Lade Inhalt...

Die Social Identity Theorie. Betrachtung der bidirektionalen Beeinflussung von Gruppenverhalten und Selbstwert

Hausarbeit 2015 21 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen: Die Entstehung der sozialen Identität- Fundamentale Theorien
2.1 Das Paradigma der minimalen Gruppen
2.2 Die Theorie der sozialen Identität: Social Identity Theory

3 Forschungsgegenstand und Hypothesen

4 Hypothesendiskussion und Ergebnisse

Hypothese 1

Hypothese 2

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„ [...] Ich sch ä me mich, Deutscher zu sein. Ich sch ä me mich, [...] in einem Land zu leben, in dem Menschen Beifall klatschen, wenn Menschen angegriffen, verletzt, vertrieben werden. Ich sch ä me mich, Mitb ü rger von Feiglingen zu sein, [...] die Jagd auf jene Menschen machen, die bei uns Zuflucht und Hilfe suchen oder anders sind. “

(Die Zeit, 29.10.1992; Auslassung und Hervorhebung durch Amelie Lauber).

Bei dem obigen Zitat handelt es sich um einen Redenauszug des Bündnis 90/Die Grünen Bundestagsabgeordneten Konrad Weiß, vom 8. Oktober 1992 aus dem Deutschen Bundestag. Er bezieht sich hierbei auf vorausgegangene Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, wo Rechtsradikale erst die zentrale Asylbewerberaufnahmestelle und dann umliegend ansässige Ausländer angriffen. (vgl. Die Zeit, 29.10.1992) Durch seine offensichtliche Ablehnung und Kritik am Verhalten seiner Mitbürger versucht sich Weiß von ihnen abzugrenzen. Indem er erklärt, er würde sich für seine Mitgliedschaft an der deutschen Bevölkerung schämen wird dieses Bestreben besonders deutlich. Da sich die Berichterstattung der deutschen Massenmedien auch momentan der Flüchtlingsthematik verschrieben hat und sich die Bevölkerung vielerorts in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten hinsichtlich der Flüchtlingsdebatte spaltet, trifft die Rede des Abgeordneten Weiß aktuell den Nerv der Zeit und scheint in Bezug auf die Fragestellung und Thematik dieser wissenschaftlichen Abhandlung passend.

Grundlegende Diskussionen um relevante gesellschaftliche Veränderungen polarisieren häufig und sind oft mit Gruppenbildung verbunden. Menschen beziehen Position. Neue Eigen- und Fremdgruppen entstehen und bieten einzelnen Individuen die Möglichkeit sich der jeweils als attraktiver empfundenen Meinungsgruppe zuzuordnen. Neue Stellung zu beziehen und sich einer Gruppe zuzuordnen impliziert sich von abweichenden Haltungen und damit von Gruppierungen anderer Mitmenschen abzugrenzen. Die vorliegende Betrachtung reflektiert dieses soziale Phänomen und versucht den Drang danach eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit zu erlangen und sich von einer anderen Gruppierung Mitmenschen abzugrenzen auf der Basis sozialpsychologischer Theorien genauer zu beleuchten.

Dabei werden im definierten Themenumfeld die sozialwissenschaftlichen Grundlagen im

Weiteren wie folgt reflektiert:

Grundlagen:

Über eine Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse im Rahmen der sogenannten „Theorie der sozialen Identität“ soll ein grundlegendes Verständnis über den Einfluss von Gruppenbeziehungen auf das Verhalten und Selbstbild von Individuen erreicht werden, was unter sozialer Identität oder eigenem Selbstbild zu verstehen ist und wie sich soziale Identität bildet.

Konkrete Fragestellung und Hypothese:

Kerngegenstand der Arbeit ist die Reflektion der Frage, was den Ausschlag dafür gibt, dass sich Individuen einer bestimmten Gruppe zuordnen und ob Selbstwertgefühl und soziale Identität für jene Gruppenprozesse von Bedeutung sind. Diese Fragestellung wird im Rahmen der Diskussion zweier Hypothesen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Theorien betrachtet und diskutiert.

2 Grundlagen: Die Entstehung der sozialen Identität- Fundamentale Theorien

2.1 Das Paradigma der minimalen Gruppen

Grundlegender Erklärungsansatz für Phänomene sozialer Diskrimination liefert das „Paradigma der minimalen Gruppen“. Dabei gehen die wesentlichen Erkenntnisse auf eine Studie von Tajfel zurück.

Die Versuchsteilnehmer wurden im Rahmen der Untersuchung aufgrund zufälliger oder trivialer Kriterien in zwei Gruppen aufgeteilt. Unter einem Vorwand wurden sie gebeten Belohnungen oder Bestrafungen auf Teilnehmer der Eigen-, oder der Fremdgruppe aufzuteilen. Zwischen den Teilnehmern durfte weder face-to-face Interaktion stattfinden, noch durften die Teilnehmer einander kennen. Außerdem sollten die Entscheidungen keinen persönlichen Nutzen schaffen können. Die Probanden konnten entscheiden, ob sie entweder konkrete Geldbelohnung oder Bestrafungen verteilten. (Tajfel, H. / Stroebe, W. 1982: 118- 122.) Anhand der Verteilungsstrategien der Versuchspersonen sollten bestimmte Neigungen wie Eigengruppenbevorzugung, Fremdgruppenbenachteiligung oder faires Verhalten gegenüber der Gruppe veranschaulicht werden. Die resultierenden Verteilungsstile / Muster der Versuchsteilnehmer wurden über speziell entwickelte Matrizen analysiert. Die beobachteten Distributionsstile zielten entweder darauf ab, den Gewinn der Eigengruppe relativ oder absolut zu maximieren, oder den Gewinn für beide Gruppen möglichst maximal zu halten. Die Untersuchung demonstrierte die durchgehende Tendenz der Teilnehmer zugunsten der Mitglieder der Eigengruppe zu handeln. Ausschlaggebend für dieses Verhalten war weniger der absolute Gewinn, als vielmehr der Wunsch einen relativen Unterschied zwischen den Gruppen zu schaffen. (vgl. Troi-Boeck 2014: 28- 30) „[...]Die Experimente im Paradigma der minimalen Gruppen belegen, dass die bloße Mitgliedschaft in einer Gruppe soziale Diskriminierung begünstigen kann. [...]“. (Petersen/ Blank 2008: 202 f.

Grammatikalische Anpassung durch Amelie Lauber) Die Ergebnisse der MinimalgruppenAnordnung sind inzwischen so häufig repliziert worden, dass sie als gesichert angesehen werden können.

2.2 Die Theorie der sozialen Identität: Social Identity Theory

Im Laufe der Jahre wurden sowohl im Umfeld der Soziologie als auch der Psychologie unzählige Theorien zu den Themen Soziale Identität und Selbstwahrnehmung veröffentlicht. Dieser Arbeit liegen jedoch speziell die Annahmen und Erkenntnisse der sog. Social Identity Theorie (SIT) zugrunde. Sie entwickelte sich aus den Ergebnissen des Paradigmas der minimalen Gruppen, welches zeigte, dass Soziale Identität durch Kategorisierung in Eigen- und Fremdgruppe entsteht und dass Individuen versuchen können eine zufriedenstellende soziale Identität zu erlangen, indem sie Eigengruppenmitglieder bevorzugen und Fremdgruppenmitglieder abwerten. (vgl. Petersen 2008: 223) Die Theorie der sozialen Identität wurde 1978 von Tajfel konzipiert und 1979/ 1986 von Tajfel/ Turner weiter konkretisiert. Sie analysiert die Auswirkungen von Gruppenzugehörigkeit auf das Verhalten gegenüber Nichtgruppenmitgliedern. (vgl. Petersen 2008: 223 f.) Die Social Categoritazion Theory (SCT) führt diese Erkenntnisse weiter aus und erklärt anhand des Kategorisierungsprinzips, wie sich Individuen innerhalb einer Gruppe Selbst wahrnehmen. Zusammengefasst innerhalb des Social Identity Approach (SIA) untersuchen die beiden Theorien den Einfluss von Gruppenbeziehungen auf das menschliche Selbstbild. (vgl. Troi- Boeck 2014: 27 f.) Der SIA befasst sich hierbei hauptsächlich mit der interpersonalen Dimension, während andere Theorien, wie beispielsweise die Identity Theory soziales Verhalten eher in Hinblick auf gegenseitige Beziehung von Selbst und Gesellschaft beschreiben. (vgl. Hogg/ Terry/ White 1995: 255-260) Grundlegend für die eigene Selbsteinschätzung eines Individuums ist dessen soziale Identität. Sie setzt voraus, dass sich Individuen ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen bewusst sind und sich somit innerhalb eines Systems einordnen können. Da jedes Individuum nach positiv bewerteter sozialer Identität strebt, muss die eigene Mitgliedschaft zu jenen Gruppen mit anderen relevanten Gruppen verglichen und anschließend bewertet werden können. (vgl. Tajfel, H. / Stroebe, W. 1982: 101) Individuen werden dabei stets von einem Wunsch nach positiver sozialer Identität begleitet und tendieren daher oftmals dazu ihre Eigengruppe von der Vergleichsgruppe abzuheben. Wenn diese Differenzierung nicht möglich ist, muss eine für die eigene Gruppe positive Vergleichssituation geschaffen werden. Auf individueller Ebene bietet beispielsweise soziale Mobilität eine Lösungsmöglichkeit. Auf kollektiver Ebene hingegen, spielen das Konzept der sozialen Kreativität und Diskriminierung der Fremdgruppe eine maßgebliche Rolle. Die Theorie der sozialen Identität gliedert sich in vier Elemente. Das Konzept der sozialen Kategorisierung, das Konzept der sozialen Identität, das Konzept des sozialen Vergleichs und das Konzept der sozialen Distinktheit. (vgl. Petersen 2008: 223- 226)

Das Konzept der sozialen Kategorisierung besagt, dass Personen ihre soziale Umwelt aufgrund bestimmter Merkmale systematisch in Kategorien strukturieren. Die Differenzierung kann von ganz allgemeinen Gruppierungen, bis hin zu sehr spezifischen Gruppenzuordnungen variieren. Die momentan wirksame Selbstkategorisierung wird im Rahmen der Theorie als salient bezeichnet. (vgl. Turner 1987: 42 ff.) Stimmen die wichtigsten Wertdimensionen und Kategorien einer Gruppe mit denen des Individuums überein, so kann es sich selbst als zugehörig empfinden und sich der entsprechenden Gruppe zuordnen. (vgl. Petersen 2008: 223 f.) Diese Depersonalisierung ist essentiell für die Kategorisierungen der Gruppen in eine Ingroup (Eigengruppe) oder Outgroup (Fremdgruppe). (vgl. Hogg/ Terry/ White 1995: 261)

Das Konzept der sozialen Identität beschreibt darauf aufbauend, dass Kategorisierung jedoch weit mehr mit sich bringt, als eine reine Strukturierung der Umwelt. Wenn Individuen sich Selbst und Andere, wie eben beschrieben, aufgrund bestimmter Eigenschaften zu Kategorien zuordnen und diese dann mit Werten verbinden, so wird eine ursprünglich wertneutrale Kategorie erstmals mit bestimmten Werten verbunden. Durch diese Bewertungen können gewisse Assoziationen zu bestimmten Gruppen entstehen und das soziale Verhalten von Personen beeinflussen. Diesen Prozess nennt Turner soziale Identifikation. Die Summe aller sozialen Identifikationen bildet dann letztlich die spezifische soziale Identität. Laut Theorie bildet jeder Mensch parallel dazu auch noch eine sog. persönliche Identität. Sie bildet sich aus allen persönlichen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Zusammen bilden die soziale und die persönliche Identität dann letztlich das Selbstkonzept einer Person. (vgl. Petersen 2008: 223 f.) Das Selbstkonzept einer Person setzt sich also aus mehreren beschreibenden Aspekten zusammen, die sozusagen das Ich einer Person ausmachen. Es impliziert persönliche Wertvorstellungen, Charaktereigenschaften, sowie soziale Rollen und stellt dar was die Person ablehnt oder befürwortet und erstreckt sich sowohl über die Vergangenes, Gegenwärtiges als auch Zukünftiges. Wenn kein objektives Bewertungsmittel zur Verfügung steht, ist es nötig, dass sich Gruppen mit anderen Gruppen vergleichen, um die eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften überhaupt bewerten zu können. Hierzu wenden Individuen das sog.

Konzept des sozialen Vergleichs an, indem sie eigene Kategorien, mit anderen sozialen Kategorien vergleichen. Die eigene Identität kann dadurch in einem sozial-definierten Umfeld erkannt werden. Individuen können nicht nur persönliche Vergleiche, sondern auch ganze Intergruppenvergleiche vornehmen, indem sie ihre Eigengruppe im Vergleich zu einer Fremdgruppe bewertet. Je nachdem ob die eigene Gruppe positiv oder negativ bewertet wird, wird die soziale Identität eines Individuums befriedigt oder nicht. Je mehr sich die eigene Gruppe von der Vergleichsgruppe abhebt, desto positiver wird die soziale Identität erlebt. Da Individuen stets nach Selbstwert-Erhöhung und positiver Selbstbewertung streben, kann eine unbefriedigende Bewertung der Eigengruppe im sozialen Vergleich zu Abgrenzung oder gar zum Verlassen der Gruppe führen. (vgl. Petersen 2008: 224 f.)

Das Konzept der sozialen Distinktheit beschreibt die positive Abgrenzung der Eigengruppe von einer Fremdgruppe. Sind direkt vergleichbare Dimensionen vorhanden, so kann ein direkter sozialer Wettbewerb durchgeführt werden. Die Eigengruppe kann dann anhand ihrer Stärken und Errungenschaften hervorgehoben, die Fremdgruppe aufgrund der Defizite abgewertet werden. Wenn die eigene Gruppe innerhalb eines Vergleichs als positiv erlebt wird, entsteht positive soziale Distinktheit. Diese positive Bewertung der Gruppenzugehörigkeit steigert auch den eigenen Selbstwert. Kommt es im Rahmen des sozialen Vergleichs im Wettbewerb jedoch zu einer negativen Distinktheit der Eigengruppe, also zu einem Konflikt, so können Individuen auf verschiedene Art und Weise reagieren um dennoch ein befriedigendes Vergleichsergebnis zu erzielen. Eine mögliche Problemlösung liefert die Methode der sozialen Mobilität. (vgl. Petersen 2008: 225 f.) Soziale Mobilität meint hierbei allgemein den Wechsel einer sozialen Position, welcher zwar den bisherigen Lebenskontext verändert, jedoch keine drastische Veränderung der individuellen Lebenschancen bedeutet. (vgl. Diaz-Bone/ Weischer 2015: 273 f.) Indem derzeitige Gruppenbeziehungen beendet werden und sich Individuen einer neuen Bezugsgruppe zuwenden, ist ein Entkommen aus diesem negativ bewerteten Umfeld möglich.

Sollte soziale Mobilität hingegen unmöglich sein, so müssen sich die Individuen dem Konflikt stellen und eine Alternative Lösung finden um dennoch eine positive Abhebung der Eigengruppe von der Fremdgruppe zu erreichen. (vgl. Troi-Boeck 2014: 36) Hierzu wenden sie soziale Kreativität an und führen somit eine Intergruppendifferenzierung herbei. Indem sie beispielsweise die zugrundeliegende Vergleichsdimension ändern, werden die beiden Gruppen nach neuen Merkmalen beurteilt, sodass die Eigengruppe besser abschneidet. Kann kein befriedigendes, alternatives Merkmal gefunden werden, so können Individuen außerdem die Vergleichssituation ändern, indem sie ihre Wertekonnotation verändern. Ein zuvor als negativ interpretierter Umstand wird als positiv bewertet und sichert der Eigengruppe somit im Vergleich zur Fremdgruppe wieder Überlegenheit. Eine letzte Möglichkeit ist es eine neue Vergleichsgruppe auszuwählen. Das Prinzip der sozialen Kreativität nimmt an, dass die Ursache für Intergruppendifferenzierung stets das individuelle Bedürfnis einzelner Personen ist, die eigene sozialen Identität durch positive Vergleiche aufzuwerten um eine letztlich befriedigende Eigengruppenbewertung zu erlangen. (vgl. Petersen 2008: 225 f.)

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668741485
ISBN (Buch)
9783668741492
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431669
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Schlagworte
Soziale Identität Gruppenverhalten Selbstwert Social Identity Theory

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Social Identity Theorie. Betrachtung der bidirektionalen Beeinflussung von Gruppenverhalten und Selbstwert