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Der Brain Drain aus einer entwicklungsökonomischen Perspektive

Welche entwicklungsökonomischen Auswirkungen können sich durch die Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften ergeben?

Bachelorarbeit 2017 46 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Hinführung zum Thema dieser Bachelorarbeit
1.1 Relevanz und Problematik des Brain Drain
1.2 Zielstellung und Aufbau dieser Arbeit

2 Literaturüberblick
2.1 Ursachen des Brain Drain - Push und Pull Faktoren
2.2 Negative Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten
2.2.1 Verlust von Investitionen in Bildung
2.2.2 Humankapitalverlust
2.2.3 Schwächung der Innovationskraft und Abnahme des Pro-Kopf-Einkommens
2.2.4 Personalknappheit und Arbeitslosenquote
2.3.5 Fazit
2.3 Positive Auswirkungen der Migration von Hochqualifizierten
2.3.1 Rückkehr
2.3.2 Bedeutung der Diaspora
2.3.2.1 Wissenstransfer
2.3.2.2 Rücküberweisungen
2.3.3 Bildungsanreize
2.3.4 Fazit
2.4 Strategien zum Umgang mit Brain Drain

3 Empirie und Theorie
3.1 Zugrundeliegende Daten und Erläuterungen
3.2 Entwicklung der Migration hoch- und mittelqualifizierter Männer in OECD Ländern von 1990-2010
3.3 Auswirkungen der Migrationstrends von 1990-2010 für Entwicklungsländer nach Region
3.4 Migrationsentwicklung in Deutschland

4. Fazit und Ausblick für zukünftige Forschung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Eigene Darstellung der Höhe der Rücküberweisungen in den Jahren 1990-2010 weltweit und in Entwicklungsländer; Quelle: World Bank staff calculation based on data from IMF Balance of Payments Statistics Yearbook

Abbildung 2: Eigene Darstellung der Entwicklungstrends hochqualifizierter Migranten über die Jahre 1980-2010 für ausgewählte OECD-Länder

Abbildung 3: Eigene Darstellung der Verteilung der von deutschen Migranten (männlich) gewählten OECD-Zielländer in den Jahren 1980 und 2010 über alle Bildungslevel hinweg

Abbildung 4: Eigene Darstellung der Verteilung der von deutschen Migranten (weiblich) gewählten OECD-Zielländer in den Jahren 1980 und 2010 über alle Bildungslevel hinweg

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Eigene Darstellung der totalen Zahlen sowie prozentualen Verteilung der in einem OECD Land lebenden und im Ausland geborenen hochqualifizierten Männer in den Jahren 1980 und 2010

Tabelle 2: Eigene Darstellung der totalen Zahlen sowie prozentualen Verteilung der in einem OECD Land lebenden und im Ausland geborenen mittelqualifizierten Männer in den Jahren 1980 und 2010

Tabelle 3: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Europa zugeordneten Entwicklungsland nach Bildungslevel

Tabelle 4: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Afrika (nördlich der Sahara) nach Bildungslevel

Tabelle 5: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Afrika (südlich der Sahara) nach Bildungslevel

Tabelle 6: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Nord- und Mittelamerika nach Bildungslevel

Tabelle 7: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Südamerika nach Bildungslevel

Tabelle 8: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland des Nahen und Mittleren Osten nach Bildungslevel

Tabelle 9: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Süd- und Zentralasien nach Bildungslevel

Tabelle 10: Eigene Darstellung der im Jahr 2010 in Kanada lebenden Migranten aus einem Entwicklungsland aus Ozeanien nach Bildungslevel

Tabelle 11: Eigene Darstellung der prozentualen Verteilung anhand des Qualifikationsgrades der im Ausland geborenen und in Deutschland lebenden Männer von 1980-2010 .

Tabelle 12: Eigene Darstellung der prozentualen Verteilung anhand des Qualifikationsgrades der im Ausland geborenen und in Deutschland lebenden Frauen von 1980-2010 ..

Tabelle 13: Eigene Darstellung der sechs Länder, die prozentual gesehen die meisten migrierten Männer in den Jahren 1980 und 2010 in Deutschland aufweisen

Tabelle 14: Eigene Darstellung der zehn Länder, die prozentual gesehen die meisten migrierten Frauen in den Jahren 1980 und 2010 in Deutschland aufweisen

Tabelle 15: Eigene Darstellung der Zahlen der Hochqualifizierten unter den von deutschen Migranten (männlich) gewählten OECD-Zielländern in den Jahren 1980 und 2010 .

Tabelle 16: Eigene Darstellung der Zahlen der Hochqualifizierten unter den von deutschen Migranten (weiblich) gewählten OECD-Zielländer in den Jahren 1980 und 2010 .

1 Hinführung zum Thema dieser Bachelorarbeit

"Der Brain Drain aus einer entwicklungs ö konomischen Perspektive".

1.1 Relevanz und Problematik des Brain Drain

Der Begriff des Brain Drain - wörtlich: "der Abfluss von Gehirn" - kann als ein Teilaspekt des Phänomens Migration angesehen werden und wird bereits seit einigen Jahrzehnten genutzt. 'Brain' beschreibt Fähigkeiten, Kompetenzen oder kognitives Vermögen. 'Drain' hingegen impliziert eine höhere Ab- wanderungsrate als 'normal', beziehungsweise gewünscht (vgl. Giannoccolo, 2006, p. 2). Der Ausdruck manifestierte sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, als britische Wissenschaftler verstärkt in die USA auswanderten. Seit den 1970er Jahren wird er oftmals in Bezug auf Entwicklungs- und Schwellenländer verwendet (vgl. Dumont/Lemaître, 2004, p. 3). Heutzutage beschäftigen sich immer mehr Studien mit entwicklungsökonomischen Aspekten der Migration und kommen teils zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen (vgl. Langthaler, 2008, p. 5). Einigkeit besteht darin, dass der Begriff des Brain Drain eine Abwanderung von Humankapital beschreibt. Zudem ist die Interpretation eher negativ konnotiert. Generell treten jedoch große Unterschiede hinsichtlich der Auslegung und Verwendung des Ausdrucks auf. Infolgedessen drängen sich auch viele Fragen in den Vorder- grund. Allen voran die Problematik und Frage danach, welches Ausmaß die Abwanderung erreichen muss, um von Brain Drain sprechen zu können. Eine zweckdienliche Annahme für eine engere Definition des Begriffs Brain Drain wäre, negative Auswirkungen zur Voraussetzung zu machen. Folglich müssten für das Herkunftsland zunächst gravierende Nachteile entstanden sein und weiter entstehen, die nicht durch langfristig positive Wirkungen kompensiert werden könnten und in der Folge Ursache für wesentliche Armutsfolgen sind (vgl. Brinkerhoff/Wescott, 2006, p. 6). Hierauf Bezug nehmend müsste man des Weiteren klarer definieren, wann eine Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt als knapp anzunehmen ist und ob Brain Drain lediglich in Entwicklungsländern auftritt. Erwägenswert wäre herauszufinden, ob Industrienationen überhaupt ein Interesse daran haben einen möglichen Brain Drain zu verhindern oder aber negative Auswirkungen in den Herkunfts- ländern in Kauf nehmen, um ihre eigene Stellung im internationalen Wettbewerb zu stärken. Anhand des Beispiels Deutschlands sollen die Migrationsströme im letzten Teil der Arbeit daher auch für ein relativ wohlhabendes Land diskutiert werden. Überraschend ist zudem, dass die Frage nach den Auswirkungen nur selten aus der Perspektive der Migranten und Migrantinnen aufgerollt wird und oftmals lediglich die Kosten-Nutzen- Verhältnisse der Herkunfts- und Zielländer in den Vordergrund gerückt werden. Ob diese Betrachtung möglicherweise zu einseitig ist und eine differenzierte Auslegung des Phänomens notwendig wird, soll in den nachfolgenden Kapiteln thematisiert werden.

1.2 Zielstellung und Aufbau dieser Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist herauszufinden, welche entwicklungsökonomischen Auswirkungen sich durch die Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften ergeben können und ob durch den Brain Drain wichtiges Wachstumspotential der Entwicklungsländer verloren gehen könnte. Im Folgenden wird dazu zunächst die repräsentative Literatur zu diesem Thema vorgestellt. Anschließend werden die Hauptargumente der früheren Literatur, welche überwiegend negative Auswirkungen beschreiben, untersucht. Im Rahmen der möglicherweise positiven Effekte stellt sich die Frage, inwieweit die im Ausland lebenden Fachkräfte eine wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern unterstützen können. In diesem Teil der Arbeit werden neuere Theorien aufgegriffen, die Vorteile für Entwicklungsländer durch den Brain Drain implizieren und einen Ausblick für eine lohnende Entwicklung geben. Zuletzt werden die vorangehenden Überlegungen mithilfe einer Analyse der Migrationsströme der Jahre 1980 bis 2010 überprüft. Dies geschieht anhand der gesamtheitlichen Darstellung der Migrationszahlen von zwanzig OECD-Zielländern sowie aufgegliedert und unter Berücksichtigung des Bildungslevels für die Beispielländer Kanada und Deutschland.

2 Literaturüberblick

Der Brain Drain und bezogen darauf die Ursachen, Auswirkungen und Strategien, werden in der Literatur kontrovers diskutiert. In der früheren Literatur ist verstärkt die Meinung vorzufinden, dass der Brain Drain überwiegend negative oder neutrale Auswirkungen mit sich zieht. Beginnend in den späten 1960er Jahren werden hauptsächlich Wohlfahrtsanalysen herangezogen (vgl. Docquier/Rapoport, 2012, p. 682). Grubel und Scott gehen davon aus, dass die ökonomische und militärische Stärke des Herkunftslandes immer reduziert wird, wenn Hochqualifizierte zwischen Ländern migrieren. Dies erfolgt jedoch möglicherweise in einem geringeren Maß als gegenwärtig behauptet wird. Sie verfolgen zudem die Annahme, dass durch den Output Hochqualifizierter alle Personen aller Länder profitieren könnten, weshalb man die Politik hinsichtlich einer weltweiten Öffnung gegenüber Humankapital - Wanderung sensibilisieren sollte (vgl. Grubel/ Scott, p. 274). Die generelle Meinung der veröffentlichten Beiträge bewegt sich in die Richtung, dass der Einfluss des Brain Drain für das Herkunftsland als neutral zu bewerten ist und freie Migration der weltweiten Wirtschaft zugutekommen kann (vgl. Berry/Soligo, 1969, p. 791ff). Alternative Betrachtungsweisen lassen Autoren wie Bhagwati, Miyagiwa sowie Haque und Kim in den 1970er Jahren zu dem Schluss kommen, dass der Brain Drain Auslöser für ein internationales Ungleichgewicht ist, welches wiederum die reichen Länder reicher und die armen Länder ärmer werden lässt (vgl.Haque/Kim, 1995, p. 577; Bhagwati/Hamada, 1974, p. 19ff; Miyagiwa, 1991, p. 743). Kwok und Leland stellen 1982 fest, dass ein Brain Drain selbst dann existiert, wenn Studenten eine Rückkehr präferieren und die Beschäftigungsmöglichkeiten in Herkunfts- und Zielland vergleichbar sind. Allein das Vorhandensein asymmetrischer, den Arbeitsmarkt betreffender Informationen kann demnach schon ein Auslöser für die Abwanderung sein (vgl. Kwok/Leland, 1982, p. 91-100). Bhagwati schlug zudem eine sogenannte 'Brain Drain - Steuer' vor, die entweder von den Zielländern oder Migranten selbst an die verlassenen Herkunftsländer gezahlt werden sollte. Dieser Vorschlag wurde jedoch bis heute nicht durchgesetzt (vgl. Bhagwati /Hamada, 1974, p. 19-41). Neuere Literatur vertritt den Standpunkt, dass sich durchaus auch positive Auswirkungen durch die Migration Hochqualifizierter ergeben könnten und der Brain Drain evidenzbasiert ist (vgl. Commander et al., 2004, p. 235-278; Docquier/Rapoport, 2004, p. 3-28). Es folgen Annahmen, die man vorher aufgrund des Datenmangels nicht treffen konnte. Cinar und Docquier sprechen 2004 von der Möglichkeit eines positiven, globalen Effektes, welcher unter spezifischen Bedingungen realisiert werden könnte. Eine große Bedeutung nehmen dabei Rücküberweisungen in die ärmeren Herkunftsländer ein (vgl. Cinar/Docquier, 2004, p. 117). Im Rahmen der Arbeit von Stark, Helmenstein und Prskawetz steht die Rückkehr der Migranten im Fokus (Stark et al., 1997, p. 1-9). Die Bedeutung von Netzwerken sowie Faktoren, die eine optimale Migrationsdauer the- matisieren, finden in den Ausführungen von Dustman und Kirchkamp Platz (vgl. Dustman/ Kirchkamp, 2002, p. 28f). Welche Sichtweisen schlussendlich mehr Beachtung erfahren, ist oftmals von vielen individuellen Faktoren abhängig und variiert im Zeitverlauf stark (Docquier, et.al, 2003, p. 683).

2.1 Ursachen des Brain Drain - Push und Pull Faktoren

Grundlage für eine Abwanderung kann das Zusammenwirken unter- schiedlichster Faktoren sein. Diese Faktoren können beispielsweise auf kultureller, wirtschaftlicher, sozialer, politischer oder auch gesetzlicher Ebene angesiedelt werden. Welche Gründe im Einzelnen für die Migration verantwortlich sind, bleibt oftmals unerforscht, doch zielen sie alle auf eine Verbesserung der Lebenssituation ab. Es besteht die Möglichkeit sogenannte Push- beziehungsweise Pull-Faktoren zu unterscheiden. Diese beschreiben Faktoren, die entweder eine anstoßende Wirkung auf der Angebotsseite oder anziehende Effekte auf der Nachfrageseite darstellen (vgl. Kline, 2003, p. 107-111). Push-Faktoren skizzieren Probleme und Bedingungen in den Herkunftsländern, welche Individuen aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit der dortigen Situation dazu bewegen, zu migrieren. Diese könnten beispielsweise in wirtschaftlichen Aspekten, wie ungünstigen Arbeitsverhältnissen oder großen Einkommensunterschieden begründet liegen. Fehlende Qualifizie- rungsmöglichkeiten könnten ebenfalls zu Migration führen (vgl. Krugman et al., 1997 ). Schlechte Lebensverhältnisse, Armut oder Krieg sind weitere Faktoren, die in diese Kategorie fallen. Der Bevölkerungsgröße kommt nach Docquier und Marfouk ebenfalls eine Bedeutung zu. Betrachtet man die rela- tiven Zahlen, sind verstärkt kleinere Länder wie Guyana, Haiti und Jamaika, deren Bevölkerung unter 4 Mio. Einwohnern liegt, vom Brain Drain betrof- fen. Nach absoluten Zahlen sind sehr stark die größten Länder betroffen. Zu nennen sind hier beispielsweise Indien, China und Mexiko, aber auch Deutschland (vgl. Docquier/Marfouk, 2004, p. 29). Indessen gehen Pull- Faktoren aus den Bedingungen im Zielland hervor, welche einen Anreiz darstellen, dorthin zu migrieren. Dies betrifft beispielsweise verbesserte

Einkommensaussichten, Arbeitsbedingungen, Lebensverhältnisse oder auch die persönliche Weiterentwicklung. Migrationsbewegungen können auch zwischen Industrienationen vorkommen, treten aber häufiger bei Entwicklungs- und Schwellenländern auf, die entsprechend große Disparitäten gegenüber dem Zielland aufweisen. Zudem ist die Immigrations- politik einzelner, vorwiegend reicherer Länder ein Faktor, der Migrations- ströme reguliert (vgl. Massey, 1988, p. 383). Hinzu kommt der allgemeine Trend der wirtschaftlichen Globalisierung, der impliziert, dass sich Hoch- qualifizierte dort niederlassen, wo bereits eine große Menge an Humankapital vorhanden ist (vgl. Docquier, et al.,2003, p. 1-27). Eine klare Unterscheidung sollte jedoch hinsichtlich 'Flüchtlingen' erfolgen, die aus humanitären Gründen ihr Heimatland verlassen. Die weiteren Ausführungen dieser Arbeit beziehen sich auf die Migration von Hochqualifizierten und Fachkräften, welche im Zielland bessere Berufs- und Bildungsaussichten erwarten.

2.2 Negative Auswirkungen der Migration von Hochqualifizier- ten

Im vorausgegangenen Unterkapitel wurden mögliche Ursachen der Ab- wanderung Hochqualifizierter genannt. In diesem Kapitel sollen die Aus- wirkungen im Fokus stehen. Die Ausführungen beziehen sich dabei auf die Sichtweise der traditionellen Ansätze, die zwischen 1960 und 1990 ein- zuordnen sind. Die Weiterentwicklungen neuerer Theorien werden in Kapitel 2.3 aufgegriffen. The Economist schreibt im Jahr 2001 zum Thema Migration in Europa: "There is a risk, especially when immigration policies target only the highly skilled, that the best talent will be drained from poor countries to rich ones" (The Economist, 2001). Unabhängig davon, ob Migranten durch politische Maßnahmen aktiv abgeworben werden, kann die Abwanderung umfangreiche negative Auswirkungen für das Herkunftsland zur Konsequenz haben.

2.2.1 Verlust von Investitionen in Bildung

Entwicklungsländer verzeichnen in den vergangenen Jahren eine Zunahme der staatlichen Ausgaben in Bildung, da sie sich dadurch einen breiteren Zugang zu Bildung und in der Folge eine Armutsreduktion erhoffen (vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2017). Kommt es nach dem Bildungsabschluss zu einer Migration, steht das zurückgelassene Land zunächst den großen Verlusten, die es in eine auf- wendige Ausbildung investiert hat, gegenüber. Zudem sind weitere Einbußen durch den Verlust möglicher Steuerzahlungen sowie ehrenamtlichen Engagements in den Folgejahren zu verbuchen. Weit bedeutender ist neben den finanziellen Verlusten zweifellos das implizite Wissen, welches mit den Migranten das Land verlässt und somit in der Folge nicht mehr zur Verfügung steht. In Zeiten der Globalisierung und des ständigen Konkurrenz- kampfes gehen durch diesen Trend entscheidende und wichtige Wachstums- möglichkeiten für Entwicklungsländer verloren.

2.2.2 Humankapitalverlust

Humankapital, welches 1997 von Doré und Klar als "(...) das in ausgebildeten und lernfähigen Individuen repräsentierte Leistungspotential einer Be- völkerung" definiert wird, kommt in den Studien der vergangenen Jahrzehnte eine große Bedeutung als zentrale Ressource für das Wachstum einer Volks- wirtschaft zu (Clar et al., 1997, p.6f). Es besteht große Einigkeit darin, dass der Mangel an Humankapital ein entscheidender Faktor dafür ist, warum arme Länder arm bleiben (vgl. Stark, et.al, 2003, p. 1-9). Dabei stellt sich die Frage, welche generellen Formen von Wissen das Leistungspotential bestimmen, wie diese vermittelt werden können und an welche Anforderungen diese geknüpft sind. Polanyi beschreibt bereits 1966: "I shall reconsider human knowledge by starting from the fact that we can know more than we can tell" (Polanyi/Sen, 2010, p. 102). Die Innovationsforschung bedient sich der Unterscheidung von explizitem und implizitem Wissen. Explizites Wissen ist demnach eindeutig kodiertes und deshalb mittels Zeichen eindeutig kommunizierbares Wissen. Implizites Wissen ist immer mit einer Person oder Organisation verknüpft und kann nur durch exakte Beobachtungen, Imitation und Praxis erlangt werden. Hierbei lässt sich bereits feststellen, dass sich der Transfer von Implizitem Wissen gegenüber Explizitem Wissen als schwieriger gestaltet. Die Weitergabe von Implizitem Wissen setzt eine gewisse regionale Nähe von Sender und Empfänger voraus, während der Transfer von Explizitem Wissen auch über größere Distanzen hinweg möglich ist. Zudem sollten Sender und Empfänger ein ähnliches kulturelles und soziales Verständnis aufweisen (vgl. Gertler, 2003, p. 77-79). Die Abwanderung von qualifizierten Fachkräften stellt demnach ein hohes Risiko dar, dass das in den Migranten verkörperte, besonders wichtige implizite Wissen außerhalb der Landesgrenzen verloren gehen könnte.

2.2.3 Schwächung der Innovationskraft und Abnahme des Pro-Kopf- Einkommens

Der Anteil der Hochqualifizierten an der Bevölkerung macht in der Regel nur einen kleinen Teil aus. Jedoch sind es gerade das Wissen und die finanziellen Mittel dieses Teils der Bevölkerung, die einen entscheidenden Innovations- beitrag leisten können. Die wirtschaftliche Entwicklung und demzufolge auch Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Konkurrenzkampf, hängt stark von der Innovationsfähigkeit eines Landes ab. Indem Hochqualifizierte und Fach- kräfte abwandern, reduziert sich dieses Potential drastisch. Unter der Annahme einer geschlossenen Volkswirtschaft könnte man die Abwanderung der Hochqualifizierten als einen überdurchschnittlichen Kapitalentzug verstehen. Durch die Migration ergibt sich also ein Absinken der gesamt- wirtschaftlichen Kapitalintensität. Dies setzt voraus, dass Humankapital und physisches Kapital vollkommen substituierbar sind. Als Folge könnte sich dadurch ein negativer Effekt auf das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes er- geben (vgl. Berry/Soligo, 1969, p. 791ff). Davies und Wooton heben diese Annahme der vollständigen Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren jedoch 1992 auf (vgl. Davies/Wooton, 1992, p. 7-11). Da die Annahme einer geschlossenen Volkswirtschaft im Rahmen der Globalisierung möglicher- weise zu modelltheoretisch ist, folgen Überlegungen zu einer offenen Volks- wirtschaft, in der zwischen den Ländern Handel stattfindet. Migration verändert bei kleinen Ländern mit geringem Einfluss auf das Welt-BIP das Verhältnis von Export- zu Importgüterpreisniveau nicht. Nachdem man davon ausgehen kann, dass sich Entwicklungsländer auf die Produktion eines arbeitsintensiven Gutes spezialisieren, ist die Folge der Abwanderung Hoch- qualifizierter eine Ausweitung der Produktion des arbeitsintensiven Gutes und zugleich ein Rückgang der Produktion des humankapitalintensiven Gu- tes. Die Zunahme der Produktion bewirkt eine Preissenkung, was wiederum zu einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit führt (vgl. Wolburg, 2004, p. 93-119).

2.2.4 Personalknappheit und Arbeitslosenquote

Zudem hat die Migration von Hochqualifizierten oftmals einen Personal- mangel zur Folge. Manche Sektoren, insbesondere der Gesundheitssektor, weisen hierbei besonders hohe Zahlen auf. Der afrikanische Kontinent hat beispielsweise mit einem Anteil von weniger als zehn Prozent der Welt- bevölkerung mehr als 24 Prozent der globalen Krankheitslast zu tragen, verfügt aber nur über drei Prozent des globalen Gesundheitspersonals (vgl. Organisation for Economic Co-operation and Development, 2007). In geringerem Maß sind auch das Bildungswesen, der öffentliche Sektor, die Industrie sowie akademisches Personal an Universitäten betroffen (vgl. Lang- thaler, 2008, p.4). Brain Drain könnte des Weiteren auch zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote führen, sofern die hochqualifizierten Emigranten einen Engpassfaktor darstellen und Komplemente zu den schlechter qualifizierten Arbeitern sind. Die offenen Stellen werden demnach nicht neu besetzt, da Un- qualifizierte die Hochqualifizierten nicht substituieren können. Zugleich fehlt dem Unternehmen Fachwissen, was möglicherweise zu weniger Aufträgen und in der Folge auch wieder zu Entlassungen führen kann. Diese Ent- wicklungen erwecken den Anschein, dass eine Verbesserung der Situation in Entwicklungsländern nur schwer möglich ist.

2.3.5 Fazit

In vielen Ländern ist das Bewusstsein für die möglichen negativen Aus- wirkungen der Abwanderung Hochqualifizierter über die Jahre hinweg stark angestiegen. Nicht nur in Entwicklungsländern sondern auch in Industrie- ländern, unter anderem in Deutschland, wurden Schätzungen diesbezüglich angestellt. Berechnungen des Ifo-Institutes, welche in hochqualifizierten Ärzten verkörpertes Kapital sowie auch den Verlust potentieller Wohlstands- gewinne einbezogen, kommen zu einem aufmerksamkeitserregenden Ergebnis. Demnach gehen dem deutschen Staat pro endgültig abwanderndem, in Deutschland ausgebildeten 30-jährigen Arzt, etwa eine Million Euro verloren. Abwanderungen 23-jähriger, geringer qualifizierter Fachkräfte stellen immer noch einen Verlust von rund 281.000€ für Deutschland dar (vgl. Spiegel online, 2009). Inwiefern diese Verluste möglicherweise durch positive Auswirkungen aufgefangen werden können, soll im anschließenden Kapitel erläutert werden.

2.3 Positive Auswirkungen der Migration von Hochqualifizier- ten

Im Folgenden werden die Hauptargumente, welche die Abwanderung von Fachkräften als eine Chance für Entwicklungsländern auslegen, dargestellt. Diese sind überwiegend der neueren Literatur ab 1990 zuzuordnen.

2.3.1 Rückkehr

Möglicherweise stellt die Rückkehr einen der am wenigsten untersuchten Aspekte internationaler Migration dar (vgl. Docquier/Rapoport, 2004, p. 27f). Sofern eine Abwanderung nicht endgültig ist und Migranten eine Rückkehr, auch Remigration genannt, in ihr Heimatland in Betracht ziehen, könnten sich positive, kompensierende Effekte ergeben (vgl. Brinkerhoff/Wescott, 2006, p. 127f). Manche Berichte weisen darauf hin, dass die Zahlen der Rückkehrer signifikant sein könnten und die Migranten zudem zusätzliche Bildung im Ausland erlangen konnten, die dann dem Heimatland zugutekommen würde (vgl. Meyer, et.al., 1997, p. 1-27). Gesamtheitlich betrachtet, tendieren die Rückkehrraten der Hochqualifizierten dazu anzusteigen (vgl. Kwok/Leland, 1982, p. 91-100; Yifu Lin, Pleskovic, 2012). Die Modelle von Mayr und Peri (vgl. Mayr, Peri, 2008, p. 8-31) sowie Dustman, Fadlon und Weiss (vgl. Dustman et al., 2011, p. 5-40) definieren Bedingungen, unter denen ein Brain Gain erlangt werden kann, sofern die Remigrations- und Ausbildungs- entscheidungen als endogen betrachtet werden. In diesem Zusammenhang sollte man sich die Frage stellen, welche Beweggründe einer Rückkehr zugrundeliegen. Eine misslungene Integration im Zielland, die Rückkehr bei Antritt des Ruhestandes oder auch eine Rückkehr aus sozialen Gründen, stellen vermutlich keine Garantie dar, dass das Heimatland daraus einen Nutzen ziehen könnte. Lediglich eine Rückkehr mit dem Ziel im Heimatland aktiv zu werden, könnte positive Folgen mit sich ziehen. Diese Option ist von großer Bedeutung, da die Migranten im Ausland erworbenes, neues Wissen in ihrem Heimatland einsetzen und dem Land so Zugang zu Märkten der Industrieländer verschaffen könnten, was wiederum als eine Grund- voraussetzung für Wirtschaftswachstum gilt (vgl. Cerase, 1974, p. 245). Aktuelle und genaue Daten über die totalen Zahlen der Migranten zu finden, die auf freiwilliger Basis in ihr Heimatland zurückkehren, bereitet allerdings Schwierigkeiten. Im Rahmen der aktuellen Flüchtlingsdebatte tauchen viele Daten auf, die Zahlen der Rückkehr aufgrund von abgelaufenen Aufenthalts- berechtigungen oder abgelehnten Asylanträgen darstellen. Dies wird hier jedoch nicht untersucht. Andere Daten berichten lediglich über die Heimkehr mithilfe humanitärer Förderprogramme. Zudem ist eine potentielle Remigration zeitlich nicht kalkulierbar. Zu bedenken ist auch, dass im Heimatland Hürden bestehen könnten, die eine erneute Eingliederung und Integration erschweren. Je nach Dauer der Abwesenheit könnten der Mangel an sozialen und beruflichen Kontakten sowie Schwierigkeiten bei der An- erkennung internationaler Zertifikate einen Widereinstieg in das Arbeitsleben beeinträchtigen. Kapitel 2.4 geht genauer auf die Option Temporärer und Zirkulärer Migration ein. Als Ausblick für die folgenden Kapitel, stellt sich die Frage, ob vorteilhafte Auswirkungen auch ohne eine permanente Rückkehr zustande kommen können.

2.3.2 Bedeutung der Diaspora

In der IOM wird die Diaspora als "the idea of trans-national populations, living in a place but still related to their homelands” beschrieben (Naik, et al., 2008, p. 1). Aufgrund eben dieser starken Bindung zu ihrem Heimatland, ist ihnen die heimische Entwicklung wichtig, was den hohen Stellenwert der Diaspora nachvollziehbar macht.

2.3.2.1 Wissenstransfer

Die große Bedeutung kann nun zum einen darin liegen, ein Netzwerk auf- zubauen, das Innovationen und Wissenstransfer anregt und somit die wirtschaftliche Entwicklung des Herkunftslandes fördert. Um positive Effekte der Abwanderung zu realisieren, setzen daher viele Entwicklungs- und Schwellenländer auf den Erwerb neuen, ausländischen Wissens mithilfe der im Ausland lebenden Diaspora. Wie unter 2.2.2 beschrieben, ist der Transfer des impliziten Wissens besonders bedeutsam für Wachstumsprozesse. Dabei fungieren die Mitglieder der Diaspora als wichtiger 'Mittler' zwischen Technologie und Kultur (vgl. Brinkerhoff/Wescott, 2006, p. 127). Global betrachtet existieren mehr als 40 dieser Netzwerke, die mit 35 LDC inter- agieren und es den ärmeren Ländern möglich machen neues Wissen in das Heimatland zu transferieren. Die zurückgebliebene Bevölkerung kann infol- gedessen den Wissenstransfer nutzen, um wieder wettbewerbsfähiger zu wer- den. An dieser Stelle wird die Bedeutung des Aufbaus von Netzwerken mit kulturellen Gemeinsamkeiten bereits deutlich (vgl. Gertler, 2003, p. 75-99).

2.3.2.2 Rücküberweisungen

Zum anderen erfolgen häufig sogenannte 'Remittances', welche als monetäre Rücküberweisungen verstanden werden können. Diese tragen oftmals zu der Tilgung entstandener Kosten oder der finanziellen Unterstützung zurückgebliebener Familienmitglieder bei (vgl. Docquier/Rapoport, 2006, p. 1142ff). Langfristig gesehen könnte dies einen kompensierenden Effekt gegenüber den zunächst rein negativ erscheinenden Auswirkungen des Brain Drain ausmachen (vgl. Meyer, 2001, p. 91-100).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigene Darstellung der Höhe der Rücküberweisungen in den Jahren 1990-2010 weltweit und in Entwicklungsländer; Quelle: World Bank staff calculation based on data from IMF Balance of Payments Statistics Yearbook 2011

Die Spannweite der Rücküberweisungen hat in den vergangen Jahren kontinuierlich zugenommen. Abbildung 1 veranschaulicht diesen Trend an- hand der Höhe weltweiter Remittances und den anteiligen Rück- überweisungen in Entwicklungsländer in den Jahren 1990 bis 2010 in Abständen von fünf Jahren in Milliarden US Dollar. Die Höhe der weltweiten Remittances ist in der hier betrachteten Periode von 1990 bis 2010 um das Siebenfache angestiegen. Eine Zunahme der globalen Remittances könnte jedoch auch noch größere Disparitäten zwischen armen und reichen Ländern auslösen, sofern Entwicklungsländer gegenüber Industrienationen geringere Summen vorweisen könnten. Aus diesem Grund wird in Abbildung 1 zudem die Höhe der Rücküberweisungen in Entwicklungsländer mit herangezogen. Prozentual betrachtet flossen 48,4% der weltweiten Summe von 64,2 Milliarden US Dollar im Jahre 1990 in Entwicklungsländer zurück. Im Jahr 2010 konnte man sogar von 69,1% der insgesamt deutlich höheren Summe von 453,0 Milliarden US Dollar sprechen. Entscheidende Parameter für diesen Trend sind die zunehmende Zahl der Migranten und Erleichterungen im Rahmen der offiziellen Transferoptionen (vgl. Hertlein/Vadean, 2006). Nach der IOM können Rücküberweisungen drei Kategorien zugeordnet werden. Demzufolge zielen die Gelder auf die Versorgung der Familie und Verbesserung der Wohnsituation, Prestigekonsum und gewinnbringende Aktivitäten ab (vgl. Brinkerhoff/Wescott, 2006, p. 4ff). Die Entwicklung zeigt, dass Remittances für Entwicklungsländer eine große Rolle spielen können, sofern sie für Investitionen, vor allem in Bildung, genutzt werden. In dieser Arbeit liegt der Fokus auf der Migration von Fachkräften und Hoch- qualifizierten. Man könnte annehmen, dass Hochqualifizierte im Zielland ein höheres Einkommen generieren, ein Bankkonto und geringere Transferkosten haben und demnach auch höhere Summen in ihr Heimatland schicken, als Migranten mit niedrigerem Bildungslevel (vgl. Docquier, et.al. ,2003, p. 29ff). Rodriguez und Horton zeigen mit ihrem Untersuchungen im Jahr 1995 allerdings, dass das Bildungslevel kein entscheidender Faktor für die Höhe der Remittances ist (vgl. Rodriguez/Horton, p. 427-432). Kritisch zu hinter- fragen ist auch, ob Migranten, die einen höheren Bildungsabschluss innehaben, generell über bessere finanzielle Mittel verfügen und als relativ wohlhabend einzustufen sind. Zudem könnte der Fall eintreten, dass Familienangehörige nach erfolgreicher Migration ihre Familie nachholen, was die Notwendigkeit von Remittances aufheben würde (vgl. Docquier, et.al, 2003, p. 35f).

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Details

Seiten
46
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668754683
ISBN (Buch)
9783668754690
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432887
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,7
Schlagworte
Brain Drain Entwicklung Schwellenländer Ausland Migration

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Titel: Der Brain Drain aus einer entwicklungsökonomischen Perspektive