Lade Inhalt...

Therapie mit Tieren. Wie der Umgang mit Tieren die Traumata von Flüchtlingskindern beeinflussen kann

Mit Fokus auf Schulhunde

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traumata der Flüchtlingskinder
2.1 Entstehung von Traumata
2.2 Folgen von Traumata
2.3 Traumaspezifische Bedarfe von Flüchtlingskindern

3. Tiere als Therapie: Erfüllung der traumaspezifischen Bedarfe
3.1 Bindung und Beziehung
3.2 Lebensfreude
3.3 Sicherheit
3.4 Selbstreflexion
3.5 Bewegung
3.6 Neue Wege sich selbst und die Welt wahrzunehmen
3.7 Tiere gegenüberwältigende Erinnerungen durch Trigger

4. Schulhunde
4.1 Effekte von Schulhunden
4.2 Möglichkeiten mit Schulhunden

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das ausgewählte Thema dieser Arbeit ist, inwiefern Tiere die Heilung bzw. Überwindung von Flüchtlingstraumata unterstützen können. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Flüchtlingskindern.

Das Thema ist besonders in der heutigen Zeit aktuell, da die Migrationszahlen immer weiter ansteigen. Es ist von besonderer Wichtigkeit, dass Flüchtlinge nicht nur hier aufgenommen werden, sondern auch, dass man ihnen hilft, mit den erlebten Geschehnissen umzugehen. Ihnen soll ein normales Leben in Deutschland ermöglicht werden, bestenfalls ohne jegliche Folgen der Traumata.

Gleichzeitig steigt die Beliebtheit der Tiere in Deutschland an: Man findet sie in etlichen Zeitschriften, Fernsehsendungen, Werbung und anderen Medien wieder. In den achtziger und neunziger Jahren bildete Deutschland bei der Haltung von Heimtieren das Schlusslicht, holte diesen Rückstand aber in kürzester Zeit auf: 2003 hatten die Deutschen nach den Briten die meisten Haustiere vgl. Greiffenhagen/Buck-Werner 2011: S. 14ff).

Schon seit einigen Jahrhunderten war bekannt, dass Tiere dem Herzen guttun, doch meistens wurden diese Theorien nur belächelt. 1969 schaffte der amerikanische Kinderpsychotherapeut Boris M. Levinson mit seinem Buch den Durchbruch: Wissenschaftler begannen daraufhin viele verschiedene Experimente, Versuchsreihen, Dokumentationen etc., die die medizinische Welt mit ihren Berichtenüber die heilsame Wirkung von Tieren auf kranke und einsame Menschen in Erstaunen setzten. So beschäftigte man sich immer mehr mit der Mensch-Tier-Beziehung, aber auch heute noch gibt es nur wenige Theorien, die das Phänomen einer gelingenden Mensch-Tier-Beziehung erklären. Es wurden zwar schon stimmige theoretische Ansätze entwickelt, aber eine Integration einer grundlegenden Theorie ist noch längst nicht in Sicht (vgl. ebd.: S. 11ff).

Die Hausarbeit beginnt mit einer Definition und der Entstehung von Traumata, gefolgt von den Folgen. Um die Folgen so gering wie möglich zu halten, werden nun die traumaspezifischen Bedarfe von Flüchtlingskindern vorgestellt. Schließlich wird beschrieben, wie Tiere die entstandenen Bedarfe erfüllen können und wie sie dementsprechend therapiert werden kann. Schließlich werden Schulhunde thematisiert, welche Effekte diese im Schulalltag haben und welche Möglichkeiten sie mitbringen.

2. Traumata der Flüchtlingskinder

2.1 Entstehung von Traumata

Es gibt viele Definitionen von Traumata wie beispielsweise diese:

Trauma bedeutet im psychologischen Bereich „schwere seelische Verletzungen nach schwerwiegenden Ereignissen wie Krieg, Flucht und Erleben von (sexualisierter) Gewalt. Eine Traumatisierung entsteht, wenn traumatische Situationen nicht adäquat bewältigt werden können“ (Kanz 2017: S. 93).

Alle Definitionen sind sich einig, dass es sich um seelische Schwerstverletzungen handelt. Auslöser solcher Traumata sind Situationen von schwerwiegenden Ereignissen, dieüberwältigende Gefühle von Verzweiflung, Scham bis hin zu Todesangst entfachen. Das eigene Befinden in einer subjektiv erlebten Lebensgefahr, aber auch die reine Beobachtung einer Bedrohung kann zu einer Traumatisierung führen. Die Betroffenen können weder aus dieser lebensbedrohlichen Situation fliehen noch können sie den Aggressor bekämpfen, woraus ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht entsteht (vgl. ebd: S. 94).

2.2 Folgen von Traumata

Flüchtlingskinder werden durch das Erleben von Krieg und Flucht sehr schwer belastet: Der Krieg dauert meist einen längeren Zeitraum hinweg, was auf ein Polytrauma hinweist. Laut Terr (1995) entsteht das Polytraumata, das Typ ||- Traumata, durch komplexe,über längere Zeit und wiederholt stattfindende Erfahrungen. Wochen und Monate erleben sie eine Lebensbedrohung für sich, ihre Familie und Bekannte. Sie leben in Ungewissheit, Angst, Hunger, Schutzlosigkeit und Kälte und sind somitüber diesen Zeitraum ihren Gefühlen der Ohnmacht, Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit ausgesetzt. Ohne Unterstützung können die hinterlassenen Spuren ein Leben lang belasten (vgl. Kanz 2017: S. 95).

Nicht alle Betroffenen entwickeln eine Traumafolgestörung. Innerhalb der ersten sechs Monate können traumatische Erfahrungen von selbst bewältigt und verarbeitet werden. Erst danach spricht man von einer Traumafolgestörung. Je länger und schwerwiegender die traumatischen Erlebnisse sind, desto schwieriger ist es das Traumata ohne jegliche Unterstützung erfolgreich zu integrieren. Ca. 80% der Flüchtlinge erleiden eine Traumafolgestörung aufgrund von Erlebnissen der Folter, 70% der Betroffenen aufgrund von politischer Verfolgung und ca. 55% können Erlebnisse von sexualisierter Gewalt nicht erfolgreich verarbeiten (vgl. Fischer/Riedesser 2009: S. 17).

„Wenn die Traumaverarbeitung nicht gelingt, können Folgen für Körper und Seele auftreten, die als posttraumatische Belastungsstörungen bezeichnet werden. Zusätzlich können sich Angststörungen, depressive Störungen, dissoziative Störungen und Suchterkrankungen entwickeln. Bei einigen Betroffenen kommt es zu einer Somatisierung mit körperlichen Beschwerden ohne organische Ursache“ (Reddemann/Dehner-Rau 2013: S. 43).

Die Forschungüber die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) unterscheidet zwischen drei unterschiedlichen Symptomgruppen:

1. Überregungszeichen: Die Betroffenen leiden unter andauernder Anspannungen im Körper, die sich mit Schlafstörungen, Unkonzentriertheit, Unruhe und Impulsivitätäußern. Sie können ihre Emotionen nicht kontrollieren und stehen unter andauernder Alarmbereitschaft. Die traumatischen Situationen der Flucht sind im Körper eingeschlossen und werden zum Dauerzustand.

2. Überwältigende Erinnerungen (Flashbacks, Intrusionen): Immer wieder finden sich die Betroffenen in den traumatischen Situationen wieder, erleben diese nochmal als würden sie im Hier und Jetzt stattfinden. Folglich entwickeln sich Gefühle der Angst und Hilflosigkeit genauso intensiv. Diese Erinnerungen werden durch sogenannte Trigger ausgelöst. Diese sind Hinweisreize wie Gerüche, Geräusche, Farben und Gegenstände, die mit der traumatischen Situation in Verbindung gebracht werden. „Teilweise erleben die Betroffenen diese Flashbacks auch nur durchüberwältigende Gefühle und körperliche Reaktionen wie Zittern, Herzrasen oder starkes Schwitzen“ (Kanz 2017: S. 98).

3. Entlastungssymptome (Vermeidungsverhalten, Dissoziation): Die Betroffenen möchtenüber ihre Erfahrungen nicht sprechen, vermeiden Orte, Situationen oder auch Menschen, die sie an die traumatische Situation erinnern. Dies kann so ausgeprägt sein, dass sie sich völlig zurückziehen, um mögliche Trigger zu vermeiden. Dissoziation ist in der traumatischen Situation ein Überlebensmechanismus, kann danach aber eine große Belastung darstellen. Durch Trigger schlägt die Amygdala Alarm und der Körper reagiert mit FREEZE bzw. Dissoziation. Dieser Zustand kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Meist sind die Betroffenen wie in einer Art Trance-Zustand, fühlen sich taub, nehmen ihre Umgebung und Mitmenschen kaum noch wahr und sind nicht mehr ansprechbar. Bis der Zustand endet können Minuten aber auch Stunden vergehen. Die Betroffenen selbst sind in dem Zeitraum nicht kontrollierbar und werden daher als bedrohlich wahrgenommen (vgl. ebd.: S. 97ff).

Diese Symptome können im Laufe der Zeit abnehmen, es können aber auch weitere Symptome dazukommen wie Schuldgefühle, ein geringes Selbstwertgefühl und einem tiefen Misstrauen in die Welt, in seine Mitmenschen und in sich selbst. Durch die andauernde Anspannung können Erschöpfungszustände, körperliche Schmerzen und psychosomatische Beschwerden hinzu kommen.

2.3 Traumaspezifische Bedarfe von Flüchtlingskindern

Flüchtlingskinder benötigen besondere Aufmerksamkeit, denn je besser ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden, desto besser sind sie in der Lage, in der Zukunft selbst zu deren Erfüllung beizutragen. Daher heißt es folgende Kriterien zu erfüllen: Flüchtlingskinder müssen sich sicher fühlen, das bedeutet, dass sie sich mit Menschen umgeben sollten, bei denen sie sich geborgen und geliebt fühlen, die sie schützen, versorgen, stärken und fördern. Zur Sicherheit gehört ebenfalls die Kontrollierbarkeit, Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit: Flüchtlingskinder brauchen Strukturen, sowie klare, verständliche und kontrollierbare Regeln, die vor Gewalt schützen.

Des Weiteren gehören zu den zu erfüllenden Grundbedürfnissen Beziehung, Bindung und Zugehörigkeit, die Flüchtlingskinder nie erfahren konnten. Daher gilt es, diese Bindungsfähigkeit besonders zu stärken, indem entstandene Beziehungen sicher, verlässlich, wertschätzend und langfristig sind, die angeboten aber nicht eingefordert werden.

Durch das wiederholende Gefühl der Ohnmacht und Kontrollverlust, ist es wichtig, dass die Kinder die eigenen Gefühle und das eigene Verhalten wieder steuern zu lernen. „Für emotionale Stabilität benötigen die Kinder und Jugendlichen zunächst Unterstützung darin, Gefühle wahrnehmen, erkennen, benennen, zulassen und aushalten können“ (Baierl 2017: S. 81).

Für die körperliche Stabilität und Kontrolle zählt eine gesunde und geregelte Ernährung, Hygieneverhalten, geregelter Schlaf-Wach-Rhythmus, körperliche Bewegung und Gesundheitsfürsorge, die die Kinder eigenverantwortlichübernehmen sollen. Mitarbeiter gewährleisten und unterstützen sie lediglich darin.

Zudem gilt es die Informationsverarbeitung und Selbstreflexivität zu unterstützen, die nach den traumatischen Erlebnissen neu definiert wurden. Sich selbst wieder verstehen zu lernen, von anderen verstanden werden und dies auch zu erleben, sind wertvolle Heilungsschritte. Sie benötigen neue Wege, sich selbst und die Welt wahrzunehmen und das Gute des Hier und Jetzt zu erkennen.

Auch die Lebensfreude ist nach der Flucht nur noch bedingt. Daher heißt es hier, ein Gesamtsetting zu schaffen, in dem Lebensfreude, Lebendigkeit und Spaßselbstverständlich sind. Die Flüchtlingskinder sollen Erlebnisse haben, die sie stolz machen und die Liebe zu sich selbst fördern.

Außerdem sollen die Kinder unterstützt werden, ihre Spiritualität ausleben zu können, indem sie die spirituellen Praktiken im Alltag ausüben, den Kontakt zu Menschen mitähnlichem spirituellen Hintergrund und zu offiziellen Vertretern eine entsprechende Gruppierung sowie die an Treffen oder Glaubensfeiern teilnehmen zu können.

Auch ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie eine heilsame Komponente. Es sollen positive Veränderungen entstehen (vgl. Baierl 2017: S. 72ff).

3. Tiere als Therapie: Erfüllung der traumaspezifischen Bedarfe

Wie schon erwähnt brauchen Flüchtlingskinder Unterstützung, um ihre Traumata schnellstmöglich verarbeiten und ein weitgehend zufriedenes Leben führen zu können. „Es gibt viele klinische Indikatoren, bei denen es sinnvoll ist, Tiere zu verschreiben“ (McCulloch 1983: S. 26).

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten reichen von der Tierhaltung in Freigehegen zur Bereicherung des allgemeinen therapeutischen Umfelds bis hin zu gezielten Integration von Tieren in den Alltag von Psychotherapien. Besonders bei Behandlungen von Kindern hat die Einbeziehung von Tieren eine tiefe Wirkung (vgl. Greiffenhagen/Buck-Werner 2011: S. 156).

Das Tier hierbei ist jedoch nicht die Therapie oder der Therapeut, es unterstützt lediglich durch seine Präsenz den Heilungsprozess und stillt einige der traumaspezifischen Bedarfe von Flüchtlingskindern.

3.1 Bindung und Beziehung

Eine Therapie mit Tieren unterstützt die Erfüllung des Bedarfes der Flüchtlingskinder nach Beziehung, Bindung und Zugehörigkeit. Zum einen kann das Kind zu dem Tier selber eine wertschätzende Beziehung aufbauen zum anderen bedeutet die Kommunikation mit einem Tier einen ersten Schritt auf dem Weg zur Kommunikation mit der menschlichen Mitwelt. Wie schon beschrieben, haben Flüchtlingskinder meist ein geringes Selbstwertgefühl, d.h. sie haben ein Problem damit, ihren untergeordneten Rang mit einem offenen Kontakt zu Erwachsenen oder zu Gleichaltrigen in Einklang zu bringen. „Das Tier dagegen ist offenkundig von niedrigerem Rang als der Patient, so gering sein Selbstwertgefühl auch ausgeprägt ist. Es ist unwahrscheinlich, dass er mit dem Tier das erlebt, was er im Zusammensein mit anderen Menschen immer wieder erfährt: Zurücksetzung und Demütigung“ (Greiffenhagen/Buck-Werner 2011: S. 173). Die Idee ist nun, dass das Flüchtlingskind mit einem Tier zusammengeführt wird, das ihm keine Angst macht und das ihn liebt und bewundert. Das Tier dient dann als eine Art katalysatorischer Vermittler beim Aufbau von angemessen sozialen Interaktionen.

Zunächst baut das Kind durch nonverbale Interaktion eine gute Beziehung zum Tier auf. Nach und nach werden immer mehr Mitmenschen, als erstes der Therapeut, in den Kreis sozialer Kontakte einbezogen. „Die anfangs nonverbale Form der Interaktion wird dabei durch verbale Kommunikation und eine breiter werdende Palette verschiedener Stimmungen und Gefühle ersetzt“ (Greiffenhagen/Buck-Werner 2011: S. 173).

Abgesehen von der Funktion des katalysatorischen Vermittler kann die Tier-Kind-Beziehung „(…) die Bedürfnisse des Kindes nach Bindungähnlich gut erfüllen wie Menschen“ (Greiffenhagen/Buck-Werner 2011: S. 176). Es erfüllt das Bedürfnis in einem subjektiv vergleichbar empfundenen Ausmaßwie eine sichere Bindungsperson. Durch Zuwendung des Tieres vermitteln sie uneingeschränkte Akzeptanz und somit das Gefühl, richtig und wichtig zu sein. Sie spenden Trost und geben Wärme.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668729964
ISBN (Buch)
9783668729971
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v429365
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Schlagworte
Flüchtlingskinder Traumata Schulhunde Sprachdidaktik

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Therapie mit Tieren. Wie der Umgang mit Tieren die Traumata von Flüchtlingskindern beeinflussen kann