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Sigmund Freud und die moderne Psychoanalyse. Motivationstheorien im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 12 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Motivationstheorie nach Sigmund Freud
2.1 Triebtheorie
2.2 Selbsterhaltungstrieb
2.3 Todestrieb

3 Ansichten der modernen Psychoanalyse

4 Kritik

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Papierbasierte Quellen

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich in dem Schwerpunkt mit den „Motivationsthe- orien nach Freud im Vergleich zu modernen psychoanalytischen Ansätzen“. Grundlage bilden Freuds Werke der Jahre 1905 bis 1933. Diese werden im Weiteren mit Motivati- onstheorien von psychoanalytischen Theoretikern des 21. Jahrhunderts verglichen um festzustellen, in wie weit Freuds Ansichten heute noch angewendet werden können.

2 Motivationstheorie nach Sigmund Freud

Die Grundlagen für Freuds Motivationstheorien stammen aus Beobachtungen klinischer Patienten. Auf dessen Basis entwickelt er seine psychoanalytischen Konzepte. Zentral für seine Ansichten ist der Begriff des psychologischen Determinismus. Alle Gedanken und Handlungen haben eine Ursache und können erklärt werden. Diese Ansätze verdeutlicht er durch Aufstellung verschiedener Konzepte und Modelle. Im Folgenden wird das Hauptaugenmerk auf das Triebkonzept gelegt.1

2.1 Triebtheorie

Die Motivationstheorie und die Triebtheorie werden in der Psychoanalyse lange Zeit gleichgesetzt. Die Triebtheorie bildet den Kern der psychoanalytischen Theorie und wird von Sigmund Freud zeitlebens weiterentwickelt. Dieser schreibt selbst, dass die Trieb- lehre das bedeutsamste aber dennoch unfertigste St ü ck der psychoanalytischen Theorie sei.2 Den Inhalt dieser Triebe füllt Freud im Laufe seiner Entwicklung mit unterschiedli- chen, mehrfach abgeänderten Komponenten. Einige Aspekte bleiben aber über all diese Zeit konstant. Freud versteht unter dem Trieb eine konstante Kraft, die aus dem Inneren des Organismus stammt. Er unterscheidet dabei in Triebquelle, -objekt und -ziel. Die Quelle ist dabei ein Erregungszustand im K ö rperlichen 3, der das Ma ß an Arbeitsauffor- derung an das Seelenleben4 stellt und als Bedürfnis oder Wunsch psychisch wirksam wird. Motivationstheorie nach Sigmund Freud 4 Das Ziel eines Triebwunsches ist die Befriedigung durch die Aufhebung des Spannungs- zustandes der Erregung.5 Das Objekt ist das variabelste am Trieb. Zunächst ist der Trieb eine objektlose Kraft, die einen Drang auf die Psyche ausübt, um eine bestimmte Befrie- digung zu erreichen.6 Am Beispiel des Hungergefühls versucht Freud seine Theorie zu veranschaulichen. Die Triebquellen, interne Reize, sorgen dafür, dass wir ein Hungerge- fühl empfinden. Triebobjekte, geeignete Nahrungsmittel, sorgen durch Einnahme dafür, dass das Hungergefühl befriedigt wird. Das Triebziel ist somit erreicht. Triebe sind ein Grund dafür, dass sich Menschen zu einer Handlung motivieren lassen. Nicht alle Triebe lösen jedoch nach Freud eine motivierte Handlung aus, sondern sind zunächst nur als Wunsch, bewusst oder unbewusst, in uns präsent. Daher ist es für Freud wichtig zu un- terscheiden, welche Arten von Trieben es gibt.7 In der früheren Variante von Freuds The- orieansätzen existieren im Wesentlichen zwei Grundtriebe, die das Handeln energetisie- ren; die Aggression und die Sexualität. Der Aggressionstrieb dient lediglich der Selbster- haltung des Menschen. Der Sexualtrieb zielt vielmehr auf die Arterhaltung ab. Gerade hier spielen Gedanken und Einflüsse Darwins eine wichtige Rolle. Später ändert Freud diese Thesen in den Selbsterhaltungs- und den Todestrieb ab.

2.2 Selbsterhaltungstrieb

In den Selbsterhaltungstrieb führt er seinen bisherigen Ansichten zwei Änderungen hinzu. Selbsterhaltung und Lustgewinn sind nicht voneinander zu trennen. Beide Antriebsquellen des menschlichen Verhaltens sind identisch. Selbsterhaltungstriebe werden mit den Sexualtrieben zu den Lebenstrieben gezählt. Freud bezeichnet sie auch als Eros, nach der griechischen Mythologie dem Gott der Liebe. Unter Eros versteht man die Gesamtheit der Triebe, die eine Vereinigung schaffen und die Art aufrecht erhalten.8 Die Sexualtriebe stellen dabei die dem Objekt zugwandten Anteile am Eros dar.

2.3 Todestrieb

Der Todestrieb verkörpert das Prinzip der Zerstörung. Es handelt sich um ein den Le- benstrieben entgegenstehendes Drängen, welches das Individuum in den anorganischen Zustand zurückführen will. Freud führt weitere Beobachtungen an und kam zu der Motivationstheorie nach Sigmund Freud 5 Schlussfolgerung, dass es etwas - jenseits des Lustprinzips - geben m ü sse.9 Kinder haben häufig Freude an Spielen, bei denen sie unangenehme und oft Furcht einflößende Vor- gänge wiederholen. Freud stellt die Vermutung an, das wiederholte Erleben dieser angst- besetzten Vorgänge stelle den Versuch dar, diese kontrollieren zu lernen. Bei Erwachse- nen beobachtet Freud in seiner therapeutischen Praxis ähnliches Vorgehen. Freud nimmt an, sie würden damit offenbar versuchen negative Erlebnisse zu verarbeiten und sie so weniger schmerzhaft werden zu lassen. Er interpretiert dieses Bestreben als einen Ver- such, in einen Zustand der Ruhe zurückzukehren, der ohne Stimulation ist. Dieser Gleich- gewichtszustand ohne Stimulation, auch als Homöostase bekannt, wird als äußerst ange- nehm wahrgenommen. Der einzige Zustand ohne Stimulation ist jedoch der Tod. Freud schließt aus diesen Beobachtungen, dass das Ziel allen Lebens der Tod sei.10 Mit der Ein- führung des Todestriebes verbindet Freud den Wiederholungszwang. Er versucht mit Hilfe dieses Konzeptes zu erklären, warum Neurotiker immer wieder aktiv schmerzvolle Erlebnisse in ähnlichen Situationen wiederholen, aus denen sie keine Lust oder Befriedi- gung schöpfen. Er bezeichnet den Wiederholungszwang als eigenen Zwang, einen Quasi- Trieb.11 Freud selbst schreibt in seinem eigenen Werk „Jenseits des Lustprinzips“ aus dem Jahr 1923:

„Ü ber die Triebe habe ich k ü rzlich eine Anschauung entwickelt, der man zwei Triebarten zu unterscheiden hat, von denen der eine, Sexualtriebe oder Eros, die bei weitem auff ä l- ligere und der Kenntnis zug ä nglichere ist. Sie umfasst nicht nur den eigentlich unge- hemmten Sexualtrieb [ … ], sondern auch den Selbsterhaltungstrieb [ … ]. Aufgrund theo- retischer, durch die Biologie gest ü tzter Ü berlegungen, postulieren wir einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende in den leblosen Zustand zur ü ckzu- f ü hren, w ä hrend der Eros das Ziel verfolgt, [ … ] das Leben [ … ] zu erhalten. Die Entste- hung des Lebens w ä re also die Ursache des Weiterlebens und gleichzeitig auch des Stre- bens nach dem Tod, das Leben selbst ein Kampf und Kompromiss zwischen diesen beiden Strebungen. “ 12

Im Laufe der Entwicklung der Triebtheorie verändern sich somit die Inhalte der Triebe, also die Annahmen über die dem menschlichen Verhalten zugrundeliegenden primären Kräfte. Ein Trieb ist aber nicht unweigerlich gleichzusetzen mit einem Motiv. Dies wird in verschiedenen Konzeptionen von Freud deutlich. Vielmehr lassen sich Triebe nach Freud als abstrakte Konstrukte, allgemeine Prinzipen, verstehen. Aus diesen Prinzipien entstehen dann Motive, die sich wiederum in Bedürfnisse, Wünsche und Handlungen ma- nifestieren.13

3 Ansichten der modernen Psychoanalyse

Trotz aller Uneinigkeiten stimmen alle aktuellen Theoretiker in einem Punkt überein. Die Triebtheorie nach Sigmund Freud ist insgesamt als überholt anzusehen, wenn es um die Erklärungsversuche der menschlichen Motivation geht. Die Meinungen darüber gehen soweit, dass einige dafür plädieren, sich komplett von Freuds Ansätzen zu verabschieden. Die Mehrheit spricht sich jedoch dafür aus, sie an aktuelle Entwicklungen der Psycho- analyse anzupassen. Zu den Vertretern der zweiten Kategorie gehört unter anderem Otto F. Kernberg, einer der einflussreichsten Psychoanalytiker der letzten Jahrzehnte. Seiner Ansicht nach muss die Triebtheorie im Allgemeinen neu überdacht und gegebenenfalls angesichts vieler neuer Erkenntnisse in den biologischen Wissenschaften überprüft wer- den.14 Die Neuropsychoanalyse, welche einen Dialog mit den Neurowissenschaften sucht, ist zur Überprüfung der Freud´schen Motivationstheorie besonders gut geeignet. Freud sagt schließlich selbst:

„ W ä hrend die psychoanalytische Arbeit sonst bestrebt ist, ihre Lehren m ö glichst unab h ä ngig von denen anderer Wissenschaften zu entwickeln, sieht sie sich doch gen ö tigt, f ü r die Trieblehre Anlehnung bei der Biologie zu suchen “ .15

Mark Solms, der wichtigste Vertreter der Neuropsychoanalyse, vertritt die Ansicht, dass Freuds Triebtheorie aus heutiger Sicht abzulehnen ist. Die Psychoanalyse muss heute von verschiedenen, angeborenen Instinkt- und Affektsystemen ausgehen.16 Auch Kernberg kommt zu einer ähnlichen Annahme nämlich, dass verschiedene, angeborene Instinktsys- teme dafür zuständig sind.17 Deswegen sind etliche Aspekte der Freud´schen Triebtheorie als kritisch zu betrachten. Dies ist zum einen Freuds Annahme über einen Todestrieb.

[...]


1 Vgl. Immel, P., 2017, S. 2

2 Vgl. Freud, S., 1905, S. 67

3 Vgl. Freud, S., 1933, S. 530

4 Vgl. Freud, S., 1905, S. 67

5 Vgl. Freud, S., 1933, S. 530

6 Vgl. Freud, S., 1915b, S. 215

7 Vgl. Rudolph, U., 2003, S. 23

8 Vgl. Laplanche & Pontalis, 1992, S. 43

9 Vgl. Freud, S., 1920

10 Vgl. Freud, S., 1923/2000, S. 307

11 Vgl. Laplanche & Pontalis, 1992, S. 628

12 Freud, S., 1923/2000, S. 307

13 Vgl. Döll-Hentschker, 2008, S. 173

14 Vgl. Kernberg, O. F., 2001, S. 51

15 Vgl. Freud, S., 1923b, S. 232

16 Vgl. Solms M., 2015, S. 79

17 Vgl. Kernberg, O. F., 2014

Details

Seiten
12
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668739727
ISBN (Buch)
9783668739734
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v431023
Institution / Hochschule
Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung; ehem. VFH Wiesbaden
Note
14 Punkte
Schlagworte
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