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Mikroanalytische Betrachtung von Aussprachesstörungen bei Kindern - Entwurf eines Analyseverfahrens auf non-linear phonologischer Grundlage

Examensarbeit 2003 108 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Phonologische Grundlagen
1.1 Distinktive Merkmale
1.1.1 Lineare Merkmalsrepräsentationen
1.1.2 Merkmalsgeometrie
1.2 Die Silbe
1.2.1 Sonorität
1.2.2 Das Konstituentenmodell der Silbe
1.2.2.1 Die extrareimische Position
1.2.2.2 Die extrasilbische Position
1.2.2.3 Ambisilbische Konsonanten
1.2.3 Moren – eine alternative Darstellung des Silbengewichts
1.3 Betonung
1.3.1 Der Fuß
1.3.2 Wortbetonungsregel des Deutschen
1.3.3 Komposita-Betonungsregel
1.3.4 Verschiedene Silbentypen
1.3.4.1 Die prominente Silbe
1.3.4.2 Die unmarkierte Silbe: nicht prominent und nicht reduziert
1.3.4.3 Die Reduktionssilbe
1.4 Prosodische Hierarchie

2 Aspekte der phonologischen Entwicklung
2.1 Distinktive Merkmale
2.1.1 Bestimmung von distinktiven Merkmalen
2.1.2 Entwicklung von distinktiven Merkmalen
2.1.3 Domäne der Merkmalszuweisungen
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Die Silbe
2.2.1 Der Onset
2.2.1.1 Einfache Onsets
2.2.1.2 Komplexe Onsets
2.2.2 Der Reim
2.2.3 Onset und Reim im Vergleich
2.3 Betonung
2.4 Prosodische Hierarchie

3 Entwurf eines Analyseverfahrens
3.1 Analysekriterien
3.1.1 Distinktive Merkmale
3.1.2 Silbenstrukturen
3.1.3 Betonung
3.1.4 Prosodische Hierarchie
3.2 Das Wortmaterial
3.2.1 Gruppe 1: Einsilber
3.2.2 Gruppe 2: Zweisilber
3.2.3 Gruppe 3: Dreisilber
3.2.4 Gruppe 4: Komposita
3.3 Analyse von Einsilbern – Ein Beispiel
3.3.1 Vergleich der Silbenstrukturen
3.3.2 Vergleich der Sonoritätswerte
3.3.3 Vergleich der segmentalen Strukturen
3.3.4 Phoninventar
3.3.5 Phonologische Kontraste
3.3.6 Vergleich der Merkmalszuweisungen
3.3.7 Vergleich der Betonungsstrukturen
3.4. Zusammenfassung

4 Schlussfolgerungen

Anhang
A1 Beschreibung der distinktiven Merkmale
A2 Darstellung der Lautklassen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die wohl bekannteste Richtung in der Phonologie ist die so genannte „lineare Phonologie“. Dieses Theoriemodell sieht eine Äußerung als eine lineare Kette von Segmenten an. Vergleichbar ist diese Sichtweise mit der Betrachtung der ge­schriebenen Sprache, die sich ebenfalls durch eine Abfolge einzelner Elemente aus­zeichnet.

Die Entwicklung der Phonologie seit Mitte der 70er Jahren lässt sich als eine Abkehr von der Segmentorientierung bei einer gleichzeitigen Hinwendung zur Prosodik charakterisieren. Als prosodisch gilt dabei alles, was mehr als ein Segment betrifft (vgl. Ramers et al, 1992, I). In diesem Rahmen hat sich die non-lineare Phonologie entwickelt. Motiviert ist diese Ent­wicklung durch den Anspruch, bestimmten sprach­lichen Phänomenen besser gerecht werden zu können. Dies betrifft besonders die­jenigen Phänomene, die sich auf Bereiche aus­wirken, die größer als ein Segment sind.

Diese Veränderung der Sichtweise in der Phonologie hat ebenso Auswirkungen auf die Forschung im Bereich des kindliche Spracherwerbs. So existieren mittlerweile Unter­suchungen von kindlichen Sprachsystemen, die vor diesem Hintergrund entstanden sind. Diese vermögen es, Phänomene, die im Spracherwerb auftreten, detailliert zu be­schreiben.

Anhand der dort entwickelten phonologischen Konstituenten und Erklärungsmodelle ist zudem eine Be­schreibung gestörter Kindersprache denkbar. Betrachtet man jedoch gängige Analyseverfahren, so wird deutlich, dass diese sich nicht der Erkenntnisse der non-linearen Phonologie bedienen, sondern vielmehr auf der Grundlage der linearen Phonologie beruhen. Dies zeigt sich darin, dass das Vorgehen dieser Verfahren sich dadurch auszeichnet, dass die kindlichen Äußerungen Segment für Segment mit der Zielsprache verglichen werden. Die Abweichungen werden durch phonologische Prozesse wie beispielweise Plosivierung oder Frikativierung beschrieben. Diese besagen, das ein Segment in der linearen Kette durch einen Plosivlaut bzw. Frikativlaut ersetzt wird. Der Kontext dieses Segmentes (beispielsweise die Eigenschaften der benachbarten Laute) bleibt unberücksichtigt. Eine non-lineare Sichtweise hingegen berücksichtigt eben diesen Kontext.

Motiviert ist die vorliegende Arbeit durch eben diese fehlende Berücksichtigung der Erkenntnisse der non-linearen Phonologie in den gängigen Analyseverfahren. Auf dieser non-linear phonologischen Grundlage wird in dieser Arbeit der Entwurf eines Analyseverfahrens entwickelt. Die zugrunde liegende Frage­stellung ist, welche Analyse­kriterien in solch einem Verfahren Berücksichtigung finden müssen. Hierfür werden Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung in die Über­legungen mit einbezogen.

Das hier entworfene Analyseverfahren soll als ein Teil der diagnostischen Handlungen im Rahmen der Kooperativen Sprachtherapie verstanden werden. Diese handlungs­theoretisch begründete Diagnostik findet auf drei Analyseebenen statt: der biographischen Analyse, der Sprachhandlungs­analyse und der Mikroanalyse der verwendeten Sprache (vlg. Ahrbeck/ Schuck/ Welling, 1992; Kracht, 2000, 325).

Die biographische Analyse fragt, „als allgemeinster Deutungsrahmen nach den Möglichkeiten einer Persönlichkeitsentwicklung unter den Bedingungen eines konkreten biographisch verbesonderten Alltags“ (Kracht, 2000, 325).

Die Sprachhandlungsanalyse hingegen betrachtet diese biographische Analyse in Bezug auf konkrete Bedingungen, unter denen Sprache für ein Subjekt bedeutsam wird. Im Mittelpunkt der Analyse steht somit die Frage, „in welcher Hinsicht der Alltag des betreffenden Menschen so gestaltet ist, dass er eigene Ziele mit seinen sprachlichen Mitteln auf dem Hintergrund seines Weltwissens verwirklicht und somit Sprache von Wert ist“ (Kracht, 2000, 326).

Die Mikroanalyse schließlich untersucht die verwendeten sprachlichen Strukturen und die individuellen Zugriffsweisen eines Subjekts auf den sprachlichen Gegenstand.

Diese drei Ebenen stehen in einem engen Zusammenhang zu einander und sind in diagnostischen Handlungen stets in eine gegenseitige Beziehung zu setzen. In dieser Arbeit rückt die Analyse von Aussprachestörungen auf der Mikroebene in den Mittel­punkt der Betrachtung. Die Einbettung dieser Analyseebene in den Gesamtprozess der Diagnostik kann im Rahmen dieser Arbeit aus quantitativen Gründen nicht vor­genommen werden.

Die Entwicklung dieses Analyseverfahrens verläuft entlang der folgenden Schritte: Zunächst werden in Kapitel 1 die für die Fragestellung relevanten phonlogischen Einheiten be­schrieben. Die Sichtweise der non-linearen Phonologie findet in Bezug­nahme auf diese Einheiten eine Spezifizierung.

Anschließend zeigen aktuelle Forschungsergebnisse den Umgang mit kindlichen Sprachsystemen vor dem Hintergrund dieser phonologischen Theorie. Diese Dar­stellung ist Gegenstand des zweiten Kapitels.

Auf der Grundlage dieser beiden Kapitel erfolgt die Entwicklung von Analysekriterien, die bei der Betrachtung von kindlicher Aussprache bedeutsam sind. Diese Leitfragen für eine Analyse bilden den ersten Schwerpunkt des dritten Kapitels und werden anschießend anhand eines Entwurfes für ein Analyseverfahren verdeutlicht.

1 Phonologische Grundlagen

In der Phonologie herrschte bis in die Mitte der 70er Jahre eine lineare Sichtweise der zu untersuchenden Lautsequenzen vor. Diese besagt, dass die Phoneme, bzw. Merkmalsbündel, eine lineare Kette bilden. Weiter lassen sich diese Merkmals­bündel vollständig und ohne Überlappungen voneinander abtrennen. Goldsmith (1976 zitiert nach Ramers 2002) nennt dies die „absolute slicing hypothesis“. Aus diesem Grund werden Modelle dieser Art auch lineare oder segmentale Ansätze genannt. Besonders die Vertreter der generativen Phonologie (Chomsky & Halle, 1968) stützen sich auf diese lineare Sichtweise bei der Darstellung phonologischer Repräsentationen.

In der Auseinandersetzung mit diesen linearen Repräsentationsmodellen erste non-lineare Modelle entstanden:

„Die neuere Nichtlineare Phonologie, die sich Ende der siebziger Jahre herausbildete, ist nun gerade dadurch charakterisiert, dass sie sich nicht mit der Segmentierung einer linearen Kette begnügt, sondern eine hierarchische Anordnung annimmt.“ (Eisenberg et al. 1992, I).

Der Vorteil einer solchen Sichtweise besteht darin, dass die Abhängigkeit ver­schiedener phonologischer Einheiten in diesen Repräsentationsmodellen sichtbar wird.

Die wichtigsten Ansätze dieser Zeit sind die Modelle der autosegmentalen und metrischen Phonologie.

Der autosegmentale Ansatz diente ursprünglich zur Beschreibung von Tönen in so genannten „Tonsprachen“, in denen die Tonhöhe bedeutungsunterscheidend (oder auch: distinktiv) ist. Diese Töne schienen unabhängig oder autonom (daher der Name auto segmental) von den übrigen distinktiven Merkmalen zu sein. Die dort entwickelten Repräsentationen dienten später auch der Beschreibung anderer distinktiver Merkmale, da bestimmte sprachliche Phänomene wie Vokal­harmonie oder Assimilationen in den linearen Modellen nicht erklärt werden konnten.

Die distinktiven Merkmale und deren non-lineare Repräsentation werden Gegenstand des Abschnitts 2.1 sein.

Im Rahmen dieser autosegmentalen Ansätze geriet auch die Silbe wieder in den Fokus der Aufmerksam­keit. Es wurde in einigen Studien gezeigt, dass auch die Silbe eine autosegmentale Repräsentation erfordert. So gelangte man zu der Auffassung, dass sich die Silbe auf einer anderen Repräsentationsebene befindet, als die Segmente, die innerhalb der Silbe vorkommen. Anhand der Darstellung des Konstituentenmodells der Silbe wird im Abschnitt 2.2 die non-lineare Betrachtung der Silbe verdeutlicht.

Die metrische Phonologie beschäftigt sich mit den Betonungsstrukturen in einer Sprache, beispiels­weise welche Silbe in einem Wort betont wird. Die Darstellung der Betonungs­strukturen des Deutschen sind Gegenstand des Abschnitts 2.3.

Zusammenfassend kann man die vorgeschlagenen Modelle der metrischen und auto­segmentalen Phonologie als non-linear oder suprasegmental bezeichnen (vgl. Hall, 2000, 176).

Dieser kurze historische Überblick sollte eine Orientierung geben, in welchem Rahmen sich die non-lineare Phonologie entwickelt hat. In den folgenden Abschnitten in diesem Kapitel werden die zentralen phono­logischen Einheiten dargestellt, die für den weiteren Verlauf dieser Arbeit wichtig sind. Die Darstellung dieser Einheiten wird deutlich machen, dass eine non-lineare Sicht­weise sprachliche Phänomene genauer zu beschreiben vermag, als lineare Modelle dies leisten können.

1.1 Distinktive Merkmale

Vor allem in der segmentalen Phonologie bildet das Phonem eine zentrale Einheit. Eine Theorie des Phonems wurde in der letzen Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt[1] In den Mittelpunkt der Forschung gelangte das Phonem allerdings erst im Zuge des Strukturalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesem Zusammen­hang werden häufig die Hauptvertreter der so genannten „Prager Schule[2] “ zitiert: Roman Jakobson und Fürst Trubetzkoy. Verschiedene Definitionen des Phonems sind in diesem Zusammenhang zu finden:

Phoneme einer jeweiligen Sprache erfüllen zwei Kriterien: (1) eine distinktive Funktion und (2) Minimalität. So wird das Phonem übereinstimmend als „kleinstes bedeutungs­differenzieren­des Segment einer Sprache bezeichnet“ (Bloomfield, 1933 zitiert nach Ramers 2002).

Diese distinktive Funktion können Phoneme jedoch nur in Opposition zu anderen Phonemen des gleichen Lautsystems erfüllen. Diese Oppositionen werden über sich minimal unterscheidende Wörter, so genannte Minimalpaare, gebildet. So stehen die Phoneme [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] beispielsweise in Wörtern wie „Pein“ und „Bein“ in Opposition. Betrachtet man Phoneme nun genauer, so wird deutlich, dass sie sich nicht als „unaufspaltbare Atome“ gegenüber stehen, sondern dass sie hinsichtlich bestimmter Lauteigenschaften kontrastieren. In dem bereits erwähnten Beispiel unterscheiden sich die Laute [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] in dem Überwindungsmodus ([[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]stimmhaft] vs. [-stimmhaft]). Minimalpaare können sich allein in einer bestimmten Eigenschaft (wie hier Stimm­haftig­­keit) unterscheiden. Diese Merkmale werden auch als distinktive Merkmale bezeichnet. Ein Phonem ist demnach nicht eine unanalysierbare phonologische Einheit, sondern ein Bündel solcher distinktiven Merkmale. Mit diesen Lauteigenschaften bzw. distinktiven Merkmalen erfüllt ein bestimmtes Phonem seine distinktive Funktion inner­halb eines Sprach­systems.

Die distinktiven Merkmale sind Mischungen aus artikulatorischen und akustischen Merkmalen. Chomsky & Halle haben in ihrem Werk „The Sound Pattern of English“ (1968) ein Merkmalsystem entwickelt, das bis heute als Ausgangspunkt dient, auch wenn nicht alle dort vorgeschlagenen Merkmale überlebt haben.[3]

1.1.1 Lineare Merkmalsrepräsentationen

Generative Phonologen, wie Chomsky & Halle (1968), sowie Anhänger Jakobsons haben die Phoneme als Merkmalsbündel angesehen. Diese Merkmalsbündel haben keine interne Struktur, so dass zweidimensionale Merkmalmatrizen entstehen, wie das nachfolgende Beispiel (Féry, 2000, 87) zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein solches Merkmalsmodell, die so genannte „ lineare Merkmalsrepräsentation “, geht davon aus, dass die Merkmalsbündel keine interne Struktur haben. Jedes Merkmal hat demnach die gleiche Beziehung zu allen anderen Merkmalen. Ferner stehen alle Merkmale, die ein Phonem definieren, in einer Eins-zu-Eins-Relation. Merkmale definieren demnach keinen Bereich, der größer als ein Segment ist. Es lassen sich allerdings verschiedene sprachliche Phänomene beschreiben, die darauf schließen lassen, dass Merkmale auf größere Bereiche ausgeweitet werden.

Wiese (1996, 28) fasst die Argumente für eine Modifizierung der linearen Merkmals­repräsentation des segmentalen Ansatzes folgendermaßen zusammen:

(1) Es ist notwendig für die Spezifikation von Merkmalen eine Domäne zu erlauben, die größer als ein einziges Segment ist.
(2) Einige der „inneren“ Merkmale eines Segmentes tendieren dazu, sich gleich zu verhalten. So ist es möglich Sub-Bündel von Merkmalen zu bilden, die sensitiv für bestimmte Umgebungen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wird ein Merkmal (siehe (1)) auf eine Domäne ausgeweitet, die größer als ein Segment ist, so gibt es keine Eins-zu-Eins-Relation mehr zwischen Segment und Merkmal. Ein Merkmal, wie [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]hinten] kann beispielsweise auf zwei Segmente ausgeweitet werden, so dass sich folgende Repräsentation ergibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

So wird das Merkmal (das sonst nur für ein Segment typisch ist), Teil der supra segmentalen, also prosodischen, Struktur. In gewisser Hinsicht konstituieren die beiden Segmente, die mit einer einzigen [hinten]-Konstituente assoziiert werden, eine (suprasegmentale) Domäne. Wird also diese 1:1-Zuordnung von Segment und Merkmal aufgehoben, bewegt man sich im Bereich der non-linearen Phonologie.

Fasst man hingegen die segment-internen Merkmale zusammen (siehe (2)), so führt dies zur Vorstellung der sub segmentalen Hierarchie der Merkmale. Die Merkmale einzelner Segmente werden nicht mehr als ungeordnete Bündel, sondern mehr­dimensional repräsentiert. Dies wird mit so genannten Merkmals­bäumen dargestellt.

1.1.2 Merkmalsgeometrie

Die Merkmalsbäume oder auch geometrischen Merkmalsrepräsentationen wurden in den 80er Jahren ent­wickelt, um Merkmalsmatrizen zu ersetzen[4]. Motiviert sind diese Modelle, um sprachliche Phänomene wie die Assimilation zu erklären. Die Hypothese, die der Merkmalsgeometrie zugrunde liegt, ist, dass die segmentalen Merkmale in einem hierarchischen Verhältnis stehen. Dieses Verhältnis ist in Baum­strukturen darzustellen.

In diesen Bäumen werden die Merkmale durch Organisationsknoten zusammengefasst. Dominiert wird ein solcher Merkmalsbaum von den Oberklassenmerkmalen [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]sonorant], [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]konsonantisch] und [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]approximantisch]. Diese drei Oberklassen­merk­male bilden den Wurzelknoten („root node“) des Merkmals­baumes. Dies ist darin begründet, dass keine Assimilationen belegt sind, die diese Oberklassen­merkmale betreffen. Die Ober­klassen­merkmale werden auch „freie Merkmale“ genannt, da diese Merkmale in freier Kombination mit anderen Merkmalen auftauchen können.. Féry (2000, 108) nennt zwei Gründe für die Annahme, dass die Oberklassenmerkmale den Wurzelknoten bilden:

(1) Jede Sprache unterscheidet zwischen Vokalen und Konsonanten sowie zwischen Sonoranten und Obstruenten. Genau diese Klassen werden von den Ober­klassen­merkmalen beschrieben und werden so zuerst in der Merkmals­geometrie spezifiziert. Die Oberklassenmerkmale charakterisieren also die Basis­unter­scheidungen zwischen den Segmenten.
(2) Zudem verhalten sich die Oberklassenmerkmale anders als die restlichen Merkmale. Sie unterliegen nie der Assimilation, und sie werden nicht getilgt, zumindest nicht unabhängig von den anderen Merkmalen.

Der Wurzelknoten dominiert verschiedene Klassenknoten („class node“). Diese Knoten beziehen sich auf eine ganze Klasse von Merkmalen.

Ein Beispiel für solch einen Klassenknoten ist der Ortsknoten („place node“). Dieser Knoten dominiert alle Ortsmerkmale. Dies geschieht zunächst durch Rückgriff auf die Artikulatoren. Die beweglichen Artikulatoren des Mundraums (Lippen, Zungenspitze, Zungenrücken und Zungenwurzel) werden durch vier Artikulatorknoten („articularor node“) [LABIAL], [KORONAL], [DORSAL] und [RADIKAL] direkt repräsentiert. Diese vier Artikulatoren spezifizieren die verschiedenen Artikulationsorte für Vokale und Konsonanten. So bieten die Artikulatorknoten [LABIAL], [KORONAL] und [DORSAL] die grundlegenden Bestimmungen beispielsweise für [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Andere, genauere Artikulationsorte tauchen auf, indem die Artikulatoren genauer spezifiziert werden. Dies sind binäre Merkmale, die den Artikulatoren untergeordnet werden. Diese Merkmale werden auch als terminale Knoten[5] des Merkmalsbaums bezeichnet (vgl. Ramers 2002, 105).

Ein weiterer Klassenknoten, der direkt vom Wurzelknoten dominiert wird, ist der Laryngal­knoten („laryngeal node“). Dieser dominiert die drei Merkmale [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]sth], [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]asp] und [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]glottal].

In früheren Merkmalsbäumen gab es ebenfalls einen Klassenknoten [MANNER], der die Merkmale der Artikulationsart dominiert. Diese Merkmale [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]nasal], [ + kont] und [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]lateral] scheinen jedoch keine Klasse zu bilden. So gibt es beispielsweise keine Assimilation, die alle drei Merkmale zusammen betrifft. Aus diesem Grund werden die Merkmale [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]kont] und [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]nasal] direkt von dem Wurzelknoten dominiert.

Das Merkmal [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]lateral] wird in der Literatur häufig diskutiert. So gibt es auf der einen Seite die Sichtweise, dass dieses Merkmal von dem Klassenknoten [MANNER] dominiert wird (Sagey 1986 zitiert nach Hall, 2000, 194). Andererseits gibt es Meinungen, die davon ausgehen, dass das Merkmal [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]lateral] dem Artikulatorknoten [KORONAL] untergeordnet ist (Blevins 1994 zitiert nach Hall, 2000, 194). Die nachfolgende Abbildung (vgl. Hall, 2000, 195) zeigt einen Merkmalsbaum, in dem die Hierarchie der Merkmale repräsentiert wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ramers (2002, 105) hebt die Vorteile eines solchen Merkmalsbaumes hervor. Diese hierarchische Darstellung ist phonetisch transparenter als eine Merkmalsmatrix. So werden Abhängigkeiten bestimmter Merkmale in diesem Baum deutlich. Beispielweise ist eine Spezifikation des Merkmals [rund] nur in Anwesenheit des [LABIAL]-Knotens möglich. Andererseits ist an der Baumstruktur auch die Unabhängigkeit bestimmter Merkmale von anderen Merkmalen ablesbar. Das laryngale Merkmal [[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sth] hängt beispielsweise nicht von den Ortsmerkmalen ab.

Die folgende Abbildung zeigt die Repräsentation einzelner Phoneme. Deutlich wird, dass nur relevante Merkmale repräsentiert werden. Ist ein Phonem beispielsweise sonorant, so muss es nicht hinsichtlich des Merkmals [stimmhaft] spezifiziert werden. Hier wird erneut die Abhängigkeit bestimmter Merkmale von einander deutlich. Diese Sichtweise wird im nachfolgenden Kapitel bei den Überlegungen zu den kindlichen Re­prä­sentationen vertieft werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um die Darstellungsweise phonologischer Prozesse in solchen Merkmalsbäumen zu illustrieren, wird die Betrachtung der Merkmalsgeometrie mit einem Beispiel für eine Assimilation[6] abgeschlossen. Als Beispiel sei die Assimilation von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zu /N/ vor [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] gewählt. Diese Assimilation lässt sich folgendermaßen darstellen (vgl. Hall, 2000, 187):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der Abbildung wird deutlich, wie sich das Ortsmerkmal von [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ausbreitet. Die gestrichelte Linie kennzeichnet eine solche Ausbreitung von Merkmalen (engl. „Spreading“). In diesem Fall hat das Ausbreiten des Ortsmerkmals zur Folge, dass die Assoziationslinie zwischen dem Wurzelknoten und den Ortsmerkmalen von /n/ gelöscht wird. Diese wird auch Tilgung der Ortsmerkmale (engl. „Delinking“) genannt. Ergebnis der Assimilation ist die Repräsentation, in der das Ortsmerkmal mit beiden Segmenten assoziiert wird.

1.2 Die Silbe

Bereits Ende des 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Wichtig­keit der Silbe für die Phonologie erkannt.[7] Zu Zeiten der generativen Phonologie wurde die Silbe jedoch als Konstituente aus den Augen verloren und erst in den 70ern wiederentdeckt. Dies ist vor allem auf Vertreter der autosegmentalen Phonologie zurückzuführen[8]. Der Zweig der autosegmentalen Phonologie, der sich mit der Silbe beschäftigt, wird heute teilweise auch Silben­phonologie genannt (vgl. Ramers, 1998, 77; Hall, 2000, 203). Seit dieser Zeit geht man (auch in der generativen Phonologie) davon aus, dass die Silbe eine unverzichtbare phonologische Einheit ist.

Die Argumente für die Silbe als eine Konstituente lassen sich grob in zwei Richtungen einteilen: Die eine Argumentationslinie ist psycholinguistisch, während die andere Richtung eine linguistische Begründung wählt.

Archibald (1995) argumentiert psycholinguistisch für die Silbe als eine Konstituente, da ein Subjekt offen­sichtlich einiges über die Silbenstruktur in seiner Muttersprache „weiß“. So ist es beispielweise problemlos möglich, die Silbenanzahl in einem Wort zu bestimmen. Ferner fällt es einem Subjekt leicht, eine wohlgeformte Silbe von einer nicht wohlgeformten Silbe zu unterscheiden. Es scheint demnach, als würden wir ebenfalls etwas über die interne Struktur der Silbe „wissen“. Untersuchungen, die sich mit Versprechern in einer Sprache beschäftigt haben (Berg, 1992), scheinen die interne Struktur der Silbe zu bestätigen. Berg (1992) fasst zudem Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung sowie aus der Aphasieforschung zusammen, um psycho­linguistische Beweise für die Silbe zu liefern. Da wir folglich über (implizites) sprachliches Wissen in diesem Bereich verfügen, gerät dieses Wissen in die Aufmerksamkeit der Linguistik (vgl. Archibald, 1995).

Hall (2000, Kapitel 8) hingegen fasst die linguistischen Argumente für die Silbe als phono­logische Einheit folgendermaßen zusammen:

(1) Die Silbe als Kontext phonlogischer Regeln

Während zu Zeiten von Chomsky & Halle (1968) phonologische Regeln auf Einheiten wie Wörter und Morpheme bezogen wurden, ist es mittlerweile unumstritten, dass bestimmte phonologische Regeln auf die Silbe zu beziehen sind.
Ein Beispiel für solch eine phonologische Regel ist die Auslautverhärtung im Deutschen, die sich auf den auslautenden stimmhaften Obstruenten einer Silbe be­zieht.

(2) Die Silbe als Domäne phonotaktischer Beschränkungen

Ein weiteres Argument für die Silbe als phonologische Einheit sind phonotaktische Beschränkungen. Diese beziehen sich auf die Silbenposition. So sind die Cluster [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] beispielsweise in silbenintialer Position nicht erlaubt. Solche Be­schränkungen werden in Anlehnung an Clements & Keyser (1983 zitiert nach Hall, 2000) als Silben­struktur­beschränkungen (syllable structure conditions) bezeichnet. Ein wichtiges phonotaktisches Prinzip beruht auf der Sonoritäts­hierarchie, die im folgenden Abschnitt genauer erklärt wird.

1.2.1 Sonorität

Jede Silbe enthält Laute, deren Abfolge durch das Sonoritätsprinzip geregelt ist. Hall (2000, 225) definiert das Sonoritätsprinzip folgendermaßen:

„In jeder Silbe gibt es ein Segment, das den Silbengipfel bildet, und dem ein oder mehrere Segmente vorangehen und/oder folgen, deren Sonoritäts­­werte zum Silbengipfel hin zunehmen und danach abnehmen.“

Demnach werden den einzelnen Lauten eine Eigenschaft zugeordnet, die Sonorität genannt wird. Eine Definition von Sonorität ist umstritten. Es sind verschiedene Definitionen zu finden, die sich diesem Begriff aus verschiedenen Richtungen nähern.

Beispielsweis wird Sonorität phonetisch definiert, indem die akustischen Eigenschaften einzelner Laute beschrieben werden. Sonorität wird hier als Schallfülle bzw. Intensität beschrieben. So gibt es Schallfüllenskalen, die auf den Phonetiker Oskar Wolf (zitiert nach Maas, 1999, 139ff) zurückzuführen sind. Seine Skala beruht auf ein Experiment, in dem er einzelne Laute artikuliert hat und über­prüfte, in welcher Entfernung diese noch zu identifizieren sind. Er schloss daraus, dass Laute, die besser wahrnehmbar sind, sonorer sein müssen.

Ein anderer Zugang zu dem Begriff Sonorität ist von dem Standpunkt der artikula­torischen Phonetik aus. Hier wird der Grad der Verengung im Mundraum als ein Faktor zur Bestimmung der Sonorität gewertet. Die Laute mit der geringsten Verengung im Mundraum (also Vokale) sind die Laute mit der größten Sonorität.

Wieder andere Erklärungsansätze leiten den Begriff der Sonorität von den distinktiven, binären Merkmalen ab. Wiese (1996, 260) nutzt beispielsweise die Merkmale [obstruent], [nasal], [kontinuierlich], [konsonantisch] und [hoch] für eine Einteilung der Laute des Deutschen. Beginnend mit dem Merkmal [obstruent] wird jedes Merkmal von einem anderen binären Merkmal unterteilt. Die entstehenden Klassen entsprechen den Abstufungen auf der Sonoritätsskala.

Abhängig von dem Zugang zum Begriff Sonorität ergeben sich mehr oder weniger detaillierte Sonoritätsskalen[9]. Die einzelnen Ausprägungen dieser Skalen finden an dieser Stelle keine Beachtung. Stattdessen wird die Skala von Wiese (zitiert nach Ramers, 1998, 94) im Folgenden übernommen.

Trotz dieser unterschiedlichen Zugänge zum Begriff der Sonorität ist es unumstritten, dass diese eine wichtige Rolle für die Phonotaktik der Silbe spielt, indem die Laute nach ihrer Sonorität geordnet werden. So entsteht beispielsweise die folgende Sonoritäts­hierarchie :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vokale > Gleitlaute > Liquide > Nasale > Frikative > Plosive

Vokale sind demnach die sonorsten Laute, während die Plosive den geringsten Sonoritäts­wert haben.

Hall (2000, 227) zeigt auch, dass zwei benachbarte Konsonanten, die zu ver­schiedenen Silben gehören, auch sonoritätsbezogenen Restriktionen unterliegen können. Dies formuliert er im so genannten Silbenkontaktgesetz. Dieses Gesetzt besagt, dass ein Silbenkontakt umso präferierter ist, je größer die Sonorität des finalen Konsonanten der ersten Silbe und je geringer die Sonorität des initialen Konsonanten der zweiten Silbe ist.

Dies führt zur Unterscheidung zwischen „schlechten Kontakten“ und „guten Kontakten“. Ein Zweisilber, wie [?at.las] zeichnet sich folglich durch einen schlechten Silbenkontakt aus, da [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] weniger sonor ist als [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Ein Beispiel für einen guten Silbenkontakt wäre hingegen ein Wort wie [?al.p«n].

Hall (2000, 229) wiest darauf hin, dass die schlechten Silbenkontakte in Sprachen häufig „verbessert“ werden. Dies kann zum Beispiel durch das Einfügen eines Lautes oder durch die Umstellung zweier Laute geschehen. Die Einsicht, dass solche Vermeidungsstrategien durchaus natürlich sind, gibt schließ­lich auch neue Denk­anstöße bei der Betrachtung der kindlichen Entwicklung im Sprach­­erwerb.

1.2.2 Das Konstituentenmodell der Silbe

Es gibt verschiedene Modelle der Silbe in der non-linearen Phonologie. Gemeinsam ist ihnen die Auffassung, dass sich die Silbe und die Segmente auf verschiedenen Schichten (engl. „tiers“) befinden. In so genannten „flachen“ Silbenmodellen sind die einzelnen Segmente direkt mit dem Silbenknoten (s) verbunden. Daraus ergibt sich folgende Repräsentation (vgl. Hall, 2000, 238):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Viele Phonologen teilen zwar die Sicht der non-linearen Repräsentation, nehmen aber zusätz­lich an, dass die Silbe in weitere Konstituenten aufgeteilt ist. Diese Konstituenten werden oft als subsilbische Konstituenten bezeichnet.

Nach diesem Modell, das in Literatur als Konstituentenmodell der Silbe bezeichnet wird, zer­fällt die Silbe zunächst in Onset (O) und Reim (R). Der Reim zergliedert sich dann weiter in Nukleus (N) und Koda (K)[10].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Nukleus ist stets das sonorste Segment der Silbe, also meist der Vokal. Onset und Reim werden nach dem Sonoritätsprinzip mit konsonantischen Segmenten mit ab- bzw. aufsteigender Sonorität gefüllt. Weiterhin wird in diesem Modell zwischen offener und geschlossener Silbe unter­schieden. Letztere liegt dann vor, wenn die Kodaposition mit einem Konsonanten be­setzt ist. Im Gegensatz dazu ist eine Silbe offen, wenn die Silbe auf einen Vokal auslautet (vgl. Hall, 2000, 215).

Zur Darstellung von Länge (Vokallänge, Diphthonge und Geminaten[11]) wurde eine unab­hängige Schicht in das Modell integriert: die so genannte Skelettschicht. Diese befindet sich zwischen der Segmentschicht und den Konstituenten Onset und Reim bzw. Nukleus und Koda. Die einzelnen Positionen stellen abstrakte Zeiteinheiten dar, so dass sich beispielsweise lange Vokale dadurch kennzeichnen lassen, dass sie zwei Positionen auf der Skelettschicht besetzen (vgl. Hall, 2000, 239). Das folgende Minimalpaar verdeutlicht dies:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Betrachtet man nun erneut die Einteilung der Silbe in ihre Konstituenten, so beruht diese auf der Annahme, dass der Silbenkern und die nachfolgenden Konsonanten eine Einheit bilden. Die Konsonanten vor dem Silbenkern und der Silbenkern bilden jedoch keine solche Einheit[12].

Bezogen auf die einzelnen Konstituenten gelten bestimmte Beschränkungen und phonologische Regeln. So sind beispielsweise im Onset homorgane Obstruent-Sonorant-Cluster ausgeschlossen[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Andere Verbindungen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] sind hingegen zugelassen (vgl. Ramers 1998, 100). Die einzige Ausnahme bilden die Affrikata, die sich gerade durch solche homorganen Verbindungen aus­zeichnen (wie beispielsweise [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].

Der Reim ist die Domäne, in der das Silbengewicht bestimmt werden kann. Das Silbenge­wicht wiederum spielt eine Rolle für den Wortakzent.[13]

Leichte Silben kennzeichnen sich dadurch, dass nur eine Position auf der Skelettschicht im Reim besetzt ist, also offene Silben mit einem kurzen Vokal (KV). Schwere Silben zeichnen sich durch einen ver­zweigten Reim aus, also offene Silben mit Langvokal oder geschlossene Silben (KV : oder KVK). Teilweise wird das Silbengewicht noch weiter differenziert, so dass geschlossene Silben mit Langvokal als superschwere Silben bezeichnet werden (KV : K). Eine Begründung dafür wird im folgenden Abschnitt aufgezeigt, indem die extrareimische Position beschrieben wird. Denn eine Silbe ist genau dann superschwer, wenn diese extrareimische Position be­setzt ist.

1.2.2.1 Die extrareimische Position

Die extrareimische Position geht auf die Annahme zurück, dass der Reim maximal zwei Positionen haben kann. Diese Annahme ist auf Kager & Zonneveld (1986) und Kaye & Lowenstamm (1981) zurückzuführen (zitiert nach Fikkert 1994, 45).

Auf den maximal binären Reim schließen die Autoren aus der Beobachtung, dass es keine nicht-finalen (also wortinitial bzw. medial) Silben gibt, die mehr als zwei Positionen im Reim haben. Auf der anderen Seite gibt es aber viele wortfinale Silben, die mehr als zwei Positionen im Reim haben. Die Autoren gehen davon aus, dass es sich bei diesen finalen Silben um eine Art „Sonderfall“ handelt. Auch hier gehen sie von einem binären Reim aus, dem eine zusätzliche Position folgt: die extrareimischen Position.

Das besondere an dieser Position ist, dass die Konsonanten, die in dieser Position stehen können, stets dem Sonoritätsprinzip folgen[14]. Da die Konsonanten in dieser Position diese Eigenschaft erfüllen, sind sie legitimiert (engl. „licensed“) durch die Silbe. Diese Silbe wird also direkt vom Silbenknoten dominiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese extrareimische Position wird nicht durchgängig in phonologischen Modellen aufgeführt. Es gibt auch Silbenmodelle, die davon ausgehen, dass der Reim aus maximal drei Positionen bestehen kann (vgl. Wiese 1996, 46; Hall 2000, 250). In diesem Fall würde die Repräsentation der vorigen Beispiele folgendermaßen aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unabhängig von der Sichtweise (binärer Reim + extrareimische Position vs. Reim mit drei Positionen) werden nur drei Positionen von der Silbe legitimiert. Gemeinsam ist diesen drei Positionen, dass sie jeweils das Sonoritätsprinzip befolgen. Es gibt jedoch Wörter, wie beispielweise [mont], in denen mehr Positionen auftauchen. Die Besonderheit dieser Wörter wird im folgendem Abschnitt erläutert.

[...]


[1] In diesem Zusammenhang sind vor allem die Arbeiten von Kruszewski (1881), Baudouin de Courtenay (1895) und de Saussure (1916) zu nennen (zitiert nach Hall, 2000, 75) .

[2] Als Begründer der „Prager Schule“ gilt der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1957-1913).

[3] Eine Beschreibung der distinktiven Merkmale ist im Anhang zu finden.

[4] Diese Entwicklung ist auf Clements (1985), Sagey (1986), McCarthy (1988) zurückzuführen (zitiert nach Hall, 2000, 203). Féry (2002, Kap. 4.5) bietet eine Überblick dieser Entwicklung.

[5] Die Darstellung der Merkmale dieser terminaler Knoten erfolgt im Gegensatz zu den anderen Merkmalen in Kleinbuchstaben. Diese Unterscheidung ist darauf zurückzuführen, dass es sich hierbei um binäre Merkmale handelt. Diese binären Merkmale zeichnen sich dadurch aus, dass sie entweder durch den Wert „+“ oder den Wert „-“ spezifiziert werden. Bei den Merkmalen, die in Großbuchstaben dargestellt werden handelt es sich hingegen um so genannte privative Merkmale. Diese haben nur einen Wert. Das heißt, ein Segment hat dieses Merkmal, oder es hat es nicht. (vgl. Hall, 2000, 103)

[6] Als Assimilation werden phonologische Prozesse bezeichnet, wenn sich ein Segment einem benach­barten Segment in mindestens einer Eigenschaft angleicht. (vgl. Hall, 2000, 89)

[7] Sievers (1901), Jespersen (1904), Pike & Pike (1947), Hocket (1955) und Hangen (1956) zählen diesbezüglich zu den wichtigsten Vertretern dieser Zeit (zitiert nach Hall, 2000, 267).

[8] In diesem Zusammenhang seine die Arbeiten von Pulgram (1970), Vennemann (1972), Hooper (1972 und 1976) und Kahn (1976) erwähnt (zitiert nach Hall, 2000, 267).

[9] Trujillo (2001, Kapitel 2) bietet einen Überblick über die verschiedenen Zugänge und Skalen.

[10] Die Begrifflichkeiten entstammen der englischsprachigen Literatur. In einigen Arbeiten sind ebenfalls die Begriffe Ansatz oder Anfangsrand (Onset), Kern (Nukleus) und Auslaut bzw. Endrand (Koda) zu finden. Ich verwende in meiner Arbeit die Begriffe der englischsprachigen Literatur. Als erste Vertreter dieses Modells sind Pike & Pike (1947), Hocket (1955), Haugen (1956), Fudge (1969), Selkirk (1980) und Halle & Vergnaud (1980) zu nennen (zitiert nach Hall, 2000, 238).

[11] In vielen Sprachen kontrastieren kurze und lange Konsonanten. Letztere werden als Geminaten bezeichnet.

[12] Ein häufiges Argument für die Trennung von Onset und Reim sind Reime in der Poesie. Durch das Aus­tauschen des Onsets werden so genannte „Reimwörter“ gebildet.

[13] Die Betonungsstrukturen des Deutschen werden im Abschnitt 2.3. genauer beschrieben.

[14] Im weitern Verlauf dieser Arbeit (siehe 2.2.2.2) wird sich zeigen, dass es auch Positionen gibt, in denen Laute das Sonoritätsprinzip verletzen.

Details

Seiten
108
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638412018
Dateigröße
876 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43388
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Insitut für Behindertenpädagogik
Note
1
Schlagworte
Mikroanalytische Betrachtung Aussprachesstörungen Kindern Entwurf Analyseverfahrens Grundlage

Autor

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Titel: Mikroanalytische Betrachtung von Aussprachesstörungen bei Kindern - Entwurf eines Analyseverfahrens auf non-linear phonologischer Grundlage