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Gegenüberstellung verschiedener Persönlichkeitsmodelle für ein Gesamtkonstrukt der menschlichen Persönlichkeit

von Timo Natt (Autor)

Bachelorarbeit 2017 44 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der Persönlichkeit
2.1. Geschichte der Persönlichkeitsforschung
2.2. Begriffserklärungen

3. Einführung verschiedener Persönlichkeitsmodelle
3.1. Das Fünf-Faktoren-Modell
3.2. Die anthroposophische Temperamentenlehre
3.3. Das Enneagramm

4. Diskussion der verschiedenen Modelle
4.1. Fallbeispiel
4.1.1. Typenzuordnung
4.1.2. Fazit zur Auswertung der Modelle am Fallbeispiel
4.2. Die Leistungsfähigkeiten der Modelle
4.2.1. Struktur
4.2.2. Prozess
4.2.3. Entwicklung
4.3. Bewertung der Modelle

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 01: Die Fünf-Faktoren-Theorie

Abbildung 02: Glieder des Ätherleibs

Abbildung 03: Das Enneagramm

Abstract

In der vorliegenden Bachelorarbeit werden drei Persönlichkeitsmodelle, welche in ihren Fach- und Anwendungsbereichen verschieden sind, gegenübergestellt und diskutiert. Das Ziel ist es herauszufinden, welches Modell für den Alltagsgebrauch am besten geeignet ist, um dieses in seinen Fähigkeiten auf soziale Beziehungen übertragen zu können. Dazu werden das Fünf-Faktoren- Modell, die anthroposophische Temperamentenlehre und das Enneagramm aufgeführt und analysiert. Um eine angemessene Bewertung aus den Persönlichkeitsmodellen ziehen zu können, werden die Modelle in ihren strukturellen und prozesshaften Konzepten und ihrer Konzeption der menschlichen Entwicklung verglichen. Entgegen der vorangegangenen Annahme, dass ein Persönlichkeitsmodell für den alltäglichen Gebrauch am besten geeignet ist, ist das Fazit dieser Arbeit, dass jedes Modell ein Teilstück der menschlichen Persönlichkeit ausmacht und diese nicht in eine Rangordnung gestellt werden können. Ein Modell sollte danach gewählt werden, welche Stärken, Schwächen und Anwendungsbereiche am besten den eigenen Anwendungsbedürfnissen entsprechen.

In the following, the bachelor thesis considers three personality models which differ in their field of expertise and application. For this purpose, the different models will be discussed as well as faced against each other. The aim of the report is, to examine the most suitable model for the people´s daily use in order to get the capability to transfer them to different social relationships. In order to this, the Big-Five model, the Anthroposophical Temperament Theory and the Enneagramm will be considered and analysed. To get a suitable and sufficient evaluation while examining the specific models, the models will be compared to each other by analysing their structural and process-oriented concepts as well as analysing the conception of human development. In contrast to the previous assumption which estimates that just one model is suitable for the daily use, the following work comes to the conclusion that each model is partly capable to describe the human personality and therefore cannot be placed into a hierarchy.

All in all it is important rather to choose a model due to their strengths and weaknesses and their area of applications which suits to one person´s application needs.

1. Einleitung

„Menschen zeigen in dem, was sie tun, ein zeitlich überdauerndes Muster. Dies nennen wir ihre Persönlichkeit.“ (Roth 2012, S. 15) Doch wie funktioniert die Persönlichkeit eines Menschen, wie kommen gewisse Handlungen und Entscheidungen zu Stande und wie können wir sie ergreifen und verstehen? Mit diesen Fragen setzten sich Persönlichkeitsforscher auseinander und versuchen in verschiedenen Modellen und Theorien ihr Konzept der Persönlichkeit zu erklären. Aber wie können wir als „Nicht-Wissenschaftler“ solche Konzepte verstehen und mit welchem Modell können wir tatsächlich die menschliche Persönlichkeit erfassen? Mit diesen Fragen werde ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen, um dem Leser verständlich zu machen, wie substanziell die einzelnen Persönlichkeitsmodelle sind und mit welchem wir uns beschäftigten müssen, wenn wir die Persönlichkeit eines Individuums ergreifen wollen.

Der Mensch als soziales Wesen ist darauf angewiesen mit anderen Menschen zu interagieren. Diese Beziehungen zu anderen Individuen bilden für die meisten von uns einen wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Bestandteil unseres Lebens. Dabei wissen wir oft nicht, welchem Typ Mensch wir gegenüberstehen, obwohl es doch wichtig erscheint, als Nahestehender einen entscheidenden Einfluss auf das psychische Wohlbefinden des Menschen zu haben und dies beispielsweise sinnvoll in Beziehungen, bei Familie oder Freunden, auf der Arbeit oder in der Pädagogik anzuwenden.

Dass es grundsätzlich schwer ist, die Fragen nach der Persönlichkeit eines Menschen zu beantworten, ist selbstverständlich. Dabei wird dieses Thema in vielen verschiedenen Wissenschaften ausgiebig behandelt und die Relevanzen unterscheiden sich in den jeweiligen Forschungsgebieten. Der Rahmen dieser Arbeit entsteht allerdings aus keinem Forschungsgebiet, sondern aus der Relevanz der Verwendung im Alltag, damit jeder die Möglichkeit hat Persönlichkeit verstehen zu können und dieses Privileg nicht nur Wissenschaftlern zu Teil wird. Die Kernfrage dieser Arbeit ist daher, ob es die Möglichkeit eines einfachen, allumfassenden Konzepts zur menschlichen Persönlichkeit gibt, welches diese Relevanz erfüllt.

Dazu werde ich zunächst ein Basiswissen für den Leser schaffen, indem ich kurz die Geschichte der Persönlichkeitsforschung und Begriffserklärungen darstelle. Weiterführend werden verschiedene Persönlichkeitsmodelle eingeführt und in ihren Stärken und Schwächen erläutert, bevor die Werte dieser Modelle gegenübergestellt und diskutiert werden und letztlich ein Fazit aus der Bewertung der einzelnen Modelle gezogen wird.

2. Zum Begriff der Persönlichkeit

2.1. Geschichte der Persönlichkeitsforschung

Wenn wir von Persönlichkeit reden, sprechen wir von den Wesensgliedern, die uns individuell machen und uns von jedem anderen Menschen unterscheiden. Wird der Menschen in seiner physischen Gestalt betrachtet, sind die beliebtesten Beispiele für Individualität der Daumenabdruck oder das Muster der Iris. In den psychischen Veranlagungen reden wir oftmals von Temperament und Charakter. Mit dem Persönlichkeitsbegriff wird sich sowohl in der Philosophie als auch in der Psychologie und in weiteren Fachbereichen auseinandergesetzt. Während in der Philosophie die Gliedervielfalt der Persönlichkeit und ihre Entwicklung behandelt werden, wird in der Psychologie mit einem festgelegten Zeitpunkt der Entwicklung der Persönlichkeit gearbeitet, meistens bei Erwachsenen und versucht diese empirisch zu erfassen. In beiden Wissenschaften ist der Persönlichkeitsbegriff so umfangreich und umstritten, dass im Grunde keine klare Definition aus dem Begriff gezogen werden kann. Die Geschichte der verschiedenen Typologien gibt erste Aufschlüsse über den Begriff der Persönlichkeit.

Eine der frühesten Typologien des Menschen stammt aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. Der Arzt Hippokrates stellte die Theorie auf, dass das Überwiegen einer von vier Körperflüssigkeiten (Schleim, Blut, gelbe Galle, schwarze Galle) im menschlichen Körper, von denen jede einem Temperament zugeordnet ist, die Persönlichkeit eines Menschen prägt (vgl. Crisand / Rahn 2010, S. 72) Moderne Temperamentenlehren, wie die von Steiner, welche im weiteren Verlauf dieser Arbeit diskutiert wird, entfernen sich weitestgehend von der Lehre der vier Flüssigkeiten und beziehen sich hauptsächlich auf die reinen Temperamente: den Sanguiniker, den Choleriker, den Phlegmatiker und den Melancholiker.

Die Idee, dass es zwischen Körperbau und Psyche spezifische Zusammenhänge geben könnte und dementsprechend Rückschlüsse vom Körperbau auf die menschliche Persönlichkeit möglich sind, lässt sich durchgängig von der Antike bis in die Neuzeit verfolgen. Bei diesem Gebiet handelt es sich um ein komplexes Forschungsgebiet, welches sowohl medizinische, psychiatrische, psychologische, anthropologisch kultur- wissenschaftliche und philosophische Aspekte aufweist. Dies erschwert den Überblick über die Vielzahl von Persönlichkeitstheorien. (vgl. Boerner 2015, S.122-132)

Rohracher schreibt, dass es die fortgeschrittenere Persönlichkeitsforschung, welche u.a. mit experimentellen und statistischen Methoden arbeitet, erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt. Begründer waren Psychiater, Pädagogen und Philosophen. Der Grund, warum sich die Psychologie erst später mit der Persönlichkeitsforschung auseinandergesetzt hat lag darin, dass zunächst die psychischen Vorgänge, also das Empfinden und Wahrnehmen, das Gedächtnis, das Denken, Fühlen und Wollen, behandelt wurden. Es wurde somit zunächst erfasst, was in jedem Menschen gleich ist, bevor sich mit ihren Unterschieden bzw. ihrer Persönlichkeit auseinandergesetzt wurde. Zu der Erforschung der psychischen Fähigkeiten hat die Psychologie erst ab der Mitte des 20. Jahrhundert beigetragen. 1921 legten die Psychiater Ernst Kretschmer, Hermann Rohrschach und Carl Gustav Jung den Grundbaustein für die moderne Persönlichkeitsforschung: Kretschmer mit den Zusammenhängen von Konstitution und Charakter, Rohrschach mit seiner relativ einfachen Art der Psychodiagnostik und Jung mit den Grundtypen Extraversion und Introversion. (vgl. Rohracher 1965, S. 1-10)

Die weitere Entwicklung der Persönlichkeitsforschung war rasch und vielfältig. Es entstand eine Vielzahl von Persönlichkeitstest, wovon zunächst jedoch keine die Wertigkeit von Kretschmer, Rohrschach oder Jung erreichte und zugleich wurden neue Verfahren zur Kontrolle ihrer Verlässlichkeit entwickelt. Allmählich konsolidierten sich erste vorläufige Ideen einer Theorie der menschlichen Persönlichkeit, welche nicht nur spekulativ entworfen wurden, sondern auf gesicherten empirischen Grundlagen aufgebaut sind. (vgl. Rohracher 1965, S. 11-12) Heute gibt es unzählig viele verschiedene Persönlichkeitsmodelle aus den verschiedenen Teilgebieten, welche alle mit unterschiedlichen Stärken die persönliche Eigenart des einzelnen Menschen erfassen.

2.2. Begriffserklärungen

Der Begriff Persönlichkeit ist schwer zu definieren. Es gibt viele verschiedene Begriffe, die das innere Wesen des Menschen beschreiben, alle unter dem Überbegriff Persönlichkeit. Ist man mit der Vielfalt der Definitionen verschiedener Begriffe vertraut, bekommt man ein besseres Verständnis für die innere Wesenheit des Menschen und dessen Persönlichkeit. Dies erfordert daher zunächst Begriffserklärungen, um die Definitionen der Begriffe auseinanderhalten zu können. Dazu werden folgende Begriffe näher erläutert, da diese im weiteren Verlauf dieser Arbeit des Öfteren benutzt werden: „Individualität“, „Ich“, „Charakter“, „Psyche“, „Konstitution“ und „Selbst“. Obwohl beschwerend hinzukommt, dass diese zentralen Begriffe dieses Forschungskontextes sowohl in den einzelnen Fachgebieten als auch in den unterschiedlichen historischen Epochen verschieden definiert werden, werden die folgenden Definitionen im allgemeingültigen Kontext dieser Arbeit dargestellt.

Jung beschreibt die „Individualität“ als unser inneres Wesen, etwas, das wir von Geburt an in uns tragen und auf das wir kaum Einfluss haben. Es umfasst den Menschen als Einheit, welche einmalig und in seinen Eigenschaften nicht kollektiv ist. Während sich Persönlichkeitsmerkmale gegenüber anderen Menschen wiederholen können, scheidet sich die Individualität, da diese unser Eigen ist und nicht einer größeren Gruppe von Individuen zukommen kann. (vgl. Jung 1960, S. 477)

Das „Ich“ ist laut Jung ein Komplex, welcher den Inhalt des Bewusstseins ausmacht. Es ist sowohl Hauptbestandteil als auch Bedingung für das Bewusstsein des Menschen. Da es allerdings nur einen Teil ausmacht, unterscheidet es sich von der „Individualität“ und dem „Selbst“; es ist nicht identisch mit dem Ganzen des inneren Wesens, sondern nur ein Subjekt des Bewusstseins. (vgl. Jung 1960, S. 471) Bei Steiner ist das „Ich“ etwas Geheimnisvolles: das höchste seiner vier Wesensglieder1. Das Ich ist der Mittelpunkt des menschlichen Wesens und ist mit allen Teilen des Menschen verknüpft. Es verbindet den Menschen mit der sog. „geistigen Welt“. (vgl. Steiner 1970, S.49-52)

Das Wort „Charakter“ wird von Arnold in zwei verschiedenen Inhalten unterschieden. Zum einen deutet er das Wort als Tatsachenbegriff, welches die wertfreien Merkmale einer Sache oder eines Menschen beschreibt. Beispielsweise wird vom Charakter der Jazzmusik oder dem Rassencharakter verschiedener Hunderassen gesprochen. Zum anderen beschreibt das Wort die seelische Eigentümlichkeit eines Lebewesens und bekommt damit eine sittlich- ethnische Bedeutung im Kollektiv. Beschreiben Menschen ihre gegenseitige Charakterisierung, verwenden sie den Begriff im zweiten Sinne. Allerdings besteht zwischen den beiden Inhalten, dem Inneren und dem Äußeren, ein Zusammenhang und erst die Wechselwirkung dessen beschreibt die Besonderheit eines Individuums anhand des Charakters. (vgl. Arnold 1962, S.131-132)

Der Begriff „Psyche“ beschreibt Zustände und Vorgänge, die dem Erleben und Verhalten zugrunde liegen. Sie ist das sowohl unbewusste als auch bewusste Verknüpfen von Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln. Der Begriff Psyche wird oft dem Begriff Seele gleichgesetzt, welcher in der Psychologie nicht gerne verwendet wird, da dieser religiöse Assoziationen hat. (vgl. Großes Wörterbuch Psychologie 2004, S.272)

Nach Kloos wird unter „Konstitution“ die Beschaffenheit des Menschen verstanden. Sie ist sowohl anatomisch und physiologisch als auch psychologisch erfassbar und setzt sich aus Zustands- und Leistungseigenschaften zusammen. Die Konstitution wird nicht an einzelnen gegebenen Faktoren festgemacht, wie der Körpergröße oder dem Gewicht, sondern an dem Ganzen, aus vielen Einzelheiten bestehenden des Menschen. Dazu gehören auch die psychischen Veranlagungen. (vgl. Kloos 1951, S.10-12)

Das „Selbst“ kommt laut Jung dem übergeordneten Begriff „Persönlichkeit“ am nächsten. Es beschreibt die Ganzheit der psychischen Phänomene. Das Selbst kann empirisch ergriffen werden und erfasst nicht nur Erfahrbares, sondern aus logischen Rückschlüssen auch transzendent Unerfahrbares. Somit ist das Selbst ein Postulat2 (vgl. Jung 1960, S.512-513).

Die kurze Betrachtung der verschiedenen Begriffe, welche allesamt ihren Teil zur Definition des Begriffs Persönlichkeit beisteuern, verdeutlicht, dass das Vorhaben sich mit Persönlichkeit auseinanderzusetzen durch die Vielheit und Unklarheit sich ein Bild von dem inneren Wesen eines Menschen zu machen, eine extrem schwierige Aufgabe ist. Modelle und Theorien, welche versuchen die Persönlichkeit zu beschreiben, müssen eine außerordentliche Bandbreite an Funktionen aufweisen, welche die Gebiete des menschlichen Wesens ergreifen. Daher werden in dieser Arbeit mehrere Persönlichkeitsmodelle vorgestellt, da die gewonnenen Einsichten mit der Auseinandersetzung eines einzigen Modells nicht ausreichen würden, um ein Bild von der Gesamtheit des Menschen bekommen zu können.

3. Einführung verschiedener Persönlichkeitsmodelle

3.1. Das Fünf-Faktoren-Modell

Es gibt viele verschiedene Modelle, welche die Persönlichkeit eines Menschen beschreiben. Aus der großen Auswahl ist ein Modell zwangsläufig unumgänglich: das Fünf-Faktoren-Modell (original: „Big-Five“), welches in der Psychologie führend und weltweit renommiert ist. Das Fünf-Faktoren-Modell entstand im Laufe des 20. Jahrhunderts aus einer Reihe verschiedener Modelle, wie beispielsweise aus Jungs Persönlichkeitsforschung. 1981 prüfte Lewis Goldberg die bis dahin vorliegenden Forschungsergebnisse und erkannte, dass sich die bisherigen Modelle in fünf wesentliche Dimensionen zusammenfassen ließen. Diese fünf Bereiche sind in ihren Hierarchien so weitreichend und abstrakt, dass dieses Modell als das umfangreichste der heutigen Persönlichkeitspsychologie gilt.

Die fünf Bereiche werden anhand einer Faktorenanalyse festgehalten. Mithilfe dieser Methode wird empirisch eine Vielzahl von Variablen auf eine deutlich geringere Anzahl von Faktoren zurückgeführt und leistet durch die Datenreduktion eine bessere Übersicht. Die Faktoren des Fünf-Faktoren- Modells sind die Wesenszüge Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Liebenswürdigkeit und Gewissenhaftigkeit. Alle fünf Wesenszüge sind Bestandteil des menschlichen Wesens. Diese sind jedoch in jedem Individuum unterschiedlich stark ausgeprägt. Folgend eine kurze Charakterisierung der fünf Faktoren nach Costa und McCrae (vgl. Pervin / Cervone / John 2005, S. 332):

- Neurotizismus bewertet die Anpassung gegenüber emotionaler Stabilität und das Maß an negativen Emotionen einer Person. Es identifiziert Personen, die zu psychischem Leid, unrealistischen Ideen, exzessiven Süchten oder Gelüsten und schlecht angepassten Reaktionen oder Bewältigungsmechanismen neigen.
Merkmale bei hohem Skalenwert: besorgt, nervös, emotional, unsicher, unzulänglich, hypochondrisch
Merkmale bei niedrigem Skalenwert: ruhig, entspannt, unemotional, ausdauernd, sicher, selbstzufrieden

- Extraversion bewertet die Quantität und Intensität zwischenmenschlicher Interaktionen. Ebenfalls beinhält sie die Bewertung des Aktivitätsniveaus, des Bedürfnisses nach Stimulation und der Fähigkeit, sich zu freuen. Merkmale bei hohem Skalenwert: gesellig, aktiv, redselig, personenorientiert, optimistisch, lebenslustig, liebevoll
Merkmale bei niedrigem Skalenwert: reserviert, nüchtern, beherrscht, distanziert, aufgabenorientiert, zurückhaltend, still

- Offenheit beschreibt Personen, die aufgeschlossen sind für Neues. Es bewertet die Suche und Wertschätzung neuer Erfahrungen um ihrer selbst willen und die Toleranz gegenüber dem Unbekannten. Merkmale bei hohem Skalenwert: neugierig, breit gefächerte Interessen, kreativ, originell, einfallsreich
Merkmale bei niedrigem Skalenwert: konventionell, bodenständig, einseitige Interessen, nicht künstlerisch verlangt, nicht analytisch

- Liebenswürdigkeit bewertet die Quantität der zwischenmenschlichen Orientierung, das von Mitgefühl bis Feindseligkeit in Gedanken, Gefühlen und Handlungen reicht.
Merkmale bei hohem Skalenwert: weichherzig, gutmütig, vertrauensvoll, hilfsbereit, leichtgläubig, versöhnlich, aufrichtig
Merkmale bei niedrigem Skalenwert: zynisch, unhöflich, misstrauisch, unkooperativ, rachsüchtig, reizbar, manipulativ

- Gewissenhaftigkeit beschreibt das Maß an Organisation, Ausdauer und Motivation bei zielgerichtetem Verhalten. Es spiegelt den Kontrast zwischen zuverlässigen, anspruchsvollen Personen und nachlässigen, schlampigen Personen wieder.

Merkmale bei hohem Skalenwert: organisiert, fleißig, pünktlich, ordentlich, ausdauernd, zuverlässig, diszipliniert, sehr genau, ehrgeizig Merkmale bei niedrigem Skalenwert: ziellos, unzuverlässig, faul, unbekümmert, lasch, nachlässig, willensschwach

Costa und McCrae haben eine Vielzahl an Merkmalen festgelegt, um die einzelnen Wesenszüge beschreiben zu können. Das Faszinierende ist die interkulturelle Übereinstimmung dieser Begriffe. In mehreren Tests wurde ermittelt, dass das Fünf-Faktoren-Modell universell einsetzbar ist und keine größeren Sprachbarrieren aufweist; und das nicht nur bei der Auswertung, wenn das Wesen des Menschen mit Merkmalen und ihren Stärken und Schwächen beschrieben wird, sondern auch bei dem eigentlichen Testverfahren, welches mit Hilfe eines Fragebogens angewendet wird. (vgl. Stemmler/ Hagemann/ Amelang/ Spinath 2016, S. 304-305) Der bekannteste Fragebogen ist der NEO-PI-R von Costa und McCrae (vgl. Stemmler / Hagemann / Amelang / Spinath 2016, S. 295-301).

Das Problem des Fünf-Faktoren-Modell ist, dass es sehr deskriptiv aufgefasst wird. Nach einigen Wesenszugpsychologen beschreibt es lediglich die Art und Weise, wie Personen sich voneinander unterscheiden und versucht nicht weiter die Aspekte des Verhaltens von Menschen auf Basis von Gesetzen zu normieren und dabei zu erläutern, wie die Gesamtkonstitution des Menschen aufgebaut ist. Im Rahmen dessen entwarfen Costa und McCrae die Fünf- Faktoren-Theorie (Abb.01).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.01 Grafische Darstellung des Persönlichkeitssystems nach der Fünf-Faktoren- Theorie (Kernkomponenten sind in den Rechtecken, Zwischenkomponenten in den Ellipsen dargestellt) von Costa und McCrae nach Pervin / Cervone / John 2005, S. 334.

Pervin et al. beschreiben, dass in dieser Theorie die Wesenszüge zunächst als Dinge betrachtet werden, die jeder Mensch in unterschiedlichem Maße und Umfang hat. Diese differenzieren sich von den weiteren prägenden Bedingungen des inneren Wesens, stehen aber mit dem Gesamten in einem dynamischen Prozess. Costa und McCraes Theorie beruht auf zwei wesentlichen Dingen. Das Erste ist die biologische Erbstruktur. Die Wesenszüge eines Menschen seien aus den biologischen Anlagen gegeben und würden sich aus äußeren Einflüssen, wie sozialen Erfahrungen oder der Natur, kaum beeinflussen lassen. Die geerbte Biologie bestimme die Persönlichkeit. Die Reifeentwicklung entstehe rein intrinsisch. Die Umwelt habe allerdings Einfluss auf andere Merkmale der inneren Konstitution, den sog. charakteristischen Anpassungen. Das Zweite ist die Kausalität der Wesenszüge. Durch das Maß, wie stark die einzelnen Dimensionen der Wesenszüge ausgebildet sind, beeinflussen diese die Lebenserfahrungen und die letztendliche psychologische Entwicklung des Individuums. Die einzelnen Wesenskonstrukte haben somit zwei Funktionen: erstens die Dimension individueller Unterschiede im Kollektiv und zweitens die grundlegende psychologische Basis von Gedanken- und Gefühlsmustern. (vgl. Pervin / Cervone / John 2005, S. 332-337)

Obwohl das Modell und die Theorie von Costa und McCrae ein beachtliches Potential haben, bleiben dennoch einige Frage offen. Wie die Persönlichkeitsstrukturen mit den Persönlichkeitsprozessen zu verbinden sind (wie sich in Abb.01 die dynamischen Prozesse erklären lassen), wird von ihnen nicht weiter erläutert. Ebenso bleibt der erste wesentliche genannte Punkt, dass die Wesenszüge nicht von der Umwelt beeinflusst werden, stark umstritten. (vgl. Pervin / Cervone / John 2005, S. 336-337)

Das Fünf-Faktoren-Modell bezieht sich im Allgemeinen auf das Erwachsenenalter. Dabei werden u.a. die Stabilität und Veränderung der Persönlichkeit während des Erwachsenenlebens untersucht. Die Frage, wie sich die Persönlichkeit vom Kleinkind zur Persönlichkeitsstruktur eines Erwachsenen entwickelt, wird mit diesem Modell nicht behandelt. Die meisten Forscher des Fünf-Faktoren-Modells sind sich aber sicher, dass die Wesenszüge im Erwachsenenalter relativ stabil sind. (vgl. Pervin / Cervone / John 2005, S. 337-338)

Entwicklungspsychologen haben trotzdem versucht, das Fünf-Faktoren-Modell auf Kinder anzuwenden. Ihre Forschungsergebnisse wiesen in verschiedenen Kulturen auf, dass die Dimensionen eines Kindes weitläufiger sind als die eines Erwachsenen. Die Faktoren Extraversion und Neurotizismus spalten sich dabei in jeweils zwei separate Faktoren auf. Aus Extraversion werden Soziabilität und Aktivität, aus Neurotizismus Furchtsamkeit und Reizbarkeit. Aus diesen Dimensionen formen sich dann allmählich im angehenden Erwachsenenalter die fünf wesentlichen Faktoren. Die im Kindesalter separaten Faktoren sind Wesenszüge, welche durch erbbedingte Anlagen gegeben werden und sich im Laufe der Adoleszenz dahingehend verändern, dass sie in ihren Eigenschaften zusammenschmelzen. (vgl. Pervin / Cervone / John 2005, S. 341-342)

[...]


1 Der physische Leib, der Ätherleib, der Astralleib und das Ich (Erläuterung im Kap. 3.1.).

2 Eine wissenschaftliche Behauptung oder Annahme.

Details

Seiten
44
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668741263
ISBN (Buch)
9783668741270
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431795
Note
2,0
Schlagworte
Psychologie Persönlichkeit Pädagogik Persönlichkeitsmodell

Autor

  • Timo Natt (Autor)

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Titel: Gegenüberstellung verschiedener Persönlichkeitsmodelle für ein Gesamtkonstrukt der menschlichen Persönlichkeit