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Anna Wladimirowna Nikulina – Flamme in der Nacht. Band 1: Der Kontext

von Lutz Marz (Autor) Vera Bergmann (Autor)

Fachbuch 2018 316 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis Band 1: Der Kontext

1. Die Unbekannte: Anna Wer?

2. Eine Einleitung: Der Krieg und die Kommissare
2.1. Der Krieg: Der große Demozid und seine Umdeutungen
2.1.1. Der große Demozid
2.1.1.1. Begriff und Umfang des großen Demozids
2.1.1.2. Voraussetzungen des großen Demozids
2.1.1.3. Die systematische Vorbereitung des großen Demozids
2.1.1.4. Die Generalprobe für den großen Demozid
2.1.1.5. Die militärischen Planungen des großen Demozids
2.1.1.6. Die nichtmilitärischen Planungen des großen Demozids
2.1.1.7. Die Vernetzung der Planungen des großen Demozids
2.1.1.8. Vier Beispiele aus dem großen Demozid
2.1.2. Die Umdeutungen des großen Demozids
2.1.2.1. Die Umdeutung zum Krieg
2.1.2.2. Die Umdeutung zum Präventivkrieg
2.1.2.3. Die Umdeutung zur Notwehr
2.1.2.4. Die Umdeutung zum Fall „Hund frisst Hund“
2.2. Die Kommissare: Bedeutung und Aufgaben
2.2.1. Die Bedeutung der Kommissare
2.2.1.1. Kommissare in modernen Gesellschaften
2.2.1.2. Kommissare in der Roten Armee
2.2.1.3. Der deutsche Kommissarbefehl
2.2.1.4. Die nationalsozialistischen Führungsoffiziere
2.2.2. Die Aufgaben einer Kommissarin
2.2.2.1. Frauen im Kampf gegen den großen Demozid
2.2.2.2. Die Arbeit Anna Nikulinas

3. Archivalien: Begegnungen, Bilder und Dokumente

4. Danksagung

5. Literatur

1. Die Unbekannte: Anna … Wer?

Diese Frage werden sich fast alle stellen, die dieses Buch in die Hand nehmen, Russlandexperten nicht ausgenommen. Liebhaberinnen des russischen Balletts denken vielleicht an die Star-Tänzerin des Bolschoi-Theaters, Anna Nikulina1, Militärhistoriker erinnern sich möglicherweise an Majorin Jewdokija Andrejewna Nikulina, genannt Dina Nikulina2, eine der berühmten Pilotinnen des 46. Gardefliegerregiments der Roten Armee, den sogenannten „Nachthexen“3, aber der Name Anna Wladimirowna Nikulina dürfte auch den meisten von ihnen nichts sagen.

Diese Frau ist heute eine Unbekannte, eine Vergessene. Und das, obwohl sie eine der großen Symbolfiguren des 20. Jahrhunderts ist. Mehr noch, Anna Wladimirowna Nikulina gehört zu jenen Frauen der Menschheitsgeschichte, die in den Befreiungskriegen ihrer Völker ihren Mitkämpferinnen und Mitkämpfern zur Seite standen und die durch ihr persönliches Beispiel andere Menschen motivierten, über sich hinauszuwachsen. Würde es nicht zu vielerlei Missverständnissen Anlass geben und überdies der Bescheidenheit dieser Frau zutiefst zuwiderlaufen, dann wäre man versucht, sie als eine moderne Heroine oder eine sowjetische Jeanne d’Arc zu bezeichnen.

Um Anna Nikulina kennen zu lernen, bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, uns zunächst auf eine kurze Zeitreise, in das Berlin der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zu begleiten, genauer, eine Zeitreise ins Zentrum der Stadt, in die Kanzlei des Grauens.

Rückblende

30. März 1941. Vormittags. Wilhelm-/Ecke Voßstraße. Neue Reichskanzlei. Es ist ein trüber Tag und nasskalter Schneeregen fegt durch die Straßen. Die hohen Militärs, die ihren Limousinen entsteigen, schlagen ihre Mantelkragen hoch und beeilen sich in das Innere des Gebäudes zu kommen.

Dieses Gebäude, die zwei Jahre zuvor eingeweihte Neue Reichskanzlei, wurde nach den Wünschen des Führers von seinem Generalbauinspektor Albert Speer entworfen und unter dessen Kontrolle gebaut4. Der „Führerpalast“5 war der erste Baustein für die geplante Welthauptstadt Germania und sollte vor allem eins sein: das „Symbol des Großdeutschen Reiches“6, mit einer 300 Meter langen „Diplomaten-Route“, einer „Marmorgalerie“, die mit ihren 146 Metern doppelt so groß war wie der Spiegelsaal von Versailles und mit Hitlers Arbeitszimmer, dem „Thronsaal“, der knapp 400 Quadratmeter maß und fast 10 Meter hoch war.7

Hierher hat der Führer an diesem Sonntag zu Punkt 11 Uhr 250 seiner führenden Militärs zur sogenannten „Generals-Versammlung“ befohlen. Hitler hält eine fast zweieinhalbstündige Ansprache. Im Kern geht es um die „Begründung der Notwendigkeit, die russische Lage zu bereinigen“, sprich den am 24. August 1939 geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt zu brechen und die Sowjetunion einschließlich ihrer Bewohner vollständig zu vernichten. Der Chef des Generalstabs, Generaloberst Franz Halder, hält die Schwerpunkte der Führer-Rede in seinem Kriegstagebuch fest. Er notiert:

„Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus, ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. … Kampf gegen Rußland: Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz. … Der Kampf wird sich sehr unterscheiden vom Kampf im Westen. Im Osten ist Härte mild für die Zukunft. Die Führer müssen von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden. …“8

Soweit überliefert, stellt nicht einer der 250 führenden Militärs eine Frage oder äußert gar Bedenken gegen die von Hitler geforderte Vernichtungsstrategie.

Zeitsprung, 4 Jahre später

2. Mai 1945. Wilhelm-/Ecke Voßstraße. Neue Reichskanzlei. Früh gegen 2 Uhr. Der „Führerpalast“ samt „Marmorgalerie“, „Diplomaten-Route“ und „Thronsaal“ ist eine Ruine. Seit Mitte Januar lebt Hitler fast nur noch in seinem „Führerbunker“, in einer 50 Quadratmeter großen Katakombe unter der Erde. Sein Arbeitszimmer ist auf 10 Quadratmeter geschrumpft9. Knapp zwei Tage zuvor, am Nachmittag des 30. April, begeht er mit einer Giftampulle Selbstmord10.

Am Abend des 1. Mai 1945 erlässt der Kommandeur der 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front, Generaloberst Nikolai Bersarin, den Gefechtsbefehl 106, in dem er seinem 9. Schützenkorps die Aufgabe stellt, die Reichskanzlei einzunehmen11. In den frühen Morgenstunden des 2. Mai dringt das Bataillon von Major Fjodor Schapowalow als erstes von der Voßstraße in die Reichskanzlei ein. Ganz vorn stürmt die Oberinstrukteurin der Politabteilung des Korps, Major Anna Wladimirowna Nikulina, in das Gebäude12. Dieser Augenblick bleibt für sie unvergesslich. Noch Jahrzehnte später erinnert sie sich an jedes Detail:

„In die Fenster des Gebäudes und die Breschen in den Mauern flogen Granaten. Nachdem wir einen Moment abgewartet hatten, stürmten wir, einander helfend, in die Fenster und Breschen. Es entbrannte ein Kampf im Innern der Reichskanzlei. Dichter Rauch stand da, von den Pulvergasen brannten die Augen, man konnte nur schwer atmen. Indem ich ausnutzte, dass die SS-Leute unter dem Druck unserer Soldaten aus dem Treppenhaus zurückwichen, begann ich nach oben zu steigen. Mir nach stürmten der Komsomolorganisator Salidshan Alimow, die Komsomolzen Iwanow, Bondarenko, Chmelnitzki und andere. … Noch eine Anstrengung und wir sind in der 2. Etage. Jetzt noch den Dachboden überwinden, aber man hat schon keine Kraft mehr, es scheint, dass du jeden Augenblick tot umfällst – und Schluss. … Und da, ich weiß nicht woher, hatte ich unerwartete Kräfte. Ich bahnte mir schnell einen Weg über den Dachboden, wo durch das von Granaten aufgerissene Dach das Licht des nächtlichen, durch das Wetterleuchten des Kampfes in Flammen stehenden Himmels zu sehen war. Ich stürmte zu diesem Lichtschein. Direkt am Dachrand klaffte ein Loch, und aus ihm ragten irgendwelche metallenen Bolzen, offensichtlich von der herausgerissenen Eisenbetonbewehrung. An einem von ihnen befestigte ich mit Stücken von Telefondraht die Rote Fahne. Beleuchtet vom Licht der Raketen, dem Widerschein der Brände, wehte sie wie eine Flamme in der Nacht. Nachdem ich die Fahne befestigt hatte, fühlte ich eine solche Schwäche im ganzen Körper, das ich mich lange nicht von der Stelle bewegen konnte, und lehnte mich an irgendeinen Querbalken, stand und schaute auf das lichterloh brennende Berlin … .“13 „Ich stand auf dem Dach und weinte. Ich konnte nicht weinen, als Freunde fielen, als ich monatelang keine Post von den Kindern bekam. Aber jetzt war es mit der Beherrschung vorbei.“14 Ende der Zeitreise.

Mit dem Hissen der roten Fahne auf der Reichskanzlei war der Sieg über den deutschen Faschismus auch symbolisch vollzogen. Anna Wladimirowna Nikulina stand stellvertretend für all jene Menschen auf dem Dach der Kanzlei, die gegen die Naziherrschaft gekämpft hatten – für die Lebenden und die Toten, für Russen und Franzosen, für Usbeken und Amerikaner, für Polen und Engländer, für Deutsche und Balten.

Bedeutung der Memoiren Anna Nikulinas

Doch es ist mehr als das bloße Hissen der roten Fahne, was die kaukasische Kosakentochter zu einer weltgeschichtlichen Symbolfigur macht. Anna Nikulina trug nicht nur in den Morgenstunden des 2. Mai 1945 die rote Fahne als Flamme in der Nacht auf die Ruine des „Führerpalastes“, sie selbst war eine Flamme in der Nacht des Krieges, machte anderen Mut, gab ihnen Kraft und spendete ihnen Trost. Als Frau, Schwester, Mutter, Kaukasierin, Parteimitglied, Soldatin und Kommissarin verkörperte Anna Nikulina, wie kaum eine Zweite, all jene Menschen, Gruppen und Völkerschaften, die gegen Hitlerdeutschlands Barbarei kämpften. Sie selbst ist ein Symbol des weltweiten antifaschistischen Kampfes.

Dass und inwiefern Anna Nikulina selbst eine Flamme in der Nacht war, wird in ihren Erinnerungen deutlich, die sie, auf das Drängen vieler Menschen hin, denen sie von dieser Zeit erzählte, 37 Jahre später veröffentlichte und in denen sie ihren 5.000 Kilometer langen Weg15 vom nordkaukasischen Mosdok bis nach Berlin schilderte. Diese Erinnerungen werden im Band 2 („Der Text“) erstmalig komplett in deutscher Sprache vorgestellt16. Sie sind ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument. Diese Einschätzung scheint auf den ersten Blick überhöht, ist es aber nicht.

Es gibt sehr viele Berichte von sowjetischen Soldaten, Offizieren und Zivilisten, in denen die Kriegsteilnehmer ihre persönlichen Erinnerungen an die Zeit von 1941 bis 1945 schildern17, man denke nur an die Memoiren führender sowjetischer Militärs18. Hinzu kommt eine unüberschaubare Vielzahl von historischen und militärgeschichtlichen Untersuchungen, die diese Zeit aus den verschiedensten Perspektiven und mit unterschiedlicher analytischer Fokussierung und Tiefenschärfe beleuchten. In diesen Dokumenten- und Literaturbergen dürfte, so sollte man meinen, kein weißer Fleck mehr existieren, zumindest was die Kernprobleme des Krieges betrifft. Dem ist jedoch nicht so. Bislang gibt es, soweit zu sehen, keine persönlichen Erinnerungen von Kommissarinnen, in denen diese ihre Arbeit und ihre Kriegserlebnisse vom ersten bis zum letzten Tag schildern.19 Anna Nikulinas „Flamme in der Nacht“ ist eine solche Erinnerung. In ihnen hat die Politoffizierin, wie sie immer wieder betonte, nur das aufgeschrieben, was sie selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen hat. Schon insofern sind ihre Schilderungen natürlich subjektiv. Hinzu kommt, dass sie, wie jeder Mensch, eine individuelle Sicht des Erlebten hat und, dass sie ihre Erinnerungen erst vier Jahrzehnte später zu Papier brachte. All dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass uns ihre Memoiren heute nichts zu sagen hätten. Im Gegenteil, ihre Erinnerungen geben aus erster Hand einen Einblick in die alltägliche Arbeit sowjetischer Kommissare und Politoffiziere und ermöglichen es, ein Verständnis für deren Bedeutung im Kampf gegen den deutschen Faschismus zu entwickeln.

Zwei Probleme

Die Lektüre der Memoiren Anna Nikulinas stößt allerdings auf zwei grundlegende Probleme, und zwar erstens den Charakter des Krieges zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion und zweitens die Figur des sowjetischen Kommissars. Nach 45 Jahren Kaltem Krieg und 27 Jahren NATO-Osterweiterung haben sich gesellschaftsweit Vor-Urteile herausgebildet, die es sehr schwer machen, Texte über die Sowjetunion, den 2. Weltkrieg und die Kommissare der Roten Armee unvoreingenommen zu lesen und zu durchdenken. Noch bevor Leserinnen und Leser solche Texte überhaupt zur Hand nehmen, sind bei vielen die abschließenden Urteile bereits fix und fertig im Kopf vorfabriziert und die geistigen Schubladen geöffnet, in denen das Gelesene abgelegt wird. Nicht selten sind diese Vor-Urteile dort am stärksten, wo wir uns frei von ihnen wähnen.

Die politische und leitmediale Russophobie der letzten Jahre hat diese über Jahrzehnte gewachsenen Vor-Urteile zementiert und in den Rang von selbstverständlichen, nicht mehr zu hinterfragenden Gewissheiten erhoben. Selbst eine der Grundtugenden demokratischen Denkens und Handelns, nämlich der Versuch, zuerst andere Menschen zu verstehen, ehe man über sie urteilt, wird heutzutage sehr schnell als Ketzerei gedeutet, sobald jemand sich bemüht, die Russen und Russland zu verstehen. „Putinversteher“ ist ein Schimpfwort, eine Art Feuermal, das den Gebrandmarkten als gefährlichen demokratischen Wackelkandidaten ausweist, weil er an Selbstverständlichkeiten zweifelt, sei es aus geistigem Unvermögen oder aus politischem Unwillen. Ein solcher Versteher ist mithin ein potentieller Fall für die Psychiatrie oder den Verfassungsschutz.

Die von mächtigen Teilen der anglo-amerikanischen Eliten forcierte und auch von deren euro-germanischer Gefolgschaft20 in der Politik und in den Medien vorangetriebene Russophobie und deren zugespitzteste Form, die Putinphobie, haben heute, im Frühjahr 2018, einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Dieser Höhepunkt lässt sich immer weniger in einer politologischen oder sonstigen sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeit beschreiben. Um seine Spezifik zu erfassen, bedienen sich Beobachter zunehmend einer klinisch-psychoanalytischen oder mythologischen Terminologie. So sprechen beispielsweise Giulietto Chiesa von einer „Putinfobia“21 oder Guy Mettan von einer „anti-Putin hysteria“22, Hannes Hofbauer23 und Gabriele Krone-Schmalz24 von einer „Dämonisierung“ Russlands oder Henry Kissinger von einer „Dämonisierung Putins“25.26

Selbstredend können wir weder die jahrzehntealten Vor-Urteile noch ihre politischen und leitmedialen Zementierungen aus der Welt schaffen. Wir können sie aber auch nicht einfach ignorieren und so tun, als gäbe es sie nicht. Wir werden deshalb im Kapitel 2 des vorliegenden ersten Bandes („Eine Einleitung: Der Krieg und die Kommissare“) versuchen, in den historischen Kontext des Nikulina-Textes einzuführen, und zwar so, dass es Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, ermöglicht wird, einige gängige Vor-Urteile und scheinbare Selbstverständlichkeiten, die den 2. Weltkrieg und die Rolle der sowjetischen Kommissare betreffen, selbst zu hinterfragen und auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Dabei werden wir im Kapitel 2.1. („Der Krieg: Der große Demozid und seine Umdeutungen“) den Grundcharakter des deutsch-sowjetischen Krieges und im Kapitel 2.2. („Die Kommissare: Bedeutung und Aufgaben“) die Funktion der sowjetischen Kommissare in diesem Krieg herausarbeiten. Diese Einleitung in die Erinnerungen Anna Nikulinas („Band 2: Der Text“) kann jedoch das Hinterfragen und Überprüfen der eigenen Vor-Urteile bestenfalls anregen, nicht aber ersetzen. Die jeweiligen Literaturhinweise in den Fußnoten, die im Kapitel 5 („Literatur“) zusammengefasst sind, bieten daher die Chance, sich im Bedarfsfall eingehender mit entsprechenden Einzelproblemen zu beschäftigen.

Ergänzt wird die Einführung in die Memoiren Anna Nikulinas schließlich im Kapitel 3 („Archivalien: Begegnungen, Bilder und Dokumente“) durch persönliche Erinnerungen an Gespräche mit Anna Nikulina sowie durch Bild- und Textdokumente, die hier zum Teil erstmals veröffentlicht werden. Beides, die persönlichen Erinnerungen und die Bild- und Textdokumente sollen dazu beitragen, diese außergewöhnliche Frau auch ein wenig von ihrer ganz privaten Seite kennen zu lernen.

2. Eine Einleitung: Der Krieg und die Kommissare

Krieg ist heute für deutsche Leser, die nach 1945 geboren sind, insbesondere jedoch für Jugendliche, etwas ebenso Fernes, wie Alltägliches.

Fern sind ihnen die Kriege, weil sie jenseits ihres eigenen Erfahrungshorizontes liegen. Die meisten kennen solche Ereignisse nicht mehr aus erster, sondern nur noch aus zweiter oder dritter Hand, aus Erzählungen Älterer, aus Büchern und Filmen. Krieg liegt für sie in weiter zeitlicher oder räumlicher Ferne, entweder in einer fernen Vergangenheit oder an einem fernen Ort, weit da draußen.

Alltäglich sind vielen Leserinnen und Lesern die Kriege über zwei Medien geworden, über Nachrichtensendungen und über Computerspiele. Blutüberströmte Leichen oder Massengräber auf HD-Bildschirmen verderben heute kaum noch jemanden in Mitteleuropa den Appetit beim Abendbrot. Ein schales Bier weckt da entschieden mehr Emotionen. Das zweite Medium sind die martialischen Computerspiele, in denen sich der zukünftige Drohnenpilot oder die Special-Forces-Heldin schon mal darin üben können, in einer immer echter wirkenden virtuellen Welt alles abzuschlachten, was sich ihnen bei der Befreiung der Guten von den Bösen in den Weg stellt.

So unterschiedlich die Ferne und die Alltäglichkeit des Krieges auf den ersten Blick zu sein scheinen, so haben sie doch eins gemeinsam: der eigene Körper bleibt von dem tatsächlichen Krieg verschont. Es gibt keine Schmerzen und keine Todesangst. Bei einem Treffer spritzt weder das eigene Blut noch das Gehirn der Freundin. Alles bleibt clean.

Wie lässt sich bei dem fehlenden eigenen Erleben und dieser Gleichzeitigkeit von Ferne und Alltäglichkeit heute erklären, was der Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland tatsächlich für die Menschen bedeutet hat?

Ähnlich schwierig verhält es sich mit den sowjetischen Kommissaren. Viele werden gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gegeben hat, geschweige denn, welche Aufgaben solche Kommissare oder „Beauftragten“ im Krieg eigentlich hatten. Wenn überhaupt bekannt, dann erscheint die Figur des Kommissars nicht selten als eine elende Gestalt, eine Mischung aus Dummheit und Brutalität. Dumm, weil er nur Phrasen drischt, an die niemand glaubt und brutal, weil er Deserteure sofort erschießt. Zugespitzt formuliert entsteht ein Bild, in dem der Kommissar, auch „Politruk“ genannt27, in der einen Hand die Parteizeitung, in der anderen den Revolver hält und mit beiden Soldaten wie Offiziere ins Gefecht treibt, was dann zu allem Überfluss auch noch militärisch mehr Schaden als Nutzen anrichtet, weil die „Politruks“ Hüh und die Offiziere Hott sagen während die Soldaten in diesem Durcheinander überhaupt nicht mehr wissen, wo es lang geht.28

Wenn wir im Folgenden versuchen, den Krieg, in den Anna Nikulina im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht gerissen wurde und die Funktion, die sie dort über mehr als drei Jahre ausübte, zu beschreiben, dann kann dies selbstverständlich nur eine grobe, holzschnittartige Skizze sein, die unbedingt weiterer Präzisierungen und sicher auch Korrekturen bedarf. Es ist, wie die Kapitel-Überschrift sagt, „ eine Einleitung“ in die Erinnerungen der Kommissarin – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

2.1. Der Krieg: Der große Demozid und seine Umdeutungen

Wenn wir bislang vom 2. Weltkrieg und dem Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland sprachen, dann haben wir uns um des schnelleren Verstehens willen einer gängigen Konvention bedient, die jedoch bei Lichte besehen irreführend ist. Die Bezeichnung „2. Weltkrieg“ ist eine Art Container-Begriff, in dem Kriege versammelt sind, die außer dem Namen nichts miteinander gemein haben. Folgende zwei Beispiele mögen dies exemplarisch verdeutlichen:

Erstes Beispiel: Der „Phoney war“ und die „Schlacht um Iwo Jima“

Der „Phoney war“, auch „Drôle de guerre“, „Sitzkrieg“ oder „Komischer Krieg“ genannt, begann am 3. September 1939 und endete am 10. Mai 1940.29 Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich entsprechend ihren Bündnisverträgen Deutschland den Krieg. Nach dieser Kriegserklärung folgte – nichts. Abgesehen von ein paar Geplänkeln, wie der „Saaroffensive“, blieb es am gesamten Westwall und der Maginot-Linie ruhig. Frankreich und Großbritannien versuchten nicht die Grenze zu Deutschland zu überqueren und Deutschland versuchte nicht die Grenze zu Frankreich zu überqueren. Jeder blieb wo er war, es fiel kein Schuss, es gab keine Toten oder Verwundeten. Alle gingen ihren gewohnten Geschäften nach. Das blieb acht Monate lang so, bis zum 10. Mai 1940, als Hitler den Befehl gab, die Benelux-Länder und Frankreich in einem Blitzkrieg zu besetzen.

Im Gegensatz zum „Phoney war“ handelt es sich bei der „Schlacht um Iwo Jima“30 um einen tatsächlichen Krieg, und zwar einen mörderischen, der alles andere als „komisch“ war. Gekämpft wurde um das 21 Quadratkilometer große, zu den Bonininseln gehörende Eiland Iwo Jima im Pazifik. Die Schlacht dauerte vom 19. Februar bis 26. März 1945. In ihr trafen 110.000 US-amerikanische und 21.000 japanische Soldaten aufeinander. Insgesamt gab es in diesen Kämpfen mehr als 27.000 Tote und 20.000 Verwundete31. Berühmt wurde dieser Inselkrieg durch das Foto „Raising the Flag on Iwo Jima“ von Joe Rosenthal32, dem auch das „US Marine Corps War Memorial33 “ neben dem Nationalfriedhof Arlington in Virginia nachempfunden ist.

Zweites Beispiel: Der USA-Luftkrieg

Der USA-Luftkrieg, genauer, der Luftkrieg, den die USA führten und der Luftkrieg, der über den USA stattfand. Um sich die Diskrepanz zwischen diesen beiden Kriegen zu vergegenwärtigen, genügt es, nur einen einzelnen Luftangriff, den die US Air Force flog, mit dem gesamten Luftkrieg über den USA in Beziehung zu setzen. Bei diesem einzelnen Angriff handelt es sich um die Operation „Meetinghouse II“, die am 9. März 1945 stattfand. Ziel war ein dichtbesiedelter Bezirk in Tokio, der ungefähr ein Gebiet von 31 Quadratkilometer umfasste und in dem rund 1,2 Millionen Zivilisten lebten. Schätzungen gehen davon aus, dass bei diesem zweistündigen Napalm-Bombardement bis zu 185.000 Menschen getötet34 und 256.070 Gebäude zerstört wurden35.

Der Luftkrieg, der sich über den USA abspielte, reduziert sich auf insgesamt vier Ereignisse. Am 9. und 29. September 1942 versuchten japanische Wasserflugzeuge in Oregon Waldbrände zu entfachen, was in beiden Fällen misslang36. Es gab weder Personen- noch Sachschäden. Zwischen November 1944 und April 1945 schickte Japan mit dem Jetstream auf gut Glück Ballonbomben in Richtung USA. Ungefähr 300 Ballons erreichten US-amerikanisches Festland, verursachten jedoch keine Sachschäden. Allerdings starben 6 Menschen, als einer von ihnen zufällig auf eine abgestürzte Bombe trat37. Das vierte Ereignis war „Der Große Luftangriff auf Los Angeles“, der in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1942 stattfand. Dabei handelte es sich um einen Fehlalarm, in dessen Folge 5 Menschen bei Autounfällen und an Herz-Kreislauf-Versagen starben.38

Beide Beispiele machen vielleicht deutlich, dass es sich bei dem „Komischen Krieg“ und dem Luftkrieg über den USA einerseits und der „Schlacht um Iwo Jima“ und der Bombardierung Tokios andererseits um Ereignisse handelt, die nur sehr bedingt, im Grunde genommen gar nicht, unter dem gleichen Oberbegriff „Krieg“ zusammengefasst werden können. Nur mit großen Bedenken ließe sich eventuell noch sagen, dass diese Ereignisse jeweils die extremen Endpunkte einer breitgefächerten Skala kriegerischer Handlungen markieren, die in dem Container-Wort „2. Weltkrieg“ zusammengefasst sind.

Es gibt nun allerdings zwei Vorgänge, die für gewöhnlich ebenfalls dem 2. Weltkrieg zugerechnet werden, die sich jedoch weder qualitativ im Hinblick auf die Tötungstechnologien und die Opfer noch quantitativ in Bezug auf die Opferzahlen mit derartigen Skalen vermessen lassen, denn sie liegen jenseits solcher extremen Endpunkte und sprengen den Container-Begriff „Krieg“. Der erste Vorgang ist der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, der zweite der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion.

Atombomben und Nuklearwaffen sind keine evolutionäre Weiterentwicklung konventioneller Kriegstechnologien, sondern ein qualitativer Sprung vom Krieg zum High-Tech-Massenmord an Zivilisten. So wurden sie bislang eingesetzt und so ist – wenn man entsprechenden USA-Dokumenten Glauben schenken darf – von Anfang an ihr Einsatz geplant gewesen. Sie sind primär nicht zur Bekämpfung von Soldaten und militärischen Objekten, sondern zum Ausradieren von Großstädten, Ballungsgebieten und industriellen Zentren gedacht.39 Bereits 1949 entwickelte der Verantwortliche für das zuvor genannte Tokio-Bombardement, General Curtis Le May, den Plan, 70 sowjetische Städte mit 100 Atombomben in einem Erstschlag zu vernichten40. Die Sowjetunion besaß zu diesem Zeitpunkt nicht eine einzige Nuklearwaffe. Ende der 50er Jahre standen bereits 1.200 Städte in der Sowjetunion und in den mit ihr verbündeten Staaten auf der Bombardierungsliste. Die Zielkategorie war eindeutig. Es war die Nummer 275, die für „population“ stand. Allein auf Ostberlin sollten im Kriegsfall 68 Atombomben abgeworfen werden41. Als, wie man heute sagt, Kollateralschaden, wäre Westberlin dabei selbstverständlich mitverglüht.

Im Unterschied zu den Atomwaffen ist der qualitativ und quantitativ neue Charakter des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion schwerer erkennbar. Oberflächlich betrachtet sieht es zunächst so aus, als handele es sich um einen gewöhnlichen Krieg. Die Begriffe „Ostfront“ und „Westfront“ zum Beispiel suggerieren, es hätte hier zwei Kriegsfronten gegeben, an denen sich mehr oder weniger die gleichen Schlachten und Gefechte abgespielt hätten, unterschieden höchstens noch durch das Ausmaß der Kämpfe. Eine solche Betrachtungsweise ist jedoch grundlegend falsch und verstellt den Blick auf die Spezifik dessen, was an der sogenannten Ostfront passierte. In seinem Buch „Zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitlerkoalition“ schrieb der ehemalige Diplomat Valentin Falin: „Die Geschichte kennt nicht wenige Kriege, die auf die Vernichtung des Gegners abzielten, um Raum für eine Neubesiedlung zu schaffen, wie man bei der Brandrodung den Wald anzündet, um ein Stück Land zu gewinnen, das man bebauen will. Und doch kann keiner dieser Kriege, auch nicht im 20. Jahrhundert, mit dem »Rußlandfeldzug« des Nazireiches verglichen werden. … Normen und Konventionen der Kriegsführung fegte die Nazi- und Wehrmachtsführung im Falle der Sowjetunion von vornherein beiseite. Dieser Krieg war auch nach seiner Philosophie und seinen Zielen mit keinem anderen zu vergleichen.“42

Um der Spezifik des deutschen Feldzuges gegen die Sowjetunion gerecht zu werden, wird in der Geschichtsschreibung häufig von einem „Vernichtungskrieg“ gesprochen.43 Dieser Terminus lenkt zwar die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung, bleibt jedoch letztlich unbefriedigend, denn sein Gebrauch zieht die Vorgänge an der Ostfront unter der Hand und ungewollt immer wieder auf die Ebene eines zwar schlimmen, aber letztlich doch normalen Krieges zurück.

Eine zwar präzisere, leider jedoch ziemlich unbekannte und zunächst sehr akademisch klingende Bezeichnung, die den Kern dessen trifft, was „Vernichtungskrieg“ meint, ist der Begriff „Demozid“. Wir haben uns für die Verwendung dieses Begriffes entschlossen, weil er unseres Erachtens am klarsten und deutlichsten den gesellschaftlichen Kontext des Nikulina-Textes ausleuchtet.

2.1.1. Der große Demozid

Bezeichnungen wie „Vernichtungskrieg“, „Genozid“, „Politizid“, „Massenmord“, „Massaker“ oder „Terror“ bringen ähnliche Sachverhalte zum Ausdruck. Sie sind zwar nicht identisch, überschneiden sich jedoch in einigen wesentlichen Punkten. Ein für das Verständnis des deutsch-sowjetischen Krieges zentrales Charakteristikum besteht darin, dass es sich dabei oft nicht nur um massenhafte Tötungen handelt, sondern um vorsätzliche Massentötungen, die von der Regierung zielgerichtet und langfristig geplant und über ihre Machtapparate organisiert und durchgeführt werden.

2.1.1.1. Begriff und Umfang des großen Demozids

Genau dies ist der Ausgangspunkt für die Überlegungen des amerikanischen Politologen Rudolph Rummel, der fordert, ein Begriffskonzept zu entwickeln, „das alle beabsichtigten, kaltblütigen Tötungen durch eine Regierung einschließt und das dem Begriff Mord auf privater Ebene vergleichbar ist.“44

Begriff

Rummel schreibt: „Deswegen schlage ich, als analogen Begriff zu Mord, das Begriffskonzept Demozid vor. … Seine Wurzel ist zum einen das griechische demos δήμος („Volk“), zum anderen derselbe Wortstamm wie „Genozid“, abgeleitet vom lateinischen caedere („töten“). Das maßgebliche Kriterium für die Konstatierung von Demozid ist das vorsätzliche, intentionale Töten eines unbewaffneten Menschen oder Volkes durch eine Regierung.“45

Ausgehend von dieser Definition des Demozids führt Rummel dann im ersten Teil seines Buches „Demozid – der befohlene Tod. Massenmorde im 20. Jahrhundert“ detailliert jene Formen des Regierungshandelns auf, die einen Demozid darstellen46, und untersucht auf dieser Grundlage dann im zweiten Teil konkrete Massenmorde im 20. Jahrhundert. Was diesen zweiten Teil seiner Arbeit betrifft, ist es nicht nur mehr als fraglich, ob Rummels empirische Untersuchungen tatsächlich seiner eigener Definition gerecht werden, sondern auch, inwieweit sie überhaupt elementaren wissenschaftlichen Standards entsprechen.47 Dies ändert jedoch nichts daran, dass der von ihm eingeführte Demozid-Begriff genau jenen Punkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, der für das Verständnis des deutsch-sowjetischen Krieges und damit für die Nikulina-Memoiren von zentraler Bedeutung ist.

Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion war kein Krieg, bei dem es auch mal Massenmorde gab, sondern er war durch und durch ein Demozid48, der unter anderem auch die Form des militärischen Kampfes annahm. Der Kern dieses Demozids bestand in der von der deutschen Regierung ebenso langfristig wie minutiös geplanten und von ihren Machtapparaten ebenso systematisch wie akribisch organisierten Massentötung der sowjetischen Bevölkerung. Dies soll im Folgenden näher erklärt werden.

Wenn wir nicht nur von einem Demozid, sondern von dem großen Demozid sprechen, dann hat dies drei Gründe: Erstens zielte der Demozid an der sowjetischen Bevölkerung nicht nur auf ein Volk oder eine Ethnie, wie beispielsweise der Holocaust auf die Juden und der Porjamos auf die Roma, sondern auf Dutzende von Völkern. Die Russen bildeten zwar in der Sowjetunion mit ungefähr 58 Prozent49 die Mehrheit, trotzdem gehörten zur sowjetischen Bevölkerung weit über 100 verschiedene Völker und Volksgruppen50. Zweitens muss im Falle der Sowjetunion von einem großen Demozid gesprochen werden, weil sich die deutsche Regierung und ihre Machtapparate nicht nur einzelner Massenmordtechniken bedienten, sondern das gesamte Spektrum dieser Techniken nutzten und dabei Tötungsmethoden, wie zum Beispiel den geplanten und organisierten Hungertod, zu einem sozialtechnischen Massenmordverfahren entwickelten, die der Vergasung in den Konzen­trationslagern in nichts nachstanden. Drittens schließlich handelt es sich um einen großen Demozid, im Hinblick auf die Opferzahlen, die alle anderen Demozide, einschließlich des Holocaust, weit übertreffen.

Umfang

Die Schätzungen der Gesamtopfer des großen Demozids schwanken erheblich51. Von Mitte der 50er bis Mitte der 80er Jahre gab die Sowjetunion die Zahl ihrer Toten mit 20 Millionen an.52 Mit der Öffnung von Archiven ab Mitte der 80er Jahre musste diese Zahl nach oben korrigiert werden. Die offiziellen Angaben beliefen sich auf 27 Millionen Tote.53 Manche Historiker, wie etwa die von Verteidigungsminister Dmitri Jasow Ende der 80er Jahre eingesetzte Kommission54 oder Wladimir Koslov55, sprechen sogar von 37 beziehungsweise 40 Millionen. Nach übereinstimmenden Schätzungen verschiedener Experten, wie Richard Overy, Christian Hartmann oder Vladimir Tarasov56 liegt die Gesamtopferzahl ungefähr zwischen 26 bis 27 Millionen Menschen.

Ausgehend von dieser Zahl der Gesamtopfer schätzen Historiker, dass die Zahl der bei Kriegshandlungen gefallenen Soldaten ungefähr 8,5 Millionen Menschen beträgt, während sich die Zahl der getöteten Zivilisten auf 15 - 17 Millionen und die Zahl der getöteten Gefangenen auf 3 Millionen beläuft.57 Das heißt, die Mindestzahl der Demozid-Toten, also Zivilisten plus gefangene, wehrlose Soldaten, liegt bei mindestens 18 eher 20 Millionen Menschen. Berücksichtigt man ferner, dass viele militärische Gefechte in der Anfangsphase des deutschen Überfalls eindeutig dem Demozid zuzurechnen sind, weil schlecht oder gar nicht bewaffnete sowjetische Arbeiterregimenter den gut ausgerüsteten Einheiten der Wehrmacht gegenüberstanden58, dann ist diese Demozid-Zahl keineswegs zu hoch gegriffen.

Fazit

Diese Daten zeigen zunächst zweierlei: Zum einen kann angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Demozid-Toten mehr als doppelt so hoch ist wie die der gefallenen Soldaten, nicht einfach von einem deutsch-sowjetischen Krieg gesprochen werden. Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion war seinem Wesen nach ein Demozid, der sich auch militärischer Mittel bediente. Zum anderen zeigt ein Vergleich zwischen den Opfern dieses Demozids und denen des Holocaust, dass es sich hierbei tatsächlich um einen großen Demozid handelte, und zwar einen Demozid, der vier Mal so viele Opfer forderte, wie der Holocaust.59 Diese Dimensionen sprengen jede Vorstellungskraft, vor allem in Hinblick auf das Leid, den dieser große Demozid über die sowjetischen Menschen und ihre Heimat gebracht hat.

Und diese Zahlen machen noch etwas anderes deutlich: Die Tötung so vieler Menschen in vergleichsweise so kurzer Zeit kann unmöglich das bloße Zufalls- oder Nebenprodukt harter militärischer Kämpfe gewesen sein. Eine solche Massentötung musste von der deutschen Regierung gewollt und dann von ihr systematisch geplant, organisiert und durchgeführt werden. Dies konnten einzelne entmenschte Mordkommandos allein nicht leisten, dazu bedurfte es großer Machtapparate, die sich mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit und Präzision dieser Aufgabe annahmen. Diesen Gesichtspunkt, also das, was Rummel als das „vorsätzliche, intentionale Töten eines unbewaffneten Menschen oder Volkes durch eine Regierung“60 bezeichnet, wollen wir im Folgenden näher betrachten. Dabei werden wir uns vor allem darauf konzentrieren, das Vorsätzliche und Intentionale des großen Demozids herauszuarbeiten. Wenn wir dabei auf detaillierte Beschreibungen der verschiedenen Tötungsprozeduren verzichten, dann nicht nur deshalb, weil dies den Rahmen des vorliegenden Buches sprengen würde, sondern vor allem, weil wir uns außerstande sehen, das Grauen dieser Vorgänge angemessen zum Ausdruck zu bringen. Um das Vorsätzliche und Intentionale des großen Demozids auch nur annähernd richtig zu erfassen, reicht es nicht, sich lediglich auf die unmittelbaren Kriegsvorbereitungen Deutschlands, also die Planungen für das Unternehmen „Barbarossa“ 1940/41, zu beschränken, sondern es ist unumgänglich etwas weiter auszuholen, um die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Entwicklungen, die diesen Demozid ermöglichten und forcierten, in den Blick zu bekommen.

2.1.1.2. Voraussetzungen des großen Demozids

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gab es in Deutschland der 30er Jahre vier wesentliche Voraussetzungen, die die Planung, Organisierung und Durchführung des großen Demozids ermöglichten und begünstigten.

Erstens gab es erfahrene und effiziente Bürokratien, die in der Welt ihres Gleichen suchten. Deutschland wurde dafür von vielen beneidet. Lenin beispielsweise war begeistert von der deutschen Post, der deutschen Bahn und vor allem von dem WUMBA, dem „Wehr- und Munitionsbeschaffungsamt“ im 1. Weltkrieg.61 Und er wurde nicht müde, diese Bürokratien immer wieder seinen Genossen als Musterbeispiele der Planung und Organisation vorzuhalten.

Zweitens existierte mit der NSDAP eine Bewegung, deren Ideologie zwei klare Feindbilder hatte, ein rassenpolitisches, die Juden, und ein gesellschaftspolitisches, den Bolschewismus. Diese beiden Feindbilder verschmolzen und kulminierten in einem Hauptfeindbild, nämlich dem „jüdischen Bolschewismus“. Der „jüdische Bolschewismus“ war allerdings weder eine Erfindung der Nazis, noch blieb er auf diese beschränkt. Prominente Vertreter anglo-amerikanischer Eliten, wie etwa Henry Ford oder Winston Churchill, um hier nur einmal zwei Beispiele herauszugreifen, propagierten ebenfalls ein solches Feindbild.62 Die deutschen Faschisten, allen voran Hitler, Himmler, Rosenberg und Goebbels, machten jedoch aus diesem Hauptfeindbild nicht nur die herrschende Ideologie des Dritten Reiches63, sondern entwickelten es zu einem Vernichtungsprogramm.

Drittens hatte die Planung und Organisierung von Demoziden durch deutsche Regierungen und speziell durch das deutsche Militär eine lange Tradition.64 Sie begann im deutsch-französischen Krieg 1870/7165 und reicht von der Abschlachtung der Herero in Deutsch-Südwestafrika (Namibia 1904) über die Massenmorde in Deutsch-Ostafrika (Tansania 1916-1918) bis nach Auschwitz66 und zum großen Demozid an den Völkern der Sowjetunion. Die Organisatoren dieser Massenmorde, wie Generalleutnant Lothar von Trotha und Hauptmann Victor Franke, die für das Massaker in Namibia verantwortlich zeichneten67, oder General Paul von Lettow-Vorbeck, der mehr als eine Million Tote in Tansania auf dem Gewissen hat68, genossen nicht nur bei den Nazis, sondern auch in der Wehrmacht hohes Ansehen. Als Viktor Franke 1936 beigesetzt wurde, versammelten sich an seinem Grab die Braunhemden der NSDAP und die hohe Generalität der Wehrmacht zu einem gemeinsamen letzten Geleit.69

Viertens schließlich bildete die sogenannte „Arisierung“ oder „Entjudung“ aller Bereiche der Gesellschaft, angefangen von der Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung über die Politik, Justiz und Armee bis hin zu den Medien, der Kunst und den Kirchen70, eine wichtige Voraussetzung für die Planung, Organisierung und Durchführung des großen Demozids. Vor allem die Besetzung der Führungspositionen staatstragender Bürokratien mit NSDAP-Mitgliedern und -Sympathisanten sorgte dafür, dass diese Bürokratien mit ihrer Effizienz und ihren Erfahrungen nahezu reibungslos für das Vernichtungsprogramm der Nazis in Dienst gestellt werden konnten.

2.1.1.3. Die systematische Vorbereitung des großen Demozids

Auf Basis dieser vier Voraussetzungen beginnt im Jahre 1936 die systematische71 Vorbereitung des großen Demozids.

Ziele

Im März befiehlt Hitler die Besetzung des Rheinlandes, in dem große Teile des Ruhrgebiets liegen. Damit steht die traditionelle Waffenschmiede Deutschlands den Nazis wieder in vollem Umfang zur Verfügung. Ende August verfasst Hitler eine geheime Denkschrift zu einem Vierjahresplan72, in der er die zwei Hauptziele dieses Plans wie folgt zusammenfasst: „I. Die deutsche Armee muß in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muß in 4 Jahren kriegsfähig sein.“73 Am 4. September verliest Göring diese Denkschrift in einer Kabinettssitzung und stellt sie den Sitzungsteilnehmern mit den Worten vor: „Sie geht von dem Grundgedanken aus, dass die Auseinandersetzung mit Russland unvermeidbar ist.“74 Auf dem vom 8. - 14.September stattfindenden achten Reichsparteitag verkündet Hitler diesen Vierjahresplan offiziell.75 Das Ziel dieses Plans wird auf dem Parteitag in drei Grundsatzreden immer wieder klar und unmissverständlich formuliert, und zwar in der Rede von Goebbels „Die Weltgefahr des Bolschewismus“76, der Rede von Rosenberg „Der entscheidende Weltkampf“77 und in der Schlussrede Hitlers78. Das Ziel ist die restlose Ausrottung des Bolschewismus in Theorie und Praxis.

Rosenberg definiert den Bolschewismus als „die Weltanschauung der Unterwelt, die grundsätzliche Aufpeitschung aller schäbigen Triebe eines zersetzten Menschentums, verbunden mit einem wahnsinnigen Haß eines fremden Parasitenvolkes“79. Für Hitler ist der Bolschewismus eine „ebenso wahnsinnige wie bestialische Lehre“80, der die Nazis „ohne jede Einschränkung todfeindlich gegenüberstehen“81. Und Goebbels sieht im Bolschewismus „die Diktatur der Minderwertigen“82, „eine infernalische Weltpest, die ausgerottet werden muss, und an deren Beseitigung mitzuhelfen Pflicht eines jeden verantwortungsbewussten Menschen ist“83. Und diese Ausrottung erfordert, wie Hitler es formuliert, „Männer von entschlossener Härte und keine schwächlichen Spießer“84.

Nach dem Reichsparteitag geht es Schlag auf Schlag weiter: Am 18. Oktober 1936 erlässt Hitler die „Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplans“85, in der Göring zum Generalbevollmächtigten des Vierjahresplanes ernannt wird; am 22. Oktober gründet Göring per Erlass eine oberste Reichsbehörde, die er am 28. Oktober der Öffentlichkeit im Sportpalast vorstellt; Das Organisationszentrum dieser Behörde bildet ein aus den Staatssekretären aller beteiligten Ministerien bestehender Generalrat, der wöchentlich tagt und die Arbeit der betreffenden Ministerien koordiniert; der amerikanische Militärattaché in Berlin, Smith, ist sich auf Grund seiner Informationen schon damals sicher, dass sich die geplante Expansion der Nazis entlang der Linien Berlin – Leningrad und Berlin – Prag – Odessa bewegen werde86 ; am 25. November wird der Antikominternpakt zwischen Deutschland und Japan unterzeichnet; am 17. Dezember hält Göring im Preußenhaus eine Rede vor über 100 Industriellen, in der er über die Durchführung des Vierjahresplans spricht und die Wirtschaftselite auf diesen Kurs einschwört. Im diesem Tempo geht die Vorbereitung des großen Demozids auch in den Folgejahren weiter.

Schritte

Im Januar 1937 tritt ein neues Beamtengesetz in Kraft, das die Beamtenschaft schon in der Präambel und im § 1 zur absoluten Treue gegenüber dem Führer verpflichtet und von ihr „unbedingten Gehorsam“ und „äußerste Pflichterfüllung“ fordert.87 Im März gibt Goebbels „Richtlinien für die antibolschewistische Propaganda“ heraus, in denen es heißt: „Der Kampf gegen den Weltbolschewismus ist die Generallinie der deutschen Politik.“88 Am 24. Juni erlässt der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall von Blomberg, eine „Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht“, in der der bisherige militärstrategische Fokus von einem defensiven Verteidigungs- auf einen offensiven Angriffskrieg verschoben wird.89 Am 5. November 1937 findet unter Hitlers Leitung in der Reichskanzlei eine Konferenz mit dem Reichskriegsminister, den Oberbefehlshabern des Heeres, der Marine und der Luftwaffe sowie dem Reichsaußenminister statt, in der Hitler seine grundlegenden Zielstellungen erläutert und dabei unmissverständlich klarstellt, dass es „zur Lösung der deutschen Frage“ „nur den Weg der Gewalt geben“ kann.90 In dieser Konferenz hatten von Blomberg, von Fritsch und Neurath nichts gegen diesen Weg, äußerten jedoch vorsichtige Bedenken zu Hitlers Lagebeurteilung.

Knapp zwei Monate später, am 3. Januar 1938, werden von Blomberg und von Fritsch entlassen. Außerdem wird Ribbentrop zum neuen Außenminister ernannt und das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) gebildet, dessen Leitung Hitler persönlich übernimmt. Im März erfolgt die Besetzung Österreichs. In dem Kriegsspiel der Kriegsmarine für das Jahr 1938 wird geprüft, ob durch einen Offensivschlag Deutschlands die Möglichkeit bestehen würde, auch unter ungünstigen Bedingungen einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und die Sowjetunion zu gewinnen.91 Am 20. April 1938 äußert Hitler gegenüber Keitel, dass die Tschechoslowakei unbedingt erobert werden muss, und zwar wegen „der strategisch unhaltbaren Lage, wenn einmal die große Auseinandersetzung im Osten, nicht nur mit Polen, sondern vor allem mit dem Bolschewismus kommen werde“.92 Im September 1938 beginnt mit der Besetzung des Sudetenlandes die schrittweise Annexion der Tschechoslowakei, die dann im März 1939 mit der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ ihren Abschluss findet.

Für Anna Nikulina beginnt im September 1938 die Verwirklichung ihres Lebenstraumes: Die 34jährige gestandene Parteifunktionärin beginnt ihr Studium an der Leningrader Akademie für Wassertransport, um das sie hart kämpfen musste. Obwohl die Frauen in der Sowjetunion von Anfang an eine berufliche Förderung erfuhren, von denen ihre Geschlechtsgenossinnen in anderen Ländern nur träumen konnten, waren auch dort die Seefahrt und der Kapitänsberuf in den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts eine absolute Domäne der Männer. Anna Nikulina fiel der Studienplatz in Leningrad nicht in den Schoß, sie erstritt ihn sich über Beschwerden bis hoch zum Zentralkomitee der KPd SU. Und obwohl das Studium alles andere als eine Bohème war, sondern harte Arbeit bedeutete, und zwar 7 Tage die Woche, war sie überglücklich noch einmal die Schulbank drücken zu dürfen.

Damals ahnte sie nicht, dass ihr Studium bald ein jähes Ende finden würde, denn was die große „Auseinandersetzung im Osten“ betrifft, so sollte diese nicht in ferner Zukunft, sondern so früh als irgend möglich erfolgen. Deshalb beschloss das Reichsamt für Wirtschaftsaufbau im August 1938 einen „Schnellplan“, in dem das ohnehin schon hohe Aufrüstungstempo noch einmal bis an die Grenzen des Machbaren gesteigert und die Kriegsbereitschaft für Herbst 1939 zugesichert wurde.93 Hitlers fester Entschluss, die Sowjetunion zu überfallen, war bald ein offenes Geheimnis. So wies der japanische Militärattaché Oshima in einem Bericht darauf hin, dass Hitler die feste Absicht habe, einen Krieg gegen die Sowjetunion zu führen. Auch der französische Botschafter berichtete im Dezember 1938 aus Berlin, dass man im deutschen Militär schon „von dem Ritt nach dem Kaukasus und bis nach Baku“94 spreche. Und der amerikanische Geschäftsträger Geist hatte im gleichen Monat ein Gespräch mit Halder, in dem dieser ihm unmissverständlich klar machte, „dass das Programm der Nazis für die Expansion im Osten unabänderlich fixiert und beschlossen sei“95. Und die Reichsprogromnacht am 9. November ließ keinen Zweifel daran, mit welcher Brutalität diese Ost-Expansion durchgeführt werden würde. Zwei Zeitzeugen, Franz Löser und Walter Philipson, die als Kinder in dieser Nacht mit ansehen mussten, wie ihre Väter grundlos zusammengeschlagen und erschossen wurden, erinnern sich: „Aus einer Schule kamen zehn bis 14 junge Menschen. Keiner von ihnen half uns. Und dann schrie mir ein junges Mädchen ins Gesicht: ‚Es geschieht euch ganz recht, ihr dreckigen Judenschweine, ihr verdammten Bolschewisten.‘“96

Somit ging es Anfang 1939 längst nicht mehr um die Frage, ob die Sowjetunion überfallen wird oder nicht, sondern nur noch darum, wann und wie das genau geschehen soll. Am 10. Februar 1939 resümiert Hitler in einem Vortrag vor Truppenoffizieren: „alle die einzelnen Entschlüsse, die nun seit dem Jahre 1933 verwirklicht worden sind, sind nicht das Ergebnis augenblicklicher Überlegungen, sondern sie sind die Durchführung eines an sich vorhandenen Planes, nur vielleicht unter nicht genauer Einhaltung vorgesehener Termine“97. Was immer man über die Planmäßigkeit der Entschlüsse Hitlers denken mag, im Hinblick auf die Vorbereitung des großen Demozids kann man ihm diese nicht absprechen. Hier fügen sich die einzelnen Entschlüsse nahtlos ineinander.

Resultate

Die Besetzung des Rheinlandes, zu dem wichtige Teile des Ruhrgebietes gehören, schafft die materiell-technische Grundlage für den Vierjahresplan und den Schnellplan. Die deutschen Waffenschmieden laufen auf Hochtouren. Parallel dazu wird eine bis dahin beispiellose Propagandamaschinerie angefahren, die erklärt, wofür diese Waffen gebraucht werden und gegen wen sie sich richten. In Zeitungen, Rundfunksendungen, Filmen, Reden, Wanderausstellungen, Schulbüchern, kurz mit allem, was heute treffend als „Soft-Power“ bezeichnet wird98, werden der jüdische Bolschewismus und speziell „Sowjet-Judäa“99 systematisch zum Hauptfeind hochgelogen. Die Brutalität, die Duldung und das Beklatschen der Reichsprogrome zeigen, wie erfolgreich und flächendeckend das gelingt. Mit der Nazifizierung sämtlicher Machtapparate und dem Einschwören der Bürokratien auf die NSDAP und Hitler persönlich sind auch die entscheidenden institutionellen und organisatorischen Voraussetzungen für die Durchführung des großen Demozids geschaffen. Die Besetzung Österreichs und die Annexion der Tschechoslowakei sind kein richtungsloser Expansionismus. Ganz im Gegenteil, sie haben im Hinblick auf den geplanten Überfall auf die Sowjetunion einen doppelten Effekt. Zum einen ist dadurch das gesamte südöstliche Aufmarschgebiet de facto vollständig unter deutscher Kontrolle100. Zum anderen stärkt die Unterwerfung beider Länder das wirtschaftliche, finanzielle, personelle und militärische Potenzial Deutschlands. Österreichs Eisenerzvorkommen sind genauso ein Segen für den Vierjahresplan und den Schnellplan, wie seine Gold- und Devisenbestände in Höhe von 1,4 Milliarden Reichsmark. Selbst die hohe Arbeitslosenquote ist keine Last, denn sie reduziert den akuten Arbeitskräftemangel in Deutschland. Und militärisch schlägt der Anschluss Österreichs mit sechs neuen Divisionen zu Buche.101 Ähnliche Ergebnisse liefert die Annexion der Tschechoslowakei102. Der Wehrmacht fällt nicht nur die Ausrüstung von 40 aufgelösten Divisionen in den Schoß, sie erbeutet auch über 1.500 Flugzeuge, 2.100 Geschütze, 43.000 Maschinengewehre und 1 Million Gewehre. Die moderne Rüstungsindustrie mit ihren großen Produktionskapazitäten stärkt das deutsche Angriffspotenzial erheblich. Schließlich bilden die tschechoslowakischen Bahnen ebenso wie die österreichischen eine wichtige wirtschaftliche und militärische Infrastruktur.

Vor dem Hintergrund dieses Potenzialzuwachses kann Hitler dann auch in der zuvor erwähnten Rede vor Truppenkommandeuren erklären: „Wenn nun das Jahr 1938 mit dem vielleicht größten Erfolg zunächst in unserer Geschichte abgeschlossen hat, dann ist selbstverständlich auch das nur ein Schritt auf einem langen Weg, der uns, meine Herren, vorgezeichnet ist.“103 Die konkrete Marschroute für diesen Weg wird parallel zu Hitlers Rede in den Stäben der Wehrmacht erarbeitet. So schreibt etwa Generaladmiral Albrecht in der Studie „Ostseekriegführung“ im April 1939, was genau Richtung und Ziel der nächsten Schritte sind, nämlich „ein unter der Führung der Achsenmächte stehendes Mittel- und Osteuropa vom Rhein bis zur Grenze des asiatischen Russlands“.104 Das heißt, vom Rhein bis zum Ural und zum Kaukasus. Dabei ist Albrecht natürlich klar, dass Russland seinen gesamten europäischen Teil nicht einfach Deutschland überlassen wird. Also schlussfolgert er: „Die politische Zielsetzung mit der Stoßrichtung nach Osten kann nur gegen Russland verwirklicht werden“105. Daraus ergibt sich für ihn folgende grundlegende militärstrategische Prämisse: „Die Erreichung des Kriegszieles fordert zu Land nach meiner Auffassung grundsätzlich Verteidigung nach Westen, Angriff nach Osten“106.

Im Frühjahr 1939 ist nicht nur das gesamte südöstliche Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion vollständig unter deutscher Kontrolle. Hinzu kommt, dass Deutschland kurz nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei am 20. März von Litauen ultimativ die Rückgabe des Memellandes fordert und Litauen dieser Forderung zwei Tage später nachkommt. Damit ist der ostpreußische Brückenkopf weiter in nord-östlicher Richtung ausgebaut.

2.1.1.4. Die Generalprobe für den großen Demozid

Trotzdem bleibt für die Demozid-Planer noch ein großes Problem, und zwar das nordöstliche Aufmarschgebiet, also Polen.

Das nordöstliche Aufmarschgebiet

Unter Marschall Piłsudski hatte das Land sowohl einen polnisch-sowjetischen als auch einen polnisch-deutschen Nichtangriffspakt abgeschlossen. Schon zu Lebzeiten des deutschfreundlichen und sowjetfeindlichen Marschalls machten die Nazis, allen voran Göring und Goebbels, Polen immer wieder Avancen, um das Land zu einem deutschen Satellitenstaat zu machen. Daran änderte sich auch nach dessen Tod 1935 nichts. Dies ging sogar so weit, dass Deutschland bei der Annexion der Tschechoslowakei Polen animierte, sich auch ein kleines Stück aus dem Kuchen herauszuschneiden, was die polnische Führung dann auch Anfang Oktober 1938 bereitwillig tat, indem es Český Těšín sowie das Olsagebiet besetzte. All diese Bemühungen und Wohlgefälligkeitsgesten zeitigten jedoch letztlich nicht den gewünschten Erfolg. In den Gesprächen, die der italienische Außenminister Ciano im Februar 1939 in Warschau führte, gewann dieser den Eindruck: „Wenn der große Krieg ausbricht, wird Polen lang Zeit Gewehr bei Fuß bleiben, und erst wenn der Ausgang entschieden ist, wird es sich auf die Seite des Siegers schlagen“.107

Ende Oktober 1938 erhöht Deutschland den Druck auf Polen spürbar. Ribbentrop wird nach Warschau geschickt und verlangt den Beitritt Polens zum Antikominternpakt, die Eingliederung Danzigs in das Deutsche Reich sowie den Transitverkehr nach Königsberg über eine Autobahn und den Schienenweg. Die polnische Seite zögert eine Antwort zunächst fast ein halbes Jahr hinaus und weist dann die deutschen Forderungen Ende März 1939 endgültig zurück. Dies geschieht nicht aus Loyalität gegenüber der Sowjetunion, sondern weil die polnischen Eliten eigene imperiale Ambitionen haben und sich als Führungsmacht eines „dritten Europa“ profilieren wollen, das vom Schwarzen Meer, über die Adria bis hin zur nördlichen Ostsee reicht und Teile Weißrusslands und der Ukraine einschließen soll.108

Als Reaktion auf Polens Weigerung, die deutschen Forderungen zu erfüllen, erteilt Hitler Anfang April der Wehrmacht den Befehl, einen Kriegsplan gegen Polen zu erarbeiten. Dem folgt am 28. April die Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes. Einen Monat später, am 23. Mai, befiehlt Hitler die militärische Führungsspitze zu sich und stellt klar, worum es beim geplanten Krieg gegen Polen im Kern geht: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten.“109 Angesichts dieses grundlegenden Ziels entfällt für Hitler „die Frage Polen zu schonen und bleibt der Entschluß, bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen.“110 Dabei ist sich Hitler darüber im Klaren, dass dieser Angriff nicht so glatt und verlustlos verlaufen wird, wie die Annexionen des Rheinlandes, Österreichs und der Tschechoslowakei. Er fährt deshalb fort: „An eine Wiederholung der Tschechei ist nicht zu glauben. Es wird zum Kampf kommen.“111 Das heißt: „Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden“112. Und in seiner Ansprache vor den Führern der Wehrmacht am 22. August im Berghof auf dem Obersalzberg fordert Hitler für die Ostexpansion im Allgemeinen und die Vernichtung Polens im Besonderen: „Wir müssen unser Herz verschließen und hart machen. Wer über diese Weltordnung nachgedacht hat, ist sich klar, daß ihr Sinn im kämpferischen Durchsetzen des Besten liegt. Das deutsche Volk aber gehört zu den besten Völkern der Erde. Uns hat die Vorsehung zu Führern dieses Volkes gemacht, wir haben damit die Aufgabe, dem deutschen Volke, das mit 140 Menschen auf den Quadratkilometer zusammengedrängt ist, den nötigen Lebensraum zu geben. Größte Härte kann bei Durchführung einer solchen Aufgabe größte Milde sein.“113

Die Appeasement/Incitement-Politik des Westens

Es kann schwerlich verwundern, dass die zuvor skizzierte systematische Aufrüstungs- und Expansionspolitik Deutschlands in der Sowjetunion zu wachsender Besorgnis führt. Die Führung des Landes macht sich keine Illusionen darüber, was die angestrebte Vernichtung „Sowjet-Judäas“ und die Schaffung neuen Lebensraums im Osten für die dort lebenden Völker der Sowjetunion praktisch bedeutet. Ihr ist klar, dass es Deutschland nicht schlechthin um die Ausradierung bolschewistischer Ideologien und Institutionen, sondern um die Ausrottung der Menschen geht, die den Lebensraum bewohnen, den Deutschland für sich beansprucht. Worte und Taten der Nazis bilden zunehmend eine immer unheilvollere Einheit. Dass hier nicht ein gewöhnlicher Krieg, sondern ein Demozid geplant wird, ist nicht zu übersehen. Die Sowjetunion versucht, die zielgerichtete Ostexpansion Deutschlands auf diplomatischem Weg zu stoppen.

Kurz nach der Annexion Österreichs fordert die sowjetische Führung die USA, Großbritannien und Frankreich zu gemeinsamen Maßnahmen gegen Deutschland auf, aber erfolglos.114 Ein halbes Jahr später versucht die Sowjetunion im Rahmen des Völkerbundes ein gemeinsames Vorgehen gegen Deutschland zu erwirken, aber auch diese Initiative wird durch die Westmächte blockiert. Die USA und Frankreich erkennen die Besetzung Österreichs zwar nicht de jure, aber de facto an und Großbritannien entschließt sich nach einer lauen Protestnote sogar zu einer De-Jure-Anerkennung.

Als sich immer deutlicher abzeichnet, dass Deutschland es nicht bei der Besetzung Österreichs belassen wird, sondern bereits die Unterwerfung der Tschechoslowakei anvisiert, erklärt Molotow am 17. Mai 1938 öffentlich, dass die Sowjetunion ihren Bündnisverpflichtungen nachkommen und jede Annexion des Landes gemeinsam mit den anderen Verbündeten der Tschechoslowakei abwehren würde.115 Wenig später wird dem tschechoslowakischen Präsidenten Beneš auch persönlich versprochen, dass die Sowjetunion ihre Bündnisverpflichtungen einhalten werde, wenn Frankreich seine ebenfalls erfüllt.116 Auch als sich die Krise im Sommer 1938 immer mehr zuspitzt, bleibt die Sowjetunion bei ihrer Zusage. Lange Zeit wurde dieses Versprechen von manchen Historikern lediglich als taktisches Manöver Stalins angesehen, das nicht ernst gemeint war.117 Neuere Analysen zeigen indes, dass dem nicht so war, sondern dass die sowjetische Führung zu ihren Zusagen stand. Noch am 20. September, zehn Tage vor dem Münchner Abkommen, verspricht die Sowjetunion Beneš verbindlich Militärhilfe und bereitet sich auf eine militärische Auseinandersetzung vor.118 Die Westmächte gehen nicht auf die sowjetischen Zusagen ein. Stattdessen finden sich Chamberlain und Daladier auf Vorschlag Mussolinis am 30. September in München ein und unterzeichnen dort mit Hitler das Münchener Abkommen, das die Unterwerfung und Zerschlagung der Tschechoslowakei besiegelt. Weder die Tschechoslowakei noch die Sowjetunion werden zu dieser Konferenz eingeladen.

Wenn die von England und Frankreich gegenüber Deutschland praktizierte Politik häufig als Appeasement-Politik bezeichnet wird, so ist das nur sehr bedingt richtig. Im Grunde ist es irreführend, weil diese Bezeichnung das Kernkalkül der Westmächte verdunkelt. Dieses Kalkül bringen schon damals zwei prominente Vertreter Großbritanniens in dankenswerter Klarheit auf den Begriff. Der eine ist Chamberlains Sendbote zu Hitler, Edward Wood, der 1. Earl of Halifax. Er bezeichnet Nazideutschland 1937 bei einem Besuch in Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg „als Bollwerk Europas gegen den Bolschewismus“119. Der zweite britische Repräsentant ist der Herzog von Windsor, vordem König Edward VIII., der wegen seiner Geliebten auf den Thron verzichtete. Als er mit seiner Gattin ebenfalls 1937 den Berghof besucht, bestätigt ihn Hitler in seiner Auffassung, „daß es im britischen und auch im europäischen Interesse liege, Deutschland zu ermutigen, im Osten zuzuschlagen und den Kommunismus für immer zu zerschmettern“120. Und wie viele andere Vertreter der westlichen Eliten denkt sich der Herzog im Stillen, „daß wir würden zuschauen können, wenn die Nazis und die Roten aufeinander losprügeln“121. Die Appeasement-Politik ist im Kern eine Incitement-Politik.

Dieser Kern der westlichen Appeasement-Politik bleibt der sowjetischen Führung natürlich nicht verborgen. Und das signalisiert sie auch öffentlich und unmissverständlich. In seinem Rechenschaftsbericht an den 18. Parteitag der KPd SU (B) formuliert Stalin am 10. März 1939 unter anderem zwei grundlegende Aufgaben für die sowjetische Außenpolitik, und zwar: „1. auch in Zukunft eine Politik des Friedens und der Festigung sachlicher Beziehungen mit allen Ländern zu betreiben; 2. Vorsichtig zu beobachten und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen“.122

Die Sowjetunion tut in der Folgezeit alles Menschenmögliche, um die Westmächte zu einer Aufgabe ihrer Appeasement/Incitement-Politik und zu einem gemeinsamen Bündnis gegen den deutschen Expansionskurs zu bewegen. So bietet die sowjetische Führung England und Frankreich am 17. April ein Abkommen an, das jedem Staat von der Ostsee bis zum Mittelmeer die Unverletzlichkeit seiner Grenzen garantiert und das vorsieht, dass alle drei Mächte Deutschland den Krieg erklären, falls dieses einen der drei Staaten angreifen würde.123 Auf dieses Angebot reagieren die Westmächte lange Zeit gar nicht. Erst sechs Wochen später erklärt sich England bereit, Sondierungsgespräche zu führen. Was dann folgt, ist jedoch keine Sondierung, sondern das Suchen und Anhäufen von Stolpersteinen.124 Mehr noch, England und Frankreich unternehmen von Anfang an alles, um die Verhandlungen zum Scheitern zu bringen. Während Chamberlain und Daladier ein paar Monate vorher quasi über Nacht persönlich nach Deutschland eilten, um mit Hitler und Mussolini das Münchner Abkommen zu unterzeichnen, schicken nun England und Frankreich ihre Vertreter nicht mit dem Flugzeug, sondern per Liniendampfer auf eine lange Schiffsreise. Erst am 12. August können die Gespräche in Moskau beginnen. Doch damit nicht genug: Im Unterschied zu Woroschilow, der von Stalin ermächtigt ist, sofort jedes militärische Abkommen zu unterzeichnen, verfügen der französische und der englische Vertreter, Doumenc und Plunkett-Ernle-Erle-Drax, über keinerlei Verhandlungs-, geschweige denn Unterschriftsvollmachten.125 Wenn überhaupt, dann ist in den Gesprächen nur eine Instruktion erkennbar, die Doumenc und Drax von ihren Regierungen mit auf den Weg bekommen haben, nämlich die Verhandlungen in eine Sackgasse zu manövrieren. Dies geschieht dann endgültig am 17. August.

Parallel dazu signalisiert Deutschland über verschiedene diplomatische Kanäle seine Bereitschaft, mit der Sowjetunion einen Nichtangriffspakt sowie weitere, flankierende Verträge abzuschließen. Je mehr Frankreich und England die Gespräche mit Woroschilow im Sande verlaufen lassen, desto konkreter und verbindlicher werden die Angebote aus Berlin an Molotow. Die sowjetische Führung zögert lange und nimmt die Offerten aus Berlin nur zur Kenntnis. Am 17. August, als klar ist, dass die Verhandlungen mit England und Frankreich endgültig gescheitert sind, überbringt der deutsche Botschafter, Graf von der Schulenburg, Molotow ein offiziöses Schreiben, in dem die Grundsätze eines Nichtangriffspaktes schriftlich fixiert sind. Jetzt entscheidet sich Stalin auf die deutschen Vertragsangebote einzugehen. In den folgenden Tagen und Wochen unterschreiben beide Seiten ein ganzes Vertragspaket: Am 19. August schließen Deutschland und die Sowjetunion einen Wirtschaftsvertrag ab, am 24. August den Nichtangriffspakt mit dem geheimen Zusatzprotokoll, in dem die Interessensphären beider Länder festgelegt werden und am 28. September den deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag.

Selbstredend ist sich die sowjetische Führung völlig darüber im Klaren, dass Deutschland seine Ostexpansions- und Demozidpolitik nicht im Entferntesten aufgegeben hat und dass diese Verträge nicht das Papier wert sind, auf das sie geschrieben sind, sobald sich für die Nazis die Möglichkeit ergibt, diese Abkommen zu brechen. Schlimmer noch: Die sowjetische Seite ist sich bewusst, dass insbesondere der Nichtangriffspakt Deutschland die Möglichkeit bietet, mit der Besetzung Polens einen weiteren und sofortigen großen Schritt Richtung Osten zu gehen. Was die Sowjetunion mit diesen Vertragsabschlüssen gewinnt, ist dreierlei: Erstens ist damit das Kalkül der Westmächte blockiert, sich von der Sowjetunion die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, sprich, das Land zu isolieren und in einen Krieg mit Deutschland zu treiben, ohne es irgendwie zu unterstützen. Zweitens gewinnt die Sowjetunion Zeit, und zwar dringend benötigte Zeit, denn jeder Tag Frieden hilft, das Industrie- und Verteidigungspotenzial des Landes zu stärken. Drittens schließlich wird die Westgrenze des Landes Richtung Deutschland verschoben, wodurch eine Art militärstrategischer Puffer entsteht. Diese drei Gewinne sind allerdings mit einem erheblichen Verlust erkauft, dessen Folgen sich noch bis heute bemerkbar machen. Die Sowjetunion hat mit den Verträgen, insbesondere mit dem lange geleugneten Zusatzprotokoll, nicht nur an moralischer Integrität und Glaubwürdigkeit verloren, sondern auch zu einer Desorientierung vieler Menschen beigetragen, angefangen von der eigenen Bevölkerung über kommunistische und sozialistische Parteien bis hin zu Freunden und Sympathisanten in vielen Ländern. Ob dieser hohe Preis angesichts der zuvor skizzierten Gewinne und mit Blick auf die tödliche Bedrohung durch die deutschen Demozidvorbereitungen und die Isolierungspolitik der Westmächte gerechtfertigt war oder nicht, ist auch heute, fast 80 Jahre später, nur sehr schwer zu beantworten. Möglicherweise war dieses Vertragspaket eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzung für den späteren Sieg der Roten Armee.126

Ergebnisse der Ostexpansion

Am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen. Zwei Tage später eröffnen Großbritannien und Frankreich den eingangs beschriebenen „komischen Krieg“ gegen Deutschland. Am 23. September bricht der letzte organisierte Widerstand der polnischen Armee zusammen, am 6. Oktober enden schließlich auch die letzten vereinzelten Kampfhandlungen. Deutschlands Polenfeldzug ist beendet. Im Hinblick auf die Ostexpansion hat dieser Feldzug für Deutschland fünf wichtige Ergebnisse:

Erstens verfügt Deutschland jetzt nicht nur über eine lückenlose Aufmarschbasis gegen die Sowjetunion, sondern ist nun erheblich ostwärts vorgerückt, und zwar ungefähr bis zur Curzon-Linie127. Daran, dass das annektierte polnische Gebiet als Aufmarschbasis gedacht und genutzt werden soll, lassen Hitler und seine Generäle von Anfang an keinen Zweifel. Bereits in einem Vortrag, den Halder in der zweiten Aprilhälfte 1939 vor Generalstabsoffizieren und Generälen hält, betont der neue Chef des Generalstabs, „daß uns die Überwindung Polens nicht schwerfallen kann und wird“, um dann im gleichen Atemzug fortzufahren: „Aber dabei dürfen wir nicht stehenbleiben“.128 Ein paar Tage später, in seiner ersten Generalstabsreise, die Halder Anfang Mai 1939 organisiert, wird dann ein Szenario durchgespielt, das über die Besetzung Polens hinaus weiter ostwärts reicht. Ziel dieses Kriegsspiels ist es, Polen so zu schlagen, dass günstige „Ausgangspositionen“ für Operationen ostwärts der Weichsel gewonnen werden129. Und als dann der Polenfeldzug beendet ist, befiehlt Hitler in einer Anordnung über das künftige Verhältnis zu Polen vom 17. Oktober: „Unsere Interessen bestehen in Folgendem: Es ist Vorsorge zu treffen, dass das Gebiet als vorgeschobenes Glacis für uns militärische Bedeutung hat und für einen Aufmarsch ausgenutzt werden kann. Dazu müssen die Bahnen, Straßen und Nachrichtenverbindungen für unsere Zwecke in Ordnung gehalten und ausgenutzt werden.“130 Mit der „Glacis“-Formulierung greift Hitler auf eine Studie des Rosenberg-Amtes von Mitte Juni zurück, in der betont wird, dass die polnischen Gebiete „als Sammelbecken und Vorbereitungsglacis für eine ausgreifende Zertrümmerung Russlands […] von unschätzbarer Bedeutung“131 sind. Und Halder notiert am 18. Oktober über die Besprechung mit Hitler vom Vortag zu Polen kurz und knapp: „Deutsches Aufmarschgebiet für Zukunft.“132

Zweitens sammelt die faschistische Wehrmacht im Polenfeldzug ihre ersten Kriegserfahrungen. So realitätsnah Planspiele und Manöver auch sein mögen, Krieg ist etwas anderes. Es fließt Blut, es gibt Tote und Verwundete, es kommt zu technischen, logistischen und administrativen Problemen, die in den Sandkastenspielen der Militärs vorher nicht auftraten. Der Septemberfeldzug gilt nicht nur als erstes, sondern als Paradebeispiel der deutschen Blitzkriegsführung. Dennoch verläuft er bei weitem nicht so glanzvoll und problemlos, wie dies die Goebbelssche Propagandamaschinerie aller Welt weis zu machen versucht. Es gibt auf deutscher Seite mehr als 15 Tausend Tote133 und Zehntausende Verwundete. Die Divisionen melden bis zu 50 % Ausfälle des Fahrzeugbestandes, zumeist auf Grund des unwegsamen Geländes134. Auch die Erfolge der Luftwaffe sind nicht so grandios, wie es zunächst schien.135 Auf der anderen Seite werden Erfahrungen beim Zusammenwirken unterschiedlicher Waffengattungen, wie beispielsweise von Heer und Luftwaffe, gesammelt. Auch die generalstabsmäßige Vorbereitung und Führung von Kesselschlachten oder das Zusammenspiel zwischen kämpfender Truppe und rückwärtigen Diensten gehören zu solchen Erfahrungen.

Drittens bietet der Polenfeldzug Deutschland die Möglichkeit, Massenmorde im größeren Stil zu planen und durchzuführen. Der Angriffskrieg auf Polen ist zugleich ein Vernichtungskrieg. Hier wird eine vorsätzliche und gezielte Tötung großer Menschengruppen organisiert, die dann im Holocaust und dem großen Demozid fortentwickelt und auf erweiterter Stufenleiter praktiziert wird. Am 7. Oktober wird Himmler zum „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ ernannt. In dieser Funktion ist der Reichsführer SS nicht etwa als eine Art Kulturattaché tätig, sondern ihm obliegt die Durchführung und Koordinierung von Massenmorden. Diese Massenmorde werden von drei deutschen Formationen geplant und durchgeführt: von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, von der Wehrmacht und von volksdeutschen Milizen, wie beispielsweise dem „Volksdeutschen Selbstschutz“ oder der „Danziger Heimwehr“. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD unterstehen direkt dem Reichsführer SS. Fünf dieser Einheiten werden den fünf Armeen der Wehrmacht zugeordnet, eine sechste ist in Posen stationiert. Diese Einheiten verfügen über Sonderfahndungslisten, die seit Mai 1939 vom SD und von Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen zusammengestellt wurden. Diese Listen enthalten die Namen von 60.000 Polen und umfassen vor allem Angehörige der Intelligenz und des Militärs sowie Partei-, Kirchen- und Gewerkschaftsfunktionäre. Von September bis Dezember 1939 werden über 60.000 polnische Staatsbürger ermordet136. Diese Massenmorde sind zwischen Himmlers Einsatzgruppen und der Wehrmacht abgestimmt137. Es wäre ein Irrtum anzunehmen, dass die Wehrmacht an diesen Morden kaum oder gar nicht beteiligt ist, denn 60 % der Massenmorde an Zivilisten werden von Soldaten der Wehrmacht begangen.138 Kein Geringerer als der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Heydrich, der den Beinamen „Hitlers Henker“ trägt139, attestiert der Wehrmacht, dass diese auch im Hinblick auf Übergriffe, Plünderungen und Ausschreitungen seinen Einheiten in Nichts nachsteht. Er schreibt: „Stellt man Übergriffe, Plünderungsfälle, Ausschreitungen des Heeres und der SS und Polizei gegenüber, so kommt hierbei SS und Polizei bestimmt nicht schlecht weg.“140 In wenigen Fällen werden Strafverfahren eingeleitet, die jedoch sehr schnell wieder eingestellt werden, denn bereits am 4. Oktober ergeht der geheime „Gnadenerlass nach dem Polenfeldzug“, in dem Hitler in Absprache mit Keitel als Vertreter der Wehrmacht, und Freisler, als Vertreter des Justizministeriums, eine Generalamnestie anordnet.141 Dieser Führererlass ist ein direkter Vorläufer des späteren Kriegsgerichtsbarkeitserlasses sowie des Kommissarbefehls142, von denen weiter unten noch die Rede sein wird.

Bis zur Befreiung durch die Rote Armee wird Polen für Deutschland zu einem bevorzugten Ort für den Bau und den Betrieb von Massenvernichtungslagern. Erinnert sei hier nur an Auschwitz und Treblinka. Anna Nikulina war in Treblinka und schrieb: „Frost kroch mir über die Haut, als ich die Öfen sah, in denen sie völlig unschuldige Menschen verbrannt hatten. Und in einem riesigen Saal lagen bis zur Decke aufgestapelte Schuhe – von Babyschuhen bis zu ganz großen Nummern. Es war unmöglich, ohne Schaudern auf all das zu blicken. Es schien, als ob du fühlst, wie sich Kinder, Frauen und alte Menschen in höllischen Krämpfen quälen.“143

Viertens ist der Polenfeldzug eine Kaderschmiede für die Organisation und Durchführung des großen Demozid. Dies gilt nicht nur für solche SS-Führer, wie den SS-Brigadeführer Jost oder die SS-Obersturm­bannführer Ehrlinger und Gräfe144, die in Polen Erfahrungen für ihren späteren Einsatz in der Sowjetunion sammelten, sondern auch für Offiziere der Wehrmacht, wie beispielsweise Stabsoffiziere, die dann wenige Monate später mit den Planungen für den Überfall auf die Sowjetunion beginnen. Zu ihnen gehört Generalmajor Gehlen, der im August 1939 Generalstabsoffizier der 213. Infanterie-Division wird, am Polenfeldzug teilnimmt und dann bis Mai 1940 für die östlichen Landesbefestigungen im Generalstab des Heeres zuständig ist. Von Oktober 1940 bis April 1942 leitet er die Gruppe Ost der Operationsabteilung des Generalstabes des Heeres und gehört zu den Chefplanern des „Unternehmen Barbarossa“. Ab Mai 1942 ist Gehlen dann Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost“ und damit für die gesamte militärische Ost-Spionage, insbesondere gegenüber der Sowjetunion zuständig.145 Ein weiteres Beispiel sind die Stabsoffiziere, die bis zum Sommer 1939 im Wehrkreis I (Königsberg) tätig waren und dort schon Szenarien für ein offensives Vorgehen in Richtung Baltikum und Nordwestrussland erarbeitet hatten146. Diese Offiziere bilden im August 1939 den Generalstab der neu formierten 3. Armee, die unter dem Oberbefehl des Generals von Küchler steht. Mit den ostpreußischen Verbänden organisiert von Küchler dann die Einschließung Warschaus ostwärts der Weichsel. Im November wird er Chef der neu formierten 18. Armee. Sein Generalstabschef ist Generalmajor Marcks, der während des Polenfeldzuges den Vorstoß in die Ukraine leitet. Wenige Monate später übernehmen der Generalstab der 18. Armee und seine Ost-Experten auf Befehl Halders die Vorbereitungen für den Überfall auf die Sowjetunion. Und im Sommer 1941 gehören diese Stabsoffiziere dann zur Heeresgruppe Nord, die von Ostpreußen aus nach Leningrad vorstößt. Rolf-Dieter Müller schreibt: Mit den beiden Generälen „hatte Halder in Küchler einen für die nördliche Rollbahn Ostpreußen/Baltikum erfahrenen Oberbefehlshaber und mit Marcks einen Chef des Generalstabs, der sich auf der südlichen Rollbahn in Richtung Ukraine auskannte“147.

2.1.1.5. Die militärischen Planungen des großen Demozids

Am 10. Mai 1940 kündigt Hitler den „Sitzkrieg“ mit Frankreich und Großbritannien auf und eröffnet mit dem Westfeldzug seinen zweiten Blitzkrieg, der für Deutschland am 25. Juni erfolgreich endet.

Halder und der Generalstab der 18. Armee

Wenige Tage später erteilt Halder dem Generalstab der 18. Armee den Auftrag, den Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten.148 Am 3. Juli äußert er gegenüber dem Chef seiner Operationsabteilung, Oberst von Greiffenberg, dass es darum gehe, „wie ein Schlag gegen Russland zu führen ist“149. An diesen Befehlen Halders und ihrer Umsetzung durch die Generalstabsoffiziere der 18. Armee ist zweierlei bemerkenswert.

Zum einen handelt Halder, obwohl er dies später anders darzustellen sucht, nicht auf Geheiß Hitlers oder anderer führender Nazis, sondern aus Eigeninitiative.150 Ob dies vorauseilender Gehorsam ist, weil Halder meint, dass eh bald ein diesbezüglicher Befehl Hitlers erfolgen würde, oder ob diese Initiative dem inneren Bedürfnis entspringt, sich nach dem Westfeldzug nun endlich seinem eigenen großen militärischen Ziel zuwenden zu können, sei dahin gestellt. Festzuhalten ist, dass die militärische Vorbereitung des großen Demozid nicht einfach aus einer linearen hierarchischen Befehlskette entspringt, sondern dass die Planungen zunächst auf Eigeninitiative und in Eigenverantwortung führender deutscher Militärs in Angriff genommen werden.

Zum anderen sind die Schnelligkeit und Präzision bemerkenswert, mit der die Generalstabsoffiziere der 18. Armee die ihnen übertragene Aufgabe erfüllen. In sechs Tagen151 erarbeiten sie einen „verdeckten Offensivplan“152, dessen Kern darin besteht, einen Blitzkrieg gegen die Sowjetunion zu eröffnen, und zwar so, dass vergleichsweise wenig Einheiten den ersten Schlag führen und dann schnell weitere Verbände aus dem westlichen Hinterland herangeführt werden, die sozusagen aus der Bewegung heraus diesen Erstschlag stabilisieren und weiter ausbauen sollen. Ein solcher Plan vermeidet im Vorfeld größere Truppenkonzentrationen an der Ostgrenze. Es ist ein Blitzkriegskonzept unter den Bedingungen des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages. Die Sowjetunion soll bis zum Erstschlag über die Kriegsvorbereitungen getäuscht werden und sich in Sicherheit wiegen. Einen solch verdeckten Offensivplan können auch Experten nicht einfach in ein paar Tagen aus dem Ärmel schütteln. Dies bedarf entsprechender Unterlagen, Vorarbeiten, Analysen und Überlegungen. Aber über all dies verfügen die Königsberger Generalstäbler. Sie betreten ja kein Neuland, sondern bewegen sich auf vertrautem Terrain. Die Arbeit im Wehrkreis I, Halders Kriegsspiel vom Mai 1939, der Polenfeldzug, der Ausbau der Glacis gegen die Sowjetunion, dies und vieles mehr bildet eine Basis, auf die sie sich stützen können.

Doch das ist noch nicht alles. Die Generäle belassen es nicht bei theoretischen Sandkastenspielen, sondern leiten eigenständig und ohne Wissen Hitlers schon ganz handfeste Truppenverschiebungen großen Stils ein, um möglichst noch im Spätsommer einen Erstschlag gegen die Sowjetunion führen zu können. Dazu unterzeichnet von Küchler am 22. Juli eine Aufmarschanweisung der 18. Armee, die von Halder geprüft und gebilligt wird.153 Diese Aufmarschanweisung und ihre Umsetzung sind ein Musterbeispiel der Täuschung und Verschleierung.154 Auf den ersten Blick wirkt diese Weisung selbst für Militärexperten harmlos, tatsächlich handelt es sich jedoch „um einen Akt, der die Kriegseröffnung bedeutete.“155 Als Hitler am 21. Juli in einer Besprechung mit den Oberbefehlshabern des Heeres und der Kriegsmarine die weitere Kriegführung gegen England diskutiert, dabei auch auf die Sowjetunion zu sprechen kommt und seine Generäle dazu auffordert, „das russische Problem in Angriff zu nehmen“ und dazu „gedankliche Vorbereitungen“ zu treffen156, kann der Chef des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, seinem Führer stolz melden, dass dies längst geschehen sei, entsprechende Pläne schon vorlägen157 und ein Angriff unter Umständen schon im Herbst erfolgen könne158.

„Dem Führer entgegenarbeiten“

Halder und der Generalstab der 18. Armee praktizieren in beispielhafter Art und Weise ein Prinzip, das der Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, SS-Gruppenführer Willikins, bereits 1934 in einer Rede formulierte, indem er forderte, es sei die Pflicht eines jeden, „zu versuchen, im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten“159. Damit sind sie jedoch bei den führenden deutschen Militärs keine Ausnahme, sondern die Regel. In vielen Kommandostellen wird dem Führer mit Planungen zum Überfall auf die Sowjetunion selbständig und eigeninitiativ entgegengearbeitet. So erstellt Oberstleutnant Feyerabend unabhängig von Marcks eine weitere Erstschlagsstudie.160 Zur gleichen Zeit entwirft Oberstleutnant Loßberg vom Wehrmachtsführungsamt eine „Operationsstudie Ost“, der er die Tarnbezeichnung „Plan Fritz“ gibt.161 Ebenfalls im Juli 1940 legt der Chef der Operationsabteilung der Seekriegsleitung, Konteradmiral Fricke, seine Denkschrift „Betrachtungen über Rußland“ vor, die auf den Kriegsspielerfahrungen von 1938 basiert und in denen er die Grundzüge eines offensiven Seekrieges gegen die Sowjetunion entwickelt.162 Der Held des Westfeldzuges, Generaloberst Guderian, der eigentlich die Siegesparade in Paris anführen sollte, erhält Ende Juni ein neues Kommando im Osten und beginnt sofort mit seinen Planungen für den Überfall auf die Sowjetunion. Formal ist er dem Oberkommando der 18. Armee unterstellt, das ihm mehrmals eigene Operationsplanungen untersagt, tatsächlich ignoriert er jedoch diese Weisungen und steckt sich seine Aufmarschziele selber, die von Kiew über den Djnepr bis nach Odessa reichen.163 Auch die Luftwaffe plant bereits im August den Angriff auf die Sowjetunion.164

Dieses vielfältige Dem-Führer-Entgegenarbeiten der Militärs widerlegt ein „historiographisches Dogma“165, das sich bis heute großer Beliebtheit erfreut166, nämlich die Annahme, Hitler hätte auf einer Beratung im Berghof am 31. Juli seinen überraschten Generälen befohlen, den Ostkrieg in Angriff zu nehmen, woraufhin diese dem Führerbefehl nur zähneknirschend, widerwillig und mit allergrößten Bedenken nachgekommen wären. Dies ist ein Mythos. Richtig ist vielmehr, dass es Hitler bei dieser 90minütigen Beratung vor allem um die Kriegführung gegenüber Großbritannien geht. Ein Vertreter der Luftwaffe ist gar nicht anwesend und der Vertreter der Marine verlässt nach seinem Bericht vorzeitig die Besprechung. Eine Befehlsausgabe für den großen Ostkrieg sieht anders aus. Als sich die Sitzung dem Ende nähert, diskutieren die Heeresführung und die Spitzen des Oberkommandos der Wehrmacht im Kontext des Großbritannien-Problems auch über einen Krieg gegen die Sowjetunion. Der Führer, der seit dem 21. Juli die Planungsinitiativen seiner Generäle kennt, ist mit diesen Aktivitäten zwar prinzipiell einverstanden, hat aber in wichtigen militärstrategischen Fragen andere Ansichten167 und formuliert weder in dieser Beratung noch in den darauffolgenden Tagen irgendeinen expliziten Befehl. Dies erfolgt erst fünf Monate später.

Das Dem-Führer-Entgegenarbeiten der führenden deutschen Militärs bringen Carl Dirks und Karl-Heinz Janßen im Titel ihres gemeinsamen Buches auf einen einprägsamen Begriff. Der Titel heißt: „Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht“168. Selbstredend ist dies nur eine Seite des Verhältnisses zwischen Hitler und seinen Generälen, gleichwohl ist es eine Seite, die immer noch viel zu wenig bekannt ist. Was, so muss man sich fragen, trieb die Militärs zu ihren eigeninitiativen Planungen und Aufmarschanweisungen? Warum stellten sie alle Weichen, um bereits im Herbst 1940 die Verträge mit der Sowjetunion zu brechen und das Land in einem Erstschlag zu überfallen? Einen Grund nennt Rolf-Dieter Müller, indem er in dem resümierenden Kapitel seines hier schon mehrfach zitierten Buches darauf hinweist, „dass sich die deutsche Kriegsplanung gleichsam aus der Routine des Generalstabs entwickelte“169. Wie jede Bürokratie entwickelt auch die militärische Bürokratie eine Eigenlogik. Dies gilt auch für die Bürokratien des Heeres, der Luftwaffe und der Marine im faschistischen Deutschland, noch dazu, weil sich in diesen Bürokratien mit den eingangs erwähnten Kolonialkriegen und dem 1. Weltkrieg Traditionen herausgebildet haben, auf die sie sich stützen können und in deren Geist die kleinen und großen Militärbürokraten aufwachsen.

Es wäre jedoch fatal, bei dieser zweifellos richtigen Diagnose stehen zu bleiben, denn die Militärbürokratien im Dritten Reich folgen nicht nur den üblichen militärischen Routinen, sondern sie bilden ganz spezifische Eigenlogiken heraus, denn es sind nazifizierte Militärbürokratien. Das heißt, sie sind der NS-Ideologie verpflichtet, und zwar in doppelter Hinsicht. Zum einen als Institution, zum anderen im Hinblick auf die Personen, die in diesen Bürokratien arbeiten. Sowohl von der Organisation insgesamt, als auch von jedem einzelnen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird ein „Dem-Führer-Entgegenarbeiten“ verlangt. Es gehört mit zu den Routinen dieser Militärbürokratien, dass solche Personen, denen dieses Entgegenarbeiten eine Herzensangelegenheit ist, in ihnen schneller und steiler Karriere machen, als jene, denen dieses Entgegenarbeiten bei jeder Gelegenheit immer wieder aufs Neue abgetrotzt werden muss. Und die deutschen Militärbürokratien haben viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen die NS-Ideologie und das „Dem-Führer-Entgegenarbeiten“ eine Herzensangelegenheit sind.

Reinheit und Echtheit der Wehrmacht

Ein prominentes Beispiel ist Generalfeldmarschall von Brauchitsch, der 1938 erklärte: „In der Reinheit und Echtheit nationalsozialistischer Weltanschauung darf sich das Offizierskorps von niemanden übertreffen lassen … Es ist selbstverständlich, daß der Offizier in jeder Lage den Anschauungen des Dritten Reiches gemäß handelt.“170

Reinheit und Echtheit sind die Schlüsselbegriffe. Reinheit heißt, es genügt nicht, wenn das Offizierskorps mit irgendwelchen verwaschenen nationalsozialistischen Weltanschauungen sympathisiert, sondern es soll sich mit der Quintessenz der NS-Ideologie identifizieren. Und die besteht (Stichwort Reichsparteitag 1936), in der ebenso gnadenlosen wie vollständigen Vernichtung „Sowjet-Judäas“. Echtheit fordert, dass es nicht damit getan ist, dass sich das Offizierskorps verbal zu diesem Kern der NS-Ideologie bekennt, sondern es muss ein solches Bekenntnis durch Taten untermauern. Und in Beidem, in der Reinheit und der Echtheit, so der Oberbefehlshaber des Heeres, darf sich das Offizierskorps „von niemanden übertreffen lassen“, was bedeutet, dass die Offiziere im Hinblick auf die Treue ihrer Gesinnung auch die NSDAP, den SD und die SS hinter sich lassen sollen. Ein ambitioniertes Ziel.

Nun ließe sich einwenden, dass solche Einzelaussagen, auch wenn sie von oberster Stelle kommen, weder für die Mehrheit der Offiziere, noch für die Masse der Soldaten repräsentativ sind. Und in der Tat gibt es auch heute noch akademische Arbeiten, in denen mehr oder weniger deutlich behauptet wird, dass die NS-Ideologie im Wesentlichen an der Wehrmacht vorbeigegangen sei und dort, wenn überhaupt, nur vereinzelte und flache Wurzeln geschlagen hat171. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Es gibt eine ebenso erdrückende wie bedrückende Fülle von Untersuchungen, die zweifelsfrei das Gegenteil beweisen. Erinnert sei hier nur an die kontrovers diskutierte Wehrmachtsausstellung172 sowie an eine Vielzahl von geschichtswissenschaftlichen Analysen173. Dass die NS-Ideologie im Hinblick auf ihre Reinheit und Echtheit sowohl bei den Offizieren als auch bei den Soldaten in einem beträchtlichen Maße verankert war und dass diese Ideologie beim großen Demozid sehr wohl kollektiv und individuell handlungsleitend wurde, ist in der geschichtswissenschaftlichen Diskussion unstrittig. Strittig sind die Tiefe und Breite dieser Verankerungen.

Hier stehen sich in der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Diskussion, wie Thomas Kühne es formuliert, „Bad-Barrel“- und „Bad-Apple“-Theorien gegenüber174. Während die „Bad-Barrel“-Theorien zeigen, dass die Wehrmacht als Institution wesentlich von der NS-Ideologie geprägt war, auch wenn es in diesem faulen Fass durchaus gesunde Äpfel gab, betonen die „Bad-Apple“-Theorien, dass sich in dem eigentlich gesunden Fass Wehrmacht auch faule Äpfel befanden.175 Diese Auseinandersetzung ist alles andere als ein müßiger akademischer Streit, geht es doch, wie bereits mehrfach betont, im Hinblick auf die Vorbereitung und Organisierung des großen Demozids darum, ob es sich dabei um ein vorsätzliches, intentionales Töten unbewaffneter Menschen durch die deutsche Regierung und deren Machtorgane handelt. Die „Bad-Apple“-Theorien halten die Wehrmacht letztlich aus dem Demozid heraus oder siedeln sie dort nur zufälligerweise und peripher an.

Nun zeigen allerdings Analysen von Feldpostbriefen176 und vor allem neuere Auswertungen von Tausenden geheimer Abhörprotokolle aus amerikanischen und englischen Kriegsgefangenenlagern177, dass „Bad-Apple“-Theorien, so bequem sie für das Geschichts- und Selbstverständnis der Deutschen auch sein mögen, schwerlich zu halten sind. Stichwortartig und leger formuliert: Das ganze Fass war faul, auch wenn es darin gesunde Äpfel gab. Die Wehrmacht und ihre Mitglieder waren institutionell, kollektiv und individuell zutiefst antisowjetisch, antisemitisch und russophob geprägt. Ausnahmen bestätigen die Regel.178

Dass die Wehrmacht sich bereits vor dem großen Demozid zunehmend als einer seiner wesentlichen Helfer und Vollstrecker in Position brachte, zeigen die Ereignisse ab August 1940. Diese Ereignisse machen zugleich deutlich, dass sich neben der Wehrmacht auch andere Großbürokratien systematisch auf den großen Demozid vorbereiteten und ihre diesbezüglichen Planungen koordinierten.

Studien, Pläne und Programme

Nachdem sich die Generäle in den Beratungen mit Hitler am 21. und 31. Juli 1940 ihre vorauseilenden Planungen zum Überfall der Sowjetunion und damit indirekt auch die diesen Überfall vorbereitende Aufmarschanweisung für die 18. Armee nachträglich von allerhöchster Stelle haben absegnen lassen, gibt es nun kein Halten mehr: Von Brauchitsch lässt noch am 31. Juli die bereits eingeleitete Demobilisierung von 35 Divisionen stoppen; Tag und Nacht rollen Züge mit Soldaten und Gerät von West nach Ost und Gerüchte machen die Runde, dass ein Ostkrieg bevorstünde179 ; am 2. August informiert der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Keitel, den Leiter des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, General Thomas, dass die Einsatzstärke des Heeres wieder auf 180 Divisionen erhöht werden muss180 ; ein auf den Ostkrieg fokussiertes „Augustprogramm“, das später den Titel „Rüstungsprogramm B“ (Barbarossa) trägt, wird aus dem Boden gestampft181 ; die von Halder initiierten Planungen des OKH werden unter dem Namen „Plan Otto“ und die von Jodl in Auftrag gegebenen Studien des OKW unter der Bezeichnung „Plan Fritz“ weiter konkretisiert und diskutiert; Anfang August weist Jodl den Wehrmachtsführungsstab an, einen Befehlsentwurf für die „Vorbereitungen zu einem Feldzug gegen die Sowjetunion“ zu erarbeiten182.

Im Rahmen dieser und vieler anderer Aktivitäten wird jedoch sehr schnell klar, dass an einen sofortigen Krieg gegen die Sowjetunion, wie er Halder vorschwebt, nicht zu denken ist. So hat zum Beispiel der Chef des Feldtransportwesens des OKH, General Gercke, bereits seit Ende Juni die Voraussetzungen für einen Aufmarsch gegen die Sowjetunion untersuchen lassen und dabei festgestellt, dass zuerst die polnische Infrastruktur repariert und modernisiert werden muss, weil die zerstörten und desolaten Straßen, Brücken, Bahnhöfe und Schienen einen kurzfristigen Aufmarsch unmöglich machen.183 Am 9. August beschließt deshalb das OKW unter der Codebezeichnung „Aufbau Ost“ die für den Überfall auf die Sowjetunion notwendige Infrastruktur so schnell wie möglich instand zu setzen beziehungsweise aufzubauen.184 Dazu mobilisiert General Gercke die Organisation Todt, die Arbeitskräfte und Gerät, und die Eisenbahntransporte Ost, die Baustoffe heranschafft.185

Ein weiteres Problem, das einen sofortigen Überfall unmöglich macht, sind die unterschiedlichen Studien, Entwürfe und Pläne des OKW und des OKH. Das Ganze ähnelt einem konzeptionellen „Flickenteppich“ und enthält viele Widersprüche186. Es fehlt ein abgestimmter, konsistenter und verbindlicher Gesamtplan. Und das gilt nicht nur für das Militär, sondern auch für die NSDAP, die SS, den SD, die Wirtschaft, die Ministerien etc. Obgleich all diese nazifizierten Bürokratien auf das grundlegende Ziel, die vollständige Vernichtung „Sowjet-Judäas“ eingeschworen sind, gibt es nicht nur unterschiedliche Auffassungen darüber, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann, sondern auch diverses Kompetenzgerangel sowie persönliche Eifersüchteleien.187

Was zunächst die Koordinierung der militärischen Vorbereitungen des großen Demozids betrifft, so beauftragt Halder am 3. September seinen neuen Stellvertreter, Generalleutnant Paulus, die unterschiedlichen Entwürfe in einem Gesamtplan zusammenzuführen. Bereits Mitte September legt Paulus den ersten Entwurf eines solchen Planes vor, aus dem heraus er in den nächsten Wochen und Monaten das Grundkonzept für die Operation „Barbarossa“ entwickelt, wobei er sich dabei wesentlich auf die Ausarbeitungen von Generalmajor Marcks stützt, an denen er nicht viel änderte.188 Am 29. Oktober trägt Paulus seine Überlegungen im OKH vor und übergibt seinem Chef eine Denkschrift, die bis heute nicht aufgefunden wurde. Sie trägt den Titel „Denkschrift über die Grundlagen eines Russlandfeldzuges“189. Am 18. und 19. November stellt der „Barbarossa“-Planer sein bis dahin erarbeitetes Konzept dem Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch vor. Auf dieser Grundlage werden dann in den nächsten Wochen vor den Spitzen der Wehrmacht drei Planspiele organisiert, die Paulus persönlich leitet, und zwar am 29. November, am 3. Dezember und am 7. Dezember190. Zwischen dem zweiten und dritten Planspiel tragen Halder und von Brauchitsch am 5. Dezember dem Führer in der Neuen Reichskanzlei den Paulus-Plan vor.191 Obgleich Hitler in entscheidenden Punkten abweichende Meinungen hat, billigt er diesen Plan. Von nun an laufen die militärischen Vorbereitungen des großen Demozid auf Hochtouren. Am 18. Dezember erlässt Hitler die von Oberstleutnant Loßberg vorformulierte „Weisung Nr. 21“ für den Überfall auf die Sowjetunion und nennt den vorher unter den Decknamen „Otto“ und „Fritz“ erarbeiteten Angriffsplan „Fall Barbarossa“. In dieser Weisung heißt es: „Das Endziel der Operation ist die Abschirmung gegen das asiatische Russland auf der allgemeinen Linie Wolga-Archangelsk“192. Paulus, Halder und andere führende Militärs sind der festen Überzeugung, dass dieses Ziel in wenigen Monaten, vielleicht sogar nur Wochen erreicht werden kann. So meint beispielsweise Paulus in einem Gespräch mit seiner Frau Constanze: „Es kann sogar sein, dass der Feldzug schon nach 4-6 Wochen vorbei ist. Vielleicht fällt schon beim ersten Anstoß das ganze wie ein Kartenhaus zusammen“.193

2.1.1.6. Die nichtmilitärischen Planungen des großen Demozids

Parallel zu den militärischen Vorbereitungen des großen Demozids läuft 1940 eine Vielzahl anderer Aktivitäten an, die zwar nicht explizit mit diesen Vorbereitungen abgestimmt sind und die auch später nur selten direkt mit ihnen in Beziehung gesetzt werden, die jedoch wesentlich dazu beitragen, das ideologische Terrain für den großen Demozid vorzubereiten. Drei Beispiele mögen das exemplarisch verdeutlichen.

Erstes Beispiel: Die Goebbels-Propaganda

Sowohl die „Barbarossa“-Planungen als auch die 1939 geschlossenen deutsch-sowjetischen Verträge, insbesondere der deutsch-sowjetische Freundschaftsvertrag, legen der zügellosen antisowjetischen Nazipropaganda zeitweilig einige Beschränkungen auf. Die Sowjetunion soll eingeschläfert und über die tatsächlichen deutschen Absichten getäuscht werden. Darauf muss sich auch Goebbels einstellen. Er tut dies in der ihm eigenen findigen Art und Weise. In der zweiten Jahreshälfte 1940 werden drei Filme uraufgeführt, die der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Präsident der Reichskulturkammer nicht nur persönlich in Auftrag gegeben, sondern deren Herstellung er auch selbst überwacht hat. Der erste ist „Die Rothschilds“, der am 17. Juli seine Premiere erlebt, der zweite „Jud Süß“, der am 5. September erstmalig in Venedig aufgeführt wird und der dritte „Der ewige Jude“, der Anfang November in die Kinos kommt. Während sich der erste Film in seiner antisemitischen Propaganda als nicht so wirkungsvoll erweist und deshalb von Goebbels zunächst zurückgehalten und erst am 2. Juli 1941 neu herausgegeben wird, erfüllen die anderen beiden vollauf die in sie gesetzten Erwartungen. „Jud Süß“ avanciert sogar in kürzester Zeit zu einem großen Publikumserfolg, der Millionen Zuschauer hatte, hochgelobt und dekoriert wurde. Er war das, was man heute als „Blockbuster“ bezeichnen würde. Kurz nach der deutschen Uraufführung des Films, am 24. September 1940 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin, erteilt Himmler folgenden Befehl: „Berlin, den 30.09.1940. Ich ersuche Vorsorge zu treffen, daß die gesamte SS und Polizei im Laufe des Winters den Film „Jud Süß“ zu sehen bekommt.“194 Dieser Befehl wird umgesetzt und hat auch die gewünschte Wirkung. So erklärte etwa der SS-Rottenführer Stefan Baretzki später, dass unter dem Eindruck dieses Films jüdische Gefangene misshandelt wurden.195 Dieses filmpropagandistische Anheizen des Judenhasses ist nicht nur Teil des allgemeinen nationalsozialistischen Antisemitismus, sondern hat darüber hinaus eine ganz konkrete Stoßrichtung, nämlich den „jüdischen Bolschewismus“, speziell „Sowjet-Judäa“, kurzum, die Sowjetunion. Die Tinte unter dem deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag ist noch nicht trocken, da gibt Goebbels schon seine Feindbild-Filme in Auftrag. Und ein Jahr nach den Premieren dieser Filme werden die Sowjetbürger in der Propaganda des Dritten Reiches zu „jüdischen Bolschewiken“, zu Inkarnationen des „Ewigen Juden“ und des „Jud Süß“.

Zweites Beispiel: Himmlers „Aufklärung“ der Generäle

Am Abend des 13. März 1940 hält der Reichsführer SS und Chef der Polizei im Hauptquartier der Heeresgruppe A, in Koblenz, einen Vortrag196 vor der dort versammelten höheren Generalität des Heeres. Himmlers Rede und die Reaktion der Generalität muten wie eine Art vorgezogenes „Milgram-Experiment“ an197, nur dass es hier nicht um simulierte, sondern um tatsächliche Gräueltaten geht. Gegenstand von Himmlers Vortrag sind die Reibereien und Konflikte, die es im Laufe des Polen-Feldzuges zwischen dem Heer auf der einen und der SS und dem SD auf der anderen Seite gab. Insbesondere das Vorgehen der Heydrich unterstehenden Massenmordkommandos führte bei Offizieren des Heeres zu Unmut. Einige waren entsetzt, wie und in welchem Ausmaß wehrlose Menschen abgeschlachtet wurden, manche befürchteten, dass dem Heer diese Morde angelastet würden und daraus ein Imageschaden für die Truppe erwachsen könnte, andere beanstandeten das Kompetenz- und Kommunikationschaos zwischen Heidrichs Sonderkommandos und den Heeresleitungen, denen diese Einheiten zugeordnet waren, auch bestanden Unsicherheiten darüber, ob und inwieweit das Vorgehen der SS und des SD tatsächlich durch Befehle von oben gedeckt war. Himmler war all dies bekannt. In den vorbereitenden Abstimmungen zu seinem Vortrag mit dem Vertreter des Heeres, Generalmajor von Tippelskirch, macht der Reichsführer unmissverständlich klar, dass er nicht im Entferntesten daran dächte, sich für irgendetwas zu entschuldigen. Daraufhin versichert der Generalmajor, dies wäre auch keinesfalls beabsichtigt, sondern es ginge nur darum, dass der Reichsführer die Generalität „aufkläre“198. Dies tat dann Himmler wie folgt: Zum einen machte er klar, dass die Einsätze der Sonderkommandos nicht nur von oben durch Befehle gedeckt sondern auch von ganz oben gebilligt wurden. Himmler: „In diesem Gremium der höchsten Offiziere des Heeres kann ich es wohl offen aussprechen: Ich tue nichts, was der Führer nicht weiß“199. In den Aufzeichnungen des Feldmarschalls von Weichs wird diese Erklärung Himmlers noch weiter präzisiert. Von Weichs vermerkt: „Am Schlusse betonte er, daß er immer die Befehle des Führers ausführe, daß er aber bei Dingen, die vielleicht unverständlich erscheinen, bereit sei, vor dem Volk und der Welt für den Führer die Verantwortung zu übernehmen, da die Person des Führers nicht mit diesen Dingen in Zusammenhang gebracht werden dürfe“200. Implizit hieß dies, die Generäle sollten nicht lamentieren, sondern gefälligst das Gleiche tun. Sodann klärt Himmler seine Zuhörer darüber auf, dass „nur wirklich Schuldige, niemals Unschuldige bestraft worden“ seien201, wobei er darauf verweist, „er habe sehr ernstzunehmende in der Entstehung begriffene polnische Aufstandsbewegungen durch strenge Polizeimaßnahmen bekämpfen müssen“202. Auch hier sind die Botschaften des Reichsführers an die Generäle eindeutig: Erstens, wer ermordet wurde, war schuldig, weil er zu einer „in der Entstehung begriffenen Aufstandsbewegung“ gehörte. Mit dieser Formulierung ließ sich jeder Mord legitimieren. Schon wer nur schief schaute war verdächtig. Zweitens, die Herren Generäle sollten gefälligst heilfroh sein, dass SS und SD ihnen den Rücken frei hielten und mit ihren Leuten jeden Aufstandsgedanken bereits im Blut ertränkten und so verhinderten, dass sich im rückwärtigen Raum des Heeres eine zweite Front bildete. Soweit überliefert hat keiner der Anwesenden Himmler auch nur eine Frage zu den Massenmorden in Polen gestellt, geschweige denn Zweifel oder gar Empörung geäußert. Diskutiert wurde mit dem Reichsführer über andere Fragen.203

Drittes Beispiel: Die Gaswagen

Seit Ende 1939 wird unter Leitung des am 27. September 1939 gegründeten Reichssicherheitshauptamts (RSHA) an der Entwicklung und Erprobung von sogenannten „Sonder-Wagen, Sonderfahrzeugen, Spezialwagen und S-Wagen“204 gearbeitet. Bei diesen Fahrzeugen, die später unter dem Namen „Gaswagen“ bekannt werden, handelt es sich um mobile Gaskammern. Erste Versuchsmuster werden zum Jahreswechsel 1939/1940 in Polen bei der Vergasung geistig Behinderter getestet205. Dabei wird ein hermetisch geschlossener Anhänger an ein Zugfahrzeug gehängt. In diesen Anhänger wird vom Zugfahrzeug aus Gas geleitet, an dem die dort eingepferchten Menschen ersticken. Das Kriminaltechnische Institut des RSHA, das mit der Auswahl geeigneter Tötungsgase beauftragt ist, empfiehlt zunächst Kohlenmonoxyd und führt im Zuchthaus Brandenburg/Havel Anfang 1940 Probevergasungen durch206. Das Kohlenmonoxyd liefert die IG Farben in Ludwigsburg. Auf Basis der ersten Versuchsmuster und Probevergasungen werden bis Sommer 1940 mehrere mobile Gaskammern gebaut. Die Gaskammer-Anhänger tragen die Aufschrift „Kaisers Kaffee“207. Im RSHA finden im Sommer 1940 mehrere Sitzungen statt, in denen über den besten Gaswagentyp beraten wird. In der Folgezeit werden zwei Änderungen gegenüber den ursprünglichen Versuchstypen vorgenommen, die die Effizienz der Gaswagen erhöhen sollen. Zum einen wird nicht Kohlenmonoxyd, sondern das Abgas des Zugfahrzeuges für die Vergasung benutzt. Dies ist nicht nur billiger, sondern auch zuverlässiger, denn einen kontinuierlichen Transport der Kohlenmonoxyd-Flaschen nach Russland halten die RSHA-Verantwortlichen für schwierig, wenn nicht gar unmöglich.208 Zum anderen werden bei der neuen Generation von S-Wagen Zugmaschine und Gaskammer in einem Fahrzeug integriert. Auch die neuen Prototypen werden zunächst wieder mit deutscher Gründlichkeit mittels Probevergasungen auf Herz und Nieren geprüft, in diesem Fall im Konzentrationslager Sachsenhausen. Aber auch diese Fahrzeuge haben, wie sich später bei ihrem Dauerbetrieb herausstellt, noch Mängel. So werden beispielsweise in den Unterlagen der Experten verschiedene Möglichkeiten erörtert, um durch „Kippvorrichtungen des Kastenaufbaues“, die „Kippbarmachung des Bodenrostes“ und einen „Aus- und einfahrbarer Rost“ eine schnellere Entladung des „Ladegutes“, sprich der vergasten Personen zu erreichen209. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion nehmen die ersten Gaswagen in Poltawa im Bereich der Einsatzgruppe C beim Sonderkommando 4a, in Chelmno beim Sonderkommando Lange und in Riga bei der Einsatzgruppe D ihre Arbeit auf210. Himmler, der am 15. und 16. August 1941 in Baranowitschi und Minsk Erschießungen im Bereich der Einsatzgruppe B beobachtet, hält den Einsatz von Gaswagen für eine praktikable Alternative, unter anderem deshalb, weil dies die Nerven seiner SS- und SD-Leute schonen würde, die zuweilen bei ihren Massenerschießungen Nervenzusammenbrüche erleiden oder kurz davor stehen.211 Nicht jeder SS-Mann ist schon so routiniert im Massenerschießen wie der bereits oben erwähnte Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Kiew, Obersturmbannführer Ehrlinger, der häufig selbst an den Erschießungsgruben steht, zur Maschinenpistole greift und seine Leute anfeuert, das Tempo zu erhöhen.

2.1.1.7. Die Vernetzung der Planungen des großen Demozids

Ende 1940/Anfang 1941 werden die Verbindungen zwischen militärischen und nichtmilitärischen Planungen des großen Demozids zunehmend enger und intensiver. Dies machen zwei Planungen besonders anschaulich deutlich, und zwar die kurz- und mittelfristigen „Mappen“-Planungen und der langfristige „Generalplan Ost“.

Die „Mappen“-Planungen

Was zunächst die „Mappen“-Planungen betrifft, so werden insgesamt fünf dienststellenspezifische „Mappen“, erarbeitet, eine „Grüne Mappe“ des Wirtschaftsführungsstabs Ost (Deckname Stab Oldenburg), eine „Blaue Mappe“ als Materialsammlung des Wirtschaftsstabes Ost, eine „Gelbe Mappe“ für die Landwirtschaftsführer, eine „Rote Mappe“ des Wirtschaftsrüstungsamtes des OKW und eine „Braune Mappe“ für die Reichskommissare und Behörden der Zivilverwaltung in den zu besetzenden Ostgebieten212. Von besonderem Interesse im Hinblick auf den großen Demozid ist die „Grüne Mappe“ des Wirtschaftsführungsstabes Ost und dort speziell der „Hungerplan“.

Bereits im Oktober 1940 beginnen systematische Vorbereitungen zum Aufbau einer militärischen Wirtschaftsverwaltung in den zu besetzenden sowjetischen Gebieten.213 Am 21. Februar 1941 nimmt die Wirtschaftsorganisation Ost ihre Arbeit auf. Zu dieser Wirtschaftsorganisation gehören fünf Wirtschaftsinspektionen, 23 Wirtschaftskommandos und 12 Außenstellen. Diese Großbürokratie, die über ungefähr 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügt214, wird vom Wirtschaftsstab Ost geleitet. Die Wirtschaftsorganisation Ost, einschließlich des Wirtschaftsstabes Ost, untersteht dem sogenannten „Wirtschaftsführungsstab Ost“, der zu Görings Vierjahresplan-Behörde gehört.215 Dieser Führungsstab hat die Aufgabe, die Wirtschaftsorganisation und ihren Wirtschaftsstab mit den Behörden des Vierjahresplans zu koordinieren. In diesem Wirtschaftsführungsstab arbeiten zunächst als ständige Mitglieder Görings Stellvertreter, Beauftragte der Reichsministerien für Wirtschaft sowie für Ernährung und Landwirtschaft, des Reichsforstamtes, der Deutschen Arbeitsfront sowie des Heeres. Kurze Zeit später wird der Kreis der ständigen Mitglieder erweitert, und zwar um Vertreter der Reichsministerien für Arbeit, für Transport und Verkehr sowie der Vierjahresplanbehörde und dem schon erwähnten Generalleutnant Gercke, dem Chef des Transportwesens im Oberkommando des Heeres.216

Kernstück der im Wirtschaftsführungsstab Ost erarbeiteten „Grünen Mappe“ ist der „Hungerplan“ oder auch „Backe-Plan“217. Sein geistiger Vater ist der in Batumi, in Russland geborene SS-Gruppenführer Backe, der neben seiner Tätigkeit als Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung in Görings Vierjahresplan-Behörde auch die Funktion eines Senators und Ersten Vizepräsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ausübt. Der SS-Gruppenführer gehört zu den Gefährten Hitlers aus alten Zeiten218 und wird auch von Goebbels hoch geschätzt219. Das ebenso simple wie mörderische Ziel des Backe-Plans ist es, soviel Nahrungsmittel wie irgend möglich aus den sowjetischen Gebieten abzuziehen, um sie der deutschen Armee und der deutschen Zivilbevölkerung zur Verfügung zu stellen. Da es in der Sowjetunion keine landwirtschaftlichen Überschüsse gibt, bedeutet dies zwangsläufig den Hungertod für Millionen Sowjetbürger. Der Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung löst mit seinem Plan gleich drei Probleme gleichzeitig: Er sichert die Versorgung des Heeres sowie der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und er organisiert den systematischen Massenmord „bolschewistischer Untermenschen“ durch Hungertod, und dies ungleich effizienter als sein SS-Kamerad Obersturmbannführer Ehrlinger vor den Erschießungsgruben.

Am 2. Mai 1941 findet eine gemeinsame Beratung von Staatssekretären unterschiedlicher Ministerien und Offizieren der Armee statt220. Die Ergebnisse dieser Beratung werden vom Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, dem schon mehrfach erwähnten General Thomas, protokolliert. In den ersten beiden Punkten heißt es: „1.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird. 2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“221 Der amerikanische Anklagevertreter im Nürnberger Prozess, Sidney S. Alderman, sagte: „Noch niemals ist wohl ein unheilvollerer Satz niedergeschrieben worden, als der Satz in dieser Urkunde, der heißt: ‚Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern.‘“222 Und der britische Historiker Adam Tooze meint, diese Aktennotiz sei in einer Sprache verfasst, „die um ein Vielfaches unverblümter war als alle Begriffe, die je bei der Behandlung der ‚Judenfrage‘ benutzt wurden“.223

Auf Basis dieses Besprechungsprotokolls werden in den folgenden drei Wochen durch die Backe-Gruppe Ernährung in der Vierjahresplanbehörde die „Wirtschaftspolitischen Richtlinien“ erarbeitet und am 23. Mai fertiggestellt, die dann in leicht modifizierter Form am 1. Juni 1941 in die „Grüne Mappe“ münden. Diese drei Dokumente bilden die konzeptionelle Grundlage des Hungerplans. Die Formulierung „zig Millionen“ ist nicht einfach so daher gesagt, sondern sehr wohl kalkuliert und mit Bedacht gewählt. Gemeint sind nicht einige Millionen, ein paar Millionen oder ein Dutzend Millionen. Die erste „zig-Zahl“ ist Zwanzig. Geplant sind mithin über 20 Millionen Hungertote. Dies ist keine Interpretation, sondern mit diesen Größenordnungen wird von den Verantwortlichen gerechnet. So erklärt beispielsweise Himmler Mitte Juni 1941 in einer Rede auf der Wewelsburg vor etwa zwölf SS-Gruppenführern, dass der Zweck des bevorstehenden Russlandfeldzuges die Dezimierung der slawischen Bevölkerung um 30 Millionen Menschen sei224. Und Göring sagt gegenüber dem italienischen Außenminister im November 1941: „In diesem Jahr werden in Russland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden.“225 Die Formulierung „zig Millionen“ heißt: Der Backe-Plan sieht vor, bis zu 30 Millionen Sowjetbürger durch die Hungerwaffe zu töten226. Und dieser Plan wird beim Überfall auf die Sowjetunion vom ersten Tag an umgesetzt.227 Darüber, wie vielen Menschen der Backe-Plan dann tatsächlich das Leben kostete, gehen die Schätzungen auseinander. Timothy Snyder spricht von 4,2 Millionen228, Hans-Heinrich Nolte von 6 Millionen229.

Der „Generalplan Ost“

Im Unterschied zu den kurz- und mittelfristigen „Mappen“-Planungen handelt es sich beim „Generalplan Ost“ um einen Langfristplan. Er baut auf den „Mappen“-Planungen auf und führt sie weiter. Die Ermordung von zig Millionen sowjetischer Menschen ist nur der erste Schritt in einem viel umfassenderen Mord- und Vertreibungsprogramm. Timothy Snyder sieht in Backes Hungerplan lediglich „ein Vorspiel zum ‚Generalplan Ost‘“ und betrachtet diesen als „Plan zur Kolonisierung der westlichen Sowjetunion, der rund 50 Millionen Menschen zu seiner Dispositionsmasse machte.“230 Die Planungen sehen vor231, dass im europäischen Teil der Sowjetunion 50 - 60% der Russen vernichtet und weitere 15 - 25% hinter den Ural nach Sibirien vertrieben werden. Des Weiteren ist geplant, 25% der Ukrainer und Weißrussen zu töten und weitere 30 - 50% von ihnen nach Sibirien „auszuweisen“. Mit der verbleibenden Restbevölkerung soll dann so verfahren werden, wie das Himmler in seiner am 15. Mai 1940 verfassten Denkschrift „Über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten“232 bereits vorgedacht hat: „Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wanderarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Straßen, Steinbrüche, Bauten), stellen“233. Grundsätzlich gilt: „Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich.“234 Die wenigen arisierungsfähigen Kinder werden von den Eltern getrennt, nach Deutschland gebracht und dort erzogen235.

In seiner Funktion als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums lässt Himmler zwischen 1940 und 1943 fünf Varianten des Generalplans Ost erarbeiten. Vier Varianten entwickelt die Behörde des Reichskommissariats, eine Variante das Reichssicherheitshauptamt236. Die Zentrale für die Erarbeitung des Generalplans Ost und die Koordinierung aller damit zusammenhängender Aufgaben ist die Hauptabteilung Planung und Boden des Reichskommissariats, der seit 1939 SS-Oberführer Prof. Meyer vorsteht. Was Backe für den Hungerplan ist, ist Meyer für den Generalplan Ost. Der Professor ist ein „Multifunktionär“237. Neben den bereits genannten Funktionen ist der SS-Oberführer unter anderem Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und des Reichsbauernrates, Planungsbeauftragter für Siedlung und ländliche Neuordnung im Reichserziehungsministerium sowie Leiter des Siedlungsausschusses im Zentralplanungsstab des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete.238

In Meyers Hauptabteilung Planung und Boden werden bereits 1940 erste grundlegende Dokumente erarbeitet, die sich zunächst auf die bereits besetzten Ostgebiete konzentrieren, so im Februar die „Planungsgrundlagen“ und im Dezember Materialien zu einem Grundsatzvortrag. Am 20. März 1941 öffnet in Berlin die Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“ ihre Pforten. Die Eröffnungsrede hält Prof. Meyer. Gäste sind unter anderem Hitlers Stellvertreter Heß, Reichsführer SS Himmler, Reichsleiter Bouhler, Reichsminister Todt und SS-Obergruppenführer Heydrich, der Chef des Reichssicherungshauptamtes.239 Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wird dann mit Hochdruck an einem erweiterten „Generalplan Ost“ gearbeitet, dessen erste Skizze Himmler Mitte Juli 1941 dem Führer vorlegt. Helmut Heiber schreibt später in einer der frühen Analysen des Generalplans Ost: „plädierten im Ostministerium maßgebende Leute für eine ‚Dekomposition‘ Rußlands durch Förderung der Minderheiten, so behandelten die SS-Planer den Ostraum beinahe als tabula rasa, auf der sie frei von allen störenden Voraussetzungen die östlichen Konturen des kommenden Großgermanischen Reiches entwarfen“240. Oder, kürzer gesagt: „Der Osten gehört der Schutzstaffel“241, wie das SS-Gruppenführer Hofmann vom Rasse- und Siedlungshauptamt so prägnant formulierte. Der Generalplan Ost ist für die Zeit nach Barbarossa gedacht. Bereits am 11. Juni 1941, also noch vor dem Überfall auf die Sowjetunion, wird an einer Weisung Nr. 32 gearbeitet, die den Titel trägt „Vorbereitungen für die Zeit nach Barbarossa“242. Für viele Ostplaner ist die Sowjetunion schon gar nicht mehr existent243.

Ab Mai 1941 werden die verschiedenen militärischen und nichtmilitärischen Demozid-Planungen in konkrete Befehle, Richtlinien und Erlasse gegossen. Die drei wichtigsten sind:

- der „Erlaß über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ‚Barbarossa‘“ (Kriegsgerichtsbarkeitserlaß) vom 13. Mai 1941244,
- die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland“ vom 19. Mai 1941245,
- die „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ (Kommissarbefehl) vom 6. Juni 1941246,

Hinzu kommen eine Vielzahl weiterer Bestimmungen, Verordnungen und Anweisungen, wie beispielsweise die „Sonderfahndungsliste Ud SSR“247 oder die Anweisungen zur Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener248 sowie spätere Befehle, wie der Reichenau-Befehl249 oder die Einsatzbefehle Nr. 8 und Nr. 9 von Heydrich250, die die bereits in Kraft gesetzten Erlasse noch mehr verschärfen. Die Quintessenz all dieser Verordnungen fasst Hitler Mitte Juli in einem Gespräch mit Himmler im Führerhauptquartier zusammen, in dem er sagt, die Befriedung der besetzten Gebiete geschähe „am besten dadurch, daß man jeden, der nur schief schaut, totschieße“251. Und da Juden und „bolschewistische Untermenschen“ aus rassenideologischer Perspektive generell „schief schauen“, heißt das: Großer Demozid.

Am 20. Juni 1941 lässt der Führer an seine, an der sowjetischen Grenze stehenden Heeresgruppen das Codewort „Dortmund“ funken252. Damit beginnt die Operation „Barbarossa“. Zwei Tage später, in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941, um 3:15 Uhr, fallen 118 Infanteriedivisionen, 15 motorisierte Divisionen, 19 Panzerdivisionen und vier Luftflotten mit über 3 Millionen Soldaten auf einer 2.000 Kilometer langen Frontlinie zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein, dicht gefolgt von Himmlers und Heydrichs Sonderkommandos.

In dieser Nacht zerplatzte, wie für Millionen anderer Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürger auch, Anna Nikulinas Lebenstraum, wie eine Seifenblase. Sie schreibt: „Mich überraschte der Krieg in Leningrad im 3. Studienjahr an der Akademie für Wassertransport. Zugegeben, ich sah mich schon auf weiten Reisen, träumte von dem romantischen Seemannsberuf. Aber alle diese Pläne und Träume stürzten plötzlich zusammen: Die Akademie wurde in den ersten Monaten des Krieges unerwartet geschlossen und alle Studenten schickte man zur Arbeit in die verschiedensten Teile des Landes.“253

Doch der 22. Juni war nicht nur einfach das Ende millionenfacher Lebensträume, sondern der Beginn des großen Demozids. Vier Beispiele lassen erahnen, was das für die sowjetischen Menschen bedeutete.

2.1.1.8. Vier Beispiele aus dem großen Demozid

Erstes Beispiel: Das Mädchen

Das Mädchen ist Tatjana Nikolajewna Sawitschewa (russisch Татьяна Николаевна Савичева). Sie wurde am 23. Januar 1930 in Dworischtschi bei Gdow geboren und stirbt am 1. Juli 1944 in Schatki, im Gebiet Gorki254. Ihr Vater starb, als sie sechs Jahre ist. Sie lebt mit ihrer Mutter, fünf Geschwistern und weiteren Verwandten in Leningrad. Während der Blockade der Stadt hilft die elfjährige Schülerin gemeinsam mit anderen Kindern den Erwachsenen bei der Verteidigung. Sie löscht Feuer, hebt Schützengräben aus und platziert Bomben. Tatjana führt Tagebuch. Der erste Eintrag datiert auf den 28. Dezember 1941. Das Mädchen und die Tagebucheintragungen sind auf der folgenden Abbildung zu sehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Eintragungen heißen, von links oben nach rechts unten:

- Schenja starb am 28. Dezember um 1200 vormittags 1941 (28 декабря 1941 года. Женя умерла в 1200 час утра.)
- Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942 (Бабушка умерла 25 января 1942-го, в 3 часа дня.)
- Ljoka starb am 17. März um 5 Uhr vormittags 1942 (Лёка умер 17 марта в 5 часов утра.)
- Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht 1942 (Дядя Вася умер 13 апреля в 2 часа ночи.)
- Onkel Ljoscha am 10. Mai um 4 Uhr nachmittags 1942 (Дядя Лёша 10 мая в 4 часа)
- Mutter am 13. Mai um 730 vormittags 1942 (Мама — 13 мая в 730 утра.)
- Die Sawitschews sind gestorben. (Савичевы умерли.)

[...]


1 Zur Tänzerin Anna Nikulina Bolshoi 2017.

2 Zur Pilotin Dina Nikulina Airaces 2017.

3 Zu den „Nachthexen“ Čečneva 1989; Noggle 1994.

4 Die folgenden Angaben zur Architektur der Neuen Reichskanzlei stützen sich auf Müller-Klug 2016a, 2016b. Dazu siehe auch Schönberger 1981.

5 Müller-Klug 2016a.

6 Giesler 1940, S. 10

7 Speer 1969, S. 537.

8 Halder 30.03.1941.

9 Müller-Klug 2016b.

10 Müller-Klug 2016b.

11 Jammer 1985.

12 Shukow 1980b; Bokow 1979; Antonow 1970.

13 Bergmann und Marz 2018, S. 144.

14 Zitiert nach Charitonowa 1984.

15 The-Crankshaft Publishing 2016.

16 Einige Passagen aus Anna Nikulinas Erinnerungen erschienen bereits 1985 in einer zweiteiligen Artikelserie in der Zeitung „Volksarmee“ (Rabe 1985a, 1985b) in deutscher Sprache. Der Autor stützte sich dabei auf Übersetzungen von Schülerinnen der 9. Klasse des Schuljahres 1980/81 der damaligen „Schule der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ in Berlin Köpenick, ohne dies jedoch zu erwähnen, geschweige denn, sich bei den jungen Dolmetscherinnen zu bedanken.

17 Eine russischsprachige Sammlung solcher Berichte findet sich bei Militera 2017.

18 So etwa von Shukow 1980a; Shukow 1980b; Schtemenko 1985; Konev 1989; Rokossowski 1973; Tschuikow 1980; Wassilewski 1977. Diese Memoiren-Literatur mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Einschätzungen wird auch als „Marschallstreit“ bezeichnet (Schützler 2004, S. 52). Zu bislang geheim gehaltenen und im Juni 2017 publizierten Erinnerungen sowjetischer Offiziere siehe Минобороны России 2017.

19 Lediglich aus dem Bürgerkrieg gibt es fragmentarische Erinnerungen der Kommissarin und Schriftstellerin Larissa Reissner (Reissner 2013)

20 Diese euro-germanische Gefolgschaft zeichnet sich durch drei Merkmale aus: eine bedingungs- und kritikloslose Nibelungentreue gegenüber den anglo-amerikanischen Eliten, denen die Gefolgsleute nicht selten ihre Karrieren verdanken; eine aggressiv-militante Russophobie; eine Europa-Programmatik, die auf Konzeptionen basiert, die im kaiserlichen und faschistischen Deutschland erarbeitet und nach 1945 mit Hilfe der USA und Großbritanniens schrittweise umgesetzt wurden, wie beispielsweise das von Riezler erarbeitete und von Reichskanzler von Bethmann Hollweg 1914 verkündete „Septemberprogramm“ (Bethmann Hollweg 1914) oder der von Sturmbannführer Dr. Wirsing 1944 im Juli-Heft der Zeitschrift „Junges Europa“ publizierte Artikel „Europa in der Entscheidung“ (Wirsing 1944). Zur Einführung in die kaiserlich-faschistischen Europa-Vorstellungen und deren Umsetzung nach 1945 siehe ein Artikel von Rainer Hank in der FAZ (Hank 2014) sowie Kahrs und Aly 1992.

21 Chiesa 2016.

22 Mettan 2017.

23 Hofbauer 2016.

24 Krone-Schmalz 2017.

25 Zitiert nach Volmer 06.03.2014.

26 Zur Geschichte der Russophobie und Putinphobie siehe neben Chiesa, Mettan, Hofbauer, Schmidt 2015 und Krone-Schmalz 2015 vor allem Dietrich Geyer (Geyer 1986), aber auch Cygankov 2015, Platonov 2015 oder Mirović 2017. Eine satirische Auseinandersetzung mit der Russophobie haben Wolf Dieter Hartmann und Gertrud Zucker vorgelegt (Hartmann und Zucker 2016). Was die mythologische Perspektive anbetrifft, wäre es sicher sehr instruktiv, eines der großen abendländischen Erbe der Antike, nämlich die Euripides-Fassung des Herakles-Mythos (Euripides und Scheliha 1994), insbesondere die Szene, in der Lyssa, die Göttin der Tollwut, auf Geheiß Heras Herakles mit einem Wahnsinnsanfall schlägt, sowie die darauf bezogenen Analysen von Klaus Heinrich (Heinrich und Kücken 2006) mit der tollwütig-neurotischen Anti-Putinhysterie in Beziehung zu setzen. Die Parallelen sind frappierend.

27 Der Begriff „Politruk“ ist die russische Abkürzung für „politischer Leiter“ oder, kurz, „Politleiter“. Er stammt aus dem russischen полит ический рук оводитель.

28 Eine Beschreibung, die derartigen Vorstellungen den Weg ebnet, ist der Eintrag „Politoffizier“ in der deutschsprachigen Wikipedia, (Wikipedia 2017b) der sich neben dem ideologisch-zensierenden Duktus vor allem durch eine sehr dünne Quellenbasis auszeichnet.

29 Wikipedia 2016a. Dazu siehe auch Headlam 1999.

30 Hierzu siehe Sandberg 2005; Leckie und Burwell 2004.

31 Angaben geschätzt nach Burrell 2011, S. 83

32 Rosenthal 23.02.1945.

33 Wikimedia 2017.

34 Air University 1987, S. 92.

35 The United States Strategic Bombing Survey 1947, S. 7.

36 Wikipedia 2017a.

37 Kravets 2010.

38 Craven 1983, S. 277-286

39 The National Security Archive 2016.

40 Stengel 2001.

41 Kellerhoff 2015.

42 Falin 1997, S. 202. Falin steht mit dieser Einschätzung nicht allein. Ähnlich äußerte sich auch schon Hillgruber, indem er die „völlige Andersartigkeit dieses Krieges“ betonte (Hillgruber 1965, S. 517).

43 Hierzu siehe beispielsweise Morina 2008; Fritz Bauer Institut 2011; Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung 2016; Pohl 2011; Thamer 2003; Hamburger Institut für Sozialforschung 2004; Manoschek et al. 1996.

44 Rummel 2001, S. 33.

45 Rummel 2001, S. 33.

46 Rummel 2001, S. 33–35.

47 Diese Fragen stellen sich unter anderem aus zwei Gründen. Zum einen ordnet Rummel bei seiner Analyse des Gulag-Systems die sowjetische Regierung als sogenannten „Dekamegamörder“ ein und spricht von 61.911.000 Toten, die der „Gulag-Staat“ auf dem Gewissen haben soll (Rummel 2001, S. 69-79). Das sind laut dem Russlandspezialisten Richard Overy, der von 2,5 Millionen Toten für die Zeit von 1930-1953 ausgeht, völlig unseriöse „Phantasiezahlen“ (Pieper und Wiegrefe 2006), die jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Über den gegenwärtigen Stand der Forschung zu den Opfern des Stalinismus siehe etwa Bonwetsch 2008, Baur 1997, 1997, Hedeler 2013 und Timofejtschew 2017. Zum anderen fehlen in Rummels Untersuchung vollständig Handlungen der US-Regierung, die von anderen Wissenschaftlern eindeutig dem Demozid zugerechnet werden, wie beispielsweise der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki. Hierzu siehe Heinsohn 1999, S. 20-21.

48 In diese Richtung argumentierte Müller schon 1988, wobei er damals noch den Begriff „Holocaust“ verwendete (Müller 1988).

49 Overy 2003, S. 11.

50 Dies machen schon die aktuellen Ergebnisse der Volkszählung deutlich, die sich nur auf die heutige Russische Föderation beziehen. Federal State Statistics Service 2010. Menschen aus diesen über 100 Völkern und Volksgruppen kämpften gemeinsam gegen die faschistische Wehrmacht, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes Schulter an Schulter. So erinnert sich beispielsweise Anna Nikulina an den Kampf um Berlin und schreibt: „Neben dem Usbeken Alimow kämpfte ein Ukrainer, der Komsomolze Ladoga, ein nicht weniger tapferer Krieger. Hier war auch der Parteiorganisator des Bataillons, N. M. Jegorenkow aus Kaluga, auf dessen Konto schon eine Vielzahl vernichteter Faschisten kam.“ (Bergmann und Marz 2018, S. 128.)

51 Eine vergleichende Übersicht einiger dieser Schätzungen gibt Overy 2003, S. 435–436.

52 Bonwetsch 2002, S. 173.

53 Курукин 2001.

54 Sputnik 07.05.2009.

55 Koslov 1989.

56 Overy 2003, S. 435–436; Hartmann 2001, S. 115; Olschowsky 2012, S. 1; Coleman und Podolskij 2007, S. 52; Hartmann 2011, S. 115–122. Dies ist eine Zahl, die auch in deutschen Leitmedien genannt wird, siehe etwa (Jahn 2007)

57 Hartmann 2011, S. 115–122; Overy 2003, S. 435–436.

58 Drei Beispiele mögen dies verdeutlichen: In Leningrad erhielten 36.000 Arbeiter eine militärische Schnellausbildung sowie 22.000 Schrotflinten und alte Gewehre, mit denen sie gegen die deutschen Truppen in den Kampf zogen (Overy 2003, S. 168; Salisbury 1989, S. 205–206). Ähnlich war es in Moskau. Der renommierte Urologe Prof. Moritz Mebel, der sich wie Zehntausende andere als Jugendlicher freiwillig zur Verteidigung der Hauptstadt meldete, schreibt dazu: „Eine notdürftige militärische Ausbildung begann. Nach einer Woche ging es im Eilmarsch in Richtung Wolokolamsker Chaussee. Etwa 30 Kilometer vor Moskau bezogen wir Stellung. Es war bitterkalt und wir hatten keine Winterkleidung. Unsere Bewaffnung – Vorderlader aus dem 19. Jahrhundert.“ (Mebel 2005). Und der Schriftsteller Daniel Granin erinnerte sich an den Beginn der Verteidigung Leningrads: „Wir Landwehrleute fuhren ohne Waffen an die Front. Wir hielten den Feind auf, indem wir uns unter die Panzer legten. … Wir hatten keine Nachrichtengeräte, weder Gewehre, noch Artillerie. Wir alle waren Fleisch, junges verlaustes Fleisch.“ (zitiert nach Schützler 2004, S. 65).

59 Diese Schätzung basiert auf den Angaben von Benz 1996; Asmuss 2002; Gutman und Jäckel 1998; Wikipedia 2016d.

60 Rummel 2001, S. 33.

61 Lenin 1962, 550, 1974b, S. 216, 1974b, S. 216.

62 Churchill 1920; Ford 2014.

63 Wichtige Etappen der Entwicklung der Konzeption des „jüdischen Bolschewismus“ zur herrschenden Ideologie des Dritten Reiches waren Hitlers „Mein Kampf“ (Giesler 1940; Hitler 1932, 69-70, 742, 751), Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ (Rosenberg 1930, S. 213–214), Himmlers Rede auf dem Reichsbauerntag 1935 (Schmitz-Berning 2000, S. 620), die Reden von Hitler, Heß, Rosenberg und Goebbels auf dem Reichsparteitag 1936 ( Mayer 1989, S. 240) sowie die Filme „Der ewige Jude“ (1940) und „G.P.U.“ (1942) und die Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ (1942).

64 Hull 2005.

65 Hull 2005.

66 Madley 2005.

67 Stahnke 2004; Friedrichs 27.19.2016.

68 Morlang 2014.

69 Friedrichs 27.19.2016.

70 Hierzu siehe beispielsweise Arnhold 2010; Barkai 1988; Ludwig 1989; Schneider 2010; Wojak und Hayes 2000.

71 Konkrete Vorbereitungen zur militärischen Niederwerfung der Sowjetunion gab es jedoch schon mindestens seit 1935. So projektierte beispielsweise die Luftwaffe einen Fernbomber, der die Bezeichnung „Uralbomber“ trug, und das Heereswaffenamt untersuchte bei der Entwicklung eines Eisenbahngeschützes, wie das Überwechseln von der deutschen auf die russische Spurbreite erfolgen kann (Müller 1984, S. 281). Systematischen Charakter nahmen diese Vorbereitungen aber erst ab 1936 an.

72 Treue 1955, S. 204–210.

73 Treue 1955, S. 210.

74 Zitiert nach Michalka 1999, S. 112.

75 Hitler 1936, S. 20–21.

76 Goebbels 1936.

77 Rosenberg 1936.

78 Hitler 1936, S. 64–80.

79 Rosenberg 1936, S. 14–15.

80 Hitler 1936, S. 67.

81 Hitler 1936, S. 67.

82 Goebbels 1936, S. 3.

83 Goebbels 1936, S. 24.

84 Hitler 1936, S. 78.

85 Petzina 1968, S. 57–58.

86 Deist 1978, S. 291.

87 Hitler, Adolf; Frick, Wilhelm; Krosigk, Johann Ludwig Graf Schwerin von 26.01.1937, S. 1

88 Volkmann 1994, S. 95.

89 Deist et al. 1979, S. 520–522; Müller 1980, S. 239–247.

90 Hoßbach 10.11.1937, S. 6. Die Ausführungen Hitlers sind in der so genannten „Hoßbach-Niederschrift“ dokumentiert, die der Adjutant der Wehrmacht, Oberst Hoßberg, in einem Gedächtnisprotokoll festhielt. Zu diesem Dokument und seiner Echtheit siehe auch Bussmann 1968; Kielmansegg 1960; Smith 1990.

91 Müller 2011, S. 107–112; Dietrich 2016, S. 3–4.

92 Höhn et al. 1970, S. 313.

93 Eichholtz und Schumann 1969, S. 188–189.

94 Höhn et al. 1970, S. 86.

95 Geist 28.08.1945.

96 Langels 2013.

97 Reuth 2003, S. 429.

98 Hierzu siehe insbesondere die Vorträge von Professor Mausfeld, wie beispielsweise RT 19.05.2017.

99 Rosenberg 1936.

100 Ungarn unter Horthy und Rumänien mit seinen „eisernen Garden“ waren für Hitler und seinen Generalstab kein Problem, weil sie mit ihrer nazifreundlichen Politik nicht zu den Gegnern, sondern mehr oder weniger zu den Vorposten Deutschlands zählten.

101 Angaben siehe Grüttner 2015, S. 204.

102 Angaben siehe Hofer und Reginbogin 2001, S. 418–430.

103 Reuth 2003, S. 429.

104 Zitiert nach Müller 2011, S. 1456

105 Zitiert nach Müller 2011, S. 146.

106 Zitiert nach Müller 2011, S. 146.

107 Ciano 1947, S. 46.

108 Leschnik 2010.

109 Schmundt 23.05.1939, S. 2

110 Schmundt 23.05.1939, S. 3.

111 Schmundt 23.05.1939, S. 3.

112 Schmundt 23.05.1939, S. 2.

113 Zitiert nach Michalka 1999, S. 169. Zu dieser Ansprache siehe auch Boehm und Baumgart 1971 und Baumgart 1968.

114 Bruckmüller 2006, S. 29.

115 Overy 2003, S. 77.

116 Roberts 1995, S. 50–51.

117 Siehe beispielsweise Lukes 1996.

118 Overy 2003, S. 77–78.

119 Zitiert nach Bittorf 1989, S. 111.

120 Zitiert nach Bittorf 1989, S. 113.

121 Zitiert nach Bittorf 1989, S. 113.

122 Stalin 1952, S. 193. Dieser Rechenschaftsbericht Stalins ist später wegen der Formulierung der zweiten Aufgabe auch häufig als „Kastanienrede“ bezeichnet worden.

123 Overy 2003, S. 82.

124 Overy 2003, S. 83.

125 Overy 2003, S. 84–85.

126 Zu Überlegungen in dieser Richtung, die sich auf die militärischen Effekte der Verschiebung der sowjetischen Westgrenze konzentrieren, siehe beispielsweise Müller 2011, S. 187.

127 Wikipedia 2017c.

128 Zitiert nach Hartmann und Slutsch 1997, S. 483.

129 Hierzu siehe Müller 2011, S. 150-164, 234, 238 und Röhricht 1965, S. 143.

130 Zitiert nach Wagner 1963, S. 145.

131 Zitiert nach Müller 2011, S. 165.

132 Halder 1962, S. 107.

133 Overmans 2009, S. 53–54.

134 Frieser 1995, S. 27.

135 Stilla 2005, S. 71.

136 Pohl 2003, S. 49.

137 Wulf 1971.

138 Lukas 1997, S. 3.

139 Gerwarth 2012.

140 Zitiert nach Krausnick 1963, S. 207.

141 Moll 1997, S. 100.

142 Toppe 2008, S. 347.

143 Bergmann und Marz 2018, S. 98–99.

144 Jost beschaffte im August 1939 auf Befehl Heydrichs polnische Uniformen für den fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz. 1942 wurde er Chef der Einsatzgruppe A und Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD Ostland in Riga. Ehrlinger war im Gruppenstab der Einsatzgruppe IV beim deutschen Angriff auf Polen. Anschließend fungierte er als Leiter des SD Warschau. Beim Überfall auf die Sowjetunion leitete er den Massenmord an Juden hinter der Front, vor allem im Raum Kowno, Dünaburg und Rositten. Im Dezember 1941 wurde er zum Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Kiew ernannt. Gräfe war im Polenfeldzug Chef des Einsatzkommandos 1/V, das zielgerichtet Angehörige der polnischen Eliten tötete. 1941/42 konzipierte er das „Unternehmen Zeppelin“, dessen Ziel die verdeckte Kriegführung im sowjetischen Hinterland war.

145 Pahl 2012.

146 Hierzu und zu den folgenden Ausführungen siehe Müller 2011, S. 234-235

147 Müller 2011, S. 235.

148 Müller 2011, S. 234.

149 Zitiert nach Müller 2011, S. 235.

150 Müller 2011, S. 150-181, 136 und 255.

151 Müller 2011, S. 238.

152 Müller 2011, S. 239.

153 Müller 2011, 240, 327.

154 Janssen 1997b, S. 4.

155 Zitiert nach Müller 2011, S. 231 und Janssen 1997b, S. 4.

156 Weinberg 1953, S. 308; Müller 2011, S. 243.

157 Müller 2011, S. 244.

158 Dirks und Janßen 1999, 135-136, 146; Weinberg 1953, S. 308.

159 Zitiert nach Kershaw 1998, 27 und 663. Diese Maxime Willikins ist ein Leitmotiv in Kershaws Hitler-Biographie.

160 Dietrich 2016, S. 4.

161 Janssen 1997b, S. 8; Müller 2011, S. 229-230, 264; Klink 1983, S. 271–284.

162 Müller 2011, S. 247.

163 Janssen 1997b, S. 5; Dirks und Janßen 1999, S. 133–134.

164 Greiner 1951, S. 295; Weinberg 1953, S. 316.

165 Müller 2011, S. 250.

166 Müller 2011, S. 249–255. Zur Popularität dieses Dogmas siehe beispielsweise Wikipedia 2016c, S. 4.

167 Müller 2011, S. 252–254.

168 Dirks und Janßen 1999.

169 Müller 2011, S. 299

170 Zitiert nach Klee 2007, S. 71.

171 Hierzu siehe beispielsweise Richardt 2002, S. 178–183.

172 Hamburger Institut für Sozialforschung 2004; Manoschek et al. 1996.

173 Siehe beispielsweise Barṭôv 1999; Kühne 2006; Böhler 2006; Mühlhäuser 2010.

174 Kühne 2013, S. 1.

175 Ein prominenter Begründer und Vertreter der „Bad-Apple“-Theorien ist Christian Hartmann (siehe zum Beispiel Hartmann 2004, 2010).

176 Heer 1998; Manoschek 1995.

177 Die Abhörprotokolle stammen vor allem aus dem USA-Lager Fort Hunt sowie aus dem britischen Lager Trent Park bei London. Hierzu siehe Neitzel und Welzer 2011; Groß 2012; Römer 2012.

178 Zur Entstehung und Nachhaltigkeit dieser antisemitischen, antisowjetischen und russophoben Prägung bei der deutschen Bevölkerung im allgemeinen und den Angehörigen der Wehrmacht im Besonderen, siehe unter anderem Kühne 2010; Aly 2005.

179 Janssen 1997b, S. 1.

180 Weinberg 1953, S. 314–315.

181 Eichholtz 1999, S. 314–315; Kroener 2005, S. 391–392.

182 Schramm 2002, S. 5.

183 Janssen 1997b, S. 7.

184 Müller 2011, S. 228; Schramm 2002, 5, 6, 14, 16, 18.

185 Janssen 1997b, S. 7.

186 Müller 2011, S. 252–254.

187 Zu solchen Differenzen gehören beispielsweise die „ewige Rivalität zwischen OKH und OKW“ (Müller 2011, S. 229), die sich selbst nach Kriegsende weiter fortsetzte. Dazu siehe auch Hürter 2007, S. 169–170 und, anekdotisch, o. V. 1970, S. 31.

188 Dietrich 2016, S. 6.

189 Dietrich 2016, S. 6.

190 Dietrich 2016, 7/8.

191 Dietrich 2016, S. 8.

192 Hitler 18.12.1940, S. 5.

193 Das erinnert 1959 Paulus‘ Sohn, Ernst Alexander. Zitiert nach Dietrich 2016, S. 6.

194 Himmler 1940b; Gerber 1990, 286, 549.

195 Leiser 1978, S. 79.

196 Der Vortrag ist nicht im Wortlaut, sondern nur durch Mitschriften überliefert. Zum Inhalt dieser Rede sowie zu ihrer Vorgeschichte siehe Krausnick 1963 und Müller 1970.

197 Dieses Experiment ist ein vom amerikanischen Psychologen Stanley Milgram 1961 in New Haven durchgeführter und seitdem immer wieder diskutierter Laborversuch, in dem getestet wurde, wie hoch die Bereitschaft von Menschen ist, autoritäre Anweisungen auch dann zu befolgen, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Dabei zeigte sich, dass sich die meisten Personen an den autoritären Anweisungen und nicht an ihrem Gewissen oder an den Schmerzen der Opfer orientierten. Zum „Milgram-Experiment“ siehe auch Wikipedia 2017d.

198 Zitiert nach Müller 1970, S. 106.

199 Zitiert nach Müller 1970, S. 95.

200 Zitiert nach Müller 1970, S. 108.

201 Zitiert nach Müller 1970, S. 108.

202 Müller 1970, S. 108.

203 Müller 1970, S. 96.

204 Beer 1987, S. 403.

205 Beer 1987, S. 404–405.

206 Beer 1987, S. 405.

207 Beer 1987, 404, 406, 407.

208 Beer 1987, S. 407.

209 Zitiert nach Beer 1987, S. 415.

210 Beer 1987, S. 412–413.

211 Beer 1987, 407, 410, 413.

212 Müller 1991, 21, 35/36.

213 Das Bundesarchiv 2017, S. 2.

214 Pohl 2008, S. 116.

215 Das Bundesarchiv 2017, S. 2.

216 Kay 2010, 90-91, 100.

217 Benz 2011; Gerlach 2000, S. 44-75

218 Kershaw 2000, S. 1058.

219 Benz 2011, S. 34.

220 Zu den Hintergründen dieser Beratung mit den Staatssekretären siehe insbesondere die Analysen von Alex J. Kay 2010, 2006, 2008. Zur Diskussion dieser Analysen siehe unter anderem Arnold und Lübbers 2007; Benz 2011, 2016.

221 Bayrische Staatsbibliothek 2016, S. 6.

222 Zitiert nach Benz 2016, S. 1.

223 Tooze 2007, S. 552.

224 Thamer 2003, S. 327.

225 Zitiert nach Madajczyk 1987, S. 92.

226 Benz 2011, S. 29–47.

227 Gerlach 2000; Aly 2016; Benz 2011; Ganzenmüller 2011; Kay 2010.

228 Snyder 2011, S. 419.

229 Nolte 2009, S. 314.

230 Snyder 2009, S. 9.

231 Holborn 1971, S. 604; Keegan 1999, S. 91; Rudolf und Schillig 2002, S. 186.

232 Himmler 1957, 1940a.

233 Himmler 1940a, S. 12

234 Himmler 1940a, S. 1.

235 Himmler 1940a, 1/2.

236 Deutsche Forschungsgemeinschaft 2006, S. 21.

237 Deutsche Forschungsgemeinschaft 2006, S. 16.

238 Deutsche Forschungsgemeinschaft 2006, S. 16.

239 Deutsche Forschungsgemeinschaft 2006, S. 21.

240 Heiber 1958, 284/285.

241 Zitiert nach Höhne 1995, S. 271.

242 NS-Archiv Dokumente zum Nationalsozialismus 1941.

243 Heiber 1958, S. 282–283.

244 Bayrische Staatsbibliothek 1941; Römer 2008a.

245 Deutsche Digitale Bibliothek 1941.

246 Oberkommando der Wehrmacht 06.06.1941; Krausnick 1977.

247 Röder 1977.

248 Jacobson o. J.

249 Reichenau 1941.

250 Hilberg 1982, S. 351–365.

251 Janßen 1991, S. 4.

252 Heiber 1958, S. 282.

253 Bergmann und Marz 2018, S. 11.

254 Wikipedia 2017e, 2017g. Tatjana ist kein Einzelfall. Zu anderen, ähnlichen Kindertagebüchern aus dieser Zeit siehe Zjatʹkov et al. 2016.

Details

Seiten
316
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668744585
ISBN (Buch)
9783668744592
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v432682
Note
Schlagworte
Demozid Kommissare Sowjetunion Rote Armee 2.Weltkrieg

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Titel: Anna Wladimirowna Nikulina – Flamme in der Nacht. Band 1: Der Kontext