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Traumapädagogik bei Kindern. Wie Pädagogen traumatisierte Kinder verstehen und unterstützen können

Fachbuch 2018 88 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anmerkung

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Traumapädagogik: Geschichte, Entstehung und Bezüge

3 Trauma als Ursache einer psychischen Störung
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Formen und Arten der traumatischen Erlebnisse
3.3 Traumatischer Prozess: Verlauf und Wirkung
3.4 Psychische Beeinträchtigung als Folge traumatischer Erlebnisse

4 Grundlagen der traumapädagogischen Arbeit
4.1 Grundhaltung der Traumapädagogik
4.2 Pädagogische Belastungen und Anforderungen
4.3 Bedeutung der Gruppe und sozialen Teilhabe
4.4 Bindungstheoretische Ansätze in der Traumapädagogik
4.5 Eltern- und Familienarbeit
4.6 Interdisziplinäre Vernetzung

5 Besondere Bedarfe der traumatisierten Kinder
5.1 Umgang mit Schock, Schuld und Sprachlosigkeit
5.2 Schutzraum, Sicherheit und Hilfe

6 Therapeutische Methoden in der Traumapädagogik
6.1 Körperorientierte Verfahren
6.2 Kreative Verfahren
6.3 Humanistische Verfahren

7 Abschlusswort

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anmerkung

„Wenn du bei Naht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachen alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst die Sterne haben, die lachen können!“

Und er lachte weiter.

„Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben mit mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen… Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen: „Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen!“ Und sie werden dich für verrückt halten.

„Ich werde dir einen hübschen Streich gespielt haben…“

Und er lachte weiter.

Antoine Saint-Exupéry
„Der Kleine Prinz“

Ich danke meiner Familie für den emotionalen Rückhalt und meinen Freunden für die liebevolle Unterstützung in der täglichen Arbeit.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Die traumatische Zange (Huber/Besser 2007, S. 29) 26

Abbildung 2 Typische Symptome entlang der Entwicklungsphasen. (Krüger/Reddemann 2007, S. 72) 39

1 Einleitung

Man mutet die Tatsache an, dass schwere Fälle von Kindesmisshandlung in der Welt der Medien zum Tagesgeschäft gehören und wir in inflationärer Regelmäßigkeit Schicksale erleben dürfen, die gerade einmal wenige Tage Halbwertzeit in der Öffentlichkeit haben. Spätestens seit das kriminelle Verhalten von Geistlichen medialer Alltag geworden ist, scheinen wir in dieser Sache „Routine“ zu entwickeln. Wir hören von Verkehrsunfällen und Unwetterkatastrophen, von Terror und Geiselnahmen oder von Kriegen und Verfolgungen. Die ganz so alltägliche Gewalt, die Kinder von ihren nächsten Bezugspersonen erleben, taugt nur noch dann zum Thema der Medien und verdient sich das öffentliche Interesse, wenn es sich um ein besonderes weitreichendes oder brutales Ereignis handelt. In der sozialen und pädagogischen Arbeit haben wir es aber in der Regel mit den „alltäglichen“ Erfahrungen von Traumatisierung zu tun. Kinder sind sehr verletzliche Wesen und brauchen Hilfe und Schutz, wenn ihnen tragische Ereignisse wiederfahren sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass seelische Verletzungen versorgt werden müssen und dass es nicht genügt, sie nur zur Kenntnis zu nehmen. Noch schlimmer ist es, sie gar zu übersehen. Denn jedes traumatisierte Kind, das nicht angemessen begleitet wird, kann direkt oder später vielfältige Schäden entwickeln. Heute wissen wir recht genau, wie sich frühe Schädigungen lebenslang negativ auswirken können. Viele Erkrankungen des Erwachsenenalters können heute aufgrund der Forschungslage direkt mit frühen traumatischen Verletzungen in Verbindung gebracht werden.

Eine Erkenntnis in voller Tiefe ist erforderlich, um das komplexe Thema der Traumatisierung und die damit einhergehenden Auswirkungen richtig einordnen und entsprechend versorgen zu können. Aus diesem Grund hat die vorliegende Arbeit als Ziel, zum Verständnis von psychischen Traumata bei Kindern und Jugendlichen beizutragen und auf die täglichen Herausforderungen der PädagogInnen im Umgang mit den Betroffenen einzugehen.

Der erste Teil dieser Arbeit berichtet über Entstehungsgeschichte der Traumpädagogik sowie auch über ihre Aufgaben und Ziele im Rahmen der pädagogischen Tätigkeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Im 2. und im 3. Kapitel werden die Gründe aufgeführt, die zu einer Traumatisierung führen. Diese sollen lediglich in ihrem Grundlagencharakter aufgegriffen werden, nämlich soweit, wie sie für das vorrangige Erkenntnisinteresse, der Traumatisierung selbst, für ihren Verlauf und insbesondere für ihre Auswirkungen auf Kinder und deren weitere Entwicklung erforderlich sind. Danach beschäftig sich das 4. Kapitel mit den allgemeinen Grundlagen der traumapädagogischen Arbeit, während das 5. Kapitel die besonderen Bedarfe der traumatisierten Kinder umfasst. Das 6. Kapitel vergleicht die möglichen therapeutischen Maßnahmen zur psychischen Stabilisierung der Mädchen und Jungen nach einem traumatischen Erlebnis. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

2 Traumapädagogik: Geschichte, Entstehung und Bezüge

Die Geschichte der Traumapädagogik ist - auch wenn sie sich mit menschlichem Leid befasst - eine Erfolgsgeschichte. Immer mehr Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe ergänzen ihre Konzepte mit dem Wissen der Psychotraumtologie und den Erkenntnissen und Methoden der Traumapädagogik.

Begriffsbildungen wie traumabezogene Pädagogik oder pädagogischer Umgang mit Traumata werden durch Traumapädagogik ersetzt. Martin Kühn definiert Traumapädagogik als Sammelbezeichnung für die im Besonderen entwickelten pädagogischen Konzepte zur Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen in den verschiedenen Arbeitsfeldern (vgl. Kühn 2008, S. 322). Bei dem Fachbegriff „Traumapädagogik“ wird leicht der Fokus auf das Trauma gelenkt und weniger auf die Zielsetzung der Pädagogik und wird daher oft im Sinne einer vorschnellen Etikettierung oder Pathologisierung der Kinder missverstanden. Der wesentliche Aspekt der traumapädagogischen Konzepte ist vielmehr, durch ein breiteres Wissen über Traumafolgestörungen ein anderes Verständnis für das Verhalten der Kinder zu schaffen und mithilfe von lösungs- und ressourcenorientierten Ansätzen eine emotionale Stabilisierung der Kinder und Jugendlichen in einem sicheren institutionellen Rahmen zu erzeugen.

Die Sachverständigenkommission des 13. Kinder- und Jugendhilfeberichts hat die Gruppe der traumatisierten Kinder- und Jugendlichen explizit in den Blick genommen und in ihren Empfehlungen an die Fachpraxis der Kinder- und Jugendhilfe, an die beteiligten Institutionen in den gesundheitsbezogenen Netzwerken sowie an die Politik hervorgehoben, dass die „Hilfsangebote für traumatisierte Kinder und Jugendliche mehr Aufmerksamkeit erhalten müssen und die Sensibilität für die Situation von traumatisierten Kindern und Jugendlichen im Kompetenzprofil der Fachkräfte einen höheren Stellenwert erhalten müssen.“ (Deutscher Bundestag 2009)

Der traumapädagogische Diskurs ist eine Antwort auf die Fragen, die lebensgeschichtlich belastete Mädchen und Jungen an ihre Bezugspersonen, an die Einrichtungen, in denen sie leben und lernen, und an die Gesellschaft stellen. Bereits seit Mitte bis Ende der 1990er Jahre begannen bundesweit einige KollegInnen psychotraumatologische Erkenntnisse auf pädagogische Settings zu übertragen und Erfahrungen darüber zu sammeln, wie ein spezifisch pädagogisches Unterstützungsangebot zur Bearbeitung traumatischer Lebenserfahrungen für Kinder und Jugendliche aussehen kann. Demzufolge hat Traumapädagogik ihre Wurzeln sowohl in der Pädagogik als auch in anderen Bezugswissenschaften wie Psychotraumatologie und Psychiatrie. Wenn wir mit neuer Aufmerksamkeit in einige Klassiker der pädagogischen Literatur (Korczak 1998, Redl/Wineman 1984) schauen, dann finden wir dort bereits zahlreiche Beschreibungen kindlicher Verhaltensweisen, die heute teilweise als Symptome traumabezogener Stressreaktionen beschrieben werden könnten. Aichhorn hat in seinem Standardwerk „Verwahrloste Jugend“ bereits vor 80 Jahren explizit traumatische Erlebnisse als mögliche Ursachen auffälliger kindlicher Verhaltensweisen benannt (vgl. Aichhorn 1987, S. 44). Im behindertenpädagogischen Bereich war es besonders der Adaption von Klassikern der „kulturhistorischen Schule“ – im Besonderen Wygotsky, Luria und Leontjew – durch Feuser und Jantzen (1984) zu verdanken, dass die traumatisierenden Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen im sozialen Umfeld und Fördereinrichtungen aufgedeckt wurden, auch wenn der Begriff der Traumatisierung seinerzeit noch nicht üblich war. Für die aktuelle Diskussion stellen diese Texte ein wichtiges Basiswissen für die traumabezogene Arbeit in der Pädagogik dar. So manche Beschreibung von damals überrascht in ihrer Aktualität aus heutiger Sicht.

Die Pädagogik „lebt seit jeher der Offenheit zu ihren Nachbardisziplinen: Medizin, Psychologie, Soziologie, aber auch Anthropologie und Theologie, deren Erkenntnisse die im Sinne einer Reflexions- und Handlungswissenschaft für sich zu nutzen sucht. Aichhorn formulierte: „Die Fürsorgeerziehung ist ein weit verzweigtes Gebiet, in das außer den psychologischen viele psychiatrische, soziologische, kulturpolitische und staatswissenschaftliche Probleme verwoben sind.“ (vgl. Aichhorn 1987, S. 15). In den letzten Jahren haben besonders die Erkenntnisse der neurophysiologischen Forschung erhebliche Bedeutung für die pädagogische Praxis bekommen. Sowohl Perry (2006) als auch Hüther (2002) haben in den letzten Jahren immer wieder auf die Bedeutung sozialer Prozesse für die Entwicklung der Kinder hingewiesen. Auf diese Erkenntnisse bezieht sich die traumapädagogische Praxis, denn sie erklären das bisher Unverständliche im Verhalten eines traumatisch belasteten Kindes oder Jugendlichen und eröffnen den Fachkräften so neue Handlungsräume.

Kinder erleben oft Traumata in sozialen sowie auch in familiären Bezügen. Die traumatischen Erlebnisse sind nicht selten Bestandteil gesellschaftlicher Bewegungen und Globalisierungsprozesse, Ereignisse wie Krieg und Naturkatastrophen, Gewalt und Rassendiskriminierung. Dazu gehören auch die bedrohlichen Erfahrungen von aktueller Gefahr oder die Einschüchterung der eigenen physischen Integrität. Vernachlässigung und Misshandlung lassen sich als eine extreme Manifestation elterlicher Probleme charakterisieren. Sie zeigen sich in der Entgleisung und im Versagen adäquaten elterlichen Verhaltens, die tatsächlich häufig chronisch und Bestandteil der täglichen Beziehungserfahrung eines Kindes sind (vgl. Ziegenhain 2009, S. 136-147). Von Kindern erlebte Traumata, von Eltern im Stich gelassen oder missbraucht zu werden, sind zerstörerische Erfahrungen. In der Ulmer Heimkinderstudie zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der in der stationären Jugendhilfe betreuten Kinder und Jugendlichen unter behandlungsbedürftigen psychischen Störungen leiden und mehr als ein Drittel sogar an mehreren, stark ausgeprägten psychischen Störungen erkrankt sind (vgl. Besier 2009, S. 483-489). So wird durch diese Studie die Notwendigkeit traumapädagogischer Konzepte eindrücklich und nachhaltig unterstrichen. Die Traumapädagogik versteht sich als heilpädagogischer Ansatz zur Stabilisierung und Förderung traumatisierter Kinder und Jugendlicher und ist eine notwendige Voraussetzung, Begleitung und Ergänzung eines entsprechenden Therapieprozesses. Insofern ist ein enger interdisziplinärer Austausch und Diskurs zwischen Pädagogik, Psychotherapie und Psychiatrie erforderlich.

Traumapädagogik setzt die konsequente Anwendung des aktuellen Kenntnisstandes der Psychotraumatologie auf das pädagogische Verständnis der betreuten Menschen. Ziel einer Traumapädagogik ist es, einerseits korrigierende Beziehungserfahrungen zu vermitteln und andererseits an der systematischen Förderung anzusetzen und zwar genau in jenen Fertigkeitsbereichen, die komplex traumatisierte Kinder nicht erlernen konnten. Zentrales Element für den Aufbau von alternativen, verlässlichen Beziehungserfahrungen ist das Verständnis der besonderen Beziehungsdynamik und der Intensität der Gegenübertragungsgefühle, die diese Kinder in den Betreuungspersonen auslösen. Traumabearbeitung, Traumaheilung und die Überwindung dieser Erfahrungen braucht „das Wiederherstellen von Vertrauen, das Wiedererlangen von Zuversicht, die Rückkehr zu einem Gefühl von Sicherheit und die Wiederverbindung mit der Liebe“ (Perry/Szalavitz 2006, S. 291).

In der Aufgabe der Traumapädagogik, der Ungleichheit und den sozialen Dysfunktionen entgegenzuwirken, liegt es in der Verantwortung pädagogischer Arbeit, die eingangs benannte Verbindung zwischen individueller, sozialer, psychischer, medizinischer und ökonomischer Realität zu erforschen, zu erfassen und konzeptionell aufzubereiten. Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe wurde im Vorangegangenen deutlich, wie dringend eine kompetente biopsychosoziale interprofessionelle Expertise in der psychosozialen Arbeit, die den überwiegenden Alltag der Kinder und Jugendlichen gestaltet, zu fordern ist (vgl. Gahleitner/Hahn 2008, 2010, 2012; Mühlum/Gahleitner 2010, S. 95-113).

Fachkräfte aus dem Bereich der sozialen Arbeit und (Heil-)Pädagogik gestalten den weitaus größten Anteil der Traumaversorgung im Kinder- und Jugendbereich, insbesondere im Bereich komplexer Problemlagen, bei denen sich die Traumaproblematik mit anderen Benachteiligungsaspekten vermengt. Der Traumabereich ist daher ein besonders anschauliches Beispiel für „psychosoziale Vermittlungsarbeit“, ihre Schnittstellen und interdisziplinären Herausforderungen. Dennoch drückt sich diese Tatsache häufig nicht in einem entsprechenden Selbst- und Fremdverständnis dieser Berufsgruppe aus.

Das bedeutet: Soziale Fachkräfte verfügen zwar in der Praxis über einen großen Schatz an wichtigen fachrelevanten Erfahrungen, häufig fällt es jedoch aufgrund des komplexen Arbeitsalltages schwer, das erworbene Erfahrungswissen systematisch an Konzepte und Theoriebestände zurückzubinden und damit selbstbewusst auf die eigene Berufsidentität zurückzugreifen (vgl. Gahleitner/Schulze 2009, S. 4-7). Ausführungen zur Expertise der sozialen Arbeit und Sozialpädagogik mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen sind daher dringend weiterzuentwickeln (vgl. Schulze/Loch/Gahleitner 2012, S. 15-20). Die Traumpädagogik will sich der Verantwortung stellen, die bereits in der Kinder- und Jugendhilfe erarbeiteten Erkenntnisse auch anderen Zielgruppen, wie von Flucht und Verfolgung verletzten Menschen oder weiteren benachteiligten Gruppen, zur Verfügung zu stellen und dortigen Fachkräften handlungsrelevante Unterstützung im Arbeitsalltag anzubieten.

3 Trauma als Ursache einer psychischen Störung

Sowohl in unserer unmittelbaren Nähe als auch an entfernteren Orten nehmen die beunruhigenden Ereignisse wie Krieg oder Naturkatastrophen die hohe Geschwindigkeit zu. Man könnte behaupten, dass in der Welt, in der wir heutzutage leben, niemand vor einem Trauma geschützt ist.

Es scheint, dass viele Menschen, die in der verletzlichen Phase der frühen Kindheit traumatisiert worden sind, diese Last als eine tragische Prägung mit sich durch das Leben weiter tragen. „Trauma ist möglicherweise die am meisten angefochtene, ignorierte, verharmloste, verleugnete, missverstandene und nicht behandelte Ursache für menschliches Leiden.“ (Levin/Kline 2010, S. 22)

Die Nichtversorgung eines Traumas ist fatal: für die Psyche selbst, für die soziale und emotionale Entwicklung und sogar für die körperliche Gesundheit. Auch manche Dissoziations- und Persönlichkeitsstörungen, Angst- und Panikstörungen sowie auch Sucherkrankungen stehen mit früheren traumatischen Erfahrungen in einem ursächlichen Zusammenhang. Also, nicht nur der Körper, sondern auch die Seele kann schwere Brüche mit Folgeschäden davon tragen. „Ein Stein fällt ins Wasser und das Wasser zieht durch diese Erschütterung immer weitere Kreise.“ (Huber 2003, S. 38) Ähnlich diesem gedanklichen Bild lassen sich auch Trauma sowie ihre Ursache und Wirkung verstehen.

3.1 Begriffsbestimmung

Das Wort „Trauma“ oder „Traumata“ stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet Wunden im umfassenden Sinne. In Heilwesen wird es als Fachwort für körperliche als auch für die seelische Verletzung gebraucht. Sigmund Freud (1921/1976) nahm eine Definition des „Reizschutzes“ und bezeichnete Reize, die stark genug sind, den individuellen „Schutzschild“ zu durchbrechen, als „traumatisch“. Khan führte den Begriff des „kumulativen Traumas“ ein und wies darauf hin, dass eine Vielzahl von Erlebnissen, von denen jedes einzelne nicht unbedingt Bedeutung erlangt hätte, in ihrer Häufung ebenfalls zur seelischen Verletzung führen kann (vgl. Khan 1963, S. 286 – 306).

So wie im medizinischen Begriffe eine äußerliche Kraft auf und durch die Körperoberfläche hindurch schädigend wirken kann, so lässt sich das auch im psychologischen Ausdruck verstehen: Das seelische Gleichgewicht eines Menschen wird durch ein äußeres belastendes Ereignis beschädigt. Dies geschieht zum Beispiel in einer Konfrontation mit drohendem oder tatsächlichem Tod, ernsthafter Verletzung oder Gefährdung der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder der anderen Personen, was in der Regel von intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen gekennzeichnet ist (vgl. Weinberg 2006, S. 19, Hervorhebung H.H.).

Der Kern einer Traumadefinition besteht also im Folgenden: Eine Traumatisierung eines Menschen findet dann statt, wenn in einer Gefahrensituation alle Stressverarbeitungsmechanismen und Strategien ihren Dienst versagen, um dieser Situation zu entkommen. Das bedeutet, dass eine traumatische Situation negative Folgen für das Leben, die Gesundheit und die psychische Integrität eines Menschen mit sich bringen kann.

Traumatische Ereignisse lassen sich auf zwei Dimensionen vergleichen. Die erste Dimension unterscheidet sich nach der Häufigkeit: Typ – I – Traumata sind einmalige, kurz einwirkende Ereignisse wie Schockzustand sowie auch Typ – II – Traumata sind entweder mehrfach auftretende oder lang andauernde traumatische Ereignisse. Die zweite Dimension unterscheidet hinsichtlich der Ursachenzuschreibungen zwischen „zufälligen“ Traumata (Naturkatastrophen, Unfälle) und von Menschen verursachten „man made“ Traumata (Kriegserleben oder Geiselhaft, Misshandlung) (vgl. Gräbener 2013, S. 15 – 16). Beide Dimensionen sind miteinander kombinierbar und verweisen bezüglich der Ursachen auf objektive Erlebnismerkmale. Grundsätzlich ist die Gefahr von Traumafolgeschäden bei Typ – II – Traumata höher als bei Typ – I – Traumata sowie auch bei interpersoneller Traumatisierung höher als bei zufälliger Traumatisierung.

Infolgedessen, wenn ein Mensch in seinem Stresszustand bemerkt, dass all seine Aktionen die Gefahr nicht beseitigen können und im Gegenteil, das Risiko, Schaden zu nehmen, sogar erhöhen, gerät er in einen hochambivalenten Konfliktzustand und schließlich in eine Situation der Ausweglosigkeit. Da er am Ende seiner körperlichen und psychischen Möglichkeiten angelangt ist, entsteht für ihn eine Situation von absoluter Ohnmacht. Die Ebene des subjektiven Erlebens eines Traumas wird als Folgendes beschrieben:

„Psychische Traumatisierung lässt sich definieren als vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilfslosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“ (Fischer/Riedesser 2009, S. 17)

Als weiterer grundlegender Aspekt von Trauma kommt dann die erlebte Diskrepanz zwischen Bedrohung und Bewältigungsmöglichkeiten. Die gleiche traumatische Situation kann von verschiedenen Menschen unterschiedlich empfunden werden, weil das Erleben eines Traumas von Alter, Lebenserfahrung, Können und Wissen abhängig ist. Diese Erweiterung eröffnet den Blick auf die Trauma-verarbeitung als Prozess in Bezug auf grundlegende Einstellung zur eigenen Person und zur Umwelt.

„Ein Trauma ist zu verstehen als Interaktionsprozess zwischen Umwelt (Situation) und Individuum (Erleben und Verarbeitung) in einem spezifischen sozialen Kontext – und damit als biopsychosoziales Phänomen. Ein Trauma beinhaltet immer sowohl objektive (Ereignis) als auch subjektive Aspekte (Erleben).“ (Gräbener 2013, S. 18)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in einem Trauma eine plötzliche oder chronische äußere Einwirkung hervorgerufen wird, die die normalen Bewältigungsmechanismen überfordert und zu einer radikalen Unterbrechung der Alltäglichkeit und der Beziehungen zu anderen aber auch zu sich selbst führt.

Es wird für ein Selbstverständnis gehalten, die Kinder aus traumatischer Umwelt und aus bedrohlichen Situationen in besonderer Weise zu berücksichtigen, weil gerade die kleinen Menschen gefährdet sind, da sie sehr verletzlich sind und ihre Fähigkeiten, sich zu wehren oder sich selbst zu helfen, äußerst eingeschränkt sind. Durch so eine verzehrende Erfahrung werden das sich gerade erst entwickelnde Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen der Mädchen und Jungen nachhaltig erschüttert oder sie gehen einfach verloren.

In dieser Diskussion von Definitionen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten zeigt sich die Vielzahl der vorstellbaren Situationen und es wird so deutlich, dass eine Annäherung an das Thema breit gefächerte Umstände berücksichtigen soll.

3.2 Formen und Arten der traumatischen Erlebnisse

Jede Form eines Traumas hat einen unterschiedlichen Entstehungshintergrund, nimmt einen anderen Verlauf und hat deshalb unterschiedliche Symptome zur Folge. Daher ist es wichtig zu wissen, welches Trauma welche Spuren in der Psyche eines Kindes hinterlassen hat, und dementsprechend soll therapeutisch differenziert darauf eingegangen werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Traumata voneinander zu unterscheiden, aber aus pragmatischen Gründen möchte ich im Folgenden vier bedeutendste Formen beschreiben: Existenztraumata, Verlusttraumata, Symbiose-Bindungstraumata und Bindungssystemtraumata.

3.2.1 Existenztraumata

Existenztraumata entstehen in Situationen, in denen durch einen anderen Menschen oder durch ein Naturereignis eine lebensbedrohliche Situation hervorgerufen wird, gegen die keine Gegenmittel gefunden werden können (vgl. Ruppert 2015, S. 98 – 99). Bei solchen Erfahrungen stehen aufgrund der vorhandenen Gefahren das Leben und die Gesundheit des Betroffenen auf dem Spiel. Eine Existenztraumasituation liegt also vor, wenn Naturkatastrophen, Kriege und Verfolgung, Gewalttat und Terror, Flucht und Migration, Umzug oder Unfall gegeben sind.

3.2.1.1 Naturkatastrophen

sind Waldbrände, Flut, Lawinen oder Wirbelstürme, die von der Natur erzeugten Situationen, in denen Kinder seelisch zu Schaden kommen können, wenn sie sich selbst als existenziell bedroht erleben oder andere Kinder sowie erwachsene Menschen in ihrer Umgebung in extreme Not geraten. Selbst alltägliches Naturwalten kann für kleinere Kinder besonders bedrohlich sein: Der grollende Donner eines Gewitters kann für ein Kind unter Umständen extrem belastend sein. Die Schockstarre ist der erste Versuch der Abspaltung der Traumaerfahrung: Nebel im Kopf und Einfrieren aller Handlungsimpulse (Schreien, Wegrennen oder Rufen um Hilfe) sind die typischen Begleiterscheinungen in diesem Zustand. Dann zeigen sich die späteren traumatischen Symptome wie völlige Überregung und Todesschrecken (vgl. Ruppert 2015, S. 99). In der heutigen Zeit bekommt die Naturkatastrophe eine größere Beziehungsdimension und wird von daher für das Kind potentiell traumatisierender.

3.2.1.2 Kriege und Verfolgung

als gezielte Vernichtung des Landes und der Menschen hat Entwurzelung und Perspektivlosigkeit zur Folge. Das Familienleben und deren Aufgaben verändern sich aus diesem Grund erheblich: Die Anforderungen der Familienmitglieder steigen aufeinander, die Ressourcen sind jedoch oft erschöpft und es kommt leicht zu Enttäuschung und Konflikten. Für die Kleinkinder ist die Zerstörung der Beziehungswelt zentraler: Sie erleben die Hilflosigkeit der Eltern viel belastender und beängstigender. Jugendliche versuchen sich in der Helferrolle zu stabilisieren: Sie übernehmen verfrüht die elterlichen Aufgaben, versorgen und trösten die Familienangehörigen. Diese sogenannte Parentifizierung wird als wesentlicher pathogener Teil des Familienmilieus bezeichnet (vgl. Walter de Gruyter 1998, S. 69). Ein anderer Faktor, der zur Traumatisierung beiträgt, ist der „Schweigepakt“, der nicht-verbale Konsens, dass die erlebten Verletzungen verdrängt oder abspalten werden. Das intuitive Verständnis für die verborgenen traumatischen Erlebnisse der Eltern führt oft dazu, dass Kinder als Vermittler unbewusst die Ängste und die belastenden Erfahrungen der Eltern an die folgenden Generationen weiter erteilen (vgl. Walter 1997, S. 69).

Es ist wiederholt festgestellt worden, dass Nachkommen von Holocaust-Überlebenden sich in der einen oder anderen Weise dauernd mit dem Leiden ihrer Eltern auseinandersetzen. Zur Überraschung zeigen Kinder die Anzeichen dafür, dass sie durch das Leid der Eltern stark beeinflusst wurden. Sie neigen dazu, ihr Betroffensein zum Ausdruck zu bringen, indem sie das Leiden, das die Eltern vor ihrer Geburt erlitten haben, unbewusst wiederholen.

„Die Kinder vor Überlebenden zeigen Symptome, die zu erwarten wären, wenn die den Holocaust selbst durchlebt hätten. Sie leiden unter gestörten Objektbeziehungen, mangelnder Selbstachtung, narzisstischer Verletzlichkeit, negativer Identitätsbildung, Persönlichkeitseinschränkung und beträchtlicher Affektschädigung. (…) Sie scheinen durchweg unter einer quälenden Kollektiverinnerung an den Holocaust zu leiden, die sich sowohl in ihren Träumen als auch in ihren Phantasien manifestiert. Diese Träume und Phantasien reflektieren immer wiederkehrende Anknüpfungspunkte an die traumatischen Erfahrungen ihrer Eltern.“ (Barocas 1973, S. 331, Auslassung H.H.)

Laub & Auerhahn (1984) wiesen in ihrer Studie „Auswirkungen des Genozids – seine Manifestation in dem Bewusstsein und dem Unbewussten der Nach-Holocaust-Generation“ darauf hin, dass das Kind sich gezwungen fühlt, die verdrängten Themen der Eltern nachzuerleben und auf diese Weise die innere Welt der Eltern wiederaufleben zu lassen.

„Die Bearbeitung eines Kriegstraumas über die Generationen hinweg kann als ein Prozess angesehen werden, der vor der Deutung fragmentarischer, abwehrender Reinszenierung zu der Bewusstmachung der Realität eines Traumas führt, die eine Integration in das gegenwärtige Leben und somit ein intakteres Leben ermöglicht.“ (Kogan 1998, S. 95)

3.2.1.3 Gewalttaten,

die Kinder gegen sich oder als Zeuge einer Gewalt gegen einen anderen erlebt haben (Terroreinschläge, Freiheitsentzug, große Entbehrung, Folter oder grausame Brutalität), können alle traumatischen Symptome aufweisen, weil das die extremen Belastungssituationen sind. Die erste Reaktion sind aber Bestürzung und Betäubung, es können aber auch Furcht, Flashbacks und Erinnerungen noch dazu kommen. Hilfslosigkeit, Scham und schwere Schuldgefühle können nach Beendigung der Gewalt entwickelt werden oder es wird die ganze Begebenheit verdrängt, um das Bewusstsein ausgeschlossen zu halten (vgl. Federn 1998, S. 78 – 82). Das wichtigste Element der Gewalttaten ist die Zerstörung des „Ichs“ (seiner Persönlichkeit oder des eigenen Selbst eines Menschen), ohne dabei das Opfer zu töten. Die Gewalttäter versuchen, durch die Schmerzzufügung auf das Körper-Ich und durch den Zwang das seelische-Ich zu treffen. Aus diesem Grund ist keine Aufgabe so wichtig wie die, diesen Kindern wieder ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Eine schrittweise Annäherung in einem Gespräch mit den vertrauten Bezugspersonen über die erlittenen Leiden ist erforderlich: Sachlich und aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtend sollen die belastenden Situationen widerspiegelt werden, damit „Ichgefühl“ in der Seele und „Ichstärke“ im Körper der betroffenen kleinen Menschen wiederkehren können (vgl. Engers/Biermann 1998, S. 80 – 81).

3.2.1.4 Flucht und Migration

sind die Krisensituationen, die eine massive Verunsicherung und Desorganisation mit sich bringen, und es besteht eine große Gefahr, dass diese Herausforderungen als zerstörerisches Ereignis und traumatische Erfahrung unintegriert, unverarbeitet und konfus in die nächste Generation weitergegeben werden. Wenn es sich um eine erzwungene Flucht oder um eine ungewollte Migration handelt, hat das einen Einfluss auf die seelische Verarbeitung dieser harten Zeiten und auf das Bedauern der Verluste allgemein. Der Preis für die Anpassung in einem neuen Land, neben dem wirtschaftlichen, politischen und sozialen Druck, ist eine enorme Überforderung der Familien und drastische Traumatisierung der Kinder. Die Eltern müssen bis zur Erschöpfung funktionieren, um den neuen, harten Anforderungen und hohen Ansprüchen gerecht zu werden. „Der Gewinn für diese Anpassung ist eine permanente Überlastung der körperlichen Kräfte, die zu psychosomatischen Krankheiten führt.“ (Saller 2003, S. 104) Seelische Prozesse, wie das Betrauen des Verlustes der Heimat sowie Hilflosigkeit und Ohnmacht in einem fremden Land, einer fremden Kultur und einer fremden Sprache, dürfen nicht existieren, deswegen wird deren Verarbeitung meistens auf die spätere Zeit immer weiter verschoben. Die Folge ist, dass sich die Kinder in diesen Familien emotional leer und sogar vernachlässigt fühlen. Gefühlslosigkeit, Entfremdung, Resignationen und Verlust der eigenen Identifikation sowie auch ein labiles, schwaches Selbstbewusstsein, das der Überflutung durch äußere Reize und heftige innere Affekte ausgesetzt ist, sind die häufigsten Erscheinungszeichen einer komplexen Traumatisierung der Flüchtlings- und Migrantenkinder.

3.2.1.5 Umzüge

sind schon für die Erwachsenen schwer, weil es viel zusammen kommt: Abschiede, organisatorischer Aufwand, Umstellung, Neueingewöhnung und vieles andere mehr. Schon die Neugeborenen reagieren auf die Nervosität oder Belastung der Eltern, die in den Umzugszeiten vielleicht nicht mehr so ruhig und präsent sind wie zuvor. Etwas ältere Kinder können durch die ungewohnte Umgebung völlig verunsichert werden und vermissen Orte, Gegenstände und vor allem die Personen, die am vorherigen Wohnort zurückgeblieben sind. Bei Schulkindern kommt noch hinzu, dass die sich auf eine neue Schulklasse sowie neue Lehrpersonen einstellen müssen. Demzufolge kann die Erfahrung, ein Neuer zu sein, traumatische Ausmaße annehmen. Umzugskinder können durchaus alle Merkmale und Symptome von Traumaopfern aufzeigen: Ängstlichkeit vor dem, was kommt (keine Freunde zu finden oder die Umgebung nicht zu mögen), Trauer über das, was zurückbleibt (die gewohnte Nachbarschaft und Freunde), Belastung (Zeitdruck oder keine Möglichkeiten für freies Spiel).

3.2.1.6 Unfälle

sind in heutiger Welt die häufigsten Gründe dafür, dass die kleinen Menschen traumatisiert werden. Gerade bei den Kindern sollte man den seelischen Folgen solcher Geschehnisse in Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken. In den Situationen, in denen die Eltern nicht anwesend sind, soll jeder erwachsene Bürger für Kinder in der Umgebung sensibel sein und zum Wohl des Kindes beitragen. Wenn man zum Beispiel einem betroffenen Kind mit einem beruhigenden Wort aus einem augenblicklichen Schockzustand heraushilft, hat man schon viel getan, denn die ersten Momente zählen besonders viel. Später haben Eltern oder Therapeuten es leichter, dem Kind Ihre Dienste anzubieten, wenn andere Erwachsene in der Akutsituation stellverstretend die „tragende“ Sicherheit übernehmen konnten.

3.2.2 Verlusttraumata

Durch die Gefühle als Zeichen unseres menschlichen Inneren werden die bedeutsamen emotionalen Verbindungen mit der äußeren Welt hergestellt. Bei einem Verlusttrauma verlieren wir etwas, zu dem wir eine tief emotionale Bindung aufgebaut haben. In erster Linie sind das Personen, die uns sehr nahe stehen: Eltern, Kinder oder Geschwister, Partner oder sehr enge Freunde. Bei einem Verlusttrauma entsteht ein nicht aushaltbarer psychischer Trennungs- und Verlustschmerz, der höchst traumatisierend auf die Betroffenen wirkt.

3.2.2.1 Trennung und Scheidung

versetzen die Kinder in große Entmutigung, weil sie sich einfach nicht vorstellen können oder wollen, wie es wird, wenn die Eltern nicht mehr zusammen sind. Es ist diese ständige Bekümmernis vor der Zukunft und vor einer möglichen Vernichtung der bisherigen Existenz, die Kinder in Verzweiflung und Niedergeschlagenheit bringt. Eine Trennung ist oft schwerfälliger zu ertragen als ein Verlust durch den Tod, weil nach der Trennung keine ungestörte Trauer möglich ist, da durch den andauernden konfrontativen Kontakt (Spannungen und Konflikte) eine „Verarbeitung“ und Lösung erschwert werden. Kinder tendieren dazu, die Schuld für das Scheitern der Familie bei sich zu suchen: Es kann aber nicht die Aufgabe des Kindes sein, die Beziehung der Eltern zu festigen. Vielmehr sollen Kinder über ihre Gefühle, Hemmungen und Sorgen reden können und brauchen dazu die entsprechenden Gelegenheiten, um sich austauschen zu können.

3.2.2.2 Verlust eines nahstehenden Menschen,

auf den sich die eigene Liebe richtet, führt zu einem nicht lösbaren psychischen Konflikt und einer inneren Zwiespalt. Weil dieser Schmerz vor der Endgültigkeit im Moment des Verlustes nicht aushaltbar ist, setzen die psychischen Überlebensmechanismen ein: Es wird immer mit dem Gedanken gespielt „was wäre, wenn…“, die verstorbene Person wird idealisiert oder es werden die Schuldgefühle ausgelöst, etwas falsch gemacht zu haben. Das Kind kann sich sowohl seiner Trauer als auch dem Leben zuwenden: Es bleibt in der Vorstellung stecken, wie es damals (vor dem Verlust) war, anstatt wahrzunehmen, was heute ist. Auf diese Weise entsteht buchstäblich ein Bruch im Leben des Kindes, als würde es in der Zeit einfrieren. Die psychischen wie körperlichen Folgesymptome einer seelischen Traumatisierung sind hier: Steifgefühle, Bestürzung oder nicht zu Ende gebrachte Trauergefühle (vgl. Ruppert 2015, S. 104). Sind die Umstände aber unberechenbar, überwältigend und entsprechen sie den Kriterien einer traumatischen Situation, so ist auch mit einer Trauma-Reaktion zu rechnen. Das Kind braucht aus dieser Sicht eine Bezugsperson, mit der es reden kann und die Zeit und Verständnis für seine Bedürfnisse hat. Die Botschaft, die dem Kind vermittelt werden soll, ist wie folgt: Was passiert ist, ist furchtbar, aber das Leben geht weiter! Zeitpunkt, Art, eigene Verfassung und die Unterstützung, die dem Kind zugeteilt wird, entscheiden darüber, ob es dauerhaft „geschockt“ ist und ob in der Zeit danach Trauer und Abschiednehmen möglich sind.

3.2.2.3 Adoption

könnte auch eine stressvolle Erfahrung oder sogar eine Traumatisierung des Kindes bedeuten, weil sie eine Herausnahme aus seinem „vertrauten“ Ort (Heim, Herkunftsland) mit sich trägt. Durch die Adoption verliert das Kind nicht nur seine Bezugsperson, sondern auch seine Umgebung (Klima, Sprache, Essen, Kleidung), die seine soziokulturelle Identität prägt. Die körperlichen, emotionalen und sozialen Traumatisierungen der Kinder vor (stressbelastende Bedingungen in der Schwangerschaft und im Kleinkindalter) und während der Adoption (Anpassung, Namensänderung) führen zu erheblichen Problemen in der neuen Pflegefamilie. Nicht selten werden aggressives Verhallen, Widerstände, Angsterkrankungen oder chronische posttraumatische Belastungsstörungen beobachtet. Obwohl die Kinder durch die Adoptiveltern in der Regel gut versorgt werden, Schutz und Sicherheit erfahren, reicht dies bei einem frühen traumatischen Erlebnis des Adoptivkindes oftmals nicht aus, um leidende Beziehungserfahrungen so zu verankern, dass sie traumatisierungsbedingte Störungen im Verhalten und in der psychischen Verarbeitung der Kinder vollständig korrigieren können (vgl. Breitinger 201, S. 250 – 257).

3.2.3 Symbiose-Bindungstraumata

Bei einem Symbiosetrauma scheitert ein Kind daran, eine gesunde symbiotische Beziehung zu seinen Eltern aufzubauen: Die Signale, die das Kind aussendet, stoßen bei seinen Eltern auf keine Resonanz oder führen zu Rückmeldungen, die verwirrend oder verletzend sind. Ein Kind ist auf seine Eltern angewiesen, aber es macht die Erfahrung, dass es sinnlos und oft sogar gefährlich ist, dies zu tun – das ist auf Dauer traumatisierend und psychisch nicht aushaltbar.

3.2.3.1 Traumatisierte Eltern

sind nicht in der Lage, dem Kind sichere Halt und Bindung anzubieten, weil sie befürchten, im Kontakt mit dem Kind, von ihren eigenen verdrängten Traumagefühlen überflutet zu werden. Die emotionale Bedürftigkeit des Kindes zeichnet sich im öfteren Weinen und Ängsten aus. Diese Zustände werden ihrerseits auf die Gefühlsebene der Eltern übertragen und von denen als eine beständige Quelle von Stress unbewusst empfunden, so dass sie im Verhalten ihres eigenen Kindes sich selbst als ein weggeschobenes und traumatisiertes Kind von damals erkennen (vgl. Ruppert 2015, S. 105). Sie sind immer mit einem inneren Gefühlschaos überfüllt, deswegen kann ein Kind mit den abgespaltenen Traumainhalten und übermächtigen Traumaenergien seiner Eltern gar nicht unterscheiden, was die eigenen Gefühle sind und welche Gefühle nicht zu ihm, sondern zu seinen Eltern gehören. Da die Gefühle für die Entwicklung der Identität eines Menschen entscheidend sind, gerät ein solches Kind in Verwirrung darüber, wer es selbst ist. Mit den Traumagefühlen der Eltern übernimmt das Kind im Kern deren Identität, welche seine eigene Identität überlagert und deren Entwicklung blockiert. Die Bindung zwischen der Bezugsperson und dem Kind wird dadurch zu einer verstrickten Beziehung. Symbiotische Verstrickung bedeutet, sich aus Angst an jemanden zu klammern, der einem Angst macht, als auch aus einer schwer zu unterscheidenden Gemengelage von Angst und Liebe Angst um einen Menschen zu haben, der einen zugleich in Angst versetzt (vgl. Ruppert 2015, S. 117). Die symbiotische Verstrickung ist das Ergebnis des vergeblichen Versuches eines Kindes, eine sichere Bindung mit seinen traumatisierten Eltern herzustellen, was zur Herausbildung einer „verstickten Identität“ führt: Das Kind kann sich seinem Wesen nach nicht entfalten, weil es in Traumagefühlen seiner Bezugsperson lebt und ihre Überlebensstrategien kopiert. Kinder, deren Eltern und vor allem Mütter traumatisiert sind, investieren einen Großteil ihrer eigenen Lebensenergie in die Familie als Beziehungssystem und entwickeln aus ihrer Liebesbedürftigkeit heraus ein viel zu großes Herz für jede Not und Leiden. Solche Bindungssysteme leben von den frischen und noch unverbrauchten Lebensenergien der Kinder, bis diese unter der Last der Traumata zusammenbrechen. So entstehen über Generationen hinweg symbiotisch verstickte familiäre Bindungssysteme, die mindestens ein Viergenerationenphänomen darstellen, laut zahlreichen psychotherapeutischen Erfahrungen. Das bedeutet, die menschliche Psyche scheint in der Lage zu sein, ein Beziehungsgeflecht zu durchdringen, das in der Regel vier Generationen zurückreicht (vgl. Ruppert 2015, S. 115 - 116). Ein Kind kann sich zumindest unbewusst in die psychischen Zustände seiner Urgroßeltern einfühlen. Dabei wird von den Kindern die mütterliche Linie viel stärker nachempfunden: Die traumatischen Erfahrungen einer Großmutter können sich in der Psyche ihrer Urenkelin widerspiegeln. Da das Phänomen „Psychotrauma“ ein weitgehend komplexes Terrain in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ist, können die meisten Menschen mit dem Begriff der „traumatisierten Eltern“ nur wenig verbinden, aber der Erkenntnis nach heißt es, dass die psychischen Probleme im Leben eines Menschen auf die traumatische Beziehung zu seiner engsten Bezugsperson zu führen sind (vgl. Ruppert 2015, S. 114).

3.2.3.2 Mobbing und Diskriminierung

sind spezielle Formen eines Symbiose-Traumas, weil nicht nur die Bindung an die Eltern existenziell ist, sondern auch die Zugehörigkeit zur Gruppe der Gleichaltrigen, zu einer Schulklasse, zu einem Arbeitsplatz, zu eine Ethnie oder einer Gemeinschaft. All solche Bindungsbeziehungen können misslingen, wenn von den Menschen, welche diese Gruppen hauptsächlich repräsentieren, keine Bereitschaft da ist, eine bestimmte Person in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Typische Gründe für Bindungstrauma-Situationen sind: Mobbing und Diskriminierung wegen der Hautfarbe, der Geschlechts, der Religionszugehörigkeit oder der Nationalität. Das führt zur psychischen Spaltung: Schmerz über erlittenen Verletzungen und Demütigungen wird unterdrückt und kann zu den Ängsten und Depressionen führen. Für Mobbings- und Diskriminationsopfer ist immer hilfreich, wenn sie sich ihren Part an der symbiotischen Verstrickung ansehen und sich nicht nur als Opfer der anderen erleben, weil die Täter selbst häufig die Folgen frühkindlicher Traumata tragen. „Die Langzeitstudien haben ergeben, dass sowohl diejenigen, die mobben, als auch diejenigen, die tyrannisiert werden, bis weit ins Erwachsenenalter hinein zu leiden haben.“ (Levin/Kline 2010, S. 46)

3.2.4 Bindungssystemtraumata

Aus Existenz- und Verlustraumata resultieren Symbiosetraumata, welche wiederum in die Traumatisierung eines gesamten Bindungssystems hineinführen können. Es gibt in solchen Familien immer Menschen, die in der Täterrolle auftreten, und solche, die in der Rolle des Opfers sind. Oft ist ein immenses Potenzial an Gleichgültigkeit, Ignoranz, Rücksichtlosigkeit und Gewalt vorhanden und oft beteiligen sich beide Eltern an der Gewalt gegenüber ihren Kindern. Weil die Eltern meist selbst Opfer von Vernachlässigung und Gewalt waren, beherrschen sie mit ihren Opfergefühlen ihre Kinder und missbrauchen sie emotional für ihre Überlebensstrategien. Aufgrund der Täter-Opfer-Spaltung in ihrer Psyche werden sie zu Tätern an ihren eigenen Kindern.

3.2.4.1 Dynamik der Täter- und Opferhaltung

zeigt sich ganz offensichtlich in einem Bindungssystem und wird somit als Zeichen eines Bindungssystemtraumas verstanden. Als Täter wird ein Mensch bezeichnet, der einem anderem einen schweren psychischen oder körperlichen Schaden zufügt. In Folge dieses Geschehens entstehen auf Seiten des Täters die Schuldgefühle, mit denen er fertig sein soll, und auf Seiten des Opfers die Abfindung des Schadens. Diese Konstellation bedarf einer Bewältigung der folgenden Punkte: Klärung der Schuldfrage, Anerkennung der Verantwortlichkeiten und Kompensation der erlittenen Schäden (vgl. Ruppert 2015, S. 131). Gelingt die Klärung dieser Punkte nicht, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Täter- und Opferhaltungen entwickelt werden. Bei einem Bindungssystemtrauma sind Täter und Opfer voneinander abhängig. Sie sehen oft keine Möglichkeiten, das Täter-Opfer-Verhältnis auf eine gute Weise zu beenden, und bleiben in einer Täter-Oper-Haltung gefangen. Das hat zur Folge, dass Täter dauerhaft mit einem schlechten Gewissen leben, das sie sich selbst auszureden versuchen, während die Opfer mit heimlichen Rachefantasien und unterdrückten Wutimpulsen zu kämpfen haben. Das Täter-Opfer-Verhältnis wird in der Psyche der beteiligten Personen dauerhaft als eigene innere Spaltung etabliert. Alle Beteiligten tragen dann sowohl Täter- als auch Opferstrukturen in sich. Daher finden sich diese Täter-Opfer-Spaltungen in allen Menschen, die an einem solchen destruktiven Bindungssystem beteiligt sind. „Täter-Opfer-Spaltungen setzen sich über Generationen hinweg in einer Familie fort oder weilen sich in die größeren Erziehungssysteme hinein aus, in denen diese Familien leben.“ (Ruppert 2015, S. 134) Ereignet sich das Täter-Opfer-Verhältnis in Form einer Gewalt im familiären Umfeld, so sind in der Regel die Kinder am meisten seelisch traumatisiert, weil die Menschen, die Fürsorge geben sollen, zu Tätern werden und die Kinder zu ihren Opfern. Das führt zu schwer auflösbarem Misstrauen in den Beziehungen generell und zieht oft die Vernachlässigung und Misshandlung der Mädchen und Jungen mit.

3.2.4.2 Vernachlässigung

resultiert stark aus Phänomenen von Lebens- und Beziehungsuntüchtigkeit der Eltern, wenn diese einem Kind nicht genügend emotionale, kognitive, körperliche oder materielle Zuwendung und Sicherheit gewährleisten können. Die Betreuungspersonen handeln dann meistens unwissend oder mutwillig, sie reagieren nicht adäquat auf die Bedürfnisse des Kindes: Missachtung ist eine gewaltsame psychische oder physische Beeinträchtigung, die durch Unterlassung der gefühlsmäßigen Unterstützung der Kinder zustande kommt (vgl. Engfer 2002, S. 800).

3.2.4.3 Psychische und körperliche Misshandlung

sind alle Handlungen der Bezugspersonen, die die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der Wertlosigkeit vermitteln. Zur psychischen Misshandlung zählen die Interaktionen, die überwiegend negativ geprägt sind: Erniedrigung, Entwürdigung, Zurückweisung, emotionale Unerreichbarkeit, Bevorzugung eines Geschwisterkindes, Einschüchterung, häufiges Beschimpfen oder fehlende Anerkennung (vgl. Engfer 2002, S. 802). Seelische Misshandlungen eines Kindes gehen oftmals mit körperlichen gewaltsamen Handlungen zusammen: Stöße, Schütteln, Stiche, Schläge, Verbrennungen und andere Verletzungen.

3.2.4.4 Sexueller Missbrauch

ist eine besondere perfide Art der körperlichen und emotionalen Traumatisierung. Sexueller Missbrauch ist deshalb so verheerend, weil er den tiefsten Kern des sich entfaltenden Selbstwertgefühls eines Menschen zerstört. Das Kind wird mit so vielen höchst traumatischen Geheimhaltungen beladen, dass es gezwungen ist, stillschweigend mit unerträglichen Scham- und Schuldgefühlen zu leben. Die persönlichen Grenzen dieser Kinder werden so gewaltig durchbrochen, dass sich ihre Selbstwahrnehmung drastisch verzerrt (vgl. Levine/Kline 2010, S. 51). Sexueller Missbrauch basiert in der Regel auf einer wahnhaften Liebesvorstellung eines Täters, dem es gelingt, ein Kind in seine psychischen Spaltungen und in seinen Wahn hineinzuziehen. Der Täter zwingt das Kind zur sexuellen Stimulation, missbraucht seinen Willen, missachtet seine Würde und verlangt unter Androhung und Gewalt die Dinge, die den Bedürfnissen des Kindes widersprechen. Die meisten missbrauchten Kinder erleben Sexualität als äußerst schmerzhaft, eklig und beschämend. Auffällig ist vor allem, das gestörte Körpererleben bei Ablehnung und Missachtung des eigenen Körpers: Psychisches Selbst und Körperselbst fallen auseinander und werden als „Totstellreflex“ bei offensichtlicher Köper-Geist-Spaltung begriffen (vgl. Hirblinger 1998, S. 147). Unter sexuellem Missbrauch wird die Beteiligung von nicht ausgereiften Kindern und Jugendlichen an sexuellen Aktivitäten verstanden, denen sie nicht selbstverantwortlich zustimmen können, weil sie deren Tragweite noch nicht erfassen (vgl. Engfer 2002, S. 803). Kinder, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, weisen oft große Lücken in der Charakterentwicklung auf, weil sie ihr Selbstvertrauen und Sicherheitsgefühl verloren haben. Dabei geht es um eine bestimmte Art, den eigenen Körper zu übergehen, die sich in Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Taubheitsgefühlen bis zum Verlust der Erinnerung an bestimmte Abschnitte aus der Kindheit äußert. Häufig leben diese Kinder in einem traumatischen Zustand und fühlen sich „unwirklich“ oder „weggetreten“. Solche Kinder entwickeln innere Anteile, die einer Sklavenmentalität entsprechen. Sie passen sich bis auf das Äußerste an und verleugnen alle eigenen Bedürfnisse und Interessen. Die Kinder leben infolgedessen in einem Zustand von Dauerstress und Dauerpanik: Sie sind oft sprachlos, fühlen sich wertlos und verdorben, weil ihr Selbstbewusstsein maßlos verletzt wurde (vgl. Ruppert 2015, S. 136 – 144). Sexueller Missbrauch stellt ein traumatisches Erlebnis von extremer Hilfslosigkeit dar, in dem das Kind massive seelisch-körperliche Verletzungen und Erschütterungen erleidet.

3.3 Traumatischer Prozess: Verlauf und Wirkung

„Bei einem Trauma handelt es sich nicht um rein innerliche Konflikte, sondern um tatsächliche extreme, stressreiche äußere Ereignisse. Damit ein Ereignis aber zum Trauma für einen Menschen werden kann, muss eine Dynamik in Gang kommen.“ (Huber 2003, S. 38) Bei allen Unterschiedlichkeiten weisen traumatische Situationen bestimmte Gemeinsamkeiten auf: Unsicherheit, Überlastung, Entsetzen oder Todesangst führen zu Flucht oder Kampf. Wenn nun aber die Überforderung in der bedrohlichen Situation so groß ist und der Mensch auf keine Erfahrungsmuster zurückgreifen kann, kommt es zu einer Schockreaktion. Die bedrohliche Situation wird von Gehirn in Einzelteilen zerlegt und es werden die dazugehörigen Wahrnehmungen verdrängt. Zunächst ist dies eine positive und besonders wertvolle Dynamik des menschlichen Gehirns, welche den Menschen schützt und ihm zu überleben hilft. Eine traumatische Erfahrung und ihre damit einhergehende Ausnamebedingung werden im Gehirn anders wahrgenommen, als es normalerweise der Fall ist, und veranlassen eine hohe Aktivierung von komplexen physiologischen Reaktionen. Diese Reaktionsmuster setzen sich bei einer traumatischen Situation automatisch und reflexartig in Gang (vgl. Huber 2003, S. 41).

3.3.1 Traumatische Zange

Der genauere Verlauf eines traumatischen Prozesses wird im Folgenden als eine „traumatische Zange“ von Huber/Besser (2007) dargestellt.

Ein subjektiv als existentiell bedrohlich bewertetes Ereignis löst folgende Reaktion aus: Angst oder Schmerz setzt die Alarmreaktionen des Körpers in Gang mit dem Ziel zu überleben. Wenn die Möglichkeiten zu entkommen (Flucht) fehlen, setzt das Erleben von Hilfslosigkeit ein, es bleibt nur noch Kampf, der wegen der einwirkenden übermächtigen Kräfte nicht gelingen kann und die Erfahrung von Ohnmacht mit sich bringt. Ausgeliefertsein als Endzustand von Hilflosigkeit und Ohnmacht in dieser traumatischen Zangensituation von no Flight - no Flight - Freeze setzt die archaischen autoprotektiven Notfallreaktionen ein: Dissoziation (Erstarren, Wahrnehmungsverzerrung und Wahrnehmungsausblendung) in der Überregung und Submission (Unterwerfung) entsprechen einer Dissoziation in der Untererregung (Totstellreflex), fragmentarischer Speicherung des sensorischen Inputs als Folge der unzureichenden kortikalen Einordnungs- und Bewertungsmöglichkeiten (vgl. Huber/Besser 2007, S. 29-31).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Die traumatische Zange (Huber/Besser 2007, S. 29)

Im weiteren Abschnitt werden die wesentlichen Bestanteile des traumatischen Prozesses erläutert und einzeln beschrieben.

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Details

Seiten
88
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783960953449
ISBN (Buch)
9783960953456
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429367
Note
Schlagworte
Trauma Pädagogik Traumapädagogik Soziale Arbeit Kindheit Jugendhilfe

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Titel: Traumapädagogik bei Kindern. Wie Pädagogen traumatisierte Kinder verstehen und unterstützen können