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Das Pornographische in den Musikvideos von Lady Gaga

Bachelorarbeit 2018 33 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definitionsproblem: Pornografie

III. Sexualität, Sexualisierung und Pornografisierung
III.1. Sexualität
III.2. Sexualisierung
III.3. Pornografisierung

IV. Pornografisierung der Populärkultur
IV.1. „porn chic“ nach McNair
IV.2. Madonna: Vorreiterin der sexuellen Agency?
IV.3. Lady Gaga: Shock-Art-Performance

V. Musikvideos: Pornografie- und Geschlechterrepräsentation
V.1. Objekte der Wirklichkeitserzeugung
V.2. Formen von Geschlechterrepräsentationen
V.3. Fallanalyse von Lady Gagas Musikvideos
V.4. Das Motiv der Selbst-Pornografisierung

VI. Fazit

VII. Quellenverzeichnis
VII.1. Literaturverzeichnis
VII.2. Internetquellen

I. Einleitung

Wie sähe die Welt ohne Pornografie aus? Besser oder schlechter? Fortschrittlich oder rückschrittlich? Emanzipiert oder unterdrückt? Das Phänomen der Pornografie ist ein mit Widersprüchlichkeiten, Unbehagen, Scham, Macht und Lust erfülltes Produkt menschlicher Eigentümlichkeit. Jeder hat einen Begriff von Pornografie. Keiner kann Pornografie definieren. Der US-Richter namens Potter Stewart (1965, zit. nach Dittmer 2016) der gegen Pornografie vorging und, nach einer schlüssigen Definition gefragt, 1964 zu Protokoll gab: "Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe" weiß es auch nicht besser. Niemand kennt Pornografie wirklich ganz. Sicher ist nur, dass Pornografie irgendwie etwas mit Sex zu tun hat, oder doch nicht? Trotz der vagen Vorstellung von Pornografie, scheint die Welt nur so durchwuchert mit derartigen Erzeugnissen und Spuren können dabei so gut wie in jeder kulturellen Ecke gefunden werden. Jedenfalls beklagen dies laute Stimmen aus den unterschiedlichsten Milieus. Was ist dran an diesem pessimistisch und konservativ wirkenden Gejammer? Für diese Entwicklung hat sich einstweilen der Begriff „Pornografisierung“ (Vgl. Lewandowski 2012) sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch umgangssprachlich etabliert. Damit gemeint ist das Überschwappen von Elementen, Stilmitteln, Ästhetiken und geschlechtsspezifischen Vorstellungen aus der Pornografie in den kulturellen Mainstream. Die Reichweite dieser Abzeichnung beginnt dabei im Sprachjargon von Jugendlichen auf Deutschlands Schulhöfen, wenn mal wieder die Rede von „voll Porno!“ für etwas ziemlich cooles ist, erstreckt sich weiter ins Fernsehen, mit der Romantisierung von Prostitution in Telenovelas und landet dann wieder zurück auf den Schulhöfen, in Form von pornografisierten Musikvideos auf den Handys der Halbwüchsigen. Letztere sollen dabei zum Forschungsgegenstand der vorliegenden Ausarbeitung werden, um die vorige Tendenz zu überprüfen. Immer mehr nackte Haut, sich räkelnde Tänzerinnen und knappe Kleider: Die Musikvideos der Gegenwart zeichnen alle ein ähnliches Bild von performativen Darstellungen, die vielmehr an das Performative in Pornos anstatt an eine visualisierte Umsetzung der Musik erinnern. Allen voran bietet die Pop-Kultur diverse Akteurinnen, die eine solche Darstellungsweise in ihren Musikvideos zu präferieren scheinen. Bestimmt aus exhibitionistischen Zügen und das Zelebrieren der freien

II. Definitionsproblem: Pornografie

Das gesellschaftskulturelle Verständnis des Pornografischen entspringt neben Text-Bild- Darstellungen und verbalsprachlich-literarischen Erzeugnissen, überwiegend aus der Rezeption des pornografischen Films. Es liegt also nahe eine Definition der pornografischen Erzeugnisse als Ausgangspunkt für die vorliegende Ausarbeitung und ihren Analysezweck aufzustellen, um mit dieser pornografische Erzeugnisse von nicht- pornografischen Erzeugnissen abzugrenzen. Die Recherche des Begriff wird jedoch - je gründlicher vorgenommen - sehr diffus und offenbart diverse Definitionsversuche aus einer Vielzahl von Fachrichtungen, welche versuchen die Pornografie aus einer objektiven Perspektive zu begreifen. Die Wissenschaftler kommen dabei zumeist aus den Bereichen der Psychologie, Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Da sich die Herangehensweise dieser Disziplinen jedoch wesentlich unterscheidet, etwa geisteswissenschaftlich oder naturwissenschaftlich, existieren allerlei Definitionen, die der Problematik unterliegen, jenen Definitionsversuch sowohl von dem Untersuchungsinteresse der Fachrichtung als auch dem des Verfassers zu entkoppeln. Damit ist eine unabhängige und völlig wertfreie Definition gemeint.

Das dabei herrschende Grundproblem begründet Werner Faulstich (Vgl. 1994, S.7), der sich in seinem Werk mit Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung der Pornografie auseinandersetzt, im wesentlichen bei der notwendigen Trennung der drei Diskursebenen Sexualität (1), Pornografie als die Darstellung von Sexualität (2) und schließlich drittens, die Diskussion von Pornografie und Sexualität. Da diese Trennung fast nie durchgehalten wird, aber für eine neutrale Auseinandersetzung notwendig ist, existieren diverse Definitionen, die eine - so Faulstich (ebd., S. 11) - „apriorische Wertung“ aufweisen. Diese Färbung resultiert aus der Annahme einer Wirkung oder Funktion, die Pornografie inne haben könnte und einer anschließenden moralischen oder ästhetischen Bewertung dessen. (Vgl. ebd.).

Wir möchten in diesem Kapitel also eine Definition aufstellen, die die erforderte Trennung der genannten Diskursebenen berücksichtigt und sich dem sexual-politischen Standpunkt des Verfassers sowie dem Forschungsinteresse der jeweiligen Forschungsdisziplin entzieht. Die Autorin Anne-Janine Müller (Vgl. 2010, S. 44 ff.) stellt in ihrem Werk „Pornografie im Diskurs der Wissenschaft“ eine Vielzahl an Definitionen vor und verschafft damit einen adäquaten Überblick der missglückten Definitionen aus den verschiedenen Fachbereichen. Eine dieser Definitionen schafft es jedoch - bewusst oder unbewusst - die nötige Trennung zu vollziehen, weshalb wir diese von Corinna Rückert (2000, S. 100 zit. nach ebd.) verwenden möchten:

„Pornografie bezeichnet diejenigen medialen Inszenierungen sexueller Phantasien in Wort, Bild oder Ton, die 1. explizit detailliert sind, 2. in einen szenisch narrativen Rahmen eingebunden sind und 3. einen fiktionalen Wirklichkeitsbezug herstellen.“

Die Definition stellt zunächst einmal die generelle Bindung von Pornografie und Sexualität auf der inhaltlichen Darstellungsebene her, eben dass Pornografie sexuelle Phantasien inszeniert. Mit der Nennung der sexuellen Phantasien deckt sie zugleich den fiktionalen Charakter der Inhalte ab. Schließlich verweist sie auf die mediale Vermittlung durch Worte, Bilder oder Ton, was Pornografie als ein medienübergreifendes Kulturphänomen verstehen lässt. Mit der Aufzählung von drei weiteren Kriterien, grenzt die Autorin Darstellungen sexueller Phantasien ab, die ihrerseits als nicht-pornografisch zu werten seien. Das erste Kriterium fordert dabei, dass die Inszenierung einer sexuellen Phantasie explizit detailliert dargestellt werden muss. Als zweites Kriterium wird eine erforderliche Einbettung der Inszenierung in einen szenisch narrativen Rahmen genannt. Der letzte Punkt betont den fiktionalen Wirklichkeitsbezug von Pornografie, also die beständige Bindung der dargestellten sexuellen Handlungen an ein Phantasma in der Realität (Vgl. Müller 2010, S. 44).

Zugegebenermaßen weist diese Definition in dieser Form einen sehr starren Charakter auf und würde schlichtweg nicht funktionieren, wenn diese auf Erzeugnisse in nicht-pornografisch stehenden Kontexten verwendet würde. Die Berücksichtigung des ersten Kriteriums, also die explizite Darstellung der sexuellen Phantasien, würde alle Erzeugnisse der Medienwelt, bei denen ein pornografischer Charakter konstatiert werden kann, ausschließen, da deren Darstellungen in dem regulären Medienangebot gar nicht explizit gestaltet werden dürfen. Pornografisch ist dementsprechend nicht gleichbedeutend mit Pornografie. Im späteren Verlauf der Arbeit möchten wir uns zwei verschiedenen Ansätzen widmen, die uns erlauben, nicht-pornografische Inhalte trotz fehlender Explizitheit mit dem Label "pornografisch" zu versehen.

Wir möchten die aufgestellte Definition trotzdem festhalten, da sie eine wertfreie und bis auf jenen Punkt offene Bestimmung von pornografischen Inhalten zu lässt. Wir stellen weiter fest, dass der pornografische Begriff schwer zu definieren ist und dass noch weitere Aspekte eine Rolle spielen, wenn der wissenschaftliche Diskurs von pornografischen Elementen in der Medien- und Populärkultur spricht. Auf Grund dieser Begriffsproblematik eignen sich möglicherweise die drei Diskursebenen Faulstichs besser zur Charakterisierung von Pornografie und als Weiterführung dieser Arbeit. Wir betonen daher nochmal, Pornografie hat zu tun mit: Sexualität, der Darstellung von Sexualität und dem Diskurs um Sexualität und Pornografie. Anschließend daran, möchten wir im folgenden Kapitel die drei Diskursebenen in Form einer näheren Beschreibung der Begriffe und ihrer Diskursivierung ausführen.

III. Sexualität, Sexualisierung und Pornografisierung

Im medienwissenschaftlichen Diskurs ist ständig die Rede von einer regelrechten Pornografisierung der Gesellschaft (Vgl. Lewandowski 2012). Aber was genau bestimmt diesen Prozess, wenn dieser durch die regulären Medien und die Populärkultur vorangetrieben wird, er aber nicht an explizit detaillierten sexuellen Darstellungen festgestellt werden kann. Es werden immerzu Verschiebungen im Umgang mit Freizügigkeit und eine zunehmende Entwicklung hinsichtlich der medialisierten und sexualisierten Selbstdarstellung und Körperperformance konstatiert. Ist dabei wohl möglich die Frage nach einer Sexualisierung anstatt einer Pornografisierung der Gesellschaft passender, um den etwaigen Veränderungen der Gesellschaft nachzugehen? Um uns das Phänomen der Pornografisierung zu erklären, möchten wir uns diesem über den Weg der drei Diskursebenen Faulstichs nähern. Dieser geht zunächst über den Begriff der Sexualität. Nachfolgend die Darstellung von Sexualität, die wir hier Sexualisierung nennen und anschließend der Diskurs um Sexualität und Pornografie, den wir hier passend als die Pornografisierung bezeichnen.

III.1. Sexualität

Die Sexualität ist keineswegs mit der einfachen Fortpflanzungsfunktion erklärt und hat nur am Rande mit dem Gebrauch der Geschlechtsorgane zu tun. Der französische Soziologe Michel Foucault (Vgl. Foucault 1977, S. 105 f.) begreift sie vielmehr als das Produkt sozialer Mächte, die über die sexuellen Neigungen und die Lust des Individuums bestimmen. Dessen sexuellen Verhaltensweisen werden dabei entsprechend klassifiziert (zB. Homo- oder Heterosexualität), entweder akzeptiert oder ausgegrenzt und bestimmten Normen unterworfen. Die Sexualität sieht Foucault im Sinne seines Sexualdispositiv in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu Wissen und Macht. Dieses organisiert sich dabei als ein großes Netz, auf welches sich in mehreren Wissens- und Machtstrategien, die Intensivierung der Lüste, die Diskursivierung der Sexualität und ihr Erkenntnisgegenstand, miteinander verbinden (ebd.).

Außerdem gibt es Sexualität erst überhaupt dadurch, dass man sie seit dem 18. Jahrhundert zum Gegenstand des Wissens gemacht hat. Mit der beginnenden Aufklärung und der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften wuchs das Interesse an der Sexualität als Forschungsgegenstand aus biologischer, medizinischer, psychologischer, moralischer, pädagogischer und auch politischer Sicht. Laut Foucault konstatiert sich die Sexualität also erst durch ihre Diskursivierung, die es in dieser Form vor dem 17. Jahrhundert nicht gegeben hat, da zu jener Zeit die Lust - auch in der Ehe - zur Sünde erklärt wurde (Vgl. Schönherr-Mann 2015, S. 106).

III.2. Sexualisierung

Hingegen gibt es die Sexualität im Sinne der Sexualisierung erst seit den modernen Medien, also Anfang des 20. Jahrhunderts. Unter dem Etikett der Sexualisierung werden vor allen Dingen geschlechtsspezifische, gesellschaftliche Vorstellungen von Sexualität diskutiert (Vgl. Hipfl 2015, S. 17). Die Sexualisierung präsentiert sich dabei als ein Prozess, bei dem die Sexualität als Sexyness bzw. als sexuelles Begehren einen immer breiteren Raum in der Öffentlichkeit einnimmt. Im Sexualisierungsdiskurs wird fast ausschließlich die Sexualisierung von Mädchen oder jungen Frauen thematisiert, wobei diesen eine binäre Konstruktion zugrunde gelegt wird. Auf der einen Seite werden sie als selbstbestimmend und emanzipiert konstruiert, repräsentieren damit feministische "girl power". Auf der anderen Seite gelten sie als Opfer sexualisierter soziokultureller Praktiken, "girls at risk" - Mädchen, die es zu beschützen gilt (ebd., S. 17 f.). Im Gegensatz zu der Sexualität der jungen Männer, die als aktiv bis räuberisch konnotiert wird, gilt diese bei Mädchen überwiegend passiv. So resultiert der Diskurs über die Sexualisierung aus der Sorge, die jungen Frauen könnten ihre Anständigkeit und Unschuld, mit aktivem sexuellen Verhalten aufs Spiel setzen. Diese übermäßige Thematisierung gründet darin, dass die in der Moderne entstandene Vorstellung des idealen Mädchens, die stets eines mit Natürlichkeit und Unschuld assoziierten Kindes war. Diese scheint durch die zunehmende globale Vermarktung und Sexualisierung der Figur des Mädchens endgültig verloren gegangen. Für Egan (Vgl. 2013, S. 74 f.) fungiert das sexualisierte Mädchen als eine Figur, auf die unterschiedliche Befürchtungen und Hoffnungen bezüglich der sozialen Ordnung projiziert werden. Vor allen Dingen sehen Konservative in dem sexualisierten Mädchen den moralischen Verfall und auch die zukünftige Gefährdung der Kultur. Für Feministinnen ist das sexualisierte Mädchen einerseits ein Symbol für den Niedergang des Feminismus, andererseits gilt es als Zeichen für Selbstbestimmung (Vgl. Hipfl 2015, S. 18).

Für Hipfl (ebd., S. 19), die den Sexualisierungsdiskurs an sich problematisiert, liefern diese kulturell konstruierten Positionen von Mädchen eine Erklärung dafür, dass gegenwärtig fast alles als Auswuchs, Folge und Beleg konstatiert wird, was irgendwie mit dem sexuellen Begehren oder Körperbild des Mädchens zu tun hat. Weiter führt sie an, dass die Diskussionskultur um das Thema das Ausmaß einer moral panic angenommen habe, also die Angst um die moralische Ordnung der Gesellschaft, und erklärt sich diese mit der kulturellen Bedeutung des weiblichen Körpers. Diesem wird die Rolle der Reproduktion der Gemeinschaft in biologischer, aber auch kultureller Hinsicht zugeschrieben. So repräsentiert der weibliche Körper gewissermaßen eine Kultur oder eine Nation beziehungsweise wird von der Frau erwartet, dass sie durch die Art und Weise, wie sich kleidet und verhält, eine Gemeinschaft angemessen repräsentiert.

Die binäre Konstruktion ist mitbestimmt durch die aktuellen medialen Repräsentationen von Frauen, die zum einen mit der Betonung von Individualismus und freier Wahl gekennzeichnet ist und zum anderen Weiblichkeit mit dem Besitz eines sexy Körpers gleichsetzt. Im öffentlichen Diskurs wird daher den Medien und der

Populärkultur eine große Mitschuld an der gegenwärtig festgestellten Sexualisierung zugeschrieben. Die öffentlichen Debatten über die medialisierte Sexualität und auch Sexualität im Allgemeinen machen sich oftmals am Topos der Pornografie fest. Sven Lewandowski (Vgl. 2015, S. 34 ff.) beschreibt den Pornografisierungsdiskurs als einen, bei dem die Pornografisierung als selbstevident vorausgesetzt wird und definitorische Abgrenzungen (z.B. Sexualisierung, verstärkte Sichtbarkeit sexueller Bezüge, Hervortreten von Obszönitäten usw.) nur selten vorgenommen und die Erkenntnisse aus sozial- und sexualwissenschaftlichen Analysen geradezu missachtet werden. Er schildert damit ähnliche Probleme, die bereits im ersten Kapitel hinsichtlich einer

Pornografiedefinition dargelegt wurden, nämlich unterschiedliche Forschungsinteressen, mit denen in den Diskurs getreten wird. Lewandowski (2015, S. 34) stellt dazu fest:

"Manchen mag es um die Erzielung öffentlicher Aufmerksamkeit, anderen um wahrgenommene Missstände oder moralisches Unbehagen, wiederum anderen um die Absicherung beruflicher Karrieren oder die Finanzierung entsprechender sozialpädagogischer Angebote gehen, während der 'Pornografisierungsdiskurs' dritten als Basis oder Andockungspunkt für ein (nicht nur sexual-) moralisches Rollback dienen mag."

III.3. Pornografisierung

Lewandowski (ebd., S. 35) versteht den Pornografisierungsdiskurs, also jener, der eine Pornografisierung der Gesellschaft, Massenmedien, Jugend und Populärkultur beklagt, zum einen als ein massenmedial erzeugtes Phänomen und zum anderen als einen sozialpädagogisch geprägten Diskurs der neuen kleinbürgerlichen Milieus. Es scheint eine Verschiebung jener Milieus stattgefunden zu haben, die den Diskurs über Sexualität prägen: Statt dem akademisch und männlich geprägten Diskurs, der eine sexuelle Befreiung bzw. Liberalisierung zum Gegenstand hatte, führt gegenwärtig das kleinbürgerliche, stark weiblich geprägte Milieu der Sozialen Arbeit den Diskurs um die Sexualität und behaftet ihn mit der Pornografie als Gefahr. Weiter verdanke sich der Diskurs den gleichen massenmedialen Mechanismen wie die eigentlich kritisierte Pornografisierung. Diese wären im Allgemeinen der Hang "[...] für Spektakel, moralische Abweichungen und Überbietung" (ebd.). Daher lasse sich der öffentliche Diskurs auch als eine Reaktion auf den durch die Massenmedien hervorgerufenen Eindruck einer Pornografisierung der Gesellschaft deuten - und zwar eine Reaktion durch die Massenmedien selbst. Die kommunikative Anschlussfähigkeit und der überzeugende Erfolg des Pornografiesierungsdiskurs erklären sich also vor allem durch die Massenmedien innewohnenden Logik, die Realität der modernen Gesellschaft zu beschreiben (ebd. S. 36).

Durch Niklas Luhmann (1996, S. 9 zit nach ebd.) wissen wir, dass das, "was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, [...] durch die Massenmedien [wissen]". Das Wissen über die Sexualität Anderer bleibt dabei nicht ausgeschlossen. Luhmann formuliert in seinen zentralen Thesen, dass die Massenmedien als Teil der gesellschaftlichen Realität eine nach ihren eigenen Regeln entworfene spezifische massenmediale Realität hervorbringen. Diese Realität (re)konstruiert sich - aus systemtheoretischer Sicht - nach systemeigenen Strukturen und Kriterien. Eines der wichtigsten Kriterien dabei ist der Selektionsmechanismus, der im Sinne einer Aufmerksamkeitsökonomie agiert, das heißt, es wird Aufmerksamkeit erzeugt, sofern diese eine hohe Wahrscheinlichkeit der Annahme mit sich zieht. Die Aufmerksamkeit lässt sich dabei auf unterschiedliche Art und Weise erzeugen. Zum einen generieren Neuigkeiten Aufmerksamkeit, da sie eine Abweichung zum Vorherigen darstellen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Fortschreibungen des altbekannten keinen Neuigkeitswert besitzen und demnach keine Aufmerksamkeit erzielen. Neben Neuigkeiten, gibt es noch weitere Mechanismen um Aufmerksamkeit zu erzielen. Durch die Differenzerzeugung wird Aufmerksamkeit durch die Abweichung von Erwartungen und insbesondere solchen, die normativ sind, erzeugt (Vgl. Lewandowski, S. 45).

Das System der Massenmedien entwickelt daher eine Präferenz für diesen Mechanismus und konzentriert sich auf eben die Ereignisse und Phänomene, von denen mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, dass sie Abweichungen und Unerwartetes hervorbringen. Diese Präferenz lässt sich mit moralischen Erwartungsschemata verknüpfen. Dahingehend reproduzieren die Massenmedien normative Erwartungsstrukturen durch die permanente Thematisierung und Skandalisierung von Normverstößen. Dies geschieht nicht um die vorherrschenden Moralvorstellungen zu stützen, sondern zum Zwecke der Aufmerksamkeitserzeugung durch Abweichungen. Daraus resultiert eine spezifische Realitätskonstruktion, die den Eindruck einer überwiegend unmoralischen Welt erzeugt. Der Logik des Selektionsmechanismus und der Aufmerksamskeitsökonomie entsprechend, haben jene Phänomene, die sich besser jenen Auswahlkriterien fügen, bessere Chancen, Teil der gesellschaftlichen Realitätskonstruktion zu werden, als solche, die es nicht tun. So fällt es beispielsweise wesentlich leichter mit sexuellen Eskapaden massenmedial wahrgenommen zu werden, als mit wissenschaftlichen Erkenntnissen seriöser Sexualforschung (Vgl. ebd., S. 46).

Dieser selektive Effekt lässt eine gesellschaftliche Funktion des Systems der Massenmedien vermuten. Da sich praktisch kein soziales System der Beobachtung durch die Massenmedien entziehen oder die durch sie hervorgebrachte Realität ignorieren kann, haben die Massenmedien in gewisser Maßen systemintegrative Effekte. Genauer gesagt, da die massenmedial erzeugten Beschreibungen der Gesellschaft seitens der anderen sozialen Systeme zur Orientierung genutzt werden können, wird die Realität der Massenmedien auch für diese Systeme Teil der gesellschaftlichen Realität. Lewandowski erkennt deshalb als eine zentrale Funktion der Massenmedien, die Gesellschaft kontinuierlich mit Beschreibungen ihrer selbst zu versorgen (Vgl. ebd., S. 47 f.).

Lewandowski (Vgl. 2012, S. 175-225) arbeitet in seinem Werk "Die Pornografie der Gesellschaft" ein Theorem systemischer Selbstbeschreibung heraus, welches es erlaubt, Pornografie als eine Selbstbeschreibung des Sexualitätssystem bzw. der modernen Sexualität der Gesellschaft zu analysieren. Zu den Grundzügen der zeitgenössischen Sexualität zählt Lewandowski (2015, S. 50) insbesondere "ihre weitgehende Abkopplung von sozialstrukturellen Einbindungen, ihre Orientierung an einem Primat sexueller Lust und die auf dieser Basis erfolgte Aus- und Binnendifferzierung des Sexuellen". Insofern diese drei Aspekte, wenngleich in übersteigerter Form, in der Pornografie reflektiert und beschrieben werden, ließe sich Pornografie als Selbstbeschreibung der modernen Sexualität beobachten.

[...]


Details

Seiten
33
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668753723
ISBN (Buch)
9783668753730
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432885
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Schlagworte
pornographische musikvideos lady gaga

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Titel: Das Pornographische in den Musikvideos von Lady Gaga