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Konfrontative Pädagogik. Grundlagen und Realisierung in der Jugendhilfe

Hausarbeit 2004 28 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehungsverständnis im Wandel der Pädagogik

3. Konfrontative Pädagogik
3.1. Grundlagen der konfrontativen Pädagogik
3.2. Grenzziehung
3.3. Die “Sieben Level der Konfrontation”

4. Grundlagen
4.1. Die Begriffe Aggressivität, Aggression und Gewalt
4.2. Entwicklung des Anti-Aggressivitätstrainings
4.3. Provokative Therapie

5. Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) und Coolness-Training (CT)
5.1. Curriculum
5.2. Durchführung des AAT
5.3. Durchführung des Coolness-Trainings
5.4. Das Anti-Gewalt-Gremium in der stationären Jugendhilfe

6. Erste Auswertung

7. Mit Härte gegen Gewalt?

8. Schlussbetrachtungen

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Heimerziehung (§34 KJHG) soll den Alltag für Kinder und Jugendliche strukturieren und ihnen ein Zuhause bieten, weil die Herkunftsfamilie dazu vorrübergehend oder auf Dauer nicht in der Lage ist.

In einer Heimgruppe sind unterschiedliche Charaktere mit individuellen Schicksalen vereint. In ihrer Vergangenheit haben nicht wenige schon Gewalterfahrungen machen müssen und sind oft mit aggressiven Emotionen belastet.

Zugang zu dem Thema der konfrontativen Pädagogik soll eine von der Verfasserin selbst erlebte Fallgeschichte schaffen.

Eine Jugendgruppe einer Jugendhilfeeinrichtung nach § 34 KJHG mit 18 Teilnehmern im Alter von 12 bis 15 Jahren verbringt drei Wochen ihrer Sommerferien in den Schweizer Bergen. Begleitet werden sie von sechs Betreuern. Die Umstände sind schwierig: Ein Team, das sich nicht gut kennt und noch in der Findungsphase steckt, schlechtes Wetter, zu wenig Platz für Aktivitäten bei Regen und Jungen und Mädchen, die ihre Grenzen austesten wollen. Im Laufe der Zeit eskaliert die Situation. Die Jungen sind sehr aggressiv und die Mädchen streiten sich ständig untereinander. Bei den Mahlzeiten wird mit Essen geworfen, früher aufgestanden und Schimpfworte sind an der Tagesordnung. Die Jungen vertreiben ihre Zeit mit Schlägereien und der Höhepunkt ist erreicht, als Fenster eingeschlagen werden und die Jungen und Mädchen unerlaubt das Gelände verlassen.

Schnell wird klar, dass nichts mit gutem Zureden, Empathie und Verständnis zu erreichen ist. Einzigste Möglichkeit scheint nur noch eine strikte Grenzziehung und eine konsequente Handlung der Betreuer zu sein.

Eine Ferienmaßnahme stellt immer eine besondere und nicht alltägliche Situation dar. Im Heimalltag eskalieren Situationen jedoch ebenso: Plötzlich steht der Pädagoge vor einem aggressiven, gewaltbereiten Jugendlichen und braucht die richtigen Worte und Handlungsstrategien, damit die Situation nicht eskaliert.

Der Pädagoge muss hier eine geeignete Mischung aus Intuition und Methode finden. Leider eskaliert zu oft eine Situation und plötzlich knallen Türen oder Gegenstände werden geworfen.

Diese Arbeit soll nun einen Zugang zu diesem Thema schaffen und versuchen zu klären, ob man mit „konfrontativer Pädagogik“ etwas erreichen kann, wenn „gutes Zureden“ nicht mehr hilft. Weiter soll dargestellt werden, wie die Anwendung einer solchen Methode genau aussieht und auf welchen Grundlagen sie basiert

Grundlage dieser Arbeit ist das Anti-Aggressions-Training nach Prof. Dr. Jens Weidner, sowie das Coolness-Training.

Es soll die Frage geklärt werden, was die Voraussetzungen für eine konfrontative Pädagogik sind und ob sie eine Gegenposition zu den bisher verwendeten Methoden darstellt oder aber, ob sie ergänzend eingesetzt werden kann.

Interessant ist auch die Frage, ob die Konfrontation ein „Rückschritt“ zur Autoritären Erziehung ist, die in den letzten 30 Jahren überwunden wurde.

Bei dieser Arbeit liegt der Schwerpunkt nicht, wie von Weidner eigentlich ursprünglich entwickelt, auf Mehrfachstraffällige oder inhaftierte Jugendliche. Vielmehr soll das Training für Jugendliche, die in der Jugendhilfe untergebracht sind Schwerpunkt der Arbeit sein.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im folgenden ausschließlich die männliche Form für Personenbezeichnungen Verwendung finden.

1. Erziehungsverständnis im Wandel der Pädagogik

Wie soll ein pädagogisches Profil aussehen? Die Frage ob Mut zur Erziehung erwünscht ist, wird seit einiger Zeit diskutiert. Eine Grundfrage der Pädagogik, die schon Theodor Litt in den 1920ern aufbrachte ist: Führen oder Wachsen lassen? Hier treffen zwei Punkte aufeinander. Soll der Pädagoge aktiv tätig werden, das Kind bzw. den Jugendlichen beeinflussen, formen, also bildhauerisch sein? Oder aber soll Erziehung eher verstanden werden, als ein Abwarten, Begleiten und Reifen lassen?

In der Geschichte der Erziehung und Pädagogik ergibt sich kein einheitliches Bild, sondern ein ständiger Wandel zu Neuem und wieder zurück zu Altem.

Die alte Pädagogik: Gottfried Schreber, nach ihm wurden die „Schrebergärten“ benannt, hat Mitte des 19. Jahrhunderts das Buch „Buch der Erziehung an Leib und Seele“ verfasst. Fazit dieses Buches ist, dass aktiv am Kind erzogen werden soll. Dies beinhaltet die Vertreibung des Eigensinns und der Bosheit sowie die konsequente Zielverfolgung. Seiner Meinung nach sollte den Kindern gleich zu Beginn der Ernst gezeigt werden (vgl. KÖNIG, 1999, .S.2). In der Erziehung des 19. Jahrhunderts sind Selbstkontrolle und innere Disziplin wichtige Schlagwörter (vgl. FLITNER, 1994, S.23) „Die Erziehungsliteratur der bürgerlichen Aufklärung ist voll von Anstrengungen zur Schärfung des Gewissens, von moralischen Ermahnungen und von Regeln einer strikten Disziplin“ (FLITNER, 1994, S.23).

Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte sich die Auffassung von Pädagogik wieder. Dies wurde vor allem beeinflusst durch intellektuelle, künstlerische und soziale Strömungen, die noch aus dem späten 19. Jahrhundert stammten. Die jüngere Generation akzeptierte nicht mehr die Bürgerlichkeit, die Schulen mit Reserveoffiziere als Lehrer und strenge Konventionen. Man erhoffte sich einen neuen Anfang und eine Veränderung der Welt durch die Erziehung der Kinder. Im Gegensatz zur Vergangenheit war nun im Vordergrund, dass die Kinder verstehen und nicht einfach nur gehorchen sollten. Dazu gehörte, dass man ihnen Dinge erklärte, vernünftig argumentierte, sie nicht schlug und dass Kinder auch unter sich sein durften. Was hier aufkam und sich bis heute gehalten hat, ist die Unsicherheit im grundsätzlichen Handeln mit Kindern. Bisher war alles streng geregelt und es war klar, dass der Erwachsene mit allen Mitteln das Kind erzieht. Dieses Regelwerk war nun aufgebrochen. Von nun an gab es die Fragen, wie man ein Kind zur Sauberkeit erzieht, mit Zwang oder mit Geduld, soll es Tischregeln geben und soll der Säugling selbst lernen, sich selbst zu beruhigen oder kann man ihm immer Zuwendung geben (vgl. FLITNER, 2001, S.24 ff). Wichtige Vertreter dieser Reformpädagogik sind Maria Montessori, Rudolf Steiner, A.S. Neill, Janusz Korczak und Anton Makarenko. Sie forderten die Erziehung vom Kinde aus. Das Kind wurde als eigenständiges Subjekt angesehen, das eigene Bedürfnisse und Rechte hatte. Echte Autorität war zulässig, aber keine willkürliche Behandlung (vgl. KÖNIG, 1999, S.2).

In der Zeit als Adolf Hitler an der Macht in Deutschland war, wendete sich die Pädagogik wieder dem Vergangenen zu. Hitler selbst sagte über seine „Pädagogik“, dass diese hart sei und jede Schwäche ‚weggehämmert’ werden müsse. Er wollte eine gewalttätige, herrische und unerschrockene Jugend, die nicht mit intellektueller Erziehung befähigt werden sollte. Er nannte diese Erziehung direkt als Bildhauerei (vgl. KÖNIG, 1999 S.2).

In den 60er und 70er Jahren waren die Schlagworte dann antiautoritäre Erziehung und Antipädagogik, die an die Reformpädagogik anknüpften. Die Antipädagogik forderte, dass Erziehung grundsätzlich abgeschafft werden sollte, denn es bestünde eine große Ungleichheit zwischen Kindern und Erwachsenen. Alle Machtstrukturen und Hierarchien sollten aufgehoben werden (vgl. KÖNIG, 1999 S.2). Durch Erziehung würden die Kinder misshandelt, bedroht und mit Schuldgefühlen belastet. Die Erziehung sei Schuld daran, dass die Gesellschaft immer schlechter würde.(vgl. FLITNER 1994, S.13). Für Antipädagogen ist die Erziehung eine Art von Verkrüppelung und Misshandlung, welche die Kinder verformt und verzerrt (vgl. FLITNER, 1994, S.48). Der Erwachsene sollte nur in Situationen, bei denen er selbst in irgendeiner Form bedroht ist, eingreifen. Dies war nun die Erziehung des reinen Wachsen lassen (vgl. KÖNIG, 1999 S.2). Schoenebeck, ein Vertreter der Antipädagogik, lehnt die Verantwortung des Erziehers ab. Dieser sollte unterstützend tätig werden und den Kinder Dinge nahe bringen, die er als wichtig erachtet (vgl. FLITNER, 1994, S.62).

Seit den 80er Jahren wird aufgrund der unterschiedlichen Denkrichtungen der „Mut zur Erziehung“ diskutiert. Die einen praktizieren den autoritären Stil, andere wiederum gestalten ihre Pädagogik vom Kinde aus. Wieder andere versuchen ein Mittelweg zu finden, die Kinder und Jugendlichen gleichzeitig wachsen zu lassen und sie trotzdem zu leiten (vgl. KÖNIG, 1999 S.2).

Auch in der Heimerziehung werden immer wieder Diskussionen über die Form der Unterbringung geführt. So wird z.B. seit einigen Jahren wieder um eine geschlossene Unterbringung diskutiert. Ausgelöst wurde dies vor allem durch die Wiedereinführung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg. Hier herrscht ein großer Unterschied in den Meinungen zwischen Praktikern und Theoretikern. Die Jugendhilfe wird von vielen kritisiert, weil sie keine geeigneten Einrichtungen für Jugendliche bietet, bei denen ein Abrutschen in die Kriminalität abzusehen ist.

Ähnlich sind auch die Diskussion um die konfrontative Pädagogik. Sie stellt ein Gegensatz dar zu der bisherigen Pädagogik, die auf Akzeptieren und Verstehen beruht und oft keine Sanktionen bietet, selbst wenn der Jugendliche sich delinquent verhält. Die konfrontative Pädagogik soll konstruktiv und unterstützend sein.

(vgl. TISCHNER, 2002, S.5-6)

Wie genau diese konfrontative Pädagogik aussehen kann, wird im folgenden dargestellt.

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3. Konfrontative Pädagogik

Die konfrontative Pädagogik entstand aus der Meinung, dass der akzeptierende und entschuldigende Ansatz, der in den letzten Jahren vorherrschte, nicht geeignet scheint, um mit aggressiven Kindern und Jugendlichen umzugehen. Jetzt sind die Schlagworte Akzeptanz und Konfrontation.

3.1. Grundlagen der konfrontativen Pädagogik

Grundlage einer gelingenden konfrontativen Pädagogik ist eine Beziehung zwischen Jugendlichem und Pädagogen, die von Vertrauen, Respekt und Sympathie geprägt ist. Sie versteht sich als Ultima ratio, wenn alle anderen bisherigen Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Konfrontative Pädagogik arbeitet mit den Grundlagen der Erkenntnisse über die Sozialisation. Sozialisation ist der ...“ Prozess der Entstehung und Entwicklung von Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und dinglich materiellen Umwelt.“ (HURRELMANN, 1995). Konfrontative Pädagogik versucht Handlungskompetenzen zu entwickeln und zu fördern, denn z.B. Mehrfachauffällige weisen oftmals einen Mangel an interaktiver Kompetenz auf; d.h. sie sind zwar körpersprachlich dominant, können sich jedoch verbal nur schlecht ausdrücken. Ein weiterer Bestandteil der konfrontativen Pädagogik ist eine Distanz zur eigenen Rolle aufzubauen. Weiter soll prosoziales Verhalten gefördert werden und das moralische Bewusstsein (weiter-) entwickelt werden. Konfrontative Pädagogik versteht sich zum Hauptteil als einfühlsam, verzeihend oder verständnisvoll. Der Pädagoge sollte aber auch Biss- Konflikt und Grenzziehungsbereitschaft zeigen. Konfrontative Pädagogik ist ein Bündel an alten pädagogischen Erfahrungen, z.B. von Makarenko sowie Farrelly, der später in Kapitel 4.3 noch Beachtung finden wird und mit neuen Ansichten der Gegenwart versehen ist. Konfrontative Pädagogik will jedoch nicht mit autoritär-patriarchialem Erziehungsstil verwechselt werden und grenzt sich auch davon ab, dass abweichendes Verhalten immer im gesellschaftlichen Kontext betrachtet wird und als Folge von Labelling – Prozessen (Zuschreibungsprozessen der Gesellschaft) zu sehen ist. Vielmehr wird bei der konfrontativen Pädagogik eine „klare Linie mit Herz“ verfolgt (vgl. WEIDNER/GALL, 2003, S.10-21).

3.2. Grenzziehung

Zur „klaren Linie mit Herz“ gehört sowohl Wärme und Verständnis, als auch klare Strukturen und eine strikte Grenzziehung. Der Pädagoge versteht den Jugendlichen in seiner Situation, was aber nicht heißt, dass er damit einverstanden ist. Strikte Grenzziehung bedeutet nicht, dass ein Machtgefälle hergestellt wird und wahllos sanktioniert wird, sondern dass eine Streitkultur entsteht, sich der Pädagoge interessiert und engagiert mit dem Jugendlichen Dinge aushandelt und dabei immer konsequent bleibt. Das beinhaltet Normen aushandeln, Grenzen ziehen, die Alltagsstruktur verbindlich machen und bei jeglichen Verstößen nicht weg sehen, sonder aktiv sein. Nach Flitner (1985) ist Grenzziehung bei folgenden Punkten notwendig:

- Grenzen sind dort zu ziehen, wo dem Individuum eindeutig Gefahren drohen.
- Grenzziehung ist dort nötig, wo ohne solche Grenzen Menschen verletzt, geplagt, gekränkt würden-
- Es gibt Grenzen, die das gesellschaftliche Leben erfordert. Es gäbe schon unter Kindern nicht nur Abhängigkeit und Tyrannei, sondern leider auch sadistisches Quälen und furchtbare Unterdrückung, die der Erwachsene verhindern muss.

Bei der Konfrontation werden bei Regel- und Normverstößen des Jugendlichen sofort Personen, Meinungen und Sachverhalte gegenübergestellt. Auch auf Kleinigkeiten wird sofort reagiert, damit nichts Größeres folgt. Dabei ist wichtig, dass würdevoll miteinander umgegangen wird.

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Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638411431
ISBN (Buch)
9783638726917
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43318
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Schlagworte
Konfrontative Pädagogik Grundlagen Realisierung Jugendhilfe

Autor

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Titel: Konfrontative Pädagogik. Grundlagen und Realisierung in der Jugendhilfe