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Friluftsliv in Norwegen - Theoretische Grundlagen - Ausgewählte Modelle und Konzepte - Kritische Anmerkungen

Examensarbeit 2005 75 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1 Etymologie
2.2 Geschichte
2.3 Definitionen
2.4 Die aktuelle Situation
2.5 Auswirkung der Natur auf die Entwicklung eines Kindes
2.5.1 Psychomotorische Entwicklung
2.5.2 Herausforderung der Sinne
2.6 Methodik
2.6.1 12 Punkte nach Tordsson
2.6.2 Dimensionen nach Arnold

3. AUSGEWÄHLTE KONZEPTE UND MODELLE
3.1 Kindergarten
3.1.1 Curriculum Kindergarten
3.1.2 „Villvettene friluftsbarnehage“ Beobachtungen
3.2 Schule
3.2.1 Curriculum Schule
3.2.2 Umsetzmöglichkeiten in der Schule
3.2.2.1 „Nature as a playground“ - Die Natur als ein Spielplatz
3.2.2.1.1 Wald und Wiese
3.2.2.1.2 Am Wasser
3.2.3 Beispiel „Langeland skule“
3.2.4 Umfang und Wahl der Umgebung
3.3 Hochschule
3.3.1 „Fjords and Glaciers Course“

4. KRITISCHE ANMERKUNG

5. ZUSAMMENFASSENDE THESEN

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist eine norwegische Art der OutdoorPädagogik, die friluftsliv (frie-lüfts-lief gesprochen) genannt wird. Ins Deutsche übersetzt heißt es Freiluftleben.

Der Ursprung von „friluftsliv“ liegt nicht wie bei der Erlebnispädagogik oder sonstigen Outdoor-pädagogischen Richtungen in der Reformpädagogik. Seit jeher nutzen die Norweger ihre Landschaft zum Leben in und mit der Natur. Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnte Henrik Ibsen zum ersten Mal diesen Begriff und beschrieb damit diese bestimmte Art der Freizeitbeschäftigung. Mit dem Beginn der Industrialisierung und dem Eingriff des Menschen in die Natur entwickelten die Norweger einen Schutzinstinkt für den Erhalt der Natur, welche somit auch Bestandteil von „friluftsliv“ wurde.

Meine Motivation diese Hausarbeit zu verfassen entstand während meines Aus- landssemesters im Sommersemester 2004 in der Högskolen Stord/Haugesund in Leirvik auf der Insel Stord, die ca. 1,5 Autostunden südlich von Bergen an der Westküste Norwegens liegt. Während dieser Zeit nahm ich an einem 4- monatigen Kurs teil, in dem wir uns aktiv mit dem Leben in und mit der Natur auseinandergesetzt haben: Wir haben friluftsliv praktiziert. Hierbei habe ich die Vielzahl an Möglichkeiten der Umsetzung und die großen Chancen für die Ent- wicklung bei Kindern entdeckt.

In meinen folgenden Ausführungen wird aus Gründen der Übersichtlichkeit und des besseren Leseflusses der Bezeichnung Schüler, Erzieher und Lehrer ver- wendet, wobei, Schülerinnen, Erzieherinnen und Lehrerinnen damit ebenso eingeschlossen sind. Meine verwendete Literatur ist größtenteils norwegisch und englisch, so dass ich die Zitate zur besseren Lesbarkeit direkt im Anschluss an das Zitat ins Deutsche übersetzt habe. Ich habe bewusst in dieser Exa- mensarbeit die Verwendung des norwegischen Begriffes „friluftsliv“ gewählt, da er meiner Meinung nach das besser wiederspiegelt, wofür friluftsliv wirklich für die Norweger steht, als der in das Deutsche übersetzte Begriff „Freiluftleben“.

Die theoretischen Grundlagen von „friluftsliv“ werden im ersten Teil dieser Examensarbeit erläutert. Anhand der Geschichte und Definitionen soll verdeutlicht werden, welchen Stellenwert „friluftsliv“ für die norwegische Bevölkerung hat. Im weiteren Verlauf werden die Auswirkungen des Spielens und Lernens in der Natur dargestellt und die Chancen für eine gute motorische, kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes aufgezeigt.

Der zweite Teil wird sich mit Umsetzungsmöglichkeiten in den verschiedenen Bildungszweigen auseinandersetzen. Ein kurzer Überblick über das norwegische Curriculum für Kindergärten und Schulen zeigt die Möglichkeiten auf, die der Lehrplan den Lehrern gibt. Praktische Beispiele schließen sich hier an und zeigen konkret, wie man friluftsliv im Kindergarten, in der Schule und in der Hochschule in Norwegen umsetzt.

Im letzten Teil werde ich Stellung zur Thematik nehmen und versuchen unter kritischen Gesichtspunkten die Umsetzung auf Deutschland zu projizieren.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Etymologie

Das Wort „friluftsliv“ kommt heutzutage in der dänischen, schwedischen und norwegischen Sprache vor. Jedoch gibt es kaum etymologische Beschreibungen für diesen skandinavischen Begriff.

Das schwedische Wörterbuch „Ordbok över svenska språket“ aus dem Jahre 1929 erwähnt den Dichter Carl Gustaf Verner von Heidenstam (1859 - 1940), welcher das Wort „friluftsliv“ in seinem Werk „End“ von 1889 benutzte.

Im Jahr 1924 ist der Begriff noch nicht in das dänische Wörterbuch „Ordbok o- ver det Danske Sprog“ aufgenommen, jedoch kann man Wörter wie „friluft“ oder „friluftsnydelse“ finden, welche auf eine Herkunft Mitte des 19. Jahrhunderts schließen lassen.

Das „Norsk Riksmålsordbok“, das norwegische Wörterbuch, aus dem Jahr 1937 erwähnt „friluftsliv“ nur als ein Wort ohne weitere Beschreibung. Es wird auf den Wortstamm „fri“ verwiesen:

„Fri: åpen og vid: uten tengende skrankes for utsynet“

(frei: offen und weit: ohne einschränkende Schranke für den Ausblick/Fernblick)

Weitere Beispiele sind „fri utsikt“(freie Aussicht) und „i Guds frie natur “ (in Got tes freier Natur).

Die Erwähnung von „ i Guds frie natur “ und der Hinweis in dem dänischen Wör- terbuch auf das 19. Jahrhundert lassen darauf schließen, dass der Ursprung von „friluftsliv“ in der romantischen Periode Skandinaviens liegt. Zum aller ers- ten Mal tauchte das Wort „friluftsliv“ in Henrik Ibsens Gedicht „På Vidderne“ („Auf der Hochebene“) 1859 auf, was die norwegische Herkunft des Wortes er- klärt.1

2.2 Geschichte

Friluftsliv hat seinen Ursprung in der romantischen Zeit Norwegens. Verschiedene Faktoren haben zu der Entstehung und Entwicklung von friluftsliv beigetragen, die im Folgenden näher dargestellt werden.

Im 18. Jahrhundert herrschte in Deutschland keine politische Einheit, da es viele kleine Staaten ohne gemeinsame politische Regierung gab. Die Freiheit und die Natur wurden in den Mittelpunkt des Lebens gestellt. Einer dieser Vertreter war Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778), der als erster diese Meinung öffentlich in seinem autobiographischen Buch „Émile“ äußerte. Auf seinen Reisen erfuhr er, dass es einen „ great contrast between the civilised town life and life in the natural environment ” 2 (großen Unterschied zwischen dem zivilisierten Stadtleben und dem Leben in einer natürlichen Umgebung) gibt. Er erwähnte mehrmals in seinem Buch die wichtige Rolle der Natur:

„ Fra naturen av er alle mennesker like “ 3

(Von Natur aus sind alle Menschen gleich)

Für ihn war außerdem die unberührte Natur das wahre Zuhause für alle Menschen, und er sah in ihr die Möglichkeit zur Erholung vom gestressten Leben des Zeitalters der Aufklärung.

Zum Beginn des 19. Jahrhunderts bekam die Natur von den Dichtern und Malern, vor allem von denen aus Deutschland, mehr Aufmerksamkeit. Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775 - 1854) entwickelte seine eigene, von Spinoza und Kant beeinflusste, Philosophie von Natur:

„ Die Natur als den sichtbaren Geist, den Geist als die unsichtbare Natur “ 4

Die Natur wurde poetisiert und wurde zum Mittelpunkt der Romantik. Besonders die freie und unberührte Natur spielte dabei eine entscheidende Rolle. “ Poeti- zation of nature became central to all Romanticism, free-nature especially play ing a fundamental role. ” 5

Es galt, dass die Natur und der Geist die einzigen reellen Dinge sind, und dass sich der Mensch nur in dieser Realität natürlich entwickeln und seine wahre Identität finden kann.

Johann Christian Claussens Dahl (1778 - 1856), ein Maler aus Ber- gen/Norwegen, zog 1820 nach Dresden und malte von dort viele Werke, welche die Natur Norwegens zeigten. Dahl kann man heute als einen der wichtigsten Personen bezeichnen, die Norwegen in das Bewusstsein der anderen europäi- schen Staaten gebracht haben. Nachdem das erste Werk Dahls Europa inspi- riert hatte, besuchten viele Europäer, besonders die reichen Deutschen, Nor- wegen, um die unberührte Landschaft mit ihren naturverbundenen Bauern und all das zu erleben, von dem sie durch die Werke der Maler begeistert wurden. Dahl folgten viele norwegische Künstler, die von Deutschland aus ihre Heimat malten und den anderen Teilen Europas interessant machten.

In Norwegen bestand die Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu ca. 10% aus gebildeten Menschen der Oberschicht, die meist in den Städten wie Bergen und Christiania (heute Oslo) lebten und politische, soziale und Handelsaufgaben nachgingen. Ca. 90% waren ländlichen Bauern, die auf ihrem eigenen Land arbeiteten. Diese ländliche Bevölkerung geriet in den Fokus der Touristen, die das Leben dieser naturverbundenen Menschen mit all ihren lokalunterschiedlichen Lebensstilen und Sprachen erleben und nachvollziehen wollten. Diese Menschen symbolisieren die Wurzeln der norwegischen Bevölkerung, deren große Vorfahren die Wikinger sind.

Die unglaubliche Begeisterung der Europäer und speziell der Deutschen nach Norwegen zu reisen um die unberührte Natur und die Lebensweise der ländli- chen Bauern zu erfahren, brachte der vornehmen Oberschicht etwas Frustrie- rendes mit sich. Je mehr sich die Romantik in Norwegen etabliert hat und somit auch die wachsende Realisierung, dass Norwegens Natur kulturell allgemein als sehr wertvoll geschätzt und zudem auch noch selten in Europa ist, wurden Reisen ins Gebirge zuerst akzeptiert; später wurden sie äußerst beliebt in der norwegischen Oberschicht.

„ Stirred by the romantic spirit and offended by the foreigner ’ s dismissal of them as not being ´ real ´ Norwegians, they duly ventured forth to physically explore and experience what it was to be in contact with nature and thereby at home: in short, what is was to be Norwegian. It is this phenomenon, as Ibsen ’ s poem il lustrates, which was friluftsliv. ” 6

(Angetrieben von dem romantischen Geist einerseits, beleidigt worden von den Abweisungen der Touristen andererseits, keine „richtigen“ Norweger zu sein, wagten sie sich, es selbst zu erkunden und zu erfahren, was es heißt in Kontakt mit der Natur zu stehen und dadurch zu Hause zu sein: kurzum, was es heißt, norwegisch zu sein. Es ist das phänomenale, wie es Ibsens Gedicht beschreibt, was friluftsliv war.)

Henrik Ibsen (1828 - 1906) trug dazu bei, dass der Geist der Romantik in Norwegen in Form von Gedichten verbreitet wurde. In seinem Gedicht „På Vidderne“ (Auf der Hochebene) taucht zum ersten Mal das Wort „friluftsliv“ auf, was neben ´naturbegeistring´ die neue Identität Norwegens beschreibt.

Das Gedicht beschreibt den Unterschied zwischen dem zivilisierten Leben im Tal und dem Leben auf der Hochebene (På Vidderne). Dabei spielen die Ge- danken und der Geist für Ibsen eine große Rolle. Genau wie Schelling sieht er „ nature as visible spirit “ und „ spirit as invisible nature “ (Natur als sichtbaren Geist und den Geist als die unsichtbare Natur). Friluftsliv impliziert „ fri-natur-liv “ oder „freies Natur-Leben“.

Im letzten Abschnitt vergleicht er das Leben in den Bergen mit dem in der Tiefebene. Ibsen beschreibt das Leben in der Hochebene als freier und näher zu Gott. Er folgert daraus, dass „ free-nature is the liberating homeland for all peo ple “ (…die freie Natur das Zuhause für alle Menschen ist.)7

Auszug aus “På Vidderne“ von Henrik Ibsen (1859):

„ I den ø de s æ terstue al min rige fangst jeg sanker: der er krak og der er grue friluftsliv for mine tanker. “ 8

„ Nu er jeg st å lsatt, jeg f ø lger det bud Der byder i h ø yden at vandre! Mit lavlandsliv har jeg levet du; Heroppe p å vidden er frihet og Gud, der nede famler de andre. “ 9

(In der einsamen Stube All meinen großen Fang ich sammle: Dort ist ein Kamin und ein Tisch, friluftsliv für meine Gedanken. Jetzt bin ich entschlossen, ich folge der Botschaft, die bietet mir in der Höhe zu wandern! Das Leben in der Tiefebene habe ich aufgegeben; Hier oben auf der Hochebene ist Freiheit und Gott, die anderen tasten dort unten.)

Neben Henrik Ibsen war Bjørnsterne Bjørnson (1832 - 1910) eine der einfluss- reichsten Autoren des späten 19. Jahrhunderts. Die Natur und das ländliche Leben lösten Begeisterung bei Björnson aus und inspirierten ihn zugleich in den meisten seiner Werke. Aus dieser Inspiration entstand auch das Gedicht, das noch heute die norwegische Nationalhymne ist. In dem Gedicht wird die starke Liebe zur Natur und zum ländlichen Lebensstil der Norweger beschrieben. Das Gedicht spiegelt die damalige romantische Stimmung wieder, die von „naturbe- geistring“10 geprägt war.11

Ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckten auch die „normalen“, die städtischen Menschen, nicht die soziale Oberschicht, „ to take friluftsliv in a search for a way ‚ home ’“ 12 (um friluftsliv für die Suche nach „Hause“ zu benut- zen). Zu dieser Zeit gab es in Norwegen zwei Arten von europäischen Touris- ten.

Es kamen viele, vor allem britische, Touristen nach Norwegen, deren Einstel- lungen und Motive ihrer Reisen sich änderten und nicht mit denen der Romanti- ker vereinbar waren. So wurde die Jagd auf Rentiere besonders beliebt. Viele Touristen der sozialen britischen Oberschicht nutzten Norwegen so als Spiel- platz und rotteten ganze Rentierherden in Rondane und in der Hardangervidda aus. An Stelle von Naturliebe stand hier der Herausforderungs- und der Erleb- nischarakter.

Die andere Gruppe von Touristen waren Menschen aus der sozialen Ober- schicht, die es sich erlauben konnten in andere Länder zu reisen. Dies erfolgte immer mit einem bestimmten Luxus. Jedoch gab es zu oft Probleme und die Reisenden mussten auf ihren Luxus verzichten, indem sie, wenn auch nur kur- ze Distanzen, zu Fuß weiterliefen, auf komfortable Unterkünfte verzichteten, etc..

Diese Probleme und die große Begeisterung der Norweger führte 1868 zur Gründung des norwegischen Touristenvereins, dem sogenannten „Den norske

Turistforening“. Dieser baute viele Hütten auf den beliebten Wanderwegen und Reisestrecken und löste so mit der Zeit die das Problem fehlender Unterkünfte. Auch heute noch werden Hütten in den Bergen gebaut, um den Wanderern eine entgeldliche Unterkunft und Nahrung auf dessen Wanderung zu bieten.

Fridtjof Nansen (1861 - 1930) wurde zum Nationalhelden in Norwegen, nach- dem er 1888 als erster Mensch Grönland auf Skiern überquerte und wenige Jahre später eine Expedition zum Nordpol unternahm. Seine Leistungen fanden auch international Zuspruch, was dem Ansehen Norwegens sehr gut tat. Seine Popularität und seine Persönlichkeit an sich, halfen ihm 1905 den Willen Nor- wegens durchzusetzen und ein eigenes Konsulat zu führen. Entgegen vieler öf- fentlicher Forderungen „ to take the helm “ 13 (den Helm zu tragen), wurde er zum diplomatischen Repräsentanten Norwegens und erreichte die Unabhängigkeit von Schweden.

Durch seine Erfolge in der Politik und auf den Expeditionen repräsentierte Nansen „the popular European view of a typical Norwegian“14 (das beliebte europäische Ansehen eines typischen Norwegers). Nansen wurde regelrecht zum Inbegriff von friluftsliv und verhalf friluftsliv zu einer noch größeren Beliebtheit. Friluftsliv wurde zu einer nationalen Bewegung, auf die die Norweger stolz waren. Es wurde als ein Ausdruck norwegischer Identität und als ein wichtiger Aspekt norwegischer Kultur angesehen. „ Friluftsliv ... epitomized now more than ever before what it was to be Norwegian. ” 15 (Friluftsliv ... verkörperte jetzt mehr denn je zuvor, was es hieß, ein Norweger zu sein.)

Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr auch Norwegen eine immense industrielle Entwicklung, in der auch die Ressourcen der Natur zum Zwecke der Kommerzialisierung entdeckt wurden. Wasserfälle wurden so für Wasserkraftwerke genutzt, Wälder für den Holzexport und die aus Bergen wurde Erz aus Minen gewonnen. Besonders die Umwandlung von Wasserfällen, die große Attraktionen für die Touristen darstellten, lösten große Proteste aus.

Unter der Besatzung während des zweiten Weltkrieges wurde die Praktizierung von friluftsliv für einen immer größeren Anteil der norwegischen Bevölkerung immer wichtiger. „ Nature was regarded as a therapy for downtrodden Norwegi ans “ 16 (Die unterdrückten Norweger betrachteten die Natur als Therapie für sich). Ein Beleg dafür mag die hohe Anzahl an neu erschienenen Büchern über das Bergwandern oder die heimischen Landschaft gewesen sein.

Nach den Weltkriegen existierte zwar immer noch die traditionelle Liebe jedes Norwegers für seine Landschaft, jedoch legte man nun den Fokus auf die in- dustrielle und technische Entwicklung in Norwegen. So wurden sämtliche Täler mit Wasser geflutet, um es für die Stromgewinnung in Wasserkraftwerken zu nutzen.

Die technische Entwicklung nahm auch Einfluss auf die „friluftsliv“-Aktivitäten. So wurde Equipment produziert, das Wandern, Ski-fahren, etc. einfacher und günstiger machte. Rucksäcke wurden immer funktioneller und einige Marken bekämpften sich hart auf dem norwegischen Markt. Der poetische Hintergedan- ke, von friluftsliv, wie ihn Nansen, Ibsen und andere prägten, rückte somit in den Hintergrund. Spannung, Herausforderung und Spaß nahmen seinen Platz ein.

Viele Revolutionäre der 60er und 70er Jahre waren große friluftsliv- Enthusiasten, die sich gegen die industrielle Ausweitung und der damit zusam- menhängenden Zerstörung der Natur einsetzten. Arne Næss und Sigmund Kvaløy Sætereng setzten sich stark dafür ein und widmeten ihr Leben friluftsliv.

1960 gründete Nils Faarlund, ein Kollege von ihnen, die „Norges Høgfjellsskole“, in der bis heute friluftsliv unterrichtet wird. Die dort ausgebildeten Lehrer geben dann ihr Wissen in Hochschulseminaren an Stundenten weiter.

Das norwegische Umweltministerium entwickelte eine „friluftslivpolitikk“, die die wesentlichen Werte von friluftsliv versucht zu beschützen und diese stets weiter zu entwickeln.

„ Friluftsliv is now beginning to enjoy the first warm rays of Spring which not only reflects a change in society towards ecological awareness, but also the very durability of friluftsliv itself. ” 17

(Friluftsliv fängt nun an die ersten warmen Strahlen des Frühlings zu genießen, welche nicht nur einen Wechsel des ökologischen Bewusstseins herbeigeführt hat, aber die Dauerhaftigkeit von friluftsliv an sich.)

2.3 Definitionen

Friluftsliv ist ein Begriff, von dem es keine allgemeingültige Definition gibt. Jedoch gibt es viele verschiedene Begriffsklärungen und -umschreibungen, die sich sehr ähneln und den Hauptgedanken wiedergeben. Im Folgenden werden einige unterschiedliche Definitionen dargestellt.

Eine der allgemeinsten Definitionen formuliert Nils Faarlund (????): „ Friluftsliv is excess life in and with free nature “ . (Friluftsliv ist exzessives Leben in und mit der freien Natur). Darüber hinaus bietet diese norwegische Tradition „ seeking the joy of identification with free nature “ (die Suche nach der Freude der Identifikation mit der freien Natur).

Daran schließt sich Haugen (1989) an: „ Med friluftsliv forst å r vi enkelt, aktivt og overskuddspreget liv i levende natur. Sentralt i friluftsliv er opplevelser, utfordringer og selve samv æ ret med mennesker og natur. ” 18 (Unter friluftsliv verstehen wir einfaches, aktives und überschüssiges Leben in der lebenden Natur. Im Mittelpunkt steht hierbei das Erlebnis, die Herausforderung und das Beisammensein mit Menschen und der Natur.)

Das Umweltministerium Norwegens bezeichnet friluftsliv als „ ... stay and physi- cal activity in fresh air in the spare time with a goal to … experience nature. The goal is … harmony with nature. ” 19 (… Aufenthalt und körperliche Aktivitäten im Freien in der Freizeit mit dem Ziel ... Natur zu erfahren. Das Ziel ist ... Harmonie mit der Natur.).

Tordson versteht unter friluftsliv das Reisen und Leben in engem Kontakt zur freien Natur, um Erfahrungen und Abenteuer zu erleben.20

Matthias Weinholz sieht friluftsliv als „ ein gelegentliches, einfaches und unei- gennütziges Leben im Zusammenspiel mit der freien Natur, das zu einer Freundschaft und Verantwortung gegenüber der Natur und der Schöpfung füh- ren kann “ 21. Friluftsliv bietet uns so die Möglichkeit in unserer Freizeit einer hochtechnisierten Welt zu entfliehen und sich auf die Spuren unserer Vorfah- ren, den Jägern, Sammlern und Fischern, zu machen, um in Kontakt und in Harmonie mit der Natur zu kommen und so das ureigenen Leben mit seinen Regeln und Rhythmen zu erfahren. Unter freier Natur versteht Weinholz nicht von Menschenhand gestaltete Gärten und Parks, sondern die „ relativ ursprüng- liche Naturlandschaft, die nicht zu stark von Industrie und Wohnungsbau, sowie von oft schnellstraßenbreiten und befestigten Spazier- und Wanderwegen durchzogen und zerstört ist “ 22.

Friluftsliv bedeutet, dass der Mensch als Ganzes angesprochen wird, denn Körper, Geist und Gefühlsleben nehmen aktiv teil. Hier sind Parallelen zu Pes- talozzi zu entdecken, der die Vorzüge eines Lernens mit Kopf, Herz und Hand erkannt hat. „Freundschaft und Verantwortung“ unterstreicht, dass es sich bei friluftsliv mehr als nur um eine Freizeitaktivität oder ein Hobby handelt, sondern es bietet einem die Möglichkeit „ einen Lebensstil und eine Lebensphilosophie zu suchen, die von einer Harmonie zwischen Natur und Menschen geprägt ist “ 23. Jedoch stellt Weinholz klar, dass es sich hierbei nicht um „Naturleben“ handelt, welches „ ein ständiges Leben in Zusammenspiel ... mit der Natur dar- stellt “ 24.

Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich mit Beginn des industriellen Auf- schwungs und des damit verbundenen Reichtums die Einstellungen der Men- schen in Europa und auch in Norwegen geändert. Wasserfälle wurden für Was- serkraftwerke genutzt, Erzminen wurden in Berge gebaut und Wälder zum Ex- port von Holz gefällt. Die Norweger haben ihren Kontakt zu ihrer heimischen Natur nahezu verloren.

Daher sieht Nils Faarlund ( geb. 1937) in friluftsliv „ a way of tuning our lifestyles and society so that they are in harmony with nature “ 25 (eine Art unseren Le- bensstil und unsere Gesellschaft so einzustellen, dass sie in einer Harmonie mit der Natur sein kann). Weiterhin bietet es eine Möglichkeit, ein Verständnis von Natur zu bilden und in ihr das wahre Zuhause der Menschheit wiederzuentdecken. Dabei muss der Mensch von den anthropozentrischen Einstellungen abweichen und die Natur als einen gleichberechtigten Partner in einer Beziehung ansehen. Dieses kann man jedoch nicht in Büchern nachlesen, sondern muss sich direkt in die Natur geben und sich auf sie einlassen.26

Faarlund sieht die Natur als die wahre Heimat der Menschen an und auch als den Ort, wo Menschen am Besten ihre Persönlichkeit formen: „ In the wilder- ness, in the loneliness of the forest, with a view toward the mountains and a di- stance from clamour and confusion - this is where personalities are formed. ” 27 (In der Wildnis, in der Einsamkeit der Wälder, mit einem Blick gegen die Berge und einer Entfernung vom Lärm und Durcheinander - das ist, wo Persönlichkei- ten geformt werden.)

Die Ausrüstungsindustrie hat längst friluftsliv als einen sehr ertragreichen Markt entdeckt. Einige friluftsliv-Aktivisten wie Faarlund sind der Meinung, dass man einerseits mit so wenig wie möglich Equipment in die Natur gehen sollte, und andererseits Materialien wählt, die natürlich sind um die Natur und das Wetter optimal spüren zu können. Je unabhängiger man vom Material ist, desto besser kann man spüren, was friluftsliv ist. „ We need to make sure we don ’ t lose the ability to obtain equipment that enables us to touch the mountain, or friluftsliv will become impossible. ” 28 (Wir müssen sicher sein, dass wir nicht die Fähigkeit verlieren das Equipment zu erhalten, welches uns ermöglicht den Berg zu anzu- fassen, oder friluftsliv wird unmöglich werden.) Dabei darf friluftsliv auch kei- neswegs einen Wettkampfcharakter erhalten.29

Für Faarlund ist friluftsliv kein/keine:

- Sport im Sinne von körperlicher Ertüchtigung um für einen unnatürlichen und ungesunden Lebensstil fit zu bleiben.
- Tourismus im Sinne von Geschäften und schnellem Transport durch ver- schiedene Orte.
- wissenschaftliche Exkursion, die einem die physischen Prozesse der Natur erklärt und auf der Exemplare für objektive Interessen gesammelt werden.
- Werbeshow, in der auf Himalaya-Expeditionen Werbung für Equipment, etc. gemacht wird. Die Natur darf nicht als „Sparringpartner“ genutzt werden.
- Outdoor-Aktivität, die genutzt wird, um den modernen Lebensstil zu stützen. Aber es kann helfen den Weg von diesem Lebensstil weg zu finden.30

Arne Næss (geb. 1912) gehört neben Fridtjof Nansen und Nils Faarlund zu den wohl bedeutendsten friluftsliv-Vertretern. 1970 verfasste er mit seiner „eco- sophyT“ eine bisher nicht existierende Arbeit über friluftsliv und Ökologie und gehört so zweifelsfrei zu den Begründern der tiefenökologischen Bewegung Norwegens.

Für ihn ist friluftsliv „ not only outdoor recreation but it is a deeper form of life in free nature, which respects nature ... ” 31 (nicht nur Erholung in der Natur, sondern eine tiefergehende Form des Lebens in der freien Natur, welches die Natur respektiert), wobei es immer einen Spielcharakter haben sollte, wenn wir die physischen Aktivitäten der Jäger und Sammler auf Feldern, in Wäldern, in den Bergen und im Wasser nachahmen.

Friluftsliv repräsentiert für Næss eine Kritik des modernen Lebens und wider- spricht denen, die der technischen Zivilisation enthusiastisch gegenüberstehen.

Genau wie Faarlund sieht er friluftsliv nicht als Sport. Für ihn findet Sport in künstlichen Arenen statt und besitzt stets einen Wettkampfcharakter. Friluftsliv muss immer Spaß machen. Zudem sollte der Fokus auf den Prozess gelegt werden. „ Richness in ends but simpleness in means32 (Reich an Absichten a- ber einfach in den Mitteln) sollten die friluftsliv-Aktivitäten sein.

Næss hat ein bestimmtes Verhältnis zur Natur. Er sah das Bezwingen eines Berges als ein Sakrileg an, was zeigte, dass man nicht genügend Respekt vor der Natur zeigt. Er sah zum Beispiel Hallingskarvet, den Berg wo er seine Hütte hat, als einen Vaterersatz oder als eine Art Vater an.33

Næss stellte fünf Prinzipien für ein verantwortungsbewusstes Leben in der Natur aus ethischen und ökologischen Sicht dar.

- Næss fordert Respekt für jedes Leben, da er, in Anlehnung an Spinoza, denkt, dass alle Lebenswesen von einander abhängig sind und auch einen intrinsischen Wert besitzen.
- Ein verantwortungsbewusstes Leben umfasst die Identifikation mit dem Le- ben und der Landschaft.
- Ein Leben in der Natur soll den Stress reduzieren und die „Selbstrealisie- rung“ ermöglichen.
- Es wird ein natürlicher Lebensstil und die Nutzung von natürlichen Ressour- cen für Equipment als wichtig angesehen.
- Man benötigt genügend Zeit für eine Anpassung.34

Einer der wichtigsten Punkte in Næss’s „ecosophyT“ ist die „Selbstrealisierung“. Er sieht „Selbstrealisierung“ als eine ultimative Prämisse an, die Bestandteil seiner Okösophie (Lebensphilosophie mit ökologischem Bewusstsein) ist. Mit „Selbstrealisierung“ meint Næss, „ dass alles Leben sich selbst zu realisieren trachtet und wir die Integrität jeden Lebens respektieren sollten.“35 Næss sieht die „Selbstrealisierung“ entweder als einen Prozess oder als ein ultimatives Ziel an.36

2.4 Die aktuelle Situation

Diese Kapitel beschäftigt sich damit, wie die Norweger friluftsliv in ihrer Freizeit nutzen und wie die Lebensbedingungen des Kindes heutzutage sind. Anhand von Studien und Erläuterungen sollen die positiven Auswirkungen auf den Menschen dargestellt werden.

In einer Befragung von 1992 durch die MMI wurde in der norwegischen Bevöl- kerung nachgefragt, warum sie friluftsliv praktizieren. Daraus ergab sich, dass der Großteil der befragten Norweger auf der Suche nach Stille und Frieden (87%) und nach frischer Luft (85%) ist und um dem Stress und dem Ärger des Alltags zu entkommen (79%). Ebenso hat die Mehrzahl der Befragten soziale Gründe angegeben. 73% begaben sich in die Natur um mehr Zeit mit ihrer Fa- milie zu verbringen oder um Freunde zu treffen (67%). Einen ebenso großen Wert haben physische Gründe, wie zum Beispiel fit und schlank zu bleiben oder zu werden (71%). Rund die Hälfte der befragten Norweger wollen regelmäßig die Flora und Fauna Norwegens erleben. Nur etwa 40% gaben an, friluftsliv aus philosophischen Gründen zu praktizieren. Sie suchen den Kontakt mit der Na- tur, um ihre Größe und Mystik zu erleben, und wie nach Faarlund eine Bezie- hung zu ihr aufzubauen.37 Bei der Umsetzung von friluftsliv bei Kindern und in der Schule treten andere Gründe in den Vordergrund.

Der Alltag eines Kindes hat sich mehr und mehr in den letzten Generationen verändert. „ Kinder verbringen einen immer gr öß eren Teil ihrer Freizeit in der Wohnung, im Kinderzimmer oder an räumlich immer enger begrenzten Plätzen ... “ 38 und ebenso immer weniger in der freien Natur. Ausschlaggebend sind ei- nerseits die eingeschränkten Spielmöglichkeiten im Freien durch Verkehr und durch eine erhöhte Wohndichte.39 Andererseits rücken multimediale Aktivitäten gegenüber dem Spielen im Freien in den Vordergrund. „ Data, fjernsyn og video har erstattet noe av selvaktiviseringen. “ 40 (Computer, Fernsehen und Video ha- ben einige der Eigenaktivitäten ersetzt.) Norwegische Kinder verbringen ca. drei Stunden am Tag vor dem Fernseher oder anderen elektronischen Geräten.41 Ebenso haben Klettergerüste die Kletterbäume ersetzt, der Transport von den Eltern mit dem Auto die Fahrt mit dem eigenen Fahrrad etc.. Die Folge sind ein starkes Übergewicht und eine schlechte Fein- und Grobmotorik. Kinder aus ländlichen Einzugsgebieten sind Schülern aus der Stadt im Hinblick auf motori- sche Fähigkeiten überlegen, was sich aus den ökologischen Bedingen für die Bewegungsentwicklung begründet.42 Eggert stellt weiterhin fest, dass die ver- minderte koordinative Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit zum Lebensraum steht. So ist die motorische Entwicklung bei Kindern aus ländlichen Wohngebie- ten als „normal“ einzustufen, die der Kinder aus dem großstädtischen Lebens- raum als eine mit deutlichen Entwicklungs- und Leistungsrückständen.43

In einer Umfrage der MMI (norwegisches Institut für Marktanalysen) im Jahr 1997 wurden die Outdoor-Aktivitäten von drei bis siebenjährigen Norwegern un- tersucht. Daraus ging hervor, dass trotz der starken Mediennutzung heutzutage ca. 75% der Befragten sich täglich im Freien aufhalten und spielen. Skifahren, Wandern, auf Bäume klettern, Wasserspiele und Fußball auf Wiesen sind dabei die beliebtesten Aktivitäten. Jedoch wird auch von Seiten der Kinder beklagt, dass es nicht genügend geeignete Plätze zum Spielen und für Freizeitaktivitä- ten gibt auf denen man klettern und bauen, Skifahren und Schlittenfahren kann.

An diesem Punkt kann man als Lehrer oder als Erzieher im Kindergarten sehr gut anknüpfen. Der Aufenthalt in der Natur bietet den Kindern die Möglichkeit dem Gewohnten zu entfliehen und sich von den Sorgen zu entfernen. Zudem können die Kinder einen Raum finden, der viel größer ist als der Klassenraum, die Sporthalle, der Kindergarten oder das eigene Kinderzimmer zu Hause, und so mehr und vielfältigere Spiel- und Lernmöglichkeiten bietet. Durch die Vielfäl- tigkeit der Natur werden die unterschiedlichen interessierten Kinder angespro- chen und so auch individuell gefordert und gefördert. Das hyperaktive Kind, das seine Kreativität drinnen nicht ausleben kann, kann sich praktisch an verschie- denen Projekten im Freien austoben. „ Den litt forsiktige har st ø rre muligheter til å f å pusle i fred, den urolige finner kanskje roen ved b å let. “ 44 (Der Vorsichtige hat größere Möglichkeit um in Frieden zu puzzeln, der Unruhige findet eventuell Ruhe am Lagerfeuer.)45

Auch Kindergärten in den skandinavischen Ländern haben positive Ergebnisse in der motorischen Entwicklung bei Kindern entdeckt, die sich viel im Freien aufhalten. In den Kapiteln 2.1.2 und 2.1.3 wird anhand des Konzeptes „Nature as a playground“ und anhand eines Friluftsliv-Kindergartens noch näher darauf eingegangen.

Dabei ist es sinnvoll, die unmittelbare Umgebung der Schule zu nutzen. Vorteile können sein:

- Der Unterricht knüpft an Bekanntes an und bleibt somit interessant.
- Der Unterricht knüpft an Konkretes an und kann so mit mehr Bedeutung für den Schüler gefühlt werden.
- Schüler erlangen so mehr Wissen und ein Gefühl der Zugehörigkeit zur un- mittelbaren Umgebung.46

Friluftsliv lässt sich nicht nur in Biologie sehr gut umsetzen, sondern auch in nahezu jedem Unterrichtsfach und besitzt somit fächerübergreifenden Charak- ter:

- Mathematik: Dinge zählen, ausrechnen, messen
- Geographie: Geologie, Landformen, Landstriche
- Norwegisch (Muttersprache): Gedichte oder Texte verfassen
- Religion: Schöpferwerk, Geschichte
- Geschichte: Lokalgeschichte
- Sport: sämtliche Sportarten in der Natur, statt in der Sporthalleumsetzen (Fußball, Waldlauf, Wurf mit Gegenständen aus der Natur, etc.)
- Kunst/Werken: Inspiration, malen, zeichnen, Naturmaterialien verwenden47

2.5 Auswirkung der Natur auf die Entwicklung eines Kindes

Aufgrund der Vielfältigkeit der Natur werden viele verschiedene Bereiche des Kindes gleichzeitig stimuliert. Im Folgenden werden positive Auswirkungen auf sensomotorischer, körperlicher, sozialer, emotionaler und kognitiver Ebene dar- gestellt.

In der Natur bewegt man sich auf den unterschiedlichsten Untergründen und stimuliert so seine Sinne vielfältig. Man bewegt sich im Wasser, auf Moos, Sand, Steinen, Baumstämmen und Ästen. Ebenso erfordert das Spielen und allgemein der Aufenthalt in der Natur verschiedene Bewegungen. „ De g å r og l ø per i ulendt terreng, de klattrer i tr æ r og bratter skr å ninger, de kaster stein, kongler, pinner og sn ø baller, de krabber under greiner, å ler seg inn i sn ø tunnelen, hopper over busker, steiner eller bekker.48 (Sie, die Kinder, ge- hen und laufen im unwegsamen Gelände, sie klettern in Bäumen oder am stei- len Abhang, sie werfen Steine, Zapfen, Stöcke und Schneebälle, sie kriechen unter Zweigen, rutschen im Schneetunnel, hüpfen über Büsche, Steine oder Bäche.) Diese vielfältigen Bewegungen tragen zu einem großen Bewegungs- schatz bei, der sich positiv auf das Gleichgewicht und die koordinativen Fähig- keiten auswirkt.

Aufgrund der größeren körperlichen Anforderungen in der Natur erlangen Kinder, die häufig im Freien spielen, einen größeren Zuwachs an Kraft und Ausdauer, da, wie oben beschrieben, die unterschiedlichen Untergründe ein höheres Aktivitätsniveau besitzen, aber die Kinder auch länger draußen bleiben. Aufgrund der Aktivitäten in der Natur haben „ barn og voksne ... mindre sy kefrav æ r i utebarnehagene49 (Kinder und Erwachsene weniger Fehltage wegen Krankheit in Outdoor-Kindergärten).

Die Natur bietet viele verschiedene Möglichkeiten für soziale Kontakte. Eine Möglichkeit ist das gemeinsame Essen, bei dem sich die Schüler an einem an- genehmen Ort treffen und gemeinsam essen. Nach Möglichkeit und Zeit kann man zusammen auf dem Lagerfeuer kochen, welches später auch als Ver- sammlungsort dienen kann. Zeltaufbau, Feuerholz sammeln, Unterschlupf bau- en, Paddeln im Kanu und Essenszubereitung fördert die Zusammenarbeit im- mens, da man all diese Aufgaben nicht alleine bewältigen kann. „ Det ø ker ofte gruppeilh ø righeten, respekten for andre og trening i kommunikasjon og vennskap. “ 50 (Es verstärkt oft das Gruppenzugehörigkeit, Respekt vor anderen und Übung in der Kommunikation und Freundschaft) Es hat sich gezeigt, dass Kinder, die viel draußen spielen, über eine größere Toleranz für andere verfü- gen.51 „ N å r barn leker ute i naturen oppst å r det f æ rre konflikter enn i innele- ken. “ 52 (Wenn Kinder draußen spielen, entstehen weniger Konflikte als im Spiel im Haus). Zudem erhöht sich die Bereitschaft, anderen Kindern bei neuen Her- ausforderungen zu helfen und in verschiedenen Gruppen zu spielen. Feste Spielgruppen gibt es nicht, da sie stets variieren.53 Wenn Kinder in der Natur beobachten, dann sind es meist die kleinen Details, für die sie sich interessieren. Man hat nahezu immer die Möglichkeit schöne Dinge zu entdecken, die eine Faszination bei Kindern hervorruft. Das können kleine Eiskristalle, Tiere und ihre Spuren oder Lichterscheinungen am Himmel (Dezemberlicht) sein. Ebenso kann häufiger Kontakt zu einer Stärkung des Im- munsystems, Reduzierung von Stress und schnellerer Heilung bei Erkrankun- gen führen.

Friluftsliv hat Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung. Das Kind muss sich den Herausforderungen des Erkunden, Beobachten und Analysieren stellen. Das können Herausforderungen sein, den besten Stein zum Werfen zu finden, einen geeigneten Abhang zum Rodeln zu finden oder einen windgeschützten Platz zum Ausruhen zu finden. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, um mit Ästen, Zweigen und anderen Materialen im Wald etwas zu bauen. Hierbei wird die Kreativität der Kinder immens stimuliert, wie es im Klassenraum nicht möglich ist. Zudem wird die Konzentration stark gefördert.54

Das Zusammenspiel von Mensch und Umwelt wird in der folgenden Abbildung dargestellt. Dabei wird deutlich, dass die Umwelt Einfluss auf körperliche („fy- sisk“), soziale („sosial“) und psychische („psysisk“) Gesundheit hat. Der Monitor stellt die von Menschenhand errichtete Umgebung; der Baum die natürliche Umgebung.

Abbildung 155

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5.1 Psychomotorische Entwicklung

Ingunn Fjørtoft untersuchte in einer Studie die Auswirkungen des Spiels in der Natur auf die motorische Entwicklung bei Kindergartenkindern. Die Kinder der beiden Gruppen waren zwischen 5 und 7 Jahren alt und besuchten Kindergär- ten in Telemark, Norwegen. Die Experimentiergruppe benutzte den Wald täglich für ein bis zwei Stunden über das ganze Jahr hinweg. Nur ab und zu spielten die Kinder auf dem Spielplatz draußen vor dem Kindergarten. Während die Re- ferenzgruppe ihren Spielplatz für ein bis zwei Stunden täglich benutzte, gingen sie nur gelegentlich in den Wald zum Spielen. Die Spielplätze glichen sich in den vorhandenen Spielgeräten. Der erste Test wurde im September gemacht. Der Zeitraum erstreckte sich über neun Monate und endete im Juni den nächs- ten Jahres. Beide Gruppen wurden mit den gleichen Übungen getestet, wobei der Fokus auf motorischer und körperlicher Fitness lag. Die unterschiedlichen Übungen befinden sich im Anhang.

Beim ersten Test im September schnitt die Referenzgruppe besser ab als die Experimentiergruppe. Beim zweiten Test im Juni hingegen hat die Gruppe auf- geholt, die ein bis zwei Stunden täglich im Wald spielt und in allen Übungen deutlich besser abgeschnitten als zuvor. Die Referenzgruppe konnte nicht solch große Verbesserungen vorweisen. Besonders große Unterschiede zwischen den Gruppen ergaben sich in Übungen zum Gleichgewicht und zu Koordination.

„ The motor fitness tests showed a general tendency that the children using the forest as a playscape performed better in motor skills then the children on the traditional playground. At the pre-test the experimental group started lower than the reference group, but scored better in all items at the post-test. ” 56 (Die Motor- Fitness-Tests haben eine generelle Tendenz gezeigt, dass die Kinder, die den Wald als Spielplatz nutzen, besser in den motorischen Übungen abgeschnitten haben als die Kinder, die auf dem traditionellen Spielplatz spielen. Bei dem ers- ten Test hat die Experimentiergruppe niedriger gestartet, schnitt aber in allen Übungen beim zweiten Test besser ab.) Fjørtoft folgert aus dieser Studie, dass „ et variert naturterreng gir muligheter for variert lek og fysisk aktivitet. Variasjo- nene gir p å virkning p å barnas mestring av bevegelser og stimulerer til bedre motoriske ferdigheter, spesielt balanse og koordinasjon. “ 57 (ein unterschiedli- ches Gebiet in der Natur Möglichkeiten für ein variierendes Spiel und körperli- che Aktivität bietet. Variationen haben Auswirkungen auf die meisten der Be- wegungen und regen zu besseren motorischen Fertigkeiten an; speziell Gleich- gewicht und Koordination.)

2.5.2 Herausforderung der Sinne

Der Mensch hat einen gut entwickelten Sinnesapparat. Durch vielseitige Sinneseindrücke können die einzelnen Sinne stimuliert werden und so eine umfassende Entwicklung erlangen. „Barn lærer med alle sanser og gjenom å bruke kroppen aktivt“58 (Kinder lernen mit allen Sinnen und dadurch, dass sie ihren Körper aktiv einsetzen). In der Natur kann man viele Sinneserlebnisse erfahren. Es bietet sich eine optimale Stimulierung der Sinne. Am Beispiel einer Wanderung im Herbst soll das im Folgenden verdeutlicht werden.

Sehsinn

Die Natur besticht durch ihre enorme Vielfalt an Farbvariationen und Kombina- tionen der Farben. So kann man ziemlich zarte und helle Farben entdecken, aber auch kräftige Rottöne im Laub. Große Berge, nicht endende Seen oder Meere, dünnes Eis auf Pfützen, Fußspuren im Sand, Eichhörnchen, Mäuse, I- gel, Vögel und andere Tiere verstecken sich auf dem Waldboden oder in den Bäumen. Wenn es Abend wird, kann man die Dämmerung und den Sonnenun- tergang beobachten, sowie die Sterne, den Mond und die flackernden Flammen des Lagerfeuers und den Sonnenaufgang in der Ferne. Am Meer oder Fjord lassen sich kleine und große Wellen mit Schaumkronen entdecken.

Hörsinn

Wenn man eine kleine Pause macht und sich mit geschlossenen Augen setzt, kann man sehr viele verschiedene Dinge hören. Je nachdem wo man sich grade befindet, kann man das Plätschern eines Baches, das Rauschen der Wellen, das Kreischen der Möwen, die Geräusche eines Fischerbootes, das Zwitschern der Vögel, den Wind in den Bäumen oder die Regentropfen auf das Zeltdach hören. Manchmal ist es auch ganz schön, wenn man einfach nur die Stille genießt oder nur dem Knistern des Feuers zuhört, welches eine enorme Ruhe ausstrahlt, die jeden schnell in seinen Bann ziehen wird.

Riechsinn

Man kann im Wald die Erfahrungen machen, dass nahezu jedes Holz anders riecht. Ebenso kann man durch Riechen die verschieden Blumen und Gräser erleben. Würde man nur den Riechsinn benutzen und alle anderen Sinne aus- schalten, so würde der Geruch des Meeres, der Algen, Fische und des Salzes einem sagen können, dass man sich grade am Meer befindet. Weitere Erfah- rungen können die Essenszubereitung oder das Feuer an sich sein. Der Duft eines Würstchens auf einem Stock, den man ins Feuer hält vergisst man so schnell nicht, wenn man hungrig ist.

Schmecksinn

Wenn man auf einer Wanderung ist, so gibt es laut Vingdal und Hollekim nichts Besseres als einen eiskalten Schluck Wasser aus einem Gebirgsbach. So kann man auch den Unterschied schmecken zwischen salzigem und moorigem Was- ser. Weiterhin kann man mit verschiedenen Lebensmitteln beim Kochen expe- rimentieren und sich natürlich auch den Beeren, Pilzen, Fischen und Muscheln der Natur bedienen.

Taktilsinn

Besonders mit verschiedenen Temperaturen kann man viele Erfahrungen machen. So wird einem sehr schnell warm, wenn man erst mal wandert oder anstrengende körperliche Arbeiten, wie zum Beispiel Sägen, macht. Kaltes Wasser aus dem Bach kühlt einem die Stirn, heißer Kakao brennt auf der Zunge. Am Feuer steigt einem der Rauch in die Augen, bis sie brennen. Abends im Schlafsack ist es schön warm und angenehm, wären da nicht die Steine, die durch die Iso-Matte hindurch pieksen.

Vestibulärsinn

Auf einer Wanderung macht man viele Erfahrungen mit seinem Gleichgewicht. Geht man über (rutschige) Steine, Baumstämme oder Äste, so muss man stets sein Gleichgewicht halten, was durch einen großen Rucksack zudem erschwert wird. Beim Sprung ins Wasser kann man einen Salto machen oder vor dem Auftauchen eine Rolle.

[...]


1 Wilson, J.; The history and traditions of friluftsliv; 2. Auflage; 1989; S. 2

2 Wilson, J.; S. 4

3 ebd. S. 4

4 ebd. S. 5

5 ebd. S. 5

6 Wilson, J.; S. 14

7 ebd. S. 14

8 Wilson, J.; S. 2

9 ebd. S. 14

10 Wilson, J.; S. 16

11 vgl. Anhang, die norwegische Nationalhymne

12 Wilson, J.; S. 15

13 Wilson, J.; S. 20

14 ebd. S. 20

15 ebd. S. 21

16 Wilson, J.; S. 25

17 Wilson, J.; 26

18 Vingdal, I. & Hollekim, I.; Barn I naturen; Gyldendal Norsk Forlag AS; Oslo 2001; . 20

19 Norwegisches Umweltministerium 2000 - 2001; 11

20 Tordson; 1993; S. 32

21 Weinholz, M.; Freiluftleben; Verlag Klaus Neubauer; Lüneburg; 1989; S. 30

22 ebd. S. 31

23 ebd. S. 31

24 ebd. S. 31

25 Reed, P. & Rothenberg, D.; Wisdom in the open air; University of Minnesota Press; Minneapolis; 1993; S. 157

26 vgl.: Reed, P. & Rothenberg, D.; S. 155 - 158

27 ebd. S. 162

28 ebd. S. 172

29 vgl.: Reed, P. & Rothenberg, D.; S. 172

30 vgl.: Reed, P. & Rothenberg, D.; S. 164

31 Dahle, B.; Encountering Nature: Norwegian Ideas and Scottish experience; Oslo; 2000, S. 8

32 Dahle, B.; S. 10

33 vgl. Dahle, B.; S. 10 - 12

34 http://trumpeter.athabascau.ca/content/v10.1/Sandell.html

35 www.permakultur.de/texte/artikel/wurzeln.html

36 ebd.

37 Vingdal, I. & Hollekim, I.; Barn I naturen; Gyldendal Norsk Forlag AS; Oslo 2001; S. 20

38 Eggert, D.; Verändern sich die motorischen Kompetenzen von Schulkindern? In sportunterricht, Schorndorf, Heft 11; 2000 S. 350

39 vgl. Eggert D; S. 350

40 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 15

41 Fjørtoft I.; The natural environment as a playground for children; Telemark; S. 2

42 vgl. Eggert D; S. 350

43 vgl. Eggert D; S. 343

44 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 16

45 vgl. Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 16

46 vgl. Nyhus Braute J. & Bang C.; Bli med ut; Universitetsforlaget AS; Oslo; 1994; S. 136

47 vgl. Nyhus Braute J. & Bang C.; S. 137

48 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 31

49 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 31

50 ebd. S. 32

51 vgl. Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 32

52 http://fulltekst.bibsys.no/hit/skrift/2003/skrift2003_10.pdf; S.26

53 vgl. Nyhus Braute J. & Bang C.; S. 29

54 vgl. Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 31 - 33

55 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 10

56 Fjørtoft, I.; The natural environment as a playground for children; Telemark; S. 9

57 http://fulltekst.bibsys.no/hit/skrift/2003/skrift2003_10.pdf; S. 28-29

58 Vingdal, I. & Hollekim, I.; S. 33

Details

Seiten
75
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638409018
Dateigröße
5.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v43004
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1
Schlagworte
Friluftsliv Norwegen Theoretische Grundlagen Ausgewählte Modelle Konzepte Kritische Anmerkungen

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Titel: Friluftsliv in Norwegen - Theoretische Grundlagen - Ausgewählte Modelle und Konzepte - Kritische Anmerkungen