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Geschlechterrollen in den Romanen "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun und "Kleiner Mann – was nun?" von Hans Fallada

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Neuen Sachlichkeit

3. Rollenbilder im frühen 20. Jahrhundert
3.1 Die „Neue Frau“
3.2 Der „Neue Mann“

4. Das kunstseidene Mädchen
4.1 Doris
4.2 Doris und die Männer

5. Kleiner Mann – was nun?
5.1 Lämmchen
5.2 Pinneberg

6. Fabian

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Menschen verfügen über verschiedene Identitätsmerkmale, dazu zählt auch das Geschlecht. Seit Anbeginn der Zeit wird zwischen „männlich“ und „weiblich“ unterschieden – eine Rolle dabei, ob eine Person als „männlich“ oder „weiblich“ angesehen wird, spielen aber nicht nur die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale einer Person, sondern auch die Art und Weise wie sie spricht, sich verhält und sich kleidet. Heutzutage scheinen die Grenzen zwischen Mann und Frau immer mehr zu verschmelzen. Männer können Attribute annehmen, die als „weiblich“ gelten, ohne Verachtung fürchten zu müssen. Andersherum gilt dasselbe. Doch wie war es zum Höhepunkt der Neuen Sachlichkeit und der damit Hand in Hand gehenden Weimarer Republik?

Die nachfolgende Arbeit soll, nach einer kurzen Definition der Neuen Sachlichkeit und ihrer Thematik und Motivik, einen Überblick über die Geschlechterrollen in der Weimarer Republik geben. Welche Frauentypen gab es? Was macht diese speziellen Frauentypen aus? Was galt als besonders männlich oder unmännlich?

Als Grundlage dazu dient die entsprechende Sekundärliteratur. Im nachfolgenden Teil werden die herausgearbeiteten Aspekte auf den neusachlichen Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun angewandt. Besonderer Fokus liegt dabei auf dem Frauenbild: zu welchem Typus der „Neuen Frau“ lässt sich Doris zuordnen und inwieweit spiegelt sie das vorherrschende Frauenbild der damaligen Zeit wieder? Auch das Männerbild der frühen 1930er Jahre soll, besonders unter dem Gesichtspunkt, wie Doris die Männerwelt sieht und behandelt, reflektiert werden. Das nächste Kapitel behandelt Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“. Charakterisiert werden insbesondere die Hauptcharaktere Emma „Lämmchen“ Mörschel und Johannes Pinneberg unter besonderer Berücksichtigung des damaligen Männerbildes. Darauf folgt ein kleiner Exkurs zu Erich Kästners „Fabian“ und den darin auftauchenden verschiedenen Männer- und Frauenbildern.

Den Schluss dieser Arbeit bildet das Fazit. Darin wird zusammengefasst, ob die untersuchten Romane die Geschlechterrollen der 1920er und 1930er Jahre realitätsgetreu repräsentieren und wo eventuell vorhandene Unterschiede liegen. Das Fazit fasst die wichtigsten Punkte noch einmal zusammen und geht den einleitenden Fragen nach.

2. Definition der Neuen Sachlichkeit

Als „Neue Sachlichkeit“ bezeichnet man eine Strömung in der Literatur und Kunst, welche gegen Ende des Ersten Weltkrieges begann. Sie endete circa 1933, als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernahmen. Eingeführt wurde der Begriff bereits vor dem Ersten Weltkrieg von dem deutschen Schriftsteller Alfred Döblin. Er forderte objektive Schreibweisen und eine Orientierung an Objekten[1], was typisch für diese Strömung ist. Weitere Motive, die sich in den Werken der Neuen Sachlichkeit gehäuft finden lassen, sind die Rolle der Frau, die Großstadtmotivik – insbesondere Berlin wird, wie auch am Beispiel der hier untersuchten Romane, gerne als Schauplatz genutzt – Film und Kino und die Arbeiterschicht. Die Sprache ist sachlich und nüchtern. Das Leben soll „[…] in einem dokumentarischen, quasi fotografischen Verfahren […] abgebildet und gestaltet werden, weshalb innere Vorgänge, wie Gefühle, weitgehend ausgespart bleiben.“[2] In einer Zeit, in der es so viele Veränderungen, so viel „Neues“ gab, kam die Neue Sachlichkeit gelegen. Laut Solvejg Müller erreichte sie gerade durch ihre leichte Lesbarkeit und den Verzicht auf experimentelle Darstellung ein großes Publikum.[3]

3. Rollenbilder im frühen 20. Jahrhundert

Das frühe 19. Jahrhunderte war eine einflussreiche Zeit, in denen maßgebliche Veränderungen in Kraft traten. So wurde beispielsweise 1919 das Frauenwahlrecht eingeführt. Männer zogen in den Krieg, während viele Frauen der Alleinverdiener in ihrer Familie waren. Gleichzeitig befand man sich in den „goldenen Zwanzigern“ und die Wirtschaft stabilisierte sich[4]. Auch die Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen auszusehen haben, veränderten sich. Daraus resultierten neue Rollenbilder. Diese neuen Rollenbilder wurden „die Neue Frau“ und „der Neue Mann“ genannt.

3.1 Die „Neue Frau“

Eines der vorherrschenden Motive der Neuen Sachlichkeit ist das der „Neuen Frau“. Viele Frauen legten das ursprüngliche Geschlechterbild der putzenden, kochenden Mutter ab. Stattdessen war die „Neue Frau“ der Weimarer Republik nun modisch, unabhängig, androgyn und sie handelte rational. Sie trug kurze Haare und rauchte.[5]. Neu ist außerdem, dass Frauen nun öffentlich rote Lippen trugen, was damals ausschließlich für Schauspielerinnen und Prostituierte üblich war. So galt sie besonders für das männliche Geschlecht oft als Paradox: „sinnlich aufreizend und offensiv, schien sie doch zugleich nüchtern-sachlich und damit traditionelle männliche Weiblichkeitsimaginationen unterlaufend[6].“ Beeinflusst wurden die Frau sowie die Kultur des frühen 19. Jahrhunderts besonders vom amerikanischen Lifestyle – der Jazz und die neuen Tänze sind nur einige der Importe[7]. Das neue Frauenbild war vor allem funktional, was sich auch in der Mode wiederspiegelte. Auch als „männlich“ angesehene Kleidungsstücke, wie Kostüme oder Herrenmäntel, kamen immer mehr in Mode[8]. Obwohl viele Gemeinsamkeiten vorhanden waren, lässt sich die „Neue Frau“ in drei Typen unterteilen: die Garçonne, der Flapper und das Girl. Die Garçonne wirkte männlich, während der Flapper das typische Bild der goldenen 1920er verkörperte. Sie trug Charleston-Kleider mit flachem Busen, auffälligen Schmuck und rauchte[9]. Das Girl wiederum „[…] findet sich als Zigarettenverkäuferin in den Varietés und Revuetheatern, im Film und nach diesem Modell geformt, auch in den Cafés und Büros der Großstädte: jung, sportlich, körperbetont, freizügig aber auch diszipliniert“[10] und entsprang einer Männerfantasie. Sie galt außerdem als unkompliziert.[11] Ein typisches Outfit für das Girl war das Hemdkleid[12]. Trotz der Frauenbewegung waren die Karrierechancen des weiblichen Geschlechts in der Weimarer Republik begrenzt, denn man befand sich noch immer in einer „männlich-hierarchisch bestimmten Berufs- und Wissenschaftswelt“[13]. Meist sah man sie als Angestellte in Büros, als Verkäuferinnen, Stenotypistinnen oder Sekretärinnen. Als es 1929 zur Weltwirtschaftskrise kam, waren von den Entlassungen hauptsächlich Frauen betroffen[14]. Auch die typische Arbeitsverteilung war noch lange nicht abgeschafft. Es kümmerten sich größtenteils Frauen um den Haushalt und die Kinder.

3.2 Der „Neue Mann“

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch das Männerbild neu definiert. In der Realität waren die Männer in der Weimarer Republik gezeichnet vom Kampf, während sie in der Werbung und im Schaufenster oft mit schicken Anzügen, Sakkos und Zylindern vorzufinden waren und so eine Idealvorstellung mimten – die, einer heilen Welt[15]. Auch der männliche Körper sollte einem Ideal unterliegen. „Ein intakter, implizit meistens männlich gedachter Körper muss effizient, energetisch und leistungsstark sein […]“[16] – Diesem Bild wurde allerdings durch neue kulturelle Aspekte wie der Freikörperkultur oder dem Ausdruckstanz entgegengearbeitet. Ein gestählter Körper zeigt Einsatzbereitschaft im Krieg, während ein „elastischer“, graziler Körper darauf deuten ließ, flexibel in einer Zeit voller Veränderungen zu sein.[17] Durch die neugewonnene Selbstbestimmtheit der Frauen, die durch ihren schlanken Körper und die kurzen Haare als vermännlicht galten, lastete auf den Männern die Aufgabe, ihre Männlichkeit aufrechtzuerhalten. Was unmännlich oder männlich war, das wurde durch die innere Einstellung, aber auch durch das äußere Erscheinungsbild definiert. Als männlich sah man beispielsweise Bärte an, gleichzeitig trugen Männer statt Taschenuhren nun für Frauen typische Armbanduhren[18]. Entscheidungsfreudigkeit, Moral, ein guter Job und Lebenslust verstand man als männlich, während es unmännlich war, sich um Kinder und den Haushalt zu kümmern – denn das war, trotz der Frauenbewegung, in den Köpfen des Großteils der Gesellschaft noch immer Frauensache.

[...]


[1] Vgl. Müller, Solvejg: Neue Sachlichkeit. Lektürehilfe. 5. Auflage. Stuttgart: Klett 2009. S. 6. (Im Folgenden zitiert als „Müller 2009“ mit entsprechender Seitenangabe).

[2] Pankau, Johannes G.: Einführung in die Literatur der Neuen Sachlichkeit. Darmstadt: WBG 2010. S. 7. (Im Folgenden zitiert als „Pankau 2010“ mit entsprechender Seitenangabe).

[3] Vgl. Müller 2009. S. 122.

[4] Vgl. Ebd., S. 9.

[5] Vgl. Ebd., S. 20f.

[6] Pankau 2010. S. 34.

[7] Vgl. Müller 2009. S. 14.

[8] Vgl. Ebd., S. 21.

[9] Vgl. Ebd., S. 20.

[10] Pankau 2010. S. 36.

[11] Vgl. Dogramaci, Burcu: Cowan, Michael und Sicks, Kai Marcel (Hrsg.): Leibhaftige Moderne: Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933. Bielefeld: Transcript. 2005. S. 119ff.

[12] Vgl. Müller 2009. S. 20.

[13] Pankau 2010. S. 32.

[14] Vgl. Müller 2009. S. 21.

[15] Vgl. Söll, Änne: Der Neue Mann?. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2016. S. 9.

[16] Ebd., S. 12

[17] Vgl. Ebd., S. 12

[18] Vgl. Hanish, Ernst: Männlichkeiten – eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wien: Böhlau Verlag 2005. S. 198

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668726666
ISBN (Buch)
9783668726673
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v428183
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Schlagworte
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