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Der Wechsel - Eine Subgattung im Kontext des Frauenliedes

Seminararbeit 2002 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Frauenstrophe im Frauenlied
2.1 Frühe Forschungen über das Frauenlied
2.2 Das Frauenlied heute: Die Problematik der Frauenrede

3 Eine Ausprägung der Frauenstrophe: Der Wechsel als Liedtypus/Subgattung
3.1 Ursprung
3.2 Rollenzuweisung
3.3 Der zeitliche Aspekt im Wechsel
3.4 Dialog
3.4.1 Einzelfallbetrachtung: Dietmar von Eist: Slâfest du, vriedel ziere?
3.5 Monolog
3.5.1 Der Sonderfall des Monologs: Das Botenlied
3.5.2 Einzelfallbetrachtung: Dietmar von Eist: Seneder vriundinne bote
3.6 Funktion des Wechsels

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Minnesang – wer hat noch nicht davon gehört? Der Ritter, der sich seiner Dame zu Diensten verpflichtet sieht und dies in aller Vollkommenheit darbieten will. Die Dame, die wunderhübsch, lieblich und rein und in einem Idealbild konzentriert dem minnenden Sänger lauscht, der ihr im Zuge seiner sehnsüchtigen Werbung holde Liebeslieder vorträgt und letztlich doch abgewiesen wird, und durch diese Ablehnung sogar noch Reifung und Ehre erfährt.

Doch mittelalterliche Liebeslyrik ist weitaus mehr als nur Minnesang mit seinen charakteristischen Idealvorstellungen. Sie beinhaltet nicht nur ein perfektes Spiel um Minne, Frauen, Dienst und Lohn. Vielmehr beinhaltet Sie vielerlei Gattungen. Neben der klassischen Minnekanzone geht das Spektrum über sogenannte Tagelieder, Pastourellen, Parodien, Gegengesänge und auch über die sogenannten Frauenlieder. Worum es sich bei einem Frauenlied handelt, soll einleitend erörtert werden.

Eine besondere Form von Gedichten der Liebeslyrik macht es der Forschung schwer, sie einer bestimmten Gattung zuzuordnen: Der Wechsel. Seine Einzigartigkeit resultiert schon aus der Tatsache, daß der Inhalt in etwas ungewöhnlicher Art und Weise dargeboten wird, nämlich mittels zweier nebeneinander stattfindender Monologe. Und wenn er dann auch noch so vielfältig in seiner Form und seinem Inhalt ist, dann wird es schwer, einheitliche Kriterien zu finden, um einen Gattungsbegriff zu definieren.

Im Folgenden soll der Wechsel mit all seiner Vielfältigkeit aufgezeigt werden, wie er sich insbesondere in den Frauenliedern bzw. Frauenstrophen darstellt. Es soll eine Abgrenzung gezeigt werden zwischen dialogisch und monologisch aufgebauten Liedern, und die charakteristischen Merkmale und Funktionen des Wechsels sollen verdeutlicht werden. Und selbstverständlich gibt es auch hier einen Sonderling, und so soll auch der Sonderfall des Botenliedes nicht zu kurz kommen.

2 Die Frauenstrophe im Frauenlied

Der Begriff des Frauenliedes als Untergruppe der Minnelieder klingt zunächst vielleicht etwas irreführend: der Laie vermutet auf den ersten Blick wahrscheinlich, daß es sich hierbei schlichtweg um Lieder handelt, die von Frauen verfaßt wurden oder zumindest von ihnen handeln, wobei letzteres wohl in die richtigere Richtung weist.

2.1 Frühe Forschungen über das Frauenlied

Am Beginn der frühesten deutschen Schriftzeugnisse (z.B. im Donauländischen Minnesang (um 1160))[1] stehen Frauen- oder Mädchenlieder. Literarische Parallelen sind auch in der altspanischen, altportugiesischen und arabischen Liebeslyrik zu finden.[2] Dabei läßt sich zwar der Verdacht nicht ausräumen, daß dieser Umstand durch editorische Eingriffe oder Textausgrenzungen herbeigeführt worden ist, gleichwohl ist auch dies aber nicht eindeutig nachzuweisen. Als sicher gilt jedoch, daß die wenigsten erhaltenen Schriftzeugnisse von Frauen selbst verfaßt worden sind.

Anfänglich wurde die Bezeichnung „Frauenlied“ schlichtweg für alle lyrischen Texte verwendet, in denen das lyrische Ich als weiblicher Charakter gekennzeichnet ist.[3] Diese oberflächliche Kategorisierung wurde auch in anderen Ländern als üblicher Gattungsbegriff übernommen. Nur ist diese eindimensionale Definition unzureichend. Sie ist zu erweitern um die Thematik und Sprechsituation, die das Gedicht zu einem Frauenlied machen, und bereits hier läßt sich die Vielfältigkeit dieser Gattung erahnen.

Also ist der Begriff, wie eingangs schon erwähnt, im Grunde nicht ganz treffend. Die Frauenlieder, die in den Blickpunkt der Forschung gerückt sind, wurden zumeist von Männern verfaßt, d.h. die Autoren haben einer Frau in ihrem lyrischen Werk den Text in den Mund gelegt und durch diese Technik eine Vielfalt an literarischen Möglichkeiten eröffnet. Langzeilenverse sind hierbei häufig anzutreffen. Während die Kanzone als authentische männliche Selbstaussage galt, hatte der Autor nun die Möglichkeit, in einem Frauenlied die weibliche Rolle anzunehmen und sich auf diesem Wege (versteckt) mitzuteilen. Man spricht dementsprechend auch von Rollenliedern. Die Folge war eine Vergrößerung des Spektrums an Thematiken, die nun von einem neuen Blickwinkel (dem der Frau) mehr oder weniger objektiv oder manipuliert vom Autor dargestellt werden konnten.

Hierbei werden nach der neueren Forschung die Frauenlieder durch wiederkehrende Hauptmotive charakterisiert. So gibt es da die Liebesklage, in der die Frau als Liebende auftritt, wobei der Trennungsschmerz bzw. der Schmerz über äußere Hindernisse im Vordergrund steht. Des weiteren geht es oft um die Sorge, der Mann könne sich einer anderen Frau zuwenden. Auch die Erinnerung an ein vergangenes Liebesglück sowie Liebesbeteuerungen und Treuebekundungen werden häufig thematisiert.[4]

2.2 Das Frauenlied heute: Die Problematik der Frauenrede

Die Problematik besteht nun darin, die Rede einer Frau eindeutig zu identifizieren, denn nicht immer ist das Genus des Redners offensichtlich und direkt zuzuordnen. Oft mangelt es an eindeutigen pronominalen Zuweisungen und inhaltlichen Eindeutigkeiten, wir finden sog. androgyne Strophen vor, die weder einem Mann noch einer Frau zuzuordnen sind. Sie sind weder inhaltlich oder formell mit allen Mitteln der Kunst zuzuordnen. Hierzu gab es im Laufe der Zeit schon die verschiedensten Lösungsansätze.

Die ältere Forschung wie beispielsweise VON KRAUS war der Meinung, die Frauenrede sei häufig mittels Charakteristika des weiblichen Sprechens durch den Autor kenntlich gemacht worden, gemeint sind hierbei Plappermäuligkeit, fehlende Reimschemata und Inkonsequenz. Er konstatiert, daß beispielsweise Walther, Heinrich von Morungen oder auch Reinmar sich „allerlei Formen der Umgangssprache“[5] bedienten, um die weibliche Stimme darzustellen. Diese Ansicht wird heute jedoch als weitestgehend falsch und indiskutabel abgetan.[6] Zu Recht, denn hier wird der Lyrik eine Oberflächlichkeit unterstellt, die unbegründet ist.

[...]


[1] Vgl. Ingrid Kasten: Das Frauenlied. In: Gedichte und Interpretationen. Mittelalter. Hg. von Helmut Tervooren. Stuttgart: Reclam, 1993 (Universal-Bibliothek Nr. 8864), S. 121.

[2] Vgl. ebd. S. 117.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Ingrid Kasten: Das Frauenlied. In: Gedichte und Interpretationen. Mittelalter. Hg. von Helmut Tervooren. Stuttgart: Reclam, 1993 (Universal-Bibliothek Nr. 8864), S. 117.

[5] Carl von Kraus: Walther von der Vogelweide. Untersuchungen. Berlin 1935, S. 442; Vgl. weiter: „Kunstlosigkeit, welche eine Frau charakterisieren soll“ (Carl von Kraus, Des Minnesangs Frühling; Untersuchungen [MFU], Leipzig 1939, Nachdruck Stuttgart 1982, S. 92).

[6] Vgl. Thomas Cramer: Was ist und woran erkennt man eine Frauenstrophe? In: Frauenlieder. Cantigas de amigo. Hg. von Th. Cramer, J. Greenfield, I. Kasten und E. Koller. Stuttgart: Hirzel, 2000. S. 21.

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638413367
ISBN (Buch)
9783638596954
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43573
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft - Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literaturgeschichte
Note
Sehr gut
Schlagworte
Wechsel Eine Subgattung Kontext Frauenliedes Seminar Liebeslyrik

Autor

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