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Outsourcing - Eine Bedrohung für die fortgeschrittenen Industrienationen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

GLIEDERUNG

I. Einführung

II. Begriffsbestimmung
1. Abgrenzung nach außen
2. Abgrenzung nach innen

III. Wirtschaftstheoretische Wohlfahrtswirkungen
1. Gemäß der Theorie des komparativen Vorteils
1.1 Modellierung
1.2 Wider die Vorteilhaftigkeit
1.3 Wider die Bedrohung
2. Innerhalb des Modells sektorspezifischer Faktoren
2.1 Modellierung
2.2 Der unmittelbare gesamtwirtschaftliche Vorteil
2.3 Der unmittelbare faktorspezifische Nachteil
2.4 Der mittelbare gesamtwirtschaftliche Nachteil
3. Gemäß der klassischen Außenhandelstheorie
3.1 Beschäftigungseffekt
3.2 Veränderungen der ToT
3.3 Schlussfolgerung

IV. Empirische Wohlfahrtswirkungen
1. Beschäftigungseffekt
2. Gesamtwohlfahrtseffekt

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einführung

Die Wellen der Entrüstung überschlugen sich in der amerikanischen Öffentlichkeit als der hoch angesehene Volkswirtschaftsprofessor und Vorsitzende des CEA Gregory Mankiw Outsourcing als „… probably a plus for the economy in the long-run“[1] einschätzte. John Kerry beschuldigte die Regierung daraufhin des vorsätzlichen Exportes amerikanischer Arbeitsplätze ins Ausland,[2] und der zur Wahl des demokratischen Präsidentschaftskandidaten angetretene Senator John Edwards schlug gar vor, als erstes die Bush-Administration outzusourcen, wenn sie einem solchen Berater vertraue.[3]

Der reinen Intuition folgend erscheinen die beiden letzten Aussagen leicht nachvollziehbar: Die Verlegung von Teilen der inländischen Wertschöpfungskette ins Ausland, gemeinhin als Outsourcing bezeichnet, zieht automatisch einen Export von Arbeitsplätzen nach sich, der im Sinne eines Nullsummenspiels zugleich einen Verlust eben solcher in der heimischen Volkswirtschaft bedeutet. Sofern die der Auslagerung vorangehenden unternehmensinternen Entscheidungen reinem Kostenminimierungskalkül folgen, ist die Fließrichtung dieses Stromes an Arbeitsplätzen auch eindeutig festgelegt – sie weist hinaus aus den fortgeschrittenen Industrienationen wie Amerika, Japan oder Deutschland hinein in die Niedriglohnländer Indien, China und Russland.

Angesichts dieses einfachen wie scheinbar plausiblen Gedankenganges erscheint es kaum überraschend, dass sich in einer repräsentativen Meinungsumfrage 69 % der Amerikaner davon überzeugt zeigten, dass Outsourcing der heimischen Wirtschaft eher schadet als nutzt.[4] Doch wie weit trägt diese doch sehr laienhaft anmutende Intuition? Ist Outsourcing eine tatsächliche Bedrohung für den Wohlstand in den fortgeschrittenen Industrienationen? Diese Fragen zu beantworten ist Ziel der vorliegenden Arbeit. Zur Erreichung desselbigen ist es zunächst unabdinglich, den bislang verwendeten Begriff des Outsourcing zu präzisieren und ihn somit seiner Vorläufigkeit bedeutenden Kursivschreibweise zu entledigen. Im Anschluss daran sollen die Auswirkungen von Outsourcing auf die Volkswirtschaft des „Arbeitsplätze auslagernden“ Landes mittels ausgewählter volkswirtschaftlicher Modelle untersucht werden. Diese theoretische Analyse soll durch eine empirische Bestandsaufnahme ergänzt werden, so dass sich abschließend eine umfassende Beantwortung der aufgeworfenen Fragen ergibt.

II. Begriffsbestimmung

1. Abgrenzung nach außen

Der Begriff Outsourcing ist ein Konstrukt, welches sich aus den Bestandteilen outside, resource und using zusammensetzt.[5] Er harrt jedoch bis heute einer international eindeutigen Definition.[6] Letzteres begründet den Freiraum, aber auch die Notwendigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung im Sinne der Aufgabenstellung.

Outsourcing means that companies hand work they used to perform in-house to outside firms.[7] Die diesen Begriff definierende Kategorie der Übertragung von Wertschöpfungsprozessen auf firmenexterne Zulieferer in Abgrenzung zur hauseigenen Durchführung erscheint allerdings mit Blick auf den Titel der vorliegenden Arbeit absolut unpassend. Denn wer sollte es als Bedrohung der heimischen Wirtschaft empfinden, wenn beispielsweise ein Restaurant das Design seiner Speisekarte nicht selbst gestaltet, sondern einer Werbeagentur im gleichen Ort überlässt, was nach obiger Definition bereits den Tatbestand des Outsourcing erfüllt? Verlagert hingegen beispielsweise Infineon seine gesamte Entwicklungsabteilung von Deutschland in eine österreichische Niederlassung des Konzerns, so wäre dies gerade kein Outsourcing, aber eine vermeintlich größere Bedrohung der heimischen Wirtschaft.

Wie aus den beiden Beispielen hervorgeht, kann es in der aktuellen öffentlichen Diskussion nicht um Outsourcing im eigentlichen Sinne gehen. Denn diese Aktivität berührt eine der Grundfragen des Wirtschaftens und ist damit letztlich so alt wie die industrielle Revolution an sich.[8] Ob die Wertschöpfung innerhalb des Unternehmens erfolgt oder an ein anderes ausgelagert wird ist in diesem Zusammenhang nicht entscheidend. Eine potentielle Bedrohung für die heimische Volkswirtschaft ist jedenfalls erst in dem Moment vorstellbar, in welchem einzelne Wertschöpfungsstufen ins Ausland verlagert werden – und zwar unabhängig davon ob firmenin- oder extern. Dieses zuletzt beschriebene Phänomen bezeichnet man aber eigentlich als Offshoring,[9] which „… refers to the relocation of jobs and production to a foreign country.“[10]

Um nun erstens Disharmonien zwischen Titel und Inhalt der vorliegenden Arbeit zu vermeiden und zweitens der aktuellen öffentlichen Debatte gerecht zu werden, soll der Begriff des Outsourcing an dieser Stelle von seiner ursprünglich mikroökonomischen Bedeutung in eine makroökonomische überführt werden, so dass darunter fortan einzig die Verlagerung von Teilen der inländischen Wertschöpfungskette ins Ausland verstanden werden soll. Die organisatorische Form der einzelnen Auslagerungen, ob in-house oder outsource, ist im Folgenden unbeachtlich. Entscheidend ist aber, dass Kapazitäten im Inland ab- und im Ausland aufgebaut werden; die Wertschöpfung also vorher tatsächlich im Inland stattfand. Andernfalls handelt es sich um ausländische Direktinvestitionen, die streng vom Outsourcing zu unterscheiden sind.[11]

2. Abgrenzung nach innen

Mit dieser äußeren Abgrenzung gegenüber anderen Erscheinungsformen internationalen Wirtschaftens ist der Outsourcing -Begriff allerdings noch nicht ausreichend definiert. Hierzu bedarf es zusätzlich einer nach innen gewandten Begriffsdifferenzierung, welche die Natur des ausgelagerten Teils der Wertschöpfungskette genauer betrachtet: Grundsätzlich ist wirtschaftliche Wertschöpfung entweder in Form der Gütererstellung oder in Form der Erbringung von Dienstleistungen möglich. Unzweifelhaft bezieht sich die aktuelle Outsourcing -Diskussion in der Hauptsache auf letztere:

„Although international outsourcing of material inputs is still far more quantitatively important than services for a typical industrialized economy, …, the current wave of anxiety in advanced economies is mostly about international outsourcing of services.”[12]

Diese Angst rührt vor allem daher, dass aufgrund der Entwicklungen in der Informationstechnologie neuerdings auch Berufszweige vom Outsourcing „bedroht“ sind, welche bislang als „sicher“ galten.[13] So reicht die Bandbreite der ausgelagerten Dienstleistungen mittlerweile von „… routine call center and clerical to higher-value software programming, medical diagnosis, and even research and analytical jobs.”[14] Ob sich auch die Konnotation des Wortes bereits vollständig von der ursprünglichen Güterbezogenheit der frühen 80er Jahre auf Dienstleistungen verschoben hat,[15] sei dahingestellt, jedenfalls soll unter Outsourcing fortan die Verlagerung der Erbringung inländisch konsumierter Dienstleistungen ins Ausland verstanden werden.

Die Beschränkung des Outsourcing-Begriffes auf Dienstleistungen mag vielleicht angesichts der Tatsache verwundern, dass sich die von Sinn angestoßene, öffentliche Debatte in Deutschland vor allem auf Produktionsverlagerungen der Güterindustrie bezieht.[16] Mit Rücksicht auf die für diese Arbeit maßgeblichen Texte sei diese nationale Begriffsbesetzung jedoch vorerst als unsachdienlich ausgeklammert.

Aus der verwendeten Definition ergibt sich, dass der Erbringer der Dienstleistung nunmehr im Ausland, der Bezieher jedoch weiterhin an seinem inländischen Standort agiert, dass also Dienstleistungen, bei denen Bereitstellung und Konsum untrennbar zusammenfallen, wie beispielsweise die Zeitungszustellung per definitionem nicht outgesourct werden können. Außerdem wird die Auslagerung der Erbringung einer bereits im Ausland konsumierten, also exportierten Dienstleistung ausdrücklich nicht unter dem hier verwendeten Outsourcing-Begriff subsumiert. Dies ist nur konsequent, da für die Diskussion bezüglich der Bedrohung durch Outsourcing einzig die Perspektive des Dienstleistungsempfängers maßgeblich sein kann, im angesprochenen Fall also die des Auslandes. Aus dessen Sicht verlagert sich die Dienstleistungserstellung zu diesem Zeitpunkt jedoch lediglich von einer ausländischen Nation zur anderen bzw. eventuell sogar ins Inland zurück. Outsourcing kann demnach nur den Moment der Handelsaufnahme aus Sicht des Dienstleistungs empfängers bezeichnen.

Die vorangehende Bestimmung des Outsourcingbegriffs hätte durch den bloßen Rückgriff auf bestehende Definitionen erheblich vereinfacht werden können. So wird bspw. vorgeschlagen, Outsourcing gemäß des WTO-Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen mit dem sog. Mode-1-Trade in Services gleichzusetzen.[17] Demnach wäre Outsourcing als internationaler Handel mit Dienstleitungen definiert, bei dem sowohl der Dienstleistungserbringer als auch der –empfänger an ihrem jeweiligen Standort verbleiben.[18] Diese Definition ist jedoch äußerst unpräzise. Sie beschreibt lediglich eine Importbeziehung und übergeht aufgrund ihrer Statik den für die Outsourcing-Diskussion charakteristischen, dynamischen Konnex zur vorhergehenden Auslagerung der Dienstleistung. Denn ein solcher Mode-1-Handel kann sich auch vollziehen, ohne dass die betreffende Dienstleistung jemals zuvor im Inland erstellt wurde. Der unmittelbare Bezug zur Outsourcing-Diskussion ginge bei Verwendung dieser Definition verloren; zur Diskussion stünde vielmehr der internationale Handel an sich.

III. Wirtschaftstheoretische Wohlfahrtswirkungen

Nun, da eine präzise Definition des Outsourcing gefunden, kann eine die Fragestellungen der Einleitung aufgreifende, wirtschaftswissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgen. Aufgrund des begrenzten Rahmens der vorliegenden Arbeit, ist es jedoch notwendig, eine Auswahl bezüglich der zahlreichen wirtschaftstheoretischen Modellierungsmöglichkeiten des Outsourcing-Phänomens zu treffen. Unumgänglich erscheint hierbei eine Beschäftigung mit der Erweiterung des Ricardo-Modells durch den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson, welche sich ausdrücklich auf die von Mankiw in der Einleitung zitierte Einschätzung bezieht und diese als „… popular polemical untruth“[19] brandmarkt. Dieser Aufsatz hat jedoch nicht nur weltweit Aufsehen erregt und die Debatte über Outsourcing maßgeblich beeinflusst;[20] er hat auch Gegenreaktionen provoziert. Die zweite Modellierung entstammt einer solchen und gewährleistet ein tiefer gehendes Verständnis der ökonomischen Effekte von Outsourcing.

1. Gemäß der Theorie des komparativen Vorteils

1.1 Modellierung

Samuelson unterstellt in seinem Aufsatz das konventionelle Handelsmodell von Ricardo mit zwei Ländern (USA und China), zwei Gütern und dem homogenen Produktionsfaktor Arbeit, dessen Quantität ungleich und unveränderlich auf beide Volkswirtschaften verteilt, zwischen den Produktionssektoren allerdings völlig mobil ist. China wird per ad-hoc Annahme eine reichlichere Ausstattung an Produktionsfaktoren, den USA ein absoluter Produktivitätsvorteil in der Herstellung beider Güter zugewiesen. Allerdings besitzt China in Bezug auf Gut 2 eine relativ höhere Arbeitsproduktivität. Zudem wird angenommen, dass die Konsumenten ihr Einkommen zu gleichen Teilen für den Erwerb der beiden Güter verwenden, und diese Nachfragepräferenzen in beiden Ländern identisch sind („Mill’s assumption“).[21]

Ausgehend von diesen Prämissen berechnet Samuelson das reale Pro-Kopf-Einkommen für beide Nationen im Zustand völliger Autarkie, welcher in der vorliegenden Arbeit zum besseren Verständnis der Argumentationslinien als Zeitpunkt t(0) bezeichnet werden soll. Diesem Ergebnis wird nun in einer komparativ-statischen Analyse (Act I (a)) das reale Pro-Kopf-Einkommen in beiden Ländern nach Aufnahme freien Handels (Zeitpunkt t(1)) gegenübergestellt. Der Vergleich zeigt, dass eine völlige Spezialisierung Amerikas auf die Produktion von Gut 1 und Chinas auf die von Gut 2 in Verbindung mit anschließendem, kostenlosen Handel den Wohlstand beider Nationen erhöht.[22] Dies ist das allgemeine und unumstrittene Ergebnis der vorliegenden Ricardianischen Modellwelt:[23] freier Handel erhöht den Wohlstand der partizipierenden Nationen, sofern diese sich auf die Herstellung jenes Gutes spezialisieren, bei der sie einen komparativen Produktivitätsvorteil besitzen. Zwar ist diese Aussage nicht für den Ausnahmefall eines sehr großen und eines sehr kleinen Landes gültig, doch soll dieser hier nicht berücksichtigt werden. Zeitpunkt t(1) erweist sich aus wohlfahrtstheoretischer Sicht somit als dominant gegenüber t(0).

[...]


[1] Mankiw in NYT, “Democrats Criticize Bush Over Job Exports”, 11.02.2004, S. 26.

[2] Drezner (2004), S. 1.

[3] Vgl. Magnusson (2004), S. 1.

[4] Vgl. Ipsos-Public Affairs (2004), S. 1.

[5] Vgl. Plümper (1996), S. 266.

[6] Vgl. Amiti/Wei (2004), S. 7.

[7] The Economist, “A World of Work”, US Edition, 13.11.2004, S. 24.

[8] Vgl. Rübel (2004), S. 164.

[9] Eine der Übersicht dienende Typologie dieser mikroökonomischen Begriffsebene befindet sich im Anhang (s. A.1).

[10] Garner (2004), S.6.

[11] Vgl. Bhagwati/Panagariya/Srinivasan (2004), S. 96 f.

[12] Amiti/Wei (2004), S. 4.

[13] The Canadian Chamber of Commerce (2005), S. 2 f.

[14] Brainard/Litan (2004), S. 1.

[15] So jedenfalls Bhagwati/Panagariya /Srinivasan (2004), S. 93.

[16] Vgl. Sinn (2005), S. 8-12.

[17] Vgl. Bhagwati/Panagariya/Srinivasan (2004), S. 94 f.

[18] WTO (1995), Art. 1 II (a).

[19] Samuelson (2004), S. 136.

[20] Vgl. FTD, „Samuelsons falsche Freunde“, 24.09.2004, S. 30.

[21] Vgl. Samuelson (2004), S. 136 f.

[22] Vgl. Samuelson (2004), S. 138 f.

[23] Vgl. z. B. Siebert (2000), S. 33 f.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638407410
ISBN (Buch)
9783638684569
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42795
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Schlagworte
Outsourcing Eine Bedrohung Industrienationen

Autor

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