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Ethnische Segregation als Folge des Integrationsprozesses von Migranten?

Eine Analyse der integrationshemmenden & -fördernden Faktoren ethnischer Segregation in Städten

Akademische Arbeit 2016 8 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Forschungsstand

Diskussion

Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Ethnische Segregation als Folge des Integrationsprozesses von Migranten?

Eine Analyse der integrationshemmenden & -fördernden Faktoren ethnischer Segregation in Städten.

Einleitung

Segregation und Separierung sind ein wesentliches Kennzeichen von Städten. Sie sind nicht nur physischer Natur, sondern auch „mental“ fassbar. Segregation ist als Wahrnehmungs- und Bewertungskategorie von sehr grosser Bedeutung. Eine dynamische Betrachtung wiederum beschreibt den Prozess einer räumlichen Differenzierung (Farwick 2012: 381) Allgemein widerspiegelt ein Segregationsprozess die, unter anderem sozialen, Ungleichheiten im Raum (Tucci 2004: 303). Laut Bridge und Watson sind in folgenden Kategorien eine städtische Teilung, insbesondere deren Unterschiede, festzustellen: sozialer Status, Ökonomie, Politik, geschlechtsspezifisch, „Rasse“, Ethnizität und Religion (Bridge/ Watson 2011: 501). In dieser Seminararbeit wird die ethnische Segregation bei Migranten in vorwiegend europäischen Städten genauer betrachtet. Von der Öffentlichkeit wird die ethnische Segregation als etwas Problematisches angesehen. Gleichzeitig wird die „fremde“ Kultur der Migranten von der vorherrschenden Stadtbevölkerung als exotisch anziehend aufgefasst. Dies äussert sich, indem einige Migrantenviertel sogar zu Touristenattraktionen werden. Folglich gilt Segregation einerseits als unerwünscht, oder sogar schädlich, andererseits als ein Element postmoderner Urbanität (Häussermann 2007: 234). Auf jeden Fall steht die ethnische Segregation in vielen Städten im Mittelpunkt bei vorwiegend sozialen Ungleichheiten. Die daraus folgenden Gerechtigkeits- und Integrationsprobleme erschweren zum Beispiel die Stadtpolitik (Häussermann/ Siebel 2001: 71-72). Doch ist die ethnische Segregation nun integrationshemmend oder fördernd für die Migranten? Die Antwort auf diese Frage ist von hoher Relevanz, da sie so viele Vorurteile und fälschliche Annahmen beseitigen, wie auch Lösungsansätze und Handlungsschritte implizieren könnte.

Forschungsstand

Der aktuelle Forschungsstand der ethnischen Segregation ist mehrheitlich quantitativ erfasst. Ausserdem ist es sehr schwierig dieses Phänomen repräsentativ zu erfassen, da die Segregation von Quartier zu Quartier anders ausgeprägt ist und eigene spezifische Lösungsansätze fordert. Laut Janna Teltemann kann die Segregation als Indikator von Integration aufgefasst werden (Teltemann et al. 2014: 84). Sie beschreibt ausserdem die häufigste Art Segregation zu messen. Mit dem Dissimilaritätsindex wird das Verhältnis von der einheimischen Bevölkerung und der Migranten in einem gewissen Bezirk berechnet. Diese Daten erlauben eine Analyse der Verteilung und Intensität der Segregation einzelner Städte (Teltemann et al. 2014: 90–96). Eine andere Methode der Segregationsforschung wählten A. Janssen und J. Schroedter. Mit einer amtlichen Repräsentationsstatistik aus einer Befragung der Bevölkerung, dem sogenannten Mikrozensus, kann ethnische Segregation ebenfalls beschrieben werden. Dabei wurde eine Korrelation von ethnisch hoch segregierten Quartieren und sozial Benachteiligten entdeckt (Janssen/ Schroedter 2007: 469). Doch beide Daten sagen nur etwas über die Verteilung aus und zeigen erneut die Komplexität der ethnischen Segregation. Die Frage ob Migranten freiwillig oder gezwungenermassen in einem kulturell-homogenen Quartier wohnen oder ob die ethnische Segregation den Integrationsprozess fördert oder gar hemmt bleibt jedoch ungeklärt.

Es wurden aber bereits einige Faktoren und Phänomene herausgearbeitet, welche für eine integrationshemmende Segregationen sprechen. In mehreren Städten sind die meisten Migranten, aufgrund ihres geringeren Einkommens, in ärmeren Bezirken vorzufinden. Dies liegt am bereits angesprochenen niedrigeren Einkommen. Andreas Farwick sieht daher eine ökonomische Restriktion der Migranten. Allerdings kann auch von einer sozialen Restriktion gesprochen werden. Die ausländischen Bevölkerungsgruppen leiden oft unter diskriminierenden Vermietungspraktiken in deren Ankunftsland. Zusätzlich greifen jedoch die Migranten auch oft zu informellen Formen der Wohnungssuche. Sie nutzen die Informationen der eigenen ethnischen Gruppe und beginnen so mit einer Art „Selbstselektierung“ (Farwick 2012: 398). Daher ist auch in vielen Städten eine Überlagerung der ethnischen und sozialen Segregation anzutreffen. Der Integrationsprozess wird damit erschwert. Denn diese sozial benachteiligten Quartiere sind mit einer ungenügenden Ressourcenausstattung gekennzeichnet. Es fehlt an guten Schulen und einer weitreichenden Infrastruktur, was wiederrum in einer schlechten Bildung und geringeren Möglichkeiten endet (Farwick 2012: 400). Auch der Wirtschaftsforscher Olaf De Groot ist von einer Überscheidung der sozialen Ungleichheit und der ethnischen Segregation überzeugt. Neben dem niedrigeren Einkommen, welches den Migranten zur Verfügung steht, sind sie auch häufiger und länger arbeitslos, seltener privat versichert und weisen einen niedrigeren Bildungsabschluss auf (De Groot/ Sager 2010: 5). Man kann ausserdem sagen, dass eine erfolgreiche Eingliederung in die ansässige Bevölkerung in mehreren Dimensionen gegeben sein muss. Um eine gelungene Assimilation der Migranten an die vorherrschende Bevölkerung zu erreichen, müssten auf das Aufnahmeland bezogene Fertigkeiten (wie der Sprache), soziale Beziehungen zu den Einheimischen und eine gute strukturelle Position (z.B. in den Bereichen Beruf, Wohnen, Bildung) gegeben sein. Doch sind genau all diese Dimensionen bei den Migranten qualitativ sehr schwach ausgeprägt. Die ethnische Segregation wirkt allerdings keineswegs dagegen und verschlechtere sogar das Niveau dieser Fertigkeiten für die Migranten. Wenn man sich zu stark an die Binnenkultur des ethnischen Quartiers anlehnt, könnte man schlimmstenfalls in einer sogenannten Mobilitätsfalle landen (Farwick 2012: 400-401). Gemäss Hartmut Häussermann bieten heterogene Netzwerke ein produktiveres soziales Potenzial, als homogene Netzwerke. Bei der ethnischen Segregation beschränkt sich also das soziale Netz auf die eigene ethnische Kultur und die Bewohner werden somit benachteiligt. Auch er sieht diese Form der Segregation als eine Art Mobilitätsfalle, denn in mancher Hinsicht bieten die eigenen Netzwerke zwar kurzfristig eine Chance, langfristig jedoch ist ihre Reichweite qualitativ begrenzt. „Das ethnisch segregierte Gebiet bietet folglich mehr Gelegenheiten, anstrengenden Integrationsprozessen aus dem Wege zu gehen – um den Preis einer verstopften Mobilität (Häussermann 2007: 236)“. Insofern identifizieren sich die Migranten nur mit ihrer Herkunftskultur und nicht mit der Kultur des Ankunftlandes. Die Weiterentwicklung der Landessprache und allgemein die Interaktion mit der dortigen Bevölkerung wird gehemmt (Farwick 2012: 401-402). Man läuft sogar Gefahr sich nur den in den ethnischen Quartieren geltenden Normen anzupassen (Häussermann/ Siebel 2001: 70). Eine gewisse Anpassung der eigenethnischen Werte ist jedoch nützlich, denn sie sichert einem die soziale Anerkennung. Diese Werte der Subkultur sind für die momentane Situation funktional, jedoch disfunktional für die soziale Integration der einheimischen Gesellschaft (Häussermann 2007: 235). Ingrid Tucci sieht die ethnische Segregation gar als ein Nährboden sozialer Unruhen und gewaltgeladener Konflikte. Da eine häufige Korrelation der sozialen und ethnischen Segregation gegeben ist, herrscht bei den Migranten auch oft eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen einerseits und der Realität andererseits vor, welche Frustration und Wut zur Folge haben können. Die Migranten haben durch die sozialen Restriktionen weniger Möglichkeiten, als die einheimische Bevölkerung. Je höher jedoch diese Diskrepanz wahrgenommen wird, also zwischen dem was man hat und dem, wozu man sich berechtigt fühlt, desto höher die Wahrscheinlichkeit sozialer Unruhen. Diese Orte sind auch charakterisiert mit einer hohen Arbeitslosigkeitsquote, was dieses Gefühl der Perspektivlosigkeit der Migranten verstärkt (Tucci 2004: 302-314).

Doch es gibt auch vermehrt Stimmen die sich für eine integrationsfördernde ethnische Segregation einsetzen. „ Nicht lokale Einbindung, sondern Netzwerke, die sich nicht auf die engere Umgebung beschränken, seien für Sozialisation, Kommunikation und damit auch für Integration relevant. Räumliche Nähe bedeute nicht notwendigerweise auch soziale Nähe, und soziale Interaktion ist andererseits nicht auf räumliche Nähe angewiesen (Häussermann 2007: 234)“. Dieses Argument von Hartmut Häussermann besagt, dass die ethnische Segregation nicht zwangsläufig integrationshemmend ist, sondern dass die sozialen Kontakte und die kulturelle Orientierung, vor allem von den individuellen Merkmalen der Migranten bestimmend sind. Diese wiederum sind vor allem von der Bildung, dem Beruf und dem Einkommen abhängig und erst sehr nachrangig von der Nachbarschaft (Häussermann 2007: 238). Auch Olaf De Groot findet dass segregiertes Wohnen nicht prinzipiell mit einer segregierten Gesellschaft gleichgesetzt werden kann. Die wichtigsten Faktoren, die die Lebensrealität eines Individuums ausmachen, sind Art und Ort der Schule, Bekanntenkreis und die Mitgliedschaft in Vereinen. Möglicherweise kann ein Migrant oder eine Migrantin in einer hoch segregierten Gegend wohnen und trotzdem häufig sozialen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung, beispielsweise in einem Sportverein oder einer Stammkneipe, pflegen (De Groot/ Sager 2010: 8). Die ethnische Segregation bietet auch noch weitere integrierende Einflüsse. Der Migrationsprozess ist von enormen Verunsicherungen gekennzeichnet und so kann die segregierte Gemeinschaft für eine psychologische und soziale Stabilisierung der Persönlichkeit der Migranten sorgen. Im Sinne von Andreas Farwick weisen diese ethnischen Gemeinschaften auch eine höhere Solidarität untereinander auf. Sie schafft somit Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein (Farwick 2012: 402-403). Die ethnisch segregierten Quartiere bilden gar einen Puffer, in dem der Schock der Fremde gemildert wird. Die segregierten Gesellschaften stützen die neuen Migranten ökonomisch, sozial-psychologisch, politisch und bilden eine Art Aufnahmelager. Ökonomisch wird ihnen durch ein informelles Hilfsnetz oft eine Arbeit oder eine Wohnung angeboten. Sozial können sie helfen, indem sie die „neuen“ Migranten mit Informationen versorgen und auch psychologisch unterstützen. Durch eine ethnische Segregation bieten sich sogar politische Vorteile. Indem sich diese Migranten in einer ähnlichen Lebenssituation befinden, haben sie ähnliche Interessen und können sich so besser organisieren. Dabei haben sie eine erhöhte Chance sich Gehör zu verschaffen. Die ethnisch segregierten Quartiere haben oft auch eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Infrastruktur und ein entsprechendes Angebot an Gütern und Dienstleistungen (Häussermann/ Siebel 2001: 70-73). Diese aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse selbst geschaffenen Sozialstrukturen und Institutionen haben eine sehr grosse Bedeutung für den Eingliederungsprozess in das Aufnahmeland. Die segregierten Bezirke verlieren nach und nach an Bedeutung, da diese spezifischen Bedürfnisse von einer aufnahmelandbezogener Orientierung abgelöst werden. So bildet eine ethnische Segregation die erste Voraussetzung für eine gelungene Eingliederung in die Bevölkerung des Aufnahmelandes (Farwick 2012 402-403). So wird die Segregation als ein notwendiges Übergangsstadium des Integrationsprozesses von Migranten gesehen (Häussermann/ Siebel 2001: 68).

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Details

Seiten
8
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668716278
ISBN (Buch)
9783668716285
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427368
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Geographisches Institut
Note
5.5
Schlagworte
Ethnische Segregation Segregation Migration Integration Integrationsprozess

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