgl. Schafroth 2015, 335; Schafroth 1998, 18). Historische Prozesse wie z. B. Formensynkretismus[16] und Analogiebildung haben diesen Genuswechsel bewirkt (vgl. Schafroth 2015, 335). Die Neutra der 2. Deklination (plur. auf -a) sind häufig in der 2. Deklination maskulin und nur sehr selten in der 1. Deklination feminin, sing. auf -a aufgegangen (vgl. Schafroth 2015, 335). Ursprünglich neutrale Substantive haben sich also ungleichmäßig auf die beiden Genera maskulin und feminin verteilt.

Als Beleg hierfür mögen folgende Beispiele dienen:

(35) vinum > vin; genus > genre; flumen > fleuve; cor > cœur (maskuline Zuteilung) (Schafroth 2015, 335)

(36) mare> mer (feminine Zuteilung) (Schafroth 2015, 335)

Nicht nur Substantive waren von diesem Grammatikalisierungsprozess betroffen, auch Adjektive und Pronomen unterlagen dieser obligatorischen Neutralisation (vgl. Schafroth 2015, 335).

3.3.2 Definition und Gebrauch

Aufgrund der Reduktion der Genera findet sich das Maskulinum[17] heute in zwei verschiedenen Verwendungsweisen wieder:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[18]

Abbildung 6: Das Generische Maskulinum

Zum einen kann das Maskulinum dem Femininum gegenüberstehen (oppositiv), sich ausschließlich auf eine männliche Person beziehen (geschlechtsspezifisch), zum anderen kann es aber auch beide Geschlechter umfassen, das heißt sowohl Männer als auch Frauen bezeichnen (vgl. Becquer 1999, 38). Es nimmt dann eine generische, geschlechtsneutrale Funktion ein „ une fonction non marquée “ und erhält daher auch seine Bezeichnung Generisches Maskulinum,Gattung betreffend’ (geschlechtsunspezifiziert) (vgl. Becquer 1999, 37).

Die maskuline Form ist keine reine Bezeichnung für männliche Wesen, sondern als eine allgemeine neutrale Form zu verstehen. Sie ist mehrdeutig, da es an explizit generischen Formen fehlt.

Das Generische Maskulinum ist eine grammatikalisch maskuline Form und weist lexikalische Asymmetrien auf, wenn sein Genus (maskulin) mit dem bezeichneten Sexus (weiblich) inkongruent ist (vgl. Becquer 1999, 342f.). So beispielsweise in:

(37) Mon professeur de français, (elle est gentille).

Verwendungsweisen, denen eine lexikalische bzw. syntaktische Asymmetrie eigen ist, sollen im Folgenden ausführlich dargelegt werden (vgl. Becquer 1999, 36f.).

Variante 1: Frauen sind mitgemeint (partielle Inkongruenz).

(38) Tous les hommes sont mortels. (Becquer 1999, 37).

In diesem Zusammenhang ist von einer Gruppe die Rede, die sowohl männliche als auch weibliche Individuen bezeichnet.

(39) Un professeur devait être juste.

In Bsp. (39) ist nicht etwa von einem bestimmten realen Mann die Rede, sondern von einer fiktiven männlichen oder auch weiblichen Person, die Träger einer bestimmten Rolle ist.

(40) L ’ homme préhistorique était très sous-développé.

Wie in Bsp. (39) ist auch hier in Bsp. (40) nicht von einem bestimmten realen Mann die Rede, sondern von einer männlichen oder weiblichen Person, die in diesem Fall als Träger einer Eigenschaft fungiert.

Sowohl in Bsp. (39) als auch in Bsp. (40) liegt ein generalisierender Singular vor.

Variante 2: Eindeutig und ausschließlich weibliche Referenten werden mit grammatisch maskulinen Begriffen bezeichnet (totale Inkongruenz).

(41) Le professeur s ’ appelle Mme X.

(42) Les artistes culinaires s ’ appellent Louise et Amélie.

Obwohl in Bsp. (41), (42) eindeutig von einem weiblichen Individuum bzw. mehreren weiblichen Individuen die Rede ist, wird bei deren expliziter Nennung ein grammatikalisch maskuliner Begriff verwendet. Im Unterschied zu Variante (1) können die maskulinen Bezeichnungen nicht als männlich aufgefasst werden. Dem Kontext ist zu entnehmen, dass es sich hier eindeutig um konkrete weibliche Personen handeln muss.

Auch aus dieser Perspektive hat das Genus nichts mit dem Sexus zu tun. Das natürliche und grammatische Geschlecht weist auch hier keinerlei Beziehung zueinander auf. Es zeichnet sich erneut ab, dass Genus und Sexus streng auseinandergehalten werden müssen.

„Le masculin l’emporte sur le féminin“ (Damourette/ Pichon 1911-1927, 368) [aus: Schafroth 2015, 345]. So lautet die nüchterne Beschreibung einer weiteren Genus/ Sexus Asymmetrie (vgl. Schafroth 2015, 345). Dieses Phänomen wird oft auch mit dem Terminus servitude grammaticale wiedergegeben (vgl. Schafroth 2015, 345). Es bezeichnet das Prinzip der syntaktischen Genuskongruenz. Dieses ist gemäß Schafroth „connu dans toutes les langues romanes“, findet sich also nicht nur in der französischen Sprache wieder, sondern liegt allen romanischen Sprachen zugrunde (2015, 345).

Die servitude grammaticale bei Genusverschiedenheit bringt eine syntaktische Asymmetrie mit sich. In der Grammatik von Grevisse (§338) wird sie folgendermaßen beschrieben.

„Si les noms sont de genres différents, l’épithète se met au genre indifférencié, c’est-à-dire au masculin“. [aus: Schafroth 2015, 345]

Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle ein Bsp. angeführt:

(43) Robert , Serge, Yvonne et Claire sont tous les quatre partis en vacances. Ils sont tous très sporti f s (Klein/ Kleineidam 1983, 216). [aus: Schafroth 2015, 345]

4. Ein Experiment- Das Generische Maskulinum als Problemkategorie

Auf häufig verwendete Begriffe und Termini, die keinen erkennbaren Geschlechtsbezug zulassen, soll im Folgenden eingegangen werden:

Diese lassen sich in zwei Typen einteilen. Vor diesem Hintergrund sei auf Typ 1 épicènes (Gruppierung 3) und Typ 2 génériques (Gruppierung 4) hingewiesen.

Als besonders aufschlussreich erweist sich eine Gegenüberstellung der Begriffsdefinitionen von épicènes einerseits und der von génériques andererseits, da mit deren Hilfe Differenzen deutlich gemacht und erfasst werden können. Diese Untersuchung wird aber in einigen Arbeiten überhaupt nicht explizit gemacht, in anderen nur teilweise (vgl. Schafroth 1998, 22). Die Differenzierung ist aber insofern unabdingbar, als nur épicènes, wie noch zu zeigen sein wird, als semantische Nutzung des Genussystems angesehen werden können. Nur bei Typ 1 kann also von einem semantischen Wert gesprochen werden.

In einer vergleichenden Analyse sollen Charakteristika der beiden Termini unter Rückgriff auf paradigmatische, syntagmatische und semantische Kriterien herausgearbeitet werden und dann jeweils mit funktionalen Unterschieden in Beziehung gesetzt werden.

Stellt man die beiden Termini zunächst einmal einander gegenüber, so ergibt sich folgendes Schaubild:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[19]

Abbildung 7: Begriffsunterscheidung: épicène vs. générique

4.1 Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der épicènes

„Mit épicènes (Gruppierung 3) werden Substantive, Pronomen aber auch Adjektive bezeichnet, deren Form weder Rückschlüsse auf das biologische Geschlecht […] noch auf das Genus zulässt“ (Schafroth 1998, 22).[20] Das heißt sie tragen keine erkennbare formale (maskuline bzw. feminine) Kennzeichnung, die maskuline Form stimmt mit der femininen überein (Kongruenz). Sie sind identisch.[21] Männliches und weibliches Geschlecht wird somit durch eine einzige Form aufgezeigt, die wiederum doppelbesetzt (maskulin/feminin) ist. Die Genuszuweisung kann deshalb zweideutig sein. In Bezeichnungen wie

(44) magnifique (Schafroth 2015, 336) oder

(45) juge

kommt das Genus z.B. nicht zum Ausdruck. Ein und dasselbe Wort wird wie ein maskulines oder feminines behandelt, je nachdem, ob es einen Mann oder eine Frau bezeichnet (vgl. Schafroth 2015, 336). „Sie werden durch ein Differentialgenus (meist den Artikel) genus- und dadurch sexusspezifiziert. Statt épicènes wird auch der Ausdruck ambigene Nomina verwendet“ (Schafroth 1998, 22), der auf den zweigeschlechtlichen Charakter hinweisen soll.

Die skizzierten Untersuchungskriterien, also die Berücksichtigung der Ebenen von Selektion und Kombination einschließlich der Berücksichtigung von Semantik (außersprachliche Realität), sind in dem folgenden Schema noch einmal zusammengefasst.

Épicènes sind folglich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[22]

Abbildung 8: Épicènes im Schnittpunkt paradigmatischer und syntagmatischer Relationen

- bestimmt (spezieller Gebrauch) aber unmarkiert und damit weniger intensiv,
- merkmallos/arm, nicht klar abgegrenzt.
- Ihre Form verfügt über eine Genusvariabilität d.h. das Genus erzeugt an sich zunächst keine Semantik.
- variabel (maskulin/ feminin) und damit kontextabhängigà Das Einzelwort erhält seine genaue und differenzierte Bedeutung vom Ganzen des Feldes her und hängt immer mit den Feldnachbarn zusammen. Die Genusvariabilität verschwindet im Kontext. Épicènes werden spezifiziert, d.h. deren Bedeutungsintension wird klar.[23] Das Feld übernimmt die Funktion der Sexusspezifikation.
- Im Grunde sind sie dann Bedeutungsträger (semantisch motiviert), stehen aber nicht in freier Variation also nicht in freier Verwendbarkeit. Es ist kein autonomes Zeichen.
- kompatibel mit der außersprachlichen Realität, realistisch
- Referent ist stärker vorhersagbar als bei den génériques.

Des Weiteren können sie:

- keine geschlechtsbezogene Asymmetrie auslösen (Genus/Sexus-Kongruenz), es besteht lediglich ein Verwechslungsargument.

4.2 Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der génériques

Unter génériques (Gruppierung 4) werden diejenigen Substantive verstanden, die nur eine Form (in der Regel maskulin aber auch feminin) zur Verfügung stellen, die sich sowohl auf die Kategorie männlich als auch auf die Kategorie weiblich beziehen können. Sie sind in ihrer Verwendung geschlechtsneutral und werden in allgemeingültigem Sinne gebraucht (vgl. Becquer 1999, 37).

Die Bezeichnung generisch wird im Französischen beispielsweise für Ausdrücke verwendet, die gemischte Personengruppen bezeichnet oder Personen, deren Geschlecht unbekannt bzw. gleichgültig ist oder wenn eine allgemeine Aussage gemacht werden soll (vgl. Becquer 1999, 37).

Zusammenfassend lassen sich génériques unter Berücksichtigung paradigmatischer, syntagmatischer und semantischer Untersuchungskriterien wie folgt darstellen:

Génériques sind folglich:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[24]

Abbildung 9: Génériques im Schnittpunkt paradigmatischer und syntagmatischer Relationen

- merkmalarm, da sie nicht klar abgegrenzt sind (es fehlt an explizit generischen Formen), nicht in sich geschlossen,
- nicht variabel, da sie vom Wesen her generisch motiviert sind (allgemeiner Gebrauch).
- Ihre Form verfügt über eine Genusstabilität, d.h. hinsichtlich dieses Kriteriums ergibt sich folglich keine syntagmatische Variabilität.
- abstrakt und
- stellen damit eine kontextunabhängige Einheit dar, es handelt sich um ein autonomes Zeichen.
- Darüber hinaus ist festzustellen, dass:

- sie eine geschlechtsbezogene Asymmetrie bewirken können und damit inkompatibel mit der außersprachlichen Realität sein können.
- ihr Referent weniger vorhersagbar ist als bei den épicènes.
- sie einen höheren Bedeutungsumfang (die Menge der außersprachlichen Personen in der realen Welt auf die ein Zeichen verweist) aufweisen.

4.3 Fazit: génériques versus épicènes

Ziel dieser Analyse war es, Differenzen hinsichtlich syntagmatischer und paradigmatischer Relationen, aber auch über die Satzgrenzen hinaus, mit Bezug also auf die außersprachliche Realität für die Klärung von Referenzidentitäten zu ermitteln.

Halten wir an dieser Stelle fest: Unterschiede offenbaren sich nicht nur auf syntagmatischer und paradigmatischer Ebene, sondern auch vor allem in der Berücksichtigung von Semantischem: Es sind die Aussagen zum Verhältnis von Genus und Semantik und insbesondere Genus und Sexus, die verschiedenartig sind.

Vergleicht man die beiden Termini miteinander, lässt sich feststellen, dass mit épicènes geschlechtsszpezifische Wörter gemeint sind, die nur Personen eines Geschlechts bezeichnen. Génériques beziehen sich aber auf kein spezifisches biologisches Geschlecht. Sie sind in ihrer Verwendung nicht geschlechtsspezifisch sondern generisch.

Gemeinsam ist beiden Termini lediglich, dass ein einziger bzw. ein- und derselbe Begriff für beide Geschlechter gebraucht wird.

Die Ergebnisse des Experiments belegen, dass den beiden Begriffen im Prinzip völlig unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Sie werden daher auch unterschiedlich behandelt.

5. Die Kontroverse um das Generische Maskulinum

Da die Kategorie Genus nicht nur in formaler (i.e. morphologischer und syntaktischer) sowie funktionaler Hinsicht die Berufsbezeichnungen einer Sprache konstituiert, sondern auch auf textuell-kommunikativer Ebene die Referenz auf die außersprachliche Realität beinhaltet, sind Inkongruenzen und Asymmetrien zwischen Sprache/ Sprachverwendung und dem Geschlecht der bezeichneten Person- in den meisten Fällen der Frauen- [ ]das zentrale Beschäftigungsfeld der feministischen Sprachkritik (Schafroth 1998, 16).

Besonders kritisch wird daher in der linguistischen Frauenforschung das Generische Maskulinum betrachtet.

Zusammenfassend lassen sich folgende Schwerpunkte erkennen, die im Mittelpunkt der Kontroverse um das Generische Maskulinum stehen:

5.1 Gegner des Generischen Maskulinums

Feministische Sprachwissenschaftlerinnen kritisieren am Gebrauch des Generischen Maskulinums, dass

- die Bezeichnung im Maskulinum häufig die Vorstellung einer männlichen Person auslöse, da bei Personenbezeichnungen Genus und Geschlecht meist übereinstimmen (vgl. Houdebine-Gravaud 1998, 28). Sie gehen davon aus, dass eine assoziative Bindung zwischen grammatischem Genus und natürlichem Geschlecht bestehe.

Zu Recht weisen sie darauf hin, dass

- beim Gebrauch des Generischen Maskulinums die Frauen sprachlich unsichtbar bleiben, sie zwar implizit gemeint sind aber nicht explizit ausgesprochen werden, da dieses nicht morphologisch markiert ist.

Ähnlich äußert sich Houdebine-Gravaud. Sie gibt in diesem Kontext zu bedenken „ce qui n’est pas nommé n’existe pas clairement“ (1998, 27).

Die beiden folgenden Beispiele sollen exemplarisch veranschaulichen, welchen Einfluss die männliche Sprachform auf unsere Wahrnehmung hat.

(46) un jeune et joli mannequin, (Céline/ Paul)

(47) le docteur aime son métier,(elle/ il en parle en souriant)

Genau hierin wird die benachteiligende Wirkung festgemacht. Die feministische Linguistik geht davon aus, dass

- sich bei der Verwendung des Generischen Maskulinums der gedankliche Einbezug von Frauen verringert und dies zu einer sprachlichen Diskriminierung und Ausklammerung von Frauen führen kann (vgl. Houdebine-Gravaud 1998, 30, 32). Dies evoziere eine Ungleichheit im sprachlichen System.

„Die Dominanz des maskulinen Genus spiegele damit die Dominanz des männlichen Geschlechts in der Gesellschaft wieder“ (Schafroth 1998, 105), so die einhellige Meinung der Feministinnen.

Die sprachliche Benachteiligung, durch die Verwendung des Generischen Maskulinums, spiegle damit eine klare gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen wieder.

Graphisch stellt sich dies folgendermaßen dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[25]

Abbildung 10: Die Dominanz des maskulinen Genus

Die Abbildung zeigt, dass die Bezeichnung l’homme die feminine einschließt, so dass die maskuline Bezeichnung im Gegensatz zur femininen auf eine übergeordnete Kategorie verweist und somit als Art Hyperonym fungiert.

Zuletzt führen sie an, dass

- aus Sicht von Verständlichkeit und Klarheit das Problem ist, dass die Referenz einer männlichen Personenbezeichnung nicht eindeutig bestimmt ist. Sie sich aus sprachlicher Perspektive nur auf Männer oder auf Männer und/ oder nur Frauen beziehen kann.

Der Adressat lässt sich, wie in Bsp. (46), (47) gezeigt worden ist, nicht klar herauslesen (vgl. Houdebine-Gravaud 1998, 29) und lässt einen großen Interpretationsspielraum zu.

Feministische Linguistinnen waren bestrebt, geschlechtsbezogene Asymmetrien, die fest im französischen Sprachsystem verankert waren, aufzubrechen.

Schafroth zufolge bestand ihre Strategie zur Vermeidung des Generischen Maskulinums darin „de féminiser principalement n’importe quel nom, indépendamment des usages et des traditions“ (2013, 105).

Eine ausführliche Darlegung zu Lösungsvorschlägen gibt die Dokumentation „Femme, j’écris ton nom […]“.[26]

Als Haupttendenzen kristallisieren sich dabei heraus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[27]

Abbildung 11: La féminisation terminologique

- eine konsequente Feminisierung mit morphologischen Mitteln (Artikelwechsel, Suffigierung), in Sonderfällen auch durch Neologismen (vgl. Becquer 1999, 22, 26).
- eine Ablehnung maskuliner Formen bei Bezeichnungen wie

(48) (Mme le) président, (Mme le) ministre

- bei der Wahl der Femininformen größtmögliche phonetische Nähe zu den vorliegenden maskulinen Ausdrücken, also Präferenz von

(49) docteure, auteure, ingénieuse statt doctoresse, autrice, ingénieuse, ( Becquer 1999, 25)

- wo möglich, Bevorzugung eines einfachen Artikelwechsels, so z.B. bei

(50) la poète, la maître, (prinzipiell bei allen auf -e endenden) (Becquer 1999, 22, 24)

- das Derivationsmorphem -esse z.B. wird meist als herabsetzend empfunden[28] bzw. kollidiert mit bereits besetzten negativen Bedeutungen wie

(51) maîtresse (,concubine’) ( Becquer 1999, 22).

5.2 Befürworter des Generischen Maskulinums

Die Académie française weist die Argumente der feministischen Linguistik zurück. Zur Illustrierung ihrer Gegenposition sei zunächst ihre Haltung angeführt, wie sie in ihrer Erklärung 2014 auf ihrer Homepage zum Ausdruck kommt:

Les règles qui régissent dans notre langue la distribution des genres remontent au bas latin et constituent des contraintes internes avec lesquelles il faut composer. L’une des contraintes propres à la langue française est qu’elle n’a que deux genres : pour désigner les qualités communes aux deux sexes, il a donc fallu qu’à l’un des deux genres soit conférée une valeur générique afin qu’il puisse neutraliser la différence entre les sexes. L’héritage latin a opté pour le masculin (Académie française 2014).

Die Befürworter[29] führen also folgende Hauptargumente an:

- Das klassischlateinische Neutrum ging bereits im Vulgärlateinischen in vielen Fällen, in der Klasse der Maskulina auf (vgl. z.B. lat. genus n. und frz. genre m.). Diachronisch gesehen, [sic!] hat das Maskulinum somit, vom Lateinischen zum Französischen, durch die Übernahme zahlreicher Neutra seinen Funktionsbereich erweitert (Schafroth 1998, 103).

Das Generische Maskulinum stellt einen festen Bestandteil des Sprachsystems (langue) dar.

- Das Maskulinum ist in seiner generischen Verwendung geschlechtsneutral, weil es die Funktion eines Archilexems übernimmt, um neutrale Kontexte zu bestreiten. In derartigen Kontexten kommt es nicht auf die qualitas, sondern nur auf die functio an (Schafroth 1998, 103).

- „Das Generische Maskulinum ist dort […] unentbehrlich, wo es vom Geschlecht abstrahiert und nur die Funktion bezeichnet“ (Schafroth 1998, 103).

Zu unterscheiden ist daher bei Berufsbezeichnungen zwischen (vgl. Académie française 2014):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[30]

Abbildung 12: Die Haltung der Académie fr.

- Amtsbezeichnungen, darunter fallen solche Bezeichnungen wie

(52) le boulanger>,Bäcker’

- und Funktionsbezeichnungen, als solche gelten z.B.

(53) le gérant de succursale>,Filialleiter’

In diesem Kontext wird an den Gebrauch des Generischen Maskulinums erinnert, der alleine die Eigenschaft besitzt den geschlechtsneutralen Charakter von Funktionen auszudrücken: „L’usage générique du masculin est une règle simple à laquelle il ne doit pas être dérogé.[…] les textes règlementaires doivent respecter strictement la règle de neutralité des fonctions( Académie française 2014).

Die Feminisierung von Funktionsbezeichnugen ist daher nicht gestattet. Die Académie française macht darauf aufmerksam, dass die eingeführten Feminisierungsregeln „contraires aux règles ordinaires de dérivation“ sind und damit „véritables barbarismes“ darstellen (2014).

Der feministischen Linguistik wurde neben der Vermischung der Kategorien Sexus und Genus, der Missachtung der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens – der konventionellen Verbindung des Ausdrucks mit dem Inhalt bzw. des Bezeichneten- eine unzureichende Differenzierung der Ebenen des Sprachsystems (langue) und des Sprachgebrauchs (parole) vorgeworfen (vgl. Schafroth 2015, 356f.).

6. Schlussbemerkungen

Bedeutet das Vorhandensein des Generischen Maskulinums eine Benachteiligung der Frau? – Ein kritischer Vergleich der feministischen Position und der strukturalistischen Perspektive müsste in einer weiteren Forschungsarbeit durchgeführt werden.

Eine differenzierte Antwort auf die Frage bedarf einer vertieften Analyse, um zu vermeiden, dass man einer von beiden Extremsichtweisen verfällt. Die eine Grundannahme betrachtet den Wirkungsaspekt des Generischen Maskulinums als äußerst kritisch, die andere ignoriert deren Wirkung. Um auf Schwachpunkte in der Argumentation aufmerksam zu machen, muss zu allererst das Verhältnis zwischen Sprachsystem und gesellschaftlichem System eindeutig geklärt und ebenso der Wirkungsaspekt überprüft werden. Denn es wird ja konstatiert, dass die Verwendung des Generischen Maskulinums einen gewissen Einfluss auf die Wahrnehmung habe. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass in diesem Zusammenhang nicht primär die langue betrachtet wird, sondern, dass es sich um parole - Phänomene handelt.

Die in dieser Arbeit noch nicht geklärten Aspekte sollen zur Durchführung empirischer Untersuchungen motivieren und so beispielsweise eine Untersuchung zu Gebrauch, Akzeptanz und Verständnis des Generischen Maskulinums anregen, um gesicherte und stichhaltige Ergebnisse zu erhalten.

Ziel dieser Seminararbeit zur Genderlinguistik war es, Problematiken zur Feminisierung von Berufsbezeichnungen in Frankreich aus diversen Blickwinkeln aufzuzeigen. Die Kontroverse um das Generische Maskulinum sollte zeigen, wie unterschiedlich die aufgezeigten Asymmetrien im Bereich der Personenbezeichnungen bewertet werden.

Es wurde gezeigt, dass mit dem Entstehen der französischsprachigen Genderlinguistik in den 80er Jahren Fragen nach dem Verhältnis von Genus und Sexus zentral wurden. Insbesondere die kontrovers geführte Debatte um das Generische Maskulinum stellte damals wie auch heute noch das Paradebeispiel für eine Auseinandersetzung dar, in der von der einen Seite eine enge Abhängigkeit von Genus und Sexus und von der anderen Seite die Unabhängigkeit von Genus und Sexus vorausgesetzt wurde. Die je eigene Position hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Genus und Sexus hatte, wie bereits in Kapitel 5 gezeigt wurde, Auswirkungen auf die Argumentationspraxis innerhalb der Auseinandersetzung um das Generische Maskulinum. Betrachtet man diese theoretische Debatte genauer, so wird hier evident sichtbar, dass scheinbar unlösbare Problemfragestellungen von grammatischen Strukturen verhandelt wurden, die vor dem Hintergrund unterschiedlicher Genus/ Sexus- Konzepte zu verstehen sind.

Konkret bedeutet dies:

Handelt es sich bei den Untersuchungsebenen langue und parole wirklich um 2 Kategorien, die immer streng voneinander zu trennen sind oder muss diese strukturalistische Grundannahme nochmals überdacht werden?

Bislang können wir festhalten, dass ein genauerer Blick zeigt, dass die Bewusstseinsbildung in Bezug auf diskriminierende Sprache wahrscheinlich der wichtigste und dringendste Handlungsbereich ist (vgl. Stefanowitsch 2012, 33). Es sind nicht nur diskriminierende Gedanken, die zu einer diskriminierenden Sprache führen, es ist eben auch die Struktur menschlicher Sprachen selbst (vgl. Stefanowitsch 2012, 33).

Eine wirklich diskriminierungsfreie Sprache wird es deshalb nie geben. Wenn wir aber lernen, die Unterscheidungen [ zunächst einmal] zu hinterfragen, welche die Sprache uns vorgibt, verlieren sie auch dort einen Teil ihrer Macht zur Diskriminierung, wo wir die Sprache nicht verändern können (Stefanowitsch 2012, 33), (Sprachsystem (langue) versus Sprachgebrauch (parole)).

Da die vorliegende Seminararbeit die Problematik der Feminisierung von Berufsbezeichnungen beleuchtet und eine gezielte Auswertung authentischer Sprachdaten bzw. eine detaillierte Analyse von Korpora ihren Rahmen mit Sicherheit sprengen würde, sei an dieser Stelle lediglich auf weitere spannende Forschungsaspekte verwiesen.

Um zu prüfen ob ein Sprachwandel[31] heute zu erkennen ist oder, ob sich letztendlich doch das Generische Maskulinum durchsetzen konnte, würde sich beispielsweise eine Untersuchung mittels Stellenanzeigen im Rahmen weiterer ausführlicher Auseinandersetzungen mit dem Thema als äußerst aufschlussreich und gewinnbringend erweisen.

Bibliographie

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Stehli, Walter (1994): Die Femininbildung von Personenbezeichnungen im neuesten Französisch. Bern: A. Francke AG. Verlag.

[1] Allerdings mussten auch für einige Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt wurden, wie etwa sage-femme,Hebamme’offizielle männliche Bezeichnungen gefunden werden so z.B. maïeuticien,Geburtshelfer’ (vgl. Baudino 2001, 16).

[2] Für einen Überblick über die Terminologiekommission vgl. (Houdebine-Gravaud 1998, 12).

[3] Für einen Überblick über die Feminisierungsregeln vgl. (Becquer 1999, 22-27).

[4] Die beiden Extrempositionen sind im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit, der Klarheit halber, vereinfacht dargestellt. Eine detailliertere Betrachtung erscheint unangebracht, da sie den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Verwiesen sei an dieser Stelle jedoch auf (Schafroth 2015, 349-352).

[5] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 334).

[6] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 334f.).

[7] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 347).

[8] Schafroth verwendet für den Begriff Genuszuweisungssystem den Fachterminus „ gender assignement system “ (Schafroth 2015, 347). vllt. * assignment,Zuweisung’ > engl. assignment, fr. attribution (f.), da gender wie auch system dem englischen Wortschatz entstammen.

[9] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 334, 347, 352; Becquer 1999, 35).

[10] „Corbett (1991, 151) établit une distinction entre controller gender, […] les genres selon lesquels les substantifs sont distribués (masculin, féminin en français), et […] “ (Schafroth 2015, 335). (siehe Anmerkung 4).

[11] „Dies geschieht im Deutschen allerdings auf anderer Weise als im Französischen: […] Während im Französischen das Possessivpronomen mit dem folgenden Nomen (dem ,Besitz’) kongruiert, also kataphorisch und rein syntaktisch ausgerichtet ist, wird der Genus-Numerus-Bezug im Deutschen, anaphorisch, zum logischen Bezugspunkt(zum ,Besitzer’) hergestellt“ (Schafroth 1998, 21; vgl. Schafroth 2015, 336).

[12] „ […] target genders, […] les genres que portent les éléments épithètes […], les adjectifs attributs, les verbes (en français seulement sous forme de participes), et selon le type de langue, d’autres parties du discours. […] Ce contenu grammatical se traduit en français seulement de façon indirecte, par une cible (target), […] un élément prédéterminant, qui extériorise le genre inhérent au substantif“ (Corbett 199, 105-115ss. ; Booij 2007, 108 ; Prévost 2009, 236ss.). [aus : Schafroth 2015, 335f.].

[13] Als Homonym bezeichnet man einen sprachlichen Ausdruck, der für verschiedene Begriffe steht.

[14] Diese lassen sich vorwiegend im Bereich der Verwandtschaftsbezeichnungen konstatieren.

[15] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 335).

[16] meint den Zusammenfall von Flexionsmorphemen. Im VL wurde dieser Formensynkretismus durch die lautlichen Veränderungen (Quantitätenkollaps und Reduktion des Vokalsystems, Schwund bestimmter Endkonsonanten und der unbetonten Vokale) verstärkt.

[17] Wie auch das Femininum, (vgl. Schafroth 2015, 335).

[18] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 342, 345).

[19] Eigene Darstellung, nach (Schafroth 2015, 336, 345; Becquer 1999, 37).

[20] Der Geschlechterunterschied ist folglich nur noch an den von der Genuskongruenz betroffenen Wörtern erkennbar (im Kontext).

[21] Es sei hier angemerkt, dass Homophones nicht als épicènes gelten, da diese sich lediglich auf homographes beziehen (code graphique vs. code phonique).

[22] Eigene Darstellung, nach (eigener Überlegung).

[23] Vgl. hierzu vor allem (Schafroth 2015, 335f), wir gehen auf diese möglichen target -Elemente, Träger der Genusinformation, nicht weiter ein. Der Vollständigkeit halber sei aber hier auf die (externe) Genus-Kongruenz hingewiesen, die semantische Differenzierung herstellt. Bislang ist der Aspekt der target -Elemente in diesem Kontext noch nicht erforscht. Dies eröffnet die Möglichkeit einer weiteren interessanten Untersuchung-, nicht nur innerhalb einer Sprache, sondern auch sprachübergreifend.

[24] Eigene Darstellung, nach (eigener Überlegung).

[25] Eigene Darstellung.

[26] Für einen detaillierten Überblick vgl. (Becquer 1999, 22-27).

[27] Eigene Darstellung, nach (Becquer 1999, 22-27).

[28] Vgl. Im deutschen Sprachgebrauch ist das Derivationsmorphem - euse ebenfalls negativ konnotiert. Fris euse vs. Friseur in.

[29] Siehe Le (Nouveau) Petit Robert vgl. (Schafroth 2013, 105f.).

[30] Eigene Darstellung, nach (Académie française 2014).

[31] Vgl. hierzu (Helfrich 1997).

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (Buch)
9783668768109
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v436444
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
Schlagworte
feminisierung berufsbezeichnungen frankreich maskulinum spannungsfeld sprache gleichberechtigung

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Titel: Die Feminisierung von Berufsbezeichnungen in Frankreich. Das generische Maskulinum im Spannungsfeld zwischen Sprache und Gleichberechtigung