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Die Rostocker Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Hausarbeit 2018 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rostock und das Herzogtum Mecklenburg

3. Die Rostocker Reformation

4. Charakterisierung der Rostocker Reformation

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Als man zalt 1523 Jahr / M. Joachimus Sluter ist wahr angefahen erstlich Gotts Wort zu preddigen an disem Ort bis in das 1532 Jahr / Da er dan on schult schentlich zwar von dem Papisten wart vergebn und hat mussen lassen sein Leben / Gestorben am Pfingst Feiertage / Christi Stim wartet ohn all Klag. R. S. fecit 1598“1

Obgleich diese Inschrift an der Rostocker Stadtmauer eher die Grundlage für einen Kriminal- roman bietet, so lässt ihr Inhalt tatsächlich einiges von den Konflikten zwischen den Altgläu- bigen und den Protestanten zur Zeit der Reformation in Rostock erahnen. Nachdem die luthe- rischen Lehren auch im Herzogtum Mecklenburg ihre Verbreitung fanden, war es nur eine Frage der Zeit bis der konfessionelle Diskurs auch in Rostock zu unumkehrbaren Verände- rungen führen sollte. Dass es jedoch beinahe eines ganzen Jahrzehnts bedurfte, um diese kirchlichen „Reformen“ nachhaltig einzuführen, lässt den großen Widerstand in Rostock er- kennen, der zugleich multikausal betrachtet werden muss. Einerseits war der Einfluss der alt- kirchlichen Anhänger in der Stadt sehr groß - so war Rostock durch den Rat, die Universität, den Domstift zu St. Jakobi und das Dominikanerkloster St. Johannis sehr katholisch geprägt. Andererseits sollten die niederdeutschen Predigten Joachim Slüters, welche er von seiner Kanzel in St. Petri abhielt, einen zunehmenden Anklang in der Bevölkerung finden.2 Darüber hinaus muss die Reformation in Rostock auch im Zusammenhang mit den herrschaftlichen Ambitionen der mecklenburgischen Herzöge und den daraus resultierenden Konflikten mit der privilegierten Hansestadt betrachtet werden.

Die Reformation in Rostock und in Mecklenburg wurde in der Vergangenheit sehr breit er- forscht. Finden sich erste ernsthafte Auseinandersetzungen um die Jahrhundertwende, so setz- te die Reformationsforschung ab den 1950er Jahren wieder ein und sollte ihren Blüte in Be- zug auf Rostock zwischen den späten 80ern und frühen 90ern finden. Allen voran sei hier Sabine Pettke zu nennen, die mit ihren umfangreichen Studien eine essentielle Grundlage für diese Arbeit bildete.

Während die Historikerin ein sehr breites Spektrum bei dieser Thematik beleuchtete, geriet ihr Fokus immer wieder auf die Rostocker Reformatoren - allen voran: Joachim Slüter.3 Andere Historiker, wie Johannes Schildhauer und Werner Troßbach, richteten ihren Blick nicht nur auf Rostock, sondern erweiterten diesen, indem sie auch die Durchsetzung der Reformation in den umliegenden Hansestädten, Wismar und Stralsund, untersuchten, wobei sie die innerstäd- tischen Religionskonflikte unter Berücksichtigung der jeweiligen politischen und sozialen Gegebenheiten betrachteten.4

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Rostocker Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts anhand verschiedener Aspekte näher zu betrachten und zu erläutern. Welchen Einfluss übten beispielsweise die Herzöge, der Stadtrat zu Rostock oder die Reformer aus? War die Reformation bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen oder unterlag sie einem noch länger währenden Prozess? Diesen und anderen Fragen soll nachgegangen werden.

Zunächst werden die Stadtgrenzen verlassen, um Rostocks Verhältnis zu den damaligen Lan- desherren offenzulegen und zu zeigen, welche Einfluss diese auf die Stadt ausüben konnten. Hierbei spielen vor allem die Zentralisierungsbestrebungen der Herzöge eine größere Rolle, da sie das Spannungsverhältnis mit den privilegierten Stadtbürgern der Hansestadt, welche ihren Einfluss und ihre Selbstbestimmung in Gefahr sahen, forcierten. Unter Zuhilfenahme dieser Erkenntnisse wird dann die Reformation in Rostock bis die 40er Jahre des 16. Jahrhun- derts chronologisch dargestellt, um diese anschließend zu charakterisieren bzw. zu typisieren. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse resümiert und die eingangs erhobenen Fra- gen beantwortet.

2. Rostock und das Herzogtum Mecklenburg

Rostocks Geschichte war zur Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts stark durch die Hanse und die landesherrlichen Bestrebungen der Herzöge geprägt, welche dazu führten, dass sich die Stadt mit ständigen Unruhen im Inneren konfrontiert sah und gleichzeitig ihre wirtschaftliche und politische Stellung behaupten musste. Als Mitglied des wendischen Städtebundes, hatte Rostock zunächst eine führende Position in der Hanse inne, geriet aber, durch die andauern- den Konflikte zwischen der Hanse und den Regenten im Ostseeraum während des 14. Jahr- hunderts, immer mehr ins Abseits und konnte nur mit Mühe die Beziehungen erfolgreich auf- rechterhalten.5 Übte der wirtschaftliche Gradient auch immer einen gewichtigen Faktor auf das innerpolitische Klima einer Stadt aus, so ist dies auch für Rostock zutreffend. In diesen unbeständigen Zeiten, in denen Rostock teils Partei für den hansischen Bund oder für die Landesherren ergreifen musste, war es der Rat zu Rostock, der die Geschicke der Stadt zu lenken hatte und dadurch oft den Kern der öffentlichen Auseinandersetzungen bildete, da er mit seinen Entscheidungen verstärktes Misstrauen in der Bevölkerung schürte. Dies äußerte sich darin, dass sich allmählich eine „antirätliche“ Opposition in Rostock etablierte, die in Bürgerausschüssen Forderungen und Rechte erarbeitete, um einen direkten Einfluss auf die Ratswahl ausüben zu können und damit den Monopolanspruch der alten Patriziergeschlechter zu unterbinden. Die neu zusammengesetzten Räte sollten nunmehr verstärkt die Interessen der Handwerker und Kaufleute vertreten, jedoch führte das dadurch entstandene Spannungsfeld zwischen den alten „Ratsherren“ und der Bürgerschaft zu wiederkehrenden Unruhen.6 Auch die junge Universität zu Rostock hatte unter diesen Turbulenzen des 15. Jahrhunderts zu lei- den und sah sich gezwungen mehrmals aus Rostock auszuziehen, was ihrem Verhältnis zur Stadt schadete, obwohl die Stadt deutlich an Bedeutung gewonnen hatte, da die Universität die führende Bildungsstätte im Ostseeraum zu dieser Zeit war.7 Darüber hinaus bildete die Verortung der Universität in Rostock den Auftakt eines weiteren Spannungsfeldes, nämlich der Einflussnahme der Herzöge auf die städtischen Belange und den daraus resultierenden Privilegien und Freiheiten von Rostock, welche im Folgenden erläutert werden müssen, da sie auch in kirchlicher Hinsicht ihre Relevanz besaßen.

Schon im 14. Jahrhundert standen die Hansestädte Rostock, Stralsund und Wismar im ständi- gen Konflikt mit den weltlichen und geistlichen Feudalgewalten, wodurch sie sich im perma- nenten Kampf um die Sicherung ihrer städtischen Freiheiten befanden. Erschwert wurde diese Situation durch die sich überschneidenden Herrschaftsbereiche der Herzöge und den Bistü- mern, sodass sich das Konfliktpotenzial mit den Städten zusätzlich erhöhte.8 Jedoch war die Macht der mecklenburgischen Herzöge zunächst zu gering, als dass sie überhaupt einen ve- hementen Druck auf die Städte ausüben konnten. Dies sollte sich aber mit Herzog Magnus II. ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ändern, indem dieser erste Maßnahmen ergriff, den „städtischen Forderungen nach Selbstständigkeit, […] dem Unabhängigkeitsstreben des Adels und dem Verlangen nach Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit der Bistümer entgegenzu- treten“, um somit die machtpolitische Stellung der Herzöge deutlich zu verbessern.9 Diese Maßnahmen sollten von seinen Söhnen Heinrich V. und Albrecht VII. in der Folgezeit wei- tergeführt werden.10 Johannes Schildhauer beschreibt dazu mehrere grundlegende Entwick- lungen, welche er als sog. „Zentralisierungsbestrebungen“ bezeichnet: Zum einen leitete Magnus II. mehrere Reformen ein, die eine grundlegende Umwandlung der bisherigen Ver- waltungsstrukturen - speziell in der Finanzverwaltung - vorsahen. Anstelle der eigenständi- gen Verwaltung der Vogteien, wurde der Landeshaushalt nun von der herzoglichen Kanzlei kontrolliert. Zum anderen wurden besoldete Hofräte, welche aus dem bürgerlichen Milieu stammten, eingesetzt, damit sich die Herzöge von den Ständen unabhängig machen konnten.11 Ziel der Herzöge war die Ausbildung der Landeshoheit, losgelöst vom Feudalismus und um- gesetzt in einem frühneuzeitlichen Flächenstaat. Diesem Typus entsprechend verwundert es nicht, dass die damaligen Herzöge das Steuerwesen zu ihren Gunsten neu gestalteten und ihre Gerichtshoheit durchzusetzen vermochten. Untermauert wurden diese Bestrebungen durch die 1516 verabschiedete Polizeiordnung - ein allgemeingültiges Landesgesetz, deren Paragraphen auch unmittelbar auf die innerstädtischen Verhältnisse Bezug nahm.12

[...]


1 Inschrift einer Gedenktafel, welche hinter dem Slüterdenkmal zu Rostock an der Stadtmauer eingelassen ist; hier aus: Pettke, Sabine: Er predigte unter der Linde. Joachim Slüter - Rostocks Reformator, Rostock 1990, S. 4. Sabine Pettke gibt die Inschrift folgendermaßen wieder: „Als man zählte das 1523ste Jahr / hat Magister Joachim Slüter, das ist wahr / zum ersten Male angefangen Gottes Wort / zu predigen an diesem Ort / bis in das 1532ste Jahr, als er dann ohne alle Schuld, und zwar schändlich / durch den Papisten vergiftet wurde / und sein Leben hat lassen müssen. Gestorben (ist er) am Pfingstfeiertag / Christi Stimme wartet ohne alle Klage. R. S. hat (diese Steintafel) 1598 gemacht.“, siehe ebenda.

2 Vgl.: Münch Ernst: Zwischen Reformation und Dreissigjährigem Krieg. 1523 bis 1648, in: Schröder, Karsten (Hg.): Rostocks Stadtgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Rostock 2013, S. 57.

3 Siehe dazu: Pettke, Sabine: Stadtobrigkeit und Landesherren im Streit um das lutherische Kirchenregiment, dargestellt an der Reformation Rostocks im vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts, in: Blaschke, Karlheinz (Hg.): Herbergen der Christenheit 1985/86. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte, Band 15, Berlin 1986, S. 73-89; Dies.: Nachträge zu Joachim Slüter, in: Stuth, Steffen (Hg.): Das Netz des neuen Glaubens. Rostock, Mecklenburg und die Reformation im Ostseeraum. Schriften des Kulturhistorischen Museums Rostock, Neue Folge 17, Rostock 2017, S. 11-17.

4 Schildhauer, Johannes: Soziale, politische und religiöse Auseinandersetzungen in den Hansestädten Stralsund, Rostock und Wismar im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, Weimar 1959; Troßbach, Werner: Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Durchsetzung der Reformation in den Hansestädten Wismar, Rostock und Stralsund, in: Archiv für Reformationsgeschichte, Band 88, 1997, S. 118-165.

5 Vgl. Münch Ernst: Rostock in der grossen Zeit der Hanse. 1265 bis 1522/23, in: Schröder, Karsten (Hg.): Rostocks Stadtgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Rostock 2013, S. 48.

6 Vgl. ebenda, S. 49 ff.

7 Vgl. ebenda, S. 52 f; Sauer, Hans: Hansestädte und Landesfürsten: Die wendischen Hansestädte in der Auseinandersetzung mit den Fürstenhäusern Oldenburg und Mecklenburg während der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte, Band XVI, Köln 1971, S. 101.

8 Rostock unterstand den Herzögen von Mecklenburg und gehörte zu dem Bistum von Schwerin; Vgl. Schildhauer, Johannes: Soziale, politische und religiöse Auseinandersetzungen, S. 1; Für genauere Übersicht der territorialen Ausdehnung der Herzogtums Mecklenburg im 16. Jahrhundert, siehe: Schrader, Franz: Mecklenburg, in: Schindling, Anton/Ziegler, Walter (Hg.): Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Der Nordosten, Band 2, Münster 1990, S. 166.

9 Schildhauer, Johannes, S. 2.

10 Für Heinrich V. siehe: Sellmer, Lutz: Heinrich V., in: Pettke, Sabine (Hg.): Biographisches Lexikon für Mecklenburg, Band 1, Rostock 1995, S. 116-120; Für Albrecht VII. siehe: Sellmer, Lutz: Albrecht VII., in: Pettke, Sabine (Hg.): Biographisches Lexikon für Mecklenburg, Band 1, Rostock 1995, S. 9-13.

11 Vgl. ebenda, S. 3 ff.

12 So konnten die Fürsten u. a. eine jährliche Rechenschaftslegung der Bürgermeister und des Rates verlangen. Andere Paragraphen betrafen die Zins -und Rentenhöhe oder die Handelsbeziehungen zwischen Bürgern und Bauern. Siehe dazu Schildhauer, S. 5 ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668729209
ISBN (Buch)
9783668729216
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429374
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Schlagworte
rostocker reformation hälfte jahrhunderts

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