Lade Inhalt...

Je Später, desto schlechter? Der Einfluss des Alters auf den Fremdsprachenerwerb

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Mehrsprachigkeit: Gesellschaftliche Bedeutung

Termini und Fakten

Mehrsprachigkeit: Zerebrale Verarbeitungsstrategien

Spracherwerb: Studien im Vergleich

Syntax bzw. Wortstellung

Phonologie und Flexionsmorphologie

Lösung: Sensible Phasen und Motivation?

Fazit

Bibliographie

Einleitung

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist eine von vielen bekannten Redewendungen, welche darauf zu verweisen scheinen, dass jenen Fähigkeiten, wel- che im Kindesalter nicht oder nur unzureichend bzw. bruchstückhaft ausgeprägt und sich angeeignet wurden, ein höheres Maß an Beherrschung jener in einem fortge- schrittenem Alter verwehrt bleibt. Gewöhnlich ist hier die Rede von einer kritischen Phase, welche vertritt, dass bestimmte Eigenschaften, Fähigkeiten oder Verhaltens- weisen nur in einem biologischen Zeitfenster erworben werden können. „Ihren wis- senschaftlichen Niederschlag findet die Problematik der Entwicklung bzw. der Alte- rung des Menschen bezüglich der Ausprägung der Ausprägung der Sprache in der […] Critical Period Hypothesis (CPH)“ (Molnár 2010: 43), welche als einer der ersten der Linguist und US-Neurologe Eric H. Lenneberg aufgriff: „Hinsichtlich der Sprache haben wir als Grenzen der kritischen Periode zerebrale Unreife - an ihrem Beginn - und Abschluß [sic!] eines Stadiums der Plastizität der Hirnorganisation, verbunden mit einer Lateralisation der Funktion - an ihrem Ende - angenommen“(Lenneberg 1972: 217). Diese Annahme unterlag wiederum kontroversen Diskussionen in der Sprachwissenschaft und begründete gleichzeitig die fast gegensätzliche Forschungs- meinung, welche die generelle Annahme der sprichwortartigen Kurzformel ‚je jünger, desto besser‘ zu relativieren versucht. Für diese stellvertretend könnte unter anderem Prof. Dr. Rüdiger Grotjahn, pensionierter Professor für Sprachlehrforschung, ange- führt werden. Auch dieser kritisiert, dass die Verfechter einer critical period hypothesis selten kennzeichnen, „was sich hinter dem Qualitätskriterium „besser“ verbirgt: eine höhere Lerngeschwindigkeit, ein höheres abschließend erreichtes Kompetenzniveau oder gar eine höhere Kompetenz und Motivation weitere Sprachen zu lernen“ (Schmelter 2010: 27). Eine wissenschaftliche Forschungsfrage und -durchführung wird im Hinblick darauf, sprichwortartige Kurzformeln ‚je jünger, desto besser‘ oder ‚je später, desto schlechter‘ quantitativ und qualitativ zu beweisen oder zu wiederlegen unter anderem deshalb verkompliziert, weil die Forschung zum Faktor Alter eine Prä- zisierung des Begriffs benötigt, und sich globale Angaben wie ‚Kinder‘ und ‚Erwach- sene‘ als zu unpräzise gestalten.

Nichtsdestotrotz kann der baden-württembergische Bildungsplan aus dem Jahr 2004 exemplarisch für die Anwendung unpräziser Volksweisheiten durch staatliche Institu- tionen angeführt werden, welche die bereits erwähnten sprichwortartigen Kurzformeln für weitreichende Entscheidungen zurate zieht. „Dort heißt es: „Schülerinnen und Schüler erwerben fremde Sprachen noch immer im Wesentlichen in der Schule. Sie erlernen Fremdsprachen umso leichter, je früher sie damit beginnen können. Deshalb sieht der Bildungsplan 2004 das Erlernen einer Fremdsprache ab Klasse 1 vor““ (Schmelter 2010: 27, zit. n. MKJS BW 2004: 13)1. Ziel dieser Arbeit wird es deshalb sein, zu der weit verbreiteten und übergeneralisierten Annahme, dass Kinder leichter Sprachen lernen, welche sich im Wesentlichen auf die ‚ critical period hypothesis ‘ zu stützen scheint, einen alternativen, an die aktuelle Forschungslage angepassten Denkansatz zu formulieren. Daher gilt es zunächst, einzelne Termini und ihre, falls vorhandene, universelle Gültigkeit zu definieren. Außerdem müssen biopsychologi- sche und neurolinguistische Erkenntnisse im Folgenden berücksichtigt werden. Des Weiteren gilt es, gesellschaftliche Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit wiede- rum nicht unberücksichtigt zu lassen. Im weiteren Verlauf werden deshalb eine wis- senschaftliche Untersuchung sowie drei verschiedene Studien, welche das Erlernen einer (Fremd-)Sprache als Forschungsgegenstand beinhalten, in Opposition zueinan- der gestellt, um den vorletzten Punkt dieser Arbeit, den alternativen Denkansatz, ar- gumentativ Rückhalt zu geben. Dies wird eine vorangestellte Aufführung einer ande- ren Untersuchung mit mehreren multilingualen Personen einleiten. In der abschlie- ßenden fast offenen Frage und dem Fazit werden die Forschungsergebnisse zusam- mengefasst und nochmals verglichen, um einen möglichen Ausblick auf die Anwen- dung der neu erworbenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Konsequenzen ge- ben zu können und sie mit bisherigen, aus der Sprachwissenschaft bekannten Hypo- thesen, in Einklang zu bringen.

Mehrsprachigkeit: Gesellschaftliche Bedeutung

Die Bedeutung des Alters für das Lernen weiterer Sprachen spielt in der öffentlichen Debatte um Bildungsinhalte in Deutschland eine wichtige Rolle, und zwar sowohl im Hinblick auf den Fremdsprachenerwerb (der- zeit fokussiert auf den für den Erfolg in einer globalisierten Welt so wich- tigen Erwerb des Englischen), als auch im Hinblick auf mögliche sprach- liche Defizite bei Kindern mit nichtdeutscher Sprache (Dimroth 2007: 115).

Dies bedeutet, dass der direkten Bedeutung des Faktors Alter auf den (Fremd-)Spra- chenerwerb eine weitere, indirekte Bedeutung auf die gesellschaftspolitische Aktuali- tät zukommt, dies sowohl national (Sprache als Integrationshilfe für junge Zuwande- rer) als auch international (die ‚Weltsprache‘ Englisch als Beitrag zur effektiven Glo- balisierung und interkulturelle Vernetzung). Doch neben der heutigen Bedeutsamkeit, mehrere Fremdsprachen sprechen können, vielleicht sogar zu müssen und der Tat- sache, dass fremdsprachenpolitische Argumente sowohl national als auch internatio- nal vor allem von den Bildungsinstituten zu weitreichenden Entscheidungen herange- zogen werden, scheinen wissenschaftliche Erkenntnisse, generiert aus empirischen Studien und Untersuchen weitestgehend unberücksichtigt zu bleiben. Könnte das Hirn beispielsweise durch einen zu frühen Zweitsprachenerwerb überlastet werden? Gibt es signifikante Altersschwellen, welche positiv für den Zweitspracherwerb genutzt werden können? Und welche möglichen Konsequenzen hätten neuere wissenschaftliche Forschungsergebnisse im direkten Vergleich auf die Bedeutsamkeit des Faktors Alter auf den Fremdsprachenerwerb?

Um diese Fragen zu beantworten, um überhaupt erst eine adäquate Unterscheidung zwischen Kindesalter und Erwachsenenalter und ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen realisieren zu können, benötigt diese Arbeit eine Spezifizierung des Terminus ‚Alter‘. Des Weiteren, im Hinblick auf die Ausgangsfrage, wäre im Folgendem eine genaue Begriffsbestimmung des Terminus ‚Erwachsener‘ und Begriffsabgrenzung der Termini ‚besser‘ und ‚schlechter‘ erforderlich.

Termini und Fakten

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zum Altersfaktor gilt „ein Lerner als erwachsen, wenn er den Anfang der Pubertät, d.h. ein Alter von ca. 10-15 Jahren erreicht hat“ (Grotjahn 2005: 188). „Im Bildungszusammenhang werden damit Ler- nende bezeichnet, die das 50. Lebensjahr überschritten haben“ (Grein 2013: 15). „In Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist man alt, wenn man das 65. Lebensjahr vollendet hat“ (Grein 2013:15). Eine für die gesamte Wissenschaft gültige Definition zu den Termini ‚Erwachsener‘ und ‚Alter‘ ist jedoch nicht vorhanden.

Zunächst wäre festzuhalten, dass das Hirn des Menschen parallel wie alle anderen Organe des menschlichen Körpers und der Körper selbst einem ständigen Entwick- lungsprozess und sukzessivem Altern unterworfen ist. Menschen in einem höheren Alter und damit auch das menschliche Hirn, in welchem unter anderem auch die Spra- che verankert ist, erfahren in der Regel einen klar zu beobachtende Abnahme der mentalen und kognitiven Fähigkeiten (vgl. Wegmann 2010: 62). „Im Zusammenhang mit diesem biologischen Reifungsprozess wird auf eine fortschreitende Lateralisie- rung der Sprachfunktionen und deine damit verbundene Abnahme der Plastizität des Gehirns verwiesen“ (Molnár 2010: 43). Dieser Hinweis stützt also zunächst die An- nahme einer ‚ critical period hypothesis ‘ im Sinne Lennebergs.

Die Kritik an der ‚ critical period hypothesis ‘ rührt aber vor allem daher, dass jene un- zureichend präzise definiert wurde und auf zweifelhaftem wissenschaftlichem Funda- ment ruht, da Lenneberg die kritische Periode im menschlichen Spracherwerb unter anderem indirekt mit der Verhaltensentwicklung von Vögeln vergleicht (vgl. Lenne- berg 1972: 216f).

In Opposition zu der Annahme von Lenneberg kam es unter anderem zu der Kon- struktion der Reifungshypothese, welche besagt, „dass der Mensch über eine gene- tisch vermittelnde Sprachfähigkeit verfügt, die im Laufe der frühkindlichen Entwick- lung als Folge neuronaler Reifung zugänglich wird“ (Meisel 2007: 93). Auch hier wurde verdeutlicht, dass das Ergebnis neuronaler Reifung zwar logischerweise die Tatsache ist, dass die Fähigkeit zum (Fremd-)Sprachenerwerb natürlich nicht unbe- grenzt verfügbar bleibt. Es macht aber notwendig, im Hinblick auf gewisse Aspekte der Sprache zu differenzieren: Somit hat das Alter keinen Einfluss auf die Sprache als Gesamtgefüge, sondern eben nur auf einzelne Aspekte (vgl. Oláh 1998: 78f). Jene werden später nach den Studienvergleichen veranschaulicht werden.

Daraus folgt die Erkenntnis, im Folgendem durch eine wissenschaftliche Untersu- chung veranschaulicht, die Tatsache, dass das Hirn, trotz eines neurologischen Rei- fungsprozesses, „ein Kommunikationssystem ist, das für das Lernen spezialisiert ist, und durch das Lernen, auch Lernen mehrerer Sprachen, modifiziert wird“ (Nitsch 2007: 47). Angepasst an Gegebenheit, z.B. sozialgesellschaftlicher Form, hat das Al- ter daher weniger Einfluss darauf, das Gehirn einer Person zum Spracherwerb zu befähigen und jenes weiter zu modifizieren und auszubauen. Folgende Untersuchung konnte dem Alter bezüglich dem Spracherwerb eine andere und ebenso wichtige Re- levanz, bezogen auf den neurowissenschaftlichen Aspekt, einräumen.

Mehrsprachigkeit: Zerebrale Verarbeitungsstrategien

So beschäftigten sich schon die PET/fMRI-Untersuchungen des Neurowissenschaftlers Karl H. S. Kim mit einer möglichen unterschiedlichen Lokalisation von zwei Sprachen im menschlichen Gehirn (vgl. Kim et. al. 1997: 171ff). Dazu wurden Probanden getestet, von denen die einen seit der Geburt in einem zweisprachigen Umfeld aufgewachsen waren und andere, welche erst nach dem 10. Lebensjahr eine zweite Fremdsprache sich aneignetet hatten.

Mit der Entwicklung der neuen bildgebenden Methoden (Positionen-Emis- sions-Tomographie - PET und funktionelles Magnetresonanz-Imaging - fMRI) in der klassischen Diagnostik und deren baldigem Einsatz in den kognitiven Wissenschaften wurde es möglich, die Aktivität in Hirnregionen und Netzwerken direkt am lebenden Gehirn während verschiedener Leis- tungen zu messen und, mit der Auflösung von wenigen Millimetern, be- stimmten Hirnarealen zuzuordnen (vgl. Nitsch 2007: 52).

Die für diese wissenschaftliche Untersuchung und im Allgemeinen für den Sprach- prozess hauptverantwortlichen Hirnzentren waren zunächst das nach dem Pariser Neurologen benannte, für die Sprachproduktion verantwortliche, Broca-Areal (vgl. Kirschbaum 2008: 41f). Zudem wurde das für das Sprachverständnis, nach seinem Entdecker, dem Leipziger Psychiater Claus Wernicke benannte Wernicke-Areal, ebenfalls der PET/fMRI-Untersuchung unterzogen (vgl. ebd.: 296).

Nach der Auswertung der wissenschaftlichen Ergebnisse konnte das Team um Karl H. S. Kim nachweisen, dass frühe Bilinguale beim freien Sprechen identische Subareale im Broca-Zentrum benutzten, wohingegen jene Probanden, welche sich die zweite Sprache erst nach dem 10. Lebensjahr aneigneten, getrennte Felder für beide Sprachen benutzten.

Diese wissenschaftliche Erkennung konnte durch eine weitere wissenschaftliche Ana- lyse ergänzt werden. Das von dem Team um die Professorin für Anatomie, Cordula Nitsch, durchgeführte Testverfahren steht im Kontrast zu den bisherigen Untersu- chungen und Forschung und den dadurch generierten wissenschaftlichen Ergebnis- sen. Der fMRI-Teil lehnt sich zwar an das Forschungsprojekt von Karl H.S. Kim an, jedoch wurden hier erwachsene Mehrsprachige getestet, von denen „die meisten drei Sprachen fließend beherrschten“ (Nitsch 2007: 56). Durch die Einzelanalysen ihrer Probanden konnten die Cordula Nitsch die bisherigen Ergebnisse von Karl H.S. Kim ergänzen: „Frühe Mehrsprachige L1 und L2 war vor dem 3. Lebensjahr erworben worden) aktivieren überlappende Subareale im Broca-Zentrum, und zwar nicht für ihre L1 und L2, sondern auch für die spät (nach dem 9. Lebensjahr) gelernte L3“ (Nitsch 2007: 56f). Daraus konnte geschlossen werden, dass zwei verschiedene Sprachen ein Netzwerk nutzen würden und jenes später hinzukommenden Sprachen, beispielsweiser einer möglichen L3, zur Verfügung stünde. „Im Gegensatz dazu akti- vieren späte Mehrsprachige (L2 und L3 wurden erst nach dem 9. Lebensjahr gelernt) kleine getrennte Subareale innerhalb des Broca-Zentrums, die sich nur gering über- lappen“ (Nitsch 2007: 57). Analog zu der vorhergehenden Erkenntnis ließe sich hier vermuten, dass unterschiedliche Netzwerke aus leicht überlappenden Subarealen für die jeweiligen Sprachen zuständig sind.

Diese Untersuchung stützt daher die allgemeine Annahme, dass sich früher Mehrsprachigkeit positiv auf den weiteren Fremdsprachenerwerb auswirkt, da ein Netzwerk für mehrere Sprachen weniger Lernaufwand für den Spracherwerb bedeutet, wohingegen das aufbauen neuer Netzwerke für die jeweiligen Sprachen sich durchaus als anstrengender erweist. Ob die Forschungsergebnisse der zwei PET/fMRI- Untersuchungen des Neurowissenschaftlers Karl H. S. Kim und der Professorin für Anatomie Cordula Nitsch ausreichend eine kritische Phase im Spracherwerb bestätigen, wird im Folgenden ein Studienvergleich zeigen.

[...]


1 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2004, S. 13. Der Bildungsplan ist online einsehrbar.

Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668741102
ISBN (Buch)
9783668741119
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429750
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Romanisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Critical Period Hypothesis Zerebrale Verarbeitungsstrategien Sensible Phasen Phonologie und Flexionsmorphologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Je Später, desto schlechter? Der Einfluss des Alters auf den Fremdsprachenerwerb