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Ethische Auseinandersetzung mit der Selbstaktualisierungstendenz nach Carl Rogers

Hausarbeit 2018 27 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anthropologische Grundannahmen Rogers
2.1 Der gute Kern des Menschen
2.2 Die Erfahrung als Grundlage des Seins
2.3 Das Selbstkonzept

3. Die (Selbst-) Aktualisierungstendenz nach Rogers
3.1 Die Aktualisierungstendenz
3.2 Die Selbstaktualisierungstendenz
3.3 Konsequenzen bei Nicht-Übereinstimmung

4. Rogers‘ Postulate für das Verhalten des Beratenden zur Förderung einer konstruktiven Selbstaktualisierung (Personenzentrierter Beratungsansatz)
4.1 Kongruenz
4.2 Bedingungslose Wertschätzung
4.3 Empathisches Verstehen

5. Die Selbstaktualisierungstendenz als Förderung eigenverantwortlichen Lebens
5.1 Definitionsversuch „Eigenverantwortlich leben“
5.1.1 Philosophische Definition
5.1.2 Sozialarbeiterische Definition
5.2 Der Personenzentrierte Ansatz als Mittel zur nachhaltigen Problembearbeitung
5.3 Vergleich mit anderen Konzepten
5.3.1 Martin Buber
5.3.2 Fritz-Rüdiger Volz

6. Zusammenfassung und abschließende Bewertung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fritz-Rüdiger Volz überschreibt den Kern der Ethik mit der Frage ‚Was soll ich tun?‘.[1] Diese Frage gilt für den Menschen in allen Situationen seines Lebens, wo es um Entscheidungen geht. In der Sozialen Arbeit wird die Frage vor allem dann zentral, wenn es darum geht, Menschen, die sich in Problemlagen befinden, zu helfen. Wie soll die Beziehung zwischen Sozialarbeiter/in und Klient/in ausgestaltet werden? Wie kann eine sinnvolle und nachhaltige Hilfe für den/die Klient/in aussehen? Ist der/die Sozialarbeiter/in Expert/in und somit Lösungsgeber/in für die Problemlage des/der Klient/in? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit mit Hilfe des Personenzentrierten Ansatzes nach Carl Ransom Rogers beantwortet werden. Spezifisch geht es dabei um die Fragestellung, wie mit Hilfe dieses Ansatzes und dem von Rogers entwickelten Persönlichkeitsmodell ein/e Klient/in dahingehend befähigt wird sein/ihr eigenes Leben in eigener Führung – sprich eigenverantwortlich – zu leben. Das Kernstück seiner Theorie bildet die sogenannte (Selbst-)Aktualisierungstendenz, welche er als Schlüssel zur Ausbildung der Fähigkeit, das eigene Leben selbst und in eigener Verantwortung zu führen, sieht. Dies wiederum würde den Menschen weitergehend dazu befähigen zukünftige Probleme selbst zu bewältigen und sich von einer externen Hilfe abzulösen – im weiteren Verlauf der Arbeit wird dies als „nachhaltige Problembearbeitung“ (siehe Kapitel 5.2) beschrieben.

Die Arbeit gliedert sich in vier Abschnitte. Zunächst werden zum Verständnis des Hintergrunds des Personenzentrierten Ansatzes die anthropologischen Grundannahmen Rogers erläutert. Ausgehend von diesen Erkenntnissen wird die Aktualisierungs- und Selbstaktualisierungstendenz beschrieben und erklärt. Im darauffolgenden Kapitel geht es dann um die sich daraus ergebenden Folgen für den Hilfe- bzw. Beratungsprozess mit dem/der Klient/in. Dabei stehen die drei Grundhaltungen Kongruenz, unbedingte Wertschätzung und empathisches Verstehen im Fokus, zu welchen jeweils die Frage beantwortet wird, wie genau diese Haltungen dazu beitragen können die Selbstaktualisierung konstruktiv, also für den/die Klientin positiv, zu fördern. Hier wird bereits der erste Teil der Fragestellung beantwortet. Im fünften Kapitel wird dann die zweite Hälfte beleuchtet, warum die konstruktive Förderung der Selbstaktualisierungstendenz auch gleichzeitig die Fähigkeit ein eigenverantwortliches Leben zu führen bestärkt. In diesem Kapitel werden zwei weitere Konzepte aufgezeigt, die Rogers Konzept sowohl widersprechen als auch unterstützen. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einer abschließenden Bewertung mit Blick auf die eigene Haltung und das sozialarbeiterische Handeln in der Praxis.

2. Anthropologische Grundannahmen Rogers

Um die Idee der Selbstaktualisierungstendenz und die Förderungsrelevanz dieser zu verstehen, ist es wichtig sich die anthropologischen Grundlagen Rogers näher anzusehen. Diese geben Aufschluss darüber in welchem Denkkonstrukt die Theorie einzubetten ist. Rogers selbst hat nie von Anthropologie gesprochen, jedoch fällt bei ihm der Begriff des ‚Menschenbildes‘ oder die Formulierung ‚Theorie der Persönlichkeit‘.[2] Hier wird ersichtlich, dass er sich mit der Frage auseinandersetzt, wie der Mensch in seinem Wesen zu erfassen ist. Wichtig zu nennen ist, dass es nicht Rogers‘ Anspruch ist „ein umfassendes System von Regeln zu liefern, denen menschliches Verhalten zu folgen pflegt.“[3] Für Rogers sind diese Annahmen vielmehr eine „philosophische Basis“[4], die ihm die Rechtfertigung geben sich für eine lebensbejahende Seinsweise zu engagieren.[5]

2.1 Der gute Kern des Menschen

Rogers beschreibt den Kern des Menschen als „von Grund auf sozial, vorwärtsgerichtet, rational und realistisch“[6]. Unter dem Kern ist zu verstehen, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht – die tiefste emotionale Schicht sozusagen.[7] Diese Überzeugung Rogers steht in Kontrast mit anderen Grundannahmen über die Natur des Menschen, wie beispielsweise Sigmund Freuds Theorie, die davon ausgeht, dass der Mensch primär von seinen Instinkten beherrscht wird, woraus destruktive Verhaltensweisen resultieren würden.[8] Der Mensch müsse Herr über diese Instinkte werden und diese kontrollieren. Rogers entgegnet dieser Auffassung, dass dort, wo sich „Menschsein nicht frei vollziehen kann, […] der Mensch aggressive, destruktive, asoziale und grausame Verhaltensweisen [zeigt]. Sie sind als Abwehr- und Angstreaktionen zu betrachten, die die tiefste menschliche Schicht zudecken“[9]. Somit kann festgehalten werden, dass Rogers eine optimistische Sichtweise auf das Menschsein hat und nach ihm destruktive Verhaltensweisen aus den äußeren Umständen entstehen, die den Mensch hemmen konstruktiv und sozial zu leben. Nach Pervin zolle Rogers hiermit dem menschlichen Dasein gegenüber großen Respekt, welcher sich spürbar auf seine gesamte Theorie übertrage.[10]

2.2 Die Erfahrung als Grundlage des Seins

Rogers bezeichnet die Welt als ein „Erfahrungsfeld“[11], worunter alles fällt, was ein Individuum erfährt. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob dem Individuum die Erfahrung bewusst verfügbar ist oder nicht.[12] Wenn das Individuum eine Erfahrung erlebt, die in ihr Bewusstsein dringt, kann es darauf zugreifen und diese symbolisieren. Die Symbolisierung einer Erfahrung äußert sich darin, dass sich der Mensch dieser Erfahrung gewahr wird und dies auch so benennen kann (Beispiel: ‚Ich bin jetzt traurig.‘).[13] Im besten Falle symbolisiert der Mensch die Erfahrung so, dass sie auch mit seinem Selbst übereinstimmt, andernfalls ist die Symbolisierung verzerrt.[14] Des Weiteren ist festzuhalten, dass nur ein geringer Teil der Erfahrungen es schafft in das Bewusstsein des Individuums vorzudringen, um dann symbolisiert zu werden – der Großteil bleibt unbewusst.[15] Gleichzeitig trifft es zu, dass „ein großer Teil dieser Welt der Erfahrung [Erfahrungsfeld] dem Bewußtsein zugänglich ist und bewußt werden kann, wenn das Bedürfnis des Individuums bewirkt, daß gewisse Empfindungen in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden, weil sie mit der Befriedigung eines Bedürfnisses zusammenhängen.“[16] Von außen sei es unmöglich das Erfahrungsfeld des Individuums vollständig zu erkennen und zu benennen, vor allem wie die einzelnen Erfahrungen vom Individuum wahrgenommen werden.[17] Dieser Umstand ist nur dem Individuum selbst bekannt. Jedoch ergänzt Rogers, dass es bestimmte Vorrausetzungen bedarf, um Impulse oder Gefühle, welche er als mögliche Erfahrungen nennt, in das Bewusstsein eindringen zu lassen. Welche Bedingungen das sind, nennt er an dieser Stelle nicht, ihm geht es vielmehr herauszustellen, dass ganz allein das Individuum selbst potentiell die einzige Person ist, die das eigene Erfahrungsfeld vollständig kennen kann: „Ein anderer kann es nie so voll und ganz kennen wie ich“[18].

Hinzu kommt Rogers‘ Annahme, dass ein Individuum immer so auf Erfahrungen reagiert, wie diese von ihm wahrgenommen werden: Er nennt das ein „Wahrnehmungsfeld“[19], welches für das Individuum zur Realität wird. Diese Realität ist jedoch nur eine Ansammlung von eigenen Hypothesen, die wir ständig überprüfen: Rogers nennt das Beispiel von einem Glas Salz. Sieht eine Person dieses Glas Salz und benennt dieses auch so, ist das für die Person in dem Moment die Realität. Wen die Person nun das Salz probiert und es schmeckt salzig, wird ihre Wahrnehmung bestätigt. Sollte sie hingegen etwas Süßes schmecken, verändert die Person ihre Interpretation und benennt den Stoff im Glas folglich nicht mehr als Salz, sondern als Zucker.[20] Daneben gibt es zahlreiche Hypothesen, die eine Person nicht überprüft oder nicht überprüfen kann. Jedoch integriert die Person diese Hypothesen genauso in ihr Realitätsbild und spricht ihr gleich großes Gewicht zu, wie den Hypothesen, die sie überprüft hat.[21] Dieser Umstand ist deshalb so wichtig für Rogers‘ Theorie der Personenzentrierten Interaktion und der Idee der Selbstaktualisierungstendenz (Siehe Kapitel drei), da es zeigt, dass es durch die Selbstreflexion der eigenen Wahrnehmungshypothesen, vor allem derer, die nicht überprüft werden, möglich ist, eine Veränderung der Wahrnehmungsperspektive zu erwirken, woraus sich dann eine Änderung im eigenen Verhalten ergibt.[22] Wenn zum Beispiel ein Mensch erkennt, dass er ein Leben in äußeren Abhängigkeiten führt, kann das dazu führen, dass er diesen entsagt und nun eigenverantwortlicher lebt. Hier ändert sich die Wahrnehmung der Umwelt und so wiederum die Wahrnehmung des eigenen Selbst, welches nun so aktualisiert wird, um es mit dem neuen Erfahrungsschatz in Einklang zu bringen. In Kapitel fünf dieser Arbeit wird dieses Beispiel genauer erläutert.

2.3 Das Selbstkonzept

Rogers umschreibt das Selbstkonzept „als eine organisierte Konfiguration von Wahrnehmungen des Selbst, die dem Bewusstsein zugänglich sind. Es setzt sich zusammen aus Elementen wie den Wahrnehmungen der Charakteristika und der Fähigkeiten der Person; den Wahrnehmungen und Vorstellungen vom Selbst in Bezug zu anderen und zur Umgebung; den Wertgehalten, die als verbunden mit Erfahrungen und Objekten wahrgenommen werden; und den Zielen und Idealen, die als positiv oder negativ wahrgenommen werden.“[23] Somit entsteht das Selbstkonzept eines Menschen in der Auseinandersetzung mit seinem oben genannten Erfahrungsfeld. Es werden Erfahrungen mit der Welt und insbesondere mit anderen Menschen symbolisiert, bewertet und abgespeichert. Neben der eigenen Bewertung fließt in das Selbstkonzept aber auch die Fremdbewertungen mit ein, welche mitunter stärker wirken als die „organismische Eigenbewertung“[24].[25] Um das Selbstkonzept zu erhalten, hat der Mensch nach Rogers die Veranlagung nach diesem Selbst zu handeln und die internalisierten Wertvorstellungen auch real zu leben. Die Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht, kann er nur in sein Selbst integrieren, wenn sich diese auch mit seinem Selbstkonzept decken.[26] Macht ein Mensch hingegen eine Erfahrung, die nicht mit dem Selbstkonzept übereinstimmt, wird der Mensch die Erfahrung verzerrt symbolisieren oder gar verleugnen.[27] Alois Suter gibt hierfür ein anschauliches Beispiel: „Ein Schüler, der sich selbst als mathematisch unbegabt einstuft […], wird einen ungewöhnlichen Prüfungserfolg entweder bewusst vor dem Selbst leugnen, aktiv vergessen, ihn dem Zufall zuschreiben oder der leichten Prüfung anlasten“[28]. Somit unterliegen die gemachten Erfahrungen immer der Bewertung des in dem Moment bestehenden Selbstkonzeptes: „Das Selbst […] ist entscheidend an seiner eigenen Differenzierung beteiligt.“[29]

3. Die (Selbst-) Aktualisierungstendenz nach Rogers

Einer der wichtigsten Aspekte in Carl Rogers‘ Konzept der Personenzentrierten Interaktion ist die sogenannte Aktualisierungstendenz, die untrennbar mit der Selbstaktualisierungstendenz zusammenhängt. Im Folgenden werden beide erläutert.

3.1 Die Aktualisierungstendenz

Rogers geht davon aus, dass „in jedem Organismus auf jedweder Entwicklungsebene eine Grundtendenz zur konstruktiven Erfüllung der ihm innewohnenden Möglichkeiten vorhanden ist“[30]. Diese Annahme ist für ihn universal auf alle Organismen anzuwenden, denn auch Tiere oder Pflanzen leben immer mit der Tendenz zu wachsen und zu werden.[31] Der Kritik, dass sich nach dieser Theorie auch ein Organismus auf die eigene Selbstzerstörung aktualisieren könne, entgegnet er, dass sich der Organismus immer darauf hin ausrichten wird, was für ihn förderlich ist. Die Aktualisierungstendenz ist immer selektiv und konstruktiv.[32] Dies steht in Übereinkunft mit den in Kapitel 2 erläuterten anthropologischen Grundlagen. Die Aktualisierungstendenz ist „die grundsätzliche Fähigkeit des Organismus, sich selbst zu erhalten und sich weiterzuentwickeln“[33]. Organismus meint hierbei die physische und psychische Ganzheit des Menschen. Wenn der Mensch eine Erfahrung macht, bewertet die Aktualisierungstendenz, ob die erlebte Erfahrung für den Organismus als Ganzem förderlich oder hemmend ist.[34] Das Bewertungskriterium, ob es für den Organismus als Ganzem förderlich ist, ist hier von zentraler Bedeutung und macht den Unterschied zur Selbstaktualisierungstendenz aus. Auch Tiere und Pflanzen sind geprägt von äußeren Einflüssen, mit welchen sie umzugehen haben – die Aktualisierungstendenz ‚betrachtet‘ diese Einflüsse und lässt den Organismus auf eine bestimmte Art und Weise, die der Erhaltung des eigenen Organismus dient, reagieren.[35] In der infrahumanen Natur vollzieht sich Leben somit mit einer hohen Effizienz. Organismen machen auch in der Natur Fehler, jedoch korrigieren sie diese mit Hilfe von Rückmeldung, welches sie unmittelbar beim Erleben eines Fehlers bekommen[36]: „Diese Art von relativ integriertem, selbstreguliertem Verhalten, das auf Selbsterhaltung und Bedürfnisbefriedigung gerichtet ist, scheint in der Natur eher die Regel als die Ausnahme zu sein.“[37]

3.2 Die Selbstaktualisierungstendenz

Die Selbstaktualisierungstendenz ist als integraler Bestandteil der soeben beschriebenen Aktualisierungstendenz zu verstehen. Sie dient der Aufrechterhaltung des Selbstkonzeptes (Siehe Kapitel 2.3), denn der Mensch bewertet nun nicht nur, ob eine Erfahrung für den Organismus als Ganzem, sondern auch für das Selbstkonzept, förderlich ist.[38] Im Selbstkonzept sind vor allem die Vorstellungen über die eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen und den durch Sozialisation angeeigneten Wertvorstellungen verankert, welche der Mensch gewillt ist zu erhalten. Der Mensch wird der Erhaltung des Selbstkonzeptes häufig Vorrang vor der Entfaltung, sprich der Weiterentwicklung des Selbstkonzeptes durch die Integration neuer Erfahrungen, einräumen[39]. Daraus folgt, dass neue Erfahrungen, die nicht sofort in das Selbstkonzept integriert werden können, abgewehrt oder wie oben beschrieben verzerrt symbolisiert werden. Die folgende Abbildung veranschaulicht dies.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die (Selbst-) Aktualisierungstendenz nach Weinberger / Papastefanou 2008[40]

Nach Weinberger fallen im besten Falle „Aktualisierungstendenz und Selbstaktualisierungstendenz zusammen, d. h., der Mensch kann das, was gut für seinen Organismus ist, auch in sein Selbstkonzept integrieren. Das ist dann die ‚fully functioning person‘, damit ist eine Person gemeint, die alle Erfahrungen – positive wie negative – vollständig wahr- und annehmen kann“[41]. Bei solch einer Person würden von außen gesetzte Normen oder jedwede Fremdbewertung hinfällig, denn sie würde voll auf ihren Organismus hören, der die Erfahrungen bewertet.[42] Gleichzeitig meint das jedoch nicht, dass der Mensch über keine innere Bewusstseinsstruktur verfügen würde: „Vielleicht ist es zutreffender zu sagen, daß bei einem solchen Menschen Bewußtsein einfach eine Reflexion des inneren Fließens des Organismus in diesem Augenblick darstellt“[43].

3.3 Konsequenzen bei Nicht-Übereinstimmung

Die „fully functioning person“ ist eine utopische Idee vom Menschsein und ist als ein Ideal zu verstehen, in welche Richtung es sich lohnt in der eigenen Entwicklung zu streben. Im Leben fallen beide Tendenzen nicht immer zusammen. Was dies zur Folge hat, soll in hier erläutert werden.

Sobald sich der Mensch von Idealen, Zielen und Ideen leiten lässt, die in seinem Selbstkonzept verankert sind, aber mit der (organismischen) Aktualisierungstendenz unvereinbar sind, stellt sich eine Unzufriedenheit und Gespaltenheit im Menschen ein.[44] Man könnte dies als Selbstentfremdung bezeichnen, da die Person Erfahrungen nicht mehr eindeutig zuordnen kann und diese ggf. verzerrt einordnet. Diese Verzerrung schränkt die Möglichkeit zur Integration neuer Erfahrungen ein.[45] Hierzu ein Beispiel: Hat eine Klientin häufig Erfahrungen der Ablehnung im Kontakt mit Männern gemacht, so ist die Chance groß, dass sie auch eine objektiv angenehme und wertschätzende Begegnung mit einem Mann als ablehnende Erfahrung verbuchen wird, da sie in ihrem Selbstkonzept ein Bild von Männern verinnerlicht hat, welches zwangsläufig mit Ablehnung ihrer Person gegenüber verbunden ist. Ein Hemmnis für die Übereinstimmung der beiden Tendenzen sind auch die sogenannten Fremdbewertungen, sprich Verhaltensweisen und Denkmuster, die durch andere Menschen (oft die eigenen Eltern) introjiziert worden sind.[46] Wird beispielsweise einem Kind beigebracht es habe seine Mutter zu lieben, um selbst von dieser geliebt zu werden, so wird das Kind auftretende Gefühle von Zorn und Hass der Mutter gegenüber ignorieren und verneinen.[47] Gleichzeitig wird sein/ihr Organismus eine Möglichkeit suchen diese Gefühle zu „zeigen“, zum Beispiel in einer völlig anderen Situation, wie dem gemeinsamen Essen, wo „es sein Essen auf den Boden wirft, [was] aber […] als ‚Mißgeschick‘ [gilt]“[48]. So wird das eigentliche Gefühl des Kindes nie thematisiert und lässt seine/ihre Diskrepanz unbearbeitet. Rogers nennt hierfür die Bezeichnung des dissoziierten Menschen, „der am besten als jemand beschrieben [wird], der sich bewusst von verinnerlichten statischen, starren Konstrukten leiten lässt, unbewusst hingegen von der Aktualisierungstendenz […] Diese Dissoziation, die in den meisten von uns vorhanden ist, stellt das Grundmuster und die Basis jeglicher psychologischer Pathologie des Menschen dar, und sie ist auch die Basis einer gesamten sozialen Pathologie“[49]. Zusammengefasst stellt die Nicht-Übereinstimmung der beiden Tendenzen den Grund für schwere psychische Belastungen dar. Um diese Dissoziation zu bearbeiten, entwickelte Rogers die Personenzentrierte Interaktion, die im folgenden Kapitel vorgestellt wird.

4. Rogers‘ Postulate für das Verhalten des Beratenden zur Förderung einer konstruktiven Selbstaktualisierung (Personenzentrierter Beratungsansatz)

Soeben wurde die Selbstaktualisierungstendenz als die treibende Kraft im Menschen beschrieben und dass bei Nicht-Übereinstimmung mit der organismischen Aktualisierung der Mensch sich von sich selbst entfremden kann. Um dem entgegenzuwirken, erscheint es sinnvoll an der Selbstaktualisierung des Menschen zu arbeiten und diese wieder näher in Einklang mit der organismischen Aktualisierungstendenz zu bringen. Rogers geht davon aus, dass das Individuum schon über die Möglichkeiten verfügt „sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellungen und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern“[50]. Jedoch muss das Klima, in welchem der Mensch auf eine Veränderung hinarbeitet, so gestaltet sein, dass es diesen Vorgang fördert. Zur Herstellung dieses Klimas müssen verschiedene Bedingungen, die sowohl die beratende Person an sich, als auch die Beziehung zwischen Klient/in und Berater/in betreffen, erfüllt sein, damit eine erfolgreiche Beratung für eine/n Klient/in zustande kommen kann.[51] Im Folgenden werden diese Bedingungen erläutert.

[...]


[1] Vgl. Volz 1993, S. 25.

[2] Vgl. Suter 1986, S. 94.

[3] Suter 1986, S. 95.

[4] Rogers 1983, S. 84.

[5] Vgl. Rogers 1983, S. 84.

[6] Rogers 2016a, S. 100.

[7] Vgl. Rogers 2016a, S. 99.

[8] Vgl. Rogers 2016a, S. 100.

[9] Suter 1986, S. 96.

[10] Vgl. Pervin 1993, S. 196.

[11] Rogers 2003, S. 418.

[12] Vgl. Rogers 2003, S. 418.

[13] Vgl. Rogers 2003, S. 418.

[14] Vgl. Weinberger 2013, S. 26.

[15] Vgl. Rogers 2003, S. 418.

[16] Rogers 2003, S. 418.

[17] Rogers 2003, S. 419.

[18] Rogers 2003, S. 419.

[19] Rogers 20003, S. 419.

[20] Vgl. Rogers 2016a, S. 420.

[21] Vgl. Rogers 2016a, S. 421.

[22] Vgl. Suter 1986, S. 100.

[23] Rogers 2003, S. 135.

[24] Suter 1986, S. 101.

[25] Vgl. Suter 1986, S. 101.

[26] Vgl. Suter 1986, S. 102.

[27] Vgl. Suter 1986, S. 102.

[28] Suter 1986, S. 102.

[29] Suter 1986, S. 102.

[30] Rogers 1983a, S. 69.

[31] Vgl. Rogers 1983a, S. 70.

[32] Vgl. Rogers 1985, S. 270.

[33] Weinberger 2013, S. 24.

[34] Vgl. Weinberger 2013, S. 25.

[35] Vgl. Rogers 1983a, S. 70.

[36] Vgl. Suter 1986, S. 103.

[37] Rogers 1985, S. 272.

[38] Vgl. Weinberger 2013, S. 26.

[39] Vgl. Weinberger 2013, S. 26.

[40] Vgl. Weinberger 2013, S. 25.

[41] Weinberger 2013, S. 27.

[42] Vgl. Suter 1986, S. 104.

[43] Rogers 1985, S. 273.

[44] Vgl. Suter 1986, S. 104.

[45] Vgl. Rogers 2016a, S. 122.

[46] Vgl. Rogers 1985, S. 275.

[47] Vgl. Rogers 1985, S. 275.

[48] Rogers 1985, S. 275.

[49] Rogers 1985, S. 276.

[50] Rogers 1983a, S. 66.

[51] Vgl. Rogers 1983a, S. 67.

Details

Seiten
27
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668721999
ISBN (Buch)
9783668722002
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428339
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Schlagworte
Carl Rogers personenzentriert personenzentrierte interaktion selbstaktualisierungstendenz eigenverantwortlich leben soziale arbeit ethik ethische auseinandersetzung rössler martin buber fritz-rüdiger volz

Autor

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Titel: Ethische Auseinandersetzung mit der Selbstaktualisierungstendenz nach Carl Rogers