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Goethes Ballade "Der König in Thule" und ihre Stellung im "Faust"

Hausarbeit 2014 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1. „Der König in Thule“ im „Faust“

2. Interpretation
2.1 Bedeutung des volksliedhaften Charakters und der Symbole
2.2 Vergleich der Fassungen aus „Urfaust“ und „Faust“
2.3 Resümee

3. Wirkungsgeschichte

4. Literaturverzeichnis

1. „Der König in Thule“ im „Faust“

Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Der König in Thule“ zählt zu seinen bekanntesten Dichtungen. Entstanden um 1774, wurde sie erstmals 1782 in einer Volksliedsammlung abgedruckt, dort aber bereits mit der Anmerkung, dass sie aus seinem Drama „Faust“ stamme1 ; genauer, einer Abschrift des „Urfaust“, einer frühen Fassung des ersten Teils des Dramas. Das Gedicht taucht dort zu Beginn der sogenannten „Gretchentragödie“ auf, in der sich Faust, der Protagonist des Dramas, in das titelgebende Mädchen verliebt, sie aber letztlich ins Verderben stürzt. Es wird von Margarete, genannt Gretchen, gesungen, kurz nachdem sie Faust das erste Mal begegnet ist. So wie das gesamte Drama wurde auch die Ballade von Goethe später in ihrem Text etwas abgeändert.

Es stellt sich die Frage, warum Margarete das Gedicht im Stück singt und warum gerade an dieser Stelle. Im Folgenden soll es nun darum gehen, das Gedicht in seinen einzelnen Versen zu untersuchen, seine Geschichte und die Symbole, die darin auftauchen, zu interpretieren und beides mit der übergeordneten Handlung im „Faust“ in einen Zusammenhang zu setzen, wobei die spätere Fassung die Grundlage der Analyse darstellen soll. Anschließend sollen die beiden unterschiedlichen Fassungen verglichen werden, um herauszuarbeiten, warum die Änderungen stattfanden, wie diese die Bedeutung veränderten und wie die Stellung im Kontext sich dadurch veränderte. Diese verschiedenen Schwerpunkte sollen dazu dienen, die Frage nach der Bedeutung des „Königs in Thule“ im „Faust“ zu beantworten.

2. Interpretation

2.1 Bedeutung des volksliedhaften Charakters und der Symbole

Margarete trägt das Gedicht in ihrem Schlafgemach vor, kurz nachdem Faust und Mephisto selbiges verlassen haben. Faust, der in Liebe zu Margarete entflammt ist, hat dort ein Schmuckkästchen versteckt, das Mephisto auf seinen Befehl hin gestohlen hat, um es Margarete zu schenken. Sie spürt, dass sich die Atmosphäre im Zimmer verändert hat, auch wenn sie nicht genau benennen kann, woran es liegt. Während sie sich auszieht, beginnt sie dann zu singen.

Das Gedicht handelt von dem titelgebenden König und dessen letzten Lebensjahren, in denen ein Geschenk seiner verstorbenen Geliebten sehr wichtig für ihn geworden ist. Das artikulierte Ich erzählt die Geschichte das ganze Gedicht über neutral in der dritten Person. Angesiedelt ist die Handlung augenscheinlich in einer weit zurückliegenden Vergangenheit, was durch die einleitenden Worte „Es war...“ ausgedrückt wird, welche Ähnlichkeit zu der allgemein bekannten Anfangsformel „Es war einmal...“ aufweisen, die am Anfang zahlreicher Märchen steht.

Zusätzlich unterstrichen wird das durch die Wahl des Handlungsortes, das sagenumwobene „Thule“. Dieser Name, der durch die antiken Philosophen Vergil und Seneca geprägt worden war, beschreibt das „fernste nördliche Reich“2, die am weitesten im Norden gelegene Insel der damals bekannten Welt. Von Ptolemäus wurde angenommen, dass Thule etwa dort lag, wo sich die Shetlandinseln befinden.3 Der Name weckt also Assoziationen an das mystisch-nordische. Gleichzeitig bezeichnete Thule auch als dem gemeinen Volk bekannter Begriff einen imaginären, paradiesischen Ort.4 In Per Øhrgaards Aufsatz über das Gedicht im „Goethe-Handbuch“ heißt es dazu:

G.s durch Herder vermittelte und im Elsaß im Aufhaschen der Lieder aus denen „Kehlen der ältsten Müttergens“ paart sich hier mit seiner gleichzeitig entdeckten Vorliebe für Mittelalterliches und eine fiktionale nordische Frühzeit, wie sie die Zeitgenossen in der Ossian-Dichtung gegenwärtig sahen.5

Verfasst ist die Ballade in sechs Strophen mit je vier Versen, welche immer in Kreuzform gereimt sind. Die einzelnen Verse stehen in regelmäßigen, dreihebigen Jamben und enden abwechselnd mit weiblicher und männlicher Kadenz. Somit ist die Ballade der Gedichtform der Volksliedstrophe zuzuordnen.6

Dabei handelt es sich allerdings eher „um eine bestimmte Aneignung des Volksliedhaften; Simplizität und Altertümlichkeit“ sind „kunstvoll erzeugt“.7 Die Sprache ist nicht so einfach und volkstümlich, wie es den Anschein hat, was die Zusammensetzungen

„Königsmahle“ (V. 13) und „Väter-Saale“ (V. 15) in der vierten sowie „Lebensglut“ (V. 18) in der fünften Strophe beweisen.8 Auch im Namen „Thule“ zeigt sich, wie schon erwähnt, eine gewisse Ambivalenz. Einerseits in der Gelehrtensprache die Bezeichnung für einen „äußersten Rand“, eine Ausschließlichkeit,9 andererseits hat er eine gewisse märchenhafte Bedeutung. Der Volksliedton ist also „mehr Zitat als Natur“.10 Dieser Gegensatz zwischen dem Volksliedcharakter und der eher gelehrten Form der Sprache könnte im Kontext des Dramas auf die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Faust und Margarete hinweisen: er ist ein gebildeter Professor, sie ein Mädchen aus dem einfachen Volk. Auch der große Altersunterschied zwischen ihnen spielt dabei wohl eine Rolle. Obwohl Faust kurz zuvor äußerlich auf magische Weise verjüngt wurde, ist er innerlich nach wie vor ein Mann mit einem reichen Grad an Lebenserfahrung, wogegen sie noch jung und unerfahren ist.

Die bestimmenden Motive der Ballade sind augenscheinlich die Treue und der Tod. Schon in der zweiten Verszeile heißt es, dass der König „gar treu bis an das Grab“ war, womit die weitere Handlung vorweggenommen wird.11 Diese konzentriert sich in den ersten drei Strophen noch auf vergangene Erlebnisse des Königs, während in der zweiten Hälfte das Augenmerk auf einen einzigen bestimmten Zeitpunkt gerichtet wird: den letzten Tag in seinem Leben.

[...]


1 Vgl. Øhrgaard, Per: Der König in Thule. In: Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. Hrsg. von Regine Otto u. Bernd Witte. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler 1996. S. 132-134; hier S. 132

2 Vgl. Goethe, Johann Wolfgang von: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Hrsg. von Erich Trunz. Hamburg 1948-1964. Band 1: Gedichte. Textkritisch durchgesehen u. kommentiert von Erich Trunz. 16. durchgesehene Auflage 2007. München: Verlag C.H. Beck 1981. S. 511

3 Vgl. Lenz, Siegfried: Der Mittelpunkt der Welt. In: 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Band 2: Johann Wolfgang von Goethe. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. 3. Auflage 1996. Frankfurt a. M. u. Leipzig: Insel Verlag 1994. S. 63-65; hier S. 63.

4 Vgl. Goethe, Johann Wolfgang von: Faust-Dichtungen. Band 2: Kommentar I. Hrsg. von Gaier, Ulrich. Stuttgart: Reclam 1999. S. 353.

5 Øhrgaard, Per: Der König in Thule. In: Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. S. 132-134; hier S. 132

6 Vgl. Felsner, Kristin; Helbig, Holger; Manz, Therese: Arbeitsbuch Lyrik. Berlin: Akademie Verlag 2008. S. 91.

7 Vgl. Øhrgaard, Per: Der König in Thule. In: Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. S. 132-134; hier S. 132.

8 Vgl. Mayer, Mathias: Warum eigentlich »Thule«? Goethes Ballade »Der König in Thule« als Ausnahme. In: Goethe-Jahrbuch 2011. Hrsg. von Jochen Golz, Albert Meier u. Edith Zehm. Göttingen: Wallstein Verlag 2012. S. 188-197; hier S. 190.

9 Ebd. S. 191.

10 Ebd. S. 190.

11 Vgl. Øhrgaard, Per: Der König in Thule. In: Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. S. 132-134; hier S. 133.

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668738515
ISBN (Buch)
9783668738522
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430907
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur
Note
3,0
Schlagworte
Goethe Ballade Der König in Thule Faust Dichtung Drama

Autor

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Titel: Goethes Ballade "Der König in Thule" und ihre Stellung im "Faust"