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Kontrastive Analyse der suprasegmentalen Ausspracheabweichungen von chinesischen Deutschlernenden

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

1. Einleitung

Die deutsche Sprache gewinnt im Zuge der Globalisierung im chinesischen Kontext immer mehr an Bedeutung. Chinesen lernen vermehrt, aus ganz unterschiedlichen Gründen (Arbeit, Studium oder Emigration nach Deutschland) Deutsch. Da deutsch und chinesisch zwei völlig unterschiedliche Sprachen sind, weisen viele chinesische Lernende, besonders bei der Aussprache, Lernschwierigkeiten auf. Der „fremde Akzent“ bleibt ein scheinbar nicht zu überwindbares Hindernis und verursacht viele Missverständnisse bei der interkulturellen Kommunikation. Seit Jahren haben viele Sprachwissenschaftler und Linguisten, darunter Fluck (1984), Wang, Min (1993) und Hunold (2002) versucht, Gründe dafür zu finden, um chinesischen Deutschlernenden beim Lernen zu helfen. Neben den immer wieder beschriebenen artikulatorischen Ausspracheabweichungen (Probleme mit Vokalquantitäten oder Konsonantenhäufungen im Deutschen) werden häufig suprasegmentale Ausspracheabweichungen unterschätzt, die allerdings bei der mündlichen Kommunikation von großer Bedeutung sind. Falscher Wort- und Satzakzent, falsche Melodieführung im Satz und fehlerhafte Pausensetzung von chinesischen Deutschlernenden, führen nicht nur zum Verlust der Verständlichkeit, sondern können auch zu sozialen Akzeptanzproblemen führen (vgl. Hunold 2009: 7). In der vorliegenden Arbeit möchte die Verfasserin durch die kontrastive Analyse der suprasegmentalen Merkmale des Deutschen und des Chinesischen die Unterschiede der zwei Sprachen feststellen und chinesischen Lernenden bei der Aussprache helfen.

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit werden sowohl die chinesische als auch die deutsche Sprache im chinesischen Kontext vorgestellt. Danach werden die suprasegmentalen Merkmale des Deutschen und des Chinesischen kontrastiert und die Fehlerprognose, die von chinesischen Lernenden betroffen sein können, gezeigt. Besondere Aufmerksamkeit widme ich in diesem Punkt der Akzentuierung, Melodisierung, Rhythmisierung und Koartikulation. Anschließend wird eine Fehler-Analyse anhand einer Aufnahme durchgeführt und Besonderheiten der Ausspracheabweichungen von chinesischen Lernenden daraus abgeleitet. Im Anschluss daran wird die Verfasserin einige Hinweise zum deutschen Phonetikunterricht geben. Abschließend folgt das Fazit und der Ausblick der vorliegenden Arbeit.

2. Überblick über die chinesische Sprache und die deutsche Sprache im chinesischen Kontext

2.1. Überblick über die chinesische Sprache

Das Chinesisch gehört zur sino-tibetischen Sprachfamilie und zu den ältesten Sprachen auf der Welt überhaupt. Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Ursprünge der chinesischen Schrift fast 4000 Jahre zurückreichen und die gesprochene Sprache bis in das ferne Altertum zurückgeht. Chinesisch wird in verschiedenen Dialekten in China, aber auch in Südostasien, Europa und auf dem amerikanischen Kontinent gesprochen (vgl. Hunold 2002: 2; Liu, Xiu/ Buchta 2009: S. 23). Weltweit gibt es mehr als eine Milliarde Menschen, deren Muttersprache chinesisch ist. Es ist ebenfalls eine der offiziellen Amtsprachen der Vereinten Nationen (vgl. Liu, Xun/ Buchta 2009: S. 12).

Was ist aber das Chinesisch? Dazu möchte ich auf die Präzisierung von Liu Xun/ Buchta (2009: S. 13) eingehen. Das, als offiziell bezeichnete Standardchinesisch, Putonghua (normale Sprache, Dialekt) basiert auf dem nördlichen Dialekt der Pekinger Aussprache. Die neuen vereinfachten grammatikalischen Strukturen sind dazu aus der Umgangssprache der modernen Literatur abgeleitet.

Chinesisch ist eine Tonsprache, in der die Töne eine bedeutungsunterscheidende Funktion haben. Sie besteht aus bis zu vier zusammengesetzten Silben, die wiederum aus bis zu fünf zusammengesetzten Vokalen und Konsonanten gebildet werden. Zur Unterscheidung der Wörter gibt es vier verschiedene Toneme, nämlich erster (hoher), zweiter (aufsteigender), dritter (niedrig-fallend-steigender) und vierter (kurz fallender) Ton (vgl. Liu, Xun/ Buchta 2009: S. 9). Anders als die meisten Sprachen, die alphabetische Systeme benutzen, verwendet das chinesische Schriftzeichen, wovon es circa 50.000 gibt. Unterscheiden muss man das kurze (verkürzte Grapheme) und das lange (Formen werden beibehalten) Schriftzeichen (vgl. Liu Xun/ Buchta 2009 : S. 23). Die Schriftzeichen geben keinen Aufschluss über die Laut-Buchstaben-Beziehung. Die Aussprache und ihr Ton am Schriftzeichen sind nicht oder nur sehr schwer erkennbar (Hunold 2002: 14). Um chinesische Schriftzeichen transkribieren zu können, wurde die sogenannte „ Pinyin-Transkription“ (zusammengesetzte Töne) eingeführt. Dieses Transkriptionssystem regelt die Aussprache des Schriftzeichens basierend auf lateinischen Buchstaben. Schriftzeichen werden durch Silben des Pinyin-System wiedergegeben (vgl. Hunold 2002: S. 2). Pinyin wird heute zum Erlernen der Chinesischen Sprache benutzt und hat zur Verbreitung des Hochchinesischen beigetragen (vgl. Liu Xun/ Buchta 2009: S. 35).

2.2. Die deutsche Sprache im chinesischen Kontext

Die deutsche Sprache ist mit der Zeit in China immer beliebter geworden. 1861 richtete die Qing-Regierung in Peking die Tong Wen Anstalt ein. Sie war die erste Einrichtung in China, in der die deutsche Sprache unterrichtet wurde. Seitdem bieten immer mehr Hochschulen, Universitäten oder Institute das Fach „Deutsch“ an. Eine lockere Auslandsstudiumpolitik, verbesserte Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt die Globalisierung ermuntern immer mehr Chinesen deutsch zu lernen. (vgl. Fluck/ Saarbeck/ Zhu Jiahua/ Zimmer 1996: S. 61). Während zur Jahrtausendwende beispielsweise noch 2640 Studenten das Studium „Deutsch“ an der Tongji Universität absolvierten waren es 2002 schon 4975 (Jin Qiaoying 2003: 3). Die mit der Zeit steigende Popularität der deutschen Sprache in China fördert einerseits die Kommunikation zwischen beiden Ländern, bereitet aber andererseits für immer mehr Chinesische Deutschlernende Lernschwierigkeiten. Chinesische Deutschlernende achten besonders auf segmentale Aussprachabweichungen, wie etwa den konsonantischen R-Laut oder die für das Deutsche typischen Konsonantenhäufungen. Ihrer suprasegmentalen Abweichungen, sind sie sich, selbst wenn solche gehäuft auftreten, zumeist hingegen nicht bewusst (vgl. Richter 2011: S. 2).

3. Kontrastive Analyse der suprasegmentalen Merkmale zwischen dem Deutschen und dem Chinesischen

Unter suprasegmentalen Merkmalen versteht man die Erscheinungen, die über den einzelnen Segmenten liegen, wie z.B. die Hervorhebung durch Akzentuierung, die intonatorische Gestaltung auf sachlich-neutraler Ebene, sowie die davon abweichende emotionale Gestaltung des Satzes (Rausch 2000: S.145). Zu den wichtigsten suprasegmentalen Phänomenen gehören die Akzentuierung (Veränderung der Lautstärke), die Melodisierung (Tonhöhenänderung), die Phrasierung (Pausen) und die Rythmisierung (zeitliche Anordnung des Sprechkontinuums) (vgl. Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 157). Diese werden nun in den folgenden Kapiteln einzeln diskutiert werden.

3.1. Akzentuierung

Akzente werden aus einer Mischung aus Anstieg der Lautstärke, Erhöhung der Tonhöhe und Dehnung der Silbe realisiert (Svobodová 2009: S. 28). Tonhöhenbewegungen dienen im Chinesischen unter anderem auch der Akzentuierung (Honold 2009: S. 42). Im Chinesischen unterscheidet man, ähnlich wie im Deutschen, zwischen Wortakzent und Satzakzent (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 157; Hirschfeld/ Kelz/ Müller: S. 5-7; Hunold 2004: S. 2). Der Wortakzent ist die Hervorhebung von bestimmten Silben im Wort (Svobodová 2009: S. 28). Im Chinesischen ist er nur sehr schwer erkennbar und zusätzlich durch verschiedene Toneme gekennzeichnet. Zahlreiche Regeln bestimmen in beiden Sprachen, wann ein Akzent vorzuliegen hat bzw. vorliegen kann. Im Deutschen ist die Akzentsilbe meistens bereits vorgegeben und ergibt sich aus der „Stammbetonung“. z.B. schreiben - Schreibtisch - verschreiben (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 157; Hirschfeld/ Kelz/ Müller: S. 157). Im Chinesischen hingegen liegt er meistens auf der letzten Silbe, wobei es prinzipiell auf jeder tontragenden Silbe vorkommen kann. Betonte Silben werden durch Länge, Lautstärke oder Pausen hervorgehoben. Henne (1977: S. 37) nennt folgende Beispiele für den Wortakzent:

Wortakzent auf der 1. Silbe: shítou 石头 (Stein)

Wortakzent auf der 2. Silbe: huŏchē 火车 (Zug),

Wortakzent auf der 3. Silbe: huŏchēzhàn 火车站 (Bahnhof)

Wortakzent auf der 4. Silbe: gāngānjìngjìng 干干净净 (sauber)

Neben ein paar spezifischer Regeln gilt im Chinesischen laut Henne (1977: S. 37), wenn die Akzentsilbe bekannt ist, sind alle anderen (Neben-) Akzente erschließbar. Es besteht allerdings kein Zusammenhang zwischen Akzentstruktur und grammatischer Struktur (Hunold 2004: S. 2).

Sowohl im Deutschen als auch im Chinesischen existieren distinktive also bedeutungsunterscheidende Kontraste, z.B. August - August, durchbrechen - durchbrechen, Blindekuh - blinde Kuh, jìnlai 进来 (hereinkommen) – jìnlái 近来(kürzlich) (Hunold 2004, S.2; Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 158).

Den Satzakzent kann man als stärkste Hervorhebung eines Wortes oder einer Konstituente innerhalb einer Äußerung definieren. Er dient dazu, dass die Aufmerksamkeit des Hörers auf die wichtigste Information im Satz gelenkt wird (Svobodová 2009: S. 28). Sowhl im Chinesischen als auch im Deutschen liegt der Satzakzent meistens auf Inhaltswörtern. Die Akzenttragenden Silben sind im Deutschen potenzielle Träger des Satzakzents. Allerdings kann mit der Wahl der akzentuierten Silbe auch ein bestimmtes Implikat verbunden sein (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 158). So z.B. in dem folgenden Beispiel: Ich mag dich. Ich mag dich. Ich mag dich.

Die Regeln des Wortakzents gelten im Chinesischen im Wesentlichen auch analog für eine kurze Aussage bestehend aus nur einer Akzentgruppe. z.B. wǒzài láibixī shàngxué. 我在莱比锡上学。 (Ich studiere in Leipzig). Ähnlich wie im Deutschen werden längere Sätze im Chinesischen, die aus aus mehreren Akzentgruppen bestehen, durch die Wahl der Akzentgruppen die entsprechenden Information betont.

z.B. Qĭng ni zàishuōyibian. 请你再说一遍。 (Sagen Sie das bitte noch einmal!)

Zài zhōngguolüxíngzhīpiàokéyibukéyi yòng? 在中国 旅行支票 可不可以用吗? (Kann man in China mit Travellerschecks bezahlen?) (Hunold 2004: S. 3)

3.2. Melodisierung

Die Distribution des Wortakzents bildet die Grundlage für die Satzmelodie (Altmann/ Ziegenhain 2010: S. 51). Die Melodieführung eines Satz kann folgende Funktionen haben: Gliederungsfunktion (Strukturierung der lautsprachlichen Äußerung in zusammengehörige Sinneinheiten) oder distinktive Funktion (Aussagesatz, Fragesatz, Befehlsatz usw. (Svobodová 2009: S. 29). Im Deutschen lassen sich drei Melodiegrundtypen unterscheiden: der steigende (z. B. Aufforderungen), fallende (Aussagesätze) und ebene (Aufzählung) Typ (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 158-159; Hirschfeld/ Kelz/ Müller: S. 13) . Ähnlich wie im Deutschen, ist die Satzmelodie einer Aussage im Chinesischen im allgemeinen eben und gegen Ende schwach abfallend, z.B. Wǒài béijīng. 我爱北京。(Ich mag Peking). Steigende Satzmelodien gibt es in Fragesätzen und Teilsätzen, die nicht am Ende einer Aussage stehen. z.B. Ní hăo ma? 你好吗? (Wie geht’s dir?). Im Deutschen steigt diese in allgemeinen Fragesätzen auch an, wobei diese Aussage umstritten ist. Nach Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum (2001: S. 159) gibt es keine Fragesatzmelodie. Vielmehr ist zwischen verschiedenen Arten von Fragesätzen zu unterscheiden.

3.3. Rythmisierung

Jede Sprache organisiert die zeitliche Anordnung der Elemente des Sprechkontinuums in ihrer eigenen Weise. Als eine akzentuierende Sprache, ist die rhythmische Gliederung des Deutschen durch seine Akzentierung gekennzeichnet. Anders als Chinesisch, das zu den Silbenzählenden Sprachen gehört, ist im Deutschen die Verteilung der Silben auf der zeitlichen Achse recht ungleich (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 159). Nur die Zeitabstände zwischen den betonten Silben sind in etwa gleich (Svobodová 2009: S. 30). Bei entsprechend großer Silbenzahl führt dies im Deutsch zur quantitativen und qualitativen Reduktion, zur regressiven und progressiven Assimilation, zur Tilgung von Lauten und zu verschiedenen Formen von Verschleifungen (Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 159). Das Chinesisch hingegen hat keine Tendenz zur Reduktion und es erfolgt eine gleichmäßige Verteilung der Silben auf der zeitlichen Achse des Sprechkontinuums. Die Zeitabstände sind zwischen einzelnen Silben ungefähr gleich (vgl. Hunold 2004: S. 3; Helbig/ Götze/ Henrici/ Krum 2001: S. 159), z.B. wèi lán de tiān kōng 蔚蓝的天空 (blaues Himmel), wobei jede Silbe deutlich und fast gleichlang ausgesprochen werden. Die chinesische Aussprache wirkt daher fließend und singend.

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Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668724020
ISBN (Buch)
9783668724037
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428353
Note
1.7
Schlagworte
kontrastive analyse ausspracheabweichungen deutschlernenden

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Titel: Kontrastive Analyse der suprasegmentalen Ausspracheabweichungen von chinesischen Deutschlernenden