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Alain René Lesage mit seinem Roman L`Histoire de Gil Blas de Santillane und dessen Themenkreisen

Seminararbeit 1998 18 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung
Alain René Lesage
Über seinen Roman “L’Histoire de Gil Blas de Santillane“

“L’Histoire de Gil Blas de Santillane“
Zusammenstellung der Episoden im Roman
Schauplatz
Namen
Milieu
Spanien - Frankreich
Stil, Hauptzweck und Lehre
Vorbemerkung des Verfassers
Gil Blas an den Leser
Die Personen
Gil Blas
Die Abenteurer und Hochstapler
Die Knechte
Die Komödianten
Die Autoren
Die Ärzte
Die Geistlichkeit
Der Adel
Die Anständigen Leute

Abschließende Bemerkung
Abenteuer
Geld
Liebe
Schlußsatz
Zitat

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

Alain René Lesage

Nach seinem Jurastudium beschloß Lesage, durch Neigung und Begabung bestärkt, von Beruf Schriftsteller zu werden. Er hatte weder einen Gönner noch eine aussichtsreiche Stelle, mußte aber seine Frau und vier Kinder ernähren. Im Folgenden wurde Lesage unter eine Art Zwang gestellt, den, immer wieder zu schreiben. Glücklicherweise lieferten ihm die Gesellschaftsschichten, die Geistlichen und die Finanziers, die er hatte kennen und erkennen lernen, genügend Stoff. Manchmal hat er auch etwas aus Vorlagen zusammengeflickt, so zum Beispiel beim Verfassen von fast 50 Lustspielen in neun Jahren. Dabei standen ihm obskure Helfer zur Seite. Jedoch, als ausgezeichneter Stilist und sehr guter Beobachter seiner Mitmenschen hat er es immer wieder geschafft, etwas Eigenes daraus zu machen. Seine Satire ist voller Beobachtungen der menschlichen Schwächen. Durch das viele und gegen Ende seiner Karriere sehr schnelle Schreiben, hat er manches seiner Werke beschädigt. Nicht beschädigt werden, kann sein Ruf als wahrer Begründer des realistischen Romans, den er spätestens seit dem XIX. Jahrhundert hat. Die Leser des 18. Jahrhunderts konnten schon, ohne zu Zögern, unter seinen Porträts Namen nennen. Auf der anderen Seite hat er sich damit nur an die Tradition des XVII. Jahrhunderts (Sorel, Furetière) gehalten. Wie auch immer, Lesage nennt jedenfalls konkrete Dinge, die sowohl den Szenen eine glauwürdige Existenz verleihen, als auch den Personen einen Körper, und die die Erzählung in eine sensible Zeit versetzen. Nicht beabsichtigt ist, daß Lesage's Anspielungen auf wirkliche Geschehnisse oder Mythen der griechischen oder römischen Geschichte die Gelehrsamkeit des Autors demonstrieren, sondern komische Gegensätze zwischen dem Adel der Helden oder den alten Göttern und der Mittelmäßigkeit der Personen des Romans herstellen.[1]

Die führenden Geister seiner Zeit blickten Richtung England. Im Gegensatz dazu, beschäftigte er sich sein Leben lang mit Spanien. Allerdings war sein Bild von Spanien nicht nur französisch, sondern auch romantisch anstatt aufklärerisch. Eine Reise in das Land wollte er auf keinen Fall unternehmen, um sich dieses sein imaginäres Bild zu bewahren.

Über seinen Roman “L’Histoire de Gil Blas de Santillane“

Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Romans, stieg der Roman selbst langsam zu einer literarischen Gattung auf, da seine Funktion des Erziehens bzw. Nützens und Belustigens in einer neuen ernstzunehmenden Weise erfüllt wurde.[2]

Aufgrund der Bezeichnung des hier zu betrachtenden Romans als roman comique oder roman picaresque, Schelmenroman, gesellt dieser sich zu den realistischen Romanen von Sorel bis Furetière. In ihm malt Lesage realistisch-satirisch, nicht nur in gewaltigem Maß, sondern auch einer ungezwungen Folge herrlicher Impressionen, ein kleines Sittenbild aller Höhen und Tiefen des Lebens des Emporkömmlings Gil Blas de Santillane.

Der Schelmenroman erlebte seine erste Blüte im 15. bis 17. Jahrhundert in Spanien. Soweit nachweisbar, reicht er von Defoe über Fielding und Smollett bis hin zu Thomas Mann. In dieser Reihe stellt der Gil Blas von Lesage einen Gipfelpunkt dar.

“L’Histoire de Gil Blas de Santillane“

Gil Blas ist einer der wenigen Romane, den man mit Vergnügen liest, und immer wieder lesen kann. Manches geschilderte Ereignis dieses Lebensberichtes soll dem Leser eine Lehre erteilen. Gil Blas’ Anpassungsfähigkeit ermöglicht ihm, vom Diener zum Geadelten aufzusteigen. Damit wird nicht nur die Durchlässigkeit der Klassenschranken dargestellt, sondern auch der Beginn einer sozialen Mobilität, die den Helden, der sich ihrer als erster bedient, zum Identifikationsmuster des bürgerlichen Publikums werden läßt. Das dürfte zum ersten einen Teil des großen Erfolges erklären.

In diesem Werk hat Lesage Picaro-Romane, Stücke italienischer und spanischer Herkunft, Reiseberichte, politische und geographische Schriften, Denkschriften, Anekdoten, Theaterstücke, Übersetzungen frei verarbeitet. Trotz dieser Menge Material sind Einheit und Gesamstimmung sehr eindrucksvoll. Sie reizen den Leser, sich des Buches anzunehmen, was offensichtlich vielmals geschehen ist. Es ist ein Original daraus enstanden.[3]

1715 erschien der erste Band der Histoire de Gil Blas de Santillane, Bücher I-VI. Durch die Veröffentlichungen eines zweiten Bandes 1724, Bücher VII-IX, und dritten 1735, Bücher X-XII, förderte Lesage den Erfolg seines Helden. Angesichts dieser langen benötigten Zeit, überblickt der Leser einen Zeitraum von zwanzig Jahren - von den letzten Lebensjahren Ludwigs XIV. über die Epoche der Régence bis hin zum katastrophalen Zusammenbruch der französischen Finanzen, - eine Phase des zunehmenden sozialen und kulturellen Zerfalls. 1747 gab Lesage eine endgültige Fassung heraus, die von einigen Literaturkritikern als mit unglücklichen Korrekturen gefüllt bezeichnet wird.

Inhaltlich erfordert der Roman eine vertiefte Kenntnis der spanischen Literatur, und zwar der Epoche unter den Königen Philipps III. und IV. Im Roman ist diese während der Jugend und Reife Gil Blas’ zu finden.[4]

Zusammenstellung der Episoden im Roman

Da sich manche Ereignisse nicht mit anderen verknüpfen, scheint die Anordnung der Episoden dem Gesetz des Zufalls zu unterliegen. Weil Lesage aber die einzelnen Klassen darstellen wollte, um Mängel und Fehler einer Epoche zu symbolisieren, ist das nicht notwendig. Außerdem könnten einige Episoden gestrichen werden, ohne das Werk groß zu verändern. So geschehen im Buch des Insel Verlags von 1986. Dort wurde, da sich innerhalb von zwei Jahrhunderten sowohl einiges an der Zeit als auch am Leser geändert hat, eine Bearbeitung vorgenommen. Erzählungen und Lebensläufe der Nebenpersonen wurden ausgelassen und sich auf sie beziehende Stellen gestrichen, soweit es Textverständnis und Bedeutung der Person hergaben. Fest steht, daß es im 17. Jahrhundert in Spanien üblich war, neu hinzutretende Personen mittels ihrer Lebensgeschichten in Erzählungsform einzuführen. Ihnen anzurechenen ist, daß sie von Rache, Duellen, Tränen, Schwüren, Edelmut, Verrat, Räuberehre und Aufschneiderei getränkt sind.[5]

In den drei erschienenen Bänden sind erstens, Jugend und erste Erfahrungen des Erzählers Gil Blas, zweitens seine Reife und drittens die Weisheit des Alters vereint. Im ersten Teil bilden Gil Blas’ Straßen- und Bettelabenteuer den Hauptgegenstand. Zum Zeitpunkt ihres Geschehens ist er noch unerfahren. Das wird anhand eines heiter und unbeschwerten Tons demonstriert. Diesem Teil folgt, als der Held am Madrider Hof sozial aufzusteigen beginnt, eine bisweilen sehr spitze Satire. Das Buch wird zum Schlüsselroman.

Die Handlung auch nur nahezu vollständig wiederzugeben zu versuchen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen.

Schauplatz

Da Lesage ein erfolgreicher Dramatiker war und Molière nacheiferte, folgte er dessen Grundsatz, das Gut dort zu belassen, wo er es findet. Er hat erstens seinen Helden Gil Blas in Zeit und Raum versetzt, weil in der spanischen Literatur ein Hinweis auf eine derartige Handlung zu finden war, und zweitens, weil sich die Frankreicher Öffentlichkeit mit den Affären Spaniens beschäftigte. Außerdem war es ein Selbstschutz. Sich öffentlich gegen die Mächtigen seiner Zeit zu äußern, wäre zu gefährlich gewesen. Also berichtete er über den Herzog von Lerma und den Graf-Herzog Olivares anhand durchgeführter Beobachtungen an den Regenten und dem Abt Dubois.[6]

Namen

Im Gil Blas gibt es zahlreiche identifizierbare Anspielungen auf zeitgenössische Zustände und Personen. Zu damaliger Zeit kannte man die Personen, weil man mit ihnen gelebt hatte, fand sie jeden Augenblick wieder. Die ausgezeichnete Darstellung der Günstlingswirtschaft am spanischen Hof für die Lesage drei historische Werke zu Rate gezogen hat, ist direkt auf den französischen Hof ausgerichtet. Trotz der Vorbemerkung des Autors, niemanden kennzeichnen zu wollen, wußten die Leser von damals ganz genau, woran sie waren. Es existieren noch Exemplare der ersten Originalausgaben des Gil Blas, in denen Zeitgenossen die wahren Namen der gezeichneten Persönlichkeiten an den Rand notiert haben. Natürlich gab Lesage seinen Karikaturen andere Namen, veränderte sie auch in Form der Buchstabenverstellung, aber immer so, daß seine Anagramme vom zeitgenössischen Leser leicht zu entziffern waren. Der Salon der Mme. de Lambert beispielsweise, im Roman Mme. de Chaves, schien leicht identifizierbar.[7]

Da sich Voltaire in der Karikatur eines Schauspielautors erkennen mußte, war er Lesage dafür nicht nur ein Leben lang böse, sondern scholt ihn auch als erster, ein Imitator zu sein. Lesage hätte einen Roman von Vincente Espinel oder ein verlorengegangenes Manuskript kopiert. Das sind jedoch gewagte Behauptungen, da man auf nur wenigen Seiten Spuren dieses Romans entdecken kann.

Milieu

Unser Held erlebt seine Abenteuer in allen sozialen Milieus. Auch viele Vertreter der untersten Volksschichten tauchen bereits auf. Doch der Tradition nach, die es nicht zuläßt, daß diese Volksschichten literarisch ernstgenommen werden, bleibt Lesage dabei, sie nur in komischem Licht und unernster Beschreibung erscheinen zu lassen.[8]

In seiner getarnt lebensechten Darstellung betont er außerdem die allgemeinen Zustände von Paris und Frankreich. Er beginnt bei der Unsicherheit der Straßen und dem Polizeiterror ohne Gerichtsverfahren. Es folgen der mangelnde Schutz persönlicher Freiheit und des Eigentums. Erst im Machtbereich des zum allerhöchsten Günstling Avancierten hört er auf. So wird der Roman zum ausführlichen Rundblick mit immer wechselndem Schauplatz.

[...]


[1] vgl.: E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 61-67. und: M.-S. Séguin Histoire de la littérature en France 1992, S. 28.

[2] vgl.: E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 68-72. und: A.R. Lesage Gil Blas - zweiter Band 1964, S. 522-536.

[3] vgl.: E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 70-72.

[4] vgl.: A.R. Lesage Gil Blas - zweiter Band 1964, S. 522-536.

[5] vgl.: E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 70. und: A.R. Lesage Gil Blas - zweiter Band 1964, S. 521. und: A.R. Lesage Gil Blas 1986, S. 511-517.

[6] vgl.: A.R. Lesage Gil Blas 1934, S. 12.

[7] vgl.: E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 72. und: J.-P. Beaumarchais Dictionnaire des œuvres littéraires 1994, S. 816.

[8] E. Köhler Frühaufklärung 1983, S. 72. und: A.R. Lesage Gil Blas - zweiter Band 1964, S. 519.

Details

Seiten
18
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638126519
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4283
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Romanistik
Note
2
Schlagworte
Lesage Roman Gil Blas 18. Jahrhundert französische Literatur

Autor

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