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Gesänge jugendlicher Fußballfans

Seminararbeit 2004 26 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Annäherung an das Thema

Spurensuche in der Antike

Vorraussetzungen für die Entstehung und Existenz der Fangesänge in Stadien

Geschichte der heutigen Fußballfangesänge

Funktionen der Fangesänge

Die Interpreten- Einstellungen und Organisation in verschiedenen Gruppen

Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Annäherung an das Thema

Fußballfans werden in der Öffentlichkeit häufig als lärmende Horden wahrgenommen. Das liegt natürlich auch daran, dass es vor allem gewalttätige Aktionen sind, die Eingang in die Massenmedien finden. Liest man einen Bericht über ein beliebiges Spiel der Bundesliga, so finden die Anhänger der beteiligten Mannschaften entweder gar keine Erwähnung oder das Fehlverhalten eines kleinen Teils wird angeprangert.

Ein anderes Problem ist sicherlich, dass die singenden Sympathisanten mit Alkohol oder vielmehr zu viel davon in Verbindung gebracht werden[1]. Nun ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass vor und während eines Stadionbesuchs viel getrunken wird. Andererseits ist es fast schon scheinheilig, dies den Fans als schlechte Eigenschaft anzukreiden. Es ist vielmehr ein Merkmal unserer Gesellschaft, dass, wo immer in irgendeiner Form gefeiert wird, das Trinken eine große Rolle spielt.

Zum anderen werden diese Menschen immer wieder als gesellschaftliche Randgruppe bezeichnet, obwohl sie sich aus allen Schichten und Bereichen der Gesellschaft rekrutiert. Auch in allen Altersschichten finden sich Menschen, die es genießen, einen Teil ihrer Freizeit im Stadion zu verbringen. Allerdings ist zu unterstreichen, dass es vor allem die jugendlichen Fans sind, die sich in der Fankultur besonders aktiv engagieren.

Um sich dem Thema zu nähern ist es in jedem Fall notwendig, hinter diese gesellschaftlich konstruierte Fassade zu schauen. In den letzten Jahren gab es sehr viele, auch wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem Thema Fußball und seinen Fans beschäftigt haben. Dies liegt zum einen daran, dass man sich zum fünfzigsten Jahrestag an das Wunder von Bern erinnert hat. Ein trauriger Anlass, der länger zurückliegt, ist die Gewalt am Rande der Weltmeisterschaft in Frankreich im Jahr 1998. In der Literatur hat vor allem das Spiel mit seinen Turnieren und Mannschaften Beachtung gefunden, zum anderen ein kleiner Teil der Zuschauer. Bei der Recherche stößt man häufig auf Arbeiten, die sich dem Phänomen der Hooligans anzunähern versuchen. Von dieser Masse hebt sich das Buch „Fangesänge - eine FANomenologie“ von Reinhard Kopiez und Guido Brink ab. Diese haben sich dem Thema sehr gründlich und wissenschaftlich genähert. Die Grundlage dieser Untersuchung bilden Tonbandaufnahmen, die eigenhändig in Stadien angefertigt wurden. Daraus entstanden Protokolle, die man miteinander verglichen hat. Auf diese Art und Weise ist es den Autoren gelungen, Merkmale und Eigenschaften dieser Gesänge herauszuarbeiten. Meines Erachtens ist dies die einzige derart gründliche Auseinandersetzung mit dieser Materie. Allerdings bleiben noch viele Fragen offen, die Brink und Kopiez zwar dargestellt haben, aber von ihrem Stand der Forschung aus noch nicht beantworten konnten. So kann dieses Buch nur ein Anfang sein um die Fangesänge wirklich und umfassend beleuchten zu können.

Die vorliegende Arbeit stützt sich auf diese Erkenntnisse. Es soll hiermit ein Überblick über das Phänomen geschaffen werden. Die Motivation bestand dabei in der Faszination, wie Tausende von Menschen in einem Stadion singen und völlig aus sich herausgehen, obwohl man in dieser Gesellschaft eigentlich ungern durch Lautstärke auffällt. Zum anderen soll mit dieser Arbeit aber auch der Anspruch verbunden sein, nicht dabei stehen zu bleiben, sich vom Massenchor begeistern zu lassen. Vielmehr soll hier der Versuch unternommen werden zu erklären, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Fußballfans in den Stadien singen, und unter welchen Voraussetzungen dies stattfindet.

Spurensuche in der Antike

Um zu untersuchen, seit wann es Massengesänge in Sportstadien gibt, bietet es sich an, in der Welt der Antike nach etwas Vergleichbarem zu suchen. Schließlich hat es schon bei den alten Griechen und Römern sportliche Massenveranstaltungen in Stadien gegeben. Nicht zuletzt stammt die Bezeichnung für die Heimat der heutigen Fangesänge aus dem alten Griechenland: Das Stadion meinte damals auch ein Längenmaß und entspricht ungefähr 600 Fuß, also 192 Meter.

Griechische Vasen liefern einen Beleg, dass es damals schon eine Verbindung von Sport und Musik gegeben haben muss: Man kann in den Malereien erkennen, wie Aulosbläser zu Turnübungen spielen. Allerdings gibt das noch keinen Beleg für das Verhalten der Zuschauer in der Antike. Es handelt sich hierbei um ein weitgehend unerforschtes Themengebiet, da nur sehr wenige Quellen vorhanden sind. Manfred Lämmer hat sich jedoch in den 1980er Jahren dem Zuschauerverhalten im antiken Griechenland gewidmet. Als Hauptergebnis seiner Untersuchungen kann genannt werden, dass das Publikum sich nicht passiv-konsumierend verhalten, sondern sich sehr stark mit den Wettkämpfen identifiziert hat. Dieser Umstand führte, laut Lämmer, auch zu regelrechten Randalen, wie wir sie heute leider auch von Fußballspielen kennen. Er berichtet, dass „in der frühgriechischen Zeit nicht selten die enttäuschten Freunde und Anhänger eines unterlegenen Wettkämpfers über den Sieger und dessen Begleiter herfielen.“[2] Die Reaktion von offizieller Seite markiert eine weitere Parallele zu heutigen Fußballspielen, nämlich „dass die damals Regierenden öffentliche Massenveranstaltungen, insbesondere Kultfeste und Agone, stets als erhöhtes Sicherheitsrisiko ansahen und besondere Vorkehrungen trafen.“[3] Hierzu wurden Soldaten bereitgestellt, die während der Wettkämpfe für Ordnung sorgen sollten. Ein weiterer Umstand, der Assoziationen zu Fußballspielen hervorruft, ist der, dass Alkohol schon damals eine Rolle gespielt haben dürfte, denn eine Inschrift vor dem Stadion in Delphi verbietet es unter Androhung einer Strafe von 5 Drachmen, Wein ins Stadion zu bringen.

Eine Quelle, die die Existenz eines gewissen Geräuschpegels während Wettkämpfen belegt, sind die Confessiones von Augustinus:

„[...]atque utinam et aures obturaisset! Nam quodam pugnae casu, cum clamor ingens totius populi eum pulsasset, curiositate victus et quasi paratus, quidquid illud esset, etiam visum contemnere et vincere, aperuit oculos. Et percussus est graviore vulnere in anima quam ille in corpore quem cernere concupivit, ceditditque miserabilius quam ille quo cadente factus est clamor. Qui per eius aures intavit et reseravit eius lumina (…) et non erat iam ille qui venerat sed unus de turba ad quam venerat, et verus eorum socius a quibus adductus erat. Quid plura! Spectavit, clamavit, exarsit, abstulit inde secum insaniam qua stimularetur redire non tantum cum illis a quibus prius abstractus est, sed etiam prae illis et alios trahens. […]

Und wenn er doch seine Ohren verstopft hätte! Denn durch einen bestimmten Zufall des Kampfes, als ein riesiges Geschrei den gesamten Volkes ihn traf, von der Neugierde besiegt und gewissermaßen darauf gefasst, was immer jenes sei, auch den Anblick [davon] zu verachten und zu besiegen, öffnete er die Augen. Und er wurde von einer schwereren Wunde in der Seele getroffen als der [Gladiator] den er zu sehen begehrte, im Körper, und er fiel bemitleidenswerter als der [Gladiator], bei dessen Fall das Geschrei entstand. Dieses trat durch seine Ohren ein und entriegelte seine Augen (...) Und schon war er nicht mehr der, der gekommen war, sondern einer aus der Menge, zu der er gekommen war, und ein wirklicher Gefährte derer, von denen er herangeschleppt worden war. Ja, noch mehr! Er sah zu, er schrie, er entbrannte, er nahm einen Wahnsinn mit sich fort, durch den er angetrieben wurde, zurückzukehren, nicht nur mit jenen zusammen, von denen er vorher fortgeschleppt wurde, sondern sogar vor ihnen und andere mit sich ziehend. [...]“[4]

Diese Begebenheit muss sich zwischen 354 und 430 nach Christus ereignet haben. In der Beschreibung einer Zuschauerszene versucht ein junger Mann namens Alypius, sich der Begeisterung für die Kämpfe zu entziehen, indem er sich die Augen verband. Man war zu dieser Zeit der Auffassung, es wäre schädlich für den Charakter, sich zu sehr davon mitreißen zu lassen. Es lässt sich bezüglich der Lautstärke, die während des Kampfes zu vernehmen war, feststellen, dass diese abhängig vom Kampfgeschehen gewesen sein muss. Man kann dies also als weitere Übereinstimmung zum Zuschauerverhalten bei heutigen Fußballspielen verbuchen. Man bleibt jedoch im Unklaren, was dies für Laute waren, die vom Publikum produziert wurden, von Fangesängen kann noch nicht ausgegangen werden.

Die Art der Geräusche wird deutlicher in einem Brief der Epistulae morales von Seneca (39 v.Chr. - 55 n. Chr.) dargestellt. Darin rät der Philosoph, der der Stoa zuzuordnen ist, seinem Freund Lucilius den Rat, Menschenmassen zu meiden. Indem er Bezug auf die Gladiatorenspiele nimmt, erwähnt er auch Ausrufe des Publikums:

„Occide, verbera, ure! Quare tam timide incurrit in ferrum? Quare parum audacta occidit ? Quare parum libenter moritur? Plagis agatur in vulnera, mutuos ictus nudis et obviis pectoribus excibiant. » Intermissum est spectaculum: „interim iugulentur homines, ne nihil agatur.

Töte, peitsche, brenne! Warum fällt der denn so ängstlich ins Schwert? Warum tötet er nicht mutig genug? Warum stirbt er so widerwillig? Mit Schlägen soll er zu den Wunden getrieben werden, wechselseitige Stöße sollen sie mit ihren nackten und preisgegebenen Brustkörben einstecken.“ Das Schauspiel ist unterbrochen: Unterdessen sollen Menschen abgestochen werden, damit nicht nichts passiert.“[5]

Es hat sich also auch in der Antike um konkrete Ausrufe des Publikums gehandelt, unklar bleibt aber, ob diese einzeln oder kollektiv ausgestoßen wurden. Die vielen Fragen aus Senecas Brief sprechen hier eher für spontane und unkoordinierte Ausrufe Einzelner. Dies würde also dagegen sprechen, dass es damals Fangesänge im heutigen Sinn gegeben hat.

In allen Quellen, die man zum Zuschauerverhalten findet, sind es meistens diese blutrünstigen Ausrufe, die in unsere heutige Zeit überliefert sind. Der Grund dafür ist, dass die Gladiatorenkämpfe in ihrer Spätphase sehr umstritten waren. Aus diesem Grund wählten viele Autoren diese brutalen Äußerungen von Zuschauern aus, weil sich so die Nachteile der Kämpfe besser herausstellen ließen. Hier lässt sich wiederum eine Parallele zur heutigen Fankultur ziehen, in der die gewalttätigen Hooligans in der Presse mehr Beachtung finden als die Mehrzahl der friedlichen Fans.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Frage, inwieweit das Publikum damals und heute Einfluss auf das Wettkampfgeschehen nehmen konnte. Heute bestimmen die Fans vor allem durch ihre Sprechchöre und Anfeuerungen das Spiel in gewisser Weise mit. Laut einer Umfrage unter Profispielern, die nach ihrer Einschätzung der Auswirkung von Fangesängen gefragt wurden, empfanden 81% der Fußballer diese als leistungssteigernd[6]. In der Antike konnte das Publikum bei der Begnadigung von Gladiatoren Einfluss ausüben. Hier sind uns zwei Formen des Ausdrucks bekannt: erstens das Heben und Senken des Daumens und zweitens das Schwenken von Tüchern. Bei beiden Methoden setzte man auf die optische Übermittlung des Publikumswillens. Die Frage ist nun: Warum gab es hier keine Sprechchöre? Dies könnte zum einen in Zusammenhang mit dem Lärmpegel gestanden haben, so dass man sich auf die optischen Zeichen besser verlassen konnte. Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass das kollektive laute Äußern einer Meinung damals völlig unbekannt war. Dies wird allerdings durch die Überlieferung eines Sprechchors in der „Römischen Geschichte“ des Historikers Cassius Dio (ca. 135-235 n. Chr.) widerlegt: Im Jahr 196 n. Chr. wandte sich das Publikum gegen den herrschenden Krieg. Sein Verhalten lässt sich als Sprechchor deuten, allerdings hat dieser nichts mit dem Wettkampf zu tun, sondern mit der politischen Situation. Aus diesem Grunde soll hier auf das Zitat von Cassius Dio verzichtet werden.

Zusammenfassend kann an dieser Stelle gesagt werden, dass es zwischen antiken Wettkämpfen und der heutigen Situation in den Fußballstadien einige Parallelen gibt. Allerdings muss man davon ausgehen, dass es so etwas wie Fangesänge, Sprechchöre und das rhythmische Klatschen nicht gegeben hat, zumindest ist nichts davon überliefert. Auch wenn diese Untersuchung der Verhältnisse bei antiken Wettkämpfen scheinbar ergebnislos geblieben ist, kann sie uns trotzdem Aufschluss über die Entstehung dieser musikalischen Kultur in den heutigen Fußballarenen geben! Dass hier ausgerechnet ein so lange zurückliegender Zeitraum untersucht wurde, liegt daran, dass die Wettkämpfe im alten Rom und in Griechenland diejenigen sind, die der heutigen Situation am ehesten ähneln.

[...]


[1] Siehe Ahnhang, Abb.1)

[2] Lämmer, Manfred: Zum Verhalten von Zuschauern bei Wettkämpfen in der griechischen Antike. In: Spitzer, Giselher, Schmidt, Dieter: Sport zwischen Eigenständigkeit und Fremdbestimmung. Pädagogische und historische Beiträge aus der Sportwissenschaft. Festschrift für Hajo Bernett, Bonn 1986, S. 75-85.Hier S.80.

[3] ders.

[4] Augustinus: Confessiones zitiert nach: Brink, Guido, Kopiez, Reinhard: Fußball- Fangesänge. Eine FANomenologie, Würzburg 1998.

[5] Seneca ep. Zitiert nach: Brink, Guido, Kopiez, Reinhard: Fußball- Fangesänge. Eine FANomenologie, Würzburg 1998.

[6] Brink, Guido, Kopiez, Reinhard: Fußball- Fangesänge. Eine FANomenologie, Würzburg 1998. Die genauen Ergebnisse dieser Umfrage finden sich in: Hermann, H.U.: Fans als Stimulans und als Konfliktpotential. In: Lindner, R.: Der Fußballfan. Ansichten vom Zuschauer. Frankfurt a. M. 1990. S.139.

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638412339
ISBN (Buch)
9783638657143
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43452
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau – Medienpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Gesänge Fußballfans Musik Jugendkultur

Autor

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Titel: Gesänge jugendlicher Fußballfans