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Zum Zustand der Ökonomie - Debatte und Ausblick - Der Beitrag von Bruno S. Frey

Magisterarbeit 2004 149 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitende Betrachtungen

2 Grundlagen der Debatte zum gegenwärtigen Zustand der Ökonomie
2.1 Eine Protestwelle brandet auf
2.2 Kritik am herrschenden Paradigma
2.2.1 Zu viel Mathematik, zu viel Formalisierung
2.2.3 Das Verhältnis von Empirie und Theorie
2.2.4 Fortschritt durch die Spieltheorie?
2.2.5 Philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften
2.2.5.1 Ökonomische Naturgesetze?
2.2.5.2 Variable 'Konstanten' in der Wirtschaftswissenschaft
2.2.5.3 Die Unmöglichkeit der Maschine 'Gesellschaft'
2.2.5.4 Der rettende 'Durchschnitt' ?
2.3 Historische Weichenstellungen der ökonomischen Theorieentwicklung

3 Freys Beitrag: Kritik und Alternative
3.1 Interpretation und Kritik des ökonomischen 'Mainstreams'
3.1.1 Der Schleier der Mathematik
3.1.2 Rationalität und Nutzenmaximierung
3.1.3 Interdisziplinarität aus Freys Sicht
3.2 Gegenentwurf
3.2.1 Ein neuer Ansatz
3.2.2 Die Rolle der Institutionen
3.2.3 Das Verhalten des Menschen
3.3 Zu überwindende Schwächen des ökonomischen Verhaltensmodells
3.3.1 Trittbrettfahren bei öffentlichen Gütern
3.3.2 Systematische Verzerrung durch Wahrnehmungsprobleme
3.3.2.1 Entscheidungstheoretische Anomalien
3.3.2.2 Konsequenzen der existierenden Anomalien
3.3.2.3 Relevanz der Anomalien auf der individuellen Ebene
3.3.2.4 Relevanz der Anomalien auf gesellschaftlicher Ebene
3.3.2.5 Kompensation von Anomalien durch Institutionen
3.3.3 Überschätzung und Problematik ökonomischer Anreize
3.3.3.1 Mangelnde Wirkung materieller Anreize
3.3.3.2 Vergessene Prozessorientierung
3.3.3.3 Die Bedeutung von Motiven
3.3.3.4 Kommerzialisierung, Werte, Moral
3.4 Erweiterungsmöglichkeiten des Verhaltensmodells
3.4.1 Präferenzen, Einschränkungen und Wahlhandlungen
3.4.1.1 Anreicherung der Präferenzen
3.4.1.2 Anreicherung der Einschränkungen
3.4.1.3 Bewusste Wahlhandlungen der Individuen
3.4.2 Das Verhältnis der Ökonomie zur Psychologie
3.4.2.1 Anknüpfungspunkte
3.4.2.2 Nutzen für die Psychologie
3.4.2.3 Nutzen für die Ökonomie

4 Kritische Würdigung und hoffnungsvoller Ausblick

5 Literaturverzeichnis

Anhang: Interview mit Bruno S. Frey

Vorwort

Im tiefen Dschungel der philosophischen Grundlagen einer Wissenschaft verirrt man sich nur allzu gern. Dass ich trotz aller dort lauernden Gefahren und Irrwege wieder herausgefunden habe, ist dem tapferen Einsatz einiger wohlmeinender Freunde und Berater zu verdanken.

Für die Betreuung und auch das eine oder andere kritisch-erheiternde Gespräch möchte ich mich herzlich bei Oskar Kurer bedanken. Auch Sefik A. Bahadir gilt mein Dank, denn unser ausführliches und durchaus provokantes Gespräch hat seine Wirkung nicht verfehlt.

Weiterhin zu danken ist natürlich Bruno S. Frey, dessen Thesen ja im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Ich hatte das große Vergnügen, mich mit ihm zu einem längeren Gespräch zu treffen und weiß diesen Aufwand sehr zu schätzen.

Unter all den Menschen, die mich in dieser Zeit geduldig ertragen und unterstützt haben sind noch einige besonders hervorzuheben: Melanie Maria Schmickler, Sonja Dachtler und Ralph Egelseer.

Als letztes möchten ich an dieser Stelle noch einen besonderen Dank an Christian S. Riedel aussprechen, der mir mit viel Geduld und hellem Geist immer wieder selbst dunkelste Pfade erleuchten konnte.

Erlangen, im Januar 2004,

Frank Benitsch

Einleitende Betrachtungen

„ We no longer want to have this autistic science imposed on us! “ . „ We wish to escape from imaginary worlds! “ . 1

Diese aufgebrachten Forderungen sind Elemente eines Aufrufs französischer Ökonomiestudenten an die Wirtschaftswissenschaftler der Welt. Sie wollen damit in erster Linie auf die ihrer Ansicht nach existierenden Defizite im ökonomischen Curriculum hinweisen:

- Eine ausufernde Mathematisierung und Formalisierung,
- ein zunehmendes Auseinanderdriften des theoretischen Anspruchs, das reale ökonomische Geschehen zu erklären und zu prognostizieren, und den augenfälligen Problemen, diesem Vorhaben gerecht zu werden,
- und eine einseitige, dogmatische Fixierung auf lediglich einen Ansatz - den der Neoklassik.

Die Reaktion auf ihren Protest geht vermutlich weit über ihre Erwartungen hinaus, denn weltweit schlossen sich Studenten, Doktoranden und Professoren aus verschiedensten Länder ihrem Aufruf an oder gründeten eigene Initiativen. Offenbar waren die Studenten mit ihrer Kritik nicht alleine.

Die Kritik dieser aufkommenden Bewegung an der Lehre lässt sich leicht auf die Weiterentwicklung der gesamten Ökonomie übertragen. Es handelt sich bei den Protestrufen nicht um eine plötzlich entstandene Unzufriedenheit mit der zunehmenden Diskrepanz zwischen theoretischen Anspruch und empirischer Relevanz, sondern lediglich um Öl, das in ein bereits brennendes Feuer gegossen wird.

Während auf der einen Seite also die Unzufriedenheit mit dem als beherrschend empfundenen Paradigma - das von den Kritikern als Teil der sogenannten 'Neoklassik' verstanden wird - wächst, wird auf der anderen Seite von den Kritisierten die Absorptionsfähigkeit dieses Paradigmas als stark genug angesehen, um auch die momentanen Veränderungen zu überstehen.2 So erklärte SOLOW, dass sich die Neoklassik durchaus ihrer Schwächen bewusst sei. Dementsprechend wäre die neuere neoklassische Forschung auch geprägt von Arbeiten zu unvollständigen Märkten, zu Wettbewerbsbeschränkungen und zu asymmetrischen Informationen.3

Einer der profiliertesten Kritiker im deutschsprachigen Raum, der sich in der Vergangenheit wiederholt zu Wort gemeldet hat, ist BRUNO S. FREY. Der Schweizer Ökonom hat mit seinen Arbeiten immer wieder den eng gesteckten Rahmen der traditionellen Ökonomie überschritten. In den 1970ern und 1980ern zum Beispiel wurde er im deutschsprachigen Raum als Pionier auf den Gebieten der 'Neuen Politischen Ökonomie' und der 'Umweltökonomie' bekannt. Heute liegt ein Schwerpunkt seiner Arbeit in der Verbindung von ökonomischen und psychologischen Erkenntnissen. So führte er beispielsweise den Begriff der 'intrinsischen Motivation' in die - sonst meist nur an externen Anreizen orientierte - Ökonomie ein. Ein Konzept, das in der Psychologie seit langem bekannt war.

Trotz der Tatsache, dass FREY einer der meistzitierten Ökonomen der Welt ist, finden seine Ansätze innerhalb der Mainstream-Ökonomie - und speziell in Deutschland - bisher nur relativ wenig Beachtung. Die fachorientierten Öffentlichkeit dagegen zeigt ein großes Interesse. In einer ZEIT -Serie über die Avantgarde der Ökonomen wird FREY zum Beispiel als 'Der Rebell' betitelt und die Neue Züricher Zeitung veröffentlicht neben zahlreichen Artikel und Interviews inzwischen eine regelmäßige Kolumne von

FREY.

Um FREYs Beitrag zur Kritik und Weiterentwicklung der ökonomischen Wissenschaft einordnen zu können, stellt sich der inhaltliche Aufbau dieser Arbeit wie folgt dar:

Zunächst ist es nötig, einen Überblick über die Debatte um den gegenwärtigen Zustand der Ökonomie zu erhalten. Ausgehend von aktuellen Entwicklungen werden Probleme, die aus Sicht der Kritiker exisitieren, herausgearbeitet und zusammenfassend dargestellt. Dadurch, dass sowohl aktuelle, als auch ältere Positionen herangezogen werden, wird deutlich, dass viele kritische Anmerkungen vergangener Tagen auch heute noch Gültigkeit besitzen. Manche erscheinen sogar aktueller denn je. Abschließend wird in einem kurzen Abriss geschildert, welche historischen Weichenstellungen aus Sicht der Kritiker relevant erscheinen, um den heutigen Zustand zu verstehen.

In einem weiteren Schritt kann nun FREYs Position in der Debatte eingeordnet werden. Nacheinander werden seine Kritik am herrschenden Paradigma 'Neoklassik' erläutert und seine Idee eines neuen Ansatzes vorgestellt. Sowohl die Schwächen, die FREY in diesem neuen Ansatz sieht, als auch die Erweiterungsmöglichkeiten desselben werden erläutert und die Kernelemente dabei herausgearbeitet.

Zum Abschluss werden die wichtigsten Aussagen FREYs kurz zusammengefasst und kritisch gewürdigt.

Die Vorgehensweise entspricht hierbei derjenigen einer klassischen Literaturarbeit, wobei ein starker Fokus auf BRUNO S. FREY und dessen Buch 'Ökonomie ist Sozialwissenschaft' liegt.4 Ergänzend dazu hatte der Verfasser dieser Arbeit die Möglichkeit ein Interview mit BRUNO S. FREY zu führen. Dabei konnten das bis dahin erarbeitete Wissen ergänzt, offene Fragen geklärt und insgesamt ein tieferes Verständnis des bearbeiteten Themas erlangt werden.

Entsprechend dem inhaltlichen wie auch dem methodischen Aufbau folgt die logische Gliederung der Arbeit:

Im zweiten Kapitel wird ein Überblick über die Kontroverse zum Zustand der Ökonomie verschafft. Wie lassen sich diese gegensätzlichen Meinungen im Einzelnen verstehen? Welche Argumente werden angeführt?

Das dritte Kapitel befasst sich mit den Ansichten von BRUNO S. FREY. Welche Position nimmt er als Kritiker ein? Welche Vorschläge für eine Weiterentwicklung der Ökonomie hat er?

Im vierten Kapitel wird abschließend erörtert, inwieweit FREYs Ansatz zur Weiterentwicklung der Ökonomie gelingt. Stellt FREY ein erfolgsversprechendes Modell für die Zukunft bereit?

Im Anhang schließlich ist eine schriftliche Version des Interviews zu finden, das der Verfasser mit BRUNO S. FREY führen konnte.

2.1 Eine Protestwelle brandet auf

Im Juni 2000 richtete erstmals eine Gruppe französischer Ökonomiestudenten eine Petition an ihre Professoren, die sich rasend schnell über das Internet verbreitete. Inhalt des Schriftstücks war der Wunsch, „aus den Paradigmen imaginärer Welten auszubrechen“, einer „ufer- und hemmungslosen Benutzung mathematischer Methoden“ entgegenzutreten und Methodenpluralismus innerhalb der Ökonomie zu fördern. „Wir wünschen nicht, dass uns noch länger eine autistische Wissenschaft aufgezwungen wir. Wir streben nicht nach dem Unmöglichen; doch gesunder Menschenverstand muss überleben.“5

Als Autisten bezeichnet man einen Menschen, der sich durch ein „völliges Versunkensein in die eigene Gedankenwelt bei gleichzeitiger Absperrung gegen die Umwelt auszeichnet“.6 Überträgt man dieses Bild, so zeichnet sich eine autistische Wissenschaft dadurch aus, dass sie von der sie umgebenden Welt weitgehend abgeschottet ist, und ein Austausch von Informationen und Erkenntnissen nur erschwert oder überhaupt nicht stattfindet.

Was auf den ersten Blick nur nach einer studentischen Initiative unter vielen aussah, entpuppte sich jedoch als der Beginn einer neuen Bewegung, die weite Kreise zog. So veröffentlichten kurze Zeit später auch eine Reihe französischer Professoren und Dozenten eine die Studenten unterstützende Petition mit ähnlichem Inhalt.7 Daraufhin rief der französische Bildungsminister Jack Lang unter Vorsitz von JEAN-PAUL FITOUSSI, Präsident des Pariser Wirtschaftsinstitutes OFCE (Observatoire francais des conjonctures économiques) eine Reformkommission ins Leben.8 In ihrem Abschlussgutachten sprach sich diese Kommission für weitreichende inhaltliche und strukturelle Reformen des Ökonomiestudiums aus. Parallel dazu erschien die erste

Internetausgabe eines Newsletters, der sich unter den Vertretern der so genannten 'Post - Autistischen Ökonomik' verbreitete. Inzwischen wurde diese Internetseite9 zu einer festen Plattform für Beiträge und Diskussionen, an denen sich auch populäre Wirtschaftswissenschaftler beteiligen.

Ein Jahr später, im Juni 2001 veröffentlichten 27 Doktoranden der Universität Cambridge einen Aufruf zur 'Öffnung der Ökonomik', den mittlerweile über 600 Ökonomen weltweit unterschrieben haben.10 Darunter sind so renommierte Namen wie

MARK BLAUG, CARSTEN HERRMANN-PILLATH, GEOFFREY M. HODGSON, KURT W. ROTHSCHILD, WARREN SAMUELS oder auch BRUNO S. FREY, dessen Arbeit zu diesem Thema im Mittelpunkt des dritten Kapitels dieser Arbeit stehen wird, zu finden.

Nur wenige Monate später, im August 2001 erschien das 'Kansas City Proposal', das explizit die Forderungen der Postautisten und die des Cambridge Proposals unterstützt und weiter ausbaut. 75 Studenten, Forscher und Professoren aus 22 Ländern trafen sich für eine Woche an der Universität von Missouri in Kansas City, um über den Zustand der ökonomischen Wissenschaften zu sprechen. Am Ende stand ein Papier, dass Wirtschaftswissenschaftler weltweit dazu aufrief, ihre rigiden Vorstellungen von menschlichem Verhalten zu überwinden.11 Kultur, Geschichte und der interdisziplinäre Dialog sollen ernst genommen werden; Methodologie umfassender verstanden werden.

Was als kleiner, aber entschlossener Aufruf in Paris begann, breitete sich nun über die Welt aus. Doktoranden der Universität Siena12 schlossen sich ebenso mit einem eigenen Aufruf an, wie Studenten der traditionsreichen 'Ivy-League' -Universität Harvard in den USA, die sich für ein breiter gefächertes Studium der Wirtschaftswissenschaften und eine Öffnung des Lehrplans für Alternativen zur Neoklassik aussprachen.13

Im Juni 2003 fand in Kansas City die Weltkonferenz der Internationalen Konföderation der Gesellschaften für Pluralismus in der Ökonomie (ICAPE) statt, um über die Zukunft einer heterodoxen Ökonomie zu diskutieren.

Zum jüngsten Ereignis richteten sich die Augen der Unterstützer dieser Bewegung auf die britische 'University of Cambridge', denn dort versammelten sich im September 2003 rund 200 Ökonomen aus aller Welt, um im Rahmen einer vom „Cambridge Journal of Economics“ gesponserten Veranstaltung für eine Öffnung des Faches für Einflüsse aus Disziplinen wie Geographie, Geschichte, Rechtswissenschaften, Philosophie, Psychologie und Soziologie zu kämpfen. Inzwischen sprach man ganz ungehemmt von einem Krieg, der die Disziplin in zwei Lager unterteile - das der Orthodoxie und deren Gegner. Es gehe zwar nicht um „parking our tanks on the courtyard of neoclassical economics“14, doch man erwarte eine sehr lebhafte Debatte, so MICHAEL KITSON.

Etwas scheint in Bewegung geraten zu sein. Doch was würden die Kritiker der momentanen Mainstream-Ökonomie gerne geändert sehen? In den folgenden Abschnitten wird auf eine Auswahl einzelner Kritikpunkte eingegangen. Die von Bruno S. Frey geäußerte Kritik wird dann im dritten Kapitel detailliert und ausführlich behandelt.15

2.2 Kritik am herrschenden Paradigma

Die Kritik am Neoklassischen Kernmodell ist nichts Neues. Sie ist seit Jahrzehnten in verschiedensten Formen aufgetreten, immer wieder ergänzt und verstärkt worden. Bereits vor mehr als hundert Jahren erklärte THORSTEIN VEBLEN, der heute als einer der Gründer einer alternativen ökonomischen Sichtweise gilt: „Economics is helplessly behind the times“16. Im Folgenden werden einige der kritischen Positionen dargelegt. Dass dies nur exemplarisch geschehen kann und dabei auch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann, ist selbstredend. Es wird dennoch versucht, ein möglichst breites Spektrum aufzuzeigen, und die wichtigsten und stichhaltigsten Argumente zusammenzufassen. Die von Bruno Frey geäußerte Kritik wird aus methodischen Gründen gesondert im Abschnitt 3.1 angesprochen.

2.2.1 Zu viel Mathematik, zu viel Formalisierung

Einer der zentralen Punkte, der immer wieder hervorgebracht wird, ist die Kritik am mathematischen Modellbau der Ökonomie und dessen Brauchbarkeit für eine empirische Sozialwissenschaft. WICKSELL hatte bereits 1913 darauf hingewiesen, dass mathematische Gleichungen keine Beweise sind. Er formulierte damals über WALRAS:

„ Beinahe tragisch ist jedoch, dass der sonst so klare und scharfsinnige Walras diesen strengen Beweis (...) schon dadurch gefunden zu haben glaubte, dass er gerade den Gedankeninhalt, der ihm in gewöhnlicher Sprache ausgedrückt ungenügend erschien, bloßin eine mathematische Formel einkleidete. “ 17

Auch bei KEYNES sind Bemerkungen zur Verwendung der Mathematik in der ökonomischen Wissenschaft zu finden.

„ [Die] neue mathematischeökonomie ist nur ein Gebräu, ebenso unpräzise wie ihre anfänglichen Voraussetzungen, auf denen sie basiert und die dem (jeweiligen) Autor erlauben, den Blick für die Komplexität und Interdependenz der realen Welt in einer Masseüberheblicher und wertloser Symbole zu verstecken. “ 18

Wichtig hierbei erscheint, dass weder KEYNES noch die meisten anderen kritischen Stimmen die Anwendung mathematischer Methoden an sich beanstanden, sondern den Zweck der Anwendung. Sie ermöglicht es dem Versierten, sich in einer Welt scheinbarer Gesetze und deren Beweisführung wie hinter einem Schleier aufzuhalten, ohne sich jedoch an den realen Problemen zu orientieren.19

Zwar hat die mathematische Sprache den Vorzug exakt zu sein, so ARNDT, aber sie ließe sich genauso missbrauchen wie jede andere Sprache auch.

„ Wie die grammatikalische Richtigkeit eines Satzes nicht das Geringsteüber die inhaltliche Richtigkeit besagt, so wenig lässt sich aus der formalen Richtigkeit einer mathematischen Formel auf die sachliche Richtigkeit der in ihr enthaltenen Aussage schließen. Die mathematische Ausdrucksweise ist ebenso wie die verbale Sprache sachneutral. Sie lässt sich ebenso verwenden, um unzutreffende und sachlich falsche Aussagen auszudrücken. “ 20

Mathematik und Reduktion von Inhalten durch Formalisierung werden also - folgt man den kritischen Stimmen - zunehmend nicht mehr als Werkzeug gesehen, sondern stehen mehr und mehr im Mittelpunkt. Daraus würde sich dann ergeben, dass inhaltliche Aussage und gedankliche Schlüsse zu Gunsten der reinen Mathematik verdrängt werden.

Ursache hierfür ist nach Meinung einiger Kritiker die selbstverstärkende Wirkung dieses Prozesses, die alles befördert, was sich formalisieren lässt und gleichzeitig alles andere marginalisiert oder ablehnt. Über die Zeit hinweg würden dann auch die Referee-Gremien und damit die Themen der führenden Zeitschriften beeinflusst, so wie die Qualifikationskriterien für Lehrstuhlbesetzungen angepasst. Dadurch ergäbe sich eine Abwärtsspirale der fortschreitenden Verengung des Lehr- und Forschungsprogramms, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.21

Einen anderen Weg der Kritik geht OSKAR MORGENSTERN. Er befindet die Ökonomie schlicht als noch nicht reif genug, um mathematische Methoden anzuwenden. Trotz der Berge von Zahlen, die täglich von der Wirtschaft produziert werden,22

„ ist unsere Kenntnis der relevanten wirtschaftlichen Fakten unvergleichlich geringer, als die in der Physik, als deren Mathematisierung erreicht wurde. (...) der entscheidende Durchbruch, der in der Physik im 17. Jahrhundert gelang, (...) war nur möglich aufgrund früherer Entwicklungen in der Astronomie. Er beruhte auf einigen Jahrtausenden systematischer, wissenschaftlicher, astronomischer Beobachtung, die in einem Beobachter von beispiellosem Kaliber, Tycho de Brahe, ihren Höhepunkt fand. Nichts dergleichen hat in der Wirtschaftswissenschaft stattgefunden. Es wäre in der Physik absurd gewesen, einen Kepler oder Newton ohne Tycho zu erwarten, - und es besteht kein Grund, in derökonomie auf eine leichtere Entwicklung zu hoffen. “ 23

Vergleiche hierzu auch FISHER: „There is a strong tendency for even the best practitioners to concentrate on the analytically interesting questions rather than on the ones that really matter. (...) The result is often a perfectly fascinating piece of analysis. But so long as the tendency continues, those analyses will remain merely games economists play.“ FISHER (1989); S.113-124.

Was scheinbar wie ein Rufen aus der Ruhmeshalle der Ökonomie vergangener Tage klingt, ist jedoch aktueller denn je. BLAUG sprach 2002 davon, dass sich die Ökonomie bereits seit über 50 Jahren in den Fängen der Krankheit 'Formalismus' befinde. Die Symptome sind für ihn in den Fachzeitschriften klar zu erkennen. Jede Veröffentlichung, unabhängig vom behandelten Thema, sei in Form mathematischer Modelle dargelegt.24 Ergebnis dieses Prozesses sei, dass die Ökonomie sich mehr und mehr im Lösen intellektueller Puzzles verstricke, die sie zum Teil auch selbst erzeuge. Dabei entferne sich die Wissenschaft jedoch zunehmend von der realen Welt und deren Problemen.25 MYRDAL ging an dieser Stelle sogar noch einen Schritt weiter, denn für ihn ergibt sich kombiniert mit den Prämissen gegebener Bedürfnisstrukturen sogar ein Rückschritt ins Mittelalter:

„ Man bemüht sich nämlich, eine subjektive Wertlehre ohne psychologischen Inhalt zu schaffen. Damit dürfte man sich vollkommen in leere mathematische Scholastik verloren haben “ 26

Die zunehmende Entfernung von der Realität und die dadurch entstehende Isolation der Wirtschaftswissenschaften werden auch von einem ihrer bekanntesten Kritiker,

GEORGESCU-ROEGEN, thematisiert:

„ Die Volkswirtschaftslehre hat, ebenso wie andere Forschungsdisziplinen, um der Exaktheit und Objektivität willen, im letzten Jahrhundert mehr und mehr dazu geneigt, ihr Gebiet von denen anderer zu isolieren. Aber die Zeiten, in denen Wirtschaftswissenschaftler in der Abgeschlossenheit fruchtbar arbeiten konnten sind vorbei. “ 27

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die angesprochenen Kritiker überwiegend der Meinung sind, dass die voranschreitende Mathematisierung und Formalisierung der Ökonomie zu einer Verengung des Blickwinkels führe. Eine weitere Folge dieses Prozesses sei, dass die Forschungsergebnisse oftmals trivial und von geringer Relevanz erscheinen, wenn der Schleier der Mathematik entfernt werde. Wie verhält sich dies nun im Bereich der Empirie? Ergeben sich trotz oder vielleicht gerade wegen der angesprochenen Phänomene relevante Aussagen? Wurde das empirische Verständnis der entscheidenen Prozesse erhöht?

2.2.3 Das Verhältnis von Empirie und Theorie

Empirischer Fortschritt in der Ökonomie zeichnet sich nach BLAUG einerseits dadurch aus, dass die Ergebnisse ökonomischer Aktivität besser zu prognostizieren sind, andererseits dadurch, diese Ergebnisse bis zu einem bestimmten Grad herbeiführen zu können. Betrachtet man nun die Entwicklung der Ökonomie bis zu ihrem heutigen Stand, so gibt es nach BLAUG - einem der prominentesten Kritiker der orthodoxen Theorie - einige Bereiche, in denen statt Fortschritt des empirischen Verständnisses sogar ein Rückschritt stattgefunden hat.28

Das Verständnis von Wettbewerb und Märkten - eines der Kerngebiete der Ökonomie - bietet sich hier als Beispiel an. Denn genau in diesem Bereich sieht BLAUG die größten Probleme. Betrachtet man die Geschichte der Ökonomie seit ADAM SMITH, so existierten immer zwei Auffassungen darüber, was mit 'Wettbewerb' denn ausgedrückt werde. Erstere Auffassung sieht Wettbewerb als ein ruhendes Endstadium, als einen stationären Zustand an, der sich nach der Auseinandersetzung zwischen Käufer und Verkäufer, zwischen dem Angebot und der Nachfrage einstellt. Vertreter dieser Sichtweise legen den Fokus ihrer Forschung auf die Untersuchung des sich einstellenden Gleichgewichts. Falls Veränderung und Wandel an sich überhaupt beachtet werden, so wird dies durch den Vergleich zweier Gleichgewichtszustände ausgedrückt, letztlich aber die statische Sichtweise beibehalten.29

Die zweite Auffassung betrachtet Wettbewerb als einen langwierigen Prozess dieser Auseinandersetzung, der in ein Endstadium münden kann, aber nicht zwangsläufig muss. Nicht die Existenz von Gleichgewichtszuständen, sondern der Prozess und die Dynamik, die sich beim Wechsel von einem Gleichgewicht in das nächste abspielen, stehen im Vordergrund. Ebenso die Frage, ob überhaupt Gleichgewichtszustände entstehen können.30

Durch COURNOTs Werk 'Mathematical Principles of the Theory of Wealth'31 begann sich die Theorie des Ruhezustandes und der Markträumung in den Vordergrund zu schieben. Als dann in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die Theorie des 'Unvollständigen Wettbewerbs' aufkam, HICKS und SAMUELSON die KEYNES 'General Theory' formalisierten und in das bestehende Denksystem als Sonderfall einbauten, wurde die Idee des Wettbewerbs als Prozess nahezu vergessen.32

Perfekt wurde dieser Triumph in den 50er Jahren, als DEBREU und ARROW den mathematischen - nicht den empirischen - Beweis erbrachten, dass ein Allgemeines Gleichgewicht in einer dezentral aufgebauten Ökonomie überhaupt möglich ist. Unter Berücksichtigung dessen, was bereits Klassiker unter Wettbewerb verstanden, wird klar, warum man von einem empirischen Rückschritt in den ökonomischen Wissenschaften sprechen kann. Für SMITH, RICARDO und MILL war Wettbewerb etwas Dynamisches, dass aus dem kompetitiven Verhalten von Menschen hervorgeht. Dem gegenüber steht das Verständnis von Wettbewerb als Beschreibung einer Marktstruktur an sich.33

Folgt man der Definition von perfektem Wettbewerb als Marktstruktur, so sind Unternehmen reine Preisnehmer. In der Realität aber versuchen sogar kleine Firmen Preise zu gestalten, sind also keine reinen Preisnehmer. Dies gestehen nach Blaug heutige Standardlehrbücher auch ein, sie würden jedoch bereits wenige Seiten später wieder in ihr Wolkenkuckucksheim des vollkommenen Wettbewerbs zurückkehren und erklären, dass dies der Maßstab sei, um etwas Relevantes über die realen Zustände auszusagen.34 Natürlich sei dies nur annäherungsweise möglich. Wie aber, so fragt BLAUG, kann dieser fiktive Zustand einer Welt des vollkommenen Wettbewerbes der Maßstab zur Erklärung der Realität sein, wenn der Grad der Annäherung nie spezifiziert wird, wenn keine Möglichkeit besteht, den Unterschied zwischen der Realität und 'vollkommenem Wettbewerb' zu messen?35

Als Folgerung daraus ergibt sich für ihn, dass die Idee des 'vollkommenen Wettbewerbs' als einer Marktstruktur ein in die Irre führendes Konzept ist. Nicht nur deswegen, weil es die Aufmerksamkeit darauf lenkt, wie ein Gleichgewicht aussehen könnte - wenn es denn erreicht würde - sondern auch, weil das eigentliche Problem, den Prozess hin zu diesem Gleichgewicht zu verstehen, nicht berührt wird.36 Für ihn ist das Ideal der mathematischen Stringenz, das von ARROW und DEBREU eingebracht wurde, gar die 'Ursünde' der ökonomischen Methodologie.37 Die Folge sei, dass wir mehr als 200 Jahre nach ADAM SMITH beinahe weniger über das Funktionieren von Märkten wissen würden als jener zur damaligen Zeit.38 Es ist seiner Ansicht nach sogar ironisch, dass es eines Buches, dass eigentlich für Manager geschrieben wurde, bedurfte, um das klassische, als veraltet geltende Konzept des Wettbewerbs in der ökonomischen Theorie wieder zu beleben. MICHAEL PORTERs Bestseller 'Competitive Strategy' beschreibt Wettbewerb als eine Strategie der Konkurrenz, nicht als eine statische Marktstruktur. GUSTAV SCHMOLLER hätte vermutlich seine wahre Freude daran gehabt.

Das Konzept der Gleichgewichtstheorie scheint also nicht ausreichend, um ein tieferes empirisches Verständnis der Funktionsweise von Märkten zu erlangen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde neben der Gleichgewichtstheorie ein weiteres Konzept immer häufiger verwendet: Die Spieltheorie.

2.2.4 Fortschritt durch die Spieltheorie?

„ Die Spieltheorie kommt für die modernenökonomen wie bestellt. Sie unterstellt rationale Individuen, die ihren Profit maximieren wollen, während sie gebührend Kenntnis davon nehmen, dass ihre Rivalen dieselbe Motivation haben. “ 39

Aber, so BLAUG weiter, die Spieltheorie hätte sich für die Ökonomen als noch verführerischer herausgestellt, als es die 'Allgemeine Gleichgewichtstheorie' sowieso schon sei.40 'Verführerisch' im Hinblick auf die Versuchung, sich noch weiter von der Wirklichkeit zu entfernen.

Mit der Spieltheorie lassen sich Ein-Perioden-Spiele sehr gut darstellen, bei denen das Ergebnis sich in Geld oder einer anderen eindimensionalen Variablen ausdrücken lässt. Bei Mehr-Perioden-Spielen dagegen tritt dann typischerweise eine unendliche Anzahl verschiedener Gleichgewichtszustände auf. Doch liefert die Spieltheorie keine Erklärung über die Motivation der Spieler, eben dieses oder jenes Gleichgewicht zu bevorzugen. Die Konsequenz daraus sei, so BLAUG, dass die Spieltheorie keine eindeutigen Vorhersagen über das Verhalten in Mehr-Perioden-Spielen liefern könne.

Dabei sei dies doch das Verhalten, das der tagtäglichen Situation auf Märkten entspricht.41

Ebenso wie die orthodoxe Theorie liefert die Spieltheorie also nur Ergebnisse für Situationen, in denen die Spieler - mit Hilfe perfekter Informationen über die vorhandenen Alternativen - handeln und dabei über unbegrenzte Rechenkapazitäten verfügen. Die Spieltheorie schließt das Lernen der Individuen weitgehend aus, ebenso wie soziale Normen und Erfahrungswerte nicht mit einbezogen werden, mit denen sich der Spieler in der Realität unvollständiger Informationen, unvollständigen Wettbewerbs und beschränkten kognitiven Fähigkeiten aber auseinanderzusetzen hat.

Betrachtet man die Geschichte der Spieltheorie und deren Anwendung, so wiederholt sich nach BLAUG strukturell derselbe Vorgang, der auch schon in der Geschichte der Gleichgewichtstheorie zu finden ist. Die Gültigkeit der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie wurde dadurch bewiesen, dass nicht zu erklärende Nicht- Gleichgewichtszustände ausgeschlossen wurden. Bei der Spieltheorie drückt sich dies seiner Meinung nach dadurch aus, dass der Prozess, der in Mehr-Perioden-Spielen früher oder später zu einem Gleichgewichtszustand führt, einfach ignoriert wird. Es scheint BLAUG, als ob die Spieltheorie exakt die Sucht der Ökonomen nach Formalisierung und Modellbau befriedigt, allerdings wiederum unter Vernachlässigung jeglicher praktischer Relevanz.42

Nichts desto trotz liefert die Spieltheorie sehr wohl nützliche Erkenntnis, wenn auch auf einem anderen Wege, als dem im ersten Moment ersichtlichen. Sie lehrt die Ökonomen, dass sich hinter dem Begriff der 'Rationalität' eine Vielzahl feiner Unterschiede verbergen. Ebenso macht die Spieltheorie laut BLAUG deutlich, dass das ökonomische Standardmodell des rationalen Verhaltens „beklagenswert unzureichend“43 ist, um die komplexen impliziten Informationsstrukturen und Lernprozesse zu verstehen. Dieses Verstehen wäre jedoch elementar, da diese Informationsstrukturen und Lernprozesse letztlich Markt gestaltend wirken würden. In anderen Worten:

„ Homo ludens has turned out to not be quite like homo economicus. “ 44

Um diese Informationsstrukturen und Lernprozesse näher zu verstehen ist ein genauerer Blick auf die zugrunde gelegten Annahmen über das menschliche Verhalten notwendig. Der folgende Abschnitt befasst sich dementsprechend mit der philosophischen Kritik der ökonomischen Grundlagen - im speziellen mit deren Orientierung an der klassischen Physik.

2.2.5 Philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften

2.2.5.1ökonomische Naturgesetze?

Die Entwicklung der neoklassischen Ökonomie stand stark unter dem Eindruck der klassischen Physik, vor allem dem der NEWTON'schen Mechanik. Die klassische Physik beschreibt zum Beispiel die Bewegung der Himmelskörper anhand eines Systems von Differentialgleichungen. Es existieren naturgegebene Gesetzmäßigkeiten. Diese Suche nach Naturgesetzen wurde von der ökonomischen Wissenschaft übernommen. Ziel des neuen Theoriegebäudes war es, eine einheitliche Betrachtung aller ökonomischen Phänomene zu ermöglichen. Es sollte eine genaue, quantitative Bestimmung der ökonomischen Größen und eine Erklärung ihrer Veränderungen möglich werden. JEVONS stellte dazu fest, „dass die Volkswirtschaftslehre, wenn sie überhaupt eine Wissenschaft sein will, eine mathematische Wissenschaft sein muss“.45 LÉON WALRAS erklärte:

„ Die reineökonomische Theorie (ist) [Anm. des Verf.] (...) eine exakte Wissenschaft, die den physikalisch-mathematischen Wissenschaften in jeder Hinsicht entspricht. Da die reineökonomik bzw. die Theorie des Tauschs und des Tauschwertes, d.h. die Theorie des sozialen Wohlstands betrachtet durch sich selbst, eine physica- mathematische Wissenschaft ist wie die Mechanik oder die Hydrodynamik, (...) sollten dieökonomen nicht davor zurückschrecken, die Methoden und die Sprache der Mathematik zu verwenden. “ 46

Noch deutlicher machte diese scheinbare Nähe zur Physik IRVING FISHER in seiner 1892 publizierten Doktorarbeit, in der er den gesamten Begriffsapparat der Ökonomie nach dem Vorbild der Physik modellierte. Physikalischen Begriffen wie Partikel, Raum, Kraft, Arbeit, Energie usw. wurden Begriffe und Kategorien der Ökonomie gegenübergestellt: Wert, Ware, Individuum, Grenznutzen, Gleichgewicht.47 Die genannten Beispiele entstammen allesamt dem 19. Jahrhundert. Doch diese Anlehnung an die Physik ist keineswegs ein Phänomen, das lediglich in der Anfangszeit der Neoklassik postuliert wurde. Wenn MILTON FRIEDMAN, einer der Väter des Monetarismus, über die zwischen den einzelnen Wissenschaften bestehenden Unterschiede schreibt, so formuliert er:

„ Aber diese Unterschiede sind ebenso großzwischen, sagen wir, der Physik, der Biologie, der Medizin und der Meteorologie wie zwischen einer von diesen Wissenschaften und derökonomie. “ 48

Das zentrale Argument, um das es sich hier handelt, ist dabei nicht die Mathematisierung der ökonomischen Wissenschaft an sich, sondern vielmehr das Auffinden allgemeiner Gesetzmäßigkeiten im sozialen Verhalten der Menschen, wie sie die Naturwissenschaften und insbesondere die Physik bei der Untersuchung der Natur gefunden haben. Dieses Argument ist aber unlösbar mit der Frage verknüpft, ob Gesetze oder Gesetzmäßigkeiten im Sozialverhalten von Menschen und somit im Rahmen einer

Sozialwissenschaft überhaupt existieren können.49 folgendem Schluss:

DANIEL BELL etwa kommt zu „ (Die Orientierung an der mechanischen Physik) ignoriert eine zentrale Unterscheidung. Die klassische Mechanik ist konstitutiv für die Natur; sie untersucht die intrinsische Ordnung, die in den Eigenschaften des Systems versteckt ist, wahrzunehmen. Die Volkswirtschaftslehre ist nicht konstitutiv. Sie ist eine konstruierte Logik, (...) es gibt keine einzelne 'zugrunde liegende Struktur' für eine Gesellschaft. Da die Menschen (...) mit bewusster Absicht Einrichtungen verändern oder soziale Vereinbarungen umgestalten, gibt es keine intrinsische Ordnung, keine 'ökonomischen Gesetze', die die Struktur der Volkswirtschaft konstituieren. “ 50

Für KIRCHGÄSSNER wiederum liegt der umstrittene Punkt der Frage nach Gesetzmäßigkeiten nicht in der Existenz dieser Gesetzmäßigkeiten an sich, sondern im Allgemeinheitsgrad der Gesetzesaussagen. Während für Naturgesetze üblicherweise unterstellt werde, dass sie immer und überall gelten, werde für 'ökonomische Gesetze' häufig behauptet, dass sie nur unter bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen oder nur in bestimmten historischen Phasen Geltung beanspruchen könnten.51 Man könnte also mit HANS ALBERT von so genannten 'Quasi-Gesetzen' innerhalb der Sozialwissenschaften gegenüber den Naturgesetzen der Naturwissenschaften sprechen.52

Existieren solche Quasi-Gesetze, und wenn ja, wie wären diese zu fassen?

Eine Variante wäre nun das Herausarbeiten der Bedingungen, die in einer bestimmten historischen Phase vorhanden waren, um somit von einer 'historischen' zu einer 'strukturellen' Relativierung zu schreiten. Ganz im Sinne eines naturwissenschaftlichen Experimentes, dass bei einer Wiederholung unter gleichen Bedingungen das gleiche Ergebnis hervorbringen würde. Spätestens hier stellt sich die Frage, wie umfangreich denn die zu erfassenden Bedingungen sein müssten, um ein Verständnis der wirkenden Mechanismen zu erlangen. Eine Schwierigkeit liegt also darin, dass es kein wirkliches Wissen darüber gibt, was denn die Ursachen für einen bestimmten Vorgang sind oder waren.

„ Doch manüberlege sich nur einmal, wie unendlich zahlreich und verschiedenartig die Umstände sind, die die Menge des nationalen Reichtums entweder direkt, oder indirekt beeinflussen oder beeinflussen können. “ 53

MILL geht noch einen Schritt weiter:

„ Wirkungen werden im Allgemeinen durch ein Zusammenwirken von Ursachen bestimmt. Haben wir irgendeine Ursacheübersehen, so können wir aus allen anderen richtige Schlüsse ziehen und haben doch nur um so weniger recht. “ 54

Es gibt demnach also kein isoliertes Vorkommen der in einer Theorie beschriebenen Phänomene. In den Naturwissenschaften ist - es wie bereits oben beschrieben - möglich, Gesetze mit der wiederholten Durchführung von Experimenten zu beweisen oder wenigstens sinnvoll zu behaupten. Aus den dargelegten Komplexitätsgründen gestaltet sich dies innerhalb der Sozialwissenschaften ungleich schwieriger.55 Umso spannender sind die Beiträge der sich immer mehr entwickelnden 'Experimentellen Ökonomie' zu beobachten.

Aufgrund der genannten Schwierigkeiten wird dem Missstand, dass keine isolierten Vorkommen der Phänomene existieren, gemeinhin durch die so genannte 'ceteris- paribus-Klausel' genüge getan. Formulierungen der Art: “Ceteris Paribus wird die Nachfrage eines Produktes mit steigendem Preis sinken“ gehören zum Standard- vokabular eines jeden Ökonomen. Bezogen auf die sinkende Nachfragekurve bedeutet dies: Wenn alle anderen Faktoren konstant bleiben, wird die Nachfrage nach einem bestimmten Produkt bei einem steigenden Preis sinken. Die Fülle der Phänomene in der wirtschaftlichen Alltagswelt wird also ausgeklammert und somit als im Gesamtprozess für irrelevant erklärt. WALRAS formuliert dies folgendermaßen:

„ Wir nehmen hierbei von kleinen, verwirrenden Nebenumständen vorläufig Abstand, wie dies auch in der Physik und Mechanik gelegentlich des Widerstandes, des Mediums, der Reibung usw. geschieht “ . 56

Geht es den Kritikern also nur darum, die so genannten 'anderen Faktoren', oder - um WALRAS Worte zu verwenden - die kleinen verwirrenden Nebenumstände - besser, exakter zu erfassen? Die Modelle zu verfeinern, um zu einer besseren Aussagekraft zu finden? Oder existieren prinzipielle Einwände gegen die Form einer Theorie, die das Verhalten des Menschen erklären soll, aber den Naturwissenschaften nachgebildet ist? Um zu dieser Frage eine Position beziehen zu können, muss zunächst noch einmal das Verhältnis der Ökonomie zur Physik näher beleuchtet werden.

Das der Physik entlehnte Denkmodell der Neoklassik orientiert sich nicht an der Physik als Ganzes, sondern - dem Zeitgeist ihrer Entstehung entsprechend - an der mechanischen Physik. Die Mechanik hat sich aus der Physik heraus zur Leitmetapher nahezu aller Wissenschaften im 19. Jahrhundert entwickelt.

Das Zusammenwirken mechanischer Vorgänge wiederum erfasst man in einem 'System', oder anders - in einer Maschine. So definiert ADAM SMITH den Begriff des 'Systems' wie folgt:

„ Systeme sind in vielerlei Hinsicht Maschinen. Eine Maschine ist ein kleines System, dass dazu erschaffen wurde, die verschiedenen Bewegungen und Effekte auszuführen und zu verbinden, die der Techniker beabsichtigte. Ein System ist eine imaginäre Maschine, die in der Vorstellung jene verschiedenen Bewegungen und Effekte verbindet, die in der Wirklichkeit ohnehin verbunden sind. “ 57

Ein eben solches System stellte für SMITH auch die menschliche Gesellschaft dar.

WALRAS (1881); S.7.

SMITH (1795); S.44.

„ Die Vervollkommnung der Verwaltung, die Ausbreitung des Handels und der Manufaktur (...) bilden einen Teil des großen Systems der Regierung und die Räder der Staatsmaschine scheinen mit ihrer Hilfe sich in gr öß erer Harmonie und gr öß erer Leichtigkeit zu bewegen. Es macht uns Vergnügen. Die Vervollkommnung eines so schönen und großartigen Systems zu betrachten und wir sind nicht ruhig, bis wir jedes Hindernis, das auch nur im mindesten die Regelm äß igkeit seiner Bewegungen stören oder hemmen kann, beseitigt haben. “ 58

Ist die menschliche Gesellschaft tatsächlich eine Maschine, deren 'Räderwerk' einfach noch nicht gut genug verstanden ist? Folgt man BRODBECK hatte der mechanische Ansatz in der Ökonomie vor allem einen Zweck: Er sollte die Anwendung mathematischer und experimenteller Methoden nach dem physikalischen Prinzip erlauben. Nach BRODBECK ist die Mehrheit der Ökonomen offenbar bemüht, die soziale Wirklichkeit in der Tat als Maschine zu interpretieren. Manche nicht nur im Sinne eines Denkmodells. Den aktuellen Trend zu immer feineren, komplexeren und mathematischen Prognosemodellen, die eine Vielzahl von Gleichungen und Variablen enthalten, sieht er ebenfalls in dieser Tradition. Dass dies keine neue Erkenntnis ist, zeigt eine Bemerkung von GEORGESCU-ROEGEN, der bereits vor mehr als 30 Jahren der Meinung war, dass die Konzeption des ökonomischen Prozesses als mechanische Analogie mehr denn je das ökonomische Denken beherrsche.59

2.2.5.2 Variable 'Konstanten' in der Wirtschaftswissenschaft

Um Berechnungen im mechanischen Modell zu erstellen, ist die Annahme von Konstanten notwendig. Allerdings sind nur sehr wenige Ökonomen tatsächlich der

Meinung, dass diese zur Lösung der Gleichungen notwendigen Konstanten tatsächlich konstant sind.60 Die überwiegende Mehrzahl der Ökonomen, auch die der Traditionellen, geht davon aus, dass sich Konstanten in ökonomischen Gleichungen nicht nur im Ausnahmefall, sondern sogar im Regelfall verändern. Präferenzen der Konsumenten verändern sich ebenso, wie entsprechende Koeffizienten in der Produktion. PIGOU stellte fest:

„ Selbst wenn die Konstanten, welche dieökonomen zu bestimmen versuchen, weniger zahlreich wären und die experimentelle Methode häufiger anwendbar wäre, so wären wir immer noch mit der Tatsache konfrontiert, dass die Konstanten selbst zu verschiedenen Zeiten verschieden wären. “ 61

MARSHALL, der sich dessen ebenfalls bewusst war, hielt entgegen, dass ökonomische Variablen provisorisch als Konstanten betrachtet werden, denn dies sei stets der Weg der Wissenschaft gewesen, mit komplexen und sich verändernden Dingen umzugehen - in der physischen, wie in der moralischen Welt.62 Wenn sich aber die Konstanten der Gleichungen, die eigentlich Preise und Mengen bestimmen sollen, selbst ändern, dann kann man nicht von mechanischen Systemen sprechen. Jedes physikalische Modell, wie komplex und nichtlinear seine mathematische Struktur auch immer sein mag, setzt unveränderliche Naturkonstanten wie die Lichtgeschwindigkeit, das Plancksche Wirkungsquantum oder die Gravitationskonstante voraus.63 Dies lässt sich in der Physik nachweisen, oder zumindest sinnvoll behaupten - in der Ökonomie jedoch nicht. Die Resultate früherer Versuche der Ökonometrie zur Schätzung von Produktionsfunktionen zum Beispiel, werden heute nur noch folgendermaßen kommentiert:

„ Sobald Zeitreihen lang genug sind, um Anlass zu geben, zwischen verschiedenen komplexen Hypothesen auswählen zu können, nimmt zugleich die Wahrscheinlichkeit ab, dass die Bedingungen stationär bleiben und Zufallseinflüsse sind entsprechend hoch. Unter diesen Umständen bedarf es nur einer gewissen Cleverness und Ausdauer, um jedes beliebige Resultat zu erhalten, dass man sich wünscht. Das ist, wie ich denke, der Grund, weshalb so wenigeökonometriker jemals von den Fakten veranlasst wurden, ihre jeweiligen Glaubensüberzeugungen aufzugeben. “ 64

Ausgebildete Mathematiker und Naturwissenschaftler, wie etwa JOHN VON NEUMANN und OSKAR MORGENSTERN, haben die naive Überzeugung, dass die bloße Nachahmung oder Wiederholung der Methoden der theoretischen Physik in den Sozialwissenschaften zu ähnlichen Ergebnissen führen könne, immer bezweifelt.65

2.2.5.3 Die Unmöglichkeit der Maschine 'Gesellschaft'

Es kann also nicht lediglich darum gehen, die vermeintlichen Naturgesetze des menschlichen Handelns besser und detaillierter zu modellieren, sondern es gilt prinzipielle Einwände gegen eine der mechanischen Physik nachempfundenen Theorie zu berücksichtigen, die das menschliche Verhalten erklären will. Diese Einwände ergeben sich aus dem Selbstverständnis der neoklassischen Theorie als einem handlungstheoretischen Ansatz einerseits, und der Suche nach Naturgesetzen als einer deterministischen Sichtweise andererseits.

Der Erfolg der mechanischen Modelle in der Physik beruht vor allem darauf, dass unbelebte Körper in hohem Maße eine Ähnlichkeit mit Massenpunkten haben. Von lebenden Menschen, von Unternehmern, die Entscheidungen treffen, neue Produkte entwickeln und diese auf Märkten anbieten und von Konsumenten, die sich für oder gegen diese Produkte entscheiden, kann dies aber keinesfalls gesagt werden.66

Während bei den Klassikern die 'unsichtbare Hand' zwar die gesellschaftlichen Geschicke lenkte, blieb trotzdem noch Raum für das Handeln des Einzelnen. Dagegen setzten sich allerdings im Übergang vom Utilitarismus zur Neoklassik mehr und mehr der Begriff der 'Natur' und die daraus entstehende deterministische Logik durch. Folgt man nun dem Gedanken eines 'natürlichen' Gleichgewichts in der menschlichen Gesellschaft, so setzt dies eine 'Naturkraft' voraus, die Freiheit als bloßen Schein ausweist und mechanisch beschreibt.67 Nicht also die Menschen und deren freie Handlungen führen ein Gleichgewichtspreissystem herbei, sondern die selbsttätigen Kräfte der Wirtschaft, die auf dessen Verwirklichung hin drängen.68 Wenn andererseits das menschliche Handeln aber vollkommen frei wäre, dann wäre es unvorhersehbar. Wie - bleibt dann zu klären - können 'Freiheit' und 'Naturgesetz' überhaupt miteinander verknüpft werden?

In der Neoklassik wird dies dadurch möglich, dass mechanisches Verhalten als freie Entscheidung interpretiert wird - also als eine bewusste Negation der Freiheit. Für HOBBES stellt sich dies folgendermaßen dar:

„ [D]ie Freiheit, zu wollen oder nicht zu wollen ist im Menschen nicht gr öß er als in allen Lebewesen. Wo ein Begehren entsteht, war die vollständige Ursache dafür da; daher konnte (...) das Begehren selbst unmöglich nicht folgen, d.h. es folgte mit Notwendigkeit. Eine Freiheit, die Freiheit von Notwendigkeit wäre, kommt weder den Willen der Menschen, noch dem Tiere zu. “ 69

BENTHAM formuliert dies später aus utilitaristischer Sichtweise:

„ Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter - Freud und Leid - gestellt. Es ist an ihnen alleine aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden. “ 70

MENGER geht schließlich noch rigoroser vor:

„ Verwahren möchten wir uns gegen die Meinung Jener, welche die Gesetzm äß igkeit der volkswirtschaftlichen Erscheinungen mit dem Hinweise auf die Willensfreiheit der Menschen leugnen, weil hierdurch die Volkswirtschaftslehre als exakte Wissenschaftüberhaupt negiert wird. (...) Ob und unter welchen Bedingungen ein Ding mir nützlich, ob und unter welchen Bedingungen es ein Gut (ist) [Anm. d. Verf.], (...), all dies ist von meinem Willen ebenso abhängig, wie ein Gesetz der Chemie vom Willen des praktischen Chemikers. “ 71

Die ökonomische Theorie wird also zum Triumph über die menschliche Freiheit. Die Mechanik des 'ökonomischen Ansatzes', die These der Bestimmtheit allen Handelns durch das neoklassische Nutzenkalkül, sei, so BECKER später, „ so umfassend, (...) dass er auf alles menschliche Verhalten anwendbar ist, sei es nun Verhalten, das monetär messbar ist, oder unterstellte Schattenpreise hat, seien es wiederkehrende oder seltene Entscheidungen, seien es wichtige oder nebensächliche Entscheidungen, handele es sich um emotionale oder nüchterne Ziele, reiche oder arme Menschen, Männer oder Frauen, Erwachsene oder Kinder, kluge oder dumme Menschen, Patienten oder Therapeuten, Geschäftsleute oder Politiker, Lehrer oder Schüler “ . 72

Der Mensch befindet sich mit seinem Verhalten quasi in einer Vorstufe der Entscheidung, die durch ein regelndes Naturgesetz bestimmt wird. Diese Vorstufe geschieht aber nicht bewusst, als freier Akt, sondern, laut JEVONS, durch eine unbewusste Berechnung von möglichen Nutzengewinnen in allen Lebensumständen.73 Auch FRIEDRICH ENGELS sieht eine solche 'unbewusste Logik' am Werk. Für ihn beruht die Naturhaftigkeit der gesellschaftlichen Gesetze gerade darauf, dass sie nicht bewusst sind. Zum Wertgesetz bemerkt er, dass genau dies ein Naturgesetz sei, dass auf der Bewusstlosigkeit der Beteiligten beruht.74

Für BRODBECK wird es damit durch die 'Hintertür des Unbewussten' möglich, dass Naturgesetze menschliches Handeln bestimmen. Dabei wird allerdings aus seiner Sicht auf grundsätzlicher Ebene gerne übersehen, dass Menschen aus freier Überlegung Dinge auch lassen können, obgleich sie 'lustvoll' sind.75 Wir haben somit also die Wahl, ob wir unserer 'Natur' folgen, oder eben auch nicht.

Wer aber wirklich einen handlungstheoretischen Ansatz verfolgen möchte, und einen solchen stellt das neoklassische Denkmodell dar, kann nach Brodbeck nicht von einem im Unterbewusstsein vorhandenen Determinismus ausgehen. HILDEBRAND hat dies bereits vor MENGER, WALRAS und JEVONS theoretisch formuliert:

„ Wenn die wirtschaftlichen Handlungen der Menschen, soweit sie dem Egoismus entspringen naturgesetzlich sind, so ist damit anerkannt, dass es vom Willen der Menschen abhängt, naturgesetzlich zu handeln oder nicht, und diese Anerkennung hebt eben den naturgesetzlichen Charakter der menschlichen Handlungen auf. Entweder sind alle menschlichen Handlungen Naturgesetzen unterworfen oder keine. Ein Mittelding scheint mir ganz unmöglich zu sein. “ 76

Dieser Gegensatz zwischen 'freiem Handeln' einerseits und 'naturgegebenen Gesetzen' anderseits ist nach BRODBECK heute bereits in den Lehrbüchern den Begrifflichkeiten zu entnehmen. KEYNES, für den subjektive Bestimmungsgründe wie Erwartungen und die berühmten 'animal spririts' im Vordergrund standen, unterscheide zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und setze damit beim Handeln des Menschen und seiner Freiheit an. FRIEDMAN hingegen verwende den Begriff der natürlichen Arbeitslosigkeit.77

2.2.5.4 Der rettende 'Durchschnitt' ?

„Ö konomische Gesetze sind nur wahr als Durchschnitt, nicht als exakte Beziehung. “ 78

Dieses Zitat entstammt dem berühmten Lehrbuch von SAMUELSON. Auch MARX formulierte dies im 19. Jahrhundert folgendermaßen:

„ Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blind wirkender Durchschnitt durch. “ 79

Ähnliche Verweise auf den 'Durchschnitt' finden sich auch bei SMITH, JEVONS und vielen anderen Autoren.80 Ergeben sich somit aus dem Durchschnitt relevante, aussagekräftige und eventuelle empirisch überprüfbare Ergebnisse? Für BRODBECK liegt die Antwort auf der Hand:

„ Die reine Lehre der Wirtschaftsmechanik, gepredigt von orthodoxen Priestern der Rationalität, braucht sich um die Widersprüche zur Alltagswelt keineswegs zu bekümmern, in der es ohnehin nur grob und ungenau zugeht und es auf Widersprüche nicht ankommt. Tatsächlich haben die widerstrebenden Daten einen Grund: Die Wirtschaft ist auch im Durchschnitt nicht berechenbar. “ 81

Mit dem Durchschnitt sind zwei weitere Gedanken verknüpft:

(1)Die Idee der Dauerhaftigkeit und
(2)die Idee der Substanz.

ADAM SMITH gelangte zum Gedanken des Durchschnittes durch die Beobachtung der Preisschwankungen, hinter denen sich - aus seiner Sicht - ein Naturgesetz verbergen müsse. Jenes Naturgesetz, das in einer dynamischen Welt Dauerhaftigkeit garantieren könne. CLARK stellte fest, dass die wirkliche Gesellschaft immer dynamisch sei. Wandel und Fortschritt fänden sich überall und eine industrielle Gesellschaft nehme unentwegt neue Formen an und erfülle neue Funktionen. In diesem Wandel zeigten sich die durch Dauer gekennzeichneten Naturgesetze. Aus CLARKS Sicht verwendeten die klassischen Ökonomen den Terminus 'natürlich' und kombinierten diesen mit dem Mittelmaß, den Löhnen und dem Zins, meinten dabei aber unbewußt den äquivalenten Ausdruck 'statisch'.82

Wie aber zeigt sich nun das Bleibende, Dauernde in diesem Wandel?

Selbst MARX bedient sich einer der Naturwissenschaft entlehnten metaphorischen Sprechweise. Für ihn existiert ein 'Gravitationspunkt', um den sich die Preise drehen83, während CLARK von einem 'Ozean' und dessen 'Wellen' spricht, die trotz aller 'Wetterlagen' doch nur um die Ruhelage bei 'Windstille' schwanken.84 CLARK beschreibt das Kapital als die 'dauerhafte Substanz', die das Dauernde sogleich auch messbar macht. Das Kapital sei eine Substanz, die viele Formen annehmen kann, in all diesen Formen jedoch erhalten bleibt. Diese Kapitalsubstanz ist seiner Ansicht nach - neben der 'Arbeit' - auch produktiv:

„ Das Kapital lebt, wie es ist, durch Transmigration, es nimmt sich selbst aus einer Menge von Körpern heraus und gibt sich selbst in andere weiter, wieder und wieder. “ 85

[...]

Details

Seiten
149
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638409841
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43111
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
Zustand Debatte Ausblick Beitrag Bruno Frey

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Titel: Zum Zustand der Ökonomie - Debatte und Ausblick - Der Beitrag von Bruno S. Frey