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Einheit vs. Vielfalt. Movierung im Deutschen und im Niederländischen

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Movierung im Deutschen
2.1 Movierung im Deutschen aus diachroner Perspektive
2.2 Das Movierungssuffix - in als Genusmarker

3. Movierung im Niederländischen
3.1 Morphologische Beschränkungen bei der Motionsbildung im Niederländischen
3.2 Einschränkungen der Motionsbildung im Niederländischen
3.3 Phonologische Beschränkungen bei der Motionsbildung im Niederländischen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein kontrastiver Vergleich zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen bietet sich in erster Linie aufgrund des hohen Verwandtschaftsgrads der beiden Sprachen an, denn sowohl das Deutsche als auch das Niederländische gehören zur westgermanischen Gruppe des germanischen Zweigs der indogermanischen Sprachfamilie. Ziel der kontrastiven Linguistik ist es hierbei, einen synchronen und diachronen Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zweier oder mehrerer Sprachsysteme bezüglich unterschiedlicher Ebenen heranzuziehen, so zum Beispiel auf phonologisch-phonetischer, morphologischer und syntaktisch-semantischer.

In Anlehnung an das Thema der Wortbildung diachron und kontrastiv bietet sich daher ein Vergleich zwischen den beiden Sprachen auf morphologischer Ebene an. Einen interessanten und bisher wenig erforschter Ansatz stellt hierbei die Movierung im Deutschen und Niederländischen dar. „Unter Movierung […] versteht man die Derivation von Substantiven mit dem Ziel, eine Genusänderung vorzunehmen“ (Lohde 2000:124). Als Basen dienen hierbei Personen- und Tierbezeichnungen.

Während sich im Deutschen das produktive Suffix - in zur Motionsbildung durchgesetzt hat, und vor allem eine zunehmende Bedeutung auf dem Gebiet der Berufsbezeichnung erfährt, hat sich im Niederländischen Sprachgebrauch eine Vielfalt von Wortbildungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Suffixen entwickelt. Auch im Niederländischen werden teilweise Derivate mit dem Suffix - in gebildet (vgl. held / heldin), am produktivsten sind jedoch die Suffixe - ster und - e wie in zwemmer / zwemmster und docent / docente. Ziel der Arbeit ist unter anderem aufzuzeigen, warum sich im Deutschen das Suffix - in zur Motionsbildung durchgesetzt hat, während im Niederländischen eine Vielfalt an Movierungssuffixen besteht.

Zunächst soll der Aspekt der Movierung im Deutschen aus diachroner Perspektive untersucht werden. Welche Möglichkeiten der Motionsbildung bestanden im Alt-, Mittel, - und Frühneuhochdeutschen? Im weiteren Verlauf der Arbeit soll das Deutsche dem Niederländischen aus heutiger Sicht gegenübergestellt und dargelegt werden, dass trotz der zahlreichen Möglichkeiten der Motionsbildung im Niederländischen die Wahl eines Suffixes von bestimmten Faktoren abhängt und nicht willkürlich getroffen wird. Die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Typen der Derivation innerhalb eines Paradigmas impliziert, dass es nicht immer genau ein Affix zur Motionsbildung gibt. Es gibt konkurrierende Affixe, deren Wahl sowohl von den Beschränkungen hinsichtlich des Inputs als auch des phonologischen Outputs des Basiswortes abhängt. Dies trifft zum Beispiel auf die konkurrierenden Suffixe - ster und - es zu, die hierfür exemplarisch näher beleuchtet werden sollen.

2. Movierung im Deutschen

Im Deutschen hat sich das Suffix - in als heute wichtigstes und zugleich produktivstes Mittel der Motionsbildung gegenüber anderen Suffixen wie dem Fremdaffix - euse in Friseur - Friseuse oder dem Suffix - sche (Bsp.: Pastorsche), welches in erster Linie mit der Bedeutung 'Frau von X' verwendet wird, durchgesetzt1 (vgl. Nübling et al. 2013:86). Das Suffix - in dient seit dem Ahd. der Motionsbildung (Bsp.: weberinna 'Weberin') und es erfährt vor allem auf dem Gebiet der Berufsbezeichnung eine zunehmende Bedeutung.

2.1 Movierung im Deutschen aus diachroner Perspektive

In den früheren Sprachstufen des Deutschen gab es eine Vielzahl von anderen Möglichkeiten um Feminina zu bilden. So bildet zunächst das Idg. Feminina aus Maskulina mit Hilfe eines reinen a- Stamms, was sich an dem Beispiel lat. dominus ‚Herr‘ zu domina ‚Herrin‘ verdeutlichen lässt (vgl. Henzen 1965:152). Im Germ. lässt sich das Suffix - o nachweisen, welches der Motionsbildung dient (Bsp.: got. garazna ‚Nachbar‘ zu garazno ‚Nachbarin‘ (Wilmanns 1896:308). Im Got. existierten die Ableitungsmöglichkeiten - o -, wie z.B. in daurawardos 'Türhüterin', - i -, wie z.B. in quenins 'Frau' oder - i und - jo, wie z.B. in mawi ' Mädchen' und arbjo ‚Erbin‘ (vgl. Eisermann 2003:46).

Die Wurzeln des Movierungssuffix - in liegen bereits im Got., denn wie aus den Maskulina got. pius 'gesegneter Toter' und got. magus 'Magier' mit Hilfe des Suffix - i die weiblichen Entsprechungen got. piwi 'gesegnete Tote' und got. mawi 'Magierin' gebildet wurden, so konnte - i - auch an n -Stämme herantreten. Das - i - im Got. geht wie im Hochdeutschen dem n voran und wird auf das Idg. e zurückgeführt, sodass man von der ursprünglichen Endung - eni ausgehen kann (vgl. Wilmanns 1896:308).

Durch Lautentwicklung wurde später im Got. aus dem Suffix - eni zunächst - ini und dann im Ahd. das Movierungssuffix - in (Bsp.: ahd. b ë r ö 'Bär' zu birin 'Bärin'). Es gibt lediglich einen Beleg für das Suffix - ini, aus dem sich unser heutiges Movierungssuffix - in entwickelte (saur 'Syrer' zu saurini 'Syrerin'). Allerdings gibt es für das Ahd. bereits eine Vielzahl von Belegen für dieses Suffix; am häufigsten sind Feminina zu finden, welche zu männlichen Appellativen mit einer persönlichen Bedeutung gebildet wurden, so zum Beispiel fiant 'Feind' zu fiantin 'Feindin' oder friund 'Freund' zu friuntin 'Freundin' (vgl. Wilmanns 1896:310).

Neben dem Movierungssuffix - in lassen sich für das Ahd. noch zwei weitere Möglichkeiten der Feminina-Bildung finden, die Endung - a (Bsp.: gastgeba 'Gastgeberin') und die Endung - â ra (Bsp.: folleist â ra 'Helferin') (vgl. Eisermann 2003:47). Daneben existiert noch eine Variation des - in Suffixes, was sich an den drei unterschiedlichen Möglichkeiten der Suffigierung des ahd. Worts für 'Königin' zeigen lässt, so existieren die Ausdrücke k ü ne g inne, kunigin und kuniginna (vgl. Eisermann 2003:47). Es lässt sich zwischen diesen drei Möglichkeiten der Feminina-Bildung jedoch kein Bedeutungsunterschied festmachen, sie wurden gleichwertig gebraucht (vgl. Paul 1920:53 f.). Das Movierungssuffix - in scheint laut Willmanns durch eine Trübung aus der längeren Form - inna entstanden zu sein, im Mhd. allerdings existieren beide Formen weiterhin nebeneinander (Wilmanns 1896: 308).

Im Mhd. existiert das Movierungssuffix - inne (vgl. Henzen 1965:153), welches laut Willmanns so produktiv zu sein scheint wie das Suffix - in (Bsp.: arz â t 'Arzt' zu arz â tinne 'Ärztin') (vgl. Willmanns 1896:310). Die drei Movierungssuffixe - in, - inna und - inne fielen durch eine Apokope zu der Form - in(n) zusammen; diese gilt wie bereits erläutert als heute produktivste Form der Motionsbildung (vgl. Wilmanns 1896:308).

Die Bildung der Feminina durch das Suffix - in wurde im Späthd. produktiver, da sie die Aufgabe übernimmt „ […] die Geschlechtsspezifikation aufrechtzuerhalten, die ansonsten durch die im Verlauf des Spätahd. (11. Jahrhundert) einsetzende Endsilbenabschwächung durch phonologische Angleichung von - â ri und - â ra verlorengegangen wäre“ (Rabofski 1990:51). Im Gegenwartsdeutschen stellt das Suffix - in schließlich das dominierende Movierungssuffix dar (Fleischer/Barz 2012: 236), da es sich gegenüber allen anderen Suffixen, vor allem aufgrund seines Status als Genusmarker, durchsetzen konnte. Das folgende Kapitel befasst sich daher mit der Rolle des Movierungssuffix - in als Genusmarker befasst werden, um im daran anknüpfenden Kapitel unter anderem in dieser Hinsicht einen kontrastiven Vergleich zum Niederländischen zu ziehen.

2.2 Das Movierungssuffix - in als Genusmarker

Im Deutschen hat sich das Suffix - in, welches seit dem Althochdeutschen der Movierung dient, bis heute als wichtigstes und produktivstes Mittel der Motionsbildung gegenüber allen anderen Suffixen durchgesetzt. Dazu trägt in erster Linie auch seine Stellung als Genusmarker bei, welche ihm im Rahmen eines Grammatikalisierungsprozesses in der jüngsten Sprachgeschichte zuteil wurde.

Im Gegenwartsdeutschen besteht zunächst eine starke Tendenz dazu, mit dem Suffix - in auf weibliche, also belebte, Referenten zu prädizieren. Die - in Bildungen stimmen folglich mit den Nomina in der Subjektposition bezüglich des natürlichen Geschlechts überein (vgl. Nübling et al. 2013:86), wie es das folgende Schaubild aus Nübling et. al 2013:87 zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 35 aus Nübling et.al 2013:87

Hierbei handelt es sich um semantische Kongruenz, welche nicht zwangsläufig mit der grammatischen Kongruenz übereinstimmen muss, wie es das zweite Beispiel in dem oben aufgeführten Schaubild verdeutlicht. Darüber hinaus zeigt das Schaubild, dass „[...] der Gebrauch der prädikativen - in Bildungen nicht grammatisch, d.h. durch das feminine Genus, sondern in erster Linie semantisch, d.h. durch das weibliche Geschlecht des Referenten ausgelöst wird“ (Nübling et al. 2013:86).

[...]


1 Die Gründe hierfür werden in Kapitel 2.2 näher erläutert

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668741966
ISBN (Buch)
9783668741973
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431056
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Fachbereich 05: Philosophie und Philologie – Deutsches Institut
Note
2,7
Schlagworte
Movierung kontrastiv Deutsch-Niederländisch

Autor

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