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Schreiben als Befreiungspraxis in der Frauenliteratur der DDR am Beispiel Wanders und Reimann

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Diskurstypische Texte weiblichen Schreibens in den 70er Jahren
II.1. Blut, Brot und Dichtung – der Standort der Dichterin von Adrienne Rich
II.2. Regine Othmar-Vetter: „Weibliches Schreiben“

III. Weibliches Schreiben als Befreiung und Identitätsfindung in der Frauenliteratur der DDR (1970er Jahre)
III.1. Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“
III.2. Brigitte Reimanns Erzählung „Geschwister“

IV. Fazit: Was und wen befreite weibliches Schreiben in der DDR?

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Nach dem 2. Weltkrieg war die Integration der Frauen in den Produktionsprozeß unumkehrbar geworden. Trotz aller Tiefen und Rückschläge ist eine (,wenn auch noch nicht vollkommene) Partizipation der westeuropäischen und nordamerikanischen Frau in Produktion, Politik und Kultur unumstößlich. Mit diesen neuen ökonomischen Voraussetzungen verwandelte sich auch der Blick der Frauen auf sich selbst. Ihre neue ökonomische Freiheit ließ sie auch ihre private Stellung in Frage stellen und damit ihr Verhältnis zu Männern und der, von ihnen geschaffenen, Gesellschaft. Dieser neue Blickwinkel der Frauen weitete sich auf literarische Arbeiten aus und wurde auch durch diese wiederum gefördert. Die Frau wurde zum Sujet und dadurch auch ihre Vorstellungen und Sichtweisen auf sich und ihre Umwelt, die sich plötzlich von der der Männer zu lösen begann. Frauen (und ihre literarischen Arbeiten) befreiten sich aus der bisherigen Rollenzuteilung als männliche Abziehbilder.

In der DDR wurde die Emanzipation der Frau zum Staatsziel und (unter ökonomischem Postulat) als mit der Gleichstellung in der Produktion erreichtes Anliegen erklärt. Doch genau aus dieser neuen ökonomischen Freiheit entwickelte sich auch in der DDR eine neue Sichtweise der Frauen auf sich selbst. Die (erreichte) ökonomische Freiheit war ihnen nun nicht mehr genug. Anhand ihrer Mehrfachbelastung (durch die nicht aufgeschlüsselte Rollenverteilung in der Familie) erkannten sie die neue Qualität der Ungleichheit – Frauen waren produzierende Männer geworden und reproduzierende Frauen geblieben.

Die Literatur der DDR nimmt sich dieses Phänomens in den 70er Jahren ebenso an, wie es in Westeuropa der Fall ist. Der kleine Unterschied in der literarischen Bearbeitung liegt in der jeweiligen Einbindung der Künstlerinnen in ein jeweiliges System mit seinen spezifischen Problemen, Befindlichkeiten der Frau, mit den Ablehnungen oder Zustimmungen zur ideologischen Ausgestaltung desselben.[1] Was ihnen gleich ist, ist die Konzentration auf das Private der Frau, auf die Differenz des privaten (Er)lebens im Gegensatz zum Kollegen oder Partner Mann.

Die Emanzipationsvorstellungen der DDR-Literatinnen sind dabei nicht immer deckungsgleich mit denen ihrer westlichen Kolleginnen. (Den Begriff Feministin wollten die wenigsten für dich geltend machen.) Was ihnen aber gleich ist, ist eine Befreiung der Frau zum einen aus dem nicht – vorhandenen – sein in der Literatur als Subjekt, zum anderen ihre Befreiung aus den Männlichkeitsvorstellungen der (privaten) Bedürfnisse und Interessen von Frauen. Durch die Inhalte mußte der Fokus auch auf neue Formen gelegt werden. Die sozialistische Literatur hatte stets große (männliche) Vorreiter, die neuen Inhalten auch die Notwendigkeit neuer Formen zur Seite stellten. Doch neben Brecht findet sich auch Anna Seghers als Verfechterin der neuen Formen für neue Inhalte. Und so bedingte das neue Sujet „Frau“ auch die ästhetische Überlegung, ob es weibliches Schreiben gäbe und wie es auszusehen habe. In Westeuropa und Nordamerika ist diese Debatte für Künstlerinnen einfacher zu führen gewesen. Die Formalismusdebatte in der DDR hat zu dieser Schwierigkeit für DDR-Künstlerinnen nicht wenig beigetragen. Dennoch werden (und wurden) der Kritik der DDR-Frauenliteratur auch ästhetische Kriterien anheim gestellt. Ihrer posthumen Bewertung müssen sie das auf jeden Fall.

Nach einer Darstellung und einer Kritik des feministischen Diskurses von der Befreiung durch und in der Literatur sollen zwei Beispiele von DDR-Frauenliteratur in bezug auf diesen Diskurs der 70er Jahre untersucht werden. Es scheint dabei vielleicht befremdlich, daß die theoretischen Grundlage zwei Texte aus der BRD, bzw. aus den USA sind, die konkreten Rezeptionen jedoch aus der DDR. Ich bin jedoch der Meinung, daß der feministische Diskurs „Das private ist politisch“ in der Literatur in den 1970er Jahren nicht an nationalen Grenzen Halt machte.[2] Obwohl es in der DDR kaum theoretische Auseinandersetzungen (oder ihre schriftliche Fixierung) über die Thematik „weibliches Schreiben“ gibt, hat doch die politische und ökonomische Veränderung innerhalb Europas und Nordamerikas diskursbildend auf die deutschsprachigen Künstlerinnen beiderseits der Elbe Einfluß gehabt. Inwieweit sich diese feministischen Ideen bei den Frauen der DDR und ihrer Literatur niederschlugen oder sich verwandelten, daß soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden.

II. Diskurstypische Texte weiblichen Schreibens in den 70er Jahren

II.1. Blut, Brot und Dichtung – der Standort der Dichterin

Die Lyrikerin Adrienne Rich wächst in ihre Rolle als Dichterin in der konservativen antikommunistischen Ära des McCarthy in den USA auf.

Politik und Dichtung sind im öffentlichen Diskurs derzeit zwei unvereinbare Gegensätze. Während die Politik mit so männlichen Attributen wie Härte, Hässlichkeit, Prosa ist, wird Dichtung als ihr Gegenteil mit Ästhetik, Schöngeist, genialer Universalität gleichgesetzt. Die junge Lyrikerin erfährt über andere Dichter, explizit jedoch durch die französischen ExistenzialistInnen, dass der persönliche Standpunkt stets ein politischer ist, da er aus der politischen Umwelt der/des Einzelnen herrührt.

Mit der bestehenden Argumentation gegen die politische Dimension in der Dichtung, dass politisches Schreiben den Horizont der Schreibenden einenge, wird Rich zuvörderst nur fertig, indem sie ihre Identität in eine Dichterin und eine (politische) Frau aufsplittert. Erst mit den 60er Jahren, da politische Dichtung von einer Gesellschaft „erlaubt“ und gefordert wurde, bekommt diese gesplittete Identität einen Halt. Die Lyrikerin darf jetzt auch Politikerin sein. Dennoch ist die politische Dichtung der 60er Jahre keine, welche eine Identität von Mann und Frau thematisiert. Während die meisten anderen Gruppen der „Entrechteten“ besungen und beschrieben werden, fällt die Thematik „Frau“ hintenan. Rich muß nun ein zweites Mal, diesmal auf einer höheren Ebene, versuchen ihren Standpunkt als Politische und Private Frau in der Dichtung zusammenzubringen. Rückhalt verspürt sie dabei zuerst bei der Postulierung der politischen Frauenbewegung, daß das „Private Politisch sei“.

„Das Durchbrechen der geistigen Barriere zwischen privatem und öffentlichen Leben fühlte sich bereits wie ein enormer Schritt auf dem Weg zur Befreiung an..“[3]

Indem sie immer weitere Bruchstücke ihrer Identität peu a peu wieder vereinen kann, erfährt sie ihre eigene Befreiung – die Befreiung ihres ICH. Im Nachherein erkennt Rich, dass das Schreiben im Subjektstatus der Frau mit deren unmittelbare ihren Körper und ihrer Erfahrungen entsprechenden Hintergründen schon immer ihre „ganze Sehnsucht gewesen sei.“[4] „Aber es setzte eine ungeheure Energie in mir wie in vielen anderen Frauen frei, dass diese Art zu Schreiben von einer wachsenden politischen Gemeinschaft bestärkt und befestigt wurde. Ich spürte zum ersten Mal, dass sich die Kluft zwischen der Dichterin und der Frau schloss.“[5]

Aus dieser Erfahrung der Selbstbefreiung durch das Zusammentreffen der eigenen Identität kommt Rich zu dem induktiven Schluss, dass Frauen eine eigene Kunst bräuchten, die nicht losgekoppelt sein darf von den nationalen/internationalen, kulturellen und sozialen Problemen und Standpunkten. Vielmehr erfährt sie bei einer Reise nach Nicaragua, dass Kunst (hier beim Versuch der Neukonstituierung einer Gesellschaftsordnung durch die SandinistInnen) als „Kraftquelle“, für alle zugänglich, betrachtet werden kann. Dadurch werde Kunst nicht entseelt, sondern erlangt vielmehr Seele durch ihre Besinnung auf das ICH der Schaffenden und Betrachtenden in ihrer spezifischen historischen Situation.

Kritik

Die Kritik am Text erweist sich heute als durchaus problematisch, das sie von unterschiedlichen Fragestellungen / Standpunkten her unterschiedlich ausfallen kann.

Aus historischer Sicht ist die Dimension einer Selbstbefreiung durch die Identitätsbildung als Dichterin und politische Frau in der konservativen McCarthy-Ära der USA nicht zu unterschätzen. Auch ihre Bedeutung für die Neudefinition von Literatur (ob Prosa oder Lyrik) ist enorm. Vom universalen Anspruch an Literatur durch den genialen, überirdischen Geist geschaffen – hin zur Subjektivität der Schreibenden war es ein revolutionärer Sprung im Literaturdiskurs.

Dennoch bleibt die Autorin bei ihrer Postulierung des subjektiv weiblichen Schreibens ungenau. Dies mag an der Form des Textes, der autobiographisch konzipiert ist, angelegt sein.

Mit der Benennung weiblicher Themen und Erfahrungen als Sujet sieht Rich weibliches Schreiben gewährleistet. Mit diesem Hintergrund könnte auch Hera Lind feministischer Autorin sein.

Und hier kommt die Problematik einer weiteren Fragestellung zum Tragen:

Vom Standpunkt einer Leserin aus dem Jahre 2003 erklärt sich feministisches Schreiben nicht nur aus der Themenwahl und aus spezifisch weiblichen Erfahrungen ( diese haben in der Zwischenzeit auch Männer). Auch die Berücksichtigung des politischen Standpunkts der Schreibenden löst die Problematik nicht auf. Vielmehr spielen meines Erachtens Dimensionen wie Zuschreibungen und Abgrenzungen zwischen Herrschenden und Beherrschten eine größere Rolle bei der feministischen Literatur. Auf diese Weise kann ein E.T.A. Hoffman durchaus feministisch gelesen werden, da das Weibliche hier als konstruiert dargestellt wird um das Männliche in seiner Macht zu halten, eine Hera Lind mit „spezifisch“ weiblichen Themen jedoch nicht.

Darüber hinaus scheint mir Rich in ihrer eigenen Radikalität nicht konsequent genug. Der politischen Dimension in der Dichtung schreibt sie eine „Kann-Rolle“ zu, obwohl sie den subjektiven Charakter als identitätsstiftend in Lyrik und Prosa erkennt. Die Forderung nach einem Eingeständnis, dass Subjektivität (wenn auch unbewusst) in jeder Dichtung als verankert erkannt werden MUSS erhebt sie nicht.

II.2. Regine Othmar-Vetter: „Weibliches Schreiben“

Ebene jene Kritik über die Definition weiblichen Schreibens behandelt Frau Othmar-Vetter

in ihrem Essay. Auf die Frage nach feministischen Inhalten lautete die Antwort aus „offiziell“ feministischen Kreisen (dem Konsens der Bewegung), dass die radikale Subjektivität als weibliches Schreiben zu definieren sei. Nun ist die Forderung nach radikaler Subjektivität nichts explizit feministisches. Selbst Heinrich Heine hatte sie fast 150 Jahre zuvor als ästhetisches Kriterium in seiner Auseinandersetzung mit Ludwig Börne gefordert. Was jetzt hingegen dezidiert weiblich/feministisch daran war, ist dass diese Selbsterfahrung aus dem privaten und gesellschaftlichen Erleben der Frauen heraus kommen sollte. Bücher wie Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“ oder Maxie Wanders „Guten Morgen du Schöne“ nahmen sich dieser neuen öffentlich werdenden weiblichen Subjektivität an und erzielten riesige Auflagen.

Doch mit dem neuen Thema war es nicht getan weibliches Schreiben zu definieren. Was fehlte war die ästhetische Komponente. Verena Stefan fragte, ob es nicht über das Sujet hinaus in einer patriarchalischen Gesellschaft auch eine weibliche, nicht männliche Sprache geben müßte. Und Elfriede Jelinek ging zynisch mit ihren Mitstreiterinnen zu Gericht. Sie meinte, mit der neuen weiblichen Schreibweise würde eine Leidenskultur heroisiert, die den Realismus als Extrem zum bisherigen geistigen (universellen, männlichen) Schreiben vorzieht und letzteres vollkommen aus der Literatur und der feministischen Debatte ausschließe. Frauen begeben sich so in eine Rolle, in der ihr Leiden als Erfahrung geschildert wird, statt dem Genießen der neuen emanzipatorischen Rolle einen Raum zu geben. Auch dies ist eine Kritik, die Heinrich Heine schon im Vormärz am Realismus der Sozialisten formuliert hatte, denn bei aller Subjektivität und der sich daraus ergebenden politischen Einmischung der/des KünstlerIn habe Kunst auch immer noch einen anderen Hauptzweck – nämlich sich selbst. Ästhetik dürfe niemals reinweg im Dienst einer politischen Gesinnung stehen, da sonst ihre Indienstnahme durch politische Strömungen möglich wäre. (Siehe zu dieser Position auch Anna Seghers Position zum „spezifisch künstlerischen“ in ihre Briefen an Georg Lukasc.)

Aber nicht nur ästhetisch wird Kritik am weiblichen Realismus geübt, sondern auch an seiner politischen Durchsetzungskraft gezweifelt. Jelinek wird weiter zitiert: Man hat die Arbeiterinnen, ihre Ausbeutung und den Kampf dagegen nicht schon deshalb erfunden, nur weil man ständig deren realitätsgetreue Abbildung betreibt. Dann hat man sie bestenfalls gepachtet.“[6] Auch von französischer Seite, explizit von Julia Kristeva kam die Warnung an die Realistinnen: Die Verweigerung ästhetischer und intellektueller Kriterien, da als männlich kategorisiert, bergen eine Gefahr.

[...]


[1] Ich gehe hier nicht auf die Spezifik von DDR-Literatur ein. Ich halte es dennoch für erwähnenswert, daß sie zwar Parteidirektiven folgte, sich in sozialistisch-ideologischem Rahmen oder Vorgaben bewegte, aber auch ein „Anderssein“ zu den Parteidirektiven zum Ausdruck brachte, auf welches die Partei dann erst durch neue Richtlinien reagieren mußte. Eine ausführliche Auseinandersetzung damit findet sich u.a. bei Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Sammlung Luchterhand. Darmstadt/Neuwied 1981. Oder Matheja-Theaker, Mechthild: Alternative Emanzipationsvorstellungen in der DDR-Frauenliteratur (1971 – 1989). Ein Diskussionsbeitrag zur Situation der Frau. Erschienen in: Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik. Hrsg.: Müller, Hundsnurscher und Sommer. Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz, Stuttgart 1996.

[2] In der Untersuchung über die Emanzipationsvorstellungen in der DDR zitiert Matheja-Theaker Christa Wolf: „Seit 1968 habe die Frauenbewegung in der BRD mit ihren Fragestellungen sehr auf intellektuelle Frauen in der DDR zurückgewirkt und Fragen aufgeworfen, die man sich dort noch nicht gestellt hatte. Und Wolf konstatiert, daß heute viele Frauen wirklich anders sein wollen als Männer, und sie stellten dieser Männergesellschaft Fragen, die ‚sehr unangenehm sind und die sie sehr abwehrt.‘ (...) Der Einfluß der westlichen Frauenbewegung komme öffentlich nur wenig zur Sprache, aber er werde in Kreisen von Frauen diskutiert, die sich treffen. Sie merke an Leserbriefen, daß es nicht wenige seien und es handele sich um Frauen, ‚von denen man es wegen ihres Alters oder ihres Lebensmillieus nicht erwarten würde.‘“ Aus Matheja-Theaker: Emanzipationsvorstellungen... S. 92f.

[3] Rich, Adrienne: „Blut, Brot und Dichtung – der Standort der Dichterin“ In: Um die Freiheit schreiben. Beiträge zur Frauenbewegung. Frankfurt/Main 1990, S. 94.

[4] Ebda. S. 94.

[5] Ebda. S. 95.

[6] Regine Othmer-Vetter: „Weibliches Schreiben. Streifzüge durch Noch-Nicht-Vergangenes“ In: Feministische Studien. Radikalität und Differenz. Heft 1 – 6, Weinheim 1988, S. 118.

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638407861
ISBN (Buch)
9783638679978
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42850
Institution / Hochschule
Universität Wien – Germanistik II
Note
sehr gut
Schlagworte
Schreiben Befreiungspraxis Frauenliteratur Beispiel Wanders Reimann Diskursgeschichte Literaturwissenschaft

Autor

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