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Die Psychologie des Tyrannen in Racines "Britannicus"

Hausarbeit 2004 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auf der Schwelle zwischen Tugend und Tyrannei

3. Die Emanzipation von Agrippina
3.1 Die indirekte Befreiung
3.2 Die direkte Befreiung

4. Die Rolle der Berater

5. Der Neid auf Britannicus

6. Die Liebe zu Junia

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

„Mit einem Wort, das Ungeheuer ist hier noch im Werden, es wagt noch nicht, sich offen zu erklären, und sucht seine Übeltaten noch zu beschönigen.“[1]

Auf diese Weise beschreibt Jean Racine die zentrale Gestalt seines Dramas. Der Protagonist in Racines ’Britannicus’ ist, trotz des Titels, Nero. Das dichterische Leben kreist hier nicht um den schuldlos Bedrückten, sondern um den Quäler und Kämpfer.[2]

Racine hat Nero den dramaturgisch wie psychologisch interessanten Charakter eines ’monstre naissant’ verliehen. Das Drama wird daher als der Weg bezeichnet, auf dem sich Neros Natur von den guten Anfängen ganz entfernt.[3] Die Handlung der Tragödie bezeichnet genau den Augenblick, da Neros wahre Natur zum Durchbruch kommt, da er alle Hemmungen abwirft.[4]

In der folgenden Arbeit soll die Psychologie des Tyrannen in Racines ’Britannicus’ erarbeitet werden. Wie entwickelt sich Kaiser Nero im Laufe des Dramas zum Unterdrücker?

Um die einzelnen psychologischen Kriterien zu erarbeiten, wird größtenteils textanalytisch vorgegangen. Hierzu wird zunächst, in Punkt 2, die Ausgangslage bearbeitet. Zu Beginn des Dramas befindet sich Nero auf der Schwelle zwischen Tugend und Tyrannei. Es soll analysiert werden, wie Nero zu diesem Zeitpunkt von den anderen Charakteren eingeschätzt wird.

Um darauf folgend den Verlauf und die unterschiedlichen psychologischen Aspekte der Entstehung des Monstrums aufzuzeigen, wird Neros Verbindung zu den einzelnen Protagonisten analysiert. Wie zeigt sich sein Tyrannentum gegenüber jedem Einzelnen? Hierbei soll auch die Frage geklärt werden, ob die einzelnen Personen zum Teil auch für die Entwicklung Neros zum Tyrannen verantwortlich sind.

Zunächst wird, in Punkt 3, die Emanzipation Neros von seiner Mutter Agrippina erarbeitet. Hierbei wird unterschieden zwischen der indirekten Emanzipation, die auf Kosten Dritter betrieben wird, und der direkten Emanzipation, die beide direkt betrifft.

Dann folgt, in Punkt 4, die Analyse der Rolle der Berater. Hier soll geklärt werden, ob die Ratgeber einen großen Einfluss auf Nero haben oder doch weitgehend machtlos sind.

In Punkt 5 wird dann Neros Neid auf seinen Stiefbruder Britannicus thematisiert. Welche Faktoren treiben diesen Neid voran und welche Folgen haben sie für die Psyche Neros?

Dann wird, in Punkt 6, die Liebe Neros zu Junia erarbeitet. Wie passt diese Liebe in das Bild des Tyrannen? Abschließend werden in der Schlussbetrachtung, in Punkt 7, die Ergebnisse noch einmal kurz zusammengefasst.

Der Rahmen dieser Arbeit beschränkt sich auf die beschriebenen Fragestellungen. Weiterführend könnte die Darstellung Neros bei Racine mit der Biografie Neros bei Tacitus verglichen werden. Entspricht der abgebildete Nero den historischen Gegebenheiten oder wurde die Authentizität zugunsten einer bühnengerechten Darbietung teilweise aufgegeben?

2. Auf der Schwelle zwischen Tugend und Tyrannei:

Die ersten Jahre der Regierung unter Nero sind friedlich und lobenswert. Seine Beliebtheit beim Volk, beim Senat und auch bei seinen Vertrauten ist für ihn von großer Bedeutung. Das Volk hält Nero für einen gerechten Kaiser. Seine Beliebtheit drückt sich besonders darin aus, dass er mit dem großen und verehrten Kaiser Augustus verglichen wird:

„Sein ganzes Verhalten

Bewies ja, wie viel seine Pflichten ihm galten,

Und was er drei Jahre lang gesagt und getan,

Das zeigt den vollkommenen Kaiser uns an.

[...]

Er lenkte es als Vater und scheint uns schon jetzt

So von Tugend erfüllt wie Augustus zuletzt.“[5]

Nicht nur das Volk, auch der Erzieher und Berater Burrhus ist davon überzeugt, dass Rom mit Nero eine blühende Zukunft bevorsteht. Er ist eine der Personen, die Nero am nächsten stehen und am besten kennen. Er preist die milde Herrschaft des jungen Nero, welche die aus den Zeiten der Republik überkommenen, verfassungsgemäßen Rechte und Freiheiten von Volksversammlung, Heer und Senat respektiert:

„Es sieht seine Freiheit durch Nero erwacht,

Ja, es scheint fast, als wenn sich die Tugend erneute:

Das Reich ist nicht mehr eines Mächtigen Beute;

Das Volk ernennt die Beamten im Staat.

[...]

Daß segensreich seine Herrschaft sei,

Der Kaiser allmächtig und Rom stets frei!“[6]

Die Wiederherstellung der alten Rechte kann statt als Ausdruck von wirklich tugendhaftem Regieren auch vielmehr als Mittel zur Entmachtung der Mutter Agrippina verstanden werden, die Nero nicht länger für sich amten lassen will.[7]

Agrippina hat Nero zur Macht verholfen, da sie Claudius heiratete und dessen leiblichen Sohn Britannicus enterbte. Dadurch stand Nero stets in ihrer Schuld. Agrippina erinnert sich an die Zeiten zurück, in denen sie noch über ihn bestimmen konnte:

„Als er noch die Gesinnungen Roms nicht erlauscht

Und noch seine Macht ihn nicht hatte berauscht.

Den traurigen Tag werd’ ich niemals vergessen,

Da Nero, vom Glanze der Herrschaft besessen,

Sich den Botschaftern all jener Herrscher gezeigt,

Die vor ihm als dem Herren der Welt sich geneigt.“[8]

Agrippina sieht eine Wende in der Regierung Neros eintreten, die ihr Besorgnis bereitet. Sie sorgt sich jedoch weniger um das Wohl des Reiches, als um ihr eigenes. Sie fürchtet ihren Einfluss auf den Sohn schwinden, durch den sie bis jetzt geherrscht hat:

„Übertrug ich ihm etwa das Steuer im Staat,

Daß er’s führt nach den Wünschen von Volk und Senat?

Gut! Lass’ er sich Vater des Vaterlands nennen!

Nur soll er in mir seine Mutter noch kennen.“[9]

Sie spürt, dass sie selbst nun zu Neros Feindbildern zählt. Sie hat erkannt, dass sich Nero von ihr lösen will. Doch sie steht seiner Emanzipation im Weg:

„Als Britannicus’ Feind hat sich Nero enthüllt.

Satt ist er es, Zwang sich aufzuerlegen:

Nicht Liebe, nein, Furcht soll man jetzt vor ihm hegen.

Britannicus stört ihn, und Tag für Tag

Verspür’ ich es, daß er mich auch nicht mehr mag.“[10]

Agrippina spricht hier die beiden zentralen Probleme des Dramas an. Sie sieht die immer stärker werdende Feindschaft gegenüber dem Stiefbruder Britannicus. Außerdem spürt sie Neros Wunsch nach Emanzipation. Die Furcht, die Nero einst zu einem Werkzeug Agrippinas gemacht hat, bereitet er nun seinen Widersachern.

3. Die Emanzipation von Agrippina:

Die Auseinandersetzung zwischen Nero und Agrippina steht zu Beginn im Zeichen des Bewusstseins beider von der Stärke des anderen, wobei der Vorteil schon bei Nero liegt.[11] Um sich selbst von jeglicher Schuld in ihrer Erziehung freizusprechen macht Agrippina das Blut des Vaters für Neros Verhalten verantwortlich:

„Der Domitier finstres, gewaltsames Wesen.“[12]

Agrippinas Macht erscheint im Stück schon als gebrochen oder doch als sehr geschwächt. Nero erscheint dagegen als der Herrscher, dem die absolute Machtfülle zu Gebote steht. Agrippinas Gewicht als Gegenspielerin wird dadurch gewahrt, dass ihre vergangene Macht und ihr damit verbundener Anspruch auf die Gegenwart hervorgehoben werden.[13]

Sie sieht in Neros Ratgeber und Erzieher Burrhus den Ursprung für Neros aufkommende Emanzipationsversuche. Burrhus sieht darin die Berechtigung für Neros Handeln. Er wünscht sich ausdrücklich die Befreiung des Kaisers von seiner Mutter:

„Er ist nicht euer Sohn mehr, ist Herrscher der Welt.

[...]

Aber muss er soweit seine Dankbarkeit treiben,

Für immer von Euch abhängig zu bleiben?

Soll er immer der furchtsame Nero nur sein

Und Caesar Augustus nur heißen zum Schein?“[14]

Von der bevorstehenden Tyrannei Neros scheint Burrhus noch nichts zu ahnen, obwohl das erste Verbrechen schon geschehen ist.

3.1 Die indirekte Befreiung:

In der Nacht vor Beginn des Dramas hat Nero Junia, die Verlobte seines Stiefbruders Britannicus entführen lassen. Ein Grund hierfür ist die Entzweiung von Agrippina. Sie, die die Verbindung zwischen Britannicus und Junia gestiftet hat, soll bestraft werden. Durch die Entführung Junias soll Neros Befreiung von Agrippina einen offiziellen Charakter erhalten:

„Die Welt ringsum es mit Schrecken erkennt,

Wie weit sich vom Sohne der Kaiser getrennt.“[15]

Um Agrippina weiter zu entmachten, nimmt er ihr eine wichtige Stütze. Er verbannt den Berater Pallas aus dem Reich, da er ihn für seine Probleme mit Agrippina und Britannicus verantwortlich macht. Seine Rechtfertigung für die Verbannung sucht er im Heil des Reiches:

„Doch der Diener sei schleunigst von dannen gejagt,

Der frech sie darin zu bestärken gewagt!

Es ist Pallas, der mir die Mutter vergiftet,

Mir den Haß meines Bruders Britannicus stiftet.

[...]

Mein Befehl hat Gewicht für des Reiches Bestehen.“[16]

Nero empfindet den Einfluss der Mutter als unerträglich zwanghaft, so dass er sich um jeden Preis davon freimachen will.[17] Keiner von beiden kann ohne die Verfügung über den anderen existieren, und keiner erträgt eben diese Verfügung durch den anderen.[18] Beide sind sich zu ähnlich, um sich nicht gegenseitig zu durchschauen.[19] Schritt für Schritt schreitet die Abnabelung voran. Sie erfolgt zumeist auf Kosten dritter Personen.

[...]


[1] Arthur Luther (Hrsg.): Racine, Jean: Dramen, ins Deutsche übertragen und mit einer Einleitung versehen von Arthur Luther. ungekürzte Aufl. München: Goldmann 1961, S. 190.

[2] Karl Vossler: Jean Racine. Buehl/Baden: Roland-Verlag 1948, S. 73.

[3] Ebd., S. 170.

[4] Erich Köhler: Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur. Stuttgart: Kohlhammer 1983 (= Klassik Bd. 1), S. 85.

[5] Br I, 1, S. 195.

[6] Br I, 2, S. 205.

[7] Regine Brossmann: Figurenkonstellation, Perspektivierung der Tragik und dramatische Ironie in den Tragödien Jean Racines. Stuttgarter Diss. Stuttgart: o. V. 2000, S. 272.

[8] Br I, 1, S. 199

[9] Br I, 1, S. 197.

[10] Br I, 1, S. 195.

[11] Hans Mattauch: Racine. Britannicus. In: Das französische Theater vom Barock bis zur Gegenwart. Hrsg. von Jürgen Stackelberg. Düsseldorf: Bagel 1968, S. 169.

[12] Br I, 1, S. 197.

[13] Mattauch, Racine, S. 167.

[14] Br I, 2, S. 205.

[15] Br I, 2, S. 207.

[16] Br II, 1, S. 215.

[17] Mattauch, Racine, S. 167.

[18] Anke Wortmann: Das Selbst und die Objektbeziehungen der Personen in den weltlichen Tragödien Jean Racines. Osnabrücker Diss. Würzburg: Könighausen & Neumann 1992, S. 144.

[19] Köhler, Vorlesungen, S. 86.

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638410823
ISBN (Buch)
9783668148239
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43238
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Schlagworte
Psychologie Tyrannen Racines Britannicus
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