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Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili" zwischen Geschichte und Literatur

Hausarbeit 2016 27 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili (1807)
2.1 Inhaltsangabe
2.2 Historischer Hintergrund
2.3 Literarische Besonderheiten

3. „Das Erdbeben in Chili" zwischen Geschichte und Literatur
3.1 Aspekteder Geschichtsphilosophie
3.2 Moral und Philosophie in Form der Erzahlung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,ln St. Jago, der Hauptstadt des Konigreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der gro Ben Erderschutterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefangnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken.1

Mit diesem Satz wird der Leser durch Heinrich von Kleist in seine Erzahlung Das Erdbeben in Chili gleichsam hinein katapultiert. Fur Zeitgenossen wird es offensichtlich gewesen sein, dass Kleist sich hier mit dem Erdbeben auf ein reales historisches Ereignis bezieht. Zu Beginn der Erzahlung fuhrt dieses au Gergewohnliche Ereignis dazu, dass die Welt der Protagonisten auf den Kopf gestellt wird, wodurch weitere Veranderungen ausgelost und weitere Handlungsstrange entwickelt werden. Dies gilt es, im Laufe dieser Arbeit nachzuvollziehen und nach einer Inhaltsangabe zunachst den historischen Hintergrund zu beleuchten.

Anschlie Gend zeichnet die Arbeit nach, welche Beziehungen zwischen Geschichte und Literatur vor und zu Kleists Zeit diskutiert wurden und sich im speziellen im Erdbeben in Chili manifestieren. Die These ist hierbei, dass sich Geschichte und Literatur als zunachst entgegengesetzt erscheinende Disziplinen beeinflussen und in der Deutung eines konkreten Gegenstandes nicht zu trennen, sondern vielmehr in ihrer Wechselwirkung zu betrachten sind:

,,Das Verhaltnis von Historie und Poesie ist in dieser Zeit [um 1800, Anm. d. A.] nur als inverses zu begreifen. Zu zeigen ist dies anhand ihrer philosophischen Reflexion, der wechselseitigen Bestimmung von Geschichtsphilosophie und Poetik."2

Erst in dieser wechselseitigen Interpretation kann Kleists Erzahlung ihre voile Wirkung entfalten und offenbart dabei, wie zu zeigen sein wird, eine eigene Dynamik und gewisse Eigenart des Kleistschen Erzahlens im Allgemeinen. Ausgehend von Gattungen und Theorien der Aufklarung wird das Erdbeben in Chili sowohl geschichtsphilosophisch als auch literaturwissenschaftlich versucht, einzuordnen. Dabei wird auf theoretische Arbeiten u.a. von Johann Christoph Gottsched, Friedrich Schiller und Jean-Jacques Rousseau eingegangen, um Kleists Schaffen in Nachfolge Oder in direktem Bezug auf diese zu erklaren. Die Grundlage fur die Interpretation bildet jedoch im ersten Kapitel die Erzahlung selbst, um anhand ihrer Merkmale und Hintergrunde Schlussfolgerungen ziehen zu konnen. Denn

„die wenigen Selbstzeugnisse, die es von ihm gibt, erlauben es nicht, Kleist bestimmte asthetische Vorstellungen zuzuweisen; wir wissen nicht, welche Bedeutung er dem Erzahlen gegeben hat. Wir sind daher darauf angewiesen, aus den Erzahlungen selbst und aus den Rahmenbedingungen, in denen sie publiziert und rezipiert (oder nicht rezipiert) worden sind, eine Funktionsbestimmung seines Erzahlens zu erschliefcen."3

Dieser ubergeordneten Aufgabe geht die vorliegende Arbeit anhand von Literatur aus den Disziplinen der Literatur- wie der Geschichtswissenschaften nach.

2. Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili (1807)

2.1 Inhaltsangabe

Die Erzahlung Das Erdbeben in Chili spielt im Jahr 1647 in der Hauptstadt „St. Jago“ des Konigreiches „Chili“. Die Handlung beginnt im Moment des Erdbebens, welches zeitgleich eintritt, als der Protagonist Jeronimo Rugera sich im Gefangnis erhangen will. Die Vorgeschichte zur Verurteilung Jeronimos wird daraufhin erzahlt: Er war als Lehrer bei einem der reichsten Manner der Stadt eingestellt, wo er ein Verhaltnis mit dessen Tochter Donna Josephe begann. Nachdem beide die Beziehung auch im Kloster, in das Josephe von ihrem Vater als Strafe geschickt wurde, fortfuhren konnten, gebar diese wahrend der Fronleichnamsprozession den gemeinsamen Sohn Philipp. Josephe wurde daraufhin zum Tode verurteilt und Jeronimo beschloss, sich das Leben zu nehmen, wahrend sie zum Richtplatz gefuhrt wird. Das Erdbeben unterbricht an eben dieser Stelle, also wahrend Josephes Todesurteil vollstreckt werden soil und Jeronimo entschlossen ist, sich umzubringen, die Handlung. Jeronimo kann das zertrummerte Gefangnis verlassen und kurz darauf finden er, Josephe und der von ihr gerettete Sohn Philipp sich au Gerhalb der Stadtmauern wieder:

„Und das Herz hupfte ihm bei diesem Anblick: er sprang voll Ahndung uber die Gesteine herab, und rief: O Mutter Gottes, du Heilige! Und erkannte Josephen, als sie sich bei dem Gerausche schuchtern umsah. Mit welcher Seligkeit umarmten sie sich, die Unglucklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte! Josephe war, auf ihrem Gang zum Tode, dem Richtplatze schon ganz nahe gewesen, als durch den krachenden Einsturz der Gebaude plotzlich derganze Hinrichtungszug auseinandergesprengt ward."4

Glucklich uber ihre Wiedervereinigung schlaft die Familie unter einem Granatapfelbaum ein. Am nachsten Morgen wird Josephe von Don Fernando, der sich als ein alter Bekannter herausstellt, gebeten, seinen Sohn zu stillen, da seine Frau Donna Elvire dazu nicht in der Lage sei. Nachdem Josephe diese Hilfe zugesagt hat, setzen sich die Familien zusammen an ein Feuer. Jeronimo und Josephe wundern sich, dass die Adligen nichts gegen ihre Gesellschaft einzuwenden haben, da diese vorher von der Richtigkeit der Verurteilung beider uberzeugt waren. Es entsteht eine neue Gesellschaft, in der die „Gemuter, seit dem furchterlichen Schlage, der sie durchdrohnt hatte, alle versohnt"5 scheinen und „Menschen von alien Standen durcheinander liegen [...]: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hulfe reichen, [...] als ob das allgemeine Ungluck alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hatte."6

Jeronimo und Josephe schmieden Zukunftsplane, als die Nachricht eintritt, dass in der einzigen Kirche, die nach dem Erdbeben noch stunde, eine Messe abgehalten werde. Don Fernandos Vorschlag, daran teilzunehmen, wird von Josephe angenommen, die au Gert, dass sie „den Drang, ihr Antlitz vor dem Schopfer in den Staub zu legen, niemals lebhafter empfunden habe, als eben jetzt, wo er seine unbegreifliche und erhabene Macht so entwickle."7 Trotz einer „unglucklichen Ahndung"8 einer Freundin, die Don Fernando warnt und letztlich zuruckbleibt, bricht dieser mit Josephe, die dessen Sohn Juan tragt, sowie Jeronimo, Philipp und Freunden zur Messe auf. Wahrend der Predigt bezeichnet der alteste Chorherr das Erdbeben als Folge des sundhaften Lebens in St. Jago und erwahnt als Beispiel das Verhaltnis von Jeronimo und Josephe im Klostergarten, die er darum der Holle preisgibt. Die anderen Messteilnehmer gehen daraufhin auf die Gesellschaft urn Don Fernando los, da Verwirrung urn die genaue Identitat der Personen und Kinder herrscht. Die Angegriffenen schaffen es zwar noch bis auf den Vorplatz der Kirche, dort wird Jeronimo jedoch identifiziert und durch eine Keule niedergeschlagen, ebenso Don Fernandos Schwagerin, die mit Josephe verwechselt wird. Obwohl Don Fernando, der Philipp auf dem Arm tragt, die Menge zunachst mit seinem Schwert zuruckdrangen kann, sieht Josephe keinen Ausweg und gibt sich, nachdem sie Don Fernando seinen Sohn Juan ubergeben hat, der Masse hin, „um dem Kampf ein Ende zu machen."9 Die Masse hingegen fordert auch den Tod Philipps und kann schlie Glich Don Fernando, der nun beide Kinder tragt, Juan aus den Armen rei Gen und falschlicherweise ihn anstatt Philipp toten.

Don Fernando bleibt mit Philipp allein vor der Kirche zuruck und lasst die Leichen zu einem Bekannten bringen; die Erzahlung endet damit, dass er und seine Frau Philipp als Pflegesohn aufnehmen.

2.2 Historischer Hintergrund

Den historischen Hintergrund zu Das Erdbeben in Chili bildet einerseits das Erdbeben in Santiago de Chile, welches sich, wie von Kleist angegeben, im Jahr 1647 ereignete und namensgebend fur die Erzahlung ist. Zeitgenossische Berichte uber die Vorkommnisse haben Kleist vermutlich vorgelegen, es ist jedoch nicht zu rekonstruieren, welche genauen Quellen Kleist verwendete.10 Die Hauptstadt Chiles war bei dem Erdbeben fast vollstandig zerstort worden, so wie es auch in Das Erdbeben in Chili passiert, auch von einer Predigt in einer erhaltenen Kathedrale sind Berichte uberliefert.11 Aufgrund von Abweichungen in der Erzahlung vom historischen Ablauf kann jedoch grundsatzlich angenommen werden,

,,[...] dass Kleist mit Sicherheit einige rudimentare geographische Kenntnisse uber Chile und Santiago aus zeitgenossischen Berichten gewonnen hat, dass erdie historischen und geographischen Angaben im Text aber lediglich als au Berliche Orientierungsdaten verwandte."12

Ein aktuellerer Bezug hat sich fur Kleist andererseits mit dem Erdbeben von Lissabon aus dem Jahr 1755 dargeboten, das aufgrund der geographischen Nahe und der sich anschlie Genden philosophisch-theologischen Diskussion als presenter in seinem Gedachtnis angesehen werden kann. Das Erdbeben von Lissabon kann in seinen Ausma Gen mit dem von Santiago de Chile verglichen werden; beide unweit vom Meer gelegenen Hauptstadte wurden fast vollstandig zerstort und zogen eine gro Ge Zahl von Todesopfern nach sich. Jedoch loste das Erdbeben von Lissabon im Zeitalter der Aufklarung in Europa eine gro Ge Wende im Denken uber solche Naturkatastrophen aus, was sich in einer philosophischen Diskussion, die in Frankreich ihren Ausgangspunkt nahm, zeigte.

Vorangegangen war die Frage nach der Theodizee, also der Frage nach der Rechtfertigung Gottes trotz des Ubels in der Welt, die von Gottfried Wilhelm Leibniz in seinen Essais de Theodicee (1710) angesto Gen wurde. Wahrend Leibniz und, in extremerer Form, Alexander Pope {An Essay on Man, 1733/34), an dem Optimismus festhielten, dass Gott die beste aller moglichen Welten geschaffen habe, wurde die Debatte unter den Eindrucken des Erdbebens von Lissabon neu aufgenommen und hinterfragt. Beruhmt geworden ist diese vor allem durch Voltaire, der 1756 ein Gedicht mit dem Titel Poeme sur le desastre de Lisbonne veroffentlichte, das er mit dem Untertitel Ou examen de cet axiome: „Tout est bien“ versah. Das Gedicht behandelt in durchaus polemischer Weise das Festhalten an dem metaphysisch- optimistischen Grundsatz „Alles ist gut“ trotz Natur- und anderer Katastrophen und stellt der christlichen Argumentation Leibniz' und Popes wiederum christliche Fragen entgegen:13

,,« Tout est bien, dites-vous, et tout est necessaire. »

Quoi! I’univers entier, sans ce gouffre infernal,

Sans engloutir Lisbonne, eut-il ete plus mal ?

Etes-vous assures que la cause eternelle Qui fait tout, qui sait tout, qui crea tout pour elle,

Ne pouvait nous jeter dans ces tristes climats Sans former des volcans allumes sous nos pas ?

Borneriez-vous ainsi la supreme puissance ?

Lui defendriez-vous d'exercer sa clemence ? “14

Voltaires Gedicht erfuhr gro Ge Aufmerksamkeit in Europa und wurde kontrovers diskutiert und kommentiert. Jean-Jaques Rousseau reagierte noch im Jahr der Veroffentlichung mit einem Brief an Voltaire und kritisierte darin, dass Voltaire versuche, an seinem Gottesglauben festzuhalten, dadurch aber keine Erklarung fur das Erdbeben mehr liefern konne (vgl. Kapitel 3 dieser Arbeit). Auch in Deutschland wurde diese Diskussion aufgenommen und kontrovers gefuhrt. So hatte die Berliner Akademie der Wissenschaften im Jahr des Erdbebens 1755 eine Preisfrage zur „Untersuchung des Popeschen Systems, wie es in dem Lehrsatz »Alles ist gut« enthalten ist" ausgeschrieben.15 Auch auf diese Ausschreibung kann das Gedicht Voltaires als Antwort gelesen werden, der mit dem preu Gischen Konig Friedrich II. und der Berliner Akademie der Wissenschaften bekannt war. Als „europaisches Ereignis"16 leitete das Erdbeben von Lissabon, insbesondere durch Voltaires Gedicht, eine Wende im Gedankengut der Aufklarung ein:

„Mit Voltaires Gedicht ist in geistesgeschichtlicher Hinsicht ein entscheidender Schritt gegen den im Gottesglauben fundierten Optimismus der Aufklarung getan und eine Wende zum aufgeklarten Pessimismus oder Skeptizismus eingeleitet."17

Festhalten lasst sich fur die historische Ausgangssituation fur Kleists Erzahlung zunachst, dass ihm das Erdbeben von Lissabon und auch die philosophische Diskussion darum bekannt gewesen sein werden. Hinzuweisen ist an dieser Stelle jedoch auf die „geistesgeschichtliche »Verspatung«“18, mit der Kleist Das Erdbeben in Chili verfasste; erst 1807 veroffentlichte er seine Erzahlung, uber 50 Jahre nach dem Erdbeben von Lissabon und Voltaires Gedicht. Trotzdem lasst sie sich in die aufklarerische Diskussion um Theodizee, Naturkatastrophen und den Ruckkehr zum Naturzustand des Menschen (vgl. Kapitel 3) einordnen. Eine Erklarung fur die verspatete Auseinandersetzung mit diesen Themen und Autoren liefert Henri Brunschwig anhand der Nationalist Kleists: Er habe „in dem europaischen Staatswesen, das am tiefsten und langsten vom Rationalismus durchdrungen war und in dem der Umschlag zur Romantik sich radikal vollzog"19 gelebt. Ingo Breuer hebt daruber hinaus die Pragung Kleists durch die franzosische Aufklarung aufgrund der engen, von Friedrich dem Gro Gen geforderten, deutsch-franzosischen Beziehungen hervor.20 Weiterhin gepragt durch die Umsturze der Franzosischen Revolution sowie die Napoleonischen Kriege, kann vermutet werden, dass sich fur Kleist die Fragen, die das Erdbeben von Lissabon einst bei Voltaire und Rousseau wachgerufen hatte, nun angesichts der Verwustung Europas neu stellten. Wie noch zu zeigen sein wird, bezieht sich Kleist mit dem Erdbeben in Chili auf mehrere Gattungen, Formen und Diskussionen der Aufklarung, entwickelt diese jedoch auch weiter.

2.3 Literarische Besonderheiten

Nach der Beleuchtung des historischen Hintergrunds wird im Folgenden auf einige literarische Besonderheiten des Erdbeben in Chili eingegangen, um Motive und Hintergrunde hervorzuheben und im weiteren Verlauf der Arbeit einordnen zu konnen. Zu Beginn ist die Erzahlperspektive zu benennen, die zunachst auktorial erscheint, jedoch an vielen Stellen von personlichen Wertungen durchbrochen wird. So wird bereits am Anfang auf den „glucklichen Zufall" hingewiesen, der Josephe und Jeronimo zusammenfuhrte und den „Klostergarten zum Schauplatze" ihres „vollen Gluckes"21 machte. Bei ihrem Wiedersehen nach dem Erdbeben umarmen die „Unglucklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte" sich mit „Seligkeit“.22 Manfred Schunicht stellt daher die These auf, dass die Geschichte aus „der Innenperspektive, d. h. Aus der Erlebnisperspektive Jeronimos berichtet."23 Der Erzahler tritt jedoch nie deutlicher als in den zuvor genannten Zitaten in den Vordergrund und kann daher nicht endgultig identifiziert werden, gibt aber in einigen Situationen eine Wertung der Situation, die stets zugunsten der Protagonisten Jeronimo und Josephe erfolgt, ab. Er liefert aber kaum Einblicke in die Gefuhlswelt der handelnden Personen (so bleiben beispielsweise die Motive und Gefuhle von Don Fernando vollkommen unerkannt), was Karl Otto Conrady als ein erzahltechnisches Hauptmittel Kleists identifiziert: „Der Mensch, wie er gezeigt wird, ist ein Handelnder. Fast ausschlie Glich wird nur sein au Geres Tun sichtbar, innere Vorgange werden kaum beschrieben und gewi G nicht analysiert."24

Formal kann Das Erdbeben in Chili in drei Teile gegliedert werden, wobei der erste die Handlung wahrend des Erdbebens und der Flucht von Jeronimo und Josephe darstellt, der zweite die neu entstehende Gesellschaft au Gerhalb der Stadt und der dritte den Gottesdienst und die Ermordung der Hauptcharaktere. Dabei sind besonders Umkehrungen und Zufalle pragend fur die Erzahlung: Eine Naturkatastrophe rettet Jeronimo und Josephe vor dem Tod, in einer postapokalyptischen Welt entsteht eine friedliche Gesellschaft unter Granatapfelbaumen, und der Gottesdienst, der dem Dank fur die Errettung dienen soil, wird schlie Glich zur Todesfalle. In dieser Umkehrung der Erzahlung, die sich von der Einleitung und dem Wiederfinden der Protagonisten gesteigert hat bis zum Hohepunkt der neuen Gemeinschaft und abschlie Gend abfallt bis zur Katastrophe, lasst sich auch der klassische funfteilige Aufbau eines Dramas nach Gustav Freytag erkennen.25 Ein retardierendes Moment zeigt sich beispielsweise zum Ende der Erzahlung in der kurzen Unterhaltung zwischen Don Fernando und einer Freundin, die ihn offensichtlich vor dem Besuch des Gottesdienstes warnen will. Kleist lehnt also die Erzahlung an die klassische Form eines Dramas an, was gewisserma Gen kontrar zu der „au Gerordentlichen Geschwindigkeit",26 in der erzahlt wird, steht. Eine Vielzahl von Gegensatzen und Umschwungen werden in verhaltnisma Gig kurzer Zeit in der Erzahlung gleichsam „abgearbeitet“, was Karlheinz Stierle zu der Schlussfolgerung fuhrt, dass auch die Erzahlform bewusst kontrar zur Wirkung der Handlung gewahlt wurde:

,,So eindeutig, ja kategorial die Geschichte selbst in ihren Phasen artikuliert ist, so wenig folgt der Diskurs dieser Artikulation. So bindet er zusammen, was von der Sache her geschieden zu sein scheint. Daher das Drangende, die atemlose Bewegung, die der Geschichte ihre Dramatik gibt, angefangen mit der narrativen Inversion zu Beginn der Novelle."27

Auf zwei Besonderheiten muss im Anschluss an dieses Zitat hingewiesen werden. Einerseits, als eine stilistische Besonderheit am Anfang der Erzahlung, auf den einleitenden, nuchtern erzahlten und verschachtelten Satz, der typisch fur das Kleistsche Erzahlen ist. Dieser bietet ,,[...] in grower Dichte eine Vielzahl unterschiedlichster Informationen, weckt die gespannte Erwartung nach weiteren Erlauterungen und dem Fortgang des Geschehens."28 Auch hier steht die Vielzahl an Informationen also im Gegensatz zur kurzen, nuchternen Erzahlform. Andererseits muss auf die Gattungsform der Novelle, die an mehreren Stellen im Zusammenhang mit dem Erdbeben in Chili Erwahnung findet29, aufmerksam gemacht werden. Es werden als Begrundung fur diese Gattung ebenfalls die Gegensatzlichkeiten in der Erzahlung sowie das Auftreten von Zufallen angefuhrt. So sei fur die Novelle „das Verhaltnis von Zufall und Pragnanz der Erzahlfiguration und die Ambiguitat dieses Zufalls zwischen Sinn und Kontingenz wesentlich."30 Weiterhin liegt der Novelle eine einschneidende Begebenheit zugrunde, die erzahltechnisch zu einem Einsturz der Verhaltnisse fuhren kann, sowie ein rascher Einstieg, eine pointierte Handlung und ein knappes Ende.31 Insofern kann die Erzahlung Das Erdbeben in Chili durchaus in das Schema der Novelle eingeordnet werden, weist jedoch gleichzeitig uber diese Gattung hinaus:

,,Nun ist es kaum au Bergewohnlich, bei einem Dramatiker wie Kleist und im Verlauf von Novellen auf »unerhorte« Situationen zu stolen, in denen Menschen mit einer ihnen feindlichen Umwelt aneinander geraten und Zufalle schicksalhafte Bedeutung gewinnen. Kleist erfullt damit uberindividuelle Gesetze und halt sich im Rahmen der »Gattung Novelle« insofern, als er bestimmte Gestaltungsprinzipien aufgreift, die ihm die Tradition der europaischen Novellistik anbietet. Doch hauft und steigert er die Situationen uber die bisherigen Formen der Novellentradition hinaus, so dass »Situation« und »Zufall« fur seine eigene Dichtung zum Zentralproblem werden [,..].“32

Diese Situationen und Zufalle sind, wie vorhergehend schon erwahnt wurde, oft durch Gegensatze gepragt. Ein sprachliches Merkmal im Erdbeben in Chili, das Gegensatze unterstreicht, ist das haufig verwendete „als ob“ des Erzahlers, so beispielsweise, nachdem Jeronimo das Erdbeben uberlebt hat:

„Er senkte sich so tief, dass seine Stirn den Boden beruhrte, Gott fur seine wunderbare Errettung zu danken; und gleich, als ob der eine entsetzliche Eindruck, der sich seinem Gemut eingepragt hatte, alle fruheren daraus verdrangt hatte, weinte er vor Lust, dass er sich des lieblichen Lebens [...] noch erfreute."33

An dieser Stelle sind es gegensatzliche Gefuhle, die ausgedruckt werden, doch gleichzeitig deutet das ,,als ob“ an, dass durch die Eindrucke des Erdbebens nicht alle fruheren Eindrucke verdrangt wurden. Vielmehr fallt Jeronimo nach dem Dank fur seine Errettung das Schicksal Josephes wieder ein, uber deren Verbleib er im Unklaren ist. Mit dem Stilmittel des ,,als ob“ wird daruber hinaus im Mittelteil der Erzahlung die idyllische Situation au Gerhalb der Stadt geschildert (vgl. Zitat S. 5), sodass der Leser eine Ahnung erhalt, dass dieser Zustand nicht ewig andauern wird. „Das »als« ist immer neu ein Anzeichen, dass der Boden des Sinns und der Verla Glichkeit schwankt."34 Dieser Eindruck wird in dieser Szene verstarkt durch die paradiesartige („a/s ob es das Tal von Eden gewesen ware", DEC S. 194) Beschreibung der Umgebung au Gerhalb der zerstorten Stadt, die ebenfalls als Gegensatz zur Situation innerhalb der Stadtmauern angelegt ist. In der Stadt wird eine Katastrophensituation aus Jeronimos Sicht geschildert: Dort bricht „ein Haus zusammen, und jagte ihn, die Trummer weit umherschleudernd, in eine Nebenstra Ge; hier leckte die Flamme schon,

[...]


1 Kleist, Heinrich von (1807): Das Erdbeben in Chili. In: Streller, Siegfried (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Werke und Briefe invier Banden. Band 3. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 3. Auflage 1993. S. 187.

2 Prufer, Thomas (2002): Asthetische Geschichtsphilosophie und die Historisierung der Poetik. In: Fulda, Daniel / Tschopp, Silvia Serena (Hrsg.) (2002): Literatur und Geschichte. Ein Kompendium zu ihrem Verhaltnis von der Aufklarung bis zur Gegenwart. De Gruyter, Berlin. S. 277.

3 Burger, Christa (1987): Statt einer Interpretation. Anmerkungen zu Kleists Erzahlen. In: Wellerby, David E. (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. C. H. Beck Verlag, Munchen. S. 99.

4 Kleist, Heinrich von (1807): Das Erdbeben in Chili. In: Streller, Siegfried (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Werke und Briefe invier Banden. Band 3. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 3. Auflage 1993. S. 192. Nachfolgend: DEC

5 DEC, S. 196.

6 DEC, S. 197-198.

7 DEC, S. 200.

8 Ebd.

9 DEC, S. 205

10 Vgl. Breuer, Ingo (Hrsg.) (2009): Kleist Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J.B. Metzler Verlag, Weimar. S. 114.

11 Appelt, Hedwig / Grathoff, Dirk (1986): Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili. Reclam Verlag, Auflage 2004. S. 41.

12 Ebd.:S.52.

13 Weinrich, Harald (1986): Literaturgeschichte eines Weltereignisses: Das Erdbebenvon Lissabon. In: Ders.: Literatur fur Leser. Essays und Aufsatze zur Literaturwissenschaft. Deutscher Taschenbuchverlag, Munchen. S. 81.

14 Voltaire (1756): Poeme sur le desastre de Lisbonne. Online-Ressource der Bibliotheque nationale de France, abrufbar unter: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt.6k5727289v (letzter Zugriff 21.10.16). S. 9-10.

15 Appelt/Grathoff (1986): S. 56 ff.

16 Weinrich (1986): S.76.

17 Appelt/Grathoff (1986): S. 60.

18 Schneider, Helmut (1987): Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: Wellerby, David E. (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. C. H. Beck Verlag,Munchen. S. 117.

19 Brunschwig, Henri (1976): Gesellschaft und Romantik im 18. Jahrhundert. Die Krise des preuhischen Staates am Ende des 18. Jahrhunderts und die Entstehung der romantischen Mentalitat. Zitiert nach Schneider (1987): S. 117.

20 Breuer (2009): S. 195.

21 DEC: S. 187.

22 DEC: S. 192.

23 Schunicht, Manfred (1981): Heinrich von Kleist. In: Polheim, Karl Konrad (Hrsg.): Handbuch der deutschen Erzahlung. Bagel Verlag, Dusseldorf. S.94.

24 Conrady, Karl Otto (1963): Das Moralische in Kleists Erzahlungen. Ein Kapitel vom Dichter ohne Gesellschaft. In: Muller-Seidel, Walter (Hrsg.): Heinrichvon Kleist. Aufsatze und Essays. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. 4. Auflage 1987. S. 725.

25 Freytag, Gustav (1863): Die Technik des Dramas. Reclam Verlag, Stuttgart 1983.

26 Girard, Rene (1987): Mythos und Gegenmythos: Zu Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. In: Wellerby, David E. (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. C. H. Beck Verlag, Munchen. S. 138.

27 Stierle, Karlheinz (1987): Die narrative Struktur von Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. In: Wellerby, David E. (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists ,,Das Erdbeben in Chili“. C. H. Beck Verlag, Munchen. S. 66.

28 Kircher, Hartmut (1999): Heinrich von Kleist. Das Erdbeben in Chili / Die Marquise von O... Interpretation. Oldenbourg Schulbuchverlag, 2. uberarbeitete Auflage, Munchen. S. 56.

29 Vgl. Hermann (1987); Conrady (1987); Stierle (1987); Schneider (1987)

30 Stierle (1987): S. 58.

31 Vgl. Muller, Silke / Wess, Susanne (1999): Studienbuch neuere deutsche Literaturwissenschaft: 1720 - 1848; Basiswissen. Verlag Konighauen und Neumann Gmb H, Wurzburg. S. 162 If.

32 Herrmann, Hans Peter (1987): Zufall und Ich. Zum Begrilf der Situation in den Novellen Heinrich von Kleists. In: Muller-Seidel, Walter (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Aufsatze und Essays. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. S. 368 If.

33 DEC: S. 190.

34 Stierle (1987): S. 66.

Details

Seiten
27
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668745551
ISBN (Buch)
9783668745568
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430820
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Schlagworte
erdbeben chili geschichte literatur heinrich von kleist kleist kulturgeschichte literaturwissenschaft
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Titel: Heinrich von Kleists "Das Erdbeben in Chili" zwischen Geschichte und Literatur