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Jugendkultur heute am Beispiel der Technoszene. Wenn der Wunsch nach Individualisierung auf Kommerzialisierung trifft

Hausarbeit 2018 23 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Individualisierung
2.2 Jugend(kultur) und Szene
2.3 Kommerzialisierung
2.4 Zusammenfassung und Zusammenhänge

3. Die Techno-Szene
3.1 Allgemein
3.2. Die Musik
3.3 Werteorientierung
3.3.1. Spaß haben
3.3.2 Einheit und Andersartigkeit
3.4.Events
3.4.1 Raves
3.4.2 Clubs
3.4.3 Paraden
3.4.4 Afterhour
3.5 Szeneangehörige und Lebensstil
3.6 Kleidung

4. Kommerzialisierung der Szene
4.1. Ursprünge
4.2 Kommerzialisierung an Beispielen
4.2.1 Berliner Clubs
4.2.2 Die Loveparade
4.2.3 Sonstiges
4.3 Zusammenfassung

5. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zeit schrieb am 14.07.1995 (in Klein, 2004, S.14): „Techno ist keine Musik...Techno ist Motorsport. Und die Technokids: Image Äffchen, Konsumflittchen und triebverfallenen Hedonisten.“

Man erkennt deutlich das Unverständnis und die gewöhnlich negative Reaktion der Gesellschaft, hier in Form der Presse, auf eine Jugendkultur. Doch was hat es auf sich mit dieser neuen Form von Jugendkultur? Ohne offensichtlichen Protestcharakter oder auch nachvollziehbaren Sinn? Was sind die Intentionen der Techno-Bewegung?

Die Individualisierung ist ein Prozess, der Verändernd auf alle Bereiche der Gesellschaft wirkt. Natürlich auch auf die Phase der Jugend und die Form jugendlicher Vergemeinschaftung. In dieser Arbeit möchte ich klären, was Individualisierung ist und wie sie sich auf die Jugendphase auswirkt. Was macht die heutige Vergemeinschaftungsformen Jugendlicher aus? Die Techno-Bewegung kann als eine solche individualisierte Form dieser gesehen werden, weshalb ich an ihr die Aspekte heutiger Vergemeinschaftung von Jugendlichen erläutern möchte. Des Weiteren soll in dieser Arbeit ein Zusammenhang zwischen Kommerzialisierungsprozess, und Individualisierung von Jugend(kultur) hergestellt werden, auch am Beispiel der TechnoBewegung.

2. Definitionen

In diesem Kapitel werden zunächst Individualisierung, der Jugend(sub)kultur Begriff sowie der der Jugendszene und der der Kommerzialisierung erläutert.

2.1 Individualisierung

Individualisierung ist die Herauslösung, Ablösung und Enttraditionalisierung von den bisher industriegesellschaftlichen, selbstverständlichen Sozialformen (Klasse, Schicht, Beruf, Familie). Globalisierungsprozesse und die soziokulturelle Veränderungen des Arbeitsmarktes (Bildungsexpansion, der Anstieg der Löhne, mehr Freizeit und der Ausbau des Rechtssystems) führen zu einer Pluralisierung, Differenzierung und Kommerzialisierung von Lebensformen, sowie der Subjektivierung, die (vermeidliche freie) Möglichkeit des Individuums sich in der Gesellschaft zu positionieren, also Eigenständig- damit einhergehende Eigenverantwortlichkeit über die Biografie zu haben. (vgl. Lemm, 2013, S.17f, Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.11). Fuchs (S.2007, S.22) erklärt: „Der anhaltende gesellschaftliche Differenzierungsprozess sorgt mit seiner Rollenspezialisierung für eine starke Zunahme unterschiedlicher Rollen, somit vergrößert sich auch die Individualität.“ Für Individuen war die Identifikation mit Klassen, Schichten und die Klassenbindungen aber immer eine Lebensweltorientierung und Identitätsstiftend, die sich mit Auflösung dieser Relevanz für das ständisch geprägte Sozialmilieu, verliert oder zumindest ausdünnt (vgl. Meyer 1998, S.30). Die zunehmende Eigenverantwortlichkeit zusammen mit der Differenzierung, Liberalisierung und Globalisierung des Arbeitsmarktes generieren einerseits mehr Handlungsressourcen und Handlungsalternativen (freiere Berufswahl, freiere Partnerwahl, mehr Rechte), gleichzeitig aber auch dysfunktionale Konsequenzen (Expansion des Konkurrenzdrucks, Abnehmen von Verlässlichkeit, nicht einschätzbarer Verlauf der Biografie, dauerhafter Druck zu Selbstorganisation, Abwertung von Bildungsabschlüssen) für den Einzelnen sowie das Kollektive (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.13f). Für Jugendliche bedeutet das zusammengefasst von Schönlau (2012, S.164), dass sie: „immer mehr ihre Lebensbiographie jenseits von traditioneller Herkunftsmilieubindung und jenseits verbindlicher Orientierungsmuster, normativen Selbstverständlichkeiten und Regelungen und jenseits von institutionalisierter, kollektiv vorgelebter Statuspassagen in die eigene Hand nehmen.“. Jugendliche haben mehr Freiräume durch längeren Verbleib im Bildungssystem und größerer finanzielle Ressourcen der Eltern, müssen aber bereits zwischen multiplen Lebensoptionen (wie (Schul- und Ausbildungs)Karriere, sexuelle Orientierung bzw. Partnerwahl, Wohnformen und Lebensstil, Freundeskreis usw.) und aus dem Waren(über)angeboten (Kleidungs- und Schminkgewohnheiten, Hobbies, Lebensstil, usw.) wählen. Gleichzeitig sind Konsequenzen weniger voraussehbar, weniger eindeutige Vorbilder, zuverlässige Abfolgen von Lebensphasen nehmen ab (, Beispiel hierfür ist der prekäre Übergang von Ausbildung in Beruf) und weniger Vorgaben zur Bewältigung von Problemen liegen bereit (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.15f., Schönlau, 2012, S.162-166).

2.2 Jugend(kultur) und Szene

Jugend als eigenständige Lebensphase ist ein relativ modernes, sich stetig rekonstruierendes, soziales Phänomen. Es gibt deshalb (im historischen, kulturellen, psychologischen und sozialen Kontext) die verschiedensten Definitionen des Jugendbegriffs. Meyer (1998, S.14) beschreibt ihn als: „Der Begriff Jugend bezeichnet in sozialwissenschaftlicher Perspektive zunächst eine Phase im Leben von Individuen, die zwischen Kindheit und Erwachsenenalter angesiedelt wird, sowie die Gruppe die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in diesem biografischen Stadium befindet.“. Die Jugendphase galt als Zeit des Übergangs, in der in einem geschützten Rahmen mit einer Art Handeln auf Probe, Kompetenzen für die weitere Lebensführung erworben werden können. Während der Beginn der Jugend mit dem Beginn der Pubertät verknüpft wird, ist das Ende eine historische und gesellschaftliche Variabel. In der Vergangenheit war der Staus des Erwachsenen das Äquivalent zu soziokulturellen und ökonomischen Eigenständigkeit. Durch die Bildungsexpansion, die Individualisierung und immer seltener vorhandene Normalbiografie, lässt sich die Jugendphase allerdings nicht mehr als Staus Passage von Übergangsereignissen oder sozialpsychologischen Entwicklungsaufgabe charakterisieren. Die gesellschaftliche und soziale Funktion der Phase an sich wird immer wieder diskutiert und wandelt sich stetig parallel zur Gesellschaft. Einigkeit herrscht in der aktuellen Wissenschaft darüber, dass die Lebensphase Jugend entstrukturiert, ausdifferenziert und durch ihre Heterogenität schwer in herkömmlichen sozialwissenschaftlichen Analysemodellen zu fassen ist, aber weiterhin eine sozial wichtige Kategorie bleibt um Identität zu entwickeln was in der heutigen individualisierten Gesellschaft überwiegend das Erkennen und Verwirklichen von Chancen, aber auch das Zurechtkommen mit nicht-realisierbaren oder gelebten Möglichkeiten bedeutet (vgl. Meyer 1998, S.24, Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.15f). Die Literatur zur Definition von Jugendkultur(en) ist sehr unübersichtlich. Der Begriff meint heute meistens Gegenkulturen Jugendlicher zur Abgrenzung von Eltern aber auch anderer Jugendlicher vor allem durch Konsum (vgl. Tully/Krug, 2011, S.61f).

Zur Entstehung der Jugendkulturen und dem Terminus ist zu sagen, dass sich der Begriff erstmals im Zusammenhang mit der Bewegung der Wandervögel um die Jahrhundertwende (1900) von Gustav Wyneken, einem deutschen Pädagogen etablierte. Gustav Wyneken und weitere Anhänger hatte die Vorstellung von Jugend als eigenständigen Lebensabschnitt und als Phase zum „ordnen des Geistes“ verbunden mit gleichaltrigen die „gleiche geistige Einstellungen“ haben, und bezeichneten die Jugendphase erstmals nicht mehr nur als Phase des Übergangs (vgl. Ferchhoff, 2011, S.55). Mit den Wandervögel lehnten sich erstmals Jugendliche als Gruppe, um eine bessere Zukunft zu gestalten, gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Lebensverhältnisse auf, allerdings nicht gegen sozial-politische, wie Revolutionäre bisher (politische Unfreiheit, ökonomische Unterdrückung und Ausbeutung, die Verfassung), sondern nur gegen die vorherrschende Kultur (studentische Kneipenkultur, industrielle Kulturmuster, Rationalismus...). Man definierte seine Identität selbst, entwickelte eigene Stile des Wanderns und Kleidungsaccessoires (vgl. Ferchhoff,2011, S.41ff). Basierend auf den Wandervögeln beschreibt der Jugendkultur-Begriff nach Wyneken also eine Form der Gemeinschaftsbildung Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Schulsystem. Erste Formen der Gemeinschaftsbildung Jugendlicher in altershomogenen Gruppen entstanden erstmals im nach Alter selektierten Bildungssystem. Das Bedürfnis gesellschaftliche Erwartungen, subjektive Probleme und Unsicherheiten in informellen und von Erwachsenen unabhängige Gleichaltrigen-Gruppen (Peergroups) zu bearbeiten kam auf (vgl. Mayer, 1998, S. 17). Grund hierfür war auch, dass ursprüngliche Sozialisationsinstanzen wie Kirche, Familie, Ausbildungsstätten oder auch politische Organisationen, die, durch den Individualisierungsprozess erhöhte Komplexität der Lebenswelt Jugendlicher, nicht mehr als ausreichend orientierungsweisend dienen konnten.

An Wynekes Theorie der einen herrschenden Jugendkultur schloss sich das Verständnis von Jugend als Randgruppen im Sinne von Subkultur mit dem Paradigma der Gegenkultur an. Jugend wurde als eigene Kultur in der sogenannten HegemonialKultur aufgefasst mit konträren Werten und Normen. Die Theorie der Subkultur wurde immer weite entwickelt und von verschiedenen Wissenschaftlern, abschließend lässt sich aber zusammenfassen, dass das Modell der dominanten Jugendkultur abgelöst wird da es eine Vielfalt jugendlicher Lebensweisen und keine Heterogenität jugendkultureller Praxen gibt. Die Subkulturen unterscheidet sich also in Werteordnungssystem, Bräuchen, Präferenzen usw. von der Gesamtgesellschaft. Das Modell der Subkultur scheint nicht mehr ausreichend um die aktuelle Vergemeinschaftung Jugendlicher zu erklären, da es auf der Annahme einer einheitlichen, dominanten Hegemonial-Kultur basiert, von der auf Grund der im ersten Kapitel erwähnten Individualisierung und Enttraditionalisierung der Gesellschaft nicht mehr auszugehen ist. Weiter stehen heutige Jugendkulturen stark unter Einfluss der Medien und der Industrie, was zu einem unübersichtlichen Übergang bzw. Vermischung der „Subkultur“ mit der Hauptkultur führt, dazu aber im nächsten Kapitel „Kommerzialisierung“ mehr. Auch der sich auflösende Protestcharakter und die immer weiterer Ausdifferenzierung und Unübersichtlichkeit der jugendlichen Verallgemeinschaftungsformen kann das Modell der Jugendsubkultur nicht mehr abdecken (vgl. Völker, 2008, S.13-28, Nolte, 2009, S.9ff). Das Modell der Subkultur wurde vom Begriff der Szene abgelöst. Hitzler et al (2005, S. 19ff.) erklärt Szene als „Netzwerk von Personen verstehe, die bestimmte materielle und/oder mentale Formen der kollektiven (Selbst-)Stilisierung teilen und diese Gemeinsamkeiten kommunikativ stabilisieren, modifizieren oder transformieren. Die in Szenen vorfindlichen Deutungsmusterangebote haben unterschiedliche, existenzielle Reichweiten: „...sein Punk-Sein in allen Lebenslagen und Situationen durchzuhalten gibt die Techno-Kultur dem Szenegänger über die Raumzeitliche Ausdehnung der Teilnahme am Szenegeschehen hinaus keinen Verhaltenskodex an die Hand.“ Schulze (in Kandlbinder, 2003, S.10) definierte den Begriff etwas früher als „Eine Szene ist ein Netzwerk von Publika, das aus drei Arten der Ähnlichkeiten entsteht, partielle Identität von Personen, von Orten und Inhalten. Eine Szene hat ihr Stammpublikum, ihre festen Lokalitäten und ein typisches Erlebnisangebot.“ Jede*r ordnet sich also entsprechend seinen*r Interessen, Meinungen und Hobbys einer oder mehreren Szenen zu. Es wird deutlich, dass das Szene-model die hoch individualisierten Form der Vergemeinschaftung Jugendlicher in freizeitlichen Sozialräumen ausreichender erklären kann als Gruppen mit eigene Wertbedeutungsschemata, Regeln, Routinen und Relevanzen, die allerdings keine normative Gültigkeit besitzen sondern auf Themen-, Lebensbereich- oder Situationsspezifisch gelten (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.17f). Jugendszenen heute sind stets auch immer Konsumkulturen. Der Konsum bestimmter Güter (vor allem Mode, Musik und Events) ist Identifikationsmerkmal einer Szene (vgl. Tully/Krug, 2011), dazu aber im folgenden Kapitel mehr.

2.3 Kommerzialisierung

Kommerzialisierung ist wie die Individualisierung ebenfalls ein Phänomen, dass in allen Lebensbereich der aktuellen Gesellschaft zu beobachten ist und was eng mit dem Individualisierungs- und Kapitalismusprozess zusammenhängt.

Die historische Bedeutung von Kommerzialisierung ist die Umwandlung von öffentlichen zu privatwirtschaftlichen Schulden. Die aktuelle Bedeutung von Kommerzialisierung ist das gewinnorientierte Handels- und Verkaufsinteressen in Bereiche vordringt, die bisher frei von marktwirtschaftlichen Einwirkungen waren. Der Begriff ist kulturpessimistisch konnotiert, da durch die marktwirtschaftliche Erschließung ein Verlust an immateriellen Werten zu verzeichnen ist (vgl. Schönlau, 2012, S.20). Zur Kommerzialisierung von Jugend(kulturen) ist zu bemerken, dass einerseits die Jugend selbst als neue Zielgruppe von Medien und Industrie entdeckt wurde, da Jugendliche mit Fortschreiten des 20 Jahrhunderts ein immer größeres Budget zur Verfügung hatten, während gleichzeitig die Produktionskosten für Güter (Kleidung, Kosmetik, Medien) gesenkt werden und damit für mehr Menschen zugänglich wurde. Das zu investierende Geld wurde vor allem für Freizeit- bzw. Unterhaltungskonsum verwendet, da die Eltern ja existenzsichernd wirkten. Hier ist die Jugendkultur „Teenager“ in den 50er Jahren zu nennen, die als erste Jugendkultur mit kommerziellen Bezugsrahmen (Konsum) auftritt (vgl. Kandlebinder, 2003, S.40-45, Baacke et al., 1991, S.147ff). Andererseits orientiert sich die Erwachsenenwelt an Jugendlichen, da eine Tendenz in der Gesellschaft nach Verjüngung und „ewiger Jugend“ zu erkennen ist. Folge ist das Streben nach körperlicher, ästhetischer und kultureller Jugendlichkeit als Idealbild. (vgl. Schönlau, 2012, S.13, Lemm, 2013, S.18). Einhergehend damit sind Jugendliche also „Trendsetter“ für die Industrie, gleichzeitig werden sie durch diese und die Medien gesteuert. Jugendliche dienen also als Konsumenten und Verkäufer, vor allem mobilisiert durch Medien. Es handelt sich also nicht um ein einseitiges Machtgefälle, sondern eine Wechselbeziehung, Klaus Neumann-Braun und Birgit Richard (2005, S.12) beschreiben es als „Jugendliche leben mit den Medien, schaffen in und durch den Markt ihre eigene Welt, werden aber auch durch diese geprägt.“. Der Kommerzialisierungsprozesse von Jugendkulturen läuft seit den fünfziger Jahren immer ähnlich ab. Trendscouts versuchen neue Marktlücken zu finden, sobald eine neue Erscheinungsform von Jugendkultur und damit ein innovativer Stil entsteht. Stil ist ein authentisches Ausdrucksmittel jugendlicher Subkulturen, die Stilschöpfungen waren aber zunächst unbeeinflusst von Massenmedien und Markt. Die Kulturindustrie imitiert dann die stilistische Innovation und reduziert diese zu (Massen)Warenform. Der Stil wird zu Mode, verliert seinen Inhalt und nach seiner Ausbreitung folgt seine Auflösung (vgl. Meyer, 1998, S.23). So werden jugendkulturelle Stile von der Industrie nicht nur aufgegriffen und kommerziell verbreitet und von Medien veröffentlicht, gleichzeitig übernehmen die durch Musik, Events, Printmedien, Sport, Werbung präsentierten und ausdifferenzierten Lebensstile für Jugendliche identitätsstiftende Funktion, was schwammig werden lässt, was die authentische und welche die von der Industrie künstlich produzierte Jugendkultur ist (vgl. Schönlau, 2012, S.160, Jeremic, 2003, S.5).

2.4 Zusammenfassung und Zusammenhänge

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Jugendkulturen heute stark durch den Individualisierungs-, Kommerzialisierungs- und Pluralisierungsprozesse, sowie die längere Phase im Schul- und Ausbildungssystem, geprägt ist. Die Jugendphase hat sich verlängert (früherer Eintritt in die Pubertät) und der Übergang ins Erwachsenenalter ist ohne Altersgrenzen und fließend geworden. Die Jugend ist zur Phase strukturelle Unsicherheit, Zukunftsungewissheit und einer Zeit der biographisch Vielfältigen Probleme geworden (vgl. Schönlau, 2012, S. 156, Lemm, 2014, S.21).

Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse lösen oder differenzieren traditionelle Lebensbereiche und Lebensformen auf/aus, was den Jugendlichen die Möglichkeit gibt ihr eigenen Lebensentwurf freier zu entwickeln und Umzusetzen. Gleichzeitig lösen sich Schicht- und Klassenstrukturen, die Identitätsstiftend fungierten, sowie die traditionellen Vergemeinschaftungsformen, wie Nachbarschaft, Kirchengemeinde und auch Familie auf oder verändern sich zumindest. Es entsteht also nicht nur die Chance, sondern gar die Notwendigkeit für junge Menschen schon früh eigenständige Entscheidungen zu fällen bei gleichzeitigem wegfallen von Sicherheiten und Orientierung durch die Auflösung traditioneller Strukturen. Es können große Unsicherheit bei der Identitätsfindung und der Sozialisation des Einzelnen entstehen, die Fülle an Optionen als Belastung empfunden werden, während anderer Jugendliche die neuen weniger eingeschränkten Lebensoptionen und die größere Freiheit zur Lebensplanung genießen und für sich nutzen können (vgl. Kahlbinder, 2003, S.92ff, Lemm, 2014, S.21, Schönlau, 2012, S.159f, 164). Das Bedürfnis diese Unsicherheiten in Peer-groups, also Gleichaltrigengruppen zu bearbeiten entstand, woraus sich Jugendkulturen entwickelten. Das Jugend(sub)kulturmodel reicht nicht mehr aus um heutige Vergemeinschaftungen Jugendlicher zu erklären und wird abgelöst vom dem der Szene. Jugendlichen ordnen sich diesen nach Interessen (auch mehreren), vor allem im Freizeitraum, zu und sie fungieren als Sozialisationsinstanzen und Identitätsstiftend (vgl. Völker 2008, S.108). In der modernen Art der Vergemeinschaftung, in dieser Arbeit weiterhin mit dem Szenebegriff beschrieben, die um eine kulturelle Praxis zentriert sind, werden Verbindlichkeiten und längerfristige Verpflichtungen eher abgelehnt, bevorzugt werden Gruppenstile, die Spaß machen, Zerstreuung und Unterhaltung bieten, die unkomplizierten Umgang mit Gleichgesinnten ermöglichen, wobei die Wertbedeutungsschemata, Regeln, Routinen und Relevanzen, keine normative Gültigkeit besitzen sondern auf Themen-, Lebensbereich- oder Situationsspezifisch begrenzt sind (vgl. Meyer, 1998, S.2f., vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2001, S.17f). Die Ausrichtung zum Hedonismus, Medienkonsum sowie zum Konsumfetischismus heutiger Szenen könnte eine Reaktion auf die oben beschriebenen Unsicherheiten der Zeit sein, eine Art Verdrängungsmechanismus (vgl. Brand, 1993, S.190).

Durch die Verlängerte Ausbildungszeit, haben Jugendliche heute mehr Freizeit sowie durch finanzielle Ressourcen der Eltern auch mehr Geld zur Freizeitgestaltung zur Verfügung. Es besteht, die schon angedeutet Erwartung (politisch wie kulturell) an diese nun vermeidlich freier und längere Phase, die Kompetenz zu erwerben die Individualisierung positiv für sich nutzen zu können. Die größeren finanziellen Ressourcen im Verbindung mit der Freizeit führen dazu, dass Jugendliche schon früher zu Konsumenten werden und damit für die Industrie zu einer Zielgruppe. Dabei ist ihre Doppelfunktion als Konsumenten und Trendsetter, also Schöpfer zu beachten. Jugendkulturelle Stile werden immer wieder von der Industrie aufgegriffen und vermarktet, also in Warenform gebracht wodurch ein Inhaltsverlust generiert wird und anschließend nicht mehr deutlich zu unterscheiden ist, was authentische jugendkulturelle Szene und was die von der Industrie geschaffene Jugendkultur ist. Das Überangebot an Waren und die Propagierung multipler Lebensoptionen durch die Konsumgüter stellen den Jugendlichen vor die Entscheidung die für sie wünschbaren Konsum- und Erlebnisoptionen zu wählen (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2005, S.15). Jugendliche bilden Konsumpräferenzen aus, die von ihrem unmittelbaren Umfeld, also auch den Szenen welchen sie angehören geprägt ist, gleichzeitig übernehmen statt klassischen Identitätsstiftende Institutionen für Jugendliche multimedial präsentierte Lebensstile über Musik, Werbung, Konsum und Mode Identitätsstiftende Funktion und so ist Jugendszene heute auch immer mit Konsum verbunden.

3. Die Techno-Szene

Der Umfang dieser Arbeit reicht nicht aus ,um die Technoszenen zu durchleuchten, oder die vielseitigen Genre, und die mittlerweile mehrere Jahrzehnte alte Geschichte der Technoszene, die zusätzlich unterschiedlich sowohl international wie regional verläuft, einzugehen weshalb ich hier nur Aspekte der Szene beleuchten möchte die, die individualisierte, die heutige Form der Vergemeinschaftung von Jugendlichen verdeutlicht, also was Jugendkultur heute ausmacht, wie es im Titel heißt.

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Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668759763
ISBN (Buch)
9783668759770
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v434614
Institution / Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,7
Schlagworte
jugendkultur beispiel technoszene wenn wunsch individualisierung kommerzialisierung

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Titel: Jugendkultur heute am Beispiel der Technoszene. Wenn der Wunsch nach Individualisierung auf Kommerzialisierung trifft