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Die Auseinandersetzung der katholischen und protestantischen Sozialbewegung mit der sozialen Frage im Kaiserreich (1871-1918)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die Soziale Frage – Die Industrialisierung und ihre Folgen für die Gesellschaft

2. Die katholische Sozialbewegung
2.1 Zum Konzept der katholischen Soziallehre
2.2 Haltung und Engagement der Katholischen Kirche zur Sozialen Frage im Kaiserreich
2.2.1 Die Auseinandersetzung des Katholizismus mit dem Kapitalismus/Liberalismus
2.2.2 Die Auseinandersetzung des Katholizismus mit dem Sozialismus
2.2.3 Die katholische Bewegung und ihre Lösung der sozialen Frage

3. Die protestantische Sozialbewegung
3.1 Zum Konzept der protestantischen Sozialethik
3.2 Haltung und Engagement der protestantischen Kirche zur Sozialen Frage im Kaiserreich

4. Nebeneinanderstellung: Katholische und protestantische Sozialbewegung

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In dieser Arbeit werde ich auf die sozialen Bewegungen der katholischen und protestantischen Kirche des deutschen Kaiserreiches eingehen. Hierbei interessiert mich, wie der Katholizismus und der Protestantismus jeweils mit der sozialen Frage umgegangen sind. Basierend auf dem christlichen Glauben wurden in beiden Konfessionen Ideenkonzepte und eigenständige Lösungswege für die soziale Frage entwickelt, mit der ein Umgang, aber vor allem eine Verbesserung der herrschenden sozialen Verhältnisse erreicht werden sollte. Diese so genannte theologische Soziallehre entfaltete sich seit dem 19. Jahrhundert sogar als eigenes wissenschaftliches Fachgebiet (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 604).

Ziel meiner Arbeit ist eine politikwissenschaftlich-soziologische Untersuchung der katholischen und protestantischen sozialen Bewegungen, bei der vornehmlich die sozialpolitischen Ideen und die Auseinandersetzung der Bewegungen mit sozialen und politischen Problemen im Mittelpunkt stehen sollen. Als Grundlage soll außerdem die katholische Soziallehre vorgestellt werden, welches als philosophisches System alle Aussagen der katholischen Kirche über das menschliche Sozialleben zusammenfasst. Ergänzend wird außerdem ein Überblick über die protestantische Sozialethik gegeben, auch wenn sich eine eigenständige verbindliche protestantische Soziallehre nie entwickelt hat. Zuvor möchte ich aber einen kurzen Abriss zum Thema Pauperismus geben, welcher letztendlich der eigentliche Grund für das Entstehen christlicher Sozialbewegungen gewesen ist.

In Kapitel 1 wird kurz dargelegt werden, wie, wann und warum die soziale Frage zur dringendsten Angelegenheit der Gesellschaft in jener Zeit wurde. In Kapitel 2 werde ich auf die katholisch-soziale Bewegung eingehen. Als ersten werde ich das Konzept der katholische Soziallehre darlegen und dann untersuchen, in wie weit katholisch-soziale Ideen in der Gesellschaft des Kaiserreiches Anklang fanden bzw. implementiert wurden. Dasselbe werde ich in Kapitel 3 mit dem sozialen Protestantismus und seiner protestantischen Sozialethik versuchen, eine Bewegung, die weitaus heterogener war als ihr Pendant auf katholischer Seite. In Kapitel 4 wird eine kurze Gegenüberstellung und Zusammenfassung stehen, welche die Bedeutung und Leistung beider Konfessionen in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der sozialen Frage vergleichend einschätzt.

1. Die Soziale Frage – Die Industrialisierung und ihre Folgen für die Gesellschaft

Ab 1850 wurde Deutschland von der großen Industrialisierungswelle erfasst. Dadurch kam es im deutschen Staatenbund zu tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Diese Umwälzungen hatten viele Probleme zur Folge, deren man sich in dieser Zeit annahm und zu lösen versuchte (Wallraven, 1969, S. 57-58). Die Problematik, die schon damals als die ’soziale Frage’ bezeichnet wurde, ist von den unterschiedlichen existierenden politischen, sozialen und kirchlichen Strömungen angegangen wurden. Zunächst stand die Analyse der Ursachen und Folgen sowie Vorschläge zur Überwindung des Problems des Pauperismus im Vordergrund (Ritter, 1998, S. 9). Pauperismus bezeichnet die Verarmung und Verelendung großer Bevölkerungsteile. Der von Karl Marx geprägte Begriff stellt den Pauperismus als die soziale Auswirkung der ökonomischen Ausbeutung des Arbeiters im kapitalistischen Produktionsprozess dar (Hillmann, 1994, S. 658).

Die ’gesellschaftliche Revolution’ des 19. Jahrhunderts war eine Folgeerscheinung der Industriellen Revolution. Neben strukturell verfestigten sozialen Ungleichheiten lag ein Bevölkerungswachstum zugrunde, das erheblich stärker stieg als die Produktivität der Wirtschaft (Hillmann, 1994, S. 658). Mit gesellschaftlicher Revolution meine ich die fast vollkommene Aufhebung bestehender sozialer Verhältnisse, wie der bis ins 19. Jahrhundert vorherrschenden ständischen Ordnung sowie demographischer Veränderungen, wie der Bevölkerungsexplosion und der Landflucht der Menschen in die Städte. So schreibt Wallraven die Ursache des Pauperismus vielmehr der noch zu geringen Aufnahmefähigkeit der Industrie angesichts der fortschreitenden Überbevölkerung zu, als weniger einer Folge der jungen Industrie mit ihren niedrigen Löhnen (Wallraven, 1969, S. 59).

Um 1850 wird der Beginn der industriellen Revolution im damaligen Deutschen Bund markiert. Die Kohle- und Eisenerzvorkommen an der Ruhr und in Schlesien ermöglichten vor allem Preußen die schnelle industrielle Entwicklung und den Ausbau seiner Militärmacht. In der Folgezeit emigrierten große Bevölkerungsteile aus dem ländlichen Osten des Deutschen Bundes in den industriellen Westen. Das damit entstandene Überangebot an Arbeitskräften führte zu elenden Arbeitsbedingungen, da die Arbeiter gezwungen waren ihre Arbeitskraft unter Lohn zu verkaufen. Auch Frauen- und Kinderarbeit, die noch schlechter entlohnt wurde und die unter anderem dadurch enormen Aufschwung erfuhr, war an der Tagesordnung (Wallraven, 1969, S. 58-60).

Zudem warteten für heutige Zeit selbstverständliche Arbeitsbedingungen noch auf ihre Erfindung. Beispielsweise wurden zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer weder Arbeitsschutzbedingungen, noch Kündigungsschutz, Versicherungen oder ähnliches vereinbart. Aufgrund der schnell zunehmenden Bevölkerung in den Industriegegenden wurde der Bau von unzähligen Mietkasernen veranlasst, in denen die Arbeiter in qualvoller Enge und unter schlechten hygienischen Bedingungen leben mussten. Schlechte Ernten und damit Hungersnot trugen außerdem zu erbärmlichen Lebensbedingungen der Bevölkerung bei. In Folge der Industrialisierung kristallisierten sich neue soziale Schichten heraus, zum einen das wohlhabende Bürgertum (Bourgeoisie), zum anderen die Arbeiterschaft (Proletariat).

Außenpolitisch sicherte Wilhelm I. (Regierungszeit 1861-1888) mit Hilfe seines Kanzlers Otto von Bismarck und einer ’Eisen und Blut’ Politik die Vorherrschaft Preußens im Deutschen Bund. Es kam zu einem militärischen und wirtschaftlichen Machtzuwachs Preußens, der durch eine aggressive Außenpolitik untermauert wurde. Nach den Siegen über Dänemark (1864) und Österreich (1866) provozierte Bismarck einen Krieg gegen Frankreich der mit dem Sieg Preußens (im Verbund mit den süddeutschen Staaten), der mit der Gründung des Zweiten Deutschen Kaiserreiches 1871 endete. Gleichzeitig konnte Bismarck innenpolitisch durch eine geschickte Kombination von sozialen Reformen und repressiver Politik die sozialen Spannungen im Deutschen Reich unter Kontrolle halten.

Das junge 1871 gegründete Deutsche Reich mit Bismarck als Reichskanzler stand also aufgrund der durch die industrielle Revolution hervorgerufenen schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen vor einer gewaltigen sozialpolitischen Herausforderung. Galt es nun, die Bürger zur Eigeninitiative zu ermutigen? Lag das Schicksal der Nation in den Händen des obrigkeitlichen Staates oder war gar ein Eingreifen durch die Kirche, in ihrer Rolle als Hüterin der Würde des Menschen, erforderlich bzw. gefragt? Wer hatte letztlich zu den ethisch-moralischen Aspekten der sozialen Frage Stellung zu beziehen?

Im folgenden Kapitel werde ich auf das Konzept der katholischen Soziallehre darstellen und dann auf die Entfaltung der katholisch-sozialen Bewegung im Kaiserreich eingehen.

2. Die katholische Sozialbewegung

Nach Stegmann/Langhorst hat die katholische Sozialbewegung ihren Ursprung in der religiös-kirchlichen Erneuerung nach der Französischen Revolution, den Ideen der französischen Traditionalismus und im geistigen Aufbruch der Romantik (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 613-619). Die Entstehung und Entfaltung dieser Bewegung zu seinen Anfangszeiten soll hier aber nicht Thema sein. Im Mittelpunkt steht, wie sich die katholisch-soziale Bewegung während der Zeit von 1871 bis 1918 im deutschen Kaiserreich mit der sozialen Frage auseinandersetzte und in wie weit sie letztlich ihre Ideen in der Praxis vermitteln konnte.

2.1 Zum Konzept der katholischen Soziallehre

Der Begriff ’katholische Soziallehre’ umfasst alle Aussagen der katholischen Kirche über den gesamten Bereich des menschlichen Soziallebens in der Gesellschaft zusammen (Stegmann/Langhorst, 2000, S.604). Diese vielfältige Lehre entstand als Antwort auf die ’soziale Frage’, welche im vorherigen Kapitel erläutert wurde. Einer der Besonderheiten der katholischen Soziallehre besteht darin, dass sie zwar religiös begründet ist, aber auf Grund der Beschäftigung mit weltlichen Problemen auf profane politisch-soziale und sogar wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreift (Stegmann/Langhorst, 2000, S.603-604).

Die Wurzeln katholischen Soziallehre beruhen auf der Bibel, also einer übernatürlichen Offenbarung, und auf Erkenntnissen der Sozialethik (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 605). Letzteres bezieht sich auf die Vernunft des Menschen, auf den ’gesunden Menschenverstand’. Dieses so genannte Naturrecht schreibt dem Menschen ein bestimmtes Sichtverhalten vor. Dieser Teil der katholischen Soziallehre ist notwendig, da sie von der Sache her ein „Gefüge von offen Sätzen“ darstellt, welche hinsichtlich der Ausgestaltung dem Einzelnen „einen weiten Ermessensspielraum“ lässt (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 606). Sie ist als ein Ordnungssystem anzusehen, das auf vernünftiger Einsicht und logischer Argumentation basiert. Sie vermittelt an sich keine Glaubensinhalte. Das rührt daher, dass die christliche Botschaft an sich kein konkretes Programm ist, welches die Lösung von Detailfragen erlaubt. Sie besteht aus „allgemeinen Leitideen für die sinnvolle Gestaltung menschlichen Zusammenlebens“ (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 607). Die Kirche selbst erhebt auch nicht den Anspruch, direkt in der Politik, in der Wirtschaft und allen anderen Bereichen des weltlichen Lebens einzugreifen und dort ihre Ideen durchzusetzen. Eine Trennung von Kirche und Staat ist auch von der Bibel her vorgesehen, es war nicht im Interesse Jesu, das eigenständige Handeln der profanen Welt in Frage zu stellen.

Die Legitimation für das ’Einmischen’ in das Handeln des Staates liegt in der ’sozialen Dimension’ der christlichen Botschaft (Stegmann/Langhorst, 2000, S. 608). Wie das Gebot der Nächstenliebe gibt es dem Gläubigen soziale Verhaltensrichtlinien oder -prinzipien mit auf den Weg. Der Einzelne orientiert sein Verhalten daran, aber auf Grund des Fehlens von konkreten Regeln muss der Handelnde sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten lassen, also der ihm zur Verfügung stehenden Vernunft, Erfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis.

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Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638410243
ISBN (Buch)
9783638657013
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43155
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Auseinandersetzung Sozialbewegung Frage Kaiserreich Staatslehre Theorie

Autor

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Titel: Die Auseinandersetzung der katholischen und protestantischen Sozialbewegung mit der sozialen Frage im Kaiserreich (1871-1918)