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Der Brexit als Herausforderung für die europäische Personalrekrutierung von Fachkräften

Eine Literaturanalyse

Diplomarbeit 2018 59 Seiten

BWL - Personal und Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Theoretischer Hintergrund des Brexit’s
2.1 Brexit als Herausforderung
2.2 Vereinigtes Königreich
2.2.1 Volkswirtschaft
2.2.2 Multikulturelle Gesellschaft und Zuwanderung
2.3 Europäische Union
2.3.1 Binnenmarkt der Europäischen Union
2.3.2 Arbeitnehmerfreizügigkeit
2.3.3 Volkswirtschaft - Deutschland
2.4 Vergleich der Volkswirtschaften
2.5 Bisherige Auswirkungen

3. Grundlagen der klassischen Personalbeschaffung
3.1 Einordnung der Personalbeschaffung in die Personalwirtschaft
3.2 Prinzipien und Ziele der Personalbeschaffung
3.3 Abgrenzung interner und externer Personalbeschaffung

4 Personalrekrutierung von Fachkräften in der EU
4.1 Kanäle der europäischen Personalrekrutierung
4.1.1 Öffentliche Arbeitsvermittler
4.1.2 Privatwirtschaftliche Arbeitsvermittler
4.1.3 Personalleasing
4.1.4 Rekrutierungsmessen
4.1.5 Online-Rekrutierung
4.1.6 Stellenanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften
4.1.7 Hochschulmarketing
4.2 Fachkräftemangel
4.3 Zuwanderung

5 Prognose der europäischen Personalrekrutierung nach EU-Austritt des Vereinigten Königreichs
5.1 Brexit vs. Arbeitnehmerfreizügigkeit
5.1.1 Aktuelle Situation
5.1.2 Beschränkungen beim grenzüberschreitenden Mitarbeitereinsatz
5.2 Szenario-Analyse – Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Brexit
5.2.1 Szenario 1 - Das „Norwegen″-Szenario:
5.2.2 Szenario 2 - Das „Schweizer″ Szenario:
5.2.3 Szenario 3 - Das „Drittstaat″-Szenario:
5.2.4 Szenario 4 - Die WTO-Option:
5.2.5 Szenario 5 - Freihandelsabkommen
5.3 Auswirkungen auf Arbeitsmigration
5.4 Fachkräftemangel im Vereinigten Königreich
5.5 Fachkräftemangel in Deutschland

6 Auswirkungen auf die europäische Personalbeschaffung
6.1 Arbeitsmarkt des Vereinigten Königreichs
6.1.1 Chancen und Risiken für die britische Personalbeschaffung
6.2 Arbeitsmarkt in Europa – Deutschland
6.2.1 Chancen und Risiken für die deutsche Personalbeschaffung

7 Fazit und Ausblick
7.1 Fazit
7.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ländervergleich

Abbildung 2: NMC Studie

Abbildung 3: Abwanderung (Stepstone)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Problemstellung

Am 23. Juni 2016 stimmten die Bewohner des Vereinigten Königreichs in einem Referendum mit einer Mehrheit von 51,9 zu 48,1 Prozent dafür, dass ihr Land aus der Europäischen Union (EU) austreten soll. Die Entscheidung für den "British exit" (Brexit) markiert einen Einschnitt in der mehr als 40 Jahre währenden Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und der europäischen Staatengemeinschaft. Erstmals verlässt ein Mitglied die europäische Staatenfamilie - was in erster Linie von symbolischer Bedeutung ist, bringt den jahrzehntelangen Prozess der stetigen Erweiterung und Restriktion des EU-Binnenmarktes mit sich.

In der Kampagne für den EU-Austritt, spielte die Thematik „Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit“ und die damit verbundene Einwanderung eine zentrale Rolle. Somit soll bewirkt werden, dass die Einwanderung und deren Gefahren wie „Staatlicher Verlust von Kontrolle und Überwachung“ reduziert werden. Aus Sicht der EU, verliert demnach jeder EU- Bürger die Möglichkeit, in dem Vereinigtem Königreich unter gleichen Voraussetzungen Arbeit aufzunehmen und auszuüben wie die Bürger zwischen EU-Staaten. Aus dem Blickfeld Großbritanniens, verfolgt die Entscheidung ein klares politisches Ziel, welches allerdings mit verheerenden Folgen für die inländische Wirtschaft enden kann.

Daher wird sich diese wissenschaftliche Arbeit mit den Chancen und Risiken der Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit beschäftigen. Im Fokus steht hierbei die Prognose der möglichen Auswirkungen auf die europäische Personalbeschaffung. Anhand einer Analogie zwischen dem Vereinigten Königreich und einem EU-Mitgliedstaat (Deutschland) werden genaue Differenzen analysiert und Herausforderungen aus verschiedenen Aspekten untersucht.

Der Brexit ist derzeit ein Präzedenzfall mit bereits vielen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Dementsprechend ist der Forschungsansatz dieser Arbeit eine Literaturanalyse im Zusammenspiel mit einem Szenario-Modell. Dieses soll verschiedene Ausstiegsszenarien Großbritanniens gegenüber der EU darstellen und in der Verbindung mit einer Analyse von Publikationen Handlungsempfehlungen für diese Szenarien bilden.

2 Theoretischer Hintergrund des Brexit’s

Der Brexit-Prozess stellt die EU-27 vor die schwierige Aufgabe, einerseits die über Jahrzehnte gewachsenen Verflechtungen mit dem Vereinigten Königreich wieder zu lösen und andererseits eine enge Partnerschaft aufrechtzuerhalten und auf ein neues Fundament zu stellen.

2.1 Brexit als Herausforderung

Die Wahl zum Verlassen der EU war kein wirtschaftlicher, sondern ein kultureller Aufstand. Es war ein Aufstand gegen ein liberales, urbanes Großbritannien - gegen London, gegen die kulturelle Elite, gegen Einwanderung. Das Referendum wurde immerhin mit dem Slogan „Kontrolle übernehmen“ gewonnen.

„Britisch exit“ – die Entscheidung des Vereinigten Königreiches für das Verlassen der Europäische Union (EU).[1] Die britische Premierministerin Theresa May hat dies auf der Grundlage von Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union dem Europäischen Rat am 29. März 2017 offiziell mitgeteilt und damit eine zweijährige Frist für die Austrittsverhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich (Großbritannien und Nordirland) und den anderen 27 Mitgliedstaaten (EU-27) gestartet. Die Austrittsverhandlungen haben am 19. Juni 2017 offiziell begonnen.[2] Wenn es zu keinem Abschluss kommt, erlischt die EU-Mitgliedschaft ohne besondere Regelung. Die EU-Verträge gelten dann nicht mehr für Großbritannien. Die Frist kann verlängert werden, wenn der Europäische Rat dies einstimmig im Einvernehmen mit dem Vereinigten Königreich beschließt.[3]

Der Kreis der EU-Mitgliedstaaten wird dadurch erstmals kleiner; eines der bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Länder Europas hat sich gegen das Projekt EU entschieden. Allerdings bleiben die Briten unsere europäischen Nachbarn. Oder, wie Theresa May es richtig gesagt hat: „Wir verlassen die EU, aber nicht Europa.“ Die Gründe, die dazu geführt haben, dass sich eine knappe Mehrheit für den Brexit ausgesprochen hat, sind vielschichtig.[4]

Als Faktor wird die Zuwanderung gesehen, die im Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahren insbesondere aus Osteuropa stark zugenommen und die in manchen Teilen der Bevölkerung zu Ängsten geführt hat. Dazu beigetragen hat aber vor allem auch das besondere britische Souveränitätsverständnis, das in der Unterordnung unter supranationale Organisationen und deren Entscheidungen immer schon einen Verlust an Volkssouveränität und Unabhängigkeit gesehen hat. Darüber hinaus ist das Brexit-Votum auch eine Entscheidung gegen die Solidargemeinschaft, die die EU beispielsweise in finanzieller Hinsicht darstellt und die zuletzt in der Euro- und in der Flüchtlingskrise gefordert war.[5] Ein weiteres Argument der Brexit-Befürworter lautete unter anderem, Großbritannien würde jede Woche die exorbitante Summe von 350 Mio. £ an die EU überweisen. Tatsächlich ist Großbritannien trotz des sogenannten Britenrabatts der zweitgrößte Nettozahler in der EU, auch wenn sich die Summe auf nur ca. 160 Mio. £ pro Woche beläuft. Die Briten tragen damit rund 6% zum EU-Budget bei, während Deutschlands Anteil mehr als doppelt so groß ist. Der Brexit wird also Auswirkungen auf das EU-Budget haben und zu Ausgabenkürzungen oder Einnahmeerhöhungen führen müssen.[6]

Allerdings haben auch 48% der Wähler gegen den Austritt gestimmt. Die Befürworter eines Verbleibs in der EU, organisierten sich vor allem in der „Britain Stronger in Europe“-Kampagne, geführt von Lord Rose, dem ehemaligen Vorstand des Kaufhauskonzerns „Marks and Spencers“ und Will Straw (Arbeiter-Partei). Die Kampagne galt als offizielle Anti-Brexit-Kampagne und erhielt Zuschüsse in Millionenhöhe, da sich auch Banken und Unternehmen als Spendengeber beteiligten.[7]

Vor diesem Hintergrund ist die Aufgabe der britischen Regierung keine leichte, das Brexit-Votum umzusetzen, ohne die Gesellschaft dabei weiter zu spalten. Theresa May hatte sich vor den britischen Unterhauswahlen vom 8. Juni 2017 dazu entschlossen, das Land hinter einer Strategie zu vereinen, die die Stärke der britischen Nation als internationale Handelsmacht herausstellt.[8] Sie hat die Vision eines „Global Britain“ entworfen, das unabhängig und abseits von den vermeintlichen Zwängen supranationaler Institutionen als „fully-independent, sovereign country“ in Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt prosperieren wird. Ihre Strategie ist dabei konsequent an den Hauptzielen der Brexit-Kampagne ausgerichtet:

- Einschränkung der Zuwanderung, d. h. Abschaffung der Arbeitnehmerfreizügigkeit.
- Keine Bindung an das EU-Recht und vor allem nicht an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH).
- Kein Beitrag mehr zum EU-Haushalt.[9]

Um sich von all diesen Verpflichtungen zu befreien, die mit der EU-Mitgliedschaft verbunden sind, beabsichtigt die britische Regierung, aus der EU auszutreten und damit auch den Binnenmarkt zu verlassen. Da die britische Regierung ein großes Interesse hat, einen möglichst weitgehenden Zugang zum Binnenmarkt zu erhalten, wird dementsprechend ein Kompromiss für beide Parteien verhandelt. Denn schließlich ist die EU der mit Abstand größte Handelspartner. Ohne die Erfüllung der mit dem Binnenmarkt einhergehenden Verpflichtungen wird der Zugang dazu aber nicht ohne weiteres möglich sein. Vielmehr ist klar, dass es mit dem Ausstieg aus dem Binnenmarkt einen Rückschritt in den gemeinsamen Handelsbeziehungen geben wird. Denn ein Land außerhalb der EU kann nicht bessergestellt werden als ein Mitgliedstaat, der neben den Vorzügen der EU auch sämtliche damit einhergehenden Pflichten zu erfüllen hat.[10] Eine Möglichkeit zur weiteren Teilnahme am Binnenmarkt wäre gegebenenfalls eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), welche aber natürlich abhängig von den Austrittsverhandlungen ist (Szenarien Punkt 5.2). Dementsprechend steht die Europäischen Union sowie das Vereinigte Königreich vor einer immensen Herausforderung, da ein guter Kompromiss des "Nach-Brexits" verhandelt werden muss und die daraus entstehenden wirtschaftlichen Folgen kalkuliert werden müssen.

2.2 Vereinigtes Königreich

2.2.1 Volkswirtschaft

Das Vereinigte Königreich hat eine der offensten Volkswirtschaften der Welt – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) die zweitgrößte der Europäischen Union und die fünftgrößte der Welt. Ein überproportional hoher Anteil des BIP des Vereinigten Königreichs wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet (80%), wobei dem Finanzsektor mit 11% eine entscheidende Rolle zukommt.[11]

Seit dem starken Wirtschaftseinbruch in Folge der internationalen Finanzkrise strebt die britische Regierung sektoral und regional ausgewogenere Wirtschaftsstrukturen an. Sie betreibt dazu eine aktivere Industrie-, Forschungs- und Exportförderpolitik. Auf nationaler Ebene soll insbesondere die Region Nordengland durch Ansiedlung von Industrien und Forschungszentren gestärkt werden. Die Regierung plant Neuverschuldungen für die Finanzierung des Ausstiegs aus der EU und nimmt von dem bisherigen Ziel, das Staatsdefizit bis 2020 auf die schwarze Null zu bringen, Abstand. Ein ausgeglichener Haushalt wird für 2027 angestrebt. Für den Brexit sind in dem aktuellen Haushalt 3 Mrd. Pfund Sterling eingeplant. Der Außenhandel spielt für die britische Wirtschaft (zehntgrößte Exportnation weltweit) eine bedeutende Rolle. Mit ca. 46% nehmen Dienstleistungen einen hohen Anteil an den britischen Gesamtexporten ein.[12]

Der Finanzsektor und damit verbundene Dienstleistungen haben im Vereinigten Königreich mit einem Wertschöpfungsanteil von 11% eine große volkswirtschaftliche Bedeutung und tragen überproportional zum Steueraufkommen bei. London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York das wichtigste Finanzzentrum weltweit.
Der Arbeitsmarkt hat sich nach dem Einbruch in der Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen wieder erholt. Die Beschäftigungsquote liegt im Herbst 2017 mit 75% leicht unter den Werten aus dem Frühjahr 2017, zeigt aber eine positive Entwicklung zum Vorjahr (74,4%). Die wachsende Beschäftigung ist von einem erheblichen Strukturwandel zugunsten der Dienstleistungssektoren begleitet. Der Beschäftigungsanstieg wird in den letzten Jahren stark von Einwanderung aus anderen Teilen der EU getragen. Die Arbeitslosenquote lag im November 2017 bei 4,3% und damit auf dem niedrigsten Stand seit 1975. Jedoch ist die Jugendarbeitslosigkeit trotz positiver Entwicklung immer noch relativ hoch. Der Mindestlohn wurde in 2017 zweimal erhöht, zuletzt auf 7,83 Pfund Sterling pro Stunde. Der Arbeitsmarkt ist auch nach dem EU-Austrittsreferendum, anfangs zumindest, teilweise stabil geblieben.[13]

2.2.2 Multikulturelle Gesellschaft und Zuwanderung

Das Vereinigte Königreich ist eine multikulturelle Gesellschaft. Allein London ist eine Art Mikrokosmos der Welt.[14] Nach dem Zensus von 2001 haben 12% der in schulischer Ausbildung befindlichen 16 bis 25-jährigen einen asiatischen oder afro-britischen Hintergrund. Es leben knapp eine Million Moslems, eine halbe Million Hindus und eine Viertel Million Juden im Vereinigtem Königreich. Trotz dieser umfangreichen Zahlen, wird das Thema Multikulturalität nicht als Selbstverständlichkeit im Vereinigten Königreich gesehen. In den letzten 10 Jahren hat sich die Ablehnung weiterer Zuwanderung in der Bevölkerung verstärkt.[15] Ca. 75% geben in Befragungen an, dass sie weniger Einwanderung wünschen, wobei die primären Motive die Furcht vor Arbeitsplatzkonkurrenz und der Bedrohung der britischen Lebensweise, insbesondere durch Muslime sind.[16] 2006 wanderten 510.000 Menschen nach Großbritannien ein. Über ein Drittel (139.000) kamen aus dem sogenannten New Commonwealth, also aus Afrika. 205.000 Menschen kamen aus den damals 25-EU-Staaten. 102.000 vom indischen Subkontinent und 80.000 aus den alten Commonwealth-Staaten (Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika).[17]

Die erhöhte Einwanderung und das Gewähren von Asyl werden seit den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 als terroristischen Bedrohung gesehen. Demnach versucht die Innenpolitik bzw. das britische Parlament die Einwanderung durch Restriktionen zu mindern. Nichts desto trotz ist Zuwanderung wichtig für die inländische Wirtschaft und Produktivität. 2015 berichtete das ONS (Office for National Studies), dass die Mehrheit der Zuwanderer zum Studium oder zur Arbeit in das Vereinigte Königreich kommen. 294.000 Menschen kamen von 2015 bis Juni zum Arbeiten. Zwei Drittel hatten einen festen Job. Und 180.000 Menschen kamen aus der Europäischen Union.[18]

2.3 Europäische Union

Die Europäische Union ist eine einzigartige wirtschaftliche und politische Vereinigung von 28 europäischen Ländern, die zusammen einen großen Teil des europäischen Kontinents ausmachen.[19] Die Vorläuferorganisation der EU hat ihren Ursprung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles begann mit der Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dahinter stand die Idee, dass Länder, die Handel miteinander treiben, sich wirtschaftlich verflechten und daher kriegerische Auseinandersetzungen eher vermeiden. Das Ergebnis war 1958 die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und eine wachsende wirtschaftliche Zusammenarbeit, ursprünglich zwischen sechs Ländern, nämlich Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden. Seit diesen Anfängen haben sich 22 weitere Länder dieser Gruppe angeschlossen und einen großen Binnenmarkt gegründet, dessen Potenzial laufend weiterentwickelt wird. Was als reine Wirtschaftsgemeinschaft begonnen hatte, ist nun zu einer Organisation geworden, die vom Klimawandel über Umweltschutz und Gesundheit bis hin zu Außenbeziehungen und Sicherheit, Justiz und Migration zahlreiche Politikfelder abdeckt. Diesem Wandel wurde 1993 durch Umbenennung der EWG in Europäische Union (EU) Rechnung getragen.[20]

Zu den Errungenschaften der EU gehören mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden, Stabilität und Wohlstand, ihr Beitrag zur Steigerung des Lebensstandards und die Einführung einer einheitlichen europäischen Währung – des Euro. Der Euro ist mittlerweile die Währung für mehr als 340 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger in 19 Ländern.[21]

2.3.1 Binnenmarkt der Europäischen Union

Im EU-Binnenmarkt gewährleisten die Grundfreiheiten, dass alle Wirtschaftsgüter in allen Mitgliedsstaaten angeboten und verkauft werden dürfen. Die Anbieter aus verschiedenen Mitgliedsstaaten stehen also im Wettbewerb gleich gegenüber.[22]

Der europäische Binnenmarkt ist also ein gemeinsamer Wirtschaftsraum innerhalb der EU-Grenzen, in dem der freie und unbeschränkte Verkehr von Waren, Personen, Kapital und Dienstleistungen gewährleistet ist. Innerhalb des Binnenmarkts gibt es keine Zölle oder andere Handelshemmnisse mehr, für Importe aus anderen Staaten, den sogenannten Drittstaaten wird ein einheitlicher Außenzoll erhoben (Zollunion). Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gehören automatisch zum EU-Binnenmarkt.[23] Er basiert auf vier Grundfreiheiten: Freiheit der Waren, Freiheit der Dienstleistungen, Freiheit des Kapitals und der Freiheit bzw. Freizügigkeit der Arbeitskräfte.[24] Einfach gesagt bedeutet das, dass jede EU-Bürgerin und jeder EU-Bürger einkaufen, arbeiten, Dienstleistungen anbieten oder in Anspruch nehmen und investieren kann, wo er will.

Italienischer Wein im Supermarktregal, ein norwegisches Restaurant in München, eine Geldanlage in Dänemark und ein Job in Großbritannien – das alles klingt für unsere Ohren nicht ungewöhnlich, es ist die Umsetzung des Binnenmarktes.[25]

In vielen Bereichen unterliegen Güter und Dienstleistungen einheitlichen Regeln und Standards der Europäischen Union. Dieser Ansatz soll eine Harmonisierung der Standards auf Gemeinschaftsebene gewährleisten und den Handel erleichtern. Zusätzlich zu den 27 EU-Staaten gehören noch Norwegen, Island und Liechtenstein zum EU-Binnenmarkt. Sie sind der Europäischen Union im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verbunden.[26]

Mit über 493 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern und einer Wirtschaftsleistung von rund 11,5 Billionen Euro ist der europäische Binnenmarkt der größte einheitliche Markt der industrialisierten Welt. Deutsche Unternehmen lieferten 2005 Waren im Wert von rund 500 Milliarden Euro in die anderen EU-Länder – das sind fast zwei Drittel unserer gesamten Ausfuhren. Immer wichtiger wird dabei gerade der Export in die neuen Mitgliedstaaten, in die 2005 rund 8,4 Prozent der deutschen Ausfuhren gingen. Damit sind die neuen EU-Staaten für Deutschland als „Kunden“ genauso wichtig wie die USA (8,8 Prozent der deutschen Exporte). Der Abbau von Handelsschranken hilft den Betrieben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: ihre Wettbewerbsfähigkeit. Einheitliche Märkte bedeuten mehr Innovation und eine Zunahme des Handels in den teilnehmenden Ländern. Für die Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das: bessere Produkte zu niedrigeren Preisen. Der Binnenmarkt steigert die Wirtschaftsleistung der Union um 0,6-0,8 Prozentpunkte pro Jahr. Sozialer Schutz ist unverzichtbarer Bestandteil des europäischen Marktmodells.[27] Europäische Regeln gelten für die Sicherheit, Gesundheit, Information und Mitbestimmung am Arbeitsplatz. Zum Binnenmarkt gehört auch der Schutz der Wanderarbeitnehmerinnen und Wanderarbeitnehmer, die Gleichbehandlung von Mann und Frau und die Nichtdiskriminierung Behinderter.[28]

2.3.2 Arbeitnehmerfreizügigkeit

Überall in der Europäischen Union leben und arbeiten - das ist ein europäisches Bürgerrecht. Die "Freizügigkeit" für Erwerbstätige (Arbeitnehmer und Selbstständige) in allen Mitgliedstaaten ist bereits seit 1968 garantiert.[29] Seit Beginn der neunziger Jahre können auch Studenten und aus dem Erwerbsleben ausgeschiedene Personen frei ihren Aufenthaltsort wählen. Somit treten auch Arbeitnehmer aus verschiedenen Mitgliedsstaaten zueinander in Konkurrenz. Sie können im Binnenmarkt, in jedem anderen Staat eine Arbeit aufnehmen. Sie können außerdem von Ihrem heimischen Arbeitgeber in einen anderen Mitgliedsstaat entsandt werden, um dort als dessen Erfüllungshilfe eine Leistung zu erbringen. Auch die Überlassung eines Arbeitnehmers aus einem Mitgliedsstaat in einen anderen, wo er von einem Entleiher wie ein eigener Arbeitnehmer eingesetzt wird ist im Binnenmarkt zulässig. Europäische Arbeitnehmer und Arbeitgeber machen von dieser Freizügigkeit Gebrauch: Im Jahr 2014 arbeiteten 7,07 Millionen EU-Bürger in einem anderen Mitgliedsstaat als dem ihrer Staatsangehörigkeit. Dies entspricht 3,3% der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union. Im selben Zeitraum gab es ca. 1,92 Millionen Entsendungen von 1,15 Millionen Arbeitnehmern. Die meisten dieser Arbeitnehmer wurden nach Deutschland entsandt (414.220 von 1,92 Millionen).[30]

In den nächsten Abschnitten folgt eine Analogie zwischen Deutschland und Großbritannien, um am Ende dieser wissenschaftlichen Arbeit das genaue Maß der Auswirkungen darstellen zu können.

2.3.3 Volkswirtschaft - Deutschland

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist 2017 um 2,2 Prozent gewachsen. Im Jahr 2016 hatte das BIP um 1,9 Prozent zugelegt.[31] Getragen wurde der kräftige Wirtschaftsaufschwung den Zahlen zufolge von der Kauflust der Verbraucher, gestiegenen Investitionen vieler Unternehmen und der starken Weltwirtschaft, die die Nachfrage nach Produkten "Made in Germany" ankurbelt. Deutschlands Exporteure steuern 2017 auf das vierte Rekordjahr in Folge zu. In den ersten elf Monaten wurden Maschinen, Autos und andere Waren im Wert von 1,18 Billionen Euro ausgeführt (plus 6,5 Prozent).
Für das laufende Jahr rechnet die Bundesregierung mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 2,3 Prozent (preisbereinigt).[32]

Für das Jahr 2019 wird ein Anstieg um 2,1 Prozent erwartet.[33] Von der seit Jahren florierenden Konjunktur - und den anhaltend niedrigen Zinsen - profitiert auch der Fiskus: Der deutsche Staat konnte nach Berechnungen der Statistiker 2017 zum vierten Mal in Folge mehr Geld einnehmen als ausgeben.[34] Der Überschuss von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen machte unter dem Strich 1,2 Prozent des BIP aus, nach 0,8 Prozent im Vorjahr. Ein minimales Defizit hatte Deutschland zuletzt 2013 verbucht. Die deutsche Wirtschaft befindet sich daher in einer sehr guten Verfassung. Eine Erfolgsgeschichte in Deutschland ist der Beschäftigungsaufbau.[35]

Nachdem 2016 43,5 Millionen Personen einer Erwerbstätigkeit nachgingen, wird sich diese Zahl im Jahr 2017 noch einmal um 320 Tausend Personen erhöhen. Damit erreicht nicht nur die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt, sondern auch die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen neuen Höchststand. Im Vergleich zu 2013 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen im letzten Jahr um rund 1,5 Millionen erhöht, gegenüber 2005 sogar um mehr als vier Millionen. Zum Beschäftigungsaufwuchs wird auch die hohe Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt aus der Europäischen Union beitragen.[36]

Die hohe Zuwanderung von Schutzsuchenden wird sich dagegen erst nach und nach in Form höherer Erwerbstätigkeit, aber auch Arbeitslosigkeit auswirken. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit 25 Jahren und dürfte sich bei der Marke von 6 Prozent stabilisieren. Die Quote der Jugenderwerbslosigkeit liegt auf dem niedrigsten Stand innerhalb der Europäischen Union.[37]

Der Arbeitsmarkt hat sich 2017 sehr gut entwickelt: die Zahl der arbeitslosen Menschen ist im Jahresdurchschnitt zum vierten Mal in Folge gesunken, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist kräftig gestiegen, und die Nachfrage der Betriebe nach neuen Mitarbeitern hat gegenüber dem Vorjahr nochmals weiter zugelegt. Im Jahresdurchschnitt 2017 waren in Deutschland 2.533.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Damit reduzierte sich die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 158.000. Der Bestand gemeldeter Arbeitsstellen lag im Jahresdurchschnitt 2017 bei 731.000. Das waren 75.000 mehr als im Vorjahr. Die meisten Vakanzen (Stellenangebote) richteten sich 2017 an Arbeitskräfte in den Bereichen Verkehr und Logistik, Verkauf, Metall, Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Energie- und Elektrotechnik sowie Gesundheit.[38]

Durch die Freizügigkeit von Personen (Arbeitnehmerfreizügigkeit) innerhalb der Europäischen Union können EU-Bürgerinnen und -Bürger in anderen Mitgliedstaaten ohne Einschränkung arbeiten. 2014 waren in Deutschland rund 1,81 Millionen Erwerbstätige von 20 bis 64 Jahren mit einer Staatsbürgerschaft aus dem EU-Ausland tätig.[39]
Das waren 4,8 % aller Erwerbstätigen. Die Zahl der Erwerbstätigen aus dem Nicht-EU-Ausland war mit rund 1,76 Millionen beziehungsweise 4,6 % der Erwerbstätigen ähnlich hoch wie derjenigen aus dem EU-Ausland. In den vergangenen zehn Jahren ist der komplette Anteil bzw. Gesamtanteil der ausländischen Erwerbstätigen in Deutschland leicht gestiegen. Er erhöhte sich von 8,5 % (2005) auf 9,4 % (2014).[40]

2.4 Vergleich der Volkswirtschaften

Die deutsch-britischen Beziehungen sind eng, vertrauensvoll und vielfältig. Deutschland und das Vereinigte Königreich verbindet die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, in der NATO, den Vereinten Nationen, der G7, der G20 und anderen internationalen Gremien. Wie Deutschland, engagiert sich das Vereinigte Königreich für den internationalen Klimaschutz.[41] Weitere Ähnlichkeiten der beiden Staaten stellt das folgende Schaubild, im Vergleich der Staatengröße dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ländervergleich[42]

Großbritannien ist mit seinen knapp 65 Mio. Einwohnern nach Deutschland und Frankreich der drittgrößte EU-Mitgliedstaat und damit einer der 'großen Drei', welche insbesondere die intergouvernementalen Bereiche der EU besonders stark beeinflussen.

Wirtschaftlich liegt das Land mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von knapp 2.569 Mrd. € (2015) noch deutlich vor Frankreich (2.184 Mrd. €) an zweiter Stelle hinter Deutschland (3,026 Mrd. €). Vor allem hat sich das Vereinigte Königreich deutlich besser von der Wirtschafts- und Finanzkrise erholt als die meisten Euro- Staaten und erreichte seit 2009 stets höhere Wachstumsraten als die Eurozone in ihrer Gesamtheit.[43]

Während Deutschland in der EU einen Handelsbilanzüberschuss bei Waren erzielt (d. h., es werden mehr Waren exportiert als importiert), liegt bei den Dienstleistungen ein Handelsbilanzdefizit vor. Für Großbritannien ist dies genau umgekehrt. Mit einem Gesamtwert des Dienstleistungsexports in die EU von 122.491 Mio. Euro und einem Importgesamtvolumen von 93.653 Mio. im Jahr 2015 hatte Großbritannien bei den Dienstleistungen in der EU einen Handelsbilanzüberschuss von 28.838 Mio..[44] Hervorzuheben ist dabei, dass der Bereich der Finanzdienstleistungen fast den gesamten Handelsbilanzüberschuss bei den Dienstleistungen von Großbritannien in der EU ausmacht. Im Jahr 2014 lag der Gesamthandelsbilanzüberschuss bei den Dienstleistungen bei 21.239 Mio. Euro und der Überschuss bei den Finanzdienstleistungen bei 20.585 Mio..[45] Die deutschen mittelbaren und unmittelbaren Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich lagen 2015 bei über 121 Mrd. Euro, die britischen mittelbaren und unmittelbaren Direktinvestitionen in Deutschland (wie zum Beispiel BP, Shell, GKN, Terra Firma, Rolls Royce), bei 49 Mrd. Euro.[46]

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich (UK) betrug im Jahr 2017 insgesamt 121,5 Milliarden Euro. Etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Handel mit UK ab. Deutsche Unternehmen haben bis heute Investitionen im Wert von über 140 Milliarden Euro aufgebaut. Es gibt circa 2.500 Niederlassungen deutscher Firmen, die nahezu 400.000 Mitarbeiter beschäftigen. Britische Unternehmen haben in Deutschland 1.400 Niederlassungen und beschäftigen circa 240.000 Mitarbeiter.[47]

In Deutschland leben und arbeiten insgesamt ca. 115.000 Briten; im Vereinigten Königreich haben sich ca. 262.000 Deutsche niedergelassen. Ihnen könnten in Zukunft erhebliche Beschränkungen in Bezug zu der Aufnahme einer Beschäftigung auferlegt werden.[48]

2.5 Bisherige Auswirkungen

Der Beschluss, aus der EU auszutreten, welcher bisher nur für Skepsis Europas, durch die Massenpresse und den zum Teil nationalistischen Reden britischer Politiker sorgte,[49] habe die Wahrnehmung von Großbritannien als Arbeitsort verändert.

Die Regierung interpretiert das EU-Referendumsergebnis auch als Signal der Unzufriedenheit im eigenen Land und hat Maßnahmen zur sozialen Förderung insbesondere für die Mittelschicht ergriffen. Die Auswirkungen der Brexit-Entscheidung machen sich daher schon langsam im Vereinigten Königreich bemerkbar. 2016 erzielte Großbritannien ein Wirtschaftswachstum von 1,8%.[50] Die Wachstumsprognose der britischen Regierung wurde in dem Haushaltsplan von November 2017 von den ursprünglich für 2017 erwarteten 2,2% auf 1,5% korrigiert (2018: 1,4%, 2019 und 2020: 1,3% erwartet). Die Produktivitätsprognose wurde auf 0,9% für 2018 reduziert. Steigende Inflation (3% im Oktober) durch ein geschwächtes Pfund Sterling führte zuletzt zu sinkenden Realeinkommen. Hintergrund ist die unsichere Zukunft im Hinblick auf den Brexit.
Derzeit investieren Unternehmen zurückhaltender und der Konsum ist verhaltener.
Die Regierung will den Folgen der Brexit-Entscheidung u. a. mit Infrastrukturprojekten, gelockertem Sparkurs und Investitionen in Forschung, Entwicklung und Zukunftsindustrien begegnen. Sie erwägt Maßnahmen zur Förderung der Attraktivität des Standortes Vereinigtes Königreich für in- und ausländische Investoren, darunter Steuererleichterungen für Unternehmen.[51]

Die Folgen des Brexit’s machen sich auch im schwachen konjunkturellen Wachstum und im Fachkräftemangel bemerkbar. So ist beispielsweise die Zahl der Ärzte und Pflegekräfte aus EU-Staaten seit dem Referendum um 90 Prozent gefallen, mittlerweile sind 40.000 Stellen im Gesundheitssektor unbesetzt.[52] Laut einer Umfrage des NMC Nursing & Midwifery Council) wurde die Fluktuation im Gesundheitssektor Großbritanniens untersucht. Die Fragen der empirischen Untersuchung bezogen sich auf die Gründe für das Verlassen der Registrierung. Knapp 47 Prozent der im Land (GB) lebenden ausländischen Arbeitskräfte, stimmten laut Studie der Aussage zu, dass der Brexit sie dazu bewegt habe außerhalb des Vereinigten Königreichs zu arbeiten. Daher könnte dem Land in absehbarer Zeit ein Fachkräftemangel drohen, gerade im Anbetracht der hohen Flexibilität und Mobilität der Hochqualifizierten (Wechsel in andere Länder).[53]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: NMC Studie[54]

Das Schaubild der NMC-Studie verdeutlicht, dass das Angebot der Europäischen Arbeitskräften (Hebammen und Krankenschwestern) auf dem britischen Arbeitsmarkt drastisch gesunken ist.

Des Weiteren lag das Wirtschaftswachstum Großbritanniens im vergangenen Jahr bei lediglich 1,8 Prozent und damit deutlich hinter der Eurozone mit 2,5 Prozent. Auch Großkonzerne warnen seit Monaten eindringlich vor den Folgen und führen die Pleite des Bau- und Dienstleistungskonzerns Carillion oder die Einbrüche des Dienstleistungskonzerns Capita auf den Brexit zurück.[55] Spürbar ist derzeit die sinkende Kaufbereitschaft der Verbraucher, die auch als Ursache für das schwache konjunkturelle Wachstum gewertet wird. Aufgrund der Inflation des Pfunds, die mittlerweile bei drei Prozent liegt, steigen die Preise importierter Konsumgüter. Gehälter und Löhne hinken dieser Entwicklung seit etwa einem Jahr hinterher. Zu spüren ist auch, dass die Zuwanderung seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 schon stark gefallen ist: von 336.000 im Jahr zuvor auf nur noch 230.000 in den zwölf Monaten nach dem Referendum.[56] Laut der Statistikbehörde ONS sind für drei Viertel dieses Rückgangs die gesunkene Zuwanderung aus der EU verantwortlich. Dass EU-Bürger fernbleiben, hat aber auch ganz banale wirtschaftliche Gründe: Das britische Pfund hat seit dem Brexit-Votum gegenüber dem Euro etwa 15 Prozent an Wert verloren, zudem boomt die Wirtschaft in Kontinentaleuropa. Dadurch wirkt Großbritannien heute weitaus weniger attraktiv als noch vor zwei Jahren.[57] Auf die noch zu erwarteten Auswirkungen gerade im Bezug zu Migration und Mangel an Fachkräften, wird explizit in den Punkten 5 und 6 eingegangen.

3. Grundlagen der klassischen Personalbeschaffung

Die Personalbeschaffung ist eine Aktivität eines Unternehmens, die dazu dient, das Personal in der erforderlichen Anzahl mit erforderlichen Qualifikation und Kompetenz zu dem für die Erstellung der betrieblichen Leistung notwendigen Zeitpunkt oder Zeitraum an dem jeweiligen Einsatzort verfügbar zu machen.[58]

3.1 Einordnung der Personalbeschaffung in die Personalwirtschaft

Die Personalbeschaffung „befasst sich mit der Bereitstellung der für das Unternehmen erforderlichen Arbeitskräfte in quantitativer, qualitativer und zeitlicher Hinsicht“.[59] Mit den Planungs- und Beschaffungsdimensionen des Personalmanagements wird auf die Ausstattung eines Unternehmens mit Human Ressource Management (HRM) abgestellt. Die Ausrichtung dieser Dimensionen kann sowohl quantitativ als auch qualitativ erfolgen.[60]

Personalbeschaffung umfasst daher alle Aktivitäten, die der bedarfsgerechten Gewinnung von Mitarbeitern dienen. Dabei können zunächst die Personalwerbung und die Bewerberauswahl als zwei miteinander verbundene Teilaufgaben bzw. -phasen unterschieden werden. Während im Rahmen der Personalwerbung entschieden werden muss, wie und wo ein benötigter Mitarbeiter beschafft werden soll, steht bei der Bewerberauswahl die Identifikation der sogenannten „right potentials“ im Vordergrund.[61] Unterdessen liegt der Schwerpunkt der Personalbeschaffung in Zeiten eines Arbeitskräftemangels auf der Personalwerbung.[62] Ebenfalls besitzt bei einem Arbeitskräfteüberangebot die Bewerberauswahl die größte Bedeutung, da sie eine wichtige Auslesefunktion von unpassenden Bewerbern übernimmt. Eine dritte Teilaufgabe bzw. -phase der Personalbeschaffung bildet die Personaleinstellung.[63]

3.2 Prinzipien und Ziele der Personalbeschaffung

Die Personalbeschaffung oder auch die Personalrekrutierung genannt, ist darauf ausgerichtet, freie Stellen bzw. Vakanzen mit neuem Personal zu besetzen. Für die Erledigung dieser Aufgaben gibt es eine Richtschnur die sich aus personalpolitischen Prinzipien ableitet. Diese sind:[64]

Arbeitsmarktprinzip: Die Personalbeschaffung muss sich am aktuellen Arbeitsmarkt orientieren.

Flexibilitäts- und Personalbindungsprinzip: Neuzugänge sollten möglichst vielseitig sein, sich aber zugleich dauerhaft an das Unternehmen binden.

Personalpassungsprinzip: Leistungsfähige und -willige, verträglich Beschäftigte gewinnen, bedeutet eine Beschaffung deren Eignung sich dauerhaft mit den an sie gestellten Anforderungen deckt.

Prinzip der Menschenwürde/ Diversity-Prinzip: Bei der Personalauswahl muss soziale Gerechtigkeit herrschen. Hierbei ist auch das AGG zu beachten.[65]

Ziel dieser Prinzipien der Personalbeschaffung ist die fristgerechte Deckung des ermittelten Nettopersonalbedarfs in einer Personalkategorie. Sie wird notwendig, wenn (vorübergehender) Bedarf nicht durch Mehrarbeit bzw. Überstunden gedeckt werden kann oder soll. Dabei ist grundsätzlich danach zu unterscheiden, ob Personal innerhalb oder außerhalb des Unternehmens beschafft werden soll.[66]

3.3 Abgrenzung interner und externer Personalbeschaffung

Nach der Ermittlung des Personalbedarfs, der Identifizierung und Analyse des relevanten Beschaffungsmarkts, werden zwei wesentliche Arten der Personalbeschaffung bzw. Personalrekrutierung betrachtet, nämlich externe und interne Personalsuche im Sinne einer Auswahl der Beschaffungswege. Im Rahmen der externen Personalbeschaffung werden Mitarbeiter über außerbetriebliche Arbeitsmärkte rekrutiert. Dabei unterscheidet man zwischen einer passiven, aktiven und ergänzend stärker interaktiven Art der Personalbeschaffung.[67]

Bei einer passiven Personalbeschaffung erfolgt die Rekrutierung von Mitarbeitern durch Inanspruchnahme von Arbeitsvermittlungsagenturen, durch Eigen- oder Initiativbewerbungen von potenziellen Interessenten, durch Auswertung von Stellengesuchen, durch vorhandene Bewerberkarteien und Datenbanken oder Personal-Leasing. Im Zusammenhang mit externen Beschaffungswegen wird zunächst unterschieden zwischen öffentlicher und privater Arbeitsvermittlung.[68]

Bei einer aktiven Personalbeschaffung erfolgt die Rekrutierung neuer Mitarbeiter durch Stellenanzeigen, durch Vernetzung neuer Medien und Kommunikationsmittel, wie z. B. Internet-Stellenanzeigen, Bewerbung-Online etc., durch College-Recruiting an Hochschulen über Fachvorträge, Praktika etc., durch den Einsatz von Personalberatern bzw. Personalvermittlern oder durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen zum Zwecke der Profilierung der Arbeitgeberattraktivität.[69]

Mit einer interaktiven Personalbeschaffung, die als gesonderte Art der Beschaffung von Mitarbeitern angesehen werden kann, wird dem Umstand Rechnung getragen, dass verstärkt ein E-Recruiting zum Einsatz kommt. Dies erweist sich in Verbindung mit der starken Verbreitung mobiler Endgeräte und der damit verbundenen Weiterentwicklung zu einem M-Recruiting als sinnvoll.[70] Im Rahmen der internen Personalbeschaffung kann die Bereitstellung von personellen Kapazitäten ohne oder mit Änderung bestehender Arbeitsverhältnisse erfolgen:

Interne Personalbeschaffung ohne Änderung bestehender Arbeitsverhältnisse erfolgt entweder über Mehrarbeit, Urlaubsverschiebung oder durch eine Erhöhung des Qualifikationsniveaus, wie z.B. bei der Anpassungsfortbildung.[71]

Interne Personalbeschaffung mit Änderung bestehender Arbeitsverhältnisse erfolgt über Personalversetzung, eine Umwandlung von Teilzeit in Vollzeitarbeitsverträge bzw. befristete in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse, durch eine innerbetriebliche Stellenausschreibung sowie über Umschulung bzw. die Übernahme von Auszubildenden. Mit einem sogenannten Stellenclearing wird über einen systematischen Informationsaustausch zwischen Führungskräften und Mitarbeitern quasi ein Vorschlagssystem zur Stellenbesetzung installiert. Einer internen Beurteilungskompetenz der Führungskräfte stehen eine gewisse Intransparenz der Stellenbesetzung hierbei entgegen.[72] Die bedeutendste Form der internen Personalwerbung stellen somit innerbetriebliche Stellenausschreibungen dar. Diese können beispielsweise durch Aushänge an Schwarzen Brettern, Stellenanzeigen in der Mitarbeiterzeitung, Meldungen im Intranet, Nennung in jour fixen oder E-Mails an spezifische Adressatengruppen erfolgen.[73]

Vorteile einer internen oder innerbetrieblichen Personalbeschaffung liegen in den Aufstiegschancen für Mitarbeiter, in geringeren Beschaffungskosten bei Bewerbungsverfahren, vorhandenen Betriebskenntnissen von potenziellen Bewerbern, in schnelleren Stellenbesetzungsmöglichkeiten sowie einer transparenten Personalpolitik.[74]

Nachteile resultieren aus den geringeren Auswahlmöglichkeiten bei der Personalrekrutierung, den möglicherweise höheren Fortbildungskosten zur Anpassung von Bewerbern an neue Stellen (Überwindung von Betriebsblindheit) sowie einem Fokus auf überwiegend qualitative Personalpolitik, die unter Umständen den quantitativen Personalbedarf nicht ersetzen kann.[75]

Vorteile einer externen oder außerbetrieblichen Personalbeschaffung bestehen wegen der breiteren Auswahlmöglichkeit auf nationalen oder internationalen Arbeitsmärkten und einer möglichen höheren Qualität der Qualifikation entsprechender Bewerber.[76] Dadurch werden dem Unternehmen neue Impulse bzw. Input und innovative Potenziale zugeführt. Externe Personalbeschaffung löst also das Personalbedarfsdeckungsproblem durch die Einstellung neuer Mitarbeiter oft direkt und unmittelbar.

Nachteile ergeben sich aus höheren Beschaffungskosten, durch ein größeres Risiko bei Vorgabe einer Probezeit und fehlenden Betriebskenntnissen, gleichzeitig werden innerbetriebliche Aufstiegsbesetzungen und Aufstiegsmöglichkeiten begrenzt.[77] Im Falle des externen E-Recruiting kann die Kontrollmöglichkeit seitens des Unternehmens eingeschränkt sein.[78]

4 Personalrekrutierung von Fachkräften in der EU

Der Wettbewerb auf den Absatzmärkten wird in Zukunft immer mehr dadurch gekennzeichnet sein, dass von einer Rolle leistungsfähiger Unternehmen mehr oder weniger gleichartige Ressourcen, Produkte und Dienstleistungen angeboten werden. Um sich von den Mitbewerbern abzuheben und konkurrenzfähig zu bleiben, müssen sich Unternehmen stetig am Markt orientieren und schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren können. Dabei spielt ein effizientes Personalmanagement eine entscheidende Rolle. Insofern wird es für jedes einzelne Unternehmen in den kommenden Jahren wichtig sein, sich mit Hilfe von qualifiziertem Personal zu profilieren. Im Rahmen der Personalbeschaffung ist also darauf zu achten, dass die Mitarbeiter gewonnen werden, die den Stellenanforderungen möglichst entsprechen. Jede Neueinstellung von Personal muss also als Investition betrachtet werden, die erheblichen Umfang annehmen kann. Diese Aufgabe übernimmt größtenteils die Personalrekrutierung.[79]

4.1 Kanäle der europäischen Personalrekrutierung

In Unternehmen müssen Vakanzen (offene Stellen) mit dem geeigneten Personal besetzt werden. Dabei hilft ein durchdachtes Konzept der Personalrekrutierung. Es kommt darauf an, dass das Personal die fachlichen Anforderungen an dieser Stelle erfüllt und über eine entsprechende Qualifikation verfügt. Meist sind auch sogenannte Softskills gefragt, beispielsweise Teamfähigkeit, Belastbarkeit und Flexibilität. Um das geeignete Personal für die offene Stelle zu finden, ist die Personalrekrutierung erforderlich, die von der Personalabteilung des Unternehmens oder von externen Dienstleistern vorgenommen wird.[80] In den Unternehmen erfolgt die Personalrekrutierung sowohl intern als auch extern über die verschiedensten Rekrutierungskanäle.[81] Diese werden in folgenden Abschnitten erläutert.

4.1.1 Öffentliche Arbeitsvermittler

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnburg und die ihr untergeordneten Agenturen für Arbeit unterstützen Unternehmungen bei der Personalwerbung, indem sie Arbeitsmarktberatung sowie Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung anbieten. Dazu sammeln sie systematische Stellenangebote von Unternehmungen und Stellengesuche von Arbeitssuchenden und leiten diese weiter. Zu den Dienstleistungen der BA zählt auch die Veröffentlichung von Stellenangeboten (Stellen-Informations-Service) und Stellengesuchen (Arbeitgeber-Informations-Service) im Internet (www.arbeitsagentur.de). Sowohl die Beratung als auch die Stellenvermittlung sind kostenlos. Um der zunehmenden Differenzierung des Arbeitsmarktes Rechnung zu tragen, führt die BA besondere Dienste für spezielle Berufsgruppen durch. Dazu zählen etwa der Fachvermittlungsdienst für Hochschulabsolventen, Vermittlungsbörsen für IT-Fachkräfte und Ingenieure und die JOB-Vermittlungsbörse für Nebenbeschäftigungen. Die BA will sich in Zukunft verstärkt von einer Behörde zu einer Dienstleistungsunternehmung wandeln, um die Effizienz der Stellenvermittlung zu erhöhen.[82]

Das britische Gegenstück der Bundesagentur für Arbeit ist das Department for Work and Pensions. Das Department for Work and Pensions (Ministerium für Arbeit und Renten) ist das größte Ministerium des Vereinigten Königreichs und als solches verantwortlich für Sozialhilfe und Rentenpolitik.[83] Das Ministerium verfügt über vier operierende Organisationen[84]:

The Pension Service bezahlt die „State Pension“ (Altersversorgung) und den „Pension Credit“ (Rentenbeihilfe).

Disability and Carers Service gewährt Menschen mit Behinderung und ihren Pflegern finanzielle Unterstützung.

The Child Maintenance Group bezahlt Kindergeld, operiert im Moment als „Child Support Agency“ und die „Child Maintenance Agency“, letzteres wird aber als Langzeitnachfolger gehandelt.

Jobcentre Plus verwaltet das „Jobseeker’s Allowance“ (Arbeitslosengeld) und entscheidet nach einer Arbeitsfähigkeitsbewertung, wer das „Employment and Support Allowance“ (Erwerbsunfähigkeitsbeihilfe) erhalten darf.

Ebenfalls stellt es Ressourcen zur Arbeitsfindung zur Verfügung. Über Jobpoints (Touchscreen-Computerterminals), Jobseeker Direct (Telefondienst) und die Jobcentre Plus-Website, wird eine einfache Benutzeroberfläche geboten um als Arbeitssuchender schnell an Informationen zu kommen. Ansprüche auf Leistungen wie Einkommensunterstützung, Arbeitsunfähigkeitsgeld und Arbeitslosengeld werden auch vom Jobcentre verwaltet.[85]

4.1.2 Privatwirtschaftliche Arbeitsvermittler

Die Möglichkeiten der Betätigung von Personalvermittlern wurden durch die Änderung des Arbeitsförderungsgesetzes im Jahre 1994 erheblich ausgeweitet. Zuvor durften diese aufgrund des Vermittlungsmonopols der Bundesagentur für Arbeit keine eigenen Datenbanken mit Stellensuchenden und Stellenangeboten aufbauen, sondern lediglich beratend und nur bei konkreten Aufträgen von Stellenanbietern oder Stellensuchenden tätig werden. Personalvermittler (Headhunter) werden aufgrund der hohen Kosten zumeist nur bei der Besetzung von gehobenen Führungspositionen eingeschaltet.

Die Vorteile dieser Rekrutierungsform bestehen vor allem darin, dass die suchende Unternehmung zunächst anonym bleiben und auf das Netzwerk des mit der Personalsuche beauftragten Personalvermittlers zurückgreifen kann. Personalvermittler können wiederum geeignet erscheinende Kandidaten direkt ansprechen. Der gezielten Abwerbung von Mitarbeitern anderer Unternehmungen sind jedoch wettbewerbs- und arbeitsrechtliche Grenzen gesetzt.[86]

Im Vereinigten Königreich sind die sogenannten Personalvermittler, „employment agencies“ oder „recruitment companies“. Zu Deutsch: Arbeitsagenturen (keinen öffentlichen Bezug) und Personalberatungsagenturen „Personalrekrutierer“. Eine Arbeitsagentur ist eine Organisation, die Arbeitgeber mit Arbeitnehmern zusammenbringt. In allen Industrieländern gibt es eine öffentlich finanzierte Arbeitsvermittlung und mehrere private Unternehmen, die als Arbeitsagenturen agieren. Das Konzept des Recruiting-Unternehmen hat sich ebenfalls in den letzten Jahren in Deutschland verbreitet.[87]

Aufgabe des „Recuiters“ ist es den perfekten Kandidaten für eine offene Stelle zu finden, meist spezialisierte Fachkräfte. Als Angestellter eines großen Unternehmens oder einer Personalberatungsagentur – manchmal auch als Selbstständiger – ist er Spezialist in Sachen Personalsuche.[88]

4.1.3 Personalleasing

Eine relativ neue Methode der Personalwerbung, welche auch als eine Art der privatwirtschaftlichen Arbeitsvermittlung zu sehen ist, stellt das Personalleasing (Arbeitnehmerüberlassung oder Zeit- bzw. Leiharbeit) dar. Hierbei werden nicht Mitarbeiter durch Abschluss eines Arbeitsvertrags dauerhaft gewonnen, sondern von einer Zeitarbeitsfirma vorübergehend zur Verfügung gestellt. Die Zeitarbeitsfirma übernimmt die Personalauswahl und trägt die Gewähr dafür, dass die Mitarbeiter das gestellte Anforderungsprofil erfüllen.
Ein Vorteil des Personalleasings als Form der Personalwerbung ist insbesondere die Möglichkeit, einen saisonal bedingten oder kurzfristig entstehenden Personalbedarf (z.B. infolge von Krankheit, Urlaub, überraschender Kündigung oder Tod) schnell und flexibel decken zu können. Darüber hinaus trägt die Unternehmung kein Beschäftigungsrisiko und kann Leiharbeitnehmer bei sinkendem Personalbedarf leicht freisetzen.[89]

Dem stehen jedoch häufig ein hoher Aufwand der Vermittlung unternehmungsspezifischen Wissens und soziale Probleme der Zeitarbeitnehmer gegenüber, die sich aufgrund ihrer nur temporären Tätigkeit in der Unternehmung vielfach als „Mitarbeiter zweiter Klasse“ fühlen. Leiharbeit ist deshalb vor allem bei um- und angelernten technischen und kaufmännischen Mitarbeitern verbreitet, die nur über geringe Qualifikationen verfügen.[90]

4.1.4 Rekrutierungsmessen

Um Nachwuchs-, Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren, nutzen Firmen unter anderem Rekrutierungs- bzw. Jobmessen. Ursprünglich wurden Firmenkontaktmessen durch Studenten der lokalen Gruppen der Bonding-Studenteninitiative an den Hochschulen organisiert. Mittlerweile gibt es daneben kommerzielle Veranstalter und Personaldienstleister, die Massenmessen und auf Branchen oder auf den Mittelstand fokussierte Messen durchführen. Daneben werden vor allem in der Consulting-Branche von einzelnen Firmen und Personalberatungen auf Recruiting-Events mit Workshop-Charakter Hochschulabgänger und High Potentials angesprochen.[91]

Der Zweck dieser Veranstaltungen ist ganz unterschiedlich: Massenveranstaltungen dienen in erster Linie der Imagepflege der Unternehmen. Die Präsentation als Top-Arbeitgeber steht im Vordergrund. Bewerber finden hier eine erste berufliche Orientierung und Gelegenheit, mögliche Arbeitgeber kennen zu lernen. Andererseits sind aber intensive Gespräche kaum möglich. Diesem Anspruch werden eher Messen gerecht, bei denen Aussteller und Besucher nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden, wie z.B. bei branchenspezifischen Jobmessen oder Firmenkontaktmessen, die sich an Absolventen bestimmter Fachrichtungen wenden.[92]

Eine Rekrutierungsmesse ist daher eine Messe, die Kontakt zwischen Studenten, Schulabgängern und Absolventen, Berufstätigen sowie Arbeitssuchenden auf der einen Seite und Unternehmen aus Wirtschaft, Politik und Forschung oder Hochschulen auf der anderen Seite ermöglichen soll. Die Messen werden mit unterschiedlichen Schwerpunkte veranstaltet, um verschiedene Sparten oder Zielgruppen anzusprechen. Das Modell der Rekrutierungsmesse ist auch im Vereinigten Königreich weitverbreitet.

4.1.5 Online-Rekrutierung

Die Nutzung des Internet als Pfad der Personalwerbung bzw. Rekrutierung hat seit Mitte der neunziger Jahre eine große Bedeutung erlangt. Kanäle wie Social Media werden hierbei erheblich genutzt.[93] Zur Optimierung von Social Media oder Onlinediensten eines
E-Recruiting kann ein Suchmaschinenmarketing genutzt werden, um Websites eines Unternehmens gezielt aufzufinden. Social Media-Dienste lassen sich über folgende vier Untergruppen abbilden:[94]

(1) Soziale Kommunikationsdienste, wie z. B. Microblogs, Podcasts oder interaktives Internet-Sourcing, welches freizugängliche Bewerberprofile in Weblogs bzw. Blogs oder in Social und Business Networks bzw. Communities nutzt, etc.
(2) Soziale Kooperationsdienste, wie z. B. Wikis, Social Bookmarking-Dienste und Social News Sites, ergänzend Mobile Tags für weiterführende Informationen zum Stellenangebot oder Newsgroups zum Veröffentlichen, Lesen und Kommentieren von Stellenangeboten etc.[95]
(3) Multimedia-Dienste, wie z. B. Content Communities, in denen Texte um Bilder und Bewegbilder erweitert werden können, etc.

Schließlich (4) Unterhaltungsdienste, wie z. B. Virtual Game und Social Worlds oder sogenannte Recruitainment-Formate mit einer Verknüpfung von Elementen des Entertainments und Recruiting im Content von Stellenanzeigen etc.[96] Auch unkonventionelle Aktionen, wie Virales Personalmarketing durch systematische Empfehlungen (Word-of-Mouth) oder das Guerilla-Recruiting mit teils provokanten Botschaften im öffentlichen Raum, werden genutzt, um potenzielle Interessenten anzuwerben.[97]

4.1.6 Stellenanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften

Eine weit verbreitete Methode der externen Personalwerbung sind Stellenanzeigen in Zeitungen, Magazinen und Zeitschriften. Deren Effizienz ist insbesondere von folgenden Faktoren abhängig: Inhaltliche Gestaltung, Design, Medienauswahl, formale Gestaltung und Zielgruppenorientierung. Vorteile von Stellenanzeigen sind die Möglichkeit einer zielgruppenspezifischen Gestaltung, deren große Verbreitung und die Ansprache von Personen, die nicht aktiv auf Stellensuche sind. Stellenanzeigen verursachen jedoch relativ hohe Kosten (vor allem in überregionalen Zeitungen und Fachzeitschriften).[98] Darüber hinaus sind diese nur für kurze Zeit publik. Insbesondere im Vergleich zum „Electronic Recruiting“ ist die Suche nach geeigneten Stellen für potenzielle Bewerber zudem relativ aufwändig, da komfortable Suchfunktionen fehlen.[99]

4.1.7 Hochschulmarketing

Die Abwerbung der (zukünftigen) Absolventen von Universitäten, Fachhochschulen, Berufsakademien und Schulen wie Gymnasien, hat gerade in den USA seit vielen Jahren eine sehr große Bedeutung. Auch in Deutschland findet diese Form der Personalwerbung eine zunehmende Verbreitung. Maßnahmen des Hochschulmarketings sind z.B.: Fachvorträge von Unternehmen in Seminaren und Vorlesungen, Unterstützung von Seminar- und Diplomarbeiten sowie Dissertationen, Besichtigungen, Praktika, Beteiligung an speziellen Absolventenmessen.[100]

Die Vorteile des Hochschulmarketings bestehen darin, geeignete Kandidaten relativ frühzeitig kennen zu lernen und deren Verhalten in unternehmungsnahen Situationen beurteilen zu können. Potenzielle Bewerber lernen die Unternehmung und deren Organisationskultur kennen und können ihr weiteres Studium an den konkreten Anforderungen ihres Wunscharbeitgebers ausrichten. Ein Nachteil dieser Form der Personalwerbung für Unternehmungen ist der relativ hohe finanzielle und personelle Aufwand.[101]

4.2 Fachkräftemangel

Für den vielfach verwendeten Begriff „Fachkräftemangel“ gibt es bislang keine einheitliche Definition. Mitunter wird auch von Arbeitskräftemangel oder Fachkräfteengpässen gesprochen, wobei meist Unklarheit darüber herrscht, was einen Fachkräftemangel von einem Arbeitskräftemangel unterscheidet und wann vielmehr von Engpass-Situationen als von Mangellagen gesprochen werden muss. Ein Fachkräftemangel ist dadurch gekennzeichnet, dass es quantitativ betrachtet nicht genügend Fachkräfte gibt: Auf entsprechend ausgeschriebene offene Stellen gibt es entweder gar keine Bewerbungen oder aber die Bewerber entsprechen in wichtigen Teilbereichen der Qualifikation nicht den gestellten Anforderungen und sind deshalb ungeeignet. Meist wird der Begriff des Fachkräftemangels nur im Kontext der Besetzung offener Stellen verwendet.[102] Davon ist aber auch zu sprechen, wenn die Fachkenntnisse der Beschäftigten den an sie gestellten veränderten Anforderungen nicht (mehr) gerecht werden.[103] Die Mitgliedstaaten setzen verschiedene Maßnahmen ein, um dem Fachkräftemangel und -überschuss beizukommen. Dies beinhaltet eine Erhöhung des Fachkräfteangebots: durch allgemeine und berufliche Bildung, durch die Nutzbarmachung von Arbeitskräfte- und Kompetenzreserven und durch die Weiterqualifizierung der Beschäftigten.[104] Um allerdings von einem Fachkräftemangel in Europa oder spezifisch im Vereinigten Königreich und Deutschland sprechen zu können, muss vorerst das Fachgebiet spezialisiert werden. Ebenfalls könnte man nach Regionen filtern z.B. Bundesländer oder Bezirke. Dies würde detaillierte und aussagekräftige Ergebnisse für politische Entscheidungsfragen wiedergeben.

4.3 Zuwanderung

Viele Länder haben das Instrument der arbeitsmarktorientierten Zuwanderung entdeckt oder umgestaltet, um gezielt kurzfristig auftretende Nachfrageüberhänge nach qualifizierten Fachkräften ausgleichen zu können. Grundvoraussetzung für eine temporäre Einwanderung ist dabei der Arbeitsvertrag des ausländischen Arbeitnehmers mit einem inländischen Arbeitgeber. Letzterer muss nachgewiesen haben, dass die offene Stelle nicht durch einheimische Arbeitsnehmern zu besetzen ist. Für die temporäre Zuwanderung spielen seitens des Staates persönliche Faktoren wie Alter, Dauer des Aufenthaltes, Sprachkenntnisse oder Qualifikationen keine entscheidende Rolle. Die Beurteilung dieser Kriterien wird dem Arbeitgeber überlassen. Der Staat beschränkt sich bei der Steuerung der Einwanderung zumeist auf die Vergabe von Sozialleistungen und die Vergabe von Quoten, welche sich allerdings wie in Deutschland mit der Green Card auf eng definierte Berufsgruppen beschränken.[105] Je nach Staat und Abkommen gibt es bestimmte Gesetze, Richtlinien und Reformen, welche den Aufenthalt eines Zuwanderers beschränken. In der Europäischen Union und deren Binnenmarktfreiheit „Personenfreizügigkeit“, ist dieses Prozedere erleichtert und resultiert mehr Freiheiten für die EU-Staatsbürger, welche in einen anderen EU-Mitgliedsstaat einwandern wollen.

Mit dem bisher gewonnenen Wissen der letzten Kapitel (Kapitel 1-4) ist der theoretische Teil dieser wissenschaftlichen Arbeit abgeschlossen. Im nächsten Abschnitt wird die europäische Personalbeschaffung in Bezug auf den Brexit untersucht und praktisch erläutert.

5 Prognose der europäischen Personalrekrutierung nach EU-Austritt des Vereinigten Königreichs

Der Beschluss, aus der EU auszutreten, habe die Wahrnehmung von Großbritannien als Arbeitsort verändert. Der Ausgang der Volksbefragung hat aber auch deutlich gemacht, dass die Befürworter eines Austritts nicht allzu intensiv darüber nachgedacht hatten, wie ein Abschied aus der EU eigentlich aussehen könnte und wie er zu bewerkstelligen wäre. Bis heute sind wesentliche Fragen ungeklärt. Unter anderem ob Premierministerin Theresa May einen weichen oder harten Brexit anstrebt, also ein Ausscheiden oder, falls möglich, die weitere Teilhabe am EU-Binnenmarkt. Unklar bleiben auch die ökonomischen und politischen Folgen des Referendums. Schaut man allein auf das Handelsvolumen, sind die ökonomischen Risiken für Großbritannien größer als für den Rest der EU. Allein 51,4 Prozent aller britischen Exporte gehen dorthin, während umgekehrt die Exporte nach Großbritannien nur 6,6 Prozent aller Ausfuhren der übrigen EU-Staaten ausmachen. Außerdem soll die Migration, durch die Aufhebung der Arbeitnehmerfreizügigkeit des EU-Binnenmarktes, gezielt eingeschränkt werden.[106] Die Auswirkungen einer solchen Aufhebung können nur schwer eingeschätzt bzw. quantifiziert werden, da es hierzu an historischen Präzedenzfällen fehlt, auf die sich eine Schätzung stützen könnte. Darüber hinaus können aber qualitative Überlegungen über die Wirkungen einer Aufhebung der Personenfreizügigkeit getroffen werden. Diese Überlegungen werden in folgenden Abschnitten anhand einer Literaturanalyse sowie einer Szenario-Analyse dargestellt und ausgewertet. Um die analysierten Ergebnisse zu verdeutlichen, wird das Vereinigte Königreich mit dem EU-Mitgliedsstaat Deutschland verglichen, um Differenzen aus ökonomischer wie auch aus politischer Sicht aufzuzeigen.

5.1 Brexit vs. Arbeitnehmerfreizügigkeit

Ende März 2019 scheidet das Vereinigte Königreich auf eigenen Wunsch aus der Europäischen Union aus. Damit sind weitreichende Folgen und Herausforderungen für die europäische Wirtschaft verbunden, die sich auf fast alle Sektoren erstrecken. Die konkreten Auswirkungen des Austritts des Vereinigten Königreichs sind in vielen Bereichen noch nicht absehbar. Sie hängen stark von Faktoren wie Verhandlungen eines Abkommens über den Austritt, einem möglichen Übergangszeitraum und einer potenziellen Übereinkunft über die zukünftigen Beziehungen ab. Daher wird auf folgenden Seiten spekuliert und analysiert, in welche Richtung sich der Brexit im Fokus der Arbeitnehmerfreizügigkeit entwickelt.

5.1.1 Aktuelle Situation

Britische Staatsangehörige genießen als EU-Bürger derzeit noch die Grundfreiheit des EU-Binnenmarktes „Arbeitnehmerfreizügigkeit“ (Freizügigkeit von Personen). Um in Deutschland oder einem anderem EU-Mitgliedstaat zu leben und zu arbeiten, ist keine gesonderte Aufenthalts- und keine Arbeitserlaubnis erforderlich. Bei einem befristeten Einsatz beispielsweise in Deutschland können sie im Sozialversicherungsrecht ihres Heimatlandes Großbritannien bleiben. Britische Bürger müssen nicht ins deutsche Sozialversicherungssystem wechseln. Beitragspflichten sind dann in Großbritannien zu erfüllen. Ins deutsche Sozialversicherungssystem wird nicht eingezahlt.[107]

5.1.2 Beschränkungen beim grenzüberschreitenden Mitarbeitereinsatz

In Deutschland leben und arbeiten insgesamt ca. 115.000 Briten; im Vereinigten Königreich haben sich ca. 262.000 Deutsche niedergelassen. Ihnen könnten in Zukunft erhebliche Beschränkungen hinsichtlich der Aufnahme einer Beschäftigung auferlegt werden.
Arbeitgeber wären im Hinblick auf den grenzüberschreitenden Mitarbeitereinsatz deutlich beschränkter als vorher und müssten erhebliche bürokratische Hürden überwinden. Beispielsweise die Beantragung Arbeitserlaubnis oder eine (langwierige) Vorrangprüfung. Ob es dazu tatsächlich kommt, hängt jedoch – neben dem tatsächlichen Eintritt des „Brexits″ selbst – davon ab, ob sich Großbritannien dazu entscheidet, Freizügigkeitsabkommen mit den einzelnen EU-Staaten abzuschließen oder ob ein undurchlässiges Visasystem implementiert wird.[108]

Arbeitnehmer, die jenseits der Grenze eine Tätigkeit aufnehmen wollen, müssten deshalb möglicherweise ein (befristetes) Visum beantragen und im Zuge dessen Angaben zur Rückkehrabsicht und zur Einkommenshöhe machen. Hochqualifizierte britische Arbeitnehmer könnten nicht einfach in einen anderen Mitgliedsstaat ziehen und eine Arbeit aufnehmen, sondern müssten eine im EU-Recht vorgesehene „Blaue Karte/Blue Card″ beantragen oder die Kriterien einer Mitarbeiterentsendung innerhalb eines Unternehmens bzw. Konzerns erfüllen; für beide Optionen gelten viel strengere Regeln als für EU-Bürger. Geringer qualifizierte Arbeitnehmer und Selbständige unterfielen vollständig den strikten nationalen Rechtsvorschriften für eine Tätigkeit in der EU.[109]

Laut EU-Statistikbehörde Eurostat leben fast drei Millionen EU-Ausländer im Vereinigten Königreich. Bisher ermöglicht ihnen die EU-Freizügigkeit, dort zu wohnen und zu arbeiten. Gut zwei Millionen verdienen ihr Geld in der britischen Wirtschaft, insbesondere in London. Gemäß diesen Zahlen wird es eine große Rolle spielen, ob das Land zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gehören möchte oder nicht.[110]

5.2 Szenario-Analyse – Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Brexit

In folgenden Abschnitten werden die Brexit-Ausstiegsszenarien aufgelistet und erläutert. Hierbei werden explizit auf die Grundfreiheiten des Europäischen Binnenmarktes eingegangen. Spezifisch betrachtet wird die Grundfreiheit „Arbeitnehmerfreizügigkeit“, welche nach zukünftigen Auswirkungen auf die Migration in Großbritannien bzw. Zuwanderung von Fachkräften auf dem britischen Arbeitsmarkt, analysiert wird.

5.2.1 Szenario 1 - Das „Norwegen″-Szenario:

Norwegen ist Mitglied der Europäischen Freihandelszone (EFTA), die 1960 gegründet wurde, um Handelsinteressen der europäischen Staaten zu schützen, die nicht zur damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) gehörten. Die EG ist eine Sammelbezeichnung (seit 1967) für die drei Europäischen Gemeinschaften: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Europäische Atomgemeinschaft (EAG). Mit dem Vertrag von Maastricht wurde 1993 die EG zu einem Teil der Europäischen Union.[111] Seit 1994 bilden die EFTA- und EU-Länder – mit Ausnahme der Schweiz – den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Im EWR werden die vollen Rechte und Pflichten des EU-Binnenmarktes auf die Mitglieder ausgedehnt. Norwegen hat jedoch nur ein geringes Mitspracherecht bei der Erstellung der Regeln für den Binnenmarkt. Staaten des EWR nehmen nicht an der gemeinsamen Agrar- und Fischereipolitik teil.[112] Wenn sich Großbritannien dem EWR anschließen würde, könnte es eigene Freihandelsabkommen abschließen, aber nicht mehr von den Abkommen der EU profitieren. Norwegen ist verpflichtet, den freien Personenverkehr innerhalb des EWR zu akzeptieren. Das skandinavische Land hat sich dazu entschlossen, dem Schengen-Abkommen beizutreten. Norwegen ist an einigen EU-Programmen beteiligt und zahlt einen Beitrag in den EU-Haushalt.[113]

Das Vereinigte Königreich bleibt also Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), einem bestehenden Wirtschaftsabkommen zwischen der EU, Norwegen, Island und Liechtenstein. In diesem für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer günstigsten Fall würden die meisten bestehenden Regelungen zur Freizügigkeit in Europa weiterhin Geltung behalten.[114] Das hieße, für die meisten Firmen würde sich wenig ändern, sie hätten weiter vollen Zugang zum EU-Markt. Für Banken gilt dies prinzipiell auch, allerdings müssen die EWR-Staaten dafür EU-Regulierungen umsetzen, woran es seit der Finanzkrise hapert. Zum Beispiel fällt es den EWR-Staaten schwer, die neu geschaffenen EU-weiten Finanzregulierungsbehörden zu akzeptieren – was mit Großbritannien im EWR nicht einfacher würde. Und hier liegt auch das Hauptproblem dieses Norwegen-Szenarios. Großbritannien hätte keinen Einfluss mehr auf die zukünftige EU-Politik, inklusive des Bankensektors – Norwegen bekommt EU- Entscheidungen per Fax. Zudem müsste Großbritannien, wie Norwegen, weiter den EU-Haushalt mitfinanzieren und die Freizügigkeit von Arbeitnehmern akzeptieren, zwei Dinge, die Austrittsbefürworter strikt ablehnen. Politisch wäre die Norwegen-Option also ein unhaltbarer Zustand für Großbritannien.[115]

5.2.2 Szenario 2 - Das „Schweizer″ Szenario:

Das EFTA-Mitglied Schweiz ist nicht dem EWR beigetreten, sondern regelt den Zugang zum EU- Binnenmarkt über bilaterale Verträge. Diese decken jedoch nicht alle Wirtschaftsbereiche ab. Die Schweiz hat beispielsweise keinen generellen Zugang zu den EU-Märkten im Bereich für Finanzdienstleistungen; ein sowohl für die Schweiz als auch für das Vereinigte Königreich wichtiger Wirtschaftszweig. Wie Norwegen tätigt auch die Schweiz Zahlungen in den EU-Haushalt. Die Schweiz ist Schengen-Mitglied und gewährt bisher die freie Personenfreizügigkeit gegenüber der EU.[116]

Mit der Annahme der Volksinitiative "Gegen Masseneinwanderung" am 9. Februar 2014 hat die Schweizer Regierung vom Volk den Auftrag erhalten, die Personenfreizügigkeit zu begrenzen bzw. die Einwanderung zu mindern.[117]

[...]


[1] Vgl. Europäische Kommission, URL: https://ec.europa.eu/germany/news/brexit-erklärung-eu-wird-geeint-ihre-interessen-schützen_de, Stand: 09.06.2018.

[2] Vgl. Geppert (2017), S. 117.

[3] Vgl. Hosp (2017), S. 29.

[4] Bundesfinanzministerium, URL: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Europa/2017-07-28-Herausforderungen-und-Chancen-im-Brexit-Prozess.html, Stand: 13.05.2018.

[5] Vgl. Bundesfinanzministerium, URL: https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/2017/06/Inhalte/Kapitel-3-Analysen/3-1-Herausforderungen-und-Chancen-im-Brexit-Prozess.html, Stand: 09.05.2018.

[6] Vgl. Hefeker (2016), S. 629 f.

[7] Vgl. Sturm (2017), S. 241.

[8] Vgl. Sturm (2017), S. 239.

[9] Vgl. Sturm (2017), S. 239.

[10] Vgl. Bundesfinanzministerium, URL: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Europa/2017-07-28-Herausforderungen-und-Chancen-im-Brexit-Prozess.html, Stand: 13.05.2018.

[11] Vgl. Europa.eu, URL: https://europa.eu/european-union/about-eu/countries/member-countries/unitedkingdom_de Stand: 09.05.2018.

[12] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/wirtschaft/206410#content_1, Stand: 09.05.2018.

[13] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/wirtschaft/206410#content_1, Stand: 09.05.2018.

[14] Vgl. Sturm, 2017, S. 206.

[15] Vgl. Sturm (2017), S. 206.

[16] McLaren/Johnson (2007), S.197.

[17] Vgl. Sturm (2017), S. 207.

[18] Vgl. Sturm (2017), S. 210.

[19] Vgl. Europa.eu, URL: https://europa.eu/european-union/about-eu/eu-in-brief_de, Stand: 06.06.2018.

[20] Vgl. Europa.eu, URL: https://europa.eu/european-union/about-eu/eu-in-brief_de, Stand: 06.06.2018.

[21] Vgl. Bundeskanzleramt, URL: https://www.zukunfteuropa.at/errungenschaften-der-eu, Stand: 04.06.2018.

[22] Vgl. Wilde (2017), S. 19.

[23] Vgl. Zandonella (2007), S. 14.

[24] Vgl. Busch (2009), S. 4 f..

[25] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, URL: http://www.bpb.de/internationales/europa/europaeische-union/42858/grafik-binnenmarkt, Stand: 10.06.2018.

[26] Vgl. Bankingpolicy, URL: http://www.bankingpolicy.eu/wp-content/uploads/2017/07/BQB1-German-updated-NE-comments.pdf, Stand: 09.05.2018.

[27] Vgl. EU.info, URL: http://www.eu-info.de/europa/EU-Binnenmarkt/, Stand: 23.05.2018.

[28] Vgl. EU.info, URL: http://www.eu-info.de/europa/EU-Binnenmarkt/, Stand: 23.05.2018.

[29] Wilde (2017), S. 19.

[30] Wilde (2017), S. 19 f.

[31] Vgl. Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-bruttoinlandsprodukt-waechst-2017-um-prozent-a-1187259.html, Stand: 08.05.2018.

[32] Vgl. Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-bruttoinlandsprodukt-waechst-2017-um-prozent-a-1187259.html, Stand: 08.05.2018.

[33] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, URL: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/wirtschaftliche-entwicklung.html, Stand:22.05.2018.

[34] Vgl. Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/deutschland-bruttoinlandsprodukt-waechst-2017-um-prozent-a-1187259.html, Stand: 08.05.2018.

[35] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft (2017), S.6 f.

[36] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft (2017), S.7.

[37] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft (2017), S.7 f.

[38] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, URL: https://www.arbeitsagentur.de/presse/2018-02-jahresruckblick-2017-sehr-gute-entwicklung-des-arbeitsmarktes, Stand: 18.04.2018.

[39] Vgl. Crößmann/Mischke (2016), S.7 f.

[40] Vgl. Crößmann/Mischke (2016), S.7 ff.

[41] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/bilateral/206396, Stand:12.06.2018.

[42] Abbildung 1: Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Länderdaten, URL: https://www.laenderdaten.info/laendervergleich.php?country1=GBR&country2=DEU, Stand 18.04.2018.

[43] Bukovec (2017), S. 5.

[44] Vgl. Capuano (2017), S. 3.

[45] Vgl. Capuano (2017), S. 3 f.

[46] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/wirtschaft/206410 - content_1, Stand: 09.05.2018.

[47] Heidenreich/ Nothagel (2018), S2 ff.

[48] Vgl. CMS, URL: https://cms.law/de/DEU/Brexit/Brexit-overview/Checklisten/Arbeitsrecht, Stand: 15.05.2018.

[49] Sturm (2017), S. 243.

[50] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/wirtschaft/206410 - content_1, Stand: 15.05.2018.

[51] Vgl. Auswärtiges Amt, URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/wirtschaft/206410 - content_1, Stand: 15.05.2018.

[52] WEKA Fachmedien - CRN, URL: https://www.crn.de/software-services/artikel-116161-2.html, Stand:15.05.2018.

[53] Vgl. NMC Register, URL: https://www.nmc.org.uk/globalassets/sitedocuments/other-publications/the-nmc-register-2018.pdf, (Report S.12), Stand: 02.06.2018.

[54] Abbildung 2: Quelle: NMC Register, URL: https://www.nmc.org.uk/globalassets/sitedocuments/other-publications/the-nmc-register-2018.pdf, (Report S.12), Stand: 02.06.2018.

[55] Vgl. WEKA Fachmedien - CRN, URL: https://www.crn.de/software-services/artikel-116161-2.html, Stand:15.05.2018.

[56] Vgl. Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/brexit-die-wirtschaftlichen-folgen-sind-schon-jetzt-zu-spueren-a-1191080.html Stand: 30.05.2018.

[57] Vgl. Spiegel Online, URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/brexit-die-wirtschaftlichen-folgen-sind-schon-jetzt-zu-spueren-a-1191080.html Stand: 30.05.2018.

[58] Bröckermann (2012), S. 29 f.

[59] Jung, (2011), S. 908.

[60] Vgl. Huber, (2017), S. 75 f.

[61] Holtbrügge (2010), S. 103 f.

[62] Holtbrügge (2010), S. 103 f.

[63] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 103 f.

[64] Vgl. Bröckermann (2012), S. 30.

[65] Vgl. Bröckermann (2012), S. 30 f.

[66] Scherm/Süß (2011), S. 29.

[67] Vgl. Oechsler (1992), S. 88.

[68] Vgl. Huber (2017), S. 88 f.

[69] Vgl. Huber (2017), S. 89 f.

[70] Huber (2017), S. 90.

[71] Huber (2017), S. 90 f.

[72] Vgl. Huber (2017), S. 90.

[73] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 104.

[74] Vgl. Huber (2017), S. 90 f.

[75] Vgl. Nicolai (2017), S. 72 ff.

[76] Huber (2017), S. 90.

[77] Huber (2017), S. 90.

[78] Huber (2017), S. 90.

[79] Vgl. Schneider (2008), S.19 f.

[80] Vgl. Schneider (2008), S.19 ff.

[81] Vgl. Schneider (2008), S.19 ff.

[82] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 106 f.

[83] Vgl. GOV.UK, URL: https://www.gov.uk/government/organisations/department-for-work-pensions/about Stand: 02.06.2018.

[84] Vgl. GOV.UK, URL: https://www.gov.uk/government/organisations/department-for-work-pensions/about Stand: 02.06.2018.

[85] Vgl. GOV.UK, URL: https://www.gov.uk/government/organisations/department-for-work-pensions/about Stand: 02.06.2018.

[86] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 108.

[87] Vgl. Softgarden E-Recruiting, URL: https://www.softgarden.de/ressourcen/glossar/recruiter/, Stand 18.05.2018.

[88] Vgl. Softgarden E-Recruiting, URL: https://www.softgarden.de/ressourcen/glossar/recruiter/, Stand 18.05.2018.

[89] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 109.

[90] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 109.

[91] Vgl. Arbeitsratgeber, URL: http://www.arbeitsratgeber.com/jobmesse-bewerbungsmesse/, Stand: 20.05.2018.

[92] Vgl. Arbeitsratgeber, URL: http://www.arbeitsratgeber.com/jobmesse-bewerbungsmesse/, Stand: 20.05.2018.

[93] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 109.

[94] Vgl. Bärmann (2012), S. 21 ff.

[95] Huber (2017), S. 89 f.

[96] Huber, (2017), S. 89 f.

[97] Vgl. Bärmann (2012), S. 21 ff.

[98] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 106.

[99] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 106.

[100] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 107.

[101] Vgl. Holtbrügge (2010), S. 107.

[102] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, URL: https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/178757/fachkraeftemangel?p=all, Stand: 02.06.2018.

[103] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, URL: https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/178757/fachkraeftemangel?p=all, Stand: 02.06.2018.

[104] Vgl. Bericht des Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (2016), S.2f.

[105] Vgl. Eichhorst/Thode (2002), S.9 ff.

[106] Geppert (2017), S. 127 f.

[107] Vgl. Noerr, URL: https://www.noerr.com/de/newsroom/News/die-folgen-des-brexit-–-was-ändert-sich-im-sozialversicherungs-und-aufenthaltsrecht.aspx, Stand: 04.06.2018.

[108] Vgl. CMS Deutschland, URL: https://www.cmshs-bloggt.de/arbeitsrecht/was-der-brexit-fuer-arbeitgeber-und-arbeitnehmer-bedeutet/, Stand: 04.06.2018.

[109] Vgl. CMS Deutschland, URL: https://www.cmshs-bloggt.de/arbeitsrecht/was-der-brexit-fuer-arbeitgeber-und-arbeitnehmer-bedeutet/, Stand: 04.06.2018.

[110] Vgl. Geprüfte Beratungsqualität, URL: https://gepruefte-beratungsqualitaet.de/brexit-folgen-fuer-touristen-und-arbeitende/, Stand: 04.06.2018.

[111] Zandonella (2006), S. 26.

[112] Hosp (2017), S. 32.

[113] Hosp (2017), S. 32.

[114] Vgl. CMS Deutschland, URL: https://www.cmshs-bloggt.de/arbeitsrecht/was-der-brexit-fuer-arbeitgeber-und-arbeitnehmer-bedeutet/, Stand: 04.06.2018.

[115] Vgl. Odendahl (2017), S. 26 f.

[116] Hosp (2017), S. 32.

[117] Vgl. Hosp (2017), S. 32.

Details

Seiten
59
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668766464
ISBN (Buch)
9783668766471
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432890
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandtes Management GmbH – Betriebswirtschaft, Personal
Note
1,0
Schlagworte
Brexit Politik Wirtschaftwissenschaften Personalrekrutierung Fachkräfte Europa Arbeit Arbeitskräfte Literaturanalyse Szenarioanalyse Personal Britisch exit EU Europäische Union Austritt Verhandlungen Brexit-Verhandlungen May Deutschland Großbritannien UK Personalbeschaffung Analyse Chancen Risiken SWOT PEST wissenschaftliche Arbeit Arbeitsmarkt Brexit-Auswirkungen Nganyadi Fahkräftemangel Ausstiegsszenarien Arbeitnehmerfreizügigkeit Binnenmarkt WTO Rekrutierung

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Titel: Der Brexit als Herausforderung für die europäische Personalrekrutierung von Fachkräften