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Die hypochondrische Störung unter dem Einfluss des Internets. Chancen und Risiken webbasierter Gesundheitsinformationen

Bachelorarbeit 2017 55 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Einleitung

I Theoretischer Hintergrund
1. Das Störungsbild der Hypochondrie
1.1 Historische Entwicklung
1.2 Klassifikation und Diagnosekriterien
1.3 Differentialdiagnosen
1.4 Theoretische Erklärungsmodelle
2. Das Medium Internet
2.1 E-Health
2.2 Qualitätssicherung gesundheitsbezogener Webinformationen
2.3. Informationsquellen im Internet
3. Fragestellungen

II Methodenteil
4. Vorgehensweise

III Ergebnisteil
5. Ergebnis: Untersuchung von Effekten webbasierter Einfluss-faktoren auf hypochondrische Patienten
5.1 Verarbeitung gesundheitsrelevanter Informationen
5.2 Phänomen „Cyberchondrie“
5.3 Studie zur Suche nach Gesundheitsinformationen im Internet: Wer sucht was, wann und wie?
5.4 Studie zur Nutzung gesundheitsbezogener Internetdienste bei psychischen Problemen
5.5 Längsschnittstudie zur wechselseitigen Beziehung von Gesundheitsangst und der gesundheitsbezogenen Recherche im Internet
5.6 Studie zur Nutzung gesundheitsbezogener Internetdienste bei hypochondrischen und nicht hypochondrischen Nutzern

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinweis

In der vorliegenden Literaturarbeit wurde ausschließlich die männliche Form für die genannten Personengruppen verwendet, um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen und somit eine bessere Lesbarkeit zu garantieren. Die männliche Form schließt dabei sowohl männliche als auch weibliche Personen ein.

Darstellungsverzeichnis

1 Klassifikation somatoformer Störungen nach DSM-IV; aus: Saß, Henning. (2003). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. Textrevision - DSM-IV-TR (übersetzt nach der Textrevision der 4. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
2 Nutzer der Informationsquellen bei Gesundheitsfragen (N = 2411); aus: Eichenberg, C. & Brähler, E. (2013). Internet als Ratgeber bei psychischen Problemen. Psychotherapeut, 58 (1), 63–72.
3 Anteil der Hypochonder und Nicht-Hypochonder (in Prozent), die die erfragten Online-Gesundheitsdienste wöchentlich oder häufiger nutzen; aus: Eichenberg, C. & Wolters, C. (2014). Cyberchondrie oder „Der eingebildete Kranke 2.0“. hautnah dermatologie, 30 (1), 18–24.

Einleitung

Das Internet ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen Bestandteil unseres Alltags geworden. Die Möglichkeit, Informationen schnell und unkompliziert beziehen zu können, ist aus unserer Gesellschaft nicht mehr weg zu denken.

Speziell im Gesundheitsbereich ist das Internet zu einer der wichtigsten Anlaufstellen geworden. Der Arzt oder Apotheker ist nicht länger grundsätzlich der erste Ansprechpartner, häufig wird zunächst „Dr. Google“ bei gesundheitlichen Themen aufgesucht (Kulzer, 2015). Medizinische Laien erlangen auf diese Weise Zugang zu Informationen, die ihnen dabei helfen, Unsicherheiten ihres eigenen Gesundheitszustandes zu begrenzen. Außerdem fühlen sich Personen aufgrund dieser Wissenssteigerung in der Lage, in gesundheitlichen Fragen zunehmend Selbstverantwortung zu übernehmen (König, 2009). Das Angebot gesundheitsbezogener Online-Informationen wächst stetig, ebenso wie ihre Nutzer: 63,5% der deutschen Internetnutzer greifen einer bevölkerungsrepräsentativen Studie zufolge bei Gesundheitsfragen auf das Medium zurück (Eichenberg & Brähler, 2013). Damit rangiert es auf einer Stufe mit Ratgebern im Fernsehen, Printmedien und Hörfunk (Eichenberg & Malberg, 2011). Die Möglichkeiten, gesundheitsrelevante Daten zu beziehen, reichen dabei von Recherchen über Suchmaschinen, Gesundheitsforen, in denen sich Personen mit anderen Betroffenen oder Experten austauschen können, bis hin zu allgemeinen und spezifischen Gesundheitsportalen (Eichenberg & Brähler, 2013).

Gleichzeitig entsteht hierdurch eine Diskussion über die potenziellen negativen Konsequenzen dieser neuen Perspektiven. Um eine Übergewichtung der gewinnbringenden Effekte zu erreichen, benötigt es einen kompetenten Umgang mit den digitalen Informationsquellen. Wissenschaftliche Publikationen stehen den Nutzern im Internet zwar in großem Maße zur Verfügung, doch diesen qualitativ hochwertigen Daten stehen zunehmend auch fragwürdige, mangelhafte oder einseitige Quellen gegenüber. Nur wenige Webseiten werden einer redaktionellen Prüfung unterzogen (Sassenberg, 2017). Somit können Risiken entstehen, beispielsweise Überforderungen durch die Vielzahl an webbasierten Gesundheitsinformationen und negative Folgen bei Gesundheitsentscheidungen, beruhend auf Desinformation und fehlendem Fachwissen (Eichenberg & Malberg, 2011).

Die andauernde Beschäftigung mit der Vermutung, an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden, bezeichnet das ICD-10 als „Hypochondrie“. Dabei werden körperliche Empfindungen als abnorm interpretiert und diese dann als körperliche Symptome manifestiert (Eichenberg & Wolters, 2014). Für Individuen, die hypochondrische Tendenzen aufweisen oder bereits an der Störung erkrankt sind, birgt das Internet Gefahren hinsichtlich der Recherche nach Gesundheitsinformationen. Diese Hypothese wird seit längerem diskutiert, doch eindeutige Hinweise auf eine Verstärkung oder Aufrechterhaltung der Erkrankung konnten bislang nur schwerlich nachgewiesen werden. Auch die Möglichkeit, dass nicht-hypochondrische Internetnutzer aufgrund der intensiven Recherche und der Menge an Falschinformationen an der Hypochondrischen Störung erkranken könnten, ist eine Frage, die es zu beantworten gilt.

In der vorliegenden Literaturarbeit soll der Einfluss des Mediums Internet auf die Hypochondrische Störung untersucht werden und die oben genannten Fragestellungen bearbeitet werden. Dabei wird zunächst auf die Begrifflichkeit, die geschichtliche Entwicklung, abzugrenzende Erkrankungen sowie theoretische Entstehungsmodelle eingegangen. Auch das Internet als neue Plattform für Gesundheitsfragen („E-Health“), die bereits erwähnte Qualitätssicherung der Webinhalte sowie verschiedene Gesundheitsangebote und Informationsquellen werden aufgezeigt. Nach Vorstellung der zu überprüfenden Hypothesen folgt der Ergebnisteil, in dem zunächst erklärt werden soll, wie die Verarbeitung gesundheitlicher Informationen erfolgt und was genau unter dem Phänomen der Cyberchondrie zu verstehen ist. Anschließend erfolgt eine Reihe an Studien, die ebenfalls zur Beantwortung der Fragestellungen dienen soll. Die Sammlung aller wissenschaftlichen Aspekte wird schlussendlich im Fazit interpretiert und diskutiert.

I Theoretischer Hintergrund

1. Das Störungsbild der Hypochondrie

„Geh du vor, sagt die Seele zum Körper, auf mich hört er nicht, vielleicht hört er auf dich. Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für dich haben, sagt der Körper zur Seele.“ (Schaffer, 1989)

Die Hypochondrie, auch die „hypochondrische Störung“, wie sie im Klassifikationssystem ICD-10 benannt wird, zählt zu den somatoformen Störungen und beschreibt die „beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden“ (Dilling & Freyberger, 2016). Als gemeinsames Merkmal der somatoformen Störungen wird das Vorliegen körperlicher Beschwerden ohne ausreichende organische Ursache benannt. Dabei nimmt die Hypochondrie eine gesonderte Stellung ein, da dies zwar auch auf sie zutrifft, jedoch nicht das Leiden unter den Beschwerden vorrangig ist, sondern die Angst vor der möglichen Bedeutung, die diesen Beschwerden beigemessen wird: einer bedrohlichen, meist tödlichen Erkrankung (Bleichhardt & Martin, 2010).

Der Begriff „Hypochondrie“ hat seinen Ursprung in dem griechischen Wort Hypochondrium, welches sich aus hypo (unter) und chondros (Knorpel oder falsche Rippen) zusammensetzt. Als Hypochondrium wird nach Hippokrates der obere Teil des Abdomens unter dem Rippenbogen bezeichnet (Morschitzky, 2007). Nähere Ausführungen zur geschichtlichen Entwicklung der Hypochondrie sind unter Abschnitt 1.1 nachzulesen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Formulierung Hypochondrie oder Hypochonder oftmals missbräuchlich und entwertend verwendet, weshalb darauf hingewiesen wird, dass das zentrale Symptom der Hypochondrie die Krankheitsängste sind, sowie die Überzeugung, an einer schweren und tödlichen Erkrankung zu leiden. Dementsprechend werden körperliche Symptome oftmals fehlinterpretiert und überbewertet (Hiller & Rief, 2008). Da die Bezeichnung der Erkrankung negativ besetzt ist, begann eine Suche nach Alternativen. In Deutschland konnte sich vor allem der Begriff „Krankheitsangst“ durchsetzen, welcher von den Betroffenen besser angenommen werden konnte. Das Kernproblem der Erkrankung wird auf diese Weise genau benannt und die negative Besetzung bezüglich der früheren Laienvorstellungen konnte eingedämmt werden. Im englischsprachigen Raum findet vor allem der Begriff „health anxiety“ Anwendung (z.B. Taylor & Asmundson, 2004). Aus diesem Grund wird in Deutschland oftmals von „Gesundheitsangst“ oder „Gesundheitssorgen“ gesprochen (Bleichhardt & Martin, 2010).

Ängste vor Krankheiten und Tod sind verbreitet und betreffen viele Menschen. Charakteristisch für die hypochondrische Störung ist jedoch eine vollkommene Fixierung der Aufmerksamkeit auf die Symptome und auftretende Körpersensationen. Diese gehen mit typischen Verhaltensweisen einher, zum Beispiel sicherheitssuchendes Verhalten mit anhaltender Tendenz zu Rückversicherung bei Ärzten, Freunden oder Medien. Auch vermeiden Betroffene, sich mit allem, das mit Krankheit und Tod in Verbindung steht, auseinanderzusetzen. Diese Handlungsweisen zur Vermeidung bewirken kurzfristig Entlastung, doch führen sie langfristig zu einer Aufrechterhaltung der Symptomatik (Sendera & Sendera, 2015).

1.1 Historische Entwicklung

Hypochondrie gilt als einer der ältesten krankheitsbezogenen Begriffe im Bereich der Medizin (Feldmann, 1972). Erste Ausführungen zu Symptomen ohne bestimmte nachprüfbare medizinische Ursache traten bereits in der griechischen und römischen Antike auf (Morschitzky, 2007, Kap.1). Wie bereits in Abschnitt 1 angeführt wurde, repräsentiert das Hypochondrium die Region unter (hypo) dem Zwerchfell (chondros = Knorpel, Brustknorpel), wobei sich die Leber und die Galle auf der rechten und die Milz auf der linken Seite befindet. Zwischen beiden Organen wurden der Magen sowie der restliche Verdauungsapparat lokalisiert. Als Erster seiner Zeit beschrieb Diokles die Hypochondrie als eine Krankheit, die ihren Sitz in den Verdauungsorganen hat (Morschitzky, 2007). Der griechische Arzt Galen von Pergamon beschrieb in seiner 4-Säfte-Lehre die Auswirkungen einer falschen Mischung (Dyskrasie) der Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle (Bleul, 2013). Im 2. Jahrhundert nach Christus prägte er den Begriff Morbus Hypochondriacus. Dieser steht für Erkrankungen der Organe im Hypochondrium, die vor allem Oberbauchbeschwerden herbeiführen und mit seelischen Störungen wie beispielsweise Traurigkeit oder Furcht zusammenhängen. Der Ursprung für diese Annahme liegt im linken Hypochondrium, dort produziert die Milz schwarze Galle. Komme es zu einer Erkrankung der Milz und somit zu einer Überschwemmung des Körpers mit der Galle, galt nach altgriechischer Vorstellung dieser Überschuss als Zeichen für Melancholie (Morschitzky, 2007), also einer schwermütigen, grämlichen Gemütsstimmung (Bleul, 2013). Dieser Begriff setzt sich aus den Worten melas (schwarz) und chole (Galle) zusammen (Morschitzky, 2007).

Die Begriffe „Hysterie“ und „Hypochondrie“ gehen bis auf das antike Zeitalter zurück (Morschitzky, 2007). Die ältesten Schriften hierzu tauchen um 1900 v. Chr. in den altägyptischen Fragmenten des Kahun-Papyrus auf, welche im Kapitel über Erkrankungen des Uterus zu finden sind (Fischer-Homberger, 1969; zitiert nach Zaudig, 2015, S.28). Dabei drückt Hysterie die Vorstellung aus, dass eine umherwandernde Gebärmutter (griechisch: hysteria) für die Symptome ausschlaggebend war und daher ausschließlich Frauen betroffen waren (Morschitzky, 2007). Diese ließen sich als Ausdruck für einen nicht erfüllten Kinderwunsch interpretieren (Hiller & Rief, 2014). Der griechische Philosoph Platon beschrieb in seinem Timaios (um 347 v.Chr.) das Umherwandern mit bildhaften Worten. Demnach verhalte sich die Gebärmutter wie ein Tier, das ein glühendes Verlangen nach Kindern verspüre. Bleibe diese Begierde lange Zeit unerfüllt, so werde sie zu maßlosem Unwillen aufgeregt, was zu einer Verstopfung der Luftwege führe, eine Atemhemmung mit sich brächte und die verschiedensten Krankheiten und Beklemmungen verursache. Eine Heilung sei nur durch Geschlechtsverkehr herbeizuführen. Viele melancholische Erkrankungen wurden durch Galen beschrieben. Die Hypochondrie galt als eine Unterform der Melancholie sowie als männliches Pendant zu der Hysterie. Die Thematik der Hysterie dehnte er unter dem Begriff Satyriasis (Hypochondrie) bezugnehmend auf Männer aus, wobei auch hier der Geschlechtsverkehr als Heilmittel galt, da hypochondrische Symptome sich erst durch sexuelle Abstinenz entwickelten. Jedoch sei betont, dass im Laufe der Zeitalter die Hypochondrie nicht als Krankheit der Geschlechtsorgane gesehen wurde, sondern als Krankheit „unter den Rippen“ (Morschitzky, 2007).

Im 17. Jahrhundert wurden Hysterie und Hypochondrie durch Sydenham miteinander in Verbindung gebracht, da sie sich sehr ähnlich seien. Er verstand die Hypochondrie als eine ausschließlich nervös bedingte Erkrankung. Auch Burton beschrieb im selben Jahrhundert eine Krankheit mit der Bezeichnung „hypochondrische Melancholie“, die als Vorläufer der somatisierten Depression gilt. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die Theorie um den Ursprung der Erkrankung im Zusammenhang mit der schwarzen Galle verworfen. Im darauffolgenden Jahrhundert erreichte das Verständnis der Hypochondrie als autonome Erkrankung seinen Höhepunkt, da nunmehr auch Symptome der früheren Melancholie mit einbezogen wurden, beispielsweise vegetative Störungen sowie seelische Beschwerden (traurige Verstimmtheit). Die Hypochondrie verbreitete sich rasant, körperliche und seelische Erkrankungen waren kaum noch von ihr abzugrenzen. Kritiker, wie der englische Schriftsteller Richard Blackmore, schlugen den Begriff spleen (dt.: Milz) vor, „um die nervöse Genese besser zum Ausdruck zu bringen“ (Morschitzky, 2007, S.20). Ursprünglich steht spleen für schlechte Laune, später umschreibt es Zustände für Verrücktheit, Schrulle oder Marotte (Bleul, 2013).

In Paris untersuchte der französische Arzt Paul Briquet (1796-1881) Mitte des 19.Jahrhunderts systematisch Patienten, die unter dem Krankheitsbild der Hysterie litten, und somit bestimmte Verlaufsformen sowie charakteristische Symptomkonstellationen aufdeckte. Diese Arbeiten erlebten 100 Jahre später in den amerikanischen Staaten ein Comeback, man sprach vom sogenannten „Briquet-Syndrom“ (Hiller & Rief, 2008), welches 1980 als „Somatisierungsstörung“ in das Klassifikationssystem DSM-III aufgenommen wurde (Hiller & Rief, 2014). Da die Hypochondrie im 19. Jahrhundert primär mit emotionalen Ursachen verbunden wurde, erhielt sie als in erster Linie psychologische Störung einen zunehmend abwertenden Charakter. Der amerikanische Neurologe Beard ersetzte den Begriff mit einer neuen Bezeichnung: Neurasthenie. Auch der Bereich der Psychoanalyse befasste sich mit der Thematik. In der Hypochondrie erkannte Sigmund Freud eine Neurose mit körperlicher Manifestation (Morschitzky, 2007). 1914 definierte er den Begriff näher und beschrieb die Erkrankung als „narzisstische Neurose“, die aufgrund eines Rückzugs der Libidopositionen auf die eigene Person eine „Stauung der Ichlibido“ entstehen lässt. (Bleul, 2013).

Hysterie wird im heutigen Zeitalter kaum noch verwendet, da der Begriff eine diskriminierende Wortherkunft mit sich bringt. Hypochondrie hingegen findet noch immer Anwendung, wobei sich dieser Ausdruck auf jene Somatisierungsstörungen bezieht, bei denen die übermäßige Angst vor ernsthaften Erkrankungen vorrangig ist (Greck, 2016). Im Laufe der Geschichte hat der Begriff Hypochondrie demnach zahlreiche Wandlungen durchlaufen (Morschitzky, 2007) und ist heute als „hypochondrische Störung“ im Klassifikationssystem ICD-10 verankert.

1.2 Klassifikation und Diagnosekriterien

In den Nachfolgeklassifikationen des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem DSM-III-R (1987) und DSM-IV (1994), wurden die somatoformen Störungen praktisch weitergeführt und nicht mehr verändert. Auch die zehnte Auflage der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), herausgegeben von der WHO (World Health Organization) übernahm die Krankheit 1994 unverändert. Bei den somatoformen Störungen konnte in den 35 Jahren ihres Bestehens als eigene Diagnosegruppe eine bemerkenswerte empirische Entwicklung beobachtet werden. Verbreitung, Ätiologie, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten wurden breit erforscht und in diagnostischen Leitlinien sowie zahlreichen Übersichtsarbeiten dokumentiert (etwa: Martin et al., 2013; Rief & Broadbent, 2007; Witthöft & Hiller, 2010). Beachtliche Fortschritte konnten ebenso bei der Entwicklung störungsspezifischer Ansätze in der Therapie erzielt werden, wodurch die Patienten eine deutlich verbesserte Versorgungslage in Anspruch nehmen konnten (Hiller & Rief, 2014).

Im ICD-10 wird die Hypochondrische Störung unter den Somatoformen Störungen mit der Schlüsselnummer F45.2 aufgeführt. Nach der dort dargelegten Definition beinhaltet die Störung die beharrliche Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer oder mehreren ernsthaften Erkrankungen leiden zu können. Körperliche Beschwerden werden von den Patienten manifestiert und alltägliche Körperwahrnehmungen als unnatürlich interpretiert. Meist werden nur ein bis zwei Organe bzw. Organsysteme des Körpers fokussiert (Dilling & Freyberger, 2016).

Im Amerikanischen umfasst die diagnostische Klassifikation der somatoformen Störungen im DSM-IV-TR eine äußerst heterogene Gruppe von Syndromen mit physischen Symptomen ohne ausreichende medizinische Erklärung, dies trifft ebenso auf die Klassifizierung im ICD-10 zu. Die nachfolgende Tabelle (Dar. 1) zeigt eine Übersicht.

Dar. 1: Klassifikation somatoformer Störungen nach DSM-IV-TR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Hypochondrie wurde bis 2012 im amerikanischen Diagnose-System DSM-IV-TR (American Psychiatric Association, 2000, S. 563) wie folgt definiert:

A. Übermäßige Beschäftigung mit der Angst oder Überzeugung, eine ernsthafte Krankheit zu haben, was auf einer Fehlinterpretation körperlicher Symptome durch die betreffende Person beruht.
B. Die Beschäftigung mit den Krankheitsängsten bleibt trotz angemessener medizinischer Abklärung und Rückversicherung durch den Arzt bestehen.
C. Die Überzeugung unter Kriterium A ist nicht von wahnhaftem Ausmaß (wie bei der Wahnhaften Störung mit körperbezogenem Wahn) und ist nicht auf eine umschriebene Sorge über die äußere Erscheinung beschränkt (wie bei der Körperdysmorphen Störung).
D. Die Beschäftigung mit den Krankheitsängsten verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
E. Die Dauer der Störung beträgt mindestens sechs Monate.
F. Die Beschäftigung mit den Krankheitsängsten kann nicht besser durch eine Generalisierte Angststörung, Zwangsstörung, Panikstörung, Episode einer Major Depression, Störung mit Trennungsangst oder durch eine andere Somatoforme Störung erklärt werden.

Das DSM-5, welches im Jahr 2013 eingeführt wurde, hat maßgebliche konzeptuelle Änderungen mit sich gebracht. So wurden die somatoformen Störungen und die Hypochondrie als diagnostische Einheit aufgelöst. Die gemeinsame Kategorie Somatic Dymptom Disorder, beziehungsweise die sogenannte Somatische Belastungsstörung, erfasst nun drei einstmals sehr verschiedene Syndrome. Nach DSM-5 fallen darunter in gleicher Weise die somatoformen Störungen, körperliche Erkrankungen, die einen hohen Anteil psychologischer Faktoren mit sich bringen, sowie ein Großteil der Hypochondrie-Fälle. Der ehemaligen Kategorie der Hypochondrie stehen nun zwei Möglichkeiten zur Auswahl der Diagnose: sind physische Symptome vorhanden, ist die Diagnose der Somatischen Belastungsstörung (F45.1) zu vergeben. Nach den DSM-5-Autoren trifft dies auf 75% der Hypochondrie-Patienten zu. Im anderen Fall (ohne Anteil körperlicher Symptome) steht die neue Diagnose der Krankheitsangststörung zur Auswahl (Bleichhardt & Weck, 2015).

Kriterium A umfasst bei Personen mit einer Somatischen Belastungsstörung das Vorliegen multipler, somatischer Symptome, die die Betroffenen belasten oder die alltägliche Lebensführung negativ beeinflussen, auch wenn nur ein alleiniges, schwergradiges Symptom (z.B. Schmerz) vorliegt. Diese Anzeichen können alltägliche Empfindungen oder Symptome von Unwohlsein darstellen, die normalerweise keine Hinweise für eine ernsthafte Krankheit sind. Um die Diagnose zu stellen, reichen medizinisch ungeklärte somatische Symptome nicht aus. Das Leiden der Personen ist, unabhängig davon, ob eine medizinische Erklärung gefunden werden kann oder nicht, authentisch. Betroffene reagieren mit meist extrem ausgeprägten Krankheitssorgen (Kriterium B). Körperliche Symptome werden als äußerst bedrohlich, gesundheitsschädigend oder störend bewertet, häufig wird das Schlimmste bezüglich des Gesundheitsstandes angenommen. Gegenteilige Befunde, die den Patienten vorgelegt werden, überzeugen diese nicht, dass ihre Symptome ein Indiz für ein medizinisches Problem anzeigen (Falkai & Döpfner, 2015). Neben dem Hauptkriterium beeinträchtigender körperlicher Symptome muss nach DSM-5 ein psychologisches Kriterium erfüllt sein. Hierbei stehen drei Aspekte zur Auswahl: negative Gedanken über die Ernsthaftigkeit der Körperempfindungen, Ängste bzgl. der Gesundheit oder Beschwerden, sowie ein hohes Ausmaß an die damit verbundene Zeit und Kraft. Das Krankheitsbild muss mindestens sechs Monate bestehen (Bleichhardt & Weck, 2015).

Die Krankheitsangststörung (F45.21) beinhaltet unter Kriterium A die übermäßige Beschäftigung mit der Tatsache, eine ernste, nicht diagnostizierte Erkrankung zu haben oder zu bekommen. Körperliche Anzeichen liegen dafür nicht oder nur in geringem Maße vor (Kriterium B). Eine zuvor gründlich vollzogene Untersuchung ergibt keinen ernsten organmedizinischen Befund, der die Sorgen der Betroffenen rechtfertigen könnte. Trotz der Befürchtungen in Bezug auf ein nichtpathologisches körperliches Symptom oder einer Empfindung geht das Leiden der Patienten nicht hauptsächlich aus der körperlichen Beschwerde, sondern aus der Sorge hinsichtlich der Bedeutung, Wichtigkeit oder Ursache der Symptome hervor (d.h. die vermeintliche körperliche Diagnose). Das aufgetretene körperliche Symptom stellt sich meist als eine normale physiologische Empfindung heraus. Wurde ein körperliches Krankheitsbild diagnostiziert, reagieren Betroffene hinsichtlich des Schweregrades der Erkrankung übertrieben und unverhältnismäßig stark (Kriterium B). Aus der dauernden Beschäftigung mit der Vorstellung, erkrankt zu sein, resultiert eine hochgradige Gesundheits- und Krankheitsangst (Kriterium C). Betroffene mit einer Krankheitsangst sind schnell aus der Fassung zu bringen, beispielsweise durch die Mitteilung über das Erkranken einer Person oder das Lesen eines Zeitschriftenartikels zum Thema Gesundheit. Eine adäquate medizinische Rückversicherung, negative Befunde diagnostischer Tests oder das Wissen über einen gutartigen Verlauf der vermuteten Krankheit bringen für die Betroffenen keine Entlastung. Die Sorgen von Patienten mit einer Krankheitsangststörung können durch ärztliche Versuche in Bezug auf Rückversicherung oder Symptomlinderung verstärkt werden. Die Thematik Krankheit wird in das Selbstbild der Betroffenen integriert und repräsentiert einen Teil der Identität. Betroffene führen wiederholte körperliche Untersuchungen an sich selbst durch, beispielsweise durch das Überprüfen von Mund und Rachen (Kriterium D), betreiben jedoch ebenso exzessive Informationssuche über Zeitschriften, Bücher oder Internet, welches die Sorgen bezüglich der befürchteten Krankheit weiter verstärkt (Falkai & Döpfner, 2015).

Die Krankheitsangststörung ist stark angelehnt an der früheren Beschreibung zur Hypochondrie und beinhaltet zusätzlich ausführliche psychologische Kriterien. Vermeidungsverhalten, aber auch sicherheitssuchendes Verhalten, wie zum Beispiel das sogenannte „Body Checking“, wurden erstmalig als notwendig erachtet und in die Definition aufgenommen. Dabei ist weiterhin eine Spezifikation hinsichtlich der Häufigkeit ärztlicher Besuche möglich. Auch hier beträgt die Mindestdauer der Erkrankung sechs Monate (Kriterium E). Diese Störung darf jedoch nur dann diagnostiziert werden, sofern körperliche Symptome nicht oder nur geringfügig aufgetreten sind. Gemäß den Autoren des DSM-5 trifft dies nur auf ca. ein Viertel aller hypochondrischen Patienten zu (Bleichhardt & Weck, 2015).

Mithilfe der neuen DSM-5-Kriterien lassen sich durch somatische Belastungsstörungen bedingte Schmerzen von organisch bedingten Schmerzen besser abgrenzen (Horlemann, 2016).

1.3 Differentialdiagnosen

Es darf erst dann eine somatoforme Störung diagnostiziert werden, nachdem Erkrankungen mit organischer Ursache, die gleichermaßen eine Erklärung für die aufgetretenen Symptome liefern könnten, ausgeschlossen werden konnten. Dabei ist eine sorgfältige und angemessene somatomedizinische Abklärung unabdingbar (Hiller & Rief, 2008).

Bei den somatoformen Störungen kann sich die Differenzialdiagnostik schwierig gestalten. Offensichtlich ist, dass ein nutzloses Wiederholen organmedizinischer Untersuchungen bei solchen Patienten einen krankheitserhaltenden Effekt bewirken kann. Wiederum sind körperliche Erkrankungen bei Betroffenen mit somatoformen Störungen durchaus möglich. Weniger schwierig gestaltet sich die Differenzialdiagnose bei Patienten mit multiplen somatoformen Leiden, da es weniger organische Erkrankungen gibt, die eine Erklärung für die komplexe Problematik des Syndroms geben könnten. Dies wird bei einzeln umschriebenen Symptomen deutlich komplizierter (Mewes & Rief, 2008).

Der behandelnde Arzt sollte in erster Linie Autoimmun- und Stoffwechselerkrankungen sowie andere Krankheiten in Betracht ziehen, bei denen sich gewisse unspezifische oder multiple organische Symptome als Folge zeigen können. Darunter zählen beispielsweise Krankheiten wie Multiple Sklerose, Erkrankungen der Schilddrüse, AIDS, Porphyrie oder Myasthenia gravis. Treten multiple somatoforme Beschwerden vor allem erstmalig in späteren Lebensjahren auf, sollte eine organische Abklärung erfolgen. Auch das Simulieren oder Vortäuschen einer Krankheit sollte vorsorglich abgegrenzt werden. Patienten erzeugen hierbei ihre Symptome, um ihre Krankheitsrolle absichtlich einzunehmen, eigenständig. Trotz bestehenden Zusammenhängen zwischen somatoformen Störungen und vielen weiteren psychischen Störungen, sollten die diagnostischen Ausschlussregeln der Klassifikationssysteme berücksichtigt werden. Die Diagnose der Somatisierungsstörung ist nicht zu stellen, sofern die organischen Symptome lediglich im Zuge einer Angstattacke oder Panikstörung auftreten. Dies trifft ebenfalls auf eine betreffende Symptomatik in Verlauf oder Entwicklung einer Schizophrenie (oder verwandten Störung) oder affektiven Störung zu. Trotzdem ist eine Komorbidität zwischen somatoformen und affektiven Störungen generell nicht auszuschließen. Oftmals entwickelt sich eine somatoforme Symptomatik bereits vor Beginn einer Depression beziehungsweise kann diese auch nach deren Abklingen weiterhin fortbestehen. Klagen einige Patienten mit einer Depression über körperliche Beschwerden, ist ebenfalls eine Überprüfung weiterer somatoformer Merkmale sowie die zeitlichen Überlappungsbereiche eben dieser notwendig. Innerhalb der Gruppe der somatoformen Störungen ist bei der Differentialdiagnose darauf zu achten, dass sich die Diagnosen der Somatisierungsstörung und der somatoformen autonomen Funktionsstörung beiderseits ausschließen. Die somatoforme autonome Funktionsstörung ist laut ICD-10 der Somatisierungsstörung übergeordnet. Denn eine Somatisierungsstörung darf nicht festgestellt werden, wenn Symptome vegetativer Erregung die Haupteigenschaft der Erkrankung darstellen. Beherrscht der Schmerz das klinische Bild und liegen keine weiteren klinisch erforderlichen Somatisierungssymptome vor, so kann eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung in Erwägung gezogen werden (Hiller & Rief, 2008).

Um eine ordnungsgemäße Abgrenzung der Hypochondrie zu den „klassischen“ somatoformen Störungen herzustellen, ist der vorrangige Leidensdruck des Patienten zu explorieren. Sucht jemand aufgrund von Magenbeschwerden und Übelkeit Ärzte auf, um eine Diagnose und Behandlung seiner Symptome zu erhalten, so leidet dieser unter einer somatoformen Störung. Dabei stehen die körperlichen Beschwerden und die damit verbundenen Folgen im Mittelpunkt. Dahingegen sollte die Diagnose der Hypochondrie gestellt werden, sofern ein Patient die Beschwerden als erträglich empfindet, jedoch befürchtet, dass es sich um einen Magenkrebs handeln könnte. Demnach gehen Leiden und Beschwerden in erster Linie daraus hervor, sich intensiv mit der Problematik zu beschäftigen und der damit verbunden Angst oder Überzeugung, an einer ernsthaften Erkrankung zu leiden, und weniger aus den Symptomen an sich. Besteht eine erhebliche Beeinträchtigung durch die Beschwerden als auch eine starke Einschränkung in Folge der Krankheitsangst, so kann in einer Reihe von Fällen von einer Komorbidität zwischen klassischen somatoformen Störungen und Hypochondrie ausgegangen werden (Hiller & Rief, 2008).

Liegt ein hypochondrischer Wahn vor, so sind Patienten unkorrigierbar davon überzeugt, an einer ernsten, gegebenenfalls unheilbaren Erkrankung zu leiden, die unvermeidlich zu einer starken Beeinträchtigung oder zum Tode führt. Lang andauernde, nichtbizarre, oftmals systematisierte Wahnideen stellen das Charakteristikum des hypochondrischen Wahns dar. Die Furcht vor einem Tumor, doch auch die Angst vor Leukämie oder Herzleiden kommen besonders häufig vor. Der Patient antizipiert dabei das vermutete Fortschreiten der Krankheit. Magen-Darm-Beschwerden, Schweißausbrüche und Herzsensationen jedweder Art können dabei als Auslöser oder Folge der Befürchtungen ausgemacht werden (Kellner, 1992, Pilowsky, 1967; zitiert nach Garlipp & Haltenhof, 2010). Psychische Krankheiten wie beispielsweise Demenz oder Schizophrenie sind eher selten Gegenstand des Wahns. Bei dem hypochondrischen Wahn sind besonders die Hartnäckigkeit und Energie der Patienten auffallend, mit denen sie bei unzähligen Ärzten auf medizinische Behandlung bestehen. Hierbei ist ein typisches Merkmal, auf die Bestätigung der Diagnose zu insistieren, die sie sich selbst schon seit langer Zeit gestellt haben. Für den wahnhaften Hypochonder kann gerade die Artbeziehung zur Quelle erheblicher Enttäuschung werden (Fuchs, 1992, zitiert nach Garlipp & Haltenhof, 2010). Es besteht weiterhin eine erhöhte Suizidgefahr, welche daraufhin weist, wie schwierig es für Patienten ist, sich verstanden zu fühlen und verständlich zu machen (Opjordsmoen & Retterstøl, 1987, zitiert nach Garlipp & Haltenhof, 2010).

Hypochondriepatienten fürchten bereits erkrankt zu sein. Liegt die Befürchtung vor, in der Zukunft erkranken zu können, besteht die Diagnose einer Krankheitsphobie (im Sinne einer spezifischen Phobie). Die Differenzierung beider Erkrankungen ist problematisch und wird zunehmend kritisiert, wobei im Zweifelsfall die Diagnose Hypochondrie vorgenommen werden sollte. Eine Zwangsstörung besteht gegebenenfalls, sofern die Patienten neben der Angst, zukünftig erkranken zu können, zusätzlich ausgeprägte Rituale vornehmen um eine denkbare Erkrankung abzuwenden. Darunter zählen vor allem exzessives Waschen oder Reinigen. Beziehen sich die wiederkehrenden und belastenden Gedanken dagegen ausnahmslos auf die Angst, bereits an einer schweren Krankheit zu leiden, so sollte statt einer Zwangsstörung die Diagnose einer Hypochondrie gestellt werden (Bleichhardt & Martin, 2010).

Auch bei der Abgrenzung zur Panikstörung ist es erforderlich, gewisse Faktoren zu berücksichtigen. Dabei sollte eine mögliche Komorbidität beider Störungen in Erwägung gezogen werden, denn Betroffene mit einer Panikstörung sorgen sich oftmals als Folge der Panikattacken um kardiovaskuläre Erkrankungen. Dies ist nicht ausreichend, um eine komorbide Hypochondrie diagnostisch festzustellen. Auch hypochondrische Patienten erleiden mitunter Panikattacken, die beispielsweise durch Annahmen an einen zeitnahen, unausweichlichen Tod ausgelöst werden. Eine Panikstörung sollte diesbezüglich jedoch noch nicht diagnostiziert werden. Die „Angst vor der Angst“, also die Angst vor weiteren Panikattacken, stellt ein zentrales Symptom der Panikstörung dar. Eine Generalisierte Angststörung liegt vor, wenn die Furcht vor einer Erkrankung nur einen Bereich neben weiteren Sorgenthemen einnimmt. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Angst, dass auch befreundete oder verwandte Personen von einer ernsthaften Erkrankung betroffen sein könnten (Bleichhardt & Martin, 2010). Diese Sonderform wird als Hypochondrie „by proxy“ bezeichnet (Sendera & Sendera, 2015). Dies konnte besonders häufig bei krankheitsängstlichen Müttern junger Kindern beobachtet werden, wobei die empirische Beweislage bisher nicht ausreichend ist (Bleichhardt & Martin, 2010).

Personen, die tatsächlich unter einer schwerwiegenden Erkrankung leiden und Krankheitsängste im Zuge ihrer Symptome entwickelt haben, leiden unter der sogenannten Progredienzangst. Sollten sich im Verlauf der Erkrankung jedoch Befürchtungen entwickeln, die andere Krankheiten betreffen, so kann hier die Diagnose der Hypochondrie in Erwägung gezogen werden (Bleichhardt & Martin, 2010).

Bei Patienten mit körperdysmorpher Störung liegt der Fokus auf der Beschäftigung mit scheinbaren körperlichen Entstellungen und Fehlbildungen. Körperdysmorphe Störungen werden im ICD-10 unter der Gesamtkonzeption der hypochondrischen Störung zusammengefasst, auch wenn bereits seit Anfang der 1990er Jahre diese als zunehmend alleinstehendes Störungsbild aufgefasst werden (Hiller & Rief, 2008).

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Details

Seiten
55
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668733930
ISBN (Buch)
9783668733947
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428429
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,0
Schlagworte
Hypochondrie Gesundheitsinformationen webbasiert Hypochondrische Störung gesundheitsbezogene Internetdienste Psychologie Rehabilitationspsychologie Gesundheitsangst Internet E-Health Cyberchondrie

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