Lade Inhalt...

Schach als verbindliches Unterrichtsfach an Grundschulen

Hausarbeit 2010 46 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsthema

2. Methodik
2.1 Entwicklung der Forschungsfrage
2.2 Entwicklung der Hypothesen
2.3 Auswahl der Forschungsmethode
2.3.1 Qualitative Sozialforschung
2.3.2 Grounded Theory
2.3.3 Leitfadeninterview

3. Erhebung der Daten
3.1 Exploration
3.2 Interviews

4. Auswertung der Daten

5. Darstellung der Ergebnisse

6. Fazit und Ausblick

7. Anhang

Literaturverzeichnis

Transkriptionsregeln

Biografische Daten der Interviewteilnehmer

Interview mit Herrn M. G

Interview mit Frau A. W

Interview mit Frau A. T

Tabellen „Matrix für Vergleiche“

1. Einleitung

Aufgabe dieser Arbeit ist es, eine Forschungsmethode der empirischen Bildungsforschung auf ein selbstgewähltes Forschungsgebiet anzuwenden und zu erläutern.

Nachdem die Hintergründe des Forschungsthemas dargelegt werden, befasst sich die Autorin mit der Methodik, also mit der Entwicklung der Forschungsfrage und der Hypothesen sowie der Auswahl der Methodik. Hier werden die qualitative Sozialforschung, die Grounded Theory und die Technik des Leitfadeninterviews aufgezeigt. Die Anwendung der Grounded Theory erfolgt mit der Erhebung der Daten, die alsdann ausgewertet und dargestellt werden. Es soll gezeigt werden, wie die Autorin ihre Forschungsarbeit umzusetzen vermag. Die gewonnenen Erfahrungen werden reflektiert und mögliche Aussichten werden präsentiert.

1.1 Forschungsthema

Das hier gewählte Forschungsthema ist der verbindliche Schachunterricht an Grundschulen. Die Idee dazu entstand, als eine Grundschule in NRW 2008 den Schachunterricht innerhalb des Förderprogramms verbindlich für alle Schüler etablierte. 2007 wurde diese schachbegeisterte Schule auf eine Studie der Universität Trier aufmerksam, die sich mit den „positive Auswirkungen auf die (insbesondere kognitive) Entwicklung der Schülerinnen und Schüler der ersten vier Klassenstufen“ (Filipp & Spieles, 2007) befasst.

Die Grundschule Trier-Olewig hat in Zusammenarbeit mit der ‚Deutschen Schulschachstiftung‘ seit 2003 eine Unterrichtsstunde Schach in den Stundenplan aufgenommen. Als Kontrollgruppe diente eine andere Grundschule in Trier, an der wie gewohnt unterrichtet wurde. An beiden Schulen wurden die Kinder in regelmäßigen Abständen Tests unterzogen. Dabei zeigte sich, dass es bedeutende Unterschiede zwischen den Schülern beider Gruppen gibt, d.h. die Testergebnisse der Experimentalgruppe waren jeweils signifikant besser als die der Kontrollgruppe (vgl. Lellinger, 2007). Diese positiven Ergebnisse veranlassten die genannte Grundschule in NRW, Schach als verbindliches Unterrichtsfach einzuführen.

Da die Kinder der Autorin zu diesem Zeitpunkt diese Schule besuchten, gewann das Thema Schach als Unterrichtsfach an spezifischem Interesse. Als die Schule der Elternschaft die Schulschachstudie erörterte und über die bevorstehende Einführung des Schachunterrichts informierte, fiel der Autorin auf, dass die Eltern zum Teil sehr positiv, aber zum Teil auch sehr skeptisch auf die Ergebnisse aus Trier reagierten. Im Folgenden soll die Einstellung der Eltern zum Schachunterricht genauer untersuchen werden.

2. Methodik

Zuerst soll erläutert werden, wie die Forschungsfrage und die Hypothesen generiert werden und aufgrund welcher Aspekte die Forschungsmethodik festgelegt wird.

2.1 Entwicklung der Forschungsfrage

Der Einfluss des Schachunterrichts auf die Schülerkompetenzen wird in der Schachstudie Trier ausführlich untersucht. Doch wie steht es um die Einstellung der Eltern? Werden diese in das Thema eingegliedert? Sind sie in der Lage, ihr Kind in Bezug auf das Schachspiel zu unterstützen? Beeinflussen die Erfolge der Schach-AG die Einstellung der Eltern? Spielen die Schachkenntnisse der Eltern eine Rolle? Halten Eltern eine Schülerförderung durch Schachunterricht für nötig oder befürchten sie eher, dass ihre Kinder überfordert werden? In der Literatur zum Thema Schach an Grundschulen, wird diesen Fragen nicht nachgegangen. Um ihnen auf den Grund zu gehen wurde folgende Forschungsfrage formuliert:

Wodurch wird die Einstellung der Eltern zum Unterrichtsfach Schach beeinflusst?

2.2 Entwicklung der Hypothesen

Das Thema „ Schach als verbindliches Unterrichtsfach an Grundschulen“ bietet ein breites Spektrum an möglichen Hypothesen, die zu Beginn der Forschung „nicht mehr als eine Vermutung über einen Tatbestand“ (Kromray, 2009, S. 37) darstellen. Die Entwicklung der Hypothesen vollzieht sich im Zusammenhang mit der Forschung und wird entsprechend der gewonnenen Erkenntnisse im Laufe des Forschungsprozesses gegebenenfalls mehrfach angepasst.

Die Autorin grenzt zu Beginn vier Vorabhypothesen ein und konzentriert sich somit auf die zu diesem Zeitpunkt bedeutsamsten Aspekte des Themas.

1. Die Einführung des Schachunterrichts hat Einfluss auf die Einstellung der Eltern im Bereich einer möglichen Überforderung der Kinder.
2. Die Schachkenntnisse der Eltern beeinflussen die Einstellung der Eltern für oder gegen einen Schachunterricht in der Grundschule.
3. Die Art und Weise der Information zum Schachunterricht beeinflussen die Befürwortung der Eltern für oder gegen einen Schachunterricht in der Grundschule.
4. Die Kenntnis der VERA-Vergleichsarbeiten beeinflusst die Einstellung der Eltern für oder gegen einen Schachunterricht in der Grundschule.

In Kapitel 5 dieser Arbeit werden im Rahmen der Darstellung der Ergebnisse die endgültigen Hypothesen formuliert.

2.3 Auswahl der Forschungsmethode

Die erste Entscheidung, die ein Forscher/eine Forscherin treffen muss, ist die des grundsätzlichen Zugangs zum Forschungsgebiet. Eignet sich für das Forschungsthema eine quantitative oder eine qualitative Methoden?

Bezieht sich die Forschungsfrage auf eine schon existierende Theorie, die überprüft werden soll, bietet sich die quantitative Forschung an. Anders ist es, wenn im Hinblick auf das Forschungsgebiet noch keine Theorieaussagen gemacht wurden und das Erkenntnisziel in der Entdeckung der Theorie liegt, denn hier wählt man eine Methode der qualitativen Forschung (vgl. Brüsemeister, 2008, S. 28). Die Einstellung der Eltern zum Schachunterricht wurde in der Schulschachstudie nicht berücksichtigt. Auch andere Theorien zu diesem Thema konnte die Autorin nicht ausfindig machen. Dies macht die Forschung mit einer qualitativen Methode sinnvoll.

Zudem muss ein Forscher/eine Forscherin entscheiden, ob statistische Zusammenhänge und Wahrscheinlichkeitsaussagen aufgedeckt werden sollen oder ob es um Falluntersuchungen geht, die sich auf die Analyse von Einzelfällen konzentrieren. Quantitative Studien umfassen „in der Regel mehrere hundert Personen und entsprechend viele Fragebögen“ (Brüsemeister, S. 29), während in qualitativen Methoden Hinweise von einzelnen Untersuchungspersonen ausreichen, um eine Theorie entwickeln zu können. Da bisher keine Theorie über die Einstellung der Eltern zum Schachunterricht existiert und zudem ein Phänomen innerhalb eines überschaubaren Rahmens, nämlich an einer Grundschule in NRW, untersucht wird, beschließt die Autorin repräsentative Falluntersuchungen durchzuführen, mit deren Hilfe sie nach Beendigung dieser Arbeit eine Theorie generieren kann. Innerhalb der qualitativen Sozialforschung wird sie sich auf Informationen aus Leitfadeninterviews mit ausgesuchten Eltern stützen, da konkrete Aussagen über ein spezifisches Thema Ziel der Datenerhebung sind (vgl. Flick, 1995, S. 112ff.). Diese Methodik scheint angemessen zu sein, da sie im persönlichen Gespräch die besten Möglichkeiten hat, etwas über die Gedanken und Einstellungen der Eltern zu erfahren.

2.3.1 Qualitative Sozialforschung

Im Gegensatz zur quantitativen Forschung, in der die Überprüfung bestehender Theorien im Vordergrund steht, liegt der Schwerpunkt in der qualitativen Forschung darauf, in einem Forschungsbereich neue Aspekte zu entdecken und durch die Ergebnisse des Forschungsprozesses neue Theorien zu generieren (Brüsemeister, S. 46). Hierzu werden zu Beginn Vorabhypothesen aufgestellt, die im Laufe des Forschungsprozesses revidiert und erneuert werden können. Die letztendlichen Strukturhypothesen werden erst nach der Auswertung aller Daten aufgestellt.

Ein wesentliches Kennzeichen der qualitativen Forschung ist die Wahl der dem Gegenstand angemessenen Forschungsmethode. Es bieten sich diverse Verfahren an, die im Rahmen dieser Hausarbeit nicht alle erläutert werden können. Bei der Wahl der Methode ist es wichtig, dass sie „der Komplexität und Differenziertheit der Wirklichkeit gerecht werden“ (Dörpinghaus, Poenitsch & Wigger, 2006, S. 132) muss.

Für diese Forschungsarbeit wird die Grounded Theory ausgewählt, da sie den zu untersuchenden Forschungsgegenstand angemessen darstellen kann und ein breites Spektrum an Zugängen bietet, die auf das Forschungsgebiet angewandt werden können.

2.3.2 Grounded Theory

Die Grounded Theory ist im eigentlichen Sinne nicht als eine spezifische Forschungsmethode, sondern eher als ein Forschungsstil zu verstehen. Sie wurde 1974 von Glaser und Strauss entwickelt und unter anderem von Strauss und Corbin 1996 verbessert. Mit der Grounded Theory werden Daten qualitativ erfasst und analysiert, mit dem Ziel, eine Theorie zu entwickeln und nicht eine bestehende Theorie zu verifizieren. „Am Anfang steht nicht eine Theorie, die anschließend bewiesen werden soll. Am Anfang steht vielmehr ein Untersuchungsbereich – was in diesem Bereich relevant ist, wird sich erst im Forschungsprozess herausstellen“ (Strauss & Corbin, 1996, S. 7-8).

Der Forscher/die Forscherin befasst sich mit einem Bereich von spezifischem Interesse, ohne in diesem Forschungsfeld theoretische Vorannahmen oder vorgefasste Ideen einzubringen. Das Forschungsfeld ist hier der Schachunterricht an Grundschulen. Für Eltern von Grundschulkindern ergibt sich hier ein spezifisches Interesse. Dieses Thema ist in Deutschland noch relativ neu und daher wenig erforscht. Empirisch belegte Theorien hierzu konnten trotz ausführlicher Recherchen nicht ausfindig gemacht werden. Die Vorkenntnisse beschränken sich auf die Kenntnisse der Regeln des Schachspiels und die Informationen, welche die Schule an die Eltern ihrer Schüler weitergab. Hier wurden ausführlich die Ergebnisse der Schulschachstudie aus Trier thematisiert. Im Rahmen dieses Informationsabends wurde von den Zuhörern sowohl positives als auch negatives Feedback erbracht. Häufig wurden Bedenken geäußert, dass die Schachstunde den Kindern an einer anderen Stelle fehlen könnte, auch wenn dies nicht direkt der Fall ist, da der Schachunterricht, anders als an der Grundschule in Trier, im Rahmen der Förderstunden organisiert wird. Es wurde bei der Autorin der Anschein erweckt, dass die Eltern dem Projekt mit gemischten Gefühlen gegenüber stehen. Diesem Eindruck soll in dieser Arbeit auf neutrale Art auf den Grund gegangen werden.

Die Datenerhebung in der Grounded Theory kann auf vielfältige Weise erfolgen. Man kann Interviews führen, Feldbeobachtungen anstellen und/oder alle erdenklichen Dokumente für seine Analyse verwerten. Auch bestehende Theorien können in die Analyse mit eingebracht werden. Eine Kombination verschiedener Erhebungsmethoden ist möglich. Daten werden in der Grounded Theory so lange gesammelt, bis eine Sättigung erreicht bzw. vom Forscher/von der Forscherin ein Schlusspunkt gesetzt wird, da eine gewisse Sättigung als solche empfunden wird (vgl. Corbin & Strauss, 2008, S. 143-157). Eine tatsächliche Sättigung kann im Grunde aber nie erreicht werden, da der Facettenreichtum und die Veränderungen der Umstände diese verhindern.

Datensammlung, Analyse und Theoriebildung stehen in einem engen Zusammenhang. Während der Erhebung werden die Daten schon in ersten Schritten ausgewertet. Dies kann Einfluss sowohl auf die Vorabhypothesen als auch auf die weitere Datensammlung und letztendlich auf die mögliche Theoriebildung haben. Der Untersuchungsbereich reduziert sich so Schritt für Schritt auf relevante Bereiche und der Forschungsprozess wird entsprechend angepasst.

Während der Planungsphase dieser Arbeit waren die Vorabhypothesen einseitig und zeugten von dem Vorurteil, dass ein Großteil der Elternschaft dem Schachunterricht skeptisch gegenüber steht. Nach der Auswertung von Explorationsfragebögen (siehe Anhang) stellen sich die Umstände in einem neuen, interessanten Licht dar. Viele Eltern äußern sich positiv. Die Hypothesen müssen also offener formuliert werden. Auch das fokussierte Interview mit dem Leiter der Schach-AG (siehe Anhang) führt zu neuen Erkenntnissen, da auch hier eine positive Einstellung der Eltern vermutet wird (vgl. Zeilen 7-8, 29-31). Da die Grounded Theory vorsieht, in jeder Phase der Forschung zu alten Daten zurückkehren zu können, werden die Vorabhypothesen aufgrund dieser Daten überarbeitet und die weitere Vorgehensweise angepasst.

Um relevante Bereiche näher zu erfassen kann man zwei unterschiedliche Prinzipien anwenden. Hat man eine Facette des Forschungsbereiches untersucht, kann man zum einen eine ähnliche Situation untersuchen bzw. eine Person mit ähnlichem Hintergrund befragen oder kann zum anderen versuchen, das Gegenteil dessen zu finden und den Kontrast analysieren. „Strauss nennt dies minimalen und maximalen Kontrast“ (Brüsemeister, S. 129). Obwohl die Grounded Theory sich durch ihre Offenheit auszeichnet, ist es durchaus möglich schon im Vorfeld eine Fallauswahl zu treffen. Hierbei ist nicht relevant, ab die Daten statistisch repräsentativ sein werden, sondern, dass die untersuchten Handlungsmuster das zu untersuchende Phänomen ausreichend erklären (vgl. Brüsemeister, S. 144). Da im Rahmen der Informationsveranstaltung der Schule sowohl positive als auch negative Feedbacks gegeben wurden, beschloss die Autorin in der Anfangsphase der Forschung, die Methode des größtmöglichen Kontrastes zu wählen, entwarf Fragebögen für die Eltern (siehe Anhang) und bat diese darin um ehrliche Auskunft, um im Nachhinein geeignete Interviewpartner für diese Vergleichsmethode finden zu können. Es kristallisierten sich zwei gegensätzliche Positionen heraus. Aus der Gruppe der Befürworter und aus der Gruppe der Skeptiker wurde je ein Elternteil als Repräsentant ausgewählt. Beide erklärten sich zu einem Interview bereit, sodass die Daten erhoben werden konnten.

Zur Auswertung der Daten haben Strauss und Corbin ein Kodierparadigma entwickelt, welches es dem Forscher/der Forscherin erleichtert, die Daten zu vergleichen und diese auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Schon während und auch nach der Datenerhebung werden die Daten kodiert. Hierzu wird erst offen kodiert, das heißt, die Daten werden verglichen und es werden Konzepte herausgearbeitet und zu Kategorien zusammengefasst. Bei der axialen Kodierung werden die Kategorien zu einander in Bezug gesetzt und geordnet, um letztendlich bei der selektiven Kodierung abstrahiert zu werden. Der Forscher/die Forscherin versucht hier Kernkategorien herauszuarbeiten, um sich auf das zentrale Phänomen konzentrieren zu können. Diese Kodierschritte sollten nicht zwangsläufig chronologisch ablaufen. Vielmehr sollte während der Forschungsarbeit zwischen den Kodierschritten gewechselt werden und die Arbeitsschritte können parallel laufen, um so möglichst realitätsnahe Hypothesen entwickeln zu können, statt nur Daten anzuhäufen, die letztendlich für das Forschungsphänomen irrelevant sind (vgl. Brüsemeister, S 129ff.). Die qualitative Forschung ist demnach ein zirkulärer Prozess, der nie endgültig abgeschlossen ist.

2.3.3 Leitfadeninterview

Der Leitfaden hat für den Interviewer die Funktion einer Checkliste, um zu ge­währleisten, dass in allen Interviews einer Untersuchung die gleichen inhaltlichen Aspekte angesprochen und diese somit vergleichbar gemacht werden. Reihenfolge und Formulierung der Fragen und Nachfragen sind durch den Leitfaden allerdings nicht starr vorgegeben. Sie richten sich vielmehr nach dem Gesprächsverlauf (vgl. Mayer, 2002, S. 36). Als InterviewerIn muss man immer flexibel bleiben, darf den Leitfaden dabei aber nicht aus dem Auge verlieren. Die Interviewpartner sollen zum freien Sprechen aufgefordert werden, wobei im Verlauf der Erhebungen dennoch darauf geachtet werden muss, dass alle Detaillierungsfragen beantwortet werden.

Jedes Interview bedarf einer guten Vorbereitung, das heißt. neben der durchdachten Strukturierung des Leitfadens muss auch die technische Umsetzung möglichst perfekt sein. Hierzu gehören ein funktionierendes Aufnahmegerät, welches souverän bedient werden muss, aber auch die Organisation von Zeit und Raum für ein ungestörtes Gespräch. Es empfiehlt sich, einen Ort zu wählen, an dem sich der/die Interviewte wohl fühlt, damit er/sie sich offen und entspannt den Fragen widmen kann. Zudem muss der Forscher/die Forscherin geduldig zuhören können, auch Sprechpausen zulassen und den Interviewpartner gleichzeitig zum freien Reden motivieren (vgl. Gläser & Laudel, 2004, 173ff.). Möglichst direkt im Anschluss an das Interview sollten subjektive Eindrücke und formale Informationen notiert werden, um diese in die Analyse miteinbeziehen zu können. Das aufgenommene Interview wird gemäß den festgelegten Transkriptionsregeln erfasst und anschließend ausgewertet.

3. Erhebung der Daten

In der Grounded Theory stehen dem Forscher/der Forscherin diverse Erhebungsmethoden zur Verfügung. Als Daten können Dokumente, Interviews, Briefe, Beobachtungen und vieles mehr genutzt werden.

3.1 Exploration

Die Forschungsarbeit wird mit Explorationsfragebögen an die Elternschaft zweier Schulklassen begonnen. Im Verlauf folgen ein Kurzfragebogen und ein Interview mit dem Leiter der Schach-AG zwecks Hintergrundrecherche. Die Explorationsfragebögen zielen darauf ab, einen ersten Eindruck zu bekommen, wie die Eltern dem Schachunterricht gegenüber eingestellt sind. Ein kurzer Fragebogen (siehe Anhang) wird entwickelt und an die genannten Eltern verteilt. Obwohl betont wird, dass die Umfrage anonym erfolgen kann, d.h. die Eltern können frei entscheiden, ob sie ihren Namen eintragen, ist der Rücklauf eher mäßig. Von 52 Fragebögen kommen 24 ausgefüllt zurück. Dies entspricht einer Quote von 46,2 %. Die Auswertung der Fragebögen ergibt, dass ein Großteil der Eltern dem Schachunterricht positiv begegnet, einige aber auch unentschlossen sind, während ein kleiner Prozentsatz dem Projekt „Schach als Unterrichtsfach“ sehr skeptisch gegenüber steht. Wie die restlichen 53,8 % der Elternschaft eingestellt sind, bleibt ungewiss. Man könnte annehmen, dass in dieser Gruppe vermehrt Desinteressierte sind, doch bleibt eine solche Vermutung spekulativ.

Die Ergebnisse ermöglichen es dennoch, die geeigneten InterviewpartnerInnen für einen maximalen Kontrast bei der Datenerhebung zu finden.

3.2 Interviews

Um den Leitfaden auf der Basis von Hintergrundinformationen sinnvoll aufbauen zu können und die Technik des Leitfadeninterviews einzuüben, wird ein fokussiertes Interview mit dem langjährigen Leiter der Schach-AG geführt. Die Autorin strukturiert die Fragen und setzt sich mit der Aufnahmetechnik auseinander. Als Gesprächsort wird das Büro des Interviewten gewählt, wo Ruhe herrsch und eine Doppelstunde Zeit zur Verfügung steht. Bei dieser Gelegenheit gewinnt die Autorin vielfältige Hintergrundinformationen, die es ermöglichen, den Leitfaden gut zu strukturieren, um möglichst viele wichtige Erkenntnisse sammeln zu können. Aufgrund dieses ersten Interviews fallen die beiden Leitfadeninterviews im Folgenden leichter, da nun die Situationen und auch der Zeitaufwand besser eingeschätzt werden können. Auch die Vorabhypothesen können aufgrund dieses Interviews spezifiziert werden.

Um die beiden Leitfadeninterviews zu führen, besucht die Autorin die Elternteile, die sie aufgrund der Daten der Explorationsfragebögen ausgewählt hat, an je einem Vormittag in ihrem Zuhause, wo sie sich ungestört den Interviews widmen können. Der Hintergrund des Vorhabens wird kurz erläutert und es wird versichert, dass die gewonnen Daten ausschließlich zum Zwecke der Auswertung für die Hausarbeit genutzt werden. Dies scheint vor allem jenes Elternteil zu beruhigen, das dem Thema Schachunterricht eher skeptisch gegenüber steht. Dieses Interview mit Frau A. W. verläuft insgesamt zwar zufriedenstellend, allerdings wird nach der Durchführung des zweiten Interviews deutlich, dass es doch etwas holprig und zu starr am Leitfaden orientiert geführt wurde. Das zweite Interview mit Frau A. T. hingegen entspricht exakt den Vorstellungen. Frau A. T. wirkt entspannt, die Stimmung ist konzentriert aber fröhlich (Zeilen 9, 24, 35). Sie äußert sich ausführlich und ermöglicht es so, auf mehrere Detaillierungsfragen verzichten zu können.

Die Leitfrage befasst sich ganz allgemein mit der Einführung des Schachunterrichts und der zugrunde liegenden Schulschachstudie aus Trier. Hier können die Interviewpartnerinnen den Einstieg in das Gespräch finden und offen ihre Ansicht präsentieren. Die Detaillierungsfragen hingegen sind gezielt auf die Hypothesen zugeschnitten. Diese bleiben den Interviewpartnerinnen allerdings verborgen, da sie nicht beeinflusst werden sollen. Der Leitfaden ist im Anhang dieser Hausarbeit aufgeführt. Der Zusammenhang der Detaillierungsfragen zu den Hypothesen wird durch „(H1)“, „(H2)“ etc. gekennzeichnet. Ebenfalls im Anhang befinden sich die Interviews.

4. Auswertung der Daten

Schon nachdem der Forscher/die Forscherin erste Daten gesammelt hat beginnt er/sie mit der Auswertung derselben. „Der Forschungsprozess nach der Grounded Theory verläuft im Wesentlichen zweistufig ab, gemäß dem ‚offenen‘ sowie dem ‚selektiven Kodieren‘, und er wird von einem theoretischen Sampling gesteuert“ (Brüsemeister, S. 129).

Das erste Datum, in diesem Fall das Leitfadeninterview mit Frau A. W., wird in einem ersten Schritt genauestens untersucht. Es werden Ideen festgehalten und Kategorien erstellt. Hierbei muss auf eine allgemein formulierte Namensgebung der Kategoriengeachtet werden, damit diese sich im weiteren Verlauf systematisch vergleichen lassen. Auch im Hinblick auf den Vergleich mit anderen Theorien ist ein hoher Allgemeinheitsgrad beim erstellen der Kategorien wichtig. Dieses Vorgehen ist charakteristisch für die Grounded Theory (Brüsemeister, S. 131). Zudem kann es hilfreich sein, den Prozess der Auswertung in einem Forschungsjournal zu begleiten. Hier können Ideen für Kategorien gesammelt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Folgende Kategorien werden aufgrund der Auswertung des ersten Interviews festgehalten:

- Einfluss des Schachspiels auf kognitive Kompetenzen
- Einfluss der eigenen Schachkenntnisse
- Akzeptanz des Schachunterrichts
- Akzeptanz der zugrundeliegenden Studie aus Trier
- Einschätzung des Informationshintergrundes

Frau A. W. äußert sich skeptisch in Bezug auf positive Auswirkungen des Schachspiels auf andere Fächer (Zeilen 21, 24-25, 56, 101), hält aber allgemeine positive Auswirkungen für möglich (Zeilen 25-27, 33-35). Der Einfluss der Schachkenntnisse innerhalb der Familie hat offensichtlich keinen dominanten Einfluss auf das Spielverhalten des Kindes (Zeilen 43-47). Frau A. W. steht dem Unterricht offen und tolerant gegenüber (Zeilen 13, 111-112), betont aber an mehreren Stellen des Interviews ihre Zweifel am Sinn und an der Rechtfertigung des Unterrichts (Zeilen 15-16, 22-25, 100-101, 110-111). Zur Schulschachstudie in Trier äußert sich Frau A. W. zwiespältig. Zwar hält sie den Versuch, die Schüler durch Schachunterricht zu fördern, für legitim (Zeilen 12, 98- 99), bezweifelt aber, dass die Studienergebnisse verlässlich sind (Zeilen 22-23) und erwartet keine Verbesserungen bei den Schülern (Zeilen 15-16, 100-101). Ihre Einstellung zum Informationshintergrund beschreibt sie neutral (Zeilen 85-90) und die Informationsveranstaltung der Schule als überzeugend (Zeilen 95-96). Während des Interviews wirkt sie unsicher. Im persönlichen Gespräch nach dem Interview bestätigt sie diesen Eindruck und erklärte, sie hätte sich gerne im Vorfeld auf die Fragen vorbereitet.

Bei der Auswertung des zweiten Interviews können die genannten Kategorien gegebenenfalls wiederentdeckt und zum Vergleich herangezogen werden. Dieser Vergleich kann Einfluss auf die Hypothesen haben.

[...]

Details

Seiten
46
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668740129
ISBN (Buch)
9783668740136
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v430722
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
schach unterrichtsfach grundschulen

Autor

Zurück

Titel: Schach als verbindliches Unterrichtsfach an Grundschulen