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Saudi-Arabien und Al-Qaida - Die Verflechtung des nationalen Islamismus mit dem transnationalen Terrorismus als globale Herausforderung für die internationale Politik

Hausarbeit 2004 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ideologie/Religion
2.1. Saudi Arabien
2.2. Al Qaida

3. Die Bedeutung Saudi Arabiens für den Terrorismus
3.1. Tribalismus/Regionalismus
3.2. Finanzierung
3.3. Religion

4. Maßnahmen und Möglichkeiten der Terrorbekämpfung
4.1. Direkte Maßnahmen
4.1.1. Internationale Bemühungen
4.1.2. Finanzielle Maßnahmen
4.2. Indirekte Maßnahmen
4.2.1. Wirtschaft
4.2.2. Politische Partizipation
4.2.3. Religion
4.2.4. Menschenrechte und Bildung

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit den Anschlägen vom 11. September wurde deutlich, dass Saudi-Arabien eine weitaus größere Rolle bei der Entstehung und Verbreitung des internationalen Terrorismus zukommt als bisher angenommen. Nicht nur Bin Laden als Kopf der Terrororganisation Al Qaida, auch 15 der 19 Selbstmordattentäter des 11. Septembers waren saudische Staatsbürger. Im Verlauf der Untersuchungen wurde deutlich, dass durch die von Saudi-Arabien weltweit finanziell unterstützten Wohlfahrtsorganisationen auch der internationale Terrorismus gefördert wurde. Dieser Zusammenhang konnte und wollte sich die saudische Regierung lange Zeit nicht ein­gestehen. Dies änderte sich erst mit den Anschlägen in Riad im März 2003. Mittlerweile be­müht sich die saudische Führung, strukturelle und politische Reformen einzuleiten, die schon Anfang der 90er Jahre begonnen wurden, aber ins Stocken geraten waren. Doch nicht nur der wachsende internationale Druck, auch die zunehmenden wirtschaftlichen, sozialen und innen­politischen Schwierigkeiten zwangen das Herrscherhaus zu Reformen, wollte es seine Macht nicht gefährden.

Es stellt sich nun die Frage nach den Gründen für den Terrorismus in Saudi Arabien und den Möglichkeiten, ihn zu bekämpfen. Entscheidend wird dabei sein, ob und wie Saudi-Arabien den seit seiner Existenz immer schärfer hervortretenden Grundwiderspruch lösen kann: Zwi­schen der Abhängigkeit und der Abgrenzung zu Amerika, zwischen der Freundschaft und der Gegnerschaft zu Amerika.

Zum einen besteht eine enge wirtschaftliche Bindung zwischen dem saudischen Staat und Amerika. Zum anderen jedoch ist Saudi-Arabien auf der Grundlage einer besonders strengen und rückwärtsgewandten Auslegung des Islam, der Wahhabiya entstanden. Diese Aporie zwi­schen einer im Grunde antiwestlichen und antiamerikanischen Staatsreligion und einer pro­westlichen und proamerikanischen Politik führte immer wieder zu meist verdeckt und hinter den Kulissen ausgetragenen innen- und außenpolitischen Spannungen, was das Verhältnis zu den oppositionellen, religiös geprägten Kräfte im eigenen Land und das Verhältnis zu den ebenfalls religiös geprägten anderen arabischen Ländern betraf. Offen zu Tage traten diese Spannungen erstmals bei der Stationierung der amerikanischen Truppen im Jahre 1990/91. Die Folge war eine innenpolitische Krise, die seither andauert und nach dem 11. September einen weiteren Höhepunkt erreichte.

In der folgenden Hausarbeit sollen in der ersten Hälfte die Hintergründe des Terrorismus in Saudi-Arabien und dessen Zusammenhang mit dem transnationalen Terrorismus analysiert werden, in der zweiten Hälfte sollen Möglichkeiten der Gegenwehr aufgezeigt werden.

Zunächst werde ich auf die spezifische Religion des saudischen Staates eingehen, Vergleiche und Parallelen mit den ideologisch-religiösen Grundlagen von Al Qaida aufzeigen (Kap.2) und dann analysieren, inwieweit der saudische Staat eine Mitverantwortung für die Entste­hung, Stärkung und Ausbreitung des transnationalen Terrorismus trägt (Kap.3).

Die polizeilichen, militärischen und politisch-taktischen Maßnahmen, die bisher fast aus­schließlich favorisiert wurden und mit dem Namen Bush verbunden sind, möchte ich direkte Maßnahmen nennen (Kap.4). Dem werde ich die indirekten Maßnahmen gegenüberstellen, die m.E. bisher vernachlässigt wurden, die eher langfristig und umfassend angelegt sind und auf strategisch-politischen, globalen-weltwirtschaftlichen und sozioökonomisch-kulturellen Überlegungen fußen (Kap.4).

2. Ideologie/Religion

Trotz der Differenz, was den politischen Status angeht, liegen dem Staat Saudi-Arabie und der Terrorgruppe Al Qaida doch eine im Wesen identische Ideologie zu Grunde. Beide be­ziehen sich auf eine streng konservative und in der politischen Realität oft reaktionären, fun­damentalistischen Auslegung des Koran, die Wahhabiya.

2.1. Saudi Arabien

Zwei Gruppen bestimmen seit jeher die saudi-arabischen Politik, zum einen die Herrscherfa­milie mit ihren ca. 6000 Prinzen, zum anderen die wahhabitischen Religionsgelehrten (arab. ulama).[1] Letztere unterstützen die Entscheidungen des Regimes durch ihre religiösen Rechtsgut­achten (arab. fatwas) und ermöglichen es so, auch unpopuläre Maßnahmen des Staates gegenüber der Bevölkerung zu legitimieren. Diese Verbindung zwischen der Herr­scherfamilie und dem Wahhabismus geht bis auf das Jahr 1744/45 zurück.[2]

Muhammad Ibn Abd al Wahhab (1703 – 1792) predigte und forderte eine Rückkehr zur „ur­sprünglichen Strenge“ des Islam: keine Musik (außer Trommeln), keine Gebetsketten, keine dekorativen Elemente an Moscheen und drakonische Strafen gegen Alkoholkonsum und an­dere „modernistische“ Einflüsse.[3] Auch unterscheidet sich diese Ideologie stark von anderen islamischen Glaubensrichtungen durch ihre scharfe Trennung von Gläubigen und Ungläubi­gen. Gläubig in diesem Sinne sind demnach nur diejenigen, die die strengen Glaubensvor­schriften der Wahhabiya genau befolgen und auch die theologischen Ansichten vorbehaltlos übernehmen.[4] Die Wahhabiten sehen in der Sunna und dem Koran ein detailgetreues Abbild der ersten Muslime – der „frommen Altvorderen“ (arab. as-salaf as-salih) - und versuchen daher unerbittlich, Gottes Wort, so wie es geschrieben steht, in die Tat umzusetzen.[5] Alle ande­ren gelten als Ungläubige (takfir), die durch den Dschihadd bekämpft werden müssen. Auch wenn in der ursprünglichen wahhabitischen Lehre diese Exkommunizierung von Ungläubigen wesentlich differenzierter und vorsichtiger getroffen wurde, so war sie dennoch für die Sa’uds eine ideale ideologische Legitimierung für ihre militärische Expansion.[6]

Auch heute noch besitzen die Religionsgelehrten in Saudi Arabien einen, wenn auch im Laufe der Jahrzehnte geschwundenen, politischen Einfluss. Sie gestalten zusammen mit dem Herr­scherhaus der Sa’uds die Religionspolitik und haben zumindest theoretisch gesehen das Recht, Einspruch gegen politische Entscheidungen der Regierung zu erheben, auch wenn sie bei vielen Fragen Kompromisse eingehen und einige ihrer rückwärtsgewandten Prinzipien aufgeben mussten (prowestliche Politik, Einführung von moderner Technologie u.a.).[7] Bis heute jedoch haben in keinem anderen Land abgesehen - vom Iran - Religionsgelehrte eine solch bedeutende Stellung und wurden in ihrer Macht so wenig durch den Staat beschnitten wie in Saudi Arabien.[8]

Eine ähnlich streng religiös-fundamentalistische Ausrichtung des Staates gab es in Afghanis­tan unter dem Regime der Taliban. Afghanistan hatte allerdings nicht die welt-wirtschaftliche und welt-politische Bedeutung wie Saudi-Arabien: Deswegen gab es dort auch nicht im sel­ben Maße ein Spannungsfeld zwischen moderner Technologie und traditionellen Werten. Erich Follath hat nach meiner Ansicht dieses Dilemma fast beispielhaft auf den Punkt ge­bracht, indem er mit Dschidda eine Stadt in Saudi Arabien beschreibt:

Eine Stadt wie Dschidda erinnert mit ihren Glaspalästen und Wolkenkratzern, mit den zahl­reichen McDonald's und Starbucks an das texanische Dallas. Doch es gibt kein einziges Kino, kein heater, keine Disco. Religionspolizisten überwachen, dass die Speisesäle in den Restau­rants nach Geschlechtern getrennt sind und während der fünf Gebetszeiten am Tag geschlos­sen bleiben; dass Männer keine Frauen ansprechen und das muslimische Zwangskleid die Damen vollständig verhüllt. Weil es neuerdings häufiger vorkommt, dass Frauen ihre schwarze Abaja mit bunten Mustern aufpeppen, haben die Tugendwächter die Textilfabriken und Boutiquen durchkämmt und 82000 "Kleider der Schande" beschlagnahmt. Dschidda ist ein bisschen wie Dallas - kontrolliert von den Taliban.“[9]

2.2. Al Qaida

In obigem Beispiel wird der Gegensatz zwischen fortschrittlicher technologischer und wirt­schaftlicher Ausrichtung (Architektur, Verkehr, Produktion u.a.) und der rückwärtsgewandten religiösen und ideologischen Ausrichtung (Kleidung, Sitten, Verhaltensnormen, u.a.) an­schaulich. Zum einen ist Saudi-Arabien in gewissem Sinn ein Verbündeter der USA und auf deren Schutz angewiesen, zum anderen sieht es sich als eine Art „Gralshüter“ der heiligen Stätten des Islam (Mekka und Medina) und ist insofern der ideologische Gegenspieler der USA.[10] Oppositionelle islamische Rechtsgelehrte bestreiten schon seit den 90’er Jahren, dass Saudi Arabien eben dieser Rolle gerecht wird. Sie kritisieren das Überhandnehmen westlicher Einflüsse, vor allem die Stationierung amerikanischer Truppen auf „heiligem Boden“.[11] Diese ständig wachsenden Antinomien bilden den Nährboden für die Radikalisierung von islamisti­schen Gruppen, die Bildung von „Gegeneliten“ und die wachsende Attraktivität von Al Qaida in der muslimischen Bevölkerung. Ebenso wie die Sa’uds benutzt auch Ossama Ibn Laden die wahhabitische Lehre, um seine militant expansiven Ziele zu rechtfertigen. Ibn Sa’du fand in den 30er Jahren in dieser Glaubensrichtung eine homogene, ideologisch-religiöse Grundlage für die politische Einigung der verschiedenen arabische Stämme und für die Gründung des Staates Saudi Arabien.

Ibn Laden nun verbindet diese Lehre mit der panislamistisch und transnational ausgerichteten Ideologie ägyptischer Muslimbruderschaften und deren Radikalisierung durch extremistische Religionsgelehrte wie zum Omar Abdel Rahman, Abdullah Azzam u.a.[12] Letztere übernah­men den Begriff des Dschihad von den Muslimbruderschaften, der dort eine zentrale Rolle spielt, und übertrugen ihn in noch weiter radikalisierter Form auf Al Qaida.

Der Dschihad, ursprünglich nur auf lokale, innergesellschaftliche und innerstaatliche Prob­leme bezogen, gewinnt eine globale, transnationale Dimension: Der bewaffnete Kampf gegen die Bedrohung des Islam durch den Westen ist nun die Pflicht eines jeden einzelnen Muslim auf der ganzen Welt.

[...]


[1] Vgl. Guido Steinberg: Die innenpolitische Lage Saudi Arabiens nach dem 11. September 2001, S. 8.

[2] Ebd.

[3] Der Spiegel, Nr. 40, 10/2001, Die Stiefkinder des Terrors.

[4] Vgl. Guido Steinberg: Die innenpolitische Lage Saudi Arabiens nach dem 11. September 2001, S. 9.

[5] In diesem Zusammenhang finde ich es bemerkenswert, dass es analog dazu auch in Amerika eine fundamentalistische, christliche Glaubensrichtung gibt, die ebenfalls eine strenge Exegese der Bibel betreibt und in der „heiligen Schrift“ ebenfalls ein detailgetreues Abbild der damaligen Zeit sieht. Diese Anhänger werden als „Creationisten“ bezeichnet. Neben dieser spirituellen gibt es eine materialistische Analogie, die sich bezieht auf rein ökonomische-monetäre Interessen, zwischen dem einen Land, das mehr als 1/3 der weltweiten Ölproduktion verbraucht – Amerika, und dem anderen, das 1/3 der weltweiten Ölvorräte besitzt-Saudi Arabien.

[6] Vgl. Alex Alexiev: Ölmilliarden für den Terror, in: Internationale Politik, S. 22 – 23.

[7] Vgl. Guido Steinberg: Die innenpolitische Lage Saudi Arabiens nach dem 11. September 2001, S.14.

[8] Vgl. Guido Steinberg: Die innenpolitische Lage Saudi Arabiens nach dem 11. September 2001, S. 13ff.

[9] Vgl. Der Spiegel: Nr. 36, 09/2002, An der Quelle des Terrors.

[10] Beide Ideologien scheinen auch hier komplementär aufeinander bezogen zu sein sind und sich quasi spiegelbildlich gegenüberzustehen. Amerika als „Gralshüter“, „Bannerträger“ und „Vorkämpfer“ der westlichen Zivilisation und seiner Werte (Demokratie). Saudi Arabien dagegen fühlt sich und gilt als Repräsentant der islamischen Welt und ihrer Werte (Theokratie).

[11] Guido Steinberg, Die innenpolitische Lage Saudi Arabiens nach dem 11. September 2001, S.18.

[12] Ulrich Schneckener, Netzwerke des Terrors: Charakter und Strukturen des internationalen Terrorismus, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, 2002, S. 24.

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638409070
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43013
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Saudi-Arabien Al-Qaida Verflechtung Islamismus Terrorismus Herausforderung Politik

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Titel: Saudi-Arabien und Al-Qaida - Die Verflechtung des nationalen Islamismus mit dem transnationalen Terrorismus als globale Herausforderung für die internationale Politik