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Die Grauzonen der Moral. Analytische Betrachtung von Botho Strauß' "Die Ähnlichen"

Die Moraldiskussion in der Postmoderne und nach dem ästhetischen Prinzip des Dramatikers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Gesellschaft und Moral. Man muss seine Gründe behalten, seiner Herkunft begegnen.

III. Die Ähnlichen
1. Magda hat wieder beiseite gesprochen
2. Die Ähnlichen
3. Inverness. Einzelprobe
4. Anfang und Ende

IV. Reflexiver Diskurs der textlichen Analyse
1. Die Krise der Moral in Zeiten des Wertewandels
2. Moral Interludes im Zeichen des Bewusstseintheaters
3. Das Theater des Botho Strauß

V. Resultate und Folgerungen

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, dass das Paar jeder weiteren Gemeinschaft vorgeht. Es ist sogar der einzige Inhalt meines Schreibens, dass das Paar vor dem Staat, der Gesellschaft und jeder sonstigen Ordnung steht. Von ihm leiten sich alle sozialen Elementarien ab, nicht zuletzt das der Entzweiung.[1]

Botho Strauß zählt seit Beginn seiner Schaffensperiode zu den bedeutendsten deutschen Dramatikern, ist jedoch als private Person der Leserschaft weitgehend ungekannt. Diese Zurückgezogenheit aus der Gesellschaft ist für Autoren nicht ungewöhnlich, für die Arbeit von Strauß jedoch elementar. Er selbst bezeichnet sich in einem Interview für die Zeit als „ein nicht ausübender Gesellschaftsmensch.“[2] Auf diese Weise macht er sich die Menschen dadurch begreifbar, dass er sich ihnen entzieht. Im zentralen Blickpunkt der distanzierten Beobachtung stehen hochsensibel entwickelte und differenzierte Paarbeziehungen. Bereits sein erstes Drama Hypochonder thematisiert eine Dreierkonstellation in der Krise des fortschreitenden Identitätsverlustes. Die Integration des Paares in den gesellschaftlichen Kontext avanciert so zur Sinnklammer vieler Strauß-Texte und findet folglich auch Eingang in das 1998 uraufgeführte Drama Die Ähnlichen. In vier inhaltlich selbständige Zwischenspiele eingeteilt, deutet bereits der Untertitel Moral Interludes auf das dominierende Thema des Textes hin. Hier variiert Strauß das alte Motiv scheiternder Paarbeziehungen im Kontext des Moralpluralismus im postmodernen Zeitalter. Aufgrund dieser Prämisse bietet sich demgemäß die Sinnklammer Moral als Kategorie zur vielseitigen Analyse des Textes an.

Zunächst sollen sowohl die Position von Botho Strauß zur Postmoderne, als auch die Kennzeichen und Entwicklung der Moral beleuchtet werden. In der folgenden textimmanenten Analyse, gegliedert nach den vier Zwischenspielen, erfolgt dann eine Bestandsaufnahme der heterogenen Moralauffassungen, sowie der ungleichen Präferenz von Paarmodellen bei Mann und Frau. Daraus folgt im vierten Abschnitt eine Bewertung der Paarbeziehung im Kontext der Postmoderne. Dabei sollen auch Fragen nach dem Grad der moralischen Wertung des Autors, sowie dessen Theaterästhetik nicht unberücksichtigt bleiben.

II. Gesellschaft und Moral. Man muss seine Gründe behalten, seiner Herkunft begegnen.

Botho Strauß kennt als Kritiker des Zeitgeistes viele Attribute für den Niedergang der postmodernen Gesellschaft: Pluralisierung, Identitäts- und Realitätsverlust, Nihilismus, Kulturverlust. Insofern sagt er der Konsum- und Mediengesellschaft, die in ihrem Hochmut, Wohlstand und Reichtum das Vergangene verdrängt, die Selbstzerstörung voraus. Dies brachte ihm den Ruf eines kulturkonservativen Autors ein, dessen Bedeutung er jedoch im positiven Sinne der Traditionsverbundenheit interpretiert sehen möchte.[3]

Ich kann mit dem Wort konservativ nichts anfangen, weil es als ein politisch vollkommen platter Begriff verhunzt ist. Ich halte es für wichtig, sich zu einem geistigen, ästhetischen Fundamentalismus zu bekennen, der weiß, wie es in einem Vers von Gunnar Ekelöf heißt, dass in jedem Augenblick "der Schleier der Zeit" zerreißen kann und man vor dem nackten Beginn steht. Es gibt eben nicht nur das Geschichtliche. Ich verstehe es eher heideggerisch: Man muss seine Gründe behalten, seiner Herkunft begegnen. Mit konservativ hat das nichts zu tun. Ich nenne es fundamental. Ich könnte auch elementar sagen.[4]

Großes Aufsehen erregten besonders die 1990 und 1993 veröffentlichten Essays Der Aufstand gegen die sekundäre Welt bzw. Anschwellender Bocksgesang, die ebenso den zunehmenden Mangel an gemeinsamen Werten in der Konsumgesellschaft der 90er Jahre beklagen. Ergänzend dazu äußert sich Botho Strauß gegenüber der Zeit:

Die Dinge, die uns besonders nahe waren, allein die Geschichte der deutschen Literatur betreffend, rücken weg. Die Lesekultur ist starken Einflüssen der Medien ausgesetzt. Sie ist in einer Massengesellschaft weiter verbreitet als in jeder Epoche einer exklusiven Bildungsschicht. Sie ist aber eben verbreitet. Was breit ist, ist nicht hoch oder dicht. Ich habe kein Bild davon, wie sich das entwickeln kann. (...) Es gehen viele subtile Dinge verloren zugunsten trivialer. Das ist in der Sprache so, in den Geselligkeitsformen und anderswo.[5]

Nach Meinung des Dramatikers spaltet sich die öffentliche Gemeinschaft in das Spezielle auf. Statt dem allumfassenden Allgemeinen existiert lediglich eine Oberflächenstruktur, es gibt eine Fülle von Diskursen, statt, nach dem Terminus von Foucault, einer “Ordnung des Diskurses“, dessen Aufgabe es ist, „die Kräfte und die Gefahren zu bändigen, sein unberechenbares Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“[6] Strauß’ Kritik kreist so um eine Leerstelle, sie mahnt eine symbolische Ordnung, die nationale Identität stiftet. Michel Foucault nennt dies den „fundamentalen Code einer Kultur.“[7] Dieser regelt die empirische Ordnung, d.h. es existiert ein allgemein-verbindliches Vorschriften- und Wertesystem für das Weltbild, das Verhalten bzw. die Moral, das Individuen und Gruppen zu einem eigenen Kulturkreis vereinigt. Die Inhalte dieses Wertesystems gelten insofern als Kategorien zur Unterscheidung von Epochen und Kulturen von der Antike bis zur Gegenwart.

Im Hinblick auf die Ähnlichen soll im folgenden die Varianz der moralischen Werte in der Anthropologie skizziert werden. Hierfür empfiehlt es sich, in erster Linie eine Definition des facettenreichen Begriffes zu formulieren.

Unter Moral versteht man ein Ensemble von Werten und Handlungsregeln, die den Individuen und Gruppen mittels diverser Vorschreibapparate – Familie, Kirchen usw. – vorgesetzt werden. Es kommt vor, dass diese Regeln und Werte sehr ausdrücklich in einer zusammenhängenden Lehre (...) formuliert werden. Es kann aber auch sein, dass sie in diffuser Weise übermittelt werden und dass sie kein systematisches Ganzes, sondern ein komplexes Spiel von Elementen bilden, die sich kompensieren, korrigieren (...). Unter solchen Vorbehalten kann man diese präskriptiven Elemente „Moralcode“ nennen. Unter Moral versteht man aber auch wirkliche Verhalten von Individuen in seinem Verhältnis zu den Regeln und Werten, die ihnen vorgesetzt sind. (...) Nennen wir diese Ebene von Phänomenen „Moralverhalten“.[8]

Der Moralcode entspricht demnach der Ordnungsstruktur insgesamt, das Moralverhalten umfasst die persönliche Einstellung zur Sittlichkeit und somit das Maß des moralkonformen Verhaltens. Insbesondere im Christentum existierten zentrale Dogmen, die eine strikte Sittenstrenge innerhalb der Ehe forderten. (Dies impliziert, dass der Begriff Paar nach dem christlichen Moralkodex durch den Terminus Ehe ersetzt wird.) So verlangte die Kirche vor allem strenge Enthaltsamkeit vor der Trauung, Monogamie und bedingungslose Treue während der Ehe. Der sexuelle Akt wurde stets mit dem Bösen, der Sünde verbunden und spielte eine ausschließlich fortpflanzungsbezogene Rolle. Nach dem bekannten Aufgabenmuster hatte der Mann für den Unterhalt der Familie zu sorgen, während die Frau für die Erziehung der Kinder zuständig war.

In der heidnischen Antike fehlte dagegen eine allgemeinverbindliche und dogmatisierende Instanz, so dass die Mäßigung vor der Lust als Tugend angesehen wurde, trotz der Toleranz von Homosexualität und Polygamie.

Die Reihe von Beispielen könnte man endlos weiterführen. Jeder Kulturkreis ist demzufolge an einen konkreten Moralcode gebunden, an dessen Regeln das individuelle Verhalten messbar ist. Betrachtet man im Hinblick auf die Ähnlichen nun das postmoderne Zeitalter, so ist per definitionem keine kulturelle Autorität mehr festzustellen. Das bisher angenommene Monopol wandelt sich zu einer Koexistenz heterogener Kulturen, die folglich einen Pluralismus der Moralcodes und ein breites Varianzspektrum des Moralverhaltens nach sich zieht. Infolge dessen definiert Foucault auf der dritten Ebene die Persönlichkeit des Moralsubjekts.

Gewiß enthält jede moralische Handlung ein Verhältnis zu dem Wirklichen, in dem sie sich abspielt, und ein Verhältnis zu dem Code, auf den sie sich bezieht; aber sie impliziert auch ein bestimmtes Verhältnis zu sich; dieses ist nicht einfach Selbstbewusstsein, sondern Konstitution seiner selbst als “Moralsubjekt“, in der das Individuum den Teil seiner selbst umschreibt, der den Gegenstand dieser moralischen Praktik bildet.[9]

In diesem Sinne ist das System der allgemeinverbindlichen Codes rudimentär. Das Individuum konstituiert eine innere Moralinstanz auf Basis individueller Maßstäbe, die komplementär oder im Widerspruch zum kulturellen Kodex stehen können. Durch diesen Pluralismus von subjektiven Sittlichkeiten sind in der Folge eine Vielzahl von Paarmodellen denkbar (monogam, polygam, homosexuell etc.), die intersubjektiv nicht befürwortet werden müssen, jedoch nicht grundsätzlich als unmoralisch gelten, so wie in Zeiten des Christentums.

Botho Strauß geht diesbezüglich einen Schritt weiter und unterstellt „die Hypokrisie der öffentlichen Moral. Die jederzeit tolerierte (wo nicht betrieb): die Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität.“[10] Daraus resultiert die Desorientierung der Gesellschaft, da keine „Prägemuster für den Einzelnen zur Verfügung [stehen]. (...) Das Verbotene kann man suchen wie das Magische – schwer zu finden dort, wo man es bereits einmal fand.“[11]

III. Die Ähnlichen

1. Magda hat wieder beiseite gesprochen

Obwohl im ersten Teilabschnitt keine Paarbeziehung motiviert wird, enthält dieses Zwischenspiel dennoch eine Reihe von Prämissen für den gesamten Dramentext. Im Blickpunkt der Handlung stehen drei Frauen in einem sinnentleerten Raum, der Assoziation zum Höllenreich zulässt. Dieser transzendentale Ansatz setzt sich bei der Figurenkonzeption fort. Botho Strauß präsentiert Magda, Vilma und Agathe implizit als drei das Schicksal spinnende Frauen.[12] Nach der Sage handelt es sich hierbei um Fatae, drei Schicksalsgöttinnen mit der ursprünglichen Aufgabe, die Geburt des Menschen zu beaufsichtigen und das Lebenslos zuzuteilen. In gleicher Weise entsprechen sie ebenso Graien, d.h. alten Frauen, die sich einen Zahn und ein Auge teilten.[13] Auf einer abstrakten Ebene illustriert der Dramatiker auf diese Weise die Überlegenheit des weiblichen Geschlechts. Bereits seit der griechischen Überlieferung besitzt allein die Frau die sagenhafte Fähigkeit, das Schicksal der Menschen vorherzusehen und zu beeinflussen. Aus mythologischer Sicht wird solchermaßen die herausragende Bedeutung der Frau innerhalb der Familie darlegt.

Zugleich wird deutlich, dass insbesondere das Motiv der Graien die Bedeutung des Körperlichen reduziert. Agathe, Vilma und Magda teilen sich „einen gesunden Kreislauf“[14] und repräsentieren aufgrund ihrer Ähnlichkeit zugleich eine Schicksalsgemeinschaft, die anhand von verschiedenen Kennzeichen belegt werden kann. Zum ersten beschreibt Strauß ein Mutterbild, das mit negativen Konnotationen behaftet ist.

Magda: Ich leide immer an dem Makel deiner Geburt (...)

Agathe: Du hast mich zur Mutter gemacht. Ich habe alles versucht, um es wieder gutzumachen.[15]

[...]


[1] Strauß, Botho: Die Fehler des Kopisten. dtv. München. 1997.

[2] Strauß, Botho. Interview: Am Rand. Wo sonst. Ulrich Greiner. In: Die Zeit. 31.05.2000. S.55

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Fischer. Frankfurt am Main. 1991. S. 10ff.

[7] Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp. Frankfurt am Main. 1994. S. 22

[8] Foucault, Michel: Der Gebrauch der Lüste. Suhrkamp. Frankfurt am Main. 1986. S. 36

[9] Foucault, Michel: Der Gebrauch der Lüste. Suhrkamp. Frankfurt am Main. 1986. S. 39

[10] Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang. In: Spiegel. Nr.6. 1993. S. 203

[11] ebd. S. 206

[12] Magda: „Merkt sie denn nicht, dass der Faden immer wieder abreißt?“ In: Strauß, Botho: Theaterstücke 1993 – 1999. dtv. 2000. S. 283

[13] „Bis wir zuletzt zu dritt und alle drei auf einem Zahne kauen. (...) Bis wir zuletzt zu dritt und allen dreien das trübe Auge trieft.“ ebd. S. 215

[14] ebd. S. 215

[15] ebd. S. 216

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638412377
ISBN (Buch)
9783656619901
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43456
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Grauzonen Moral Eine Betrachtung Botho Strauß Moraldiskussion Postmoderne Berücksichtigung Prinzipien Dramatikers Jahren

Autor

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