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Psychobiologische Charakteristiken der dissoziativen Identitätsstörung

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzdarstellung der dissoziativen Identitätsstörung

3. Studie zu psychobiologischen Charakteristiken der dissoziativen Identitätsstörung (Reinders et al., 2006)
3.1. Hintergrund und Hypothesen
3.2. Methoden 3.3. Ergebnisse
3.4. Schlussfolgerungen

4. Psychobiologische Studie zu echten und simulierten dissoziativen Identitätszuständen (Reinders et al., 2012)
4.1. Hintergrund und Hypothesen
4.2. Methoden
4.3. Ergebnisse
4.4. Schlussfolgerungen

5. Weitere Studien über neuronale Prozesse bei Patienten mit dissoziativer Identitätsstörung

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die dissoziative Identitätsstörung (DIS) galt lange Zeit als eine umstrittene Diagnose. Aufgrund bildgebender Verfahren sowie psychophysiologischer Untersuchungsmethoden ist es nun gelungen nachzuweisen, dass eine DIS nicht das Ergebnis suggestiver Beeinflussung oder übersteigerter Fantasie ist, sondern anzunehmen ist, dass schwerste frühkindliche Traumatisierungen zu diesem Störungsbild führen (Reinders et al., 2006; Reinders, Willemsen, Vos, den Boer & Nijenhuis, 2012).

Nach einer kurzen Darstellung der DIS werde ich in der folgenden Hausarbeit die Befunde zweier psychobiologischer Studien näher erläutern. Im Anschluss daran werde ich kurz weitere Einblicke in Studien zu psychobiologischen Charakteristiken der DIS geben und abschließend mit einem Ausblick und künftigen Forschungsanregungen enden.

2) Kurzdarstellung der dissoziativen Identitätsstörung

Bei der dissoziativen Identitätsstörung handelt es sich um eine komplexe Traumafolgestörung, bei der es aufgrund von chronischer Traumatisierung zu einer Ausbildung von unterschiedlichen Identitäten kommt (Reinders et al., 2006). In der Regel handelt es sich hierbei um frühe und anhaltend schwere Traumatisierung, wie sie beispielsweise im Rahmen ritueller oder organisierter Gewalt zu finden ist (Breitenbach & Requardt, 2013, S. 159). Sind die Integrations- und Kompensationsmechanismen einer Person erschöpft, so kommt es zur Dissoziation und im Falle der DIS zur Ausbildung unterschiedlicher dissoziierter Identitätszustände. (Breitenbach, 2012, S. 37; Reinders et al., 2012) Nicht selten werden solche Identitätszustände auch gezielt von Tätern über Konditionierungsprozesse erzeugt, um Persönlichkeitsanteile zu erhalten, die nach deren Willen denken und handeln (Breitenbach, 2012, S. 52). Diese unterschiedlichen Identitäten (im Folgenden auch als Innenpersonen bezeichnet) sehen sich selbst als eigenständige Person (Reinders et al., 2012) und unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, beispielsweise in Alter, Interessen und Begabungen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, Körperwahrnehmung und Sprache (Breitenbach, 2012, S. 230). Aber auch auf physiologischer Ebene kann man Unterschiede zwischen Innenpersonen feststellen, zum Beispiel durch unterschiedliche Allergien oder Blutbilder (Breitenbach & Requardt, 2013, S.244).

In Abgrenzung zur DDNOS (dissociative disorder not otherwise specified) findet man bei einer DIS mehrere Innenpersonen in der Rolle eines anscheinend normalen Persönlichkeitsanteils (ANP) (Breitenbach & Requardt, 2013, S. 29-30). ANPs sind in der Regel für die traumatischen Erlebnisse amnestisch oder können diese Erlebnisse nicht als zu sich selbst gehörend wahrnehmen. Diese Persönlichkeitsanteile können häufig in ihrem Alltag auf hohem Niveau funktionieren und die Störung gut vor anderen Menschen verbergen (Reinders et al., 2006; Reinders et al., 2012). Dementgegen stehen die emotionalen Persönlichkeitsanteile (EPs), die sich der traumatischen Erfahrungen in fragmentierter Weise bewusst und auf diese fixiert sind. EPs sind die Identitätszustände, in denen das Trauma stattgefunden hat. Häufig erinnern diese das Trauma jedoch auch nur in fragmentierter Weise. EPs reagieren auf Trigger neben starken Emotionen häufig reflexartig durch Aktivierung subcorticaler Areale mit Flucht, Kampf oder Erstarrung. Hierbei kommt es zu einer verstärkten Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Bei EPs, die hingegen zur völligen Unterwerfung wie Ohnmacht oder Totstellen neigen, kommt es eher zu einer vermehrten Aktivierung des Parasympathikus (Reinders et al., 2012). Die verschiedenen Innenpersonen lassen sich außerdem in der Regel bestimmten Gehirnbereichen zuordnen und sind so auf verschiedenen Ebenen erreichbar. Innenpersonen auf Großhirnebene sind häufig eher für die Gestaltung des Alltags zuständig und kognitiv gut ansprechbar. Sie haben jedoch nur wenig bis gar keinen Zugang zu emotionalen Themen.

Befinden sich Innenpersonen mehr auf Ebene des Mittelhirns, wo sich das limbisches System und Hippocampus befinden, so sind für sie eher Bindungsthemen wie Gefühle im Vordergrund. Beispielsweise befinden sich Innenpersonen mit starker Bindung an die Täter auf dieser Ebene.

Auf Ebene des Stammhirns befinden sich in erster Linie Überlebensmechanismen. Hier findet man häufig Programme und Konditionierungen mit antrainierten und programmierten Automatismen. Innenpersonen auf dieser Ebene haben so gut wie keinen eigenen Reflexionsraum sondern handeln nach den Mechanismen, die Täter im Inneren angelegt haben (Breitenbach, 2012, S.149 - 151).

Man kann davon ausgehen, dass die Prävalenz der DIS bei etwa 0,5 – 1% in der Allgemeinbevölkerung und bei etwa 5% bei Psychiatrie Patienten liegt. Häufig werden DIS Patienten jedoch zunächst lange Zeit mit Diagnosen wie Borderline oder Schizophrenie fehldiagnostiziert. Ursächlich hierfür sind häufig zunächst ähnlich erscheinende Symptome, wie beispielsweise das Hören von Stimmen (im Gegensatz zur Schizophrenie bei DIS Patienten jedoch als innere Stimmen und nicht als äußere) oder selbstverletzende Verhaltensweisen (Gast et al., 2006).

DIS Patienten sprechen in der Regel sehr erfolgreich auf therapeutische Interventionen an und bei einer auf DIS Patienten abgestimmten Traumatherapie, ist es gut möglich eine teilweise oder vollständige Integration der Innenpersonen zu erreichen (Ellason & Ross, 1997).

3) Studie zu psychobiologischen Charakteristiken der dissoziativen Identitätsstörung (Reinders et al., 2006)

3.1 Hintergrund und Hypothesen

In der bisherigen Forschung wurde der Fokus im Bereich der Traumafolgestörungen auf die PTBS gelegt. In fMRT Studien konnte gezeigt werden, dass bei Patienten, die eine PTBS aufweisen, Abnormalitäten in Volumen, funktioneller Verbindung und regionaler Aktivität bestimmter Hirnregionen zu finden sind. Dies ist insofern von Interesse, da anzunehmen ist, dass in bestimmten Aspekten der dissoziativen Identitätsstörung eine Ähnlichkeit zur PTBS besteht.

Bereits frühere Forschungen mit DIS Patientinnen haben gezeigt, dass es unterschiedliche Reaktionen, beispielsweise in der elektrodermalen Aktivität (Ludwig, Brandsma, Wilbur, Bendfeldt & Jameson, 1972; Larmore, Ludwig & Cain, 1977), des autonomen Nervensystems (Putnam, Zahn & Post, 1990) oder bei visuellen evozierten Potentialen (Putnam, 1992) gibt. Auch Unterschiede in der regionalen cerebralen Durchblutung konnten bereits dargelegt werden (Mathew, Jack & West, 1985; Saxe, Vasile, Hill, Bloomingdale & Van der Kolk, 1992; Tsai, Condi, Wu & Chang, 1999). Die fMRT Einzelfallstudie von Tsai et al. (1999) zeigte bereits, dass das hippocampale Volumen bei dieser DIS Patientin deutlich reduziert war und dem einer Alzheimer Patientin entsprach. Außerdem konnte hier gezeigt werden, dass bei einem Wechsel vom ANP zum EP eine Inhibition von Hippocampus, kleinen Regionen der Substantia nigra und des Globus pallidus sowie der parahippocampalen und medialen temporalen Regionen stattfindet.

Bis zum Zeitpunkt der hier vorgestellten Studie gab es jedoch noch keine umfassende Forschung darüber, inwieweit die Konfrontation mit traumabezogenen Stimuli beim selben Patienten unterschiedliche Reaktionen hervorruft in Abhängigkeit davon in welchem Identitätszustand er sich befindet. Die zentrale Frage ist, ob eine andere psychobiologische Reaktion erkennbar ist, je nachdem, ob eine ANP oder ein EP die Kontrolle über das Bewusstsein des Patienten hat. Die zuvor aufgestellte Hypothese besagte, dass psychobiologische Unterschiede existieren, je nachdem ob ein ANP oder ein EP mit traumabezogenen Erinnerungen konfrontiert wird. Diese Hypothese lässt sich auf dem Hintergrund aufstellen, dass ein ANP das Trauma nicht als selbst erlebt wahrnimmt und normalerweise kaum emotionale Reaktionen diesbezüglich zeigt. Bei der Darstellung der regionalen cerebralen Durchblutung ist anzunehmen, dass ein EP ähnliche Hirnaktivität aufweist, wie dies bei PTBS Patienten der Fall ist, wenn sie ihre traumatischen Erfahrungen wiedererleben. Außerdem kann damit gerechnet werden, dass es zu einer stärkeren emotionalen und sensomotorischen Reaktion, zu einer höheren Herzfrequenz und Blutdruck und geringerer Herzfrequenzvariabilität kommt. Umgekehrt wurde angenommen, dass der ANP eine erhöhte Aktivität der Hirnareale aufweist, die mit einer Hemmung emotionaler Reaktionen und einer Depersonalisation assoziiert sind.

3.2 Methode

Für die Studie wurden 11 weibliche DIS Patientinnen untersucht, die alle die Phase 2 der Therapie erreicht hatten. Phase 2 ist die Phase, in der die Stabilisationsphase bereits abgeschlossen ist und im Rahmen der Therapie eine Exposition der traumatischen Erfahrungen stattfindet (Steele, Van Der Hart & Nijenhuis, 2005). Außerdem waren alle Patientinnen in der Lage selbständig zwischen zwei Innenpersonen zu switchen und bedurften hierfür lediglich einer minimalen Unterstützung des Therapeuten.

Therapeut und Patient wählten gemeinsam aus, welcher ANP und EP an der Studie teilnehmen sollten, wobei zu beachten war, dass der EP älter als 10 Jahre alt war und der Patient keinerlei Traumatisierung mit medizinischem Kontext erlebt hatte.

Mit einem Bericht des Patienten über ein neutrales autobiographisches Ereignis, das sowohl ANP als auch EP als eigene Erfahrung betrachteten, fertigte der Therapeut eine zweiminütige Tonbandaufnahme an, welche dem Patienten während der PET Untersuchung vorgespielt wurde. Ebenso wurde eine solche Aufnahme über eine traumatische Erfahrung angefertigt, die jedoch lediglich der EP als eigene Erfahrung betrachtete.

In insgesamt 8 PET Scans, wurden sowohl dem ANP als auch dem EP jeweils zweimal das neutrale bzw. das traumatische Erinnerungsskript vorgespielt. Neben der Messung der regionalen cerebralen Durchblutung durch den PET Scan wurden weitere Variablen wie Herzfrequenz, Blutdruck und Stärke von subjektiven emotionalen und sensomotrischen Erfahrungen erhoben.

Für die statistische Analyse wurde in einem 2x2 faktoriellen Design auf einem Signifikanzniveau von 0.5 getestet, wobei der erste Faktor den Identitätszustand (ANP oder EP) und der zweite Faktor das Erinnerungsskript (neutral oder traumabezogen) darstellte.

3.3 Ergebnisse

Hypothesenkonform ließ sich je nach Identitätszustand ein signifikanter Unterschied der kardiovaskulären Reaktion mit einem p- Wert, der je nach untersuchtem Parameter zwischen .064 und .002 lag, feststellen. Die subjektive emotionale Bewertung wurde mit einem p- Wert von <.001 und die subjektive sensomotorische Bewertung mit einem p -Wert von .001 deutlich signifikant. Ebenso war ein Interaktionseffekt zwischen Identitätsstatus und Erinnerungsskript mit p -Werten je nach gemessenem Parameter zwischen .135 und <.001 erkennbar, wie die folgende Graphik Abbildung 1 verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Graphische Repräsentation der subjektiven emotionalen Erfahrungen, subjektiven sensomotorischen Erfahrungen und cardiovaskulären Antworten. Die gestrichelte Linie zeigt die Reaktionen des ANP (hier NIS), die durchgezogene die des EP (hier TIS), während der Konfrontation mit dem neutralen oder traumabezogenen Erinnerungsskript (MS).

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Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668739536
ISBN (Buch)
9783668739543
Dateigröße
7.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429590
Institution / Hochschule
Universität Ulm
Note
1,3
Schlagworte
Dissoziative Identitätsstörung Neurologie fMRT Physiologie

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Titel: Psychobiologische Charakteristiken der dissoziativen Identitätsstörung