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Die Rolle der Familie bei der Sozialisation in unserer modernen Gesellschaft

Hausarbeit 2018 19 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. In welcher Gesellschaft leben wir?

3. Merkmale der Wissensgesellschaft

4. Die Familie und ihre gesellschaftlichen Aufgaben
4.1. Die Rolle der Familie bei der Sozialisation
4.2. Die Rolle der Familie bei der Erziehung
4.3. Die Rolle der Familie bei der Bildung

5. Schluss und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das erste, was der Mensch im Leben vorfindet und das Letzte, wonach er seine Hand ausstreckt, und das Kostbarste, was er besitzt, auch wenn er es nicht achtet oder wahrhaben will, ist seine Familie.“[1] Dieser Satz des katholischen Priesters Adolph Kolping (1813-1865) gibt Anlass über etwas nachzudenken, was für die meisten Menschen ein fester, wichtiger und selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens ist: die Familie. Warum ist für mich die Familie das Kostbarste, was ich besitze? Und wer zählt denn zum Kreis meiner Familie? Diese und ähnliche Fragen stellen sich, wenn man sich mit der eigenen Familie auseinandersetzt. Papst Franziskus begründet den Wert der Familie für einen Menschen durch „[…] die gegenseitige Hilfe, die erzieherische Begleitung, die Beziehungen, die mit den Menschen mitwachsen, das Teilen der Freuden und der Schwierigkeiten […].“[2] Für ihn gründet sich die Bedeutung der Familie für den Menschen auf der Hilfe, welcher er erfährt, durch die Begleitung, sowohl in Form von Erziehung als auch durch das Teilen von positiven und negativen Erfahrungen sowie den Beziehungen zu den anderen Mitgliedern der Familie. Über diese individuellen Fragestellungen und Begründungen hinaus lässt sich auch nach dem Wert der Familie für die Gesellschaft fragen. Welche Aufgaben muss die Familie bewältigen, um die nachfolgende Generation auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten? Und welchen Wert hat sie dementsprechend für die Gesellschaft? Den individuellen Wert der Familie mit dem gesellschaftlichen verknüpft Papst Franziskus, der konstatiert: „Die Familien sind der erste Ort, an dem wir uns als Person heranbilden, und zugleich sind sie die „Bausteine“ für den Aufbau der Gesellschaft.“[3] Außer Frage steht, dass es vor allem im jungen Alter des Kindes die elterliche Aufgabe ist, sich um den Nachwuchs zu kümmern und die Entwicklung der Nachkommenschaft voranzutreiben. Dies macht die Familie aus soziologischer Sicht zur ersten und bedeutendsten Instanz bei der Sozialisation des Kindes: „In der Kindheit ist nach zeitlicher Dauer und Intensität die Familie die wichtigste Sozialisationsinstanz, die auch maßgeblich die Weichen für die spätere soziale Platzierung des Individuums stellt.“[4] Aufgrund ihrer Bedeutung als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft genießen die Ehe und die Familie besonderen staatlichen Schutz, welcher durch Artikel 6 Abs. 1 des Grundgesetzes garantiert wird: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Zudem weist das Grundgesetz durch Artikel 6 Abs. 2 S. 1 den Eltern gleichermaßen das Recht und die Pflicht zu ihre Kinder zu behüten und sie zu erziehen. Dort heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ Die Eltern haben demnach dafür zu sorgen, dass das Kind in einer Wohnung leben kann, ausreichend Nahrung und Schlaf erhält sowie Kleidung besitzt. Neben den physischen Grundbedürfnissen des Kindes gehört zu den Pflichten der Eltern auch ihrem Kind Liebe zuteil werden zu lassen, den Wunsch nach Zuwendung zu befriedigen und verständnisvoll mit ihrem Nachwuchs umzugehen. Die Pflege und Erziehung der Kinder ist aber nicht als eine Aufgabe anzusehen, welche allein von der Politik aus den Eltern aufgetragen wurde. Vielmehr erfüllen sie damit ihre elterlichen Pflichten und die von der Gesamtgesellschaft an sie gestellten Erwartungen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich eingehend mit der Frage auseinander, welche Rolle der Familie bei der Sozialisation, Erziehung und Bildung des Nachwuchs in unserer heutigen modernen Gesellschaft zukommt. Dazu soll zunächst darauf eingegangen werden, in welcher Gesellschaft wir eigentlich derzeit leben. Daran anknüpfend soll näher auf die Familie und ihre gesellschaftlichen Aufgaben, d.h. der Sozialisation, der Erziehung und der Bildung eingegangen werden. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Zusammenfassung der genannten Aspekte und ein Ausblick auf weitere Herausforderungen, welche die moderne Gesellschaft an die Familie heute stellt bzw. in Zukunft stellen wird.

2. In welcher Gesellschaft leben wir?

Will man die Rolle der Familie bei der Sozialisation, der Bildung und der Erziehung des Kindes bzw. der Kinder untersuchen, muss man zunächst feststellen in welche Gesellschaft die nächste Generation hineingeboren wurde. Erst dann lässt sich fundiert darstellen, welche Aufgaben die Familie in diesem gesellschaftlichen Kontext zu bewältigen hat.

Hieraus ergeben sich bereits erste Schwierigkeiten. Zum einen stellt sich die Frage „Was ist die Gesellschaft ?“ und zum anderen „Wie lässt sich feststellen in welcher Gesellschaft wir leben?“ bzw. „Lässt sich das überhaupt feststellen?“ Eine Annäherung an diese Fragestellungen soll durch die Betrachtung des Begriffs Gesellschaft erfolgen. Als Gesellschaft kann „die größte, alle anderen sozialen Einheiten einschließende soziale Einheit“[5] verstanden werden. Mit dieser Definition bleibt der Begriff Gesellschaft noch sehr abstrakt, dennoch wird deutlich, dass es sich um eine Verbindung von kleineren Einheiten zu einer großen handelt. Die kleinste Einheit der Gesellschaft ist das Individuum - also der Mensch. Aus diesem Verständnis heraus kann Gesellschaft begriffen werden als „eine Bezeichnung für die Tatsache der Verbundenheit von Lebewesen (Menschen; Tiere; Pflanzen)[.]“[6] Besonders die „menschliche Gesellschaft [kann als] eine Vereinigung zur Befriedung und Sicherstellung gemeinsamer Bedürfnisse [charakterisiert werden].“[7] Das liegt vor allem daran, dass der Mensch an sich ein soziales Wesen ist und, da er nicht in der Lage ist alle seine Bedürfnisse selbst zu befriedigen, darauf angewiesen ist, sich arbeitsteilig zu organisieren. Des Weiteren kann als Gesellschaft auch „eine größere Gruppe [beschrieben werden], deren spezifischer Zweck mit dem Begriff Gesellschaft hervorgehoben wird, z.B. Abendgesellschaft, Reisege-sellschaft, Tischgesellschaft[.]“[8] Spricht man von einer Abendgesellschaft, meint man eine Gruppe von Personen, die sich nicht zwangsläufig kennen müssen, aber aus gleichem Interesse einen Abend gemeinsam verleben. Ähnliches gilt für eine Reisegesellschaft, als einen Personenkreis, welcher sich für eine gemeinsame Reise findet, sich aber auch nicht zwingend vorher schon gekannt haben muss. Was sie verbindet, ist ein gemeinsames Reiseziel und der Transfer dorthin bzw. von dort weg. Ausgehend von dieser Betrachtung lässt sich fragen, ob es auch möglich ist, diese Hervorhebung auf einen größeren Personenkreis auszuweiten und von einer Gesellschaftsform zu sprechen, die einen bestimmten Zweck erfüllt oder bei der der Fokus auf bestimmten Aspekten liegt. Dies würde bedeuten, dass „frei handelnde Personen mit unterschiedlichen Interessen, Perspektiven, Aufgaben und Vorstellungen, mit Gestaltungswillen und Gestaltungsmöglichkeiten“[9] einer Gesellschaftsform zugeordnet werden können. Eine Verortung von Personen innerhalb einer bestimmten Art von Gesellschaft würde einen fast unerschöpflichen Katalog an gesellschaftlichen Aspekten erfordern, welche bei dieser Zuordnung berücksichtigt werden müssten. Da dies aber praktisch nicht möglich ist, auch weil sich die Gesellschaft in stetigem Wandel befindet und daher nicht die Möglichkeit langer Betrachtung besteht, wurde in der soziologischen Gesellschaftsforschung nach Alternativen gesucht, um sich ein Bild der modernen Gesellschaft zu machen. Dazu wurden „theoretisch gehaltvolle Vielzweck-Gesellschaftsmodelle“[10] entworfen, welche bei der Analyse gesellschaft-licher Phänomene verwendet werden können. Dabei kann auch auf bereits bestehende Ergebnisse zurückgegriffen werden. Gleichzeitig profitieren die Theorien von einer Anwendung, da sie in diesem Zuge „im Sinne von Modifikationen, Präzisierungen und Spezifikationen“[11] verbessert werden. Will man ein umfassendes Bild der modernen Gesellschaft erhalten, greift man in der Soziologie auf „Ungleichs-, Differenzierungs- und Kulturtheorien“[12] zurück. Diese sind jedoch „keine Theorien im Sinne eines Sets theoretisch abgeleiteter und empirisch prüfbarer oder geprüfter Aussagen über gesellschaftliche Strukturen und deren Dynamiken.“[13] Vielmehr handelt es sich dabei um „heuristische Perspektiven, die scheinwerferartig je unterschiedliche Aspekte des komplexen Erkenntnisgegenstands Gesellschaft beleuchten.“[14] Da diese drei Theorien aus unter-schiedlichen Perspektiven heraus Antworten auf die eingangs gestellte Frage „Wie lässt sich feststellen in welcher Gesellschaft wir leben?“ vor allem im Kontext von Ungleichheit, Differenzierung oder Kultur liefern können, sollen sie im Folgenden kurz vorgestellt und ihre verschiedenen Betrachtungsweisen dargestellt werden. „Ungleichstheorien betrachten die moderne Gesellschaft als ein Gefüge besser- und schlechtergestellter sozialer Lagen, die sich etwa als Klassen, Schichten, Milieus, aber auch als Ungleichheiten der Geschlechter oder von Generationen manifestieren können.“[15] Diffenzierungstheorien bilden die Gesellschaft „[...] als ein Ensemble von etwa einem Dutzend Teilsystemen wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft[.]“[16] ab. Als ein weiteres gesellschaftliches Teilsystem kann in diesem Zusammenhang auch die Familie[17] angeführt werden. Die Kulturtheorie betrachtet Gesellschaft „als Komplex bestimmter hochgradig generalisierter evaluierter, normativer und kognitiver Orientierungen sowie dazugehöriger Praktiken[.]“[18] Auch wenn diese Perspektiven die Beschreibung verschiedener gesellschaftlicher Phänomene ermöglichen, können sie keine endgültige Antwort auf die Frage „In welcher Gesellschaft leben wir?“ liefern. Es bleiben nach wie vor eine Vielzahl unterschiedlichster Gesellschaftsbeschreibungen. Zu diesem Ergebnis kommt auch Armin Pongs: „Der Grund für die Vielfalt an Gesellschaftsbeschreibungen liegt darin, dass kein einheitliches Verständnis darüber existiert, was »die Gesellschaft« überhaupt ist. So zeichnet jeder ein anderes Bild, legt eine andere Interpretation vor oder entwirft ein anderes Konzept.“[19] Es erscheint daher sinnvoll, nicht nur von einer bestimmten Gesellschaftsform auszugehen, sondern vielmehr von einer Mischung unter-schiedlicher Arten von Gesellschaften zu sprechen, welche parallel zu einander existieren - oder wie es Pongs formuliert: „Gesellschaft gibt es nicht mehr im Singular, sondern nur noch im Plural.“[20] Hinsichtlich der nachfolgenden Betrachtungen eröffnen sich damit zunächst zwei Darstellungs-möglichkeiten.

Einerseits wäre es möglich auf spezifische Merkmale verschiedener Gesellschaftsformen, wie z.B. die der Wissens-, der Risiko-, der Konsum- oder der Spaßgesellschaft und vielen anderen einzugehen, sich für eine Art zu entscheiden und die gesellschaftlichen Aufgaben der Familie in diesem Kontext darzustellen. Dabei besteht jedoch die „Gefahr, die Wirklichkeit zu vereinfachen.“[21] Die Tatsache, dass sich jemand einer Gesellschaftsform zugehörig fühlt, welche sich ausschließlich über bestimmte Aspekte definiert, wie im Falle der Spaßgesellschaft durch „Knallfrösche, Feste, die außerhalb der gesellschaftlichen und normalen privaten Feste sind, [und zudem] von Fest zu Fest, von Party zu Party [zu] eilen,“[22] bedeutet nicht, dass Erziehung oder Bildung bei der Sozialisation der Kinder keine Rolle spielen. Sie sind trotz der Betonung von Spaß und Freizeit von zentraler Bedeutung für die Kinder und ihrer späteren sozialen Positionierung und gleichzeitig auch von hohem gesamt-gesellschaftlichen Nutzen und damit wichtig und notwendig.

Andererseits wäre es möglich, die Gesellschaft als einen Verbund aus mehreren Gesellschaftsformen zu beschreiben und daran anschließend die unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen aufzuzeigen, welche an die Familie seitens der Gesellschaft gestellt werden. Für diese zweite Variante spricht, dass sie unterschiedliche gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt und damit eine umfassendere Darstellung ermöglicht. Eine Betrachtung, die auf eine bestimmte Gesellschaftsform beschränkt ist, liefert dagegen nur einen punktuellen Einblick, erlaubt aber gleichzeitig eine fundierte Aussage zu den Aufgaben der Familie in der gewählten Gesellschafts-form.

Da diese Arbeit den Anspruch hat, die Rolle der Familie bei der Sozialisation, der Erziehung und der Bildung ihrer Nachkommen in einem bestimmten gesellschaftlichen Rahmen darzustellen, soll diese Betrachtung auf die familiären Funktionen im Kontext der Wissensgesellschaft beschränkt werden. Im folgenden Kapitel sollen dazu zunächst die wichtigsten Merkmale dieser Gesellschafts-form genannt und erläutert werden, um darauf aufbauend die gesellschaftlichen Aufgaben der Familie zu erläutern.

[...]


[1] zitiert nach: Zigmund, Walter (Hrsg.) (2012): Ich möchte mich wieder einmal freuen können! Sinnsprüche. Norderstedt: Books on Demand, S. 27

[2] Papst Franziskus (2014): Predigt im Rahmen des Fests der Kreuzerhöhung, S. 1

[3] ebd.

[4] Scherr, Albert: Sozialisation. In: Kopp, Johannes; Steinbach, Anja (Hrsg.) (2016): Grundbegriffe der Soziologie. 11. Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 306-309, hier: S. 308

[5] Nassehi, Armin: Gesellschaft. In: Farzin, Sina; Jordan, Stefan (2015): Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek Band 19297), S. 85-89, hier: S. 85

[6] Schäfers, Bernhard: Gesellschaft. In: Kopp, Johannes; Steinbach, Anja (Hrsg.) (2016): Grundbegriffe der Soziologie. 11. Auflage. Wiesbaden: Springer VS, S. 100-104, hier: S. 100

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] Nassehi, Armin: Gesellschaft. In: Farzin, Sina; Jordan, Stefan (2015), S. 85-89, hier: S. 85

[10] Schimank, Uwe: Gesellschaftsmodelle und Gesellschaftsanalyse. In: Mau, Steffen; Schöneck, Nadine M. (Hrsg.) (2014): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn: Bpb, Bundeszentrale für Politische Bildung, S. 331-343, hier: S. 331

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] ebd.

[14] ebd., S. 331-343, hier: S. 332

[15] vgl. Schäfers, Bernhard: Gesellschaft. In: Kopp, Johannes; Steinbach, Anja (Hrsg.) (2016), S. 100-104, hier: S. 101

[16] vgl. ebd.

[17] vgl. Schäfers, Bernhard: Gesellschaft. In: Kopp, Johannes; Steinbach, Anja (Hrsg.) (2016), S. 100-104, hier: S. 101

[18] vgl. ebd.

[19] Pongs, Armin (2000): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich. Bd. 2. Gesellschaft X. München: Dilemma Verlag, S. 19

[20] Pongs, Armin (2007): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Auf dem Weg zu einem neuen Gesellschaftsvertrag. Bd. 1. Gesellschaft X. 3., erweiterte, aktualisierte und komplett überarbeitete Auflage. München: Dilemma Verlag, S. 22

[21] ebd.

[22] Boberski, Heiner (2004): Adieu, Spaßgesellschaft. Wollen wir uns zu Tode amüsieren? Eine Recherche. Wien; Klosterneuburg: Edition Va Bene, S. 71

Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668768833
ISBN (Buch)
9783668768840
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v433797
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Sozialisation Gesellschaft Erziehung Bildung Familie Wissensgesellschaft

Autor

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