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Johann Gottfried Herders "Journal meiner Reise im Jahr 1769" im Kontext von Aufklärung und Sturm und Drang

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Geistesgeschichtlicher Kontext des Journals
2.1 Zum Begriff „Aufklärung“
2.1.1 Periodisierung der Epoche der Aufklärung nach Alt
2.2 Zum Begriff „Sturm und Drang“
2.2.1 „Absetzung von aller Fremdbestimmung“ – Beschreibungsmodell nach Siegrist
2.3 Problematik des Verhältnisses von Aufklärung und Sturm und Drang

3 Herders geistesgeschichtlicher Kontext zur Zeit der Niederschrift des Journal s
3.1.1 Rousseau und Spinoza
3.1.2 Herders Menschliche Philosophie

4 Einordnung des Journals im Kontext von Aufklärung und Sturm und Drang
4.1 Theoreme des Sturm und Drang im Journal nach Braune-Steininger
4.2 Aufklärerische Aspekte im Journal

5 Geschichtsphilosophische Aspekte im Journal
5.1 Mensch und Natur
5.2 Despotismus
5.3 Religion und Mythologie
5.4 Das Wunderbare und das Erhabene

6 Stellung des Journals im Gesamtwerk Herders

7 Resümee

1 Einleitung

Das Journal meiner Reise im Jahr 1769[1], das Johann Gottfried Herder in einem zeitlichen Abstand von mehreren Monaten zu seiner Schiffsreise von Riga nach Nantes im Jahre 1769 niederschrieb, wurde in vollständiger Form das erste Mal mehr als 70 Jahre später von seinem Sohn Emil Gottfried Herder veröffentlicht. Das „sonderbare Ding“[2], wie Herder selbst den Text in einem Brief an seinen Verleger Johann Friedrich Hartknoch genannt hat, war nicht zur Veröffent-lichung gedacht, der Autor intendierte keine größere Rezeption, allenfalls eini-ge engere Freunde schwebten ihm als mögliche Leser vor. Fragment geblieben, historisch und geistesgeschichtlich an der Schnittstelle von Aufklärung und Sturm und Drang angesiedelt, hat er das Interesse der literaturwissenschaft-lichen Forschung in einem besonderen Maße geweckt. Dies erklärt sich zum einen aus seiner genannten geistesgeschichtlichen Lage, zum andern aus dem dokumentarischen Charakter, den der Text für die Ideenwelt des jungen Herder besitzt; viele seiner späteren Anschauungen und Geisteskonzepte scheint er bereits im Kern zu enthalten.

Es soll in der vorliegenden Arbeit nicht in erster Linie darum gehen, eine eindeutige Zuordnung des Textes zu einer bestimmten (literatur-) historischen Epoche vorzunehmen. Ebenso wenig soll versucht werden, eine eindeutige Beantwortung der Frage der Zugehörigkeit oder der Gegenläufigkeit des Sturm und Drang zur Aufklärung zu liefern. Vielmehr soll am Beispiel von Herders Journal aufgezeigt werden, inwiefern der Sturm und Drang berechtigterweise als Fortführung oder Ergänzung der Aufklärung, aber ebenso als Kritik an bestimmten Formen derselben gesehen werden kann; stellt sie doch selbst keinesfalls eine reine, geradlinige Bewegung, sondern ein lebendiges Gebilde mit unterschiedlichen Strömungen dar.

Eine radikale Ablehnung eines Teiles der Aufklärung durch die Dichter des Sturm und Drang muss daher nicht zwangsläufig eine generelle Abkehr von allen aufklärerischen Ideen bedeuten. Gerade an der Person Herders lässt sich das deutlich zeigen. In dem Versuch der vornehmlich älteren Herder-Forschung, ihn einseitig entweder der Periode der Aufklärung oder der des Sturm und Drang zuzuordnen, zeigt sich die Begrenztheit der Beschreibungs-möglichkeiten eines literaturwissenschaftlichen Verfahrens, das stets darum bemüht ist, literarische Phänomene in eindeutiger Weise zu kategorisieren.

Herders außergewöhnlichem Denken – außergewöhnlich insofern, als er Aspekte ganz verschiedener Denkansätze in seinem Denken vereinigt – kann so nicht entsprochen werden. Der traditionelle Epochenbegriff muss hier unweigerlich an seine Grenzen stoßen.

Im Folgenden soll daher versucht werden, in einem knappen Überblick die Epochen der Aufklärung und des Sturm und Drang zu definieren und in ihrem Verhältnis zueinander zu skizzieren sowie aufzuzeigen, auf welche Weise sich das Journal in diesen Zusammenhang einfügt.

2 Geistesgeschichtlicher Kontext des Journals

2.1 Zum Begriff „Aufklärung“

Der Mensch hat nichts vortreflichers von GOtt empfangen, als seinen Verstand [...][3]

Die Frage der Definition von Aufklärung ist grundlegend sowohl für die Beschreibung des Sturm und Drang, indem daraus die Beziehung resultiert, in welcher dieser zur Aufklärung steht, als auch für die Einordnung des Journals in den geistesgeschichtlichen Komplex von Aufklärung und Sturm und Drang.

Das oben angeführte Zitat von Christian Wolff steht paradigmatisch für eine ganze Tradition literaturwissenschaftlicher Auffassungen und Beschreibungen des Begriffes und der Epoche der Aufklärung, welche diese auf ihre rationale Seite reduzierten und die sog. „Tyrannei der Vernunft“ als Auswuchs der einzigen, nämlich rational orientierten, Tendenz aufklärerischen Denkens ausmachte. Diese Fehlinterpretation wurde, so Emil Adler, erleichtert durch eine „ungeschichtliche Interpretierung der Strömungen der ersten Periode“[4], welche die gesamte Aufklärungsbewegung mit einer „gewissen vulgarisieren-den, als ‚Aufkläricht’ verlachten Strömung der Aufklärung“[5] gleichsetzte.

Richtig ist, wie es in jüngerer Zeit etwa Peter-André Alt bestätigt, dass die Aufklärung in allen ihren unterschiedlichen Phasen jeweils „die Vernunft des Menschen in den Mittelpunkt ihres analytischen bzw. praktischen Interesses rückt“ und die „Arbeit des menschlichen Verstandes [...] den bevorzugten Gegenstand aufklärerischer Erkenntnis und zugleich das maßgebliche metho-dische Instrument“ bildet.[6]

Jedoch ist das Konzept von Aufklärung durch die neuere Forschung dahin-gehend erweitert worden, dass sie nicht mehr als puristisch rationale Bewegung beschrieben wird, sondern ihrer empfindsamen Unterströmung Rechnung getragen wird. Diese erweiterte Fassung des Begriffs Aufklärung hatte zur Folge, dass der jahrzehntelang behauptete Gegensatz zum Sturm und Drang – als emotionale Befreiung vom aufklärerischen Diktat der „Tyrannei der Vernunft“ – nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Unbestritten war stets der politische Charakter der Aufklärung, dessen Gewicht etwa Alt speziell für die gesamte deutsche Frühaufklärung herausstreicht. Auch Katharina Mommsen betont den politischen Charakter von Aufklärung, wenn sie schreibt:

Mit der Aufklärung geht Herder konform, wenn er in politischer Freiheit die Voraussetzung für jedes echte Leben sieht.[7]

Adler nennt den Kampf gegen den feudalen Absolutismus neben dem gegen die herrschende Kirchenhierarchie eines der Hauptanliegen der Aufklärung:

Ohne Zweifel lag der bleibende Anteil der spinozistischen Idee im aggressiven Antitheologismus, der dem Menschen seine natürlichen, menschlichen Rechte wiedergab und der sich in einem Protest gegen die herrschende Kirchenhierarchie und indirekt gegen die Staatsgewalt äußerte.[8]

Exemplarisch für die jüngere Forschung soll im Folgenden kurz die Periodisierung der Aufklärung nach Alt aufgezeigt werden.

2.1.1 Periodisierung der Epoche der Aufklärung nach Alt

Alt unterscheidet im „gesamteuropäischen Epochenphänomen Aufklärung“[9] drei Phasen, als deren programmatische Begriffe er ausmacht:

1) Rationalismus (1680 – 1740),
2) Sensualismus bzw. Empirismus (1740 – 1780),
3) Kritizismus (1780 – 1795).

Alt erkennt übergreifende Gemeinsamkeiten zwischen diesen verschiedenen Phasen, die im Anschluss ebenfalls kurz skizziert werden.

2.1.1.1 Rationalismus

Die Phase der frühen Aufklärung datiert Alt von 1680 bis 1740 und sieht sie beherrscht durch den Rationalismus. Das Prinzip der Rationalität begründet demnach die neue Denkmethode, die sich im Zusammenspiel mit naturwissen-schaftlichen Erkenntnissen gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelt und in deren Zentrum der Gedanke steht, dass die gottgeschaffene Natur als Vernunft-natur und logisch gegründete Ordnung aufzufassen und vom Menschen mit den Mitteln des Verstandes systematisch zu erschließen sei.

War die absolute Erkenntnis der Natur im Rahmen der Ordnungsentwürfe der Scholastik und des Humanismus noch Gott als Schöpfer vorbehalten gewesen und wollte die frühe Aufklärung nun zwar einen neuen Wissensbegriff durch-setzen, so trat der neue Rationalismus dennoch nicht in offene Konkurrenz zur christlichen Metaphysik, deren Grundsätze als Komplement zum Wahrheitsan-spruch der Vernunft gelten und möglichst mit ihr vermittelt werden sollten.

2.1.1.2 Sensualismus

Die zweite Phase der Aufklärung geht nach diesem Erklärungsmodell ab ca. 1740 auf Distanz zum logozentrischen, rein verstandesorientierten Lehrsystem des Rationalismus und neigt statt dessen zu einer neuen Philosophie der menschlichen Erfahrung, die zwar immer noch vom Primat der Vernunft gelei-tet ist, jedoch unter Einbeziehung der Untersuchung des psychischen Wahrneh-mungsvermögens, individueller Empfindungen und des Verhältnisses von Leib und Seele eine veränderte methodische Basis für die systematische Erfor-schung von Mensch und Natur schaffen will. Dabei sind insbesondere diejeni-gen Bereiche Ziel des neuen Interesses, die nicht als verstandesgestützt gelten, wie Akte der Sinneswahrnehmung, physiologische Prozesse, Empfindungen und Nervenreize.

Der Sensualismus betrachtet das Feld der Wahrnehmungen, denen sich der Mensch überantworten kann, als einen der Vernunft korrespondierenden, durchaus rational analysierbaren Bereich, der keineswegs der Regellosigkeit des Irrationalen unterliegt, vielmehr wissenschaftlichem Urteil zugänglich ist.[10]

So entfaltet sich der Sensualismus als Lehre von den Empfindungen des Men-schen und bestimmt beispielsweise in den 1740er Jahren die poetologisch-ästhetischen Abhandlungen der Schweizer Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger.

Aus dieser erweiterten, den Sensualismus einbeziehenden Fassung des Begrif-fes Aufklärung resultiert auch die neue Betrachtung des Sturm und Drang nicht mehr als Gegenströmung zur Aufklärung, sondern als Teil von ihr.

2.1.1.3 Kritizismus

Ab ca. 1780 beginnt nach dem Altschen Modell die dritte und abschließende Phase der Aufklärung, deren intellektuelles Zentrum Immanuel Kant ist, der in seiner Kritik der reinen Vernunft neben der rationalistischen Metaphysik der Frühaufklärung auch den Empirismus der zweiten Phase in einer neuen metho-dischen Synthese aufhebt. Kant geht von der Frage aus, wie es dem Menschen gelingen könne, seine Freiheit als reflektierendes Wesen im Akt des Urteils über die ihn umgebende Erfahrungswelt zu behaupten. Dabei leitet ihn der Grundgedanke, dass das Urteil über die äußere Realität zunächst selbst unab-hängig von jeglicher Erfahrung gefällt wird, bzw. von ihr nur beiläufig geprägt wird. Vielmehr stützt es sich auf allgemeine, logisch begründbare Vernunft-prinzipien und formale Kategorien, durch welche wiederum unsere Wahrneh-mung der Realität und somit diese selbst wesentlich strukturiert werden.

In Kants Annahme des Menschen als Vernunftwesen und intellektuellem Souverain der Wirklichkeit bekundet sich ein Optimismus, der keines metaphy-sischen Beistands mehr bedarf. So macht Kritik, also das Denken, auch vor den Autoritäten der Kirche und der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht Halt und ge-horcht autonomen Prinzipien.

2.1.1.4 Leitende Grundsätze

Alt benennt vier Leitmotive aufklärerischen Denkens, die für jede der drei unterschiedenen Phasen der Aufklärung gelten.

2.1.1.4.1 Ermächtigung der Vernunft

Phasenunabhängig sieht Alt die Aufklärung grundsätzlich beherrscht durch die Ermächtigung der Vernunft. Dabei unterliegt der Vernunftbegriff selbst gleich-wohl divergierenden Auffassungen. Bezieht er sich zur Zeit des Rationalismus ausschließlich auf die Verstandestätigkeit des Menschen, so weitet er sich im Sensualismus und Empirismus auf den Bereich des Fühlens und Empfindens aus und wird bei Kant schließlich zu einem die Realität selbst konstituierenden Instrument.

Somit bildet die Vernunft stets den Mittelpunkt des analytischen und prakti-schen Interesses und steht zugleich im Zentrum des optimistischen aufkläreri-schen Denkens. Das praktische Ideal vernunftgegründeten Handelns soll dabei garantieren, dass sich der Mensch in seiner individuellen bzw. gattungsge-schichtlichen Entwicklung zu immer größerer Vollkommenheit entwickelt, wie Herder es auch in seinem im Journal propagierten Bildungsideal vorsieht.

2.1.1.4.2 Erziehung des Menschen

Die Aufklärung hat eine klare pädagogische Ausrichtung, indem sie den Menschen zum Gebrauch seines Verstandes anleiten will. Sie will einen Beitrag leisten zur vernünftigen Lebensführung, „als Programm der Befreiung von Aberglaube und Unfreiheit im Interesse der Ausbildung intellektueller Fertigkeiten“.[11] Als Hilfsmittel bei der Verwirklichung dieses pädagogischen Anspruchs dienen, so Alt, die Förderung publizistischer Öffentlichkeit, die Ausbildung von Buch- und Zeitschriftenmarkt und die Neukonzeption des schulischen und universitären Unterrichts. Somit sind Buch, Schule, Lektüre und Ausbildung zentrale Elemente des aufklärerischen Diskurses. Nach Auf-fassung Ulrich Karthaus’ kann man Aufklärung sogar nahezu mit Erziehung gleichsetzen, wenn man sie als Tätigkeit betrachtet.[12]

2.1.1.4.3 Zeitalter des Wissens und der Wissenschaften

Alt führt aus, wie die Naturwissenschaften mit einem veränderten methodi-schen Anspruch ein neues Vertrauen in die intellektuellen Fertigkeiten des Menschen begründeten und im Zeitalter der Aufklärung ein vorher nicht ge-kanntes Wahrheitspostulat wissenschaftlicher Verfahrensweisen zutage trat. Wissenschaftliche Erkenntnisse hatten fortan nicht mehr nur rein hypothe-tischen Charakter, sondern erhielten eine realitätserschließende Dimension und traten somit in Konkurrenz zum Wahrheitsprivileg der Theologie.

Leitend auch in diesem Veränderungsprozess ist der Rationalismus, der an-nimmt, dass Gott die Natur nach den Regeln der Vernunft geschaffen hat und diese somit dem Menschen auch durch eine auf den selben Regeln basierende Wissenschaft erschließbar ist.

2.1.1.4.4 Säkularisierung

Ein weiteres gemeinsames Merkmal aller Phasen der Aufklärung ist die fortschreitende Verweltlichung, in deren Zuge die Verdrängung kirchlicher Autoritäten fortschreitet. Nachdem dieser Prozess sich angesichts der im Ausgang des 17. Jahrhunderts noch unbestrittenen Vorherrschaft der Kirche zunächst nur langsam vollzieht, zeichnet sich jedoch schon in der Frühphase der europäischen Aufklärung ab, dass die zunehmende Ermächtigung der menschlichen Vernunft die Sphäre des Glaubens und seiner Institutionen konsequent entmächtigt. Jedoch findet auch ein umgekehrter Fluss von Umwertung statt. So tendiert der menschliche Verstand dazu, den Charakter einer Ersatzreligion anzunehmen und an den Platz der christlichen Konfession zu treten. Alt hebt in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Literatur hervor, welche die durch das Verdrängen der Religion entstandene Lücke ausfüllt und es versteht, die „freigewordenen religiösen Energien auf sich zu ziehen“.[13]

Säkularisierung bedeutet weiter, dass dem Menschen eine völlig neuartige Freiheit der Selbstentfaltung gegeben ist, die im 17. Jahrhundert durch den Gedanken der christlichen Transzendenz, die Abwertung der weltlichen Exis-tenz und die neostoizistische Philosophie der Vertröstung auf die Erlösung im Jenseits eingeschränkt gewesen war, wohingegen die persönliche Glücksver-heißung in der diesseitigen Ordnung der Dinge zu sämtlichen aufklärerischen philosophischen Entwürfen gehört.

2.2 Zum Begriff „Sturm und Drang“

Es fällt schwer, den Sturm und Drang als eine realexistente Epoche zu bezeichnen. Keiner der Autoren, die heute gemeinhin als „Stürmer und Dränger“ bezeichnet werden, hätte sich selbst so genannt, gleichwohl selbstverständlich Texte und Autoren existierten, die in einer bestimmten Beziehung zueinander standen. Mangels eines Selbstverständnisses der zeitgenössischen Autoren als dem Sturm und Drang zugehörig können wir uns heute nicht auf ein solches beziehen. Insofern gilt es, im Zuge einer Untersu-chung des Sturm und Drang zu definieren, welche relevanten aussagekräftigen Phänomene für eine adäquate Beschreibung herangezogen werden können.

Karthaus bezeichnet den Sturm und Drang, bzw. die sogenannte Geniezeit, als eine rein literarische Bewegung und weist darauf hin, dass Deutschland zu dieser Zeit keineswegs von Genies bevölkert gewesen ist. Zudem habe es kaum außerliterarische Erscheinungen in der Kultur jener Jahre gegeben, die sich mit der Dichtung zu einem allgemeinen Epochenstil hätten verbinden können, wie etwa im Falle des Rokoko oder der Klassik. Er definiert den Sturm und Drang als den Protest der „junge[n] literarischen Intelligenz [...] gegen erstarrte poeti-sche Regeln, gesellschaftliche Konventionen und Einseitigkeiten der Aufklä-rung [...], indem sie ihre eigenen Überlegungen und Kunstwerke denen ihrer Väter entgegensetzte.“[14]

Ähnlich beschreibt Christoph Siegrist das Phänomen Sturm und Drang, jedoch konstruiert er einen sozial und politisch weiter gefassten Rahmen, in welchem sich die Stürmer und Dränger seiner Beschreibung nach entfaltet haben. Er konstatiert eine Verschärfung der gesellschaftlichen und politischen Wider-sprüche in den 1770er Jahren, die den konsequenteren Einsatz literarischer Mittel im Emanzipationskampf des Bürgertums erforderte, der im Vergleich mit dem Emanzipationskampf der Aufklärungszeit eine neue Qualität zeigte. Diese bestand laut Siegrist in einer Verschärfung der Kritik an den sozialen Missständen, welche den Stürmern und Drängern aufgrund des höheren Be-wusstseinsstandes ihrer Leser im Vergleich zu dem der Leser der Aufklärer ermöglicht worden sei. Der qualitative Unterschied zwischen der Leserschaft der Stürmer und Dränger und jener der Aufklärer ergab sich dabei aus der Tat-sache, dass Letztere zunächst Vorarbeit zu leisten hatten, um sich überhaupt ein geeignetes Publikum zu schaffen . Weiter führt Siegrist aus, dass der Sturm und Drang stets eine literarische Revolution geblieben ist, trotz ursprünglich weitergehender Ambitionen der Beteiligten, die daraufhin ihren Protest ideali-sierend in eine Revolte umgedeutet haben; eine Revolte, die sich ganz allge-mein gegen das „Alte“ richtete, welches in verschiedenen Formen attackiert wurde. Dabei gingen sie rigoros gegen diejenigen vor, die sich diesem Umdeu-tungsprozess widersetzten und weiterhin auf dem direkten politischen Charak-ter der Revolte bestanden wie etwa Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Carl Wezel, deren Wahnsinn für Siegrist nicht nur eine individuelle Disposi-tion, sondern auch eine soziale wie politische Dimension hat.

Siegrist, der den Sturm und Drang „nicht – wie anhin zumeist – als Gegen-bewegung zur Aufklärung, sondern als deren Abwandlung und Ergänzung darzustellen“ versucht, erkennt die „Absetzung von aller Fremdbestimmung“[15] im politischen, gesellschaftlichen, ästhetischen Bereich und in dem der Geschichtsauffassung als die Intention der Stürmer und Dränger. Er beschreibt sie als die Erweiterung und Fortführung aufklärerischer Ansätze. Im Folgenden soll kurz die Darstellung der genannten einzelnen Bereiche durch Siegrist nachvollzogen werden.

2.2.1 „Absetzung von aller Fremdbestimmung“ – Beschreibungsmodell nach Siegrist

2.2.1.1 Der Bereich der Politik

Von den genannten Bereichen sieht Siegrist denjenigen der Politik als am „unentschiedensten“ ausgefallen an. Dies begründet sich für ihn zum einen in der feudalen Übermacht, gegen welche anzukämpfen jenseits der Möglichkei-ten der jungen Schriftsteller gelegen habe, zum anderen im Fehlen einer eige-nen politischen Konzeption, die keiner der Autoren entwickelt habe. Trotz ver-einzelter scharfer antifeudaler Angriffe habe sich niemand Gedanken über Möglichkeiten einer realen Veränderung gemacht. Die vereinzelt auftauchende Kritik sieht er nicht in einer Gesamtperspektive. In ihrer „gleichsam blind[en] (aber desto heftiger[en])“[16] Opposition gegen Standesunterschiede, Arbeitstei-lung, Abhängigkeit und Unterdrückung – alles Missstände, die ihrem Ideal der Selbstentfaltung widersprachen – seien sie nicht zu einer situationsadäquaten Konzeption vorgestoßen. Dies erklärt für Siegrist auch die Faszination, die auf die jungen Dichter von überholten Vorstellungen patriarchalischer, vorbürgerli-cher Verhältnisse ausging. Auch Figuren wie der Goetz oder Karl Moor er-scheinen in diesem Zusammenhang symptomatisch.

[...]


[1] Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769; im weiteren Verlauf der Arbeit verkürzt Journal genannt.

[2] Herder: Briefe, Band I, S. 170. Brief an Johann Friedrich Hartknoch, geschrieben Ende Oktober 1769.

[3] Wolff: Gesammelte Werke, Band 1, S. 105.

[4] Adler: Herder und die deutsche Aufklärung, S. 37. Die Bezeichnung „erste Periode“ bezieht sich auf das von Adler beschriebene Modell der Einteilung der Aufklärung nach Georg Lukàcs in drei Perioden: 1. „Lessing-“ oder auch „kritische“ Periode, 2. Sturm-und-Drang-Periode, 3. Periode der (Weimarer) Klassik.

[5] Ebd.

[6] Alt: Aufklärung, S. 11.

[7] Mommsen: Nachwort. In: Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769, S. 210.

[8] Adler, S. 30.

[9] Vgl. Alt, S. 7 – 14.

[10] Ebd., S. 9.

[11] Ebd., S. 12.

[12] Vgl. Karthaus: Sturm und Drang, Epoche – Werk – Wirkung, S. 21.

[13] Alt, S. 13.

[14] Karthaus, S. 27.

[15] Siegrist: Aufklärung und Sturm und Drang: Gegeneinander oder Nebeneinander? S. 2. In: Sturm und Drang. Ein literaturwissenschaftliches Studienbuch, hrsg. von Walter Hinck.

[16] Ebd.

Details

Seiten
43
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638126861
ISBN (Buch)
9783638737876
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4332
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,5
Schlagworte
Herder Sturm und Drang Aufklärung Epochen Weimarer Klassik Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 1769 Reisejournal aufklaerung aufklärerisch aufklaererisch

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Titel: Johann Gottfried Herders "Journal meiner Reise im Jahr 1769" im Kontext von Aufklärung und Sturm und Drang